Posts Tagged ‘Neurosen’

Schmerz, Lust, Motivation, Emotion, Hauptwiderstand: Orgontherapie

19. November 2025

In der Orgontherapie gibt es zwei in den meisten Darstellungen vernachlässigte zentrale Elemente. Das erste Element verweist auf die Vergangenheit, d.h. auf den Grund, warum wir uns überhaupt abpanzern. Das zweite verweist auf die Zukunft, d.h. was an die Stelle der Panzerung tritt: das freie, lustvolle Strömen der organismischen Orgonenergie.

Meinem Spruchkalender zufolge hat der Kabarettist Anselm Vogt gesagt: „Er verfehlte die Lust, weil er den Schmerz vermeiden wollte.“ Genau dieser Mechanismus verursacht die Panzerung und erhält sie aufrecht. Beispielsweise sehen wir nicht die atemberaubende Schönheit dieser Welt und nehmen nicht am zwischenmenschlichen Dialog teil – an jenem grandiosen Roman, an dem die Menschheit seit Jahrtausenden kollektiv arbeitet –, weil wir schmerzvolle Dinge nicht sehen und nicht hören wollen. Das pulsierende Leben geht an uns vorbei. Stattdessen stolpern wir blind, taub und stumm durchs Leben und scheitern an ihm. Ein ganzes Leben verfehlt, nur weil wir einem kleinen, weil vorübergehenden Schmerz ausweichen wollten. Wir sind wie verschreckte Meeresmuscheln, die sich aus Angst nicht mehr öffnen. Menschen bleiben lieber ein ganzes Leben lang einsam und allein, nur weil sie vor dem Schmerz der Zurückweisung Angst haben. Ein „Ereignis“, das nur Sekundenbruchteile andauert. Wir nehmen lieber Jahrzehnte des Nachbarschaftsstreits auf uns, statt einmal (nämlich ganz zu Anfang) für ein oder zwei Minuten die offene Konfrontation zu suchen. Tatsächlich beruht fast unser gesamtes Rechtssystem darauf: daß die Menschen nicht ihr eigenes Leben in die Hand nehmen, sondern allem ausweichen und sich hoffnungslos verheddern – verpanzern. Die Orgontherapie will diesen sprichwörtlichen Gordischen Knoten durchschlagen.

Wie macht sie das? Nicht durch den Appell an Vernunft und Einsicht, wie man aus den obigen Ausführungen vielleicht schließen könnte, und erstrecht nicht durch „Körperarbeit“, sondern mittels Mobilisierung der organismischen Energie. Dies natürlich in einem sehr spezifischen Sinne, d.h. im Sinne einer Stärkung der Motivation. Nur eine entsprechend große Motivation bringt uns nämlich dazu, den kurzen Schmerz auf uns zu nehmen. „Denke nicht an die mögliche schmerzhafte Zurückweisung, sondern an die ungeheure Lust, die du in ihren Armen genießen wirst!“ – Das ist natürlich leichter gesagt als getan, aber es geht ja schließlich auch nicht um „Motivationstraining“ („Tsjakkaa – Du schaffst es!“), sondern um den Kern der Orgontherapie: die zielgerichtete Mobilsierung von Emotionen: „Die Mobilisierung der plasmatischen Strömungen und Emotionen ist (…) identisch mit der Mobilisierung von Orgonenergie im Organismus“ (Charakteranalyse, KiWi, S. 472).

Nun, jeder Idiot kann Emotionen mobilisieren. Schließlich ist das das Metier der Politiker, die alle ihrem ungeschlagenen Meister Adolf Hitler nacheifern. Es bedarf eines Therapeuten, der weiß was er tut. Es bedarf jemanden, der sich in der Welt der Psychopathologie, in der Welt der Neurosen und Psychosen auskennt (ein Psychiater) und da Emotionen immer auch etwas Körperliches sind, sollte er selbstredend Arzt sein. Und es bedarf jemanden, der sich in der Funktionsweise der organischen Orgonenergie auskennt: es bedarf eines medizinischen Orgonomen.

Er ist beispielsweise in der Lage einen Wutausbruch des Patienten zu unterbrechen, weil die Wut nur eine in diesem Moment wichtigere Emotion, etwa das Weinen, am Ausdruck hindern soll, also nichts anderes als Abwehr ist. Er denkt funktionell, nicht mechano-mystisch („Der Ausdruck von Wut ist [an und für sich] gut!“). Der medizinische Orgonom ist nicht Teil der anti-autoritären Kultur, in der jeder (fast!) alles und das zu jedem Zeitpunkt ausdrücken darf – nur nicht seine wahren (im Zweifelsfall „faschistischen“) Gefühle. Der medizinische Orgonom mißachtet das zentrale Dogma der anti-autoritären Gesellschaft und fällt Werturteile, aber er wird niemals moralistische Urteile fällen. Beispielsweise wird immer klar sein, daß er Homosexualität als neurotisches Symptom betrachtet, aber er wird niemals einen homosexuellen Patienten moralisch abwerten. Oder mit anderen Worten: der Patient ist 100%ig in sicheren Händen; ihm wird gesagt, was er wissen muß, um zu gesunden, aber er wird niemals und unter keinen Umständen in seiner Integrität angegriffen. Stelle dich deinen Ängsten, versuche sie auszuhalten und werde du selbst und damit Teil dieser wunderbaren Welt. Alles andere, alles andere als Orgontherapie, ist bloße Zeitverschwendung und macht alles nur noch schlimmer. Die Lebensenergie, das Orgon, wurde entdeckt, sie folgt gewissen Gesetzmäßigkeiten, die der medizinische Orgonom kennt und die ausschließlich er therapeutisch nutzen kann.

