Archive for the ‘Psychologie’ Category

Bert, Klabund und Peter (Teil 2: Ein Abend im August. Fünf Gedichte von Peter)

22. August 2020

 

An der Quelle

Von der fernsten Warte aus,
Zwischen all den Eichen,
Weht Windeseile

Mein Auge wirft von oben
Herab auf die Wipfel.
Wir sitzen im Moos.

Über den Duft der Wiesen
Atme ich die Sonne.
Meer in deiner Brust.

Ähren wogen, weiße Gischt
Aufgefangen vom Grün,
Bleibt es im Kraushaar.

Eisenbraun wie totes Laub
Das Blau fällt in den Quell‘
Von Blättersproßen.

 

Alte und junge Bäume

Die gestandenen Bäume.
Geschrei der Balgen hassen?
Sie stützen das Firmament.

Bin ich gar ein Verräter?
Um mich her das Kirchenschiff,
Daß sie da sind, wirklich da.

Alles, was sie verkünden, ist.
Meine Gedanken laufen,
grüne Wolken zu werden?

Wie die jungen Triebe noch,
weg wie nervöse Jungen.
Nicht da, streben sie wonach?

 

Am Bach

Es grünt dicht.
In diesen Wipfeln hinoben,
Aus modrigem Grunde.

Singt der Wind.
Ohn‘ Wiederhall die Libelle,
Hin und her, vor, zurück.

Webt ihr Flies.
Für das eindringende Dunkel,
Der kristallene Bach.

Verheißt Dich.
Meandert im satten Grüne,
Fort in Deinen Augen.

 

Beim See

Beim See.
Zwischen den Buchen
Altvertrautes Lied.

Zweige
Singen vom Abgrund.
Ich verhalte mich.

Rühre
Nicht dran Goldsonne.
Luftmeer fließt durch mich.

Bitte,
Versinken ist schwer.
Vögel wie Fische.

Fallen.
Ferner Straßenlärm;
Er ist wie Brandung.

 

Im Hain

Grün vor dem Gold,
Da der Bräutigam mit ihr
am Horizont sich vereint.
Es ist hier.

Schwarze Krume
Spielt um mich herum verzückt.
Wird feucht und kühl und Schwere.
Es ist leicht.

Das Laub rauscht leis‘
und der beschwingte Tanz beginnt,
Es ist belebend ziehend.
Ein Drittes.

Schönster Moment
Wenn Himmel und Erde eins
zwischen heute und morgen.
Tief und jetzt.

 

Das Schreiben von Gedichten (oder das Malen von Bildern) ist immer ein ausbalancieren der beiden Funktionen „relative Bewegung“ und „koexistierende Wirkung“. Ich beschreibe die Bewegung des Windes in den Bäumen etc. Ein wirkliches Gedicht wird aber erst draus, wenn durch bestimmte Kunstgriffe diese realistischen Bilder sich überlappen und der aufmerksame Leser dergestalt aus Alltagsbewußtsein herausgerissen wird und „tiefer blickt“, um unerwartete Zusammenhänge zu sehen und vor allem mitzufühlen. Genauso auch in der Malerei. Es ist sinnlos einen Wald realistisch abzumalen, denn das kann jeder Photoapparat weitaus besser. Wirkliche Kunst wird erst draus, wenn eine „tiefere Wirklichkeit“ aufscheint.

Eine einfache Beschreibung ist kein Gedicht und eine akademische Zeichnung kein Kunstwerk. Dasselbe gilt umgekehrt auch für zu viel „dadaistische“ Abstraktion, wenn man überhaupt nicht mehr ergründen kann, worum es im Gedicht oder in der Zeichnung überhaupt geht. Es wird bedeutungsloses Geschmiere a la Kandinsky und der ganzen übrigen modernen entarteten „Kunst“. Kontakt ist sozusagen die Schnittfläche zwischen realistischer „relativer Bewegung“ und subjektivistischer „koexistierender Wirkung“. So auch etwa in der modernen Klassik: Richard Strauß (Programmusik, relative Bewegung) ist langweilig, der späte Arnold Schönberg oder gar Edgar Varese (absolute Musik, koexistierende Aktion) sind langweilig, aber bei Bela Bartok springt der Funke über, vor allem auch weil seine Werke nicht zusammengewürfelt sind, sondern eine organische Einheit ergeben (die koexistierende Wirkung „hält die Bewegung zusammen“). Voila, mein Lieblingsstück:

