Posts Tagged ‘Über-Ich’

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 124)

21. April 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Im Ukraine-Krieg war untergründig stets Immanuel Kants Stimme vernehmbar: „Handle nur nach dieser Maxime, wobei du gleichzeitig wollen kannst, daß sie zu einem universellen Gesetz wird.“ Wenn Rußland es tut, wird es schließlich jede Nation tun, usw. Der Punkt ist, daß a) die Realität so nicht funktioniert, d.h. niemand wird tatsächlich so handeln; und b) ein „universelles Gesetz“ ist unsinnig, weil es eine Vielzahl von Umständen gibt. Kant träumte schließlich von einer einzigen Weltregierung, um den universellen Frieden zu sichern. Kant war ein verdammter globalistischer Kommunist.

Diese vermeintliche „Aufklärung“ ist doch nur Religion mit anderen Mitteln, d.h. es läuft immer auf das Gegenteil von ungepanzerter Selbstbestimmung hinaus. In die gleiche Kategorie fällt Adornos Diktum, „es kann kein gutes Leben im Schlechten geben, nichts Wahres im Falschen“. Nicht nur, daß es hervorragend zu seinem Elitedenken und seinem großbürgerlichen Hochmut paßte. Man kann sich gut ausmalen, wie Adorno auf die drei letzten „kitschigen“ Seiten von Reichs Rede an den kleinen Mann reagiert hätte, wo Reich das gute, einfache, anständige, „kleinbürgerliche“ Leben preist: die exakte Gegenposition zum besagten Diktum, das ebenfalls auf den kommunistischen Terror hinausläuft.

Wie grundsätzlich anders Reichs Herangehensweise war, zeigte sich bei seinen Sexpol-Veranstaltungen: daß, wenn sie sich geschützt und in der Gruppe geborgen fühlen und durch die Sanktionierung durch die Gruppe vom individuellen Über-Ich befreit sind, einfache Menschen genau die gleichen Gedanken und Empfindungen äußern, wie sonst nur die ganz raren genitalen Charaktere. (Manche behaupten, Reich wäre damit der Begründer der Gruppentherapie gewesen.) Man kann den Menschen und der Natur vertrauen jenseits aller von Meisterdenkern, die keinerlei Kontakt zu den Massen und zur Natur haben, ausgeheckten bzw. erträumten Idealwelten – die sich letztendlich immer als Höllen erweisen.

Adorno konnte seinen berühmten Satz nur Formulieren, weil er einer jener Marxisten war, die Reich so sehr verabscheut hatte: zu denen, die sich nie bei Demonstrationen und Massenveranstaltungen sehen ließen, sondern lieber wie Marcuse bei Heidegger promovierten und in Intellektuellenzirkeln ihre Gehirnsekrete absonderten. Jene, die keinerlei Kontakt zu den Zadnikers, Templetons und Ross‘ hatten.

Wer „bildet“ diese Gesellschaft: diese Gesellschaft wird von den Lehrern „gebildet“ (inklusive den Eltern, den Nachbarn, Kollegen und den Medien: „Über-Ich“). Alle folgen der „Kultur“ und alle geben den gleichen Schwachsinn von sich. Aber wenn sie zur Ruhe kommen, sich entspannen und im intimen Kreis ihr Herz öffnen, wird fast jeder Dinge von sich geben, als hätte er Reich „etc.“ gelesen.

Reich hatte die Hoffnung, daß der Zweite Weltkrieg auch die allerletzte Illusion von den Menschen nehmen würde und deshalb in der Nachkriegszeit die „Arbeitsdemokratie“ ausbrechen würde. Gewisserweise hatte er recht, denn die Generation unserer Väter und Mütter, die für nichts und wieder nichts durch die Hölle gegangen waren, war wirklich ein für allemal „fertig“. Ich weiß doch, was in meiner Familie, mit meinen Eltern abgelaufen ist – und so war es in jeder einzelnen deutschen Familie! So sehe ich die Apathie, kalte Verachtung und die grundsätzliche Verweigerung von Engagement die dem Enthusiasmus und der Aufbruchstimmung der „68er“ entgegenschlug: es war die absolut gesunde Verweigerung irgendwelchen neuen „Kulturprojekten“ zu folgen. (Wohin das führt, zeigt heute der Grüne Abschaum!) „Bioenergetisch“ betrachtet ist damals das genaue Gegenteil dessen vorgegangen, als was es oberflächlich erschien.

Nur ein grundsätzlich anderes „68“ hätte zum Erfolg führen können, nämlich das, was Reich vorschwebte: Schluß, endgültig Schluß mit aller Politik, allen großen Ideen und Ideologien, die Menschen nehmen ihr Leben selbst in die Hand, angefangen von den kleinsten Einheiten.

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 16)

20. April 2024

Für Hermann Schmitz gibt es drei Grundverfehlungen des westlichen Geistes: erstens die autistische Verfehlung, d.h. heiß das In-sich-selbst-verrannt-sein, zweitens die „dynamistische“ Verfehlung, d.h. die Besessenheit mit Macht, und drittens die „ironistische“ Verfehlung, d.h. die Beliebigkeit des eigenen Standpunkts.

Damit steht Schmitz in denkbar fundamentaler Opposition gegen Stirner und dessen einzigen ernstzunehmenden Interpreten und „Propagandisten“, nämlich Bernd Laska. Geht es doch Stirner um genau das, dessen Bekämpfung Schmitz zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat: erstens den unaussprechlichen „Einzigen“, zweitens den „Egoisten“ und drittens den „Eigner“, für den Wahrheit und Wirklichkeit sein frei verfügbares Eigentum sind.

