Posts Tagged ‘Angst’

Liebe und Orgasmusangst bei einem paranoid-schizophrenen Charakter (Teil 3)

18. Juni 2019

von David Holbrook, M.D.

Fallbeispiel (Fortsetzung)

George hat Komponenten eines Gesichtsorgasmus erlebt – Zucken von Lippen und Kinn – während Episoden von verstärktem Schrecken, Sehnsucht und Traurigkeit, die er im Bett mit Angela erlebt hat. Diese okularen und oralen Phänomene gemahnen an Reichs Beschreibung der Schwierigkeit des schizophrenen Charakters, sein okulares und orales Funktionieren biophysisch mit dem Rest seines Organismus zu integrieren:

Es gibt „…eine Störung im Augensegment, von der wir glauben, daß sie etwas mit dem oralen Orgasmus zu tun hat, mit dem Gesichtsorgasmus beim Säugling.“ (Reich 1949b, S. 52) „Ich habe noch keinen Schizophrenen gesehen, der keine schwere traumatische Erfahrung in der Entwicklung seiner oralen Sehnsucht gemacht hat … Der Schizophrene ist energetisch stärker als jeder andere Typ. Da gibt es einen sehr starken Energiepush nach außen. Wenn er draußen auf nichts trifft, einfach nichts. Es gibt keinen Kontakt … [Aber das Kind] kann sich noch nicht panzern … Es könnte Wut entwickeln, schreiende Wut… Nun die Augen … die kommen hier ins Spiel … Wenn es einen derartigen Mangel an Verschmelzung der verschiedenen Funktionen gibt, eine Schwäche, und die Augen beginnen bei einem oralen Orgasmus, einem Gesichtsorgasmus zu zucken …. dann wird die Verbindung zwischen dem Zucken und einer schweren traumatischen Erfahrung in der Entwicklung der oralen Sehnsucht in die spätere orgastische Erfahrung in der Pubertät übertragen …. Schizophrenie tritt hauptsächlich in der Pubertät auf …. Es gibt einen großen Aufschwung, wenn die orgastische Funktion einsetzt … Es gibt einen enormen Schock oder Angst bzw. Schrecken mit Augen und Mund und Zucken aus … dem Säuglingsalter …. Dann kann es in der Pubertät zu einem Zusammenbruch kommen, wenn der gesamte Organismus in orgastische Kontraktionen zu geraten beginnt …. die Augen sind sehr involviert …. Nicht nur in der Krankheit, vor allem aber in den Endphasen [der medizinischen Orgontherapie], wenn die orgastischen Funktionen einsetzten. Dann passiert etwas mit den Augen. Die Augen passen nicht dazu. Der Organismus weigert sich sozusagen, die Augen in die Gesamtfunktion einzubringen, als wäre damit Terror verbunden. Und in den Augen liegt Schrecken. In den Augen setzt ein Terror ein, der die umfassende Funktion der Zuckungen verhindert und ihnen, die angenehm sein sollten, widerspricht. Und das scheint spezifisch für den schizoiden Charakter zu sein … der Schizophrene … ist hervorragend in der Integration. Er ist intelligent. Er weiß so viel. Er integriert sich gut. Aber gerade das ist seine Gefahr … Seine große Intelligenz, seine hochenergetische Funktion, die nach vollständiger orgasmischer Beteiligung verlangt. Nur das stellt die Gefahr dar [kursiv und fett von mir – DH] … Die Basis des Gehirns paßt nicht dazu … Es gibt einen Riß … die schizophrene Spaltung bzw. der Riß ist im Kopf zentriert, vor allem in zwei Regionen. Eines sind die Augen, die mit der Basis des Gehirns verbunden sind, und das andere ist der Mund. Beide, insbesondere die Augen, gehen offenbar zurück auf die ersten zwei oder drei Lebenswochen, in denen das Neugeborene die Welt ergreift und beginnt, die Welt zu integrieren und sich von der Welt zu trennen….Man kann den Schizophrenen an seinem Unwillen erkennen, seine Augen und den gesamten oberen Bereich innerhalb des restlichen Funktionierens schwingen zu lassen.“ (Reich 1949b, S. 67-70)

Über ihre ganze sexuelle Beziehung hinweg erlebte George häufig klare Episoden bewußten Schreckens. Diese treten in der Regel unmittelbar nach dem Beginn des Intimwerdens im Bett auf. Meistens ist er in der Lage, ohne offensichtliche Angst intim zu sein, aber er hat diese Episoden des Schreckens auch häufig. Während dieser Episoden wird er überwältigt und verspürt das Bedürfnis, sich von Angela loszureißen (glücklicherweise ist Angela, eine ziemlich gesunde Hysterikerin, bemerkenswert verständnisvoll, geduldig und empathisch). Er liegt dann mit Angstzuständen auf dem Rücken, meistens stumm, starrt an die Decke und vermeidet vollständig jeglichen Augenkontakt.