Ein mir immer mehr ins Auge springendes Problem ist, daß Leute, die brotlose Fächer, etwa Politologie oder Ethnologie, studiert haben (der wirkliche Bedarf an neuen Politologen und Ethnologen pro Jahr läßt sich mit den Fingern einer Hand ablesen!), statt Taxifahrer zu werden, sich als „Reichianische“ „Körperpsychotherapeuten“ niederlassen – und unglaublicherweise auch noch Leute finden, die sie bezahlen. Würden die auch zu einem Automechaniker gehen, dessen einzige Ausbildung ein Studium der, sagen wir mal, Slawistik ist?! Natürlich nicht. Aber in Sachen menschlicher Emotionen hält sich wirklich jeder für einen Experten – und findet Anhänger. Lauter kleine Adolf Hitlers mit ihrem debilen Gefolge auf dem Weg ins Verderben!

All das Muskelquetschen und „Energiemobilisieren“ und „Charakteranalysieren“ bringt rein gar nichts, wenn nicht immer wieder und wieder der Patient mit seinem charakterlichen Hauptwiderstand konfrontiert wird, bis er ihn schließlich existentiell als Symptom erfährt und aufgibt. Orgontherapie ist nicht wildes Herumschreien und Ausleben verdrängter Emotionen, sondern wohldurchdachte „biopsychiatrische Chirurgie“, die ausschließlich von ausgebildeten und ständig supervidierten Spezialisten durchgeführt werden kann.

Charles Konia in der Diskussion (Teil 5)

3. November 2025

Der amerikanische Orgonom Dr. Charles Konia über den Ausschluß Wilhelm Reichs aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 1934: Ein schicksalhaftes Ereignis

Robert (Berlin) 2014:

Ein sehr guter Artikel.

So global habe ich es früher auch betrachtet, aber in den letzten Jahrzehnten verlor ich den Focus.

Danke an Peter für die Publikation und Übersetzung.

Dazu Jonas:

Erstaunlich, wie aktuell der Text scheint, obwohl er fast 20 Jahre alt ist!

O.:

„Das American College of Orgonomy ist heute die einzige wissenschaftliche Organisation, die Reichs Entdeckungen in unverfälschter Form gegenwärtigen und zukünftigen Generationen übermittelt.“ (s.o.)

So hatte ich es auch früher gesehen oder sehen wollen.

– Auf was liegt die Betonung im Satz? wissenschaftlich, unverfälscht oder gegenwärtigen und zukünftigen Generationen übermittelt?

Alle (ACO fremden Publikationen) beziehen sich heute (seit 1967) auf Baker und nicht mehr auf Reich. Er taucht in quasi allen Literaturverzeichnissen auf und wird inhaltlich kopiert.

Aber wird hinterfragt, was er geschrieben hat?

1965, zwei Jahre zuvor kommt Lowens „Liebe und Sexualität“ heraus, eine Behandlung der Orgasmusthematik noch ohne großes Therapieangebot. 1975 legt er nach mit „Bio-Energetik“. Die Behandlungsmethoden ähneln sich wie ein Ei dem anderen. Wer schreibt ab? Oder sind beide von Reich in gleichem Maße inspiriert?

Hatte Lowen seine Bioenergetik schon 1967 fertig entwickelt und praktiziert?

Die viel gepriesene „psychiatrische Orgontherapie“ hält in ihrer Technik – dem Buch nach zu urteilen – nicht stand. Baker verlässt Reichs Regel von oben nach unten zu arbeiten, um den Patienten von innen aufzuladen, Depressiven (nicht beim depressiven Charakter) will er Energie aus dem Becken mobilisieren. Das würde ich als pure Bioenergetik verstehen.

Ich frage mich seit geraumer Zeit, was in den USA falsch gelaufen ist, bei der Ausbildung der Mediziner, von Reichs Therapie wird nichts übermittelt.

Darauf ich gereizt:

Ich wollte das gerade beantworten, muß aber dieses Unterfangen aufgeben, da O. nur nebulösen Unsinn schreibt. Das fängt schon damit an, daß Lowen seine Behandlungsmethode bereits 1958 (zweite Auflage 1971) veröffentlicht hat. Zum Rest… Seufz.