Tatsächlich geht es Stirner in Laskas (einzig gültigen) Interpretation bei „Einzigkeit“, „Egoismus“ und „Selbsteignertum“ um die Befreiung von einer Instanz, einer „Besessenheit“ durch etwas wesensfremdes aber unhinterfragbar „Heiliges“, die Laska etwas hilflos als „Über-Ich“ bezeichnet. Gegen diese Instanz gilt es sich vermeintlich „autistisch“, „machtbesessen“, „ironistisch“ abzusetzen: WO ÜBER-ICH WAR, SOLL ICH WERDEN. Es geht um die Selbstbehauptung der Insassen eines weltweiten KZs! Eines KZs, das gar keiner Wachen bedarf, weil jeder Insasse eine „Wache“ in Gestalt seines Über-Ichs in sich trägt.

Schmitz ist für diese Perspektive absolut blind und führt wahnwitzigerweise das asoziale über-ich-gesteuerte „autistische“, „machtbesessene“, „ironistische“ Verhalten der KZ-Insassen auf den Einfluß jener zurück, die das ganze als einzige durchschaut haben und sich gegen das Über-Ich empört haben! Warum tut er das, warum diese auffällige Faszination für „das Heilige“ und „das Einpflanzen von Gefühlen“? Stockholmsyndrom (Laska ist James Bond und Schmitz sowohl die entführte Millionärstochter als auch, in einer Doppelrolle, M!):

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 12)

14. April 2024

Die Korrespondenz zwischen Hermann Schmitz und Bernd Laska ist allein schon deshalb interessant, weil sie auf verblüffende Weise ziemlich genau den Konflikt zwischen den Psychoanalytikern und Reich wiederholt.

Wie in den 1920er Jahren in Wien und Berlin geht es auch hier um eine neue „Ich-Psychologie“. Nicht von ungefähr will Schmitz Laskas Ausdruck „rationales Über-Ich“ durch den Begriff „rationale Ich“ ersetzt sehen (S. 275). – Schmitz diagnostiziert am Anfang des europäischen Denkens eine Art Zersplitterung des menschlichen Innenlebens, bei der alles, ob in uns oder in unserer Umgebung, als ein Sammelsurium objektiver Dinge betrachtet wird, zwischen denen sich ein Kampf um Vorherrschaft abspielt. Um das Jahr 1800 kam es zu einer entscheidenden Wende, als die „subjektiven Tatsachen“ entdeckt wurden, aber weiterhin alles wie „objektive Dinge“ behandelt wurde. Das Subjekt ist damit einerseits „ich selbst“, andererseits aber, da objektiv ungreifbar, zerrinnt es zu einem Nichts. Mit diesem „Ich hab‘ mein Sach‘ auf nichts gestellt!“ (Stirner) begann, so Schmitz, der Nihilismus, dessen zerstörerische Kraft wir heute in einer immer haltloseren und „kindischeren“ Gesellschaft hautnah miterleben. Ironie und Zynismus, entsprechend der angeschnittenen Entfremdung am Beginn des europäischen Denkens, und das alles beherrschende Machtspiel beginnen buchstäblich alles zu atomatisieren.

Ähnlich den „Ich-Psychoanalytikern“ zu Reichs Zeiten, die die „objektivistische“ Libido durch Soziologie (das Einbinden des Individuums in die Gemeinschaft) ersetzten, versucht Schmitz unter Wahrung der kritischen, aufklärerischen Distanz, die dem europäischen Projekt inhärent ist, die beschriebene Spaltung aufzuheben, indem er dem „Heiligen“ bzw. dem „unbedingten Ernst“ eine erneute Chance gibt, vor allem aber, indem er auf die „einpflanzenden Gesamtumstände“ setzt, bei denen der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt weitgehend aufgehoben ist, d.h. imgrunde setzt er auf eine Einbindung in die Gemeinschaft, wie sie beispielsweise beim Spracherwerb gegeben ist. Das erinnert sehr an die Entwicklung der Psychoanalyse sozusagen „jenseits des Ödipuskomplexes“, insbesondere mit ihrem Fokus auf Frühstörungen, die Mutter-Kind-Bindung etc.

Laska hingegen beharrt darauf, daß das Ich unter dem Druck von außen zersplitterte, indem es dieses Außen in Gestalt des „irrationalen Über-Ichs“, einer nicht mehr kritisch hinterfragbaren inneren Instanz, aufnahm. Die heutigen Verhältnisse sind, so Laska, nicht etwa auf Stirner zurückzuführen, der universell als der bzw. das Böse hingestellt wird, sondern auf dessen „Bewältigung“ durch insbesondere Marx und Nietzsche. Laska versucht aber immerhin eine Brücke zu Schmitz zu schlagen, indem er erstens bestimmten „implantierenden Situationen“ durchaus nicht die Notwendigkeit abspricht und zweitens auf eine hier noch nicht genannte, dritte Instanz bei Schmitz neben dem Heiligen und der einpflanzenden Situation verweist: den „starken Daimon“, also so etwas wie einen autonomen inneren zielgerichteten Antrieb. Dieser Daimon dürfe, so Laska, nicht unterdrückt, sondern müsse gehegt und gepflegt werden, durchaus auch durch „implantierende Situationen“, um „Eigner“ im Sinne Stirners aufwachsen zu lassen.