Während dieser Episoden ist sein Körper zunächst steif. Er geht in seinen Augen „weg“ und kann Angela nicht ansehen. Er hat das Gefühl, sich in sein Hinterhaupt zurückzuziehen, so als ziehe sich seine Energie zu diesem Ort zurück, um sich irgendwie zu verstecken. Allmählich erlebt er kleine Zuckungen, die in seinem Hinterkopfbereich beginnen und langsam seinen Körper bis zu seinen Füßen hinunterlaufen. Ich habe solche Episoden auch in seiner Therapie miterlebt. Wenn sich dieses Zucken entwickelt, wandelt es sich in ein allgemeines Zittern um. George hat das Gefühl der Zuckungen, die aus seinem Hinterhaupt stammen und sich auf seinen ganzen Körper ausbreiten, mit einem alten zerfallenden Steingebäude verglichen, in dem Teile eines Steinvorsprungs – sein Hinterhaupt – abbrechen und zu Boden prasseln.

Wenn das Zittern voranschreitet, bilden sich gemeinhin Tränen in seinen Augen. Zunächst gibt es kein offenes Weinen. Es ist das Bild von jemandem, der zu sehr Angst davor hat zu weinen und dergestalt nach Hilfe zu rufen – gelähmt. Mentale Bilder und Gedanken beginnen sich George aufzudrängen und er ist dann in der Lage, Angela verbal mitzuteilen, was er sieht und denkt und fühlt. Manchmal ist er mit traurigen Gedanken und Gefühlen über seine gescheiterte Ehe überfordert. Zu anderen Zeiten ist er über seine Kinder tief traurig und wünscht sich, er hätte ihnen ein besseres Familienleben bieten können. Manchmal hat er Gedanken und Gefühle über seine Mutter und seinen Vater und darüber, wie ungeliebt, allein und geschädigt er sich in seiner Herkunftsfamilie fühlte. All dies wird im allgemeinen zu sehr tiefem, quälendem Schluchzen führen, begleitet von einem tiefen kosmischen Gefühl, im Universum verloren und losgelöst zu sein, verzweifelt allein und vernachlässigt. Er ist jedoch in der Lage, diese Gefühle gegenüber Angela auszudrücken, und so wird es ihm möglich, sich emotional wieder mit ihr zu verbinden, was dann zu einem erfolgreichen Neuansatz der genitalen Umarmung führt.

Einmal, im Bett mit Angela, aber in einem dieser ängstlichen, tiefen und einsamen „kosmischen“ Gefühlszustände (die m.E. mit seiner Erfahrung mit der schizophrenen Spaltung zu tun haben), präsentierte sich vor seinem geistigen Auge ein mentales Bild des Seins im Mutterleib. Anstatt sich im Mutterleib warm und verbunden zu fühlen, hatte er ein seltsames Gefühl von Trennung und Kälte, Einsamkeit, Leere und Berührungslosigkeit, etwas ähnlich dem Gefühl, wie oben beschrieben, im Universum losgelöst und verloren zu sein. Diese Erfahrung war sehr unheimlich und fühlte sich für ihn äußerst überzeugend an. Er schluchzte sehr tief, während er neben Angela im Bett lag. Er hatte das Gefühl, daß er eine tatsächliche somatische Erinnerung an den Mutterleib hatte und daß dieses Gefühl der Unverbundenheit, des schizophrenen Autismus, dort im Uterus seiner Mutter begonnen haben könnte. Ich glaube, daß es nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich ist, daß seine Schizophrenie im Mutterleib begann und daß dies in der Tat eine wirkliche somatische Erinnerung an den Mutterleib gewesen sein könnte, obwohl es unmöglich ist, dies mit Sicherheit zu wissen.

