
DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 12. Die Kinder der Finsternis / Satan
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Reichs „Wiener Geschichte“ ist eine einzige große Auseinandersetzung mit LSR:
# „Gott Stirner“ (siehe Leidenschaft der Jugend)
# der triebhafte Charakter: (pseudo-)„Stirnerisch“ frei und gleichzeitig verfolgt von einem sadistischen Über-Ich („FICK mich!“): de Sade, Foucault
# die SPÖ als Vertretung des rigiden Über-Ich, die KPÖ als Vertreterin des rebellischen Lebens, das von Dämonen verfolgt wird („sadistisches Über-Ich“)
# „orgastische Potenz“ als Lösung des Dilemmas der Triebhaftigkeit (der Triebgehemmtheit ja sowieso)
# die Kulturdebatte mit Freud und erste Zweifel an der Sowjetunion
# allererste Anfänge der Orgonomie, d.h. einer Welt „jenseits der Kultur“ (man denke sowohl an Freuds Jenseits des Lustprinzips als auch an sein Unbehagen in der Kultur)
Von vorne bis hinten Bernd Laskas LSR-Projekt (LaMettrie, Stirner, Reich):
# der orgastisch potente LaMettrie gegen den triebhaften Charakter de Sade
# der orgastisch potente Stirner gegen den Moralisten Marx (verkörpert in der austromarxistischen pfaffenhaften SPÖ)
# der orgastisch potente Reich gegen Freud (die sozialdemokratischen Psychoanalytiker a la Federn, die auf die triebhaften kommunistischen Untermenschen hinabblicken)
Verfolgen wir Reichs „LSR-Entwicklung“ weiter über Berlin bis nach Rangeley:
Bereits in der Massenpsychologie des Faschismus von 1933 gab Reich den Nationalsozialisen recht: man dürfe die Bedeutung des „Seelischen und Religiösen“ nicht unterschätzen (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 139), denn die religiöse Erregung ist, wie er einige Jahre später formulierte, „nicht nur antisexuell, sondern in hohem Grade selbst sexuell“ (ebd. S. 144).
Er wollte das wieder auflösen, die „seelischen und religiösen ‘Entitäten’“ wieder zum bioenergetischen Strömen bringen: die Panzerung auflösen, die Sexualität aus ihrer religiösen Perversion befreien. Und genau wie in seiner charakter/vegeto/orgon=orgasmotherapeutischen Arbeit wuchs dabei im Laufe der Jahre Reichs „Respekt“ vor dieser „alten Welt“, die es doch aufzulösen galt. Den gleichen „Respekt“, den man einem räudigen Kampfhund entgegenbringt.
Es gibt kein Weg zurück, wie es auch in der Entpanzerung des Körpers keinen Weg zurück gibt. Es besteht aber eine Gefahr, die Reich seit seiner Arbeit mit dem triebhaften Charakter vor Augen stand, die er aus der eigenen therapeutischen Praxis kannte und die nicht zuletzt das Geschehen in Deutschland und Rußland der 1930er Jahre kennzeichnete: wenn man zu schnell vorgeht, kommt es zum Kollaps und das Über-Ich schlägt im sich „entpanzernden System“ härter zu als jemals zuvor und zwar diesmal auf unberechenbare „triebhafte“ Weise. Wenn dieser Zustand aber erreicht ist, dann ist jede weitere Entpanzerung ausgeschlossen, was den endgültige Sieg der „Reaktion“ bedeutet. Nicht zuletzt sieht man das an den gruseligen „Körperpsychotherapeuten“ und „Reichianern“, die die Orgonomie unrettbar zerstören. Wie Reich gezeigt hat, gibt es als Gegenmittel nur die Sequestration der Pestratten.
Diese Erkenntnis, also die Gefahr, die in der Entpanzerung steckt, ist ein entscheidender Fortschritt. Gewisserweise muß gerade die wahre Aufklärung die „Heiligtümer der alten Welt“ als „heilig“ erachten, einfach weil sie eine Doppel-Funktion haben: sie perpetuieren nicht nur die alte Welt, sie sind auch die einzige Möglichkeit, um die alte Welt zu vernichten. Platt ausgedrückt: man benötigt militärische Disziplin um einer faschistischen Militärmaschinerie entgegentreten zu können. Genauso wie der Orgontherapeut heutzutage (als noch die Zwangscharaktere dominierten, sah das Vorgehen natürlich anders aus) nicht einfach den Panzer auflösen will, sondern erstmal (z.B. beim schizophrenen Charakter) einen Panzer erzeugen (bzw. natürlich verlagern) muß, damit nicht der Organismus aus Orgasmusangst sich endgültig abpanzert.
In unserer Gesellschaft kann das natürlich nicht bedeuten, daß man auf religiöse Gefühle oder die humanistischen Phrasen Rücksicht nimmt und schon gar nicht, daß man irgendwelche Kompromisse, außer denen der praktischen Lebensklugheit, macht. Es geht erstmal um die Vermittlung des Problembewußtseins („Leute, der Panzer hat eine Funktion!“) und zweitens darum, mit welchen Leuten man sich zusammentut. Was nichts anderes bedeutet, als das die „natürlichen Freunde“, etwa die Anarchisten, zu meiden sind als hätten sie die Beulenpest.
Und genau das (die soeben angeführten zwei Handlungsmaximen) hat Reich befolgt, das erstere vor allem im Christusmord und das letztere dadurch, daß er sich sukzessive von seinen „natürlichen Freunden“ abwandte bzw. gar nicht an sich herankommen ließ (etwa die „Beatniks“) und zum „Eisenhower-Fan“ wurde. Zunächst mußten die Linken dran glauben (z.B. die Trennung von seiner sozialistischen Assistentin Gertrud Gaasland) und schließlich sogar die amerikanischen Liberalen (praktisch zwang er die, außer Baker, Duvall und Silvert, durchweg liberalen Orgonomen auf Republikaner-Kurs), von Greenwich Village brauchen wir gar nicht erst zu reden, auch nicht von seiner Reaktion auf Paul Ritter und David Boadella.
Es geht nicht um „Fürsten“ oder ein „Zurück in die alte Welt“, es geht nicht mal um Eisenhower, Reagan und die AfD, sondern um den grundsätzlichen Respekt vor dem Status quo, der durch Eisenhower, Reagan, AfD, etc. archetypisch verkörpert wird. Es muß der Status quo verteidigt werden, um den Status quo zu ändern. Dialektik!
Was auf den ersten Blick wie Reichs Abfall oder zumindest Relativierung von der radikalen Aufklärung aussieht, erweist sich bei genauerer Betrachtung als Reichs konsequente Zuendeführung seines spezifischen Beitrags, den ich oben („Reich in Wien“) skizziert habe.
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Laska setzte die („vermeintliche“) Entdeckung des Orgons in den Kontext von Reichs Machtlosigkeit, und seiner Sehnsucht die Welt zu verändern. Niemand wird sich wundern, wenn ein Student der Orgonomie erstmal darauf beharrt, daß die ubiquitäre Orgonenergie eine singuläre Entdeckung ist und daß das wahrlich das Bedeutungsvollste an Reich ist. Nun wäre diese meine Aussage über das Orgon als welterschütternde Entdeckung einfach nur platt und „orgon-sektiererisch“, wenn ich sie nicht begründen würde: Alle anderen physikalischen Entdeckungen, z.B. die des Elektrons, gehen darauf zurück, daß aus dem Fluß der Erscheinungen bestimmte „Dinge“ herausgefiltert wurden. Als Reich 1934 erstmals den Strömungsempfindungen seiner Patienten gewahr wurde und damit zum ersten Mal dem Orgon direkt begegnete, war das etwas grundsätzlich Neues: die Entdeckung beruhte auf der Auflösung eines „Dinges“ (der Charakterpanzerung). Das macht die Entdeckung des Orgons gerade für den „Körpertherapeuten“ wichtig.
Wenn ich ihn richtig verstanden habe, geht Laska: „Eigner verwirklicht sich im Orgon und anderen Konzepten“. Ich halte dagegen: „Eigner entfremdet sich den menschlichen Konzepten und befreit sich anhand des Orgons, das das Gegenteil eines Konzepts und sogar das Gegenteil eines materiellen Erkenntnisobjektes ist“.
Welche Einschätzung des Orgons ist für den Therapeuten potentiell wichtiger: Laskas Haltung (die sich um die historische Person Reich dreht), die eh von allen und jedem vertreten wird, oder „meine“ Haltung, bei der es um Körperströmungen, Panzerauflösung und Wahrnehmung, Kontakt und das Orgon im Hier und Jetzt geht?
Laska hinterfragt vollkommen rational bestimmte Aussagen Reichs „im Lichte unserer Erfahrungen seit 1957“, während ich dann sage: Das ist zweifellos vernünftig, aber „Vernunft“ betrachte ich hier nicht als sonderlich fruchtbar. Daß das Orgon möglicherweise einfach nur ein künstlich zusammengelogenes Syndrom konventioneller physikalischer Beobachtungen ist, ist mir einfach zu – unfruchtbar. Viel spannender ist doch zu ergründen, was am Orgon so singulär ist im Vergleich mit den Konzepten der Schulphysik einerseits und den „anderen“ Lebensenergie-Konzepten andererseits.
Außerdem bin ich einfach doch zu sehr Physiker, um das „aufklärerische“ Wegwischen des Orgons zu akzeptieren. Ich „weiß“ ganz einfach, daß man das Orgon als künstlich zusammengelogenes Syndrom konventioneller physikalischer Beobachtungen unmöglich wegerklären kann. Ich weiß aber auch, daß es in alle Ewigkeit skeptische und „aufklärerische“ Physiker geben wird, die genau dies versuchen werden. Selbst das Plancksche Wirkungsquantum versuchen sie nach hundert Jahren immer noch mit klassischer Physik wegzuerklären.
Stirner hat nicht der subjektiven „solipsistischen“ Willkür Tür und Tor geöffnet, sondern ganz im Gegenteil sich gegen die Willkür der Menschensatzungen empört, um den Gesetzen der Natur wieder Geltung zu verschaffen, gegen die jede Empörung einfach nur eine Kinderei, also Religion ist. Aber genau das haben sich seine „Nachfolger“, Adorno & Co., zuschulden kommen lassen: kindsköpfigerweise „entlarvten“ sie auch „die Natur“ (z.B. die Genitalität) als bloße Ideologie – und öffneten so der Willkür wieder Tür und Tor. Das gipfelte dann in der gegenwärtigen „woken“ Gender-Clownerie. Getoppt wird diese merkwürdige „Dialektik der Aufklärung“ dann noch, indem plötzlich Reich und Stirner als Reaktionäre, wenn nicht Faschisten „entlarvt“ dastehen: indem diese ihre vermeintlich „naturwüchsige“ Inidividualität verwirklichen und dergestalt „gesunden“, werden sie erst recht nutzbar (arbeits- und genußfähig) bzw. Apologeten für das „irre Ganze“ – wobei Leute wie Adorno nach freiem Ermessen bestimmen, was „irre“ und was „gesund“ ist (vgl. dazu Laskas rororo Bildmonographie, S. 39).
Für mich ist die Orgonomie die „Stirnersche Naturwissenschaft“, weil die Entdeckung der Orgonenergie einen singulären Charakter hat. Das Forschungsobjekt der Orgonomie zwingt einen funktionell zu denken und zu handeln. Wenn ich das Wort „Wissenschaft“ höre, denke ich an Nietzsche, der die totale Verranntheit der Geisteswissenschaften mit „Physik“ überwinden wollte. Und ich glaube nun mal, daß das letztere näher an Reich ist, der die „psychologistische“ Verranntheit der Psychoanalyse überwinden wollte.
In diesem Zusammenhang möchte ich hier nochmals das bringen, was ich zum letzten Teil in einem Leserbrief schrieb:
…in den 1920er Jahren hat Reich sich explizit gegen Freud stellend, gegen die Laienanalyse optiert, weil die „Geisteswissenschaftler“ zu viel Ballast (Ideologie, Über-Ich) in die naturwissenschaftliche Psychologie (die Psychoanalyse) tragen würden. Diese Haltung hat er in den 1930er Jahren bei seinen bioelektrischen Experimenten und den Bion-Versuchen weiter zugespitzt und sich sogar gegen „vorgebildete“ Naturwissenschaftler vom Kaiser-Wilhelm-Institut und der Rockefeller-Foundation gewandt. Man müsse ideologisch unvorbelastet die Natur betrachten. Sein Anspruch war es naturwissenschaftlicher als die Naturwissenschaftler zu sein, denen er im Grunde „Scholastik“ vorwarf.
Laska hat geschrieben:
Der Stirnersche Eigner seiner selbst hat durch Reichs Arbeiten klare Kontur gewonnen, sowohl was seine konkrete Gestalt angeht als auch die gesellschaftlichen Bedingungen für seine Existenz. Stirners fehlende oder ratlose Gesellschaftstheorie – von Marx und Engels zwar zu Recht kritisiert, aber nicht überwunden – wurde erst hundert Jahre später möglich: durch Reichs naturwissenschaftliche Erkenntnisse über die Möglichkeit der amoralischen individuellen Selbststeuerung, die mit sozialer Selbststeuerung nicht nur nicht kollidiert, sondern sie zur Bedingung hat – und umgekehrt. (Laska: „Zur Bestimmung des Status der Reich’schen Theorie, Teil 2“ Wilhelm Reich Blätter 2/80, S. 82)
Letztendlich ist der Mystizismus eine Verschwörung, um die Wahrheit zu verbergen. Dazu drei Beispiele:
1. Die Verschwörer schlagen uns stets mit unserer eigenen Waffe, d.h. der Enthüllung der Wahrheit. Zwei hypothetische Beispiele: Die USA entwickeln mit Hilfe der erbeuteten unausgereiften deutschen „Wunderwaffen“ eine Superwaffe, die sie ähnlich etwa einer Atombombe nicht wirklich verbergen können. Die Augenzeugenberichte sind nicht mehr aus der Welt zu schaffen, also setzt man über Einflußagenten immer absurdere Geschichten über „Außerirdische“ in die Welt, so daß keiner dieser Berichte jemals wieder ernstgenommen wird und die Augenzeugen ihre eigenen Erinnerungen entsprechend dem gewollten Narrativ „umschreiben“. Oder man nehme den Skandal um „9/11“ und all die Verbindungen zum saudischen Königshaus. Was tun, um die Leute fehlzuleiten? Man erfindet absurde Geschichten über die absichtliche Sprengung der Wolkenkratzer. Das Gemeine ist, daß auch das Gegenteil wahr sein könnte, also die Rede von „Superwaffen“ die außerirdische Invasion verhüllen soll oder ich hier die wirklichen Täter von „9/11“ schütze! Echte Enthüllungen werden verhindert mittels sozusagen falschen „Gegenenthüllungen“.
2. So arbeitet die Emotionelle Pest stets, insbesondere indem eine Wahrheit in einem undurchdringlichen Gestrüpp aus Nebensächlichkeiten erstickt und unzugänglich gemacht wird. Bernd A. Laska hat sich die Enthüllung dieses Mechanismus mit seinem LSR-Projekt zur Lebensaufgabe gemacht. Voltaire, Diderot, Rousseau, de Sade etc., d.h. ganze Bibliotheken und der Gehirnschmalz ganzer Generationen von Geisteswissenschaftlern dienten nur dazu, die einfachen Wahrheiten von LaMattrie zu übertönen. Desgleichen bei Stirner durch Marx, Nietzsche und Konsorten und bei Reich. Reich wurde von Freud verfolgt, weil er den Kern der Psychoanalyse freigelegt hatte und danach diente alle Beschäftigung mit Reich wiederum dem Ziel, diese Tat Reichs im Verborgenen zu halten