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Die historisch-materialistische Interpretation und die bio-psychologische Interpretation des Todestriebes und der gesellschaftlichen Ideologie

14. Januar 2017

Der sozialistische Kampf, das theoretische Organ des Austromarxismus war im faschistischen Österreich verboten. Es wurde deshalb in der Tschechoslowakei veröffentlicht. Sein Herausgeber war der berühmte Otto Bauer, Führer des „Austromarxismus“. Anläßlich von Freuds 80. Geburtstag veröffentlichte das Magazin 1936 zwei Artikel. Einen von W.M. (d.i. Karl Frank): „Sigmund Freud und der revolutionäre Sozialismus“. Wegen dem historischen, d.h. bürgerlichen Hintergrund der Psychoanalyse und der Enge des zeitgenössischen Marxismus gäbe es bis heute (1936) keine marxistische Analyse der Psychoanalyse. Es gäbe eine Freudsche Philosophie, z.B. Freuds Todestrieb, die mit Oswald Spengler gemeinsame Wurzeln habe, nämlich die Philosophie der untergehenden Bourgeoisie. Trotzdem schuf Freud eine moderne Psychologie, indem er auf die soziale Verursachung psychologischer Tatbestände hinwies und dergestalt eine biologisch-materialistische Grundlage für eine Herangehensweise entwickelte, die dem historischen Materialismus ähnlich sei. Die grundlegende Leistung der Psychoanalyse sei ihr Beitrag zum Verständnis des sozialen Überbaus (Wolfgang Huber: Psychoanalyse in Österreich seit 1933, Wien: Geyer-Edition, 1977; Ernst Glaser: Im Umfeld des Austromarxismus, Wien: Europaverlag, 1981, S. 271).

Das entspricht auch weitgehend Reichs damaliger Sichtweise (siehe dazu Otto Fenichels 119 Rundbriefe, Bd. 1, S. 379f). Reich ist nur weitergegangen, über die Psychoanalyse und den Marxismus hinaus. Zunächst einmal führte nicht die soziologische Verortung der Todestriebtheorie (Ideologie der „untergehenden Bourgeoisie“) zu deren Überwindung, sondern die Durchdringung des Masochismus als bio-psychologisches Problem, d.h. als einer Funktion der Panzerung (siehe Charakteranalyse). Und überhaupt, was den ideologischen „Überbau“ betrifft: dieser ist tatsächlich eine Funktion der dreischichtigen bio-psychologischen Struktur des gepanzerten Menschen (siehe Die Massenpsychologie des Faschismus).

Es ist ernüchternd, daß man sich noch heute mit der Denkungsweise, die im ersten Absatz dargestellt wurde, auseinandersetzen muß – selbst bei „Reichianern“.

Der Hintergrund der deutschen Orgonomie

1. November 2016

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Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

Der Hintergrund der deutschen Orgonomie

Körper und Seele

25. Juni 2016

In Die Funktion des Orgasmus (Teil 2) habe ich mich bereits mit dem Psychologieprofessor Stuart Brody (University of the West of Scotland) beschäftigt, der in jeder Beziehung Reichs sexualökonomische Forschung bestätigt.

Es geht weiter:

Bereits 2008 hatte Brody festgestellt, daß Frauen mit einem fließenden und energischen Gang größere Chancen auf einen vaginalen Orgasmus haben als jene mit einem stark beckenlastigen, behäbigen Gang. Beckenpanzerung!

Ähnliches verraten sinnliche bzw. „unsinnliche“ Lippen. Demnach treten vaginale Orgasmen häufiger und zügiger bei Frauen mit einem ausgeprägten Lippenherz auf, als bei jenen, die eine eher dünne Oberlippe haben. Dabei ist der knubbelartige Bereich unter dem Lippenherzbogen ausschlaggebend. Ist dieser recht ausgeprägt, entspricht dies einer verbesserten Fähigkeit einen vaginalen Orgasmus zu erreichen.

Was der Körper einer Frau zwischen Kopf und Becken über ihren Charakter aussagt, siehe Die Panzersegmente (Teil 3): Der Brustpanzer.

Instinktiv wissen die Menschen natürlich von diesen Zusammenhängen. Entsprechend sind das Aufspritzen der Lippen und das Aufpolstern der Busen ein verzweifelter Versuch, Lebendigkeit und Lustfähigkeit wiederherzustellen. Tatsächlich sind die angeblichen „Schönheitsoperationen“ nichts anderes als ein extrem mechanistischer Ersatz für eine Orgontherapie!

Der Mensch tut alles, läßt sich sogar verstümmeln, nur um nicht die Angst zu spüren, die in seiner muskulären Panzerung gebunden ist. Reich hat beschrieben, wie bei der Freilegung der Energie in der Orgontherapie die Lockerung der Panzerung von Angst gefolgt wird, die in zunehmend lustvollen Klonismen ausläuft, die letztendlich zu orgastischen Sensationen im Genitalapparat führen (Der Krebs, Fischer TB, S. 348).

Die innige Beziehung zwischen „Äußerlichkeiten“ und dem Innersten des Menschen zeigt sich auch an so etwas simplen wie der Körperlänge.

Jane Green, University of Oxford, et al. haben die Daten von mehr als 1,3 Millionen Frauen mittleren Alters ausgewertet, die über ein Jahrzehnt hinweg beobachtet wurden. In dieser Zeit traten 97 000 Krebsfälle auf. Nachdem man alle anderen Risikofaktoren heraus rechnete, ergab sich, daß das Krebsrisiko pro 10 Zentimeter mehr Körpergröße um 16 Prozent steigt.

Bemerkenswerterweise gilt dies für die unterschiedlichsten Arten von Krebs, sagt also etwas über „den Krebs an sich aus“, – den es für die moderne Medizin zunehmend gar nicht mehr gibt.

Der mechanistische Erklärungsversuch:

Entweder gibt es bestimmte Umweltfaktoren oder genetische Besonderheiten, die sowohl das Wachstum als auch das Krebsrisiko beeinflussen. Oder die größere Anzahl von Zellen, die in einem großen Körper vorhanden sind, erhöht per se die Wahrscheinlichkeit, daß es zu Entartungen kommt. In jedem Fall könnte der Größeneffekt laut den Forschern zumindest zum Teil erklären, warum es in unterschiedlichen Ländern verschiedene Krebsraten gibt – und warum die Anzahl von Krebserkrankungen seit Jahren stetig zunimmt, denn auch die Durchschnittsgröße steigt kontinuierlich an.