Bert, Klabund und Peter (Teil 1)

21. August 2020

Gedichte wie das folgende ergreifen uns, weil hier der Dichter seine ansonsten verdrängten Strebungen in sublimierter Form zum Ausdruck bringt. Das Dunkle und Undeutbare erweist sich als Ausdruck der „Zensur“ im Freudschen Sinne: unter keinen Umständen dürfen dem Dichter selbst bestimmte Dinge ins Bewußtsein treten. Diesen Konflikten, dieser Spannung kann der Dichter auf zweierlei Wege entgehen: durch komplette Verflachung des Inhalts, etwa in Gestalt von Marxistischen Tendenzstücken, oder durch die komplette Dominanz von Obskurantismus und Subjektivismus, der nicht mehr zu entschlüsseln sind. Brecht wollte sich von letzterem befreien und wandte sich deshalb der vermeintlich „objektiven Wissenschaft“ des Marxismus zu.

Hier das besagte Gedicht avon Mitte der 1920er Jahre kurz bevor sich Brecht von seinem „Subjektivismus“ befreite:

Aber die Händelosen
Ohne Luft zwischen sich
Hatten Gewalt wie roher Äther.
In ihnen war beständig
Die Macht der Leere, welche die größte ist.

Sie hießen Mangel-an-Atem, Abwesenheit, Ohne-Gestalt
Und sie zermalmten wie Granitberge
Die aus der Luft fallen fortwährend.
Oh, ich sah Gesichter
Wie in schnell hinspülendem Wasser
Der abtrünnige Kies
Sehr einförmig. Viele gesammelt
Gaben ein Loch
Das sehr groß war.

Immer jetzt rede ich nur
Von der stärksten Rasse
Über die Mühen der ersten Zeit.

Plötzlich
Flohen einige in die Luft
Bauend nach oben; andere vom höchsten Hausdach
Warfen ihre Hüte hoch und schrien:
So hoch das nächste!
Aber die Nachfolgenden
Nach gewohnten Daches Verkauf fliehend vor Nachtfrost
Drangen nach und sehen mit Augen des Schellfischs
Die langen Gehäuse
Die nachfolgenden.
Denn zu jener Zeit in selbiger Wändefalt
Aßen in Hast

Vier Geschlechter zugleich
Hatten in ihrem Kindheitsjahr
Auf flacher Hand den Nagel im Wandstein
Niemals gesehn.

Ihnen wuchs ineinander
Das Erz und der Stein.
So kurz war die Zeit
Daß zwischen Morgen und Abend
Kein Mittag war
Und schon standen aus altem, gewöhnetem Boden
Gebirge Beton.

Ich will dieses Gedicht, das die emotionale Bewegtheit eines bayrischen Provinzlers in der Weltmetropole Berlin, d.h. die Bewegung der Orgonenergie in ihm und in seiner Umgebung widerspiegelt, nicht groß interpretieren. Er erlebt Berlin ähnlich wie das kalte und unmenschliche Hochgebirge, wo man ebenfalls die „rohe Gewalt“ des Äthers spürt.

Bemerkenswert ist nicht nur Brechts Genie, sondern auch, daß Brecht die Welt eines Klabunds wenig später verlassen sollte und beeinflußt durch den Marxismus sich dröger Propaganda zuwenden sollte, die das Theater nachhaltig zerstört hat, da die Schauspieler in bloße Marionetten verwandelt und damit alle Emotion beseitigt wurde. Bestenfalls wurden die Schauspieler zu Marionettenspielern, die eine hölzerne „Charaktermaske“ vor sich hertrugen. Eine durch und durch verkopfte Angelegenheit. Reich wandte sich zur selben Zeit wie Brecht dem Marxismus zu, ohne dabei das Wesentliche, seine Seele, zu opfern. Gewisserweise blieb er Klabund treu.

Im Manuskript von Reichs 1942 erschienenen wissenschaftlichen Autobiographie Die Funktion des Orgasmus taucht ein vor der Drucksetzung wieder gestrichenes Gedicht auf, daß Reich sechs Jahre später am Ende seiner Rede an den Kleinen Mann doch anbringen sollte:

Ich pflanzte das Panier der heiligen Worte
in diese Welt.
Wenn längst der Palmenbaum verdorrte,
der Fels zerfällt,
wenn die strahlende Monarchen
wie faules Laub im Staub verwehn:
Tragen durch jede Sündflut tausend Archen
mein Wort: Es wird bestehn!