Schmitz wendet ein, daß ein „starker Daimon“ nur bei wenigen Menschen anzufinden ist und, hätten alle ihn, gäbe es nur ein Hauen und Stechen zwischen lauter Rechthabern. Außerdem habe auch beispielsweise Hitler einen „starken Daimon“ besessen, dieser sei also nichts von vornherein Positives. Das erinnert fatal an das Menschenbild der orthodoxen Psychoanalytiker: der Mensch als sadomasochistisches Tier, das durch das Heilige und „implantierende Situationen“ gebändigt werden muß, bzw., bei den Neo-Psychoanalytikern, der Mensch als formbare Masse, der an die Hand genommen werden muß.

Übrigens ist Laskas Verständnis von „Daimon“ sehr irreführend, denn der „Dämon“ entspricht eher den „isolierten Über-Ich“, wie ihn Reich beim triebhaften Charakter beschrieben hat. Er steht keineswegs für einen starken inneren Kern. Beispielsweise meint Schmitz Goethe haben einen schwachen Daimon besessen.

Wie gesagt: das ganze wirkt wie eine um hundert Jahre versetzte Debatte zwischen den Psychoanalytikern (Schmitz) und Reich (Laska)! Sie wirft übrigens auch ein Licht zurück auf die 1920er Jahre. Schmitz  zufolge ist es „Stirner: Ich gegen eine fremde Welt“, während es für Laska „Stirner: Ich gegen das Fremde in mir“ ist. Genauso wie Schmitz dachten die Psychoanalytiker damals: den „schizoiden“ Menschen mit der Welt zu versöhnen, während Reich der „Schizophrene“ war, der gegen die Welt wütete.

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 11)

12. April 2024

Bernd Laska versucht mit Hermann Schmitz die Plansprache zu diskutieren und scheitert bei ihm, wie fast bei allen seinen Gesprächspartnern. Auch ich habe Plansprachen, insbesondere Esperanto, stets vehement von mir gewiesen, Tatsächlich will Laska aber auch gar nicht die Plansprachen als solche diskutieren, sondern den merkwürdig intensiven Affekt, den sie auslösen, der, Laska zufolge, so auffällig dem Affekt gegen La Mettrie, Stirner und Reich gleicht.

Nun, mit der sich dank KI wirklich minütlich verbessernden Übersetzungsprogramme werden Plansprachen als Vermittler zwischen unterschiedlichen Sprachen zusehends überflüssig und selbst wenn man sie gelten läßt, ist die Frage, wer sie „plant“. Es gibt ohnehin bereits eine allgegenwärtige Plansprache, die Mathematik – und, was die Inklusion des Qualitativen betrifft, die Orgonometrie.

Hinsichtlich des Affekts mag Laska vielleicht daran gedacht haben, daß gewachsene Sprache immer eine ganze Kultur und damit Über-Ich-Inhalte vermitteln, an die wir uns aus Freiheitsangst irrational festklammern, deshalb auch der besagte Affekt. Man denke nur an das Gendern, das die Sprache sozusagen „plansprachlich“ „entpatriarchalisieren“ soll, – womit sich zeigt, daß auch Plansprachen gegen Ideologie nicht gefeit sind. Der Manipulation sind Tür und Tor geöffnet, denn ohne die entsprechenden sprachlichen Werkzeuge wird man schließlich bestimmte Dinge nicht mal mehr denken können.

Laska sieht in der Eindeutigkeit den Hauptvorteil einer Plansprache, während gewachsene Sprachen immer mit Mehrdeutigkeiten spielen. Aber genau hier öffnet sich das Feld für eine meiner Hauptkritikpunkte an Laska und seinem LSR-Projekt: Einen Elefanten kann man erst richtig erfassen, wenn man ihn aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, also nicht immer einseitig auf das große Ohr oder das dicke Bein etc. fokussiert ist. Es ist wie bei einem Jazzstück mit seinen Improvisationen über nur einem Grundmotiv, das durch zwei Elemente lebt: daß es „ein Elefant“ ist und daß das alle ihre Elemente durchwirkt (ansonsten ist sie nämlich nur eine Abfolge von Klängen!) und, zweitens, das dieses Grundmotiv nicht monoton wiederholt wird, sondern in zahllosen Variationen, die sozusagen „den Elefanten ausleuchten“ (ansonsten ist das Musikstück nämlich eine fast unerträglich monotone Qual). Laska hatte aber leider die fatale Tendenz seinen „Markenkern“ variationslos zu wiederholen (man lese seine Website durch!), was nicht etwa zu einer unmißverständlichen Eindeutigkeit führte, sondern genau zum Gegenteil, einfach weil die Monotonie die Aufmerksamkeit nicht fesseln kann. Genauso mit Plansprachen: ihre Monotonie führt nicht etwa zu mehr Eindeutigkeit (Kontakt), sondern, weil sie allen bioenergetischen Grundlagen ins Gesicht schlägt, wird sie paradoxerweise zu mehr Mißverständnissen (Mehrdeutigkeit) führen. Eine klassische bioenergetische Fehlkalkulation!

Wer kennt das nicht, wenn man immer wieder und wieder mit immer den haargenau gleichen alten Geschichten vollgelabert wird und schließlich, in Trance versetzt, aufschreckt: „Was hast Du gesagt? Ich habe buchstäblich kein einziges Wort verstanden.“ „Peter, das habe ich Dir schon tausendmal erzählt.“ Eben!