O.:

Danke. 1958 war sein erstes Buch „Körperausdruck und Persönlichkeit“ herausgekommen.

hier das für mich erstmal „schockierende“ Zitat, vielleicht erschließt sich mir ja nicht der tiefere Sinn, weil immer nur etwas kurz angedeutet wird und es dann weiter geht:

„Eine Ausnahme sind Depressive, bei denen das niedrige Energieniveau und starke Hemmung eine frühe Befreiung des Beckens gefahrlos machen. (…)“ (BAKER 1967, S. 86)

„Die sieben Segmente … werden gewöhnlich in dieser Reihenfolge ‚befreit‘, abgesehen davon, dass die Brust oft zuerst beweglich gemacht wird, damit man sie verwenden kann, um im Organismus Energie aufzubauen und für zusätzliche Stoßkraft von innen zu sorgen, um sowohl die Auffindung als auch die Beseitigung weiterer Blockierungen zu unterstützen.“ (BAKER 1967, S. 87)

Peter:

In Bakers Buch steht auch, daß bei Depression das Energieniveau rapide absinken kann. Dem muß entgegengewirkt werden durch Mobilisierung der Atmung. Es geht immer darum, welche FUNKTION was hat, nicht darum rigide irgendwelche „Prinzipien“ einzuhalten.

Konias Glossar wurde wie folgt diskutiert:

Robert (Berlin):

„sekundäre Triebe: Der gestörte Ausdruck der primären Triebe, der darauf beruht, daß der Panzer dabei versagt hat, die destruktiven Impulse in Schach zu halten.“

Nanu, auch wenn der Panzer die sekundären Triebe in Schach hält, die primären Triebe müssten durch den Panzer doch immer irgendwie verbogen sein? Oder irre ich mich mal wieder?

Darauf ich:

Also, damit wir nicht über zweifelhaften Übersetzungen stolpern, erstmal das Original:

secondary drives – Disturbed expressions of primary drives resulting from the failure of armor to contain destructive impulses.

Primäre Triebe werden einfach ausgedrückt. Sieht man bei jedem Tier. Wenn sich das Menschentier abpanzert, haben wir idealerweise den symptomlosen „Jesuitenschüler“ vor uns: immer kontrolliert, ausgeglichen, nett, rational, blablabla – während innerlich der Haß des eingesperrten und malträtierten Tieres wütet. Nur leider ist die Panzerung ein sehr fragiles Gebilde, so daß die Triebe schließlich doch wieder durchbrechen – in Gestalt der sekundären Triebe.

O.:

Das Glossar zeigt über die wichtigsten Begriffe schon fast die wichtigsten theoretischen Grundannahmen. Kleine Fehler wären hier schon fast unverzeihlich, daher steckt da schon viel Arbeit drin.

„orgonomist“ klingt im Deutschen schräg, vielleicht ist „Orgonom“ der bessere Begriff, obwohl es mir auch nicht gefällt, hat es Reich ja schon als Grundform für einen Organismus benutzt.

Über die „Biopsychiatrie“ (in Anlehnung an die „Biopathie“) habe ich mich am meisten gewundert.

Mir würde ein einheitlicher Begriff wie „orgonomische Psychiatrie und orgonomischer Psychiater“ am besten gefallen, wobei der auch etwas neu wäre. Auf keinen Fall sollte man hier beliebig und alle paar Jahre sich was neues ausdenken, das würde komisch und verwirrend wirken.

Peter 2025: Biopsychiater sind Psychiater, die ihre Patienten von der biologischen Panzerung her betrachten und wie die Panzerung die biologische (Orgon-) Energie behindert.

Barbara G. Koopman: Der Aufstieg des Psychopathen (1. Drittel)

21. Juni 2025

Barbara G. Koopman: Der Aufstieg des Psychopathen (1. Drittel)

Max Stirner, Soter (Teil 5)

22. April 2025

Betrachten wir, was Stirners größter, wenn nicht überhaupt sein eigentlicher Widersacher einzuwenden hat: Auch wenn Nietzsche ihn nirgends erwähnt, stellt doch sein Gesamtwerk eine Kritik der optimistischen Anthropologie Stirners dar. Für den „heroischen Pessimisten“ Nietzsche war jedes „eigentlich“ Werden des (für Nietzsche) angeblich entfremdeten Menschen eine Illusion. Man könne sich nicht, so Nietzsche, außerhalb des kranken Getriebes stellen und objektive Kritik üben, wie es alle „Offenbarungen“ tun. Man könne sich nicht, wie Stirner es tut, außerhalb der krankmachenden Moral stellen, da nach Nietzsche alles Moral ist; alles ist Bewertung, Perspektive, d.h. das Aufzwingen von Standpunkten, von „Ideen“. „Die Welt ist Wille zur Macht und nichts außerdem.“ Die Welt selbst hat sozusagen eine sadomasochistische Struktur, so daß das rationale Funktionieren „egoistischer Vereine“ ausgerechnet beim grausamen Raubtier Mensch abwegig sei.

Stirners „Eigner“ hingegen argumentiert nicht aus der Perspektive des Strebens, d.h. des Willens zu Macht, heraus, sondern aus der der bloßen Bewahrung seiner Eigenheit gegen die Enteignung durch die Gesellschaft, d.h. aus der Schwäche heraus, die für Nietzsche gleichbedeutend mit der Lüge ist. Wenn Wahrheit überhaupt einen Sinn mache, dann sei es die Sicht von einer höheren Perspektive, von der größeren Macht her, – die groß genug ist, um sich nicht zu bewahren, sondern „heroisch“ verschwenden zu können. Für Nietzsche gibt es kein authentisches, wahres Leben außerhalb der „Wertsetzungen“, d.h. „Machtsetzungen“. Hinter jeder Maske gäbe es nur wieder eine weitere Maske, ohne zu einer „Eigenheit“, bzw. „Eigentlichkeit“ vordringen zu können. Von daher sei Eigenheit bzw. „Eigentlichkeit“ die Lüge der Schwachen, deren beschränkte Perspektive kaum über die Grasnarbe reiche. Nietzsches implizite Kritik an Stirner bestand in der Entlarvung dieses Ressentiments des Grashüpfers. Nietzsches Moral war, nicht die Schwäche als „Wahrheit“ zu verkaufen, sondern die Wahrheit aus eigener Machtfülle zu „setzen“.