Zunächst einmal hat Reich in Der Krebs ebenfalls die Behauptung aufgestellt, daß die Anzahl der Biopathien, insbesondere aber die der Krebserkrankungen steigt. Reich:

Es wird in der Literatur der Krebsstatistik behautet, daß das Anwachsen der Zahl der Todesfälle infolge Krebses in den letzten Jahrzenten der besseren Diagnostik am Lebenden und an Leichen zuzuschreiben ist; daß also das Anwachsen der Todesziffern ein Artefakt ist. (ebd., S. 407f)

Die mechanistische Wissenschaft müsse das sagen, „um an der rein erblichen Natur des Krebses (festhalten zu können)“ (ebd., S. 408).

Wir sehen anhand der obigen aktuellen Meldung, daß aus heutiger Sicht das Anwachsen des Krebsrisikos kein Artefakt ist. Die mechanistische Wissenschaft kann das heute einräumen, weil sie gleich eine naheliegende genetische Erklärung zur Hand hat: mehr Zellen bedeutet, daß mehr Zellen genetisch entarten, d.h. sich zu Kondensationskernen von Krebstumoren entwickeln können. Und da in den industrialisierten Ländern die Menschen von Generation zu Generation immer größer werden, wachse dort das Krebsrisiko, während es in den unterentwickelten Ländern, wo dieses Längenwachstum nicht in diesem Ausmaß auftritt, in etwa gleich bleibt.

Für Reich ist Krebs eine Art „Enttäuschungsreaktion auf Zellebene“. Große Erwartungen, d.h. ein entsprechend mobilisiertes Energiesystem, führen zu entsprechend verheerenden Enttäuschungsreaktionen; eine bioenergetische Reaktion, die bis auf die Zellebene zurückwirkt. Wir alle wissen aus eigener Anschauung, wie es „bis ins Mark geht“, wenn große Erwartungen brutal enttäuscht werden. „Bremsen bei voller fahrt!“

Und warum breitet sich dann die Krebserkrankung immer weiter aus? Reich:

Menschen, die durch die Veränderung der Sitten zur Bewußtheit ihrer sexuellen Bedürftigkeit kommen, denen aber die Mittel und Wege fehlen, der sexuellen Energie den natürlichen Ablauf durch volle natürliche Befriedigung zu geben, müssen notwendigerweise zerrissen werden, müssen biopathisch erkranken (…). (ebd., S. 412)

Die Lebendigkeit der Menschen bliebe, so Reich weiter, immer mehr hinter ihren Ansprüchen zurück, was zu immer weiter steigender sexueller Frustration führt.

Parallel zu der von Reich beschriebenen sexualökonomischen Entwicklung wurden die Menschen auch immer größer. Anthropologen fanden anhand von Knochensammlungen heraus, daß es immer wieder Zeiten mit regelrechten Wachstumsschüben gegeben hat. Seit Ende des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung begann, sind wir größer geworden als jemals zuvor. Die Ursachen dafür sehen sie in den optimalen Umweltbedingungen. Wir haben ausreichend Nährstoffe und Nahrung zur Verfügung. Aber auch die sonstigen Bedingungen, wie ein hoher Standard an Hygiene, sind sehr gut.

Der Wirtschaftshistoriker Marco Sunder (Universität Leipzig) weist darauf hin, daß es, was die Körpergröße betrifft, im Laufe der Jahrhunderte entscheidend war, in welcher Familie man geboren wurde. So haben soziale Unterschiede im vergangenen Jahrhundert eine sehr große Rolle gespielt. Gleichaltrige Schüler, die auf Schulen für Arme gingen, waren oft 20 cm kürzer als diejenigen, die Schulen für Adlige besuchten. Auch heute sind solche Unterschiede, je nach sozialer Schicht, erkennbar. Allerdings beträgt der Unterschied nur noch zwei bis drei Zentimeter.

Und was hat eine Zunahme der Körpergröße direkt mit einer Zunahme des Krebsrisikos zu tun? Aus bioenergetischer Sicht ist Krebs gleichbedeutend mit einem Hang zur Anorgonie.

In der Anorgononie ist weniger biologische Energie frei und tätig; die träge Masse des Organismus wird im Verhältnis zur tätigen Energie, die den Körper zu bewegen hat, größer, also schwerer. (Der Krebs, S. 400)

Offenbar, so können wir angesichts der neuen Daten spekulieren, „hinkt die organismische Orgonenergie der hypertrophierenden Masse hinterher“.

Interessanterweise haben große Menschen ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen. Herz-Kreislauferkrankungen sind in vieler Hinsicht das Gegenteil der Krebs-Schrumpfungsbiopathie, nämlich eine „Stauungsbiopathie“. „Zu viel Energie für die zu kleine Masse.“

Weitere Ausführungen würden vollends in Spekulation abgleiten, weshalb ich es mit folgender Aufstellung bewenden lassen will:

Michael Haselhuhn und Elaine Wong (University of Wisconsin in Milwaukee), haben in zwei Studien gezeigt, daß je breiter ein Männergesicht im Verhältnis zur Höhe ist, es desto wahrscheinlicher ist, daß Männer lügen und betrügen. Das gilt nur für Männer, bei Frauen ist die Gesichtsform in keinster Weise mit dem Hang zum Betrug verbunden.

Ein breites Gesicht ist [bei Männern] ein klares Indiz dafür, daß sein Besitzer zum Mogeln und zum Betrügen neigt. Damit sei zum allerersten Mal eine Verbindung zwischen unethischem Verhalten und einem genetisch festgelegten körperlichen Merkmal nachgewiesen worden, jubeln Haselhuhn und Wong. Vermittelt werde diese Verbindung ganz offensichtlich durch das persönliche Machtgefühl. Das mache auch aus Sicht der Evolution Sinn: Wäre das breite Gesicht lediglich ein Indikator für einen Hang zum Lügen, dürfte es seinen Trägern in der Vergangenheit ausschließlich Nachteile gebracht haben und müßte mittlerweile völlig verschwunden sein. Ist es jedoch gleichzeitig ein Anzeichen für positiv gewertete Qualitäten, könnte das den negativen Effekt aufgehoben haben. Genau das sei hier der Fall: Macht beziehungsweise das Gefühl von Macht bringe auch Optimismus, zielgerichtetes Verhalten und Führungsqualitäten mit sich.

Mir fällt dazu das Kindchenschema ein, das ich an anderer Stelle versucht habe orgonenergetisch zu erklären. Das hier weiterzuspinnen würde sich jedoch in Spekulationen verlieren.

1980 hat mich meine damalige Freundin zu einer „charakterkundlichen“ Vorlesungsreihe mitgeschleppt. Im Anschluß an Johann Caspar Lavater (der heute vor allem durch seine Beziehung zu Goethe bekannt ist) ging es darum, aus der Schädelform und den Gesichtszügen den Charakter zu lesen. Entsetzt saß ich da im altertümlichen Vorlesungssaal, den der Veranstalter von der Hamburger Universität angemietet hatte, und fühlte mich um 40 Jahre in die Vergangenheit versetzt. Ich ärgerte meine Freundin, indem ich sie als „Ernährungstyp“ charakterisierte und sie mich: ich sei vom Typus des „genialen Verbrechers“ (hohe Stirn mit unausgewogenen Gesichtszügen).