Bei einer anderen Gelegenheit, diesmal während einer therapeutischen Sitzung mit mir, während er in einem tiefen Gefühlszustand auf dem Rücken lag, bekam er das Bild und das Gefühl, ein Säugling zu sein und auf einem kalten Edelstahltisch in einem Operationssaal auf dem Rücken zu liegen.3 Bei dieser Gelegenheit hatte er auch den Eindruck, daß er irgendwie eine tatsächliche somatische Erinnerung durchlebt hat und auf irgendeine Art von Operationstisch im OP gelegt wurde nach seiner Geburt durch einen geplanten Kaiserschnitt. Das Datum seiner Geburt wurde vorher gewählt, ohne auf das Einsetzen der Wehen zu warten, um mit dem Kaiserschnitt zu beginnen. Die Wehen werden normalerweise durch Hormone ausgelöst, die vom Fötus abgegeben werden, wenn der Fötus „fertig“ ist. George hat gesagt, er fühle sich im Leben immer als „nicht bereit“, und er fühle ständig Angst und Alleinsein, auch in Gesellschaft anderer.

 

Anmerkungen

2 In seinem alltäglichen Leben ist er sich im Laufe der Jahre sehr bewußt geworden, daß sich sein Hinterkopf zusammenzieht, wenn er sich davon abhält etwas auszudrücken.

3 Diese Art von Bildern und Gedanken „kommen zu ihm“, statt die Eigenschaft eines bewußt gewollten Denkens zu haben. Es ist, als ob das Bild in ihn eindringt. Das Phänomen hat eine abgespaltene Qualität, als ob der Gedanke oder das Bild nicht sein eigen wären.

 

Literatur

  • Reich W 1949b: Processes of Integration in the Newborn and the Schizophrenic. Orgonomic Functionalism 6, 1996. Rangeley, Maine: The Wilhelm Reich Infant Trust

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Liebe und Orgasmusangst bei einem paranoid-schizophrenen Charakter (Teil 2)

16. Juni 2019

von David Holbrook, M.D.

Fallbeispiel

George ist ein 42-jähriger geschiedener Rechtsanwalt und Vater von drei Kindern. Er war 9 Jahre mein Patient. Er kam zunächst wegen Depressionen aufgrund seiner unglücklichen Ehe zu mir. Kurz nachdem er zu mir kam, löste sich seine Ehe auf und innerhalb von zwei Jahren begann er mit seiner aktuellen Freundin Angela auszugehen.

George hat in der Therapie große Fortschritte gemacht. In den letzten Jahren, als sich seine Beziehung zu Angela vertiefte, hatte er im Zusammenhang mit ihrer Liebesbeziehung eine Reihe außergewöhnlicher psychischer (psychologischer) und somatischer Erfahrungen, von denen einige wie Manifestationen von Orgasmusangst erscheinen. Ich werde diese Erfahrungen weiter unten beschreiben.

Obwohl George von Anfang an in vielerlei Hinsicht in der Lage war, mit Angela emotional offen zu sein, nahm die Entwicklung ihrer sexuellen Beziehung längere Zeit in Anspruch.

Auf der psychischen (Liebes-) Ebene hatte George das Gefühl, als erlebe er Liebe auf eine Art und Weise, wie er sie noch nie zuvor in seiner Entwicklung erlebt hatte. Mit anderen Worten, es war nicht so, daß er diese Art von Liebe in der Vergangenheit erlebt hatte, und es lange her war, seit er sie gefühlt hatte; vielmehr empfand er diese Liebe als etwas Neues, das er weder als Erwachsener noch als Kind oder sogar als Baby erfahren hat. In den frühen Stadien seiner Beziehung zu Angela beschrieb er, wie er in seinem Bett lag und fühlte, „als ob Energie aus dem Universum buchstäblich in meinen Körper strömte – ich hatte fast das Gefühl, als würde ich dem Bett entschweben“. Dies ist ein anschauliches Beispiel für die Tatsache, daß Liebe eine biophysikalische Aktivität ist.