Nietzsches Haltung zu Stirner entspricht ziemlich genau der Haltung Freuds zu Reich: der abgeklärte Blick des desillusionierten Aristokraten hinab auf den ungestümen kindlichen Romantiker, der sich naiv den vermeintlich wahren „eigentlichen“ Gefühlen, der vermeintlich „guten Natur“ hingibt, „sein Steckenpferd reitet“. Aber warum wurde dieser Konflikt nie offen ausgetragen? Warum schwiegen Nietzsche und Freud ihren jeweiligen Antipoden tot? Die Antwort findet sich in den letzten Schaffensperioden der beiden Männer. Nietzsche wandte sich am Ende von seiner Philosophie des „Willens zur Macht“ ab und dem lebendigen Urgrund seines Denkens zu. In seiner wenn man so will „Autobiographie“ Ecce homo war Nietzsches letztes Thema Nietzsche selbst und der Durchbruch zum Authentischen, der ihm ja auch schließlich auf verzerrte Weise durch das Absinken in den Wahn gelungen ist.

Nietzsche konnte sich nicht mit Stirner explizit auseinandersetzen, ohne sich (im doppelten Sinne des Wortes) zu verraten. Ähnlich gelagert war es mit Freud, der zum Schluß doch an der gegenüber Reich verteidigten „Kultur“, mit der das Untier Mensch zu zivilisieren sei, zu zweifeln anfing.

Als Freud vor den Nazihorden 1938 nach England flüchten mußte, machte er Aufzeichnungen, aus denen hervorgeht, daß er an seinen eigenen Spekulationen zweifelte. Vielleicht ließen sich Neurosen vermeiden, schrieb er, wenn man das kindliche Sexualleben frei gewähren ließe, wie es bei vielen Primitiven der Fall war. Er war verunsichert, ob die Ätiologie der Neurosen nicht doch komplizierter sein würde, als er sie ausgeführt habe. Er ließ es dahingestellt, ob nicht eine zu frühzeitige Eindämmung des Sexualtriebes eine negative Wirkung auf die spätere Kulturbereitschaft bewirken könnte. Er sprach zynisch von einem „hochgeschätzten“ Kulturbesitz, von dem vieles auf Kosten des Sexualtriebes erworben wurde. In seinem letzten Brief an Arnold Zweig drückte er seinen Mißmut über Zweigs Bewunderung des Buches Das Unbehagen in der Kultur mit den Worten aus: „Was Sie für trostreiche Aufklärung in meinem Unbehagen entdeckt haben, kann ich nicht leicht erraten. Dies Buch ist mir fremd geworden“. Das Buch, das nach scharfen Auseinandersetzungen mit Reich zustande gekommen war, sollte jetzt nicht mehr gelten. Sollte also Reich doch recht behalten? (Walter Hoppe: Wilhelm Reich, München 1984, S. 65f)

Am Ende stellte sich heraus, daß die „kindlichen ‚kulturfeindlichen‘ ‚Nihilisten’“ Stirner und Reich die Realisten waren, während Nietzsche und Freud bei ihrer lebenslangen Flucht vor sich selbst ihr Leben für das inhaltsleere Spiel der sinnlosen und willkürlichen „Werte“ vertan hatten, für ein kindisches Maskenspiel. Genau das ist Thema der Fälschung Meine Schwester und ich.

Der Gegensatz Freud-Reich war nicht der faire Gegensatz „des Einzigen (SF) gegen den Einzigen (WR)“ (Der Einzige, S. 229), sondern der Gesellschaft, vertreten durch den von fixen Ideen besessenen Freud, gegen den Einzigen Reich – also extrem unfair. Genauso unfair und „moralisch“ verwerflich, wie der Gegensatz zwischen Gesellschaft (vertreten durch die psychoanalytisch geschulten Eltern) und Kind, dessen angeborenes eigensinniges „Verbrechertum“ ausgetrieben werden soll, damit es sich für das vermeintlich Höhere opfere.

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Der Staat” und folgende

25. März 2025

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Der Staat“ und folgende

Sex und Kultur

15. März 2025

Marx:

Volker Elis Pilgrim hat in seinem Buch Adieu Marx (Rowohlt 1990, S. 156ff) gezeigt, daß Marx, wie später Lenin, Trotzki und Stalin, den sattsam bekannten Bonzen des Realsozialismus glich: „Karl spielt (…) nicht nur Moral, er hat sie im Blut!“ Jede kleinste Abweichung von der Sittlichkeit bringt diesen verbiesterten ständig geifernder Spießer in Rage. Ein „Mann“, der seine ältere „Schwester“ (das beschreibt wohl das Verhältnis) Jenny heiratet und dann, vor Entrüstung über die Unmoral der Welt „da draußen“ nur so triefend, bei der erst besten Gelegenheit seine beiden Hausangestellten schwängert und die eigenen Töchter fickt (von denen eine an Blasenkrebs verreckt ist und die beiden anderen Selbstmord begingen), sich aber nie an Frauen außerhalb der Familie herantraut.