Merkwürdigerweise sahen fast durchweg alle Schachgroßmeister, Teilchenphysiker, Mathematikprofessoren, etc., denen ich im Leben begegnet bin, ausgesprochen „unintelligent“ aus.

Weniger witzig war, daß dieses System auch auf „Rassen“ angewendet wurde, wobei die „weiße Rasse“ als „vergeistigt“ galt, die „schwarze Rasse“ als „animalisch“.

Bereits Reich mußte sich bei seiner Formulierung der Charakteranalyse mit derartigen Vorstellungen herumschlagen, insbesondere mit der Charakterkunde von Ludwig Klages (Charakteranalyse, Fischer TB, S. 198).

Das ganze läuft darauf hinaus, daß der Mensch aus drei Schichten aufgebaut ist: bioenergetischer Kern, Mittlere Schicht und soziale Fassade.

Diese drei Schichten entsprechen der angeborenen Natur des Menschen (ich habe beispielsweise das aufbrausende Temperament meiner Mutter geerbt), sein Charakter, d.h. die Art und Weise, wie er sich im Leben durchsetzt und schließlich seine Persönlichkeit, mit der er sich mehr oder weniger willentlich der Umwelt präsentiert (beispielsweise: „Immer nur lächeln, auch wenn einem zum Weinen zumute ist!“).

„Charakterologen“, wie Klages, werfen diese drei Bereiche wild durcheinander. Dergestalt ist „Charakterkunde“ ein Beispiel für die Emotionelle Pest. Der Charakter zeigt, wie man mit dem „angeborenen Material“ umgeht. Meist ist dies kontraproduktiv, läßt sich aber in einer Orgontherapie weitgehend verändern.

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel VI.18.

20. Juni 2016

orgonometrieteil12

I. Zusammenfassung

II. Die Hauptgleichung

III. Reichs „Freudo-Marxismus“

IV. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

V. Reichs Biophysik

VI. Äther, Gott und Teufel

1. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

2. Spiritualität und die sensationelle Pest

3. Die Biologie zwischen links und rechts

4. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

5. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

6. Die gesellschaftlichen Tabus

7. Animismus, Polytheismus, Monotheismus

8. Dreifaltigkeit

9. „Ätherströme“, Überlagerung und gleichzeitige Wirkung

10. Die Schöpfungsfunktion

11. Die Rechtslastigkeit der Naturwissenschaft

12. Bewegung und Bezugssystem

13. Der Geist in der Maschine

14. Orgonomie ist Wissenschaft, keine Naturphilosophie!

15. Die Identitätsphilosophie

16. Das Wesen des Marxismus

17. Reichs Auseinandersetzung mit Marx und Freud

18. UFOs und Magie

Die Orgonomie und die Energetik (Teil 3)

4. Mai 2015

Seit Franz Anton Mesmer wurde wohl kaum ein anderer Mediziner von der eigenen Profession derartig die Kollegialität verweigert wie dem Arzt Wilhelm Reich. Was immer man von den Theorien und der Praxis Mesmers halten mag, ist heute, nach 200 Jahren, seine entscheidende Rolle in der Geschichte der ärztlichen Psychotherapie nicht länger bestreitbar: Charcot, Freud und alles was danach gekommen ist, wäre ohne ihn undenkbar. Ich behaupte, daß auch Reich, ob seine Verächter Recht haben oder nicht, ob seine Theorien haltbar sind oder nicht, in nicht allzu ferner Zukunft eine ähnliche Ehre zu Teil werden wird: die Ehre in Darstellungen der Geschichte der Medizin als entscheidender Anreger neuer Entwicklungen erwähnt zu werden.

Schon heute wird in vielen Gesundheitseinrichtungen und selbst in Psychiatrien mit den „körpertherapeutischen“, bzw. „bioenergetischen“ Techniken Reichs gearbeitet – wenn auch durchweg in entstellter Form und manchmal unter Verschweigen des Urhebers. Aber auch etwa aus der psychiatrischen Diagnostik ist Reich nicht wegzudenken, z.B. stammt der Begriff „phallisch-narzißtischer Charakter“ von ihm (1926) und sein Buch Charakteranalyse war als Einführung in die psychoanalytische Technik und psychoanalytische Charakterologie (die er begründet hat) über lange Zeit, als die Psychiatrie noch psychoanalytisch orientiert war, unverzichtbar.

Schon Anfang der 1920er Jahre beschäftigte sich Reich als einer der ersten Psychoanalytiker in der Klinik von Wagner-Jauregg und im Wiener Psychoanalytischen Ambulatorium mit den psychopathischen Persönlichkeitsstörungen oder, wie er es bezeichnete, mit dem „triebhaften Charakter“, wobei er sich auch intensiv mit der „multiplen Persönlichkeit“ auseinandersetzte, die er bereits damals auf den sexuellen Kindesmißbrauch zurückführte.

Es ist ein Skandal, daß seine damalige Arbeit, aus der er übrigens seine „Charakteranalyse“ entwickelte, in den betreffenden heutigen Arbeiten zum Thema nicht erwähnt wird. Aus der Charakteranalyse heraus, in deren Folge bei Patienten Strömungsempfindungen auftraten, entwickelte Reich in den 1930er Jahren eine umfassende Meßreihe, in der er die Emotionen der Angst und der Lust mittels Verstärkerröhren und einem Oszillographen darstellen konnte, indem er das elektrische Hautpotential ober- und unterhalb der Epidermis abnahm. Damit nahm er einen Teil der Forschungsarbeiten von Masters und Johnson aus den 1960er Jahren vorweg – und wieder wird Reichs Name in diesem Zusammenhang nirgendwo erwähnt.

Selbst in der Psychoanalyse wurde und wird er praktisch nirgends erwähnt. Man schlage irgendeine neuere Arbeit z.B. über Anna Freud auf und die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, daß man nichts über Reich finden wird. Wenn er doch Erwähnung findet, werden ihm meist Dinge unterschoben, die mit seiner Arbeit nichts zu tun haben und teilweise geradezu das Gegenteil seiner Intentionen darstellen. Zum Beispiel wird er als libertärer Verkünder der sexuellen Befreiung hingestellt, während ganz im Gegenteil bei ihm stets die Eigenverantwortung im Mittelpunkt stand, d.h. die Macht sich nicht willenlos jeder Regung hinzugeben, sondern sich willentlich zu entscheiden. Seine Therapie zielte in all ihren Entwicklungsphasen letztendlich darauf ab, den Menschen diese Entscheidungsfreiheit zurückzugeben, so daß sie nicht etwa durch pornographische Manipulationen in der Werbung konditioniert werden können.