Das Gedicht stammt von Klabund bzw. aus dessen freier Übersetzung eines Gedichtes des iranischen Nationaldichters Hafis.

Als Jugendlicher war Klabund der einzige Dichter (neben vielleicht Hesse), für den ich mich erwärmen konnte. Brecht, der uns von den Lehrern angetragen wurde, habe ich instinktiv abgelehnt und insgeheim verachtet. Er war (so jedenfalls die allgemeine Auffassung) der bedeutendere Dichter, doch nur bei Klabund findet man diesen merkwürdigen Zauber, dieses Brennen – das das Leben selbst ist. Außerdem war Brecht ein passionierter Plagiator und hat sich ausgiebig von Klabund „inspirieren“ lassen. Man denke nur an den Kaukasischen Kreidekreis.

David Holbrook, M.D.: ÜBER „DAS ENTSPANNEN“, DAS GEFÜHL VON „SINNHAFTIGKEIT“ UND DAS GLÜCK / PANIK, ASTHMA UND DIE VORTEILE EINER PANIKATTACKE / KREISELWELLE, PROJEKTION, PROJEKTIVE IDENTIFIKATION, PHALLISCHE NARZISSTEN VERSUS SCHIZOPHRENE / ÜBER EINFÜHLUNGSVERMÖGEN, LIEBE, POLITIK UND „ENTWEDER-ODER-ISMUS“

8. August 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Über „das Entspannen“, das Gefühl von „Sinnhaftigkeit“ und das Glück

 

Panik, Asthma und die Vorteile einer Panikattacke

 

Kreiselwelle, Projektion, projektive Identifikation, phallische Narzißten versus Schizophrene

 

Über Einfühlungsvermögen, Liebe, Politik und „Entweder-Oder-ismus“

 

David Holbrook, M.D.: LIEBESANGST / STREITEN UND DIE DREISCHICHTIGE STRUKTUR / DER THERAPEUT ALS „MENSCHENFLÜSTERER“ / „FANG AN DIR SELBST ZU VERGEBEN“

7. August 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Liebesangst

 

Streiten und die dreischichtige Struktur

 

Der Therapeut als „Menschenflüsterer“

 

„Fang an dir selbst zu vergeben“

 

David Holbrook, M.D.: „SELBSTZERSTÖRERISCHES VERHALTEN“ ALS BEDÜRFNIS SICH ZU PANZERN. BRIEF AN EINEN FREUND / FULL METAL JACKET UND DIE 1980ER JAHRE / ÜBER DIE SEELE / DER PANZER IST EINE LÜGE

29. Juli 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

„Selbstzerstörerisches Verhalten“ als Bedürfnis sich zu panzern. Brief an einen Freund

 

Full Metal Jacket und die 1980er Jahre

 

Über die Seele

 

Der Panzer ist eine Lüge

 

David Holbrook, M.D.: SECHS IRRTÜMER BEI POLITISCHEN DISKUSSIONEN / DIE KUNST DER KOMMUNIKATION BEI POLITISCHEN DISKUSSIONEN / HUMOR / DIE SPIELREGELN

23. Juli 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Sechs Irrtümer bei politischen Diskussionen

 

Die Kunst der Kommunikation bei politischen Diskussionen

 

Humor

 

Die Spielregeln

 

nachrichtenbrief162

19. Juli 2020

David Holbrook, M.D.: VERBRECHEN UND VERANTWORTUNG

13. Juli 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Verbrechen und Verantwortung

 

nachrichtenbrief161

12. Juli 2020

Wahrheit und Wirklichkeit (Teil 2: die fundamentale Ebene)

7. Juli 2020

Willkürlich greife ich ein entsprechendes Erlebnis aus ziemlich vielen heraus. Aus dem Zusammenhang gerissen erwähnte jemand im Büro mir gegenüber einen „Problemkunden“, Herrn xyzabz. Alles andere als ein gewöhnlicher Name! Wir unterhielten uns humorvoll über ihn, und dabei ging ich zum Fenster auf der anderen Seite des Büros und schaute auf die Straße hinunter. Ich sah (zum ersten Mal in meinem Leben) dort unten auf dem großen städtischen Platz ein Auto eines Beerdigungsunternehmens mit der großen Aufschrift „xyzabc“ auf dem Rückfenster. Wir alle waren völlig verblüfft. Es war ganz so, als ob „das Universum“ einen (wirklich passenden!) „Kommentar“ zu unserem Gespräch über Herrn xyzabc abgeben würde! Von dem astronomischen Zufall ganz zu schweigen!