Freud:

Bereits 1893 schrieb Freud an seinen damaligen Freund Wilhelm Fließ, daß bekanntermaßen „die Neurasthenie eine häufige Folge abnormen Sexuallebens“ sei, d.h. von Masturbation und Coitus interruptus. Er stellte dagegen die Behauptung auf, daß sie ausschließlich eine „sexuelle Neurose“ sei und kam zu dem Schluß, daß man Neurosen zwar nicht heilen könne, sie aber vollständig vermeidbar seien. „Die Aufgabe des Arztes verschiebt sich daher ganz in die Prophylaxis.“ Als Konsequenz forderte er ganz sexualökonomisch den „freien sexuellen Verkehr“ der Geschlechter unabhängig von der Eheinstitution und bessere Verhütungsmittel (Peter Gay: Freud, Fischer TB, S. 77). In seinen Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie sollte er 1905 schreiben, daß die neurotischen Symptome „die Sexualbetätigung der Kranken“ seien (ebd., S. 169). 1907 berichtete ein Teilnehmer der Freudschen „Mittwochsgesellschaft“, „wie er während einer Zeit sexueller Abstinenz an allen Arten von psychosomatischen Symptomen gelitten habe, die verschwunden seien, sobald er ein Verhältnis mit der Frau eines impotenten Freundes angeknüpft habe“ (ebd., S. 201f).

Man kann so beliebig fortfahren: es zeichnet sich in den ersten Jahren der Psychoanalyse Reichs Sexualökonomie ab.

Die Freudo-Marxisten:

Adorno, Fromm, Marcuse, etc. haben eine kulturalistische Vorstellung von dem, was Therapie oder ganz allgemein „Umgestaltung“ hervorbringen kann oder soll. Das impliziert, daß sie bei allem hohlen Freiheitspathos die Falle („Kultur = Über-Ich“) gar nicht verlassen wollen. Für sie gilt das gleiche, was für den resignierten Freud der alles bestimmende Leitspruch war: DIE KULTUR GEHT VOR!

Das bedeutet im Umkehrschluß nicht, daß Reich eine „biologistische“ Vorstellung hatte, denn offensichtlich ist der Mensch ohne Kultur undenkbar und niemand will „zurück zu den Affen“. Reich will schlicht, daß der Mensch Abstand nehmen und wählen kann. Konkretes Beispiel: Bewußtmachen der Atemsperre –> kein Mensch will mit dieser Sperre dahinvegetieren –> bei guter Therapie wird der Patient einen neuen Halt in der autonomen Atmung finden, ein besseres Körpergefühl entwickeln, erstmals wirklich fühlen –> er wird selbst „autonom“ und unabhängig und kann das von der Kultur annehmen, was ihm gemäß ist und dazu beitragen langsam eine neue Kultur zu errichten.

Man kann nicht sagen, daß das Ziel der Therapie nicht vom Patienten bestimmt wird – oder daß es vom Patienten bestimmt wird. Wenn ich mich nämlich von mir selbst distanziere, dann wähle nicht mehr ich das Ziel, – aber auch ein anderer wählt nicht das Ziel. Die Autonomie, die ich gewinne, bedeutet nicht, daß ich meinen „tierischen Impulsen“, meinen genetisch programmierten Instinkten blind folge, sondern meinen bioenergetischen Funktionen. Das ganze ist weder kulturalistisch (wobei die unverzichtbare Rolle der Kultur gar nicht geleugnet wird), noch biologistisch (wobei der Menschenaffe Homo sapiens selbstredend auch nicht geleugnet wird – es lebe die Verhaltensforschung!), sondern bioenergetisch. Letztendlich geht es um orgastische Potenz.

Bei aller Theorie geht es letztendlich um etwas sehr Praktisches und Handgreifliches: um Charakteranalyse, d.h. das Innehalten, etwa wenn man gefragt wird, warum man grinst oder die Schultern hochgezogen hat, etc. Man wacht auf aus einem Automatismus und gewinnt Handlungsoptionen zurück.

Was ist mit den jungen Leuten los? (Teil 1)

23. Februar 2025

Bis weit ins letzte Jahrhundert hinein war die westliche Gesellschaft, wie heute noch die mohammedanische Welt, weitgehend vom Mystizismus bestimmt. Die Menschen orientierten sich an „Gott“ und seinen Vorgaben. Die Welt war mehr oder weniger wohlgeordnet, die Rollenverteilung in Familie und Gesellschaft festgelegt und unhinterfragbar. Staat und Familie ergänzten sich auf geradezu perfekte Weise. Reich hat diese „autoritäre Gesellschaft“ und den Beginn ihres Verfalls infolge von Industrialisierung und „Massenkultur“ ausführlich beschrieben, beispielsweise in Die Massenpsychologie des Faschismus.