Reichs Ausgangspunkt war die psychoanalytische Libidotheorie, wie sie sich ihm Anfang der 1920er Jahre darstellte. Sie war quasi ein thermodynamisches Modell, in dem im Organismus bestimmte Quanta unzerstörbarer Energie gespeichert ist, die innerhalb unterschiedlicher, voneinander getrennter Systeme, z.B. als orale, anale oder genitale Libido umgewandelt, in Lustbetätigung verbraucht oder zu arbeitsfähiger Energie veredelt, bzw. „sublimiert“ wird.

Reichs originärer Beitrag bestand darin, dieses mechanistische Modell aufzubrechen, indem er die verschiedenen Libido-Kreisläufe, die nicht viel mehr als theoretische Konstrukte waren, mit dem realen aktuellen Sexual- und Arbeitsleben der Patienten verband. Er fand heraus, daß erstens die angeblich isolierten oralen, analen und genitalen (hysterischen) Pathologien eine Funktion der genitalen Befriedigung bzw. Frustration sind und daß zweitens nicht nur kein Gegensatz zwischen genitaler Befriedung und Sublimierung (Arbeit) besteht, sondern daß sie sich vielmehr wechselseitig bedingen.

Ein weiterer Schritt war dann in den 1930er Jahren die Klärung, um was für energetische Vorgänge es dabei im einzelnen eigentlich geht. Reich verband seine Orgasmustheorie mit der Arbeit des Chefs der Berliner Charité Friedrich Kraus, der in einer bis heute nicht aufgearbeiteten umfassenden Theorie den menschlichen Organismus als ein durch elektrochemische Prozesse betriebenes Energiesystem beschrieb. An den Grenzflächen zwischen zirkulierenden Salzelektrolyten und stationären Kolloidelektrolyten, die keine Membranen durchdringen können, bilden sich elektrische Potentiale, deren Ausgleich Energie erzeugt, wobei sich elektrische Energie in mechanische umwandelt und so das Biosystem betrieben wird.

Parallel mit dieser theoretischen Loslösung von der Psychoanalyse entwickelte Reich die „Vegetotherapie“, eine Art umfassender körperorientierter Verhaltenstherapie, in der im Rahmen einer charakteranalytischen Durcharbeitung der Widerstände durch Hinweise auf die Blockierungen des Atmens und auf chronische Muskelverkrampfungen an anderen Stellen des Körpers, sowie durch direkte Manipulation dieser chronisch verkrampften Muskulatur der Organismus zu einem ausgeglichenen vegetativen Tonus zurückgeführt werden soll. Gesundheit zeigt sich hier in einem vollständigen Funktionieren aller denkbaren Reflexe, insbesondere des Würgereflexes und letztendlich des 1937 von Reich zuerst beschriebenen „Orgasmusreflexes“, einer Ganzkörperzuckung auf dem Höhepunkt der geschlechtlichen Erregung.

Dieser Ansatz führte Reich in den Bereich der psychosomatischen Erkrankungen, die er, stark verkürzt dargestellt, auf die besagten chronischen Muskelverkrampfungen zurückführte. Insbesondere beschäftigte sich Reich mit der Krebserkrankung, bzw. mit dem, was er als „karzinomatöse Schrumpfungsbiopathie“ bezeichnete. Bösartige Wucherungen waren für Reich das späte Symptom einer schleichenden Erkrankung des Vegetativums, das sich aufgrund chronischer Sexualenttäuschung sozusagen in sich selbst zurückzog und die bösartigen Wucherungen stellten sozusagen ein letztes Aufbäumen von Teilen des Organismus gegen diesen schleichenden Sterbensprozeß dar. In seiner, hier extrem verkürzt dargestellten, umfassenden Krebstheorie hat Reich viele Ergebnisse der Psychoonkologie teilweise um Jahrzehnte vorweggenommen.

Am Beispiel des so verstandenen Krebses läßt sich besonders leicht aufzeigen, daß Erkrankungen größtenteils ein soziales Problem darstellen: d.h. das soziale Milieu ist dafür verantwortlich, wie harmonisch sich der Mensch entwickeln kann, ob er aus sich heraus gehen kann und Erfüllung in der Sexualität und in der Arbeit findet oder ob er es nicht kann. Das besondere bei Reich ist nun, daß er nicht nur solche „psycho-somato-sozialen“ Theorien vertreten hat, sondern konkret Schritt für Schritt den kausalen Zusammenhang von der Desorganisierung der Gesellschaft bis zur Desorganisierung des Gewebes aufzeigen kann.

Hier zwei Zitate, die ungefähr umreißen, in welcher geistigen Atmosphäre Reich die ersten Schritte hin zur Orgonomie unternommen hat.

Henri Bergson in Schöpferische Entwicklung (Zürich, o.J., S. 207):

Der menschliche Intellekt, wie wir ihn uns vorstellen, ist nicht mehr jener von Plato im Gleichnis der Höhle geschilderten. Seine Funktion ist es nicht mehr, leere Schatten vorübergleiten zu sehen, nicht mehr, jenseits seiner selbst gewandt, das aufglühende Gestirn zu schauen. Er hat anderes zu leisten. Angeschirrt wie Arbeitstiere im schweren Tagewerk spüren wir das Spiel unserer Muskeln und Gelenke, die Schwere des Karrens und den Widerstand der Scholle: handeln und sich als handelnd wissen, in Kontakt treten mit der Realität, ja sie – nur aber nach ihrer Bedeutung für das werdende Werk, für die Schürfung der Furche – leben, das ist die Funktion des menschlichen Intellekts. Dennoch badet uns ein wohliger Strom, dem wir die Kraft selbst zu Arbeit und Leben entschöpfen. Jeden Augenblick eratmen wir etwas von diesem Ozean von Leben, dem wir eingesenkt sind, fühlen wir, wie sich unser Wesen, oder doch der Verstand, der es lenkt, nur durch eine Art örtlicher Erstarrung aus ihm gebildet hat. Die Philosophie also kann nur die Anstrengung sein, sich diesem Ganzen neu zu verschmelzen.