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 10)

9. April 2024

Interessanterweise habe ich ähnliche Vorbehalte und Verständnisprobleme wie Hermann Schmitz was Laska betrifft. Wir beide verstehen nicht recht, was Laska mit „rationalem Über-Ich“ und dem „unbedingten Ernst“ meint, der auf dem „animalischen Lebenswillen“ beruhe. Außerdem haben wir Probleme mit Laskas Zukunfts- „Vision des ganz Neuen“ (S. 239).

Letztendlich geht es beim „rationalen Über-Ich“ und dem „unbedingten Ernst“ um Ethik. Die kann man aber m.E. nicht, wie Laska es tut, auf ein reifes Ich begründen, das seine eigenen Werte setzt und aufgrund seines „Lebenswillens“ (sic!) sich für seine Interessen einsetzt. Sie sind bzw. sie ist vielmehr unmittelbarer Ausdruck des natürlichen Lebensempfindens. Man denke an den spontanen Gerechtigkeitssinn und die Empathie von Kindern und ihren manchmal hereinbrechenden Ernst. Dieser „unbedingte Ernst“ hat nichts mit einem „Lebenswillen“ zu tun, was ohnehin ein vollkommen unpassender Begriff ist. Der „Wille zum Leben“ ist tautologischer Unsinn, wie schon Nietzsche vollkommen zu recht meinte! Aber ohnehin scheitert hier, beim „unbedingten Ernst“, jedweder Begriff. Es ist eine Atmosphäre, ein Gefühl, etwas was man, Reich zufolge, in Beethovens Musik und de Costers Thyl Uhlenspiegel erahnen kann.

Und genau hier beginnt auch mein Problem mit Schmitz, wenn er schreibt:

Menschen, wie ich sie sehe, sind nicht schöpferische Ursprünge, sondern Medien (…) Menschen sind wichtig als Medium der Darbietung von etwas, das an und mit ihnen geschieht, dem sie dienen oder sich widersetzen können, nicht dadurch, daß sie sich selber wichtig nehmen. (…) Diese Sicht halte ich der eingebildeten Souveränität entgegen, deren sich mächtig glaubt, wer das eigene (freie oder unfreie) Wollen für den Herrscher über seine Kräfte hält, wie ein absoluter Monarch über sein Land herrscht. Dieses Konzept der Autonomie schnürt das konstruktive Planen von der Ergriffenheit ab, auf die es angewiesen ist, wenn es nicht steril werden soll (…). (S. 227f)

Schmitz weiter:

Ich will nur sagen, daß ich den Menschen wesentlich als Gefäß der Resonanz für Schicksale und ergreifende Mächte verstehe, einer eigenständig weiterführenden Resonanz, in der sich denkwürdig Bedeutendes ereignet hat und weiter ereignen kann, während bloß flache Sterilität dabei herauskommt, wenn der Mensch hauptsächlich sich selbst in seiner (auch noch extensiv ausgelegten), vermeintlich angeborenen, Menschenwürde wichtig nimmt und kultiviert. (S. 231)

Es klingt zwar das ominöse „Lebensgefühl“ an, von dem ich oben sprach, gleichzeitig werden aber dem „irrationalen Über-Ich“, überhaupt dem Irrationalismus, Tür und Tor geöffnet. Das sieht man schon daran, daß Schmitz den „unbedingten Ernst“ in jedem Fall von einer „verbindlichen Norm“, der man folgt, abhängig macht.

Mit einem ähnlichen Vorbehalt muß ich Schmitz‘ Kritik an Laskas Zukunftsvision zustimmen. Es kann und darf kein „ganz Neues“ geben. Der genitale Charakter ist nicht etwas „ganz anderes“, denn jede Neurose, jeder einzelne neurotische Zug ist nichts anderes als eine bloße Übertreibung natürlicher, „genitaler“ Antriebe. Ähnliches läßt sich über die gepanzerte Gesellschaft und die Arbeitsdemokratie sagen. Ein vollkommener Neustart muß zwangsläufig in einem Desaster enden.

Beim „rationalen Über-Ich“ Laskas geht es um langfristige Ziele, die Utopie, die wissenschaftlich geleitete graduelle Überwindung von Störungen in der Persönlichkeitsentwicklung etc. Dagegen wendet Schmitz grundlegend ein:

Freuds Über-Ich ist doch ein Tyrann, der dem Betroffenen die Unbefangenheit der Urteilsbildung nimmt oder einschränkt, nach Art einer fixen Idee. Wenn etwas dem sogenannten Ich, der Person, verfügbar sein soll, wird es unsinnig, den Begriff „Über-Ich“ darauf anzuwenden. (S. 240)

Schmitz setzt dagegen die „implantierende Situation“ und das „Heilige“, was formal dem entspricht, was ich soeben gegen „das ganz Neue“ geschrieben habe und dabei die Tradition heraufbeschwor, und, hinsichtlich des „Heiligen“, dem, was ich über das Lebensgefühl als Grundlage des unbedingten Ernstes schrieb. Damit will ich mich explizit nicht auf die Seite Schmitz‘ schlagen, aber ich habe meine Probleme mit Laska…