Die autoritäre Gesellschaft begann zu zerfallen, als immer mehr „die Maschine“ den Alltag und das Denken der Menschen zu beherrschen begann. Die Fabrik- und Büroarbeit und der beginnende Massenkonsum zerstörten zusehends die alte Ordnung in Familie und Gesellschaft. Hinzu kamen die großen Kriege mit ihren Massenheeren. Die Väter waren teilweise über Jahre abwesend und kehrten als gebrochene Menschen heim. In den Schulen lernten derweil ihre Kinder, daß der Mensch kaum mehr ist als eine Maschine und daß das Universum kalt, leer und sinnlos ist. Kein Religions- oder gar „Ethikunterricht“ konnte das auffangen, was sie im Biologie- und Physikunterricht gelernt hatten. Hinzu kamen die zunehmend „zersetzend“ wirkenden Massenmedien.

Dergestalt bildete sich langsam aber sicher die antiautoritäre, d.h. „mechanistische“ Gesellschaft aus. Die ersten Ansätze dazu gab es in den 1920er Jahren, d.h. nach dem Trauma des Ersten Weltkrieges. Man denke nur an „Dada“, den Jazz, den Bubikopf, etc. Der Nationalsozialismus war teilweise eine rückschrittliche Reaktion („der Tag von Potsdam“) auf diese Strömung, teilweise aber selbst Ausdruck dieser Strömung. (Noch deutlicher ist in dieser Beziehung der italienische Faschismus.) Nach der noch schlimmeren Verwerfung durch den Zweiten Weltkrieg hat die westliche Gesellschaft verzweifelt versucht die „alte autoritäre Ordnung“ wiederherzustellen, man denke nur an die McCarthy-Ära in den USA und die Adenauer-Ära in Westdeutschland, doch war die antiautoritäre Gesellschaft nicht mehr aufzuhalten und brach sich seit etwa 1960 freie Bahn.

Der Zerfall der autoritären Ordnung, die von gehemmten Charakteren (insbesondere Zwangscharaktere, „unterdrückte“ phallische und hysterische Charaktere und chronisch depressive Charaktere) geprägt war, ging mit der Verbreitung von triebhaften Charakteren einher („unbefriedigte“ phallische und hysterische Charaktere, manisch depressive Charaktere). Zumindest in Großstädten findet man mittlerweile in psychotherapeutischen Praxen kaum noch die Menschen, die Freud, Reich und Baker in ihren Werken beschrieben haben. Stattdessen hat man es zunehmend mit „Freaks“ zu tun – als solche hätten sie jedenfalls in der alten autoritären Gesellschaft gegolten.

Dese Menschen sind vor allem durch das Diktum geprägt, daß Freiheit wichtiger ist als Verantwortung. Freiheit ist überhaupt das wichtigste. Kinder und langfristige Partnerschaften sind nur hinderlich. Man ist auf der Suche nach seinem „Selbst“. Das Individuum ist unendlich wichtiger als die Gruppe (auch was die Verantwortung in der Generationenfolge betrifft). Das führt zu immer mehr Unordnung und gesellschaftlicher Instabilität, worauf die Menschen mit verstärkter Augenpanzerung reagieren. Die so erzeugte Kontaktlosigkeit geht mit immer mehr Verantwortungslosigkeit einher. Und das immer so weiter in einer unaufhaltbaren Abwärtsspirale.

Natürliche Unterschiede, etwa die zwischen den Geschlechtern, verschwinden zusehends. An ihre Stelle treten „individuelle Lebensentwürfe“ und eine Zersplitterung der Gesellschaft in „Szenen“, die kaum noch gemeinsame Berührungspunkte haben („Tribalismus“). Charakteristischerweise ist der Konformitätsdruck innerhalb dieser in sich geschlossenen Kreise, „Cliquen“, weitaus höher als er in der autoritären Gesellschaft je war. Auf Gesamtgesellschaftlicher Ebene kommt es zu einer zunehmenden Polarisierung zwischen „links und rechts“, wobei die Rechte zunehmend marginalisiert wird. Unterstützt wird dies dadurch, daß die Rechte in einer Welt, die nicht die ihre ist, im Laufe der Zeit immer unbeholfener und „fehl am Platze“ wirkt. Wer etwa für das traditionelle Rollenmodel der Frau eintritt, muß sich angesichts des Hohn und Spotts, dem er ausgesetzt ist, in haltlose Widersprüche verfangen.

Man kann die „antiautoritäre“ Strömung vielleicht am ehesten von der Krebsschrumpfungs-Biopathie her verstehen, bei der das Gewebe zerfällt und sich auf primitiverem Niveau im Krebstumor neu organisiert. Krebszellen sind geradezu die Verkörperung des „antiautoritären Rebellen“. Da die natürliche Organisation des Körpers zunehmend zerfällt, funktioniert beim Krebs der Organismus nur mehr wie eine Maschine, mechanisch.

Der Endzustand, auf den die antiautoritäre Gesellschaft zusteuert, ist der Kommunismus. Da die Individuen immer mehr wie „Krebszellen“ funktionieren, d.h. aus sich heraus nicht mehr existieren können, wird die Gesellschaft so reorganisiert, daß das Geld „von oben kommt“ („Sozialstaat“), ähnlich wie bei Krebs der Organismus schließlich nur noch dazu dient die Krebstumoren am Leben zu erhalten. Die Senkung des Energieniveaus, die energetische Schrumpfung, kommt beispielsweise in der Geldwirtschaft zum Ausdruck, die an „Anämie“ zu leiden beginnt. Die großen Kriege, gigantische Infrastrukturprogramme und nicht zuletzt der „Sozialstaat“ machten eine Ausweitung der Geldmenge notwendig, die sich schließlich verselbständigte und nach einer „Bändigung der Finanzmärkte“ rief. Das läuft auf einen „Staatskapitalismus“ hinaus, der sich in letzter Konsequenz in nichts vom sowjetischen Model unterscheiden wird. Der krebsige Zerfall ist abgeschlossen.