Ein Beispiel dieser Tradition, die, wenn auch auf mystisch-abstrakte Weise, die Orgonomie beinahe wortwörtlich vorwegnimmt, findet sich in Karl Joels Seele und Welt – Versuch einer organischen Auffassung (1923). In einer zeitgenössischen Buchbesprechung heißt es:

Die Weltanschauung Joels ist eine organische und weist bei aller Selbstständigkeit Beziehungen zu Denkern wie Plotin, Schelling, Fechner, Bergson u.a. auf. Organisch ist sie, weil nach ihr das Leben die wahre, ursprüngliche Wirklichkeit ist, weil Geist und Materie nur verschiedene Stufen lebendigen Werdens sind, wobei der Geist, die Seele die Produktion und Variation in der Welt bedeutet, deren Erstarrung, Mechanisierung, Stabilisierung das Körperliche erzeugt. Die Welt als Ganzes ist eine Entfaltung und Entschließung der organischen Einheit, die in allem sich auswirkt. Die Welt ist durch und durch Funktion, sie ist eine Objektivation der ewig sich verkörpernden und ewig über alle Verkörperung hinausstrebenden schöpferischen Tat. Die Materie ist nur die passive, sinkende Seite des Weltlebens, das Komplement der Seele, die innere Sammlung, die im Materiellen sich entäußert. Gott ist das ewige Leben, das Leben in beständiger Erneuerung, die Einheit, während die Welt Vielheit ist. (Rud. Eisler in Neue Freie Presse)

So die Verlagswerbung in Joels Nietzsche und die Romantik (Jena, o.J.) wo er z.B. schrieb:

Gegensätze berühren sich nicht, sie sind vielmehr ursprünglich eins und treten auseinander als die abgekehrten Pole eines Ganzen; denn Heterogenes gibt keinen Gegensatz. Aller Gegensatz beruht auf Gemeinschaft. (S. 217)

Dies ist eine Vorwegnahme des Orgonomischen Funktionalismus, wenn nicht sogar der Orgonometrie.

Die klassische Physik kennt drei Thermodynamische Gesetze, die wie folgt orgonomisch interpretiert werden können:

  1. Energie kann nicht „erzeugt“ werden, sondern nur umgewandelt. Dies bedeutet, daß die Orgonenergie die letzte nicht weiter ableitbare Realität ist.
  2. Spontan gleichen sich alle Potentialunterschiede in der Natur aus. Dies nannte Reich „mechanisches Potential“, durch das Orgonenergie-Konzentrationen wieder abgebaut werden.
  3. Der absolute Nullpunkt von -273,2 °C = 0 K ist unerreichbar. Dieses sogenannte „Nernstsche Theorem“ weist darauf hin, daß die Orgonenergie ein durch nichts zu durchdringendes Kontinuum ist.

Alle Energetiker vor und nach Reich bauten und bauen ihre Theorien auf die ersten beiden Thermodynamischen Gesetze auf. Hans Hass stellt immerhin kurz die Theorie des Wiener Konstrukteurs und Fabrikbesitzers Kurt Wieser („der in machen Gedanken der Energontheorie nahekam“) aus den 1940er Jahren vor, die eine Ausnahme ist (Hass: Naturphilosophische Schriften Bd. 3, München 1987).

Hass zufolge machte Wieser den Vorschlag, den beiden Grundgesetzen ein drittes hinzuzufügen. (Wobei sowohl Wieser als auch Hass vergessen, daß der dritte Platz schon durch das wenig bekannte Nernstsche Theorem belegt war.) Wieser nannte es „Gesetz der zunehmenden Wirkung einzelner Energiequellen“, das besagt, daß „in einzelnen Fällen (…) sich einzelne Urkräfte andere Urkräfte um sich herum“ gliedern.

Hass erscheint Wiesers Gedanke,

daß Energie sich unter bestimmten Bedingungen zusammenballt, differenziert und in immer mächtigeren Potentialen – den Trägern des Lebensprozesses – manifestiert, (…) nicht unberechtigt.

Weiter schreibt Hass:

Auch hier stehen wir vor einer nicht weiter „erklärbaren“ Grundeigenschaften des besonderen Etwas „Energie“. Auf dieser Grundeigenschaften beruht letztlich die gesamte Evolution. Wohlgemerkt: Nicht die Gestalten erklären sich aus ihr – jedoch: daß es überhaupt zu solchen Gestalten kommen konnte. Der Physiker – für den die Organismen außerhalb seiner „Kompetenz“ liegen – mag kaum geneigt sein, ein solches Grundgesetz den beiden ersten anzufügen. Von der Energontheorie her finde ich dagegen diesen Vorschlag berechtigt. (Hervorhebungen hinzugefügt)

Wiesers „Vorschlag“ ist identisch mit der Reichschen Formulierung des orgonomischen Potentials – dem, durch Experimente nachgewiesen, spontanen Aufbau von Energiepotentialen.

Wieser, Hass und natürlich Reich stehen durchaus nicht allein da. So hat der berühmte Quantentheoretiker Erwin Schrödinger 1944 in seinem Buch Was ist Leben? ausgeführt, daß das Phänomen Leben nicht zum 2. Thermodynamischen Gesetz paßt. Deshalb warf er die Frage nach einem neuen Gesetz in der Physik auf und postulierte die „negative Entropie“, die nichts anderes als Reichs Orgonomisches Potential ist.

In neuerer Zeit hat der Physiker und Chemie-Nobelpreisträger Ilya Prigogine Zweifel an der Entropie-Lehre wachgehalten. Es sei ja keineswegs zutreffend, so der Spiegel (4/87) in einer Zusammenfassung der Arbeiten Prigogines, daß der Kosmos allenthalben in immer simplere Bausteine zerbröckle. Beweis seien

hochgradig komplexe Organismen, die im Laufe weniger Jahrmilliarden entstanden sind und dem Entropie-Gefälle offensichtlich entgegenwirken. Doch auch in der unbelebten Materie sieht Prigogine Eckpfeiler, die dem Entropie-Prozeß standhalten, so etwa die (…) Baryonen, kompliziert gebaute Elementarteilchen, die sich seit 20 Milliarden Jahren nicht verändert haben.

