Gedichte wie das folgende ergreifen uns, weil hier der Dichter seine ansonsten verdrängten Strebungen in sublimierter Form zum Ausdruck bringt. Das Dunkle und Undeutbare erweist sich als Ausdruck der „Zensur“ im Freudschen Sinne: unter keinen Umständen dürfen dem Dichter selbst bestimmte Dinge ins Bewußtsein treten. Diesen Konflikten, dieser Spannung kann der Dichter auf zweierlei Wege entgehen: durch komplette Verflachung des Inhalts, etwa in Gestalt von Marxistischen Tendenzstücken, oder durch die komplette Dominanz von Obskurantismus und Subjektivismus, der nicht mehr zu entschlüsseln sind. Brecht wollte sich von letzterem befreien und wandte sich deshalb der vermeintlich „objektiven Wissenschaft“ des Marxismus zu.
Hier das besagte Gedicht avon Mitte der 1920er Jahre kurz bevor sich Brecht von seinem „Subjektivismus“ befreite:
Aber die Händelosen Ohne Luft zwischen sich Hatten Gewalt wie roher Äther. In ihnen war beständig Die Macht der Leere, welche die größte ist.
Sie hießen Mangel-an-Atem, Abwesenheit, Ohne-Gestalt Und sie zermalmten wie Granitberge Die aus der Luft fallen fortwährend. Oh, ich sah Gesichter Wie in schnell hinspülendem Wasser Der abtrünnige Kies Sehr einförmig. Viele gesammelt Gaben ein Loch Das sehr groß war.
Immer jetzt rede ich nur Von der stärksten Rasse Über die Mühen der ersten Zeit.
Plötzlich Flohen einige in die Luft Bauend nach oben; andere vom höchsten Hausdach Warfen ihre Hüte hoch und schrien: So hoch das nächste! Aber die Nachfolgenden Nach gewohnten Daches Verkauf fliehend vor Nachtfrost Drangen nach und sehen mit Augen des Schellfischs Die langen Gehäuse Die nachfolgenden. Denn zu jener Zeit in selbiger Wändefalt
Aßen in Hast
Vier Geschlechter zugleich Hatten in ihrem Kindheitsjahr Auf flacher Hand den Nagel im Wandstein Niemals gesehn.
Ihnen wuchs ineinander Das Erz und der Stein. So kurz war die Zeit Daß zwischen Morgen und Abend Kein Mittag war Und schon standen aus altem, gewöhnetem Boden Gebirge Beton.
Ich will dieses Gedicht, das die emotionale Bewegtheit eines bayrischen Provinzlers in der Weltmetropole Berlin, d.h. die Bewegung der Orgonenergie in ihm und in seiner Umgebung widerspiegelt, nicht groß interpretieren. Er erlebt Berlin ähnlich wie das kalte und unmenschliche Hochgebirge, wo man ebenfalls die „rohe Gewalt“ des Äthers spürt.
Bemerkenswert ist nicht nur Brechts Genie, sondern auch, daß Brecht die Welt eines Klabunds wenig später verlassen sollte und beeinflußt durch den Marxismus sich dröger Propaganda zuwenden sollte, die das Theater nachhaltig zerstört hat, da die Schauspieler in bloße Marionetten verwandelt und damit alle Emotion beseitigt wurde. Bestenfalls wurden die Schauspieler zu Marionettenspielern, die eine hölzerne „Charaktermaske“ vor sich hertrugen. Eine durch und durch verkopfte Angelegenheit. Reich wandte sich zur selben Zeit wie Brecht dem Marxismus zu, ohne dabei das Wesentliche, seine Seele, zu opfern. Gewisserweise blieb er Klabund treu.
