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Orgonomie und Metaphysik (Teil 55)
30. April 2022Leute, die den Mystizismus in die Orgonomie integrieren wollen, tun das gerne mit Verweis auf das letzte Kapitel von Die kosmische Überlagerung. Ich bezweifle, ob sie auch folgenden vernichtenden Satz Reichs berücksichtigen: „Die Entdeckung des kosmischen Orgonozeans, seine reale Existenz, seine konkrete physikalische Erscheinung, wie sie uns in der strömenden Lebensenergie in lebenden Organismen begegnet, setzt dem Zwang, jede tiefe Suche in irreale mystische Erfahrungen zu verwandeln, eine Ende“ (Die kosmische Überlagerung, S. 128). Das ist Reichs radikale Absage an jede Form von Mystizismus.
Wird es der Naturwissenschaft gelingen, die Fragen wirklich zu lösen, die die Beziehung zwischen Körper und Seele betreffen, das heißt sie derart zu bewältigen, daß sich daraus auch menschliche Praxis und nicht nur Salonphilosophien ergeben werden, dann hat auch die Stunde des transzendentalen Mystizismus, des „absoluten objektiven Geistes“ und mithin auch die Stunde aller Ideologien geschlagen, die unter Religion im engeren und weiteren Sinne verstanden werden. (Charakteranalyse, KiWi, S. 468)
„Die Kirche lebt vom Leben, das sie tötet“ (Jenseits der Psychologie, S. 307). Wir müssen dem Mystizismus den Todesstoß versetzen – oder er wird der Menschheit zum Verhängnis. Schon zu viele Abermillionen Menschen mußten sterben oder ein Leben im Elend führen – wegen des Mystizismus. Es muß endlich Schluß sein, die Frühgeschichte aufhören und die Zivilisation anfangen!
Das heißt nicht, daß ich die rationalistische Verachtung für das Thema Religion teile, gibt es doch keinen Bereich, der die Menschen mehr vereinigt und gleichzeitig mehr trennt. Ich meinerseits empfinde Verachtung für Menschen, die, wie Hitler, dieses Thema aus opportunistischen Gründen kleinhalten wollen, weil es Deutschland, die multikulturelle Gesellschaft oder welche Gemeinschaft auch immer spaltet und „Gefühle verletzt werden könnten“. Gefühle! Das geht soweit, daß Religionskritik zunehmend kriminalisiert wird.
Elsworth F. Baker zufolge erhält sich die gepanzerte Gesellschaft durch drei Tabus: Politik (die angeblich rational ist), Religion (über die man angeblich nicht reden kann) und Sexualität (die in jeder ihrer Formen angeblich gesund ist) (Der Mensch in der Falle). Reich hat die Sexualität klassifiziert, Baker die Politik, aber interessanterweise hat sich noch kein Orgonom recht an die Religion gewagt. Aus irgendeinem Grund ist es das tiefste Tabu, tiefer als die Sexualität. Gegenüber seiner Sekretärin und Geliebten Lois Wyvell hat Reich in diese Richtung spekuliert (Wyvell: Orgone and You. A Serialized Book: 11. The Universal Fear of Orgone Energy. Offshoots of Orgonomy No. 12, 1986).
Neulich begegnete mir der Besitzer eines kleinen Bekleidungsgeschäfts hier im Einkaufszentrum auf der Straße. Der Mann stammt aus Indien und ist Sikh. Mir ging auf, wie vollkommen anders er auftritt, sich bewegt, wie vollkommen anders seine Mimik ist und seine Ausstrahlung als bei einem Moslem. Buchstäblich: Sikh gehen anders als Moslems, nämlich gutgelaunt und entspannt. Ich kenne das aus meiner eigenen „bi-konfessionellen“ Familie, seit ich ein Baby bin: Katholiken sind vollständig andere Menschen als Protestanten. Die Atmosphäre in einer katholischen Stadt in Norddeutschland, etwa Münster oder Hildesheim, ist vollkommen anders als in einer vergleichbaren protestantischen Stadt, etwa Oldenburg oder Lübeck, nämlich bedrückt und bedrückend, die Menschen gehen gebeugter. Das typische katholische Miasma.