Während ich das hier schrieb, las ich zur Ablenkung etwas auf pi-news.net und stolperte in einer Art serendipity über folgenden Satz, dessen Zusammenhang uns hier nicht interessieren braucht: „In seiner Analyse dominiert der scharfe Blick eines Konservativen, der die Brauchbarkeit neuer Konzepte und Maßnahmen an ihrer Bewährung in der Realität mißt – und verwirft, was sich als schädlich erweist.“ DAS kann ich als, wenn der Begriff denn unbedingt sein muß, „rationales Über-Ich“ akzeptieren: die grundlegende Skepsis gegenüber allem Neuen, also allem, was durch seine bloße Existenz noch nicht gerechtfertigt ist, das rationale Messen an der Realität und das „tyrannische“ Zurückweisen, wenn es diesen Kriterien nicht entspricht. Alles, was wir tun müssen, damit sich dieses „rationale Über-Ich“ generell ausbildet, ist es die Kinder INSTINKTSICHER aufwachsen zu lassen. Wat de Buur nich kennt, dat frett he nich. Will hochdeutsch sagen, man kann ihm nicht irgendeinen neumodischen Scheiß andrehen und keine fixe Idee kann ihn dazu bringen, Dinge zu tun, die nicht funktionieren.

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 7)

4. April 2024

Die erste Frage ist, was bzw. wer wir eigentlich sind. Die Person ist, wenn wir Hermann Schmitz folgen, Selbstzuschreibung. „Ich ordne mich ein“, d.h. ich bin Mensch, Europäer, Deutscher, dunkelhaarig, etc. Wir sind hier bereits im Zentrum der Problematik, dem Urgrund der späteren „ironistischen Verfehlung“ (Schmitz), dem Über-Ich (Laska), der Panzerungsgenese bei Reich (letztes Kapitel von Die kosmische Überlagerung), dem Kern der Diskussion zwischen Laska und Schmitz. Wenn wir wahrnehmen, daß wir wahrnehmen richtet sich das Orgon gegen sich selbst.

Die zweite Frage ist, wie und wo wir uns verorten. Schmitz zufolge ist der Leib, im Unterschied zum Körper, ein „flächenloser Raum“, d.h. ich kann den Leib nicht berühren, wie ich den Körper berühre. Gefühle sind „Atmosphären“, zu denen ich mich verhalten kann und die mich „überkommen“. Diese beiden Sätze erfassen wohl den Kern seiner „Neuen Phänomenologie“.

Was damit anfangen? Es gibt zwei Bereiche, in denen die orgonotische Erregung zum Ausdruck kommt:

Die relative Bewegung entspricht dem sicht- und tastbaren Körper, die koexistierende Bewegung dem „Leib“, der, wie Schmitz feststellt, gespürt werden kann, ohne ihn zu sehen oder zu tasten. Orgonomisch ist unsere Körperlichkeit gekennzeichnet durch die Pulsation einer orgonomförmigen Membran:

Die koexistierende Wirkung äußert sich in Erstrahlung, die sich aus sechs Komponenten zusammensetzt:

Das ruhige stetige Strahlen entspricht dem Leib, das Flickern den Gefühlen im Schmittschen Sinne, die Assoziation dem, was Schmitz „Engung“ nennt und die Dissoziation entsprechend der „Weitung“. Erstrahlung führt zur Anziehung und umgekehrt. Das beste Beispiel ist das Flirten. In weit weniger augenfälliger Weise bestimmt diese Dynamik von Erstrahlung und Anziehung unsere gesamte Existenz, bestimmt unser Verhältnis zu uns selbst (Innenleben) und unser Sozialleben. Diesen Bereich versucht Schmitz gedanklich bzw. sprachlich zu erfassen, ohne zu wissen, was er da eigentlich beschreibt. Ähnlich wie, sozusagen „auf der anderen Seite“, Biologen und Mediziner den menschlichen Körper beschreiben, ohne daß sie irgendeinen Zugang zur orgonotischen Pulsation haben, noch auch nur sehen, daß wirklich jedes Organ eine Orgonomform hat.

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 6)

3. April 2024

Mit seiner „Leibphilosophie“ besteht Hermann Schmitz darauf, daß wir nicht Gefühle haben, sondern von Gefühlen ergriffen werden. Damit ähnelt er durchaus Reich, der seit den bio-elektrischen Experimenten Mitte der 1930er Jahre darum bemüht war, Gefühle zu „objektivieren“ und umgekehrt Subjektivität in die Forschung zu integrieren: der Forscher selbst als wichtigstes Forschungsinstrument. Laska liegt eine solche Sichtweise fern oder, besser gesagt, ihm ist das Ergriffenwerden selbst das Grundproblem: Fremdsteuerung, Manipulation, Heteronomie, Über-Ich. Und tatsächlich sind alle „Lehren“, die die Objektivität von Gefühlen vertreten (der Mensch wird zu einem bloßen „Radioempfänger“!), etwa der tibetische Buddhismus oder Steiners Anthroposophie, dezidiert, wie soll ich sagen, „über-ich-affin“. Das zeigt sich ganz konkret an der Kindererziehung, die diametral dem orgonomischen „Summerhill-Modell“ widerspricht.