Im Manuskript von Reichs 1942 erschienenen wissenschaftlichen Autobiographie Die Funktion des Orgasmus taucht ein vor der Drucksetzung wieder gestrichenes Gedicht auf, daß Reich sechs Jahre später am Ende seiner Rede an den Kleinen Mann doch anbringen sollte:
Ich pflanzte das Panier der heiligen Worte in diese Welt. Wenn längst der Palmenbaum verdorrte, der Fels zerfällt, wenn die strahlende Monarchen wie faules Laub im Staub verwehn: Tragen durch jede Sündflut tausend Archen mein Wort: Es wird bestehn!
Das Gedicht stammt von Klabund bzw. aus dessen freier Übersetzung eines Gedichtes des iranischen Nationaldichters Hafis.
Als Jugendlicher war Klabund der einzige Dichter (neben vielleicht Hesse), für den ich mich erwärmen konnte. Brecht, der uns von den Lehrern angetragen wurde, habe ich instinktiv abgelehnt und insgeheim verachtet. Er war (so jedenfalls die allgemeine Auffassung) der bedeutendere Dichter, doch nur bei Klabund findet man diesen merkwürdigen Zauber, dieses Brennen – das das Leben selbst ist. Außerdem war Brecht ein passionierter Plagiator und hat sich ausgiebig von Klabund „inspirieren“ lassen. Man denke nur an den Kaukasischen Kreidekreis.
Ein Symptom unserer zerfallenden, antiautoritären (d.h. „Antivater-“) Gesellschaft sind bestimmte junge Mädchen, die aus zerfallenden Familien hervorgehen. Der Vater (oder die Mutter zusammen mit der Tochter) verläßt die isolierte Kleinstfamilie, in der seine Tochter mangels Alternativen ihre gesamte Libido auf IHN konzentriert hatte. Nun ist er weg und gemäß ihres (fast immer!) hysterischen Charakters kleidet sie sich infolge extrem aufreizend, um auf „magische“ (d.h. psycho-logische) Weise IHN zurückzugewinnen. Psycho-logisch ist es nämlich IHR Ehemann. Gleichzeitig fühlt sie sich wie der letzte Dreck, eben weil ER sie verlassen hat und macht einen auf Punk, Gothic, Frankensteins Braut. Ihre Lektüre sind Horror- und Vampirstorys. Besonders tragisch wird es, wenn sie in sexueller Unterwerfung das sucht, was sie wirklich vermißt: Liebe, Bestätigung und Geborgenheit.
Jungen in der gleichen Situation werden Bodybuilder oder verfallen irgendeiner anderen Arten von extremem Machismo, um magisch/psycho-logisch den Vater zu ersetzen, – oder sie werden aus naheliegenden Gründen homosexuell oder zumindest „genderfluid“. (Entsprechendes läßt sich über so manches Mädchen sagen, daß dann halt keine „Bitch“ ist, sondern eine „Butch“.)
Ich bin kein Psychotherapeut und kann deshalb das obige nicht weiter ausführen. Es geht auch gar nicht darum, ob das hier nun unbedingt im einzelnen stichhaltig ist, sondern um die grundsätzliche tiefenpsychologische („Ödipuskomplex“) und bioenergetische („Charakterstruktur“) Sichtweise, die zunehmend verlorengeht. An ihre Stelle rücken „dekonstruktivistische“ (zersetzende) vulgärmarxistische und lerntheoretische Herangehensweisen, die darauf hinauslaufen, das Elend zu verfestigen durch familienfeindliche Sozialprogramme und Unterstützung „alternativer Identitäten“. Was immer sich das parasitäre rote Gesindel ausdenken mag und ihren zunehmend blööööderen „Studenten“ an den Universitäten eintrichtert.
Freud und Reich sind heute aktueller denn je. Ihre Theorien sind augenfälliger wahr als jemals zuvor. Doch die Welt wendet sich vermeintlich „zeitgemäßeren“ Erklärungsansätzen zu, nicht mal ahnend, daß sie für den, der sehen kann, vollständig nackt dasteht. Ja, du ahnst nicht mal, was ich sehe, wenn ich dich anschaue, einen üblen Wahnsinn aus genitaler Rache und genitaler Flucht.