Emotionale Gesundheit: Die medizinische Orgontherapie im Vergleich zu anderen Verfahren (Teil 5)

4. Januar 2015

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Richard Schwartzman: Emotionale Gesundheit: Die medizinische Orgontherapie im Vergleich zu anderen Verfahren (Teil 5)

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Die Behandlung eines katatonen Schizophrenen: Die Anlaufphase

10. Dezember 2014

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Richard Schwartzman: Die Behandlung eines katatonen Schizophrenen: Die Anlaufphase

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Die Audiodateien der Jahrestagung der Wilhelm-Reich-Gesellschaft, Berlin vom 1. Juni 2013 zu den ersten Forschungen im Wilhelm-Reich-Nachlaß-Archiv, Boston. Peters Impressionen und Gedanken

2. September 2013

Die Jahrestagung der Wilhelm-Reich-Gesellschaft am 1. Juni 2013 zu den ersten Forschungen im Nachlaß-Archiv ist in 16 Audiodateien im Netz verfügbar. Es liegt nur ein kleiner Filmausschnitt vor, der ausgerechnet die Stelle dokumentiert, an der ich während der Konferenz Erwähnung finde:

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=fVMj2-G2Mqw%5D

Im ersten Vortrag ist Thomas Harms zu hören. In den Bildern von der Ersten Orgonomischen Konferenz macht er ein „68er-Feeling“ aus. Er mag den Begriff „Emotionelle Pest“ nicht. Das erläutert er auch nochmals in der Abschlußdiskussion der Konferenz, wo er nahe legt, der Kampf um „die wahre Lehre“ in der Orgonomie wäre etwas durchweg Negatives und Destruktives. Um so besser ist sein Vortrag über das Projekt Kinder der Zukunft. Insbesondere was er über Genitalität in der Kindheit zu sagen hat: ein ausgesprochen wertvoller und hörenswerter Beitrag. Das ist Orgonomie! Gut, Reich hat aber auch gesagt:

Es würde an Wahnsinn grenzen, so große Projekte wie „Die Kinder der Zukunft“ (…) in Angriff zu nehmen, ohne begriffen zu haben, wie es möglich war, daß all dies Elend jahrtausendelang unvermindert, unerkannt und unangefochten bestehen konnte; daß nicht ein einziger der vielen glänzenden Versuche zur Erklärung der Situation und zur Linderung der Leiden Erfolg hatte; daß mit jedem Schritt hin zur Erfüllung des großen Traums das Elend nur schlimmer und tiefer wurde (…). Gegenwärtig ist eine sorgfältige Untersuchung des Christusmordes weit wichtiger als die wunderbarsten Kinder, die wir vielleicht aufziehen könnten. Jede Hoffnung, jemals den Sumpf unserer Erziehungsmisere zu durchdringen, wäre unwiderruflich verloren, wenn dieser neue und so hoffnungsvolle Versuch, Kinder auf bessere Art zu erziehen, sich festfahren und in sein genaues Gegenteil verkehren würde, so wie es allen früheren, hoffnungsvollen Unterfangen des Menschen auch ergangen ist. (Christusmord, Freiburg 1978, S. 40)

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=TDsReuA6Xb0#t=34%5D

Der „Körperpsychotherapeut“ Manfred Tielen erwähnt, daß sich in Reichs Archiv keine Fallgeschichten finden, die die Entwicklung seiner Therapie von der Charakteranalyse über die Vegetotherapie hin zur Orgontherapie detailliert nachvollziehbar machen. Dies unterstreicht m.E. erneut, daß man die Reichsche Therapie ausschließlich von seinen unmittelbaren, von Reich selbst autorisierten Schülern lernen kann. Reich hat einen einzigen Orgontherapeuten diesen Auftrag erteilt: Elsworth F. Baker, der wiederum Charles Konia autorisiert hat.

Nichts gegen den Vortrag von Andreas Peglau über Reich in Berlin, aber – man sollte, so Reichs Meinung, auf einer Konferenz seinen Vortrag niemals vorlesen. Der Vorlesende verkrampft und der Zuhörer mit ihm: denkbar unpassend für eine Konferenz über den Schöpfer der Orgontherapie! Es sind wirklich zwei grundsätzlich verschiedene Medien: das gesprochene und das gelesene Wort! Daß Reich sich 1930 als Abgeordneter für die KPÖ aufstellen ließ, war mir neu. Soweit zu Reichs Behauptung, er sei nie politischer Kommunist gewesen! Ansonsten kann ich zu Peglaus Vortrag nur sagen: LEUTE, KAUFT DAS BUCH!

Philip Bennets Vortrag über Reichs politische Zurückhaltung in den USA nach dessen Inhaftierung als „Alien Enemy“ wird von Christian Rudolph übersetzt. Er stockt, bricht in Tränen aus, nachdem er eine entsprechende Stelle aus American Odyssey übersetzt, wo sich Reich bitter über die „Ungerechtigkeit und Gemeinheit“ der USA beschwert. (Auch später wird es während der Konferenz recht tränenreich.) Bennet behauptet, daß die Änderungen in der Massenpsychologie des Faschismus zwischen 1933 und 1946 „im Wesentlichen linguistisch und sehr geringfügig“ seien. Stimmt das? Siehe dazu meine Ausführungen in Marx und die Orgonbiophysik (Teil 1) Und selbst wenn es stimmt, was bleibt dann von Reichs angeblichem politischen Opportunismus?

Wenn Bennet recht hat und Reich einfach Angst vor politischer Verfolgung in den USA hatte, warum dann nur „linguistische und sehr geringfügige“ Veränderungen? Man muß Bennet aber recht geben, daß Reich schlichtweg gelogen hat, wenn er später behauptete, kein Kommunist „im politischen Sinne“ gewesen zu sein. Es ist nur die Frage, ob Reich zwischen 1928 und 1933 „er selbst“ war (und damals innerlich mit sich rang) oder ob er es in den 1950er Jahren war. Bennet legt nahe, daß in Amerika Reich sein „wahres Denken“ kaschierte, um zu überleben. So hätten es ja schließlich viele andere linke Analytiker auch getan! Hmmm…

Bennets gesamte Argumentation (Reichs Verhaftung als „Alien Enemy“ habe diesem einen derartigen Schrecken eingeflößt, daß er sich fortan politisch verstellte) ist schlichtweg nicht tragfähig. Beispielsweise fällt Reichs Auseinandersetzung mit seiner sozialistischen Assistentin Gertrud Gaasland, d.h. sein endgültiger Bruch mit dem Sozialismus, vor seine Verhaftung. Siehe dazu Ilse Ollendorffs Reich-Biographie. Außerdem waren bereits in Norwegen die letzten Nummern der Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie demonstrativ unpolitisch.

Am Ende seines Vortrags nervt Bennet einfach, wenn er all die sexuelle Repression in den USA beschreibt, was im übrigen nicht zum Thema seines Vortrages paßt. Die Frage ist, was funktionell wichtig ist: die moderne Permissivität der amerikanischen Gesellschaft oder der überkommene Puritanismus.

In der anschließenden Diskussion verweist Bennet auf Reichs Briefwechsel mit Neill, der Reichs Opportunismus belegen würde. Nun, an keiner Stelle hat sich Reich anti-kommunistischer geäußert. Ständig versucht Reich Neill von dessen Marxistischen Flausen abzubringen. Gerade in seinen in den USA nicht veröffentlichten privaten Äußerungen war er ganz so, wie die Orgonomen um Elsworth F. Baker Reich später beschrieben haben. Bennet hält dagegen, daß Reich bis zum Ende eine gesellschaftspolitische „Vision“ hatte. Immerhin räumt Bennet mit der Mär auf, Reich sei im Gefängnis ermordet worden.