Für Schmitz ist die große, alles entscheidende Wende in der Menschheitsgeschichte die Philosophie Fichtes (zugespitzt durch Stirner): die radikale Subjektivität, wie sie in der romantischen Bewegung evident wurde, eine alles zersetzende Ironie, die in vielem unsere heutigen antiautoritären Verhältnisse, die alles beherrschende Beliebigkeit, vorwegnahm. Man spielt nur noch eine beliebige Rolle, kann sogar sein Geschlecht nach Belieben ändern und sogar neue „Geschlechter“, wenn nicht „neue Genitalien“ frei erfinden. Tatsächlich wird ja Stirner von vielen neosexuellen Transleuten vereinnahmt: „Ich habe meine Sache auf nichts gestellt!“ „Ich bin, wer ich bin!“

Aus dieser Perspektive blickt Schmitz auf Laska: als jemand der sich der Ergriffenheit, Betroffenheit entzieht. Beispielsweise hat Schmitz die „Utopie“, daß Europa eines Tages von „Hndugöttern“ ergriffen werden könnte, worauf Laska nur konsterniert kopfschüttelnd reagieren kann. Was Schmitz meint, wird wohl am besten durch das Phänomen „Heilung“ verkörpert. Man lese die Kommentare unter dem Video und beachte, wie viele Menschen es sich schon angeschaut haben!

Heilung im Sinne Schmitz‘! An sich ist der Mummenschanz lächerlich und fordert zur Ironie auf, aber die bleibt einem buchstäblich im Halse stecken, wenn man den Mut hat sich der Erfahrung zu öffnen – den Gefühlen zu öffnen.

Hier haben wir exakt das, was Wagner anstrebte und nicht zuletzt sein Adept Hitler. In Massenpsychologie des Faschismus hat sich Reich ausgiebig mit dem Phänomen des „Ergriffenseins“ beschäftigt. Gleichzeitig hat er eine Alternative angeboten; eine Alternative, die explizit gegen das Über-Ich gerichtet ist. Die Rede ist davon, daß in seinen „Sexpol-Gruppen“ die sexualpositive Massenatmosphäre, die durch die wortwörtliche „Aufklärung“ erzeugt wurde, die individuellen Hemmungen überwunden hat und den Impuls zur kollektiven Befreiung freisetzte. Ähnliches strebte er später mit seinem Konzept der „Arbeitsdemokratie“ in der Sphäre der Arbeit an. Das ist der sozusagen „menschentierliche“ „unbedingte Ernst“, der „‘tierisch‘ verankerte Lebenswille“, den Laska Schmitz nahebringen will, aber Schmitz sieht nur Kultur, verteidigt die Kultur, die „einpflanzende Situation“ – das Über-Ich. Faschismus! Seine Zukunftsvision sind „Hindugötter“! Heilung…

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 120)

27. März 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Bei Hal Cohen (A Secret History of the Sexual Revolution: The Repression of Wilhelm Reich. Lingua franca, March 1999, S. 24-33) findet sich ein leichter Anklang an Stirner, der ansonsten leicht übersehen wird:

Im Zentrum von Reichs durch ständige Ortswechsel geprägte Karriere steht eine ehrwürdige, wenn auch unzeitgemäße Überzeugung: Unter dem Mantel gesellschaftlicher Konventionen verbirgt sich ein natürliches, instinktives Selbst, und die Befreiung der Energien dieses Selbst von der Unterdrückung durch die Gesellschaft ist der einzige Weg zu psychischer Gesundheit, politischer Gerechtigkeit und geistigem Wohlbefinden. Dieser Gedanke findet heute nur wenige ernsthafte Anhänger. Innerhalb der Akademie verhöhnen die Nachfahren des französischen Poststrukturalismus die Idee eines natürlichen Selbst, während außerhalb der Akademie die konventionelle Weisheit die Tugenden der Unterdrückung wiederentdeckt hat.

Es war und ist in dieser Welt kein Platz für den Eigner seiner selbst, den Einzigen, er muß von inkorporierten Hierarchien, dem Über-Ich, der Panzerung gezähmt und kontrolliert werden.

Dies zeigt die verborgene funktionelle Anziehung zwischen linken poststrukturalistischen „Philosophen“, die als pseudoliberale Charaktere den Kontakt zum Kern völlig verloren haben (z.B. Cohen), und dem reaktionären kleinen Mann, der diesen Kern behandelt, als sei dieser der Teufel selbst.

Cohens Essay ist ein perfekter Ausdruck dieses sado-masochistischen Weltbildes. Cohen ist einer derjenigen, denen Reich in psychoanalytischen und kommunistischen Kreisen begegnete. Es hat sich in dieser Hinsicht seit den 1920er und 30er Jahren nichts geändert!

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 3)

26. März 2024

Bernd Laska sagt: „(W)as kümmert mich, der ich nicht ‚Gott‘ bin, das Schicksal der Menschheit“ (S. 117). Ähhh, weil ich ICH bin? Ich bin perspektivisch immer im Zentrum der Welt. Ihre Tiefe macht mich aus, was jeder schmerzlich am eigenen Leib erfährt, der in Isolationshaft irgendwo in einem Kellerloch sitzt. Und was das „Schicksal“ dieser Welt betrifft: Ich bin nichts anderes als Spannung! Teil eines Spannungsbogens, der von der Vergangenheit in die Zukunft reicht. Weshalb würde ich sonst diesen Blog oder irgendwas betreiben, wenn ich nicht etwas vollende, dessen Keim in der Vergangenheit gelegt wurde und ich versuche einen Keim für die Zukunft zu legen? Seit der ersten Amöbe beruht darauf das Leben: die „Keimbahn“. Ohne die Tiefe und ohne die Spannung macht es gar keinen Sinn von „ich“, „Eigner“ oder „Selbst“ zu sprechen. Und das Schreckliche ist, daß wenn ich mir die junge Generation anschaue, ihr jedwede Tiefe und jedwede Spannung abgeht. Es ist tatsächlich nicht wichtig Bismark auf einer Landkarte ungefähr verorten zu können oder zu wissen, wann Bismarck ungefähr gelebt hat (das sage ich ohne Ironie!), aber wenn man sich gar nicht verorten kann und auch kein Interesse „an Raum und Zeit“ zeigt, dann ist jedes Gerede von Selbstinteresse gegenstandlos: Es ist schlichtweg „niemand zuhause“!