Jamaika war in den 1970er Jahren, als es von den Rastas geprägt wurde, ein vollkommen anderes Land als heute, wo es von der Hip-Hop-Kultur dominiert wird. Gut, Hip Hop ist keine Religion, aber es geht hier vor allem um Kultur, Lebensgefühl, Werte, „Geist“. Nichts änderte sich in Jamaika, „nur“ die Populärkultur, und aus dem karibischen Paradies wurde die Hölle auf Erden! Vom Marxistischen Ungeist benebelte Dummköpfe werden das nie begreifen. Sie werden nie verstehen, daß Australien eine Erfolgsgeschichte ist, weil es protestantisch geprägt ist, und das vergleichbare Argentinien ein Trauerspiel, weil es katholisch ist.
Ich könnte so unendlich fortfahren, etwa auf die Inder und Pakistaner in England verweisen, die genetisch und kulturell identisch sind, die sich nur durch die Religion unterscheiden – und deren Stellung in der englischen Gesellschaft nicht unterschiedlicher sein könnte. Es gibt wirklich keinen wichtigeren Faktor im gesellschaftlichen Leben als die Religion! Das wußte im übrigen auch Reich bereits zu Zeiten der Sexpol, als er die Bedeutung der Sexualökonomie im gesellschaftlichen Leben analysierte.
Mein Traum wäre eine Art „Charakteranalyse“ der Religionen zu schreiben, doch das überschreitet mein Wissen und Können bei weitem. Deshalb hier nur ein paar Stichworte zur Anregung:
Erstmal zurück zu meinem Sikh und seiner Art der Bewegung. Man schaue sich Pierre Vogel oder irgendeinen anderen Vertreter des Islam an: alle haben die gleichen Manierismen, die gleiche Ausstrahlung, den gleiche Zungenschlag, den gleichen „Stallgeruch“. Und dann betrachte man zum Vergleich dazu Vertreter des Sikhismus: wie Menschen von zwei verschiedenen Planeten!
Es geht schlicht um unterschiedliche Ausdrucksweisen der organismischen Orgonenergie in ganzen Gruppen. Wie Glaubensdinge sich an der Orgonenergie festmachen, sieht man an folgendem Beispiel:
Ich kenne ein 6-jähriges Mädchen, die hin und wieder gerne während der Dämmerung mit ihrer Mutter auf der Couch liegt. Sie sagt ihrer Mutter, sie solle auf dem Rücken liegen und zur Decke schauen. Dort gäbe es, so erzählt sie, sehr viele angenehme bewegte Bilder zu sehen. Nach einem Aufenthalt bei ihren Großeltern erwachte das Kind eines abends stark verängstigt. Nachdem sie etwas beruhigt war, sagte sie, daß sie an der Decke und an den Wänden die sich bewegenden Augen der Großmutter sehe. Sie würden sie beobachten und ihr sagen, zu masturbieren sei schlimm. Der Eindruck hielt an, selbst nachdem das Licht eingeschaltet wurde. Die Kleine bestand auf der Objektivität ihrer Wahrnehmung. Sie verlor ihre Angst, als die Mutter, statt diese Objektivität in Frage zu stellen, ihr sagte: „Vertreib die Augen. Sie haben Dir nichts zu verbieten.” (Baumann: Some Observations of the Atmospheric Orgone Energy. Orgone Energy Bulletin 2(2), S. 81)
Hier haben wir schon die ganze Geschichte des Monotheismus. Liest man das Alte Testament, ging es vor allem um atmosphärische Phänomene, die man einem „Gott“ zuschrieb, der in seinen Moralvorstellungen eine erstaunliche Nähe zu den Patriarchen der nomadisierenden Völker zeigte, die schließlich Israel ausmachten. Nicht von ungefähr stellte Michelangelo dieses „Über-Ich“ als gestrengen Greis mit weißem Bart dar. Der absurde Glaube an diesen „Gott“ konnte sich aber nur verankern, weil er im Großen und im Kleinen (siehe das Erleben des kleinen Mädchens oben, wo atmosphärische Orgonenergie unversehens zum plastischen „Über-Ich“ wird) mit überwältigenden orgonotischen Phänomenen verbunden war. Sie sind überwältigend, weil die atmosphärische und die organismische Orgonenergie funktionell identisch sind und man sich entsprechend kaum gegen diese Massenpsychose wehren kann.
DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: 4. Der Christusmord nach Matthäus / Matthäusevangelium (5,43-12,37) (Teil 1)
29. April 2022DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: 4. Der Christusmord nach Matthäus / Liberales Pseudochristentum
28. April 2022Orgonomie und Metaphysik (Teil 54)
27. April 2022Reichs Mitarbeiter Mitte der 1930er Jahre, Karl Teschitz (d.i. Karl Motesiczky), führt aus:
Im gewöhnlichen Leben werden in unserer Gesellschaft bestimmte Vorstellungen aus dem Bewußtsein verdrängt, die dazugehörige Energie in krampfhaften Körper- und Charakterhaltungen gebunden. Im Zustand religiöser Erregung, „Erbauung“ brechen diese Kräfte plötzlich in unser Bewußtsein ein: Aber nicht so, daß sogleich eine dauernde organische Verschmelzung stattfände. Der Einbruch geschieht vielmehr bloß an einer Stelle, wie durch ein Loch, das sich nachher wieder schließt. (Religion, Kirche, Religionsstreit in Deutschland. Kopenhagen: Sexpol-Verlag, 1935, S. 75)
Woher aber, so fragt Teschitz, bezieht dieser Durchbruch seine ungeheure Energie? Es handele sich um zurückgehaltene sexuelle Energie,
die in der Ekstase allerdings in verhüllter Form durchbricht, dafür spricht die ungeheure Ähnlichkeit der Ektase mit dem Höhepunkt des sexuellen Erlebens, dem Orgasmus. Hier wie dort gehen willkürliche Vorbereitungen, Muskelbewegungen in einem bestimmten Augenblick in unwillkürliche über, hier wie dort wird der entscheidende Höhepunkt plötzlich ansteigend und kurz dauernd in passiver Hingegebenheit erlebt. Hier wie dort ist er mit allgemeiner Erregung und mit bestimmten Körpersensationen verbunden (Gefühl des Strömens, Stocken des Atems), jede Ablenkung durch äußere Vorgänge wird als störend und schmerzhaft empfunden, hier wie dort stellt auch die Phantasie im Augenblick höchster Erregung ihre Tätigkeit ein, Phantasien während des Akts sind Zeichen einer Störung. Kurz vorher hat man das Gefühl des Eindringens und Durchdrungenwerdens, während das Gefühl der eigenen Persönlichkeit sich auflöst. (ebd., S. 78f)
Dazu zitiert Teschitz die heilige Theresa, die die mystische Vereinigung mit Gott mit vier Arten vergleicht, einen Garten zu bewässern:
Zuerst kann man mit Mühe und Anstrengung Wasser aus einem Brunnen schöpfen. Dann kann man eine Standpumpe mit Ausguß gebrauchen, die man mit einem Schwengel in Gang setzt und diese Methode habe ich selbst oft gebraucht: Sie ist minder anstrengend und man bekommt mehr Wasser. Weiter kann man Wasser aus einem Bach oder einem Teich hereinleiten; die Bewässerung ist dann besser, die Erde wird bis in größere Tiefe feucht, man muß nicht so oft gießen und der Gärtner hat nicht annähernd so schwere Arbeit mehr. Die vierte Art ist ein reichlicher Regen, und das ist die ohne Vergleich beste Art, denn dann ist es der Herr selbst, der wässert, ohne irgendwelche Arbeit von unserer Seite.
Das „Pumpen“ geschehe durch Konzentration auf Jesus Christus und sein Leben. Das rinnende Wasser entspräche einem „Schlaf der Seelenkräfte, ein Zustand, da sie nicht völlig verschwunden sind, aber dennoch nicht wissen, wie sie wirken (…) Man könnte es vergleichen mit jemand, der schon mit dem geweihten Wachslicht in der Hand jeden Augenblick den Tod erwartet, ihn erwartet mit brennender Sehnsucht. In diesen letzten Atemzügen ist die Seele überflutet von unsäglicher Freude.“ Man „stirbt der Welt“ und die Seele wisse nicht, ob sie reden oder weinen solle. „Es ist für die Seele ein unendlich seliges Genießen“, wobei „der Körper deutlich an ihrem Glück und Ihrer Seligkeit teilnimmt“. Aber man sei noch immer nicht ganz mit Gott vereint und wir kommen zur Stufe 4, wo man nur genießt, ohne zu wissen, was man genießt.