Als seine Ehe fehlschlug und schließlich tot war, war er immer depressiver geworden und es war immer schwieriger, die Dinge zu tun, die er zu tun hatte. Sein Einkommen sank und er schob viele lebensnotwendige Aufgaben vor sich hin. Aber er hatte nie suizidale Anwandlungen und gab nie völlig auf. Man spürt, daß er eine innere Stärke hat, die praktisch unbezwingbar ist. Auf der anderen Seite hatte er sich mehr und mehr „erstarrt“ gefühlt, bevor er Angela traf. Er sah sich oft als einen Mann, der in einem Schneesturm durch die gefrorenen Steppen ging und wußte, daß er die menschliche Zivilisation niemals erreichen werde und zum Sterben im Schnee verdammt sei, aber trotzdem immer weiterschritt. Eine andere Metapher, die er häufig verwendete, war Davy Crockett in Alamo. Er wußte, daß Hilfe fast sicher niemals eintreffen werde, aber er kämpfte weiter und konzentrierte sich auf die Aufgabe im Hier und Jetzt, jeden eindringenden Soldaten einzeln zu töten.

Seine Ehe war viele Jahre lang ohne Sex gewesen und die neue körperliche Beziehung zu Angela fühlte sich an, als würde er zum ersten Mal die Sexualität entdecken. Sogar nachdem er und Angela sich sexuell näher gekommen waren, bemerkte George, daß er zwar in einem nicht-sexuellen Kontext oft in der Lage ist, tiefen Augenkontakt mit ihr herzustellen, doch es in der genitalen Umarmung viel schwieriger ist, diesen Blickkontakt aufrechtzuerhalten. Im nicht-sexuellen Kontext findet er es auch oft „zu viel“, wenn er lange Blickkontakt hält, obwohl er für kurze Zeit sehr tiefen Augenkontakt herstellen kann. Er sagt, daß er dies auch während der genitalen Umarmung tun kann, aber schließlich spüre er, wie Energie von seinen Genitalien nach oben zu seinem Hinterkopf abfließt, als würde die Energie aus seinen Genitalien fliehen, um sich in seinem Kopf zu verstecken.1 Wenn die Energie seine Genitalien verläßt, verliert er infolge seine Erektion. Er findet, daß, wenn er seine Augen schließt, es leichter fällt die Erregung in seinen Genitalien aufrechtzuerhalten, entsprechend wechselt er zwischen geschlossenen Augen mit kürzeren Zeitabschnitten des Augenkontakts mit Angela.

In der Therapie kann George spüren, wo sich die Energieladung in seinem Körper befindet, und dann die Energie ausdrücken und bewegen. Ich denke dabei manchmal an eine Form von „somatischer freier Assoziation“, bei der er seine nonverbalen Impulse ohne Hemmung einfach wahrnimmt und ausdrückt, ähnlich wie in der Psychoanalyse ein Patient versucht, die Grundregel zu befolgen und zu sagen, was ihm in den Kopf kommt. Wenn Georges Energie an einem bestimmten Tag in seinem Kopf ist, muß er sich manchmal aufsetzen und sprechen, um sie abzulassen, oder er kann auf der Couch liegen und Laute von sich geben. Dieses Hervorbringen von Nichtworten kann dann dazu führen, daß die Energie aus seinem Brustsegment ausgedrückt wird, wobei das Schreien zu Schluchzen führen kann. Das kann dann voranschreiten zum Treten und Strampeln.

Wenn sich sein Hinterkopf angespannt anfühlt, kann er ihn manchmal lockern, indem er den Kopf nach hinten vom Rand der Therapiecouch herabhängen läßt oder indem er den Kopf in einer „Nein“-Bewegung sehr kräftig hin und her schüttelt. Normalerweise erlebt er eine Welle akuter Fallangst, wenn er dies tut, als Ergebnis der zuvor gebundenen, jetzt aber plötzlich freigesetzten Energie aus seinem Hinterkopf, die an der Vorderseite seines Körpers heftig nach unten strömt.

Wenn er spürt, daß die Energie in seinem Kopf steckenbleibt und sich als übermäßiger innerer Dialog manifestiert, was ihm eine frustrierende „intellektualisierende“ Erfahrung in seinem Kopf verschafft, wird er diese mentale Energie manchmal durch Schreien entladen und freisetzen. „Halt‘s Maul, halt‘s Maul, halt‘s Maul!!!“ Dies kann einen äußerst wütenden Charakter annehmen und führt stets dazu, daß sich die internen „Stimmen“ auflösen. Er ist dann freier, Emotionen und Energie in anderen Segmenten zu erleben. Wir haben hier ein Beispiel für das orgonomische Verständnis der Psyche als energetischen Prozeß:

Ideen können entstehen und vergehen. Ihre Existenz hängt vom Zustand der Energiebewegung im Körper ab“ (Reich 1950, S. 6, kursiv im Original). „… Gedanken beruhen teilweise auf der hohen orgonotischen Ladung des Gehirns, die die Energie von Emotionen und Sensationen aus dem Körper abzieht“ (Konia 2004, S. 108). Sobald die Energie des Gedankens entladen ist, ist die Energie des Körpers wieder frei, um sich zu demjenigen Segment zu bewegen, das zu diesem Zeitpunkt das höchste orgonotische Potential besitzt.

 

Anmerkungen

1 Das Hinterhaupt ist der Bereich des Kopfes, an dem der Schädel sich mit dem Hals verbindet, ein Grenzbereich zwischen der okularen und der oralen Panzerungszone, der innen mit der Basis des Gehirns korrespondiert.

 

Literatur

  • Konia C 2004: Applied Orgonometry II: The Origin and Function of Thought. The Journal of Orgonomy 38(1):100-111
  • Reich W 1950: Orgonomic Functionalism, Part II. Orgone Energy Bulletin 2(1):1-15, New York: Orgone Institute Press

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Bist du auf der Suche nach dir selbst?

14. Juni 2019

Millionen sind auf der Suche nach sich selbst. Manche reisen um die ganze Welt, „um sich zu finden“. Keiner sieht, daß sein Selbst hinter einer Mauer aus Angst und Terror verborgen ist und daß „die Suche nach sich selbst“ in Wirklichkeit nur die lebenslange Flucht vor dieser Furcht und diesem Schrecken ist. Einzig und allein in der Orgontherapie durchschreiten Menschen die besagte „Mauer“, die Panzerung.

 

 

 

„to emote“

5. Mai 2019

Ich stimme Claus zu, möchte aber mit Theordore Dairymple ergänzen: „We lieve in an age of emotionnal intontinence, where they who emote the most are believed to feel the most.

Dieses kindische und „hysterische“ Ausagieren von in jeder Hinsicht unangebrachten „Emotionen“ ist tatsächlich die Flucht vor der Emotion. Diese Ausbrüche über Nichtigkeiten zurückzuhalten, würde zum Ausbruch authentischer, „eigentlicher“ Emotionen führen, etwa eine tiefe Traurigkeit, Angst, Wut, etc. Es können natürlich auch tiefe Emotionen, etwa „mystische Sehnsucht“, als Ersatzkontakt mißbraucht werden, um dem konkreten Alltag und seinen emotionalen Herausforderungen zu entfliehen. Man denke nur an nationalistische oder religiöse Ergriffenheit. Es ist eine Art von „Emotionskrämerei“ entsprechend der „Wahrheitskrämerei“, von der Reich sprach. In jedem Fall tritt der Ersatzkontakt an die Stelle des Kontakts. Du weinst beispielsweise beim Tod eines Filmhelden, doch das Leiden der Menschen in deiner Umgebung oder gar in deiner Familie läßt dich kalt. Man kann sich ausmalen, was für ein Tollhaus Laien-„Therapeuten“ erzeugen können, denn derartige „Emotionen“ lassen sich denkbar einfach hervorrufen, gehören sie doch heute geradezu zum guten Ton. Das Gegenmittel ist nicht etwa Seneca und der Stoizismus, wie im obigen Video angedeutet wird, sondern das Ertragen und der Ausdruck von echten Emotionen. Als Kind pflegte ich zu lachen, wenn sich meine Mutter verletzte, etwa einen Stromschlag erlitt. Ich konnte einfach den ganzen Terror meiner wahren Empfindungen nicht ertragen. Heute flüchtet sich eine ganze Gesellschaft in diesen Eskapismus, einen bizarren Zirkus aus „Fun“ auf der einen Seite und auf der anderen aus ebenfalls infantiler Rührseligkeit, Sentimentalität, Gefühlsseligkeit und natürlich „Betroffenheit“, d.h. mit dem Kopf fühlen und dem Bauch „denken“:

Oder zurück nach Amerika:

David Holbrook, M.D.: ÜBER DIE GEGENWAHRHEIT

25. Februar 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Über die Gegenwahrheit

 

Ein dritter Blick auf Reichs Triebtheorie (Teil 6)