Die antiautoritäre Gesellschaft ist genausowenig „freiheitlich“, wie der an einer Krebsschrumpfungs-Biopathie leidende Organismus „selbstreguliert“ ist, nur weil sich Gewebe „selbständig“ machen. Da die Menschen in der antiautoritären Gesellschaft zunehmend unselbständiger werden, wird sie tatsächlich immer „autoritärer“. Man denke nur daran, wie wir zunehmend wie Kinder behandelt werden, denen man alles sagen muß: keine Plastiktüten über den Kopf ziehen, seinen Müll nicht in die Landschaft schmeißen, sich im Auto anschnallen, einen Fahrradhelm tragen, nicht zuviel essen, für Bewegung sorgen, etc.pp. In der autoritären Gesellschaft waren die Menschen selbständiger! Wie noch heute in der mohammedanischen Welt waren die Menschen früh erwachsen, während heute noch 40jährige sich wie „rebellische“ Jugendliche benehmen, die letztendlich darauf zählen, daß sie „geführt“ werden.

Das Wesen der antiautoritären Gesellschaft wird von Hollywood sowohl beschrieben als auch weiter propagiert: es gibt schlichtweg keinen Jugendfilm, in dem nicht Marijuana verharmlost, wenn nicht sogar offen propagiert wird; Filme wie Der englische Patient zeigen, daß private (sexuelle) Glück weitaus wichtiger ist, als das Schicksal der eigenen Schicksalsgemeinschaft; Agenten- und Actionfilme, etwa die Bourne-Reihe, verbreiten die Botschaft, daß die alten Werte wie Patriotismus, Ehre und Loyalität geradezu das Grundübel dieser Welt darstellen; in Das Beste kommt zum Schluß werden zwei Krebskranke im Endstadium gezeigt, die nicht etwa „ihr Haus ordnen“ und die letzten Tage mit der Familie verbringen, sondern wie wildgewordene Teenager „voll auf die Kacke hauen“. Vor 1960 wären die Menschen angewidert aus den Filmtheatern gelaufen, heute halten sie diesen nihilistischen, zutiefst deprimierenden Dreck für eine humanistische Offenbarung!

Besonders gut kann man die Entwicklung der antiautoritären Gesellschaft anhand der Liedtexte der Popmusik verfolgen. Den Anfang macht Imagine von John Lennon, in der von einem leeren, gottlosen Universum geträumt wird, in dem es nichts gibt, für das es sich lohnen würde sich zu opfern. (Ich wußte schon damals, daß ich nicht dazu gehöre, denn kaum etwas habe ich mehr gehaßt als diese widerliche Kommunisten-Hymne!) Am Ende steht die Verherrlichung von Mord, Todschlag, Vergewaltigung und Diebstahl im Gangsterrap.

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Psychosomatik” und folgende

21. Februar 2025

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Psychosomatik“ und folgende

Die zwei Aspekte der Neurose

30. Juli 2024

Neurosen zeichnen sich durch ihre innere Widersprüchlichkeit aus, denn sie sind einerseits ein Selbstheilungsversuch und andererseits ein Selbstzerstörungsversuch:

1. „Wiederholungszwang“, d.h. die stets erneute Inszenierung des kindlichen Dramas, um doch noch zu irgendeiner Lösung zu gelangen, die natürlich ewig ausbleiben wird.

2. „Selbstbestrafung“, denn nach seiner eigenen mächenhaft-magischen „Logik“ ist das Kind allmächtig und deshalb für alles verantwortlich, was ihm widerfahren ist.

Gemeinsam ist diesen beiden Elementen, daß sie das Infantile ins Erwachsenenleben tragen und dieses vergiften.

Was tun? Einsehen, daß die Sache gegessen ist. Die Vergangenheit existiert nicht mehr. Das, was existiert, sind die Strukturen, die in der Vergangenheit aufgebaut worden sind, d.h. die Panzerung – die stereotypen Verhaltensmuster und „stereotypen Muskelverkrampfungen“ im Hier und Jetzt.

Tatsächlich versuchen wir ständig aus diesem Gefängnis, d.h. unserer Panzerung, auszubrechen und Scheitern daran, weil die Panzerung uns verkrüppelt hat. Die Ausbruchsversuche werden als „Wiederholungszwang“ psychologisiert und unsere Freiheitsangst als „Selbstbestrafung“.

Was getan werden muß, ist die Panzerung selbst anzugehen. Das geschieht, indem wir uns nicht länger mit der Panzerung identifizieren; psychologisch ausgedrückt: nicht mehr das Ich mit dem Über-Ich verwechseln. Das ist genau das, was Max Stirner als „Empörung“ bezeichnet hat. Ich soll alles Mögliche sein, nur nicht ich selbst!