Bennet versucht in seinem zweiten Vortrag, das Reichsche Konzept der „Arbeitsdemokratie“ mit Reichs Marxismus zu verknüpfen. Bennet hat entdeckt, daß Reich 1956 in seiner geplanten Zeitschrift CORE Command Bulletin u.a. seine ersten beiden Schriften zur Arbeitsdemokratie veröffentlichen wollte, die er vorher angeblich aus Angst vor den amerikanischen Behörden nicht auf englisch veröffentlicht hatte. Gleichzeitig konstatiert Bennet bei Reich am Ende seines Lebens „paranoide Züge“. Er deutet an, m.E. zu recht, daß Reich vielleicht damals seine politisch inkriminierenden Tagebücher zwischen 1923 und 1933 verbrannt hat.

Peinlicherweise zitiert Bennet, wie Reich in diesem Zusammenhang eine der zehn oder zwölf Sätze von Marx von sich gibt, die immer wieder und wieder und wieder und wieder ad nauseam von Marxisten genannt werden. In diesem Fall ist es: „Ich bin kein Marxist!“ Genauso peinlich ist es, wenn Bennet Reichs Kritik am amerikanischen Liberalismus teilt, etwa was die Äußerungen von Holocaust-Leugnern und Rassisten betrifft. „Haßverbrechen“, – mit deren Verfolgung der Stalinismus in die westliche Welt seinen Einzug hält! Das ganze läuft bei Bennet darauf hinaus, daß er allen Ernstes Reichs Konzept der Arbeitsdemokratie mit der Occupy-Bewegung gleichsetzt. Praktisch in allem ist Bennet das Negativ von Charles Konia. Ich kann den geneigten Leser nur auf Zeugnisse einer Freundschaft verweisen, um zu sehen, wo Reich heute wahrscheinlich stünde und wie genau es mit dessen Antiliberalismus aussieht!

Immerhin können sich Philip und ich auf eines einigen: wir lieben das Mahavishnu Orchestra. Er hat es, wie ich voller Neid von ihm hörte, damals sogar live erlebt:

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=rtbvY4aJWps%5D

Nachtrag zu „Die sozio-politische Charakterologie Elsworth F. Bakers am Beispiel der Bundestagsparteien“

5. Dezember 2012

Man meint, den Streit Liberalismus gegen Konservativismus dadurch umgehen zu können, indem man („Schluß mit der Politik!“) einfach die Lebensfeindlichkeit schlechthin bekämpft oder positiver ausgedrückt: für das Leben einsteht, egal ob es nun von rechts oder von links bedroht wird. Aber ist nicht a priori „politisch sein“ identisch mit „links sein“? Die Linken sagen doch selber immer, daß eine apolitische Haltung zu reaktionären Ansichten führt. Politik bestimmt unser Leben wie kaum etwas, wir sollen aber nicht versuchen sie zu begreifen?

Um effektiv für das Leben und gegen das Antileben eintreten zu können, muß man:

  1. die pestilenten Mechanismen in ihren Einzelheiten erkennen; und
  2. sich im konkreten Leben, jenseits nebelhafter Grundsätzlichkeit, so neurotisch wie es nun mal ist, für eine Seite in einer bestimmten Situation entscheiden. Genauso wie sich Reich immer entschieden hat.

Mit grundsätzlichen (einfachen) Überlegungen kommt man im Leben halt nicht immer weiter.

Menschen denken gemeinhin nach dem mechano-mystischen Ausschließlichkeitsprinzip, anstatt funktionell („dialektisch“) zu denken. Für sie scheint es so zu sein, daß sich:

  1. der Liberale als „guter Mensch“ und der Faschismus einander ausschließen. In Wirklichkeit können sie aber sehr wohl funktionell identisch sein. Etwas, was Leute nicht verstehen, die immer beklagen, Reich hätte wahllos jeden Linken als Roten Faschisten bezeichnet.
  2. der rigide konservative und der weiche genitale Charakter einander ausschließen. In Wirklichkeit können auch sie funktionell identisch sein, z.B. dann, wenn sie im Gegensatz zum Liberalen die Freiheit und nicht den „Frieden“ an die erste Stelle setzen.

In Die Massenpsychologie des Faschismus hat Reich drei Charakterschichten postuliert und sowohl mit soziologischem Verhalten als auch mit Gesellschaftssystemen in Zusammenhang gebracht:

  1. die oberflächlichste, die Fassade: das Reich der liberalen Gesinnung; soziales System: die liberale Gesellschaftsordnung;
  2. die perverse mittlere Schicht: faschistische Gesinnung; Gesellschaftssystem: Faschismus; und
  3. die tiefste, primäre Schicht: Genitalität; Arbeitsdemokratie.

Diese Einteilung ist die Grundlage für die Beurteilung der Politik in der Orgonomie.

Zur „Fassade“ ist zu sagen, daß es hier zwei Arten des Liberalismus gibt, die das Gesetz der gleichzeitigen Gegensätzlichkeit und Identität (mit der zweiten Schicht) aufzeigen:

  1. Der Gegensatz: der genuine Liberale, der seinen rationalen Platz in einer gesunden Gesellschaft hat, um den Konservativen in Schach zu halten, versucht ehrlich seine mittlere Schicht durch intellektuelle Abwehr unter Kontrolle zu halten. Leider Gottes ist diese Abwehr aber äußerst labil und schlägt leicht in ihr Gegenteil um. Damit haben wir:
  2. Die Identität: die Abwehr wird zum Diener der mittleren Schicht. In „Modju at Work in Journalism“ schreibt Reich dazu:

    Das Motiv fair und rational zu erscheinen, ist nicht etwa fair und rational zu sein, sondern nur den Anschein des Fairen und Rationalen zu wahren, um auf besonders gerissene Weise zu verbergen, daß man unfair und zerstörerisch irrational ist. (Orgone Energy Bulletin, Vol. 5, March 1953)

Deshalb haut also die Orgonomie immer so „einseitig“ auf die Linke ein:

  1. weil der Liberalismus doch nur der Zuckerguß über einer stinkenden Eiterbeule ist;
  2. weil er sehr schnell nach unten in die mittlere Schicht abgleiten kann; und
  3. weil dies der Liberalismus auf eine unglaublich teuflische Weise tut: all die „Gutheit“ wird benutzt, um so effektiver böse sein zu können – man schaue sich nur die „Friedensoffensiven“ der Sowjetunion an!

Das erklärt, warum die Orgonomie gegen die Linke ist (jedenfalls tendenziell). Warum tendiert sie dann mehr zur Rechten?