Dagegen setzt Laska den „‘tierisch‘ verankerten Lebenswillen“ und das „rationale Über-Ich“. Dadurch käme „ein wirklich solider (sich nicht durch z.B. suizidalen oder masochistischen Opferwillen manifestierender) unbedingter Ernst in die Welt (…), ebenso wie eine solide Verankerung des individuellen Lebens im Hier und Jetzt (und nicht in einer starren ‚Identität‘ aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Wahngemeinschaft) und ein vom rationalen Über-Ich assistiertes Leben (ohne Suche nach Sinn, sondern) mit unverlierbarem Sinn“ (S. 123f).

Lassen wir dazu Schmitz ausführlich zu Worte kommen:

Wir teilen die Sorge um das glänzende Elend eines Zeitgeistes, der die Menschheit in ziellos betriebsamer Vernetzung verstrickt, so daß sich die Stricke um die Gestaltungskraft lähmend zusammenziehen und kein großes, leidenschaftlich erfüllendes Wollen mehr durchlassen. Wir trennen uns im Durchblick durch diese Sorge auf hoffnungsvollere Möglichkeiten. (…) Die Radikalisierung, die wir beide der Aufklärung wünschen, besteht für Sie (…) in einer Engführung, auf dem im 18. Jahrhundert schon eingeschlagenen Weg mit mehr Courage und weniger Halbherzigkeit energisch fortzuschreiten, für mich dagegen in einer Verbreiterung und Vertiefung zur Wurzel (radix) der Philosophie hin, die nach meiner Definition das Sichbesinnen des Menschen auf sein Sichfinden in seiner Umgebung ist. Dieses Sichbesinnen war nach meinem Dafürhalten bei den modernen Aufklärern von Anfang an doppelt verkürzt: durch das Erbe des Christentums mit Zersetzung implantierender Situationen, autistischer und dynamistischer Verfehlung [damit meint Schmitz das Loslösen vom Weltzusammenhang, PN], und durch die (schon antike) Abspaltung einer vermeintlich autonomen Vernunft von der Autorität der Gefühle in leiblich-affektivem Betroffensein. (S. 122)

Man sieht, daß beide, Laska und Schmitz, der Orgonomie nahekommen und trotzdem ständig aneinander vorbeireden, weil Laska im „Hier und Jetzt“ gefangen bleibt und Schmitz partout Laskas Begriff von Rationalität nicht begreifen will bzw. kann, weil er in der Philosophiegeschichte sozusagen gefangen ist und nicht zu den bioenergetischen Wurzeln durchdringen kann, trotz allem „leiblich-affektivem Betroffenseins“. Wenn er etwa einwendet, daß alles „personale Erleben und Verhalten“ tierisch verankert ist (S. 125), sieht man, daß er von Panzerung nicht den Hauch einer Ahnung hat. Das Problem ist aber auch, daß Laska nicht als sozusagen „konkretistischer“ „Reichianische Sektierer“ dastehen will und deshalb auf einer Abstraktionsebene argumentiert, die den Knackpunkt, den Unterschied zwischen dem Reichschen „Menschentier“ und dem „Maschinenmenschen“ dem ahnungslosen Schmitz gar nicht nahebringen kann.

Der Knackpunkt zeigt sich, wenn Schmitz ausführt, er halte die Annahme „für verhängnisvoll (…), daß es eine konfliktfreie Entfaltung einer gesunden reinen Menschennatur geben könne, sofern nur schädigende Einflüsse der Gesellschaft ferngehalten werden und eine stützende, nicht hemmende Führung geboten wird“. Das sei eine „anthropologische Illusion“ (S. 118), aus der „emotionale Krüppel“ (S. 119) hervorgehen würden. Die „Krüppel“ sind die Ungepanzerten, die nicht wie Roboter in ihrer rostigen Ritterrüstung rumstaken…

Schmitz Bezug auf das „Leiblich-Affektive“ ist letztendlich nur Gerede, ohne jedes wirkliche bioenergetische Fundament, da er, wie gesagt, keine Ahnung von der Panzerung und ihren Wirkungen hat, während Laskas, wenn man so sagen kann, „tierische Solidität“ in der Luft hängt, also ganz und gar nicht „solide“ ist, wie ich anfangs erläutert habe.

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 2)

25. März 2024

Hermann Schmitz schreibt allen Ernstes: „Von Autonomie halte ich überhaupt nicht viel; ich setze an ihre Stelle eine Autokritik der Vernunft“ (S. 73). Man fühlt sich unmittelbar an die Maoisten und ihre „Selbstkritik“ erinnert! Die Hemmung durch „implantierende Situationen“ können „von großem Nutzen sein, um sich (…) zurechtzufinden. Aus dem ‚Charakterpanzer‘, den Sie (Laska) negativ werten, können Flügel werden, es kommt nur darauf an, was der Mensch daraus macht“ (S. 75). „Er soll sich darauf besinnen, daß seine Gestaltungskraft, seine Initiative aus Empfänglichkeit und nicht aus Autonomie stammt“ (S. 115).

Daß das keine Ausrutscher sind, zeigt sich, wenn wir sozusagen von der „Charakteranalyse“ zur „Sexualökonomie“ übergehen. Schmitz plaziert die Ehrfurcht, im Sinne der Angst vor dem Über-Ich, auf der gleichen Ebene wie die Angst vor der Wirklichkeit, etwa Stolperfallen oder Giftschlangen (S. 85f). An dieser Stelle sieht man, daß die gesamte Neue Phänomenologie kaum mehr ist als der Marxismus oder Nietzscheanismus: Abwehr, das mehr oder weniger trickreiche Bannen des Teufels Stirner. Wie sehr man in dieser Hinsicht aneinander vorbeireden kann, wird deutlich, wenn Schmitz fast schon „Reichianisch“ argumentiert:

Zu jedem großen Schwung bedarf es der spannenden Engung, und dafür, wenn der Schwung einem großen Ziel, das den Menschen ganz in Anspruch nimmt, dienen soll, der Ehrfurcht, ohne die die Begeisterung verpufft; das wäre, als ob der Geschlechtsakt mit der Ejakulation beginnen sollte, wenn der Widerstand schon weg ist und die befreiende Weitung als Erschlaffung des Antriebs einsetzen kann. Ejaculatio praecox – das gibt es ja, und das Ergebnis ist ein gehöriger Katzenjammer; so ähnlich stelle ich mir das Ergebnis der Befreiung der Menschheit von Ehrfurcht durch Stirner vor. (S. 86)

Dazu paßt eine schlichtweg sprachlos machende Naivität – und etwas, was man vielleicht „innere Versponnenheit“ nennen könnte. Beispielsweise antwortet er auf Laskas Forderung nach der Negation des irrationalen Über-Ich:

Statt einer Heilkur durch Ausscheidung des „Giftes“ der Tradition empfehle ich eine Verwertung als Stimulans selbständiger Standpunktfindung durch kritische Auseinandersetzung, die mehr oder weniger polemisch sein kann, aber nicht sein muß, etwa so, wie erwachsene Kinder aus dem Abstand eigener Besonnenheit zu ihren Eltern Stellung nehmen. (S. 114)

Tatsächlich ist es Laska, der hier die Rolle des Erwachsenen übernimmt. Laska ist derjenige, der den „unbedingten Ernst“, ein gewichtiges Thema in der Korrespondenz, vertritt. Er schreibt beispielsweise, daß die Aufklärung „nach Abarbeitung ihrer rein intellektualistischen Komponente“ steckengeblieben sei. „Ja, der Gedanke liegt nahe, daß diese geistige Lähmung bzw. Selbstaufgabe Europas mit der (z.B. in den rezenten Diskussionen über ‚Zuwanderung‘ – nicht nur in Deutschland) immer mehr in den Blickpunkt rückenden biologischen korrespondiert“ (S. 112).

Sowohl die Sache selbst, als auch den denkbar „unbedingten Ernst“ der Sache hat der verschrobene Schmitz nicht begriffen. Eine Sache, am besten vielleicht ausgedrückt in Laskas Worten über La Mettrie:

Enkulturation und Erziehung sind, wie La Mettrie natürlich wußte, für den Menschen so lebensnotwendig wie unvermeidbar. Aber gerade das, was allgemein als ihr wichtigster Effekt angesehen wird, die weitgehend „unbewußt und ungeprüft“ erfolgende Weitergabe von Wert- und Charakterhaltungen – also die Errichtung eines Über-Ichs, welche das werdende Ich als innere Instanz „über sich“ bereits vorfindet, wenn es sich zu entfalten beginnt – bezeichnet La Mettrie als „unheilvollste Mitgift“, als „Unkraut im Kornfeld des Lebens“, als „grausames Gift“, das dem Menschen „das Leben vergällt“. Warum? Weil es in aller Regel ihm die Fähigkeit zu authentischem Glückserleben beeinträchtigt und ihm den Weg versperrt, die „Kunst, Wollust zu empfinden“ auszubilden. La Mettries Fazit: „Den ärgsten seiner Feinde trägt der Mensch also in seinem Inneren.“ (Julien Offray de La Mettrie – Portrait (lsr-projekt.de))

Schmitz tut einfach so, als würde Laska JEDE Vermittlung von Kultur, etwa die Sprache, ablehnen – um dann diesen Strohmann süffisant umzuhauen. Und Schmitz macht aus dem Gift, der genannten „Mitgift“, etwas, was man abzuarbeiten und an dem man zu wachsen hat. Er führt dazu aus:

An die Stelle des [Stirnerschen] Leitbildes des Eigners setze ich das [wie PN findet Freudsche] Leitbild des Wellenreiters, der aus den tragenden, aber auch gefährlichen Wellen des leiblich-affektiven Betroffenseins seine Impulse schöpft, aber für die Selbstbehauptung im Reiten auf dem flüssigen Element alle Kräfte seines kritischen Verstandes einzusetzen vermag, so daß er „nicht der Willkür der Wellen, sondern dem Willen seiner Einsicht Folge leistet“ (Goethe […]). (S. 115)

Laskas ultimative Antwort auf Schmitz: „Immer wieder machten Sie (…) deutlich, daß Sie sich ein gelungenes Leben nur unter einer äußeren bzw. verinnerlichten Autorität vorstellen können, nicht aber unter einer ‚eigenen‘ inneren, eben einem ‚rationalen Über-Ich‘“ (S. 432).