23. Februar 2019

Eines der Hauptmißverständnisse, unter denen die Orgonomie leidet, ist, daß Reich für „Sex“ stand. Wenn es, frei nach Aldous Huxleys „Schöner neuer Welt“, keinen Triebstau mehr gäbe, weil Sex, frei nach Lenin, so einfach zu haben ist wie ein Glas Wasser, wären die Menschen erst recht unglücklich und – Reich hätte Unrecht. Tatsächlich haben wir dank Tinder solche Verhältnisse. Aber gemach: wer als Mann Geld hatte und als Frau Mut bzw. ausreichend Selbstverachtung konnte ohnehin schon von jeher jederzeit so viel Sex haben, wie er bzw. sie wollte. Sexualökonomisch ist das alles vollkommen wertlos, teilweise sogar kontraproduktiv, da wirkliche Befriedigung nur möglich ist, wenn die Emotionen mitspielen („Liebe“). Emotionen sind unmittelbarer Ausdruck der Bewegung der organismischen Orgonenergie. Sind sie nicht vorhanden (innere Leere), ziehen sie sich zurück (Angst) oder versuchen ganz im Gegenteil das „Liebesobjekt“ zu vernichten (Haß): was soll das mit Wilhelm Reich zu tun haben?

Eine Frau, die sich nach einer frustrierenden Ehe von ihrem Mann trennt und sich bei „Gangbangs“ austobt, kann behaupten, sie sei noch nie so sehr befriedigt wie jetzt, doch das hat NICHTS mit wirklicher genitaler Befriedigung zu tun. Sie rächt sich an ihrem Mann, letztendlich an ihren Eltern, lebt ihren Masochismus aus und „befriedigt“ ihren Narzißmus, aber dieses Ausleben der Neurose… Ausführungen erübrigen sich. Das gleiche gilt für das heutige Geschlechtsleben weiter Kreise junger Menschen, für die Sex nicht etwa die Besiegelung und Erfüllung einer romantischen Beziehung ist, sondern umgekehrt an deren Anfang stehen kann. Heute ist es für junge Frauen durchaus nicht absonderlich, beim elektronischen „Flirten“ erst mal nach einem „Schwanzbild“ zu fragen, bevor man sich trifft – um zu ficken. Bei Sympathie ist danach ein engeres (sic!) Kennenlernen nicht ausgeschlossen…

Man täusche sich nicht: die „Generation Tinder“ ist nicht freier als vorangegangene, denn die Spaltung zwischen Körper („Sex“) und Seele („Liebe“) wird aufrechterhalten, hat sich vielleicht sogar noch verschärft. In der sexualfeindlichen Welt vor der vermeintlichen „sexuellen Revolution“ gab es zumindest Anklänge an die Genitalität und ihren natürlichen Ablauf:

Ein dritter Blick auf Reichs Triebtheorie (Teil 5)

22. Februar 2019

Die orgonomische Psychologin Virginia Whitener hat die Erziehungspraxis in Zeiten des gesellschaftlichen Zerfalls wie folgt zusammengefaßt:

Ohne Konsequenz und das Setzen von Grenzen fürchtet und mißtraut ein Kind seinen eigenen Gefühlen. Bei ihm steigt die Angst, wenn die Erwachsenen nicht die Kontrolle haben. Werden Kinder zu sehr verwöhnt, nehmen sie einen Mangel an Kraft bei ihren Eltern wahr. Das ängstliche Gefühl durchdringt alles, das Kind fühlt sich unsicher. Wenn die Eltern Grenzen setzen und sich daran halten, ist es frei, seine eigenen Gefühle, Angst oder Wut, auszudrücken und hat dabei den Trost, daß die Eltern seine Gefühle tolerieren können. Das Kind läßt Wut und Schmerz aus sich heraus, findet Erleichterung und lernt, Gefühle zu tolerieren und nicht zu fürchten, einschließlich der Wut über seine Eltern. Wenn Mama und Papa eine unparteiische Haltung gegenüber unangenehmen Gefühlen zeigen, d.h. sie als Teil des Lebens betrachten, mit dem sie umgehen können, ist den Kindern auf zweifache Weise geholfen. Wenn die Eltern den irrationalen Forderungen ihrer Kinder nicht nachgeben, um Gefühlsausbrüche zu vermeiden, nicht die emotionalen Eruptionen ihrer Kinder fördern bzw. sich nicht über die Maßen an diesen beteiligen und die Kinder nicht zu Gefühlsäußerungen drängen oder diese bestrafen, helfen sie ihnen, den Kontakt zu deren eigenen Gefühlen aufrechtzuerhalten. Die Kinder können dann, abhängig von ihrem Alter, in Streßsituationen die zunehmende Fähigkeit für Gefühlsausdruck und rationales Denken entwickeln. Natürlich muß im Sinne der Sicherheit des Kindes und anderer Personen destruktives Verhalten gestoppt werden, damit das Kind Respekt vor sich selbst und anderen lernen kann und es sich sicher fühlen kann, wenn es darum geht Gefühle auszudrücken. Die Kontrolle, die Weitsicht und der Reifegrad des Kindes sind noch nicht vollständig entwickelt und werden mit fortschreitender Entwicklung im Laufe der Jahre zunehmen. Widersprüchliche Emotionen und Impulse bei den Eltern fördern Verwirrung und das Ausagieren. („Changes in Parenting with Progress in Therapy“, The Journal of Orgonomy, Vol. 50,1)

Läßt man Kindern alles durchgehen, erhält man keine selbstbewußten Nachkommen, sondern welche, die ständig zwischen substanzloser Anmaßung und Unsicherheit changieren, zwischen Rebellion und rückgratloser Anpassung. Ein schönes Beispiel sind Muttis Sturmtruppen, die „Anti“fa.

Erstaunlicherweise sieht es in türkischen und arabischen Familien nicht viel anders aus und auch das Produkt der Erziehung ist zwar nicht identisch, aber doch erstaunlich ähnlich. Jungendlich Straftäter mit Migrationshintergrund „werden speziell von ihren Müttern extrem verwöhnt und erfahren keinerlei Grenzsetzung. Die Lehrerinnen, Lehrer und Jugendamtsmitarbeiter, die als Erste mit den Familien zu tun haben, wenn sich bereits in der Grundschule erste Verhaltensauffälligkeiten zeigen, berichten von Gewaltbereitschaft und Respektlosigkeit. Wenn die Mütter – und höchst gelegentlich auch die Väter – darauf angesprochen werden, suchen die Eltern das Verschulden grundsätzlich beim ‚System‘.“ Zuhause sind sie der Pascha und draußen fordern sie, unsicher und schwach wie sie sind, „Respekt“. So die geselbstmordete Jugendrichterin Kerstin Heisig vor einem Jahrzehnt in ihrem Buch Das Ende der Geduld.

Anmerkungen zum Thema „Emotion“

31. Januar 2019

„Angst ist in Wirklichkeit eine Kontraktion, die gegen die Ausdehnung gerichtet ist. Kontraktion allein, z.B. gegen Kälte, ruft keine Angst hervor“ (Elsworth F. Baker: Der Mensch in der Falle, S. 45). Bei der Schrumpfungsbiopathie hat man keine Angst, obwohl sich der Körper kontrahiert.

Bei der Expansion sollte man zwei Dinge auseinanderhalten, nämlich Liebe und Wut. Demnach ist nämlich nicht jede Expansion mit „lustvoller Entspannung“ oder gar „Auflockerung der muskulären Panzerung“ verbunden. Bei Wut ist wohl eher das Gegenteil gegeben, trotzdem sie eine Expansion ist. Andererseits löst sich bei Kontraktion, etwa bei tiefer Traurigkeit, die Panzerung auf.

Bei der Lust haben wir es mit einer Expansion zu tun, die frei zur Haut fließt, bei der Wut mit einer Expansion, die in die Muskulatur geht. Sehnsucht ist eine Emotion, bei der die Energie in die Brust, zum Mund und zum Genital hin expandiert. Bei Traurigkeit zieht sich die Energie einfach wieder zurück, während bei der Angst sie es gegen die Expansion macht und es zum inneren Stau kommt („Stauungsangst“).

Was ist mit „Lustangst“? Betrachten wir zunächst die Orgasmusformel: Spannung – Ladung – Entladung – Entspannung. Das Phönomen der „kalten Erektion“ schließt aus, daß der Flüssigkeitsstrom zur Peripherie eine sekundäre Folge der energetischen Ladungsverschiebung ist („Ladung – Spannung“). Wie Walter Hoppe in seinem Buch über Wilhelm Reich schrieb, muß man zentrale Erregung und periphere Aufladung auseinanderhalten, weshalb es „Spannung – Ladung“ ist (S. 226). Wenn man dies bedenkt, schließen sich Angst und sexuelle Lust durchaus nicht aus. Die anfänglichen Gefühle im Solar Plexus (zentrale Erregung) sind ja identisch. Generell sind „das Gefühl der Erwartungslust und das der Erwartungsangst miteinander verwoben“ (Die Funktion des Orgasmus). Das erklärt beispielsweise die Lust an Horrorfilmen. „Auch beim Schaukeln, im rasch abwärts fahrenden Lift (…) verspürt man am Herzen und am Genitale Empfindungen, die angst- und lustbetont zugleich sind“ (ebd.). Das erklärt die Lust an der „Todesangst“ auf der Kirmes.