Irgendetwas „stimmt“ nicht mit der Realität selbst. Das ist auch der Grund, warum Verschwörungstheorien bei mir nicht so gut funktionieren. „Ist es nicht bemerkenswert, daß zur Zeit und am Ort des JFK-Attentats, bei 9/11 usw. dieses und jenes geschah?!“ „Nun ja…“ Es gibt einen Bereich jenseits von oder, besser gesagt, neben Ursache und Wirkung. Etwas, das eng mit dem Bewußtsein selbst verbunden ist. Und auch das Bewußtsein ist etwas, das von Ursache und Wirkung getrennt ist. Wie Dr. Robert A. Harman aufgezeigt hat, hat dieser Bereich etwas mit kosmischer Überlagerung, Schwerkraft usw. zu tun, mit KOORDINIERUNG jenseits von Raum und Zeit.

Reich wurde beeinflußt von Kant (über F.A. Lange), Hegel (über Marx/Engels) und Platon (gewissermaßen über Freud: Eros, Thanatos, die Triebe, Ödipus usw. sind platonische Ideen, wie in Jungs Archetypen deutlich wird; siehe auch, was Freud über sein Konzept der „Libido“ und Platon schrieb). Alle drei verbinden Bewußtsein und Realität auf einer fundamentalen Ebene. Wie Kant betonte, muß es etwas „Transzendentales“ geben, damit wir überhaupt etwas über die Realität verstehen können (siehe auch Leibniz‘ „prästabilierte Harmonie“), nach Hegel bewegen sich Realität und Bewußtsein nach ein und denselben Regeln und nach Platon ist die Wirklichkeit bloßer flacher Schatten „überwirklicher“ mehrdimensionaler Ideen.

All dies wird verdaulicher mit Nietzsches Vision der ewigen Wiederkehr des Gleichen, die impliziert, daß dein Ich/Selbst/Bewußtsein eine Illusion ist: wir sind das Universum, was bedeutet, daß dieser Moment unseres Bewußtseins mit diesem Moment des gesamten Universums identisch ist. Wir sind keine „freischwebenden Geister“, sondern gehören in einem grundlegenderen Sinne hierher, als wir uns das jemals ausmalen könnten. Und in Momenten der „Synchronizität“ erkennen oder vielmehr ahnen wir schwach etwas von einer Überrealität, die tiefer ist, als jede ach so tiefgründige Religion je erfassen könnte. „Tiefer“ im Sinne des berühmten Nietzsche-Gedichts!

Synchronizität ist letztendlich mit der Kosmologie verbunden, die man auf den Kampf mit Paradoxa, etwa das Olbers’sche Paradoxon, reduzieren kann… Gegenwärtig habe ich das Gefühl, daß dieser Kampf darauf hinausläuft, das ich die Beziehung zwischen relativer Bewegung und koexistierender Wirkung nicht verstehe. Ich kann Geschichte, Entwicklung usw. verstehen (Heraklit) und ich kann „Existenz“ (Parmenides) verstehen, aber es ist nicht einfach, sie miteinander zu verbinden.

Historisch wurde dies durch strömende Atome gelöst (Demokrit), die der Vorläufer der Orgonenergie sind (siehe Äther, Gott und Teufel). Aber dies war offensichtlich nichts weiter als ein billiger Kompromiß, der nichts wirklich löste. Reich versuchte voranzukommen, indem er alle mechanischen Konzepte hinter sich ließ und sich ausschließlich auf die Bioenergetik konzentrierte, mit dem Psychiater als dem ultimativen Naturwissenschaftler. Womit wir wieder am Anfang dieses Beitrags wären… Wir haben bisher nicht mal annähernd verstanden, was die Wirklichkeit „wirklich“ ist!