Und was ist mit Frühgestörten und ihrem zerbröselnden Ich? Dazu morgen mehr.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 68)

6. Juni 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Eine moralische Sichtweise hat in der Orgonbiophysik nichts zu suchen. Es ist nicht die Frage, ob etwas „gut“ oder „böse“ ist, sondern ob es gesund oder ungesund ist, d.h. das Lebendige fördert oder unterdrückt. Von daher macht beispielweise der Satz, daß „der Mensch von Natur aus gut ist“ keinen Sinn. Mit Stirner könnte man nämlich eher sagen, daß der Mensch von Natur aus ein Verbrecher ist! Der Satz „Der Mensch ist von Natur aus gut“ bedeutet doch letztendlich, der Mensch ist gesellschaftskompatibel, d.h. moralisch. Deshalb sei Freiheit möglich, Zusammenarbeit, Glück, Prosperität ohne Zwang etc. Aber darum geht es halt nicht! Es geht nicht um „Freiheit“, sondern mit Stirner um EIGENHEIT. Jeder Mensch vertritt von Natur aus seine eigenen Interessen und ist deshalb „verbrecherisch“ bzw. „böse“ gegenüber der Gesellschaft.

Stirners Gedanke war es, daß trotzdem eine Gesellschaft möglich ist, weil diese „Eigenheiten“ miteinander kompatibel sind. Ein Gedanke, der sich entstellt und andeutungsweise auch bei Nietzsche ausmachen läßt mit dem: die Welt ist Wille zur Macht und nichts außerdem. Nur daß bei diesem die unendlich vielen Machtzentren (die unendlich vielen „Willen zur Macht“) in alle Ewigkeit ein sadomasochistisches Hin und Her ausfechten. Diese Vorstellung entspricht einer Welt, in der die Individuen durch das Über-Ich in eine unendlich sich variierende Vielfalt zersplittert – ist. Die bunte Vielfalt der Neurosen, die früher die Psychoanalytiker so faszinierte und die heute als „Diversität“ gefeiert wird. Aber ohne Über-Ich gäbe es DIESE Vielfalt gar nicht!

Also: wenn jemand sagt: „Der Mensch ist von Natur aus gut“, dann heißt das, daß er tolerant ist und die Vielfalt der Neurosen toleriert. Tatsächlich ist aber das exakte Gegenteil gemeint: der Stirnersche Mensch rebelliert „böse“ gegen diese Vielfalt. LaMettries auf „tugendhafte“ Weise wollüstige Mensch, Stirners „Einziger“ (!) und Reichs genitaler Charakter – ist eine Einfalt; die Einfalt des „Menschentiers“ (Reich), das nicht mehr ist als ein „bohnenförmiger Membransack voller pulsierender Orgonenergie“. Aus der Sicht der bunten Welt ist das das absolut Böse. Heute wird gegen dieses der „Diversität“ entgegenstehende Böse härter angekämpft als jemals zuvor. Sozusagen: „Für diese LSR-Schwurbler ist der Mensch von Natur aus Nazi! Der Mensch ist aber von Natur aus gut, nämlich – divers.“

Reich hat das mal gegenüber seiner Sekretärin und zeitweisen Geliebten Lois Wyvell sehr schön zum Ausdruck gebracht: die meisten Menschen gehen wie ein Bär, ein Fuchs, ein Hase etc., während nur ganz wenige Menschen wie – Menschen gehen. Tendenziell können nur die letzteren „tugendhafte Lust“ (LaMettrie) empfinden, nur sie sind Eigner ihrer selbst, nur sie sind orgastisch potent.

Die Frage, nach der ursprünglichen „Gutheit“ des Menschen wurde nicht zuletzt durch die Erbsündenlehre hoffnungslos verkleistert. Diese wird nur von der von Augustinus beherrschten Westkirche vertreten, während die Ostkirche, der Islam, das Judentum sie ablehnen. Auch dort „ist der Mensch von Natur aus gut“ bzw. in der Orthodoxie erben wir nicht eine „Schuld“ von Adam, sondern den Tod, der uns anfällig für die Sünde macht.

Im Anti-Seneca schreibt LaMettrie: „Den Nerven fehlt eine Triebfeder, um angenehme Modifikationen festzuhalten: stattdessen besitzen sie eine, die die unangenehmen bewahrt“ (S. 151). Das macht uns anfällig für Panzerung. (Man siehe nur mal Reichs entsprechende Ergebnisse in seinen bio-elektrischen Experimenten von 1935!) Der Mensch erbt zwar nicht „von Natur“ irgendeine Schuld (Über-Ich), aber eine unglückliche Anfälligkeit… Deshalb kann man nicht schlichtweg sagen „Der Mensch ist gut.“

Es gibt Menschen mit weniger gut ausgebildeten „Spiegelneuronen“, Problemen mit dem Frontalhirn, etc. Genauso wie es von Natur aus friedlichere und angriffslustigere Schäferhunde aus ein und demselben Wurf gibt. Nichts wird jemals perfekt („gut“) sein. Ähnlich argumentiert auch LaMettrie mit den Kenntnissen eines Mediziners aus dem 18. Jahrhundert. Und seine Antwort war ähnlich „ökonomisch“ (sexualökonomisch, „energieökonomisch“) wie die Reichs: Zähmung durch „tugendhafte Lust“.