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 2

8. Januar 2019

orgonometrieteil12

2. Modell, Funktionsschema, orgonometrische Gleichung

Die grenzenlose Charakterstruktur

1. November 2018

Reich glaubte, daß „die Emotionen an die Existenz und Bewegung von protoplasmatischer Substanz innerhalb eines begrenzten Systems gebunden sind und ohne diese Voraussetzung nicht existieren“. Expansion und Kontraktion gäbe es, so Reich, auch in der unbelebten Natur, aber mit einer Membran werden daraus die Emotionen, insbesondere die beiden Grundemotionen Lust (Expansion) und Angst (Kontraktion) (Äther, Gott und Teufel, S. 90f).

Aus dieser Warte muß man den heutigen Wahn sehen, alle Grenzen beseitigen zu wollen. Im Gespräch mit Jürgen Elsässer nennt Gerhard Wisnewski insbesondere folgende Beispiele dafür, daß überall Grenzen aufgelöst werden, wobei er bemerkenswerterweise „Leben“ durchaus ähnlich definiert wie Reich (Compact, 11/2018):

  1. finanzielle und wirtschaftliche Grenzen (deine Ersparnisse bürgen für die Verschwendung in Südeuropa, etc.);
  2. nationale Grenzen („Europa“ und die UN);
  3. ethnische Grenzen („Umvolkung“);
  4. intellektuelle und Begabungsgrenzen (die Einheitsschule, der Gerechtigkeitswahn);
  5. kulturelle Grenzen (Hollywoods globale Einheits-„Kultur“);
  6. sexuelle Grenzen („Gendermainstreaming“, wobei gleichzeitig die beiden Geschlechter zunehmend voneinander entfremdet werden);
  7. künstlerische Grenzen („Crossover-Projekte, es wird alles gemischt, Klassik mit Rock und Jazz und so weiter“).
  8. Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine („Transhumanismus“).
  9. Die Grenzauflösung durch Organtransplantation, bei der übrigens LEBENDE ausgeschlachtet werden. Tote können keine Organe spenden, denn diese sind tot, d.h. funktionsunfähig!
  10. Die Grenze zwischen Tier und Mensch: Manieren, Schamgefühle, kurz die Kultur, werden aufgelöst – der Mensch wird zum Schwein.
  11. Die große Vereinheitlichung mit Weltstaat, gleichgeschaltetem Einheitsbürger und einer Weltreligion.

Für Wischnewski ist das alles von oben geplant und zwar seit Jahrzehnten, sogar Jahrhunderten (sic!). Er weiß nichts von der Emotionellen Pest, d.h. der Verschwörung gegen das Leben (das anfangs erwähnte Leben konstituierende „Grenzziehen“) an sich. Spezifischer geht es um die linksliberale und sozialistische Charakterstruktur, die auf der Verneinung von Emotionen beruht. Solche Menschen, die ganz „zerebral“ ausschließlich im „energetischen Orgonom“ leben, aus dem sie ständig hinaus streben, und denen das „orgonotische System“ (die Organisation der Pulsation – Expansion und Kontraktion, Lust und Angst) fremd ist, ertragen keine Grenzen, weil sie keine Emotionen ertragen. Bei der Nationalhymne legen sie nicht ergriffen die rechte Hand auf die Herzregion, sondern sie sind „internationalistisch angewidert“ und „betroffen“. Man gehe aus dieser Perspektive nochmals die obigen elf Punkte durch: alles löst sich in einen emotionslosen konturlosen Empfindungsbrei auf!

Daß sich die Emotionelle Pest organisiert, ist sekundär. Um zu verstehen, was wirklich in der Welt geschieht, muß man Wilhelm Reich, Elsworth F. Baker, Paul Mathews und Charles Konia lesen!