In der obigen Reichschen Einteilung in die drei Charakterschichten fällt natürlich auf, daß dort kein Platz für das Reich des Konservativen ist. Aus persönlicher Erfahrung heraus werden die meisten den Konservativen wie folgt beschreiben:

  1. rigid und sexuell verklemmt;
  2. mystisch veranlagt (Primärprozeßdenken: Mutter = Nation, Vater = Staat); und
  3. autoritär.

Der erste Punkt weist darauf hin, daß eine muskuläre, anstatt einer intellektuellen Abwehr vorliegt. Der zweite Punkt auf einen verzerrten Kontakt mit dem Kern, der sich nicht nur in Religiosität zeigt, sondern auch in der Verbindung mit dem Ahnenerbe. Ist es nicht naheliegend den konservativen Charakter aus diesen Gründen zwischen die mittlere Schicht und den Kern einzuordnen? Und kommt er damit nicht der Genitalität am nächsten?

soziopol

Seine Rigidität und sein Konservatismus schützt den Konservativen „nach oben“ in die mittlere Schicht abzugleiten und zum Nazi zu werden.

In der Welt, wie sie nun mal ist, müssen wir, wenn wir den Genitalen Charakter suchen, wohl vorerst mit dem Konservativen vorlieb nehmen. Das ist auch der Grund dafür, daß man faktisch die Arbeitsdemokratie mit dem Kapitalismus gleichsetzen kann. Eine entsprechende Frage von mir hat Charles Konia wie folgt beantwortet:

Der Kapitalismus ist eine Kernfunktion im ökonomischen Bereich. Die Arbeitsdemokratie ist eine Kernfunktion im tieferen, umfassenderen bio-sozialen Bereich.

Kommen wir nun, immer noch unter dem strukturellen Gesichtspunkt „tiefer-höher“, zu einer mehr therapeutischen Sichtweise:

Dazu wollen wir den liberalen Charakter mit dem Schizophrenen vergleichen, wobei aber nicht vergessen werden darf, daß es genauso viele liberale wie konservative Schizophrene gibt:

  1. beide können oberflächlich manchmal ziemlich gesund wirken, da sie nicht so rigid gepanzert sind wie der Zwangs- bzw. der konservative Charakter;
  2. beide sind unglaublich kontaktlos;
  3. deshalb können sie weit destruktiver sein als ihre neurotischen Pendants; und
  4. beide müssen zuerst neurotisch bzw. konservativ werden, bevor sie die Genitalität erreichen können.

Leider ist es dabei so, daß der so freie Schizophrene erst zum beschränkten Spießer werden muß (wie Reich es in Charakteranalyse beschreibt), während der Liberale zuerst seine angeblich fortschrittliche Haltung aufgeben muß, was ihn sicherlich auch nicht sympathischer werden läßt.

Die bioenergetischen Grundlagen der gegenwärtigen Sozialpolitik, Psychiatrie und Schulmedizin (Teil 2)

29. Mai 2012

In der gegenwärtigen Gesellschaft stellt sich die Situation grundsätzlich wie folgt dar:

Im ersten Funktionsschema wird beschrieben, wie die biologische Energie aufgrund der gesellschaftlichen, muskulären und „psychischen“ Panzerung (e) mit sich selbst in Konflikt gerät (b gegen a). Beispielsweise wird in der Gesellschaft gegen „unpassende“ Triebe (a) die Moral (b) mobilisiert, die aber schließlich immer mit phallischen oder analen Sadismus (d) einhergeht. Es ist schließlich immer ein: „Ich FICK dich!“ bzw. „Ich SCHEISS auf dich!“ Wenn die Leute die Kontrolle verlieren, sagen sie charakteristischerweise immer so etwas. Dieser Impuls, etwa „Polizeibrutalität“, muß wiederum gebremst werden (wieder b‘ gegen a‘), was, in diesem Beispiel, zu ungeheuerlichen Ungerechtigkeiten Polizeibeamten gegenüber führt, und immer so weiter, bis alles hoffnungslos verfahren ist.

Für die individuelle Charakterstruktur hier ein konkretes Beispiel, wie sich so etwas Schicht auf Schicht von unten nach oben fortsetzt:

Was den somatischen Bereich anbetrifft: gegen das Symptom (a) wird das Medikament (b) gerichtet, was unvermeidlich zu Nebenwirkungen (d) führt, die gegebenenfalls wieder als Symptome bekämpft werden müssen (a‘). Als Netzeffekt wird letztendlich die Energie gedrosselt (e), was, wie in Teil 1 dieses Blogeintrags dargestellt, zu einem einigermaßen stabilen Zustand führt („neurotisches Gleichgewicht“).

Die Orgonomie geht anders vor. Sie gibt den primären Trieben Raum, so daß sich, wie im zweiten Funktionsschema, der eine Trieb (b) nicht mehr gegen den anderen Trieb (a) richten muß, ohne daß es zu einer Katastrophe kommt. Insbesondere Sexualität (a) und Arbeit (b) haben abwechselnd ihren Platz im Leben.

Deshalb liegt auch ein erfülltes Sexual- und Arbeitsleben nicht etwa am Ende einer Orgontherapie, wie mystische „Reichianer“ glauben, sondern am Anfang. Das bedeutet, daß der Orgontherapeut, soweit er diese Bezeichnung verdient, alles tut, um den Patienten zu einem besseren, funktionelleren Leben zu ermutigen. Das gleiche gilt auch für den sozialen und den somatischen Bereich: Lebe jetzt, hoffe nicht auf mystische Weise auf eine zukünftige „Arbeitsdemokratie“ oder „Gesundheit“, sondern tue jetzt und hier alles, damit Demokratie, Produktivität, Lebensfreude und Gesundheit sich entfalten können. Lebe deine primären Triebe aus.

Das erklärt auch, warum die diversen „Reichianischen“ Therapien, inklusive mancher angeblicher „Orgontherapie“, vollständig nutzlos sind. Auch die grandiosen „Reichianischen“ Gesellschaftsentwürfe, egal ob Marxistisch geprägt oder nicht, sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Es ist alles purer Mystizismus! Entweder lebt man jetzt ein funktionelles Leben oder nie. Das ist Therapie und sonst nichts, das ist „gesellschaftliches Engagement“ und sonst nichts. Die Arbeitsdemokratie fängt jetzt an oder nie. „Der Weg ist das Ziel!“ Deshalb habe ich mich auch so maßlos über das Antifa-Arschloch aufgeregt. Durch eine einzige Geste hat er bewiesen, daß alles, was er vertritt, nichts weiter als eine dreckige, verkommene Lüge ist und alle seine Aktivitäten nur dazu dienen, uns noch weiter und diesmal vielleicht endgültig im Wirrwarr der Panzerung gefangen zu halten.