Alle Sinne sind so aufgesogen in diesem Genuß, daß keiner von ihnen frei ist, sich mit etwas anderem abzugeben, sei es nun das Äußere oder das Innere… Der Körper ist ohnmächtig und die Seele ist unfähig, das Glück vorauszusehen, das sie genießt… Zu Beginn kam dieses Wasser vom Himmel fast immer nach einem innerlichen Gebet… Während die Seele auf diese Weise ihren Gott sucht, fühlt sie mit starkem und süßem Empfinden, daß sie das Meiste nicht weiß. Der Atem steht stille, die Körperkräfte versinken, so daß man nicht einmal die Hände ausstrecken kann, ohne daß es weh tut. Nach meiner Meinung dauert es niemals lang, daß auf diese Weise alle Seelenkräfte zugleich stillstehen… Ich sage es noch einmal: Dies, daß die Kräfte ganz untätig sind, daß auch die Phantasie nicht arbeitet – denn meiner Meinung nach ist auch die Phantasie unwirksam – das dauert niemals lange. …Wir kommen nun zu den innersten Empfindungen der Seele in diesem Zustand… Ich für meinen Teil halte es für unmöglich, etwas davon zu wissen oder gar von ihnen zu sprechen. Da ich mich nun zum Schreiben setzte, fragte ich mich, was die Seele da macht; es war nach dem Altargang und ich kam eben aus dem Orationszustand, von dem ich spreche. Da sagte mir Unser Herr diese Worte: Du wirst aufgezehrt, meine Tochter, von einem Drang, tiefer in mich einzudringen. Es ist nicht mehr länger sie, die lebt, ich bin es, der in ihr lebt. (z.n. ebd. S. 76f)
Teschitz kommentiert:
Im Akt selbst ist der Mensch ein Stück Natur geworden, die Empfindungen dabei sind darum nahezu unaussprechlich und es hat eingehender klinischer Beobachtung bedurft, um die Orgasmusphänomenologie auch nur so weit auszuarbeiten, wie wir heute damit gekommen sind. Doch die sexuelle Energie kann im sexualverneinenden religiösen Menschen nicht als solche durchbrechen, sie kann auch nicht in der einzig wirklich natürlichen Form als Erregung und Entspannung am Genitale abgeführt werden. An Stelle dessen tritt die phantasierte Vereinigung mit einem Bild des Vaters (oder der Mutter). (…) Mit der phantasierten Vereinigung in der religiösen Ekstase müssen allerdings auch gewisse körperliche Vorgänge Hand in Hand gehen, die mit der körperlichen Erschütterung und Entlastung im sexuellen Orgasmus eine Ähnlichkeit haben: Denn in beiden Fällen berichten die Betreffenden von Körpersensationen, aber auch von dem Gefühl von Befreiung, Erleichterung, unaussprechlichen Glücks nachher. Doch wissen wir über die körperliche Grundlage der religiösen Ekstase noch weniger als über die des Orgasmus, nämlich gar nichts. Doch die Minderwertigkeit der „ekstatischen“ Befriedigung gegenüber der orgastischen beweist die Angst, mit der diese Befriedigung selbst bei der heiligen Theresa verbunden ist und die beim orgastisch potenten gesunden Menschen natürlich fehlt. Diese Angst spielt bei andern Mystikern und Propheten aber auch bei den gewöhnlichen Gläubigen eine entscheidende, oft das ganze Leben beherrschende und wir können ruhig sagen vergiftende Rolle. Der religiöse „Orgasmus“ ist darum teuer bezahlt. Er schwindet aber zusammen mit aller religiösen Bindung sogleich, wenn wir bei einem religiösen Menschen in der Analyse die Fähigkeit zum wirklichen Orgasmus herstellen. (ebd., S. 79)
Bei der Religion und heute in Zeiten des Antiautoritarismus der „Spiritualität“ geht es stets um zweierlei: um genitale Orgasmusangst und um einen vermeintlich ebenbürtigen, wenn nicht sogar höherwertigen Ersatz-Orgasmus. Man denke nur an Rumis Ausspruch: „Der Wunsch, Deine Seele zu kennen, wird alle Deine anderen Wünsche beenden.“
Was speziell das moderne „spirituelle“ Gesülze betrifft, das den altertümlichen Mystizismus weitgehend abgelöst hat, – dazu möchte ich nochmals Teschitz zitieren: „Das Gefühl der Ferne, Unerreichbarkeit, des Geheimnisvollen entspricht der unmittelbaren Wahrnehmung, daß die vegetative Sehnsucht des sexuell gestörten Menschen nie wirklich befriedigt werden kann“ (ebd., S. 87).
DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: 4. Der Christusmord nach Matthäus / Matthäusevangelium (1,1-5,42) (Teil 2)
26. April 2022DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: 4. Der Christusmord nach Matthäus / Matthäusevangelium (1,1-5,42) (Teil 1)
25. April 2022Orgonomie und Metaphysik (Teil 53)
24. April 2022„Bewußtsein“ ist nach Reich gleichzusetzen mit „psychischer Struktur“ (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 37). Daraus wurde später dann die biophysikalische Struktur. Mit anderen Worten ist unser Bewußtsein abhängig von unserer Panzerungsstruktur. Das gilt für alle Arten von Bewußtsein: unsere politische Haltung („Klassenbewußtsein“), unser „Privatleben“ („Liebe“), unser Arbeitsleben (wo es zentral um die Konzentrationsfähigkeit geht) und nicht zuletzt in unserem Kontakt zum Kosmos („Religion“). Was letzteres betrifft, schließt die hier umrissene funktionelle Einheit des Seelischen und Körperlichen „Jenseitigkeit oder auch nur Autonomie des Seelischen völlig und endgültig aus“ (Äther, Gott und Teufel, S. 95).
Das bedeutet aber noch lange nicht, daß man „falsches Bewußtsein“ einfach so wegwischen kann! Es gilt stets die Gegenwahrheit zu sehen! Reich zufolge erfüllt die „Illusion einer freien Willensbestimmung und einer überirdischen Bestimmung des Menschen“ drei Funktionen:
- Sie hebt den Menschen über seine Hilflosigkeit gegenüber der Natur, seine eigenen Triebe eingeschlossen, hinweg und übertönt seine Ohnmachtsgefühle und seine Angst mit dem Empfinden der Gottähnlichkeit.
- Sie hat die Funktion, den Menschen dort, wo er sich hilflos, klein und ohnmächtig fühlt, wo ihm Wissen um Vorgänge und Prozesse fehlen, mit dem Mut zu erfüllen, seine Existenz durchzusetzen.
- Der Mensch muß existieren, auf jeden Fall, mit oder ohne Wissen; dazu braucht er die Emotion der Illusionen. Illusionen sind also nicht nur irrationale Gebilde, sondern auch kraftsteigernde Haltungen. Die Rede vom Glauben, der Berge versetzt, hat hier seine Wurzeln. (Menschen im Staat, Frankfurt: Stroemfeld/Nexus, 1995, S. 79f)
Sicherlich kann man einen Gutteil des Mystizismus auf diese Weise erklären, aber selbst dann bleibt ein Rest. Immerhin hängen viele sehr intelligente und emotional reife Menschen dieser Weltanschauung an.
Spannend finde ich Reichs Aussage, daß die Entdeckung des Orgons nur der erste Schritt hin zur „experimentellen Beherrschung des Bewußtseinsprozesses“ war, die wiederum den organisierten Mystizismus vernichten werde (Jenseits der Psychologie, S. 309).
Anders als der gewöhnliche „Skeptiker“ nahm Reich die mystische Erfahrung sehr ernst und wollte ihr sozusagen auf deren eigenem Boden entgegentreten. Von daher kann man sich keinen größeren Verrat an Reich vorstellen, als von neuem Mystizismus in die Orgonomie einzubringen! Reich ahnte es voraus: „Und vielleicht werden viele gekreuzigt werden, ehe – es einmal ‚Sexualökonomen‘ mit ‚Kirchen‘ und Vereinen geben wird, die das genaue Gegenteil von dem sein werden, was die Sexualökonomie will“ (Jenseits der Psychologie, S. 353).
An sich wurde die experimentelle Beherrschung des Bewußtseinsprozesses bereits über das „Körperbild“ geleistet: in den verschiedenen Formen des Yoga und insbesondere im chinesischen Qi Gong. Man muß es nur den Mystikern (konkret: der okularen Panzerung) entreißen. Einer der Schlüssel zu diesem Geheimnis ist die Schizophrenie.
Im Anschluß an Freud ging es Reich in der Charakteranalyse darum das Ich zu erforschen, das merkwürdigerweise viel unbekannter sei als das Es. Im abschließenden Kapitel über die „schizophrene Spaltung“ ging es Reich dann darum, „die Funktion des Bewußtseins“ zu ergründen, „die weit weniger verstanden ist als die des Unbewußten“ (Charakteranalyse, KiWi, S. 654).
Die „pure“ Charakteranalyse hat gezeigt, daß das Orgonenergie-Feld des Organismus durch Worte, bzw. Imagination beeinflußt wird. Reich schreibt dazu: „Es würde lohnen, diese eigenartigen Zusammenhänge zwischen der Wahrnehmung der vegetativen Eigenart des anderen und der sprachlichen Formulierung im Detail genau zu studieren“ (Charakteranalyse, S. 440). Und weiter:
Wie ist es nun möglich, daß eine physiologische Funktion im psychischen Apparat derart unmittelbar als Verhalten gegeben und dargestellt sein kann? Ich muß gestehen, daß mir dieser Zusammenhang ebenso rätselhaft wie wichtig erscheint. Seine Klärung wird höchstwahrscheinlich unsere Kenntnis von den Zusammenhängen zwischen den physiologischen und den psychischen Funktionen um ein erhebliches Stück weiterbringen. (Charakteranalyse, S. 442)
Reich schreibt: „In der Wahrnehmung, auch in der Selbstwahrnehmung, fließen Sinneseindruck und Emotion in eine funktionelle Einheit zusammen“ (Charakteranalyse, S. 63). Bewußtsein ist demnach letztlich Wahrnehmung („ich nehme wahr, daß ich wahrnehme“ [vgl. Charakteranalyse, S. 571]). Nach Reich geht Wahrnehmung aus dem Zusammengehen von Empfindung an der Peripherie (z.B. Licht fällt auf eine lichtempfindliche Zelle) und einer Emotion aus dem Zentrum des Körpers hervor. So gibt es ohne Emotion kein Bewußtsein, wie z.B. im Buddhismus (das bewußtseinslose Nirwana), wo alles einseitig auf die Empfindung ausgerichtet ist („das Gewahrsein üben“). Und es gibt ohne Empfindung kein Bewußtsein, wie z.B. in der von der Welt losgelösten religiösen Ekstase (extragenitaler Orgasmus).
Letztendlich lassen sich alle Bewußtseinstechniken auf die künstliche Hervorhebung einer der beiden Ursprünge des Bewußtseins zurückführen. Das läßt sich unmittelbar erfahren, wenn man sich jetzt in einen „buddhistischen Zustand“ versetzt (Konzentration!) und dann in einen Hare-Krishna-Zustand (Hingabe!). Funktionelles Denken bedeutet eine harmonische Ausgeglichenheit der beiden Anteile Empfindung und Emotion. Der nüchterne Buddhismus und religiöse Ekstase sind biopathische Abweichungen, entsprechend festgefahrener Sympathikotonie (Buddhismus) und festgefahrener Parasympathikotonie (Hare-Krishna). Es gibt natürlich auch ein manisch-depressives Hin und Her.
Die Linie über die Empfindung führt zur „Reizempfindlichkeit des rein physikalischen Orgons“ (Charakteranalyse, S. 91), das als objektiver Geist oder „Mind“ mystifiziert wird. Und die zweite Linie zur rein physikalischen Pulsation, die den Emotionen zugrunde liegt, d.h. zum „kosmischen Organismus“, also Gott. Deshalb ist einerseits in Buddhismus, Scientology und Crowleyanity keine Rede von Gott und deshalb legt andererseits das (gängige) Christentum keinen Wert auf Gnosis.
Hinzu kommt als weiteres Element die eigentliche strukturelle Grundlage des Mystizismus: die Mauer zwischen Reiz und Wahrnehmung. Es wäre zunächst die Mauer (okulare Panzerung, die der Mystiker mit dem Schizophrenen gemeinsam hat) zwischen Erregung und Empfindung zu nennen, die zu einem mystischen „jenseitigen“ Erleben führt (man bildet sich etwa ein, in einer „astralen“ Ebene zu existieren). Als zweites Element kommt die Mauer (die generelle Panzerung, die den Mystiker vom Schizophrenen unterscheidet) zwischen Kern und Peripherie, die sadistisch durchbrochen werden muß (man bildet sich etwa ein, in einen „astralen“ Kampf gegen Teufel, Dämonen und „Critters“ verstrickt zu sein). Das einzige, was den Mystiker vom Faschisten unterscheidet, ist die spezifische „schizophrene“ okulare Panzerung. „Im Mystizismus wird ein körpereigener Prozeß als fremd wahrgenommen, so als habe er seinen Ursprung ‚jenseits‘ der eigenen Person oder auch jenseits der Welt“ (Charakteranalyse, S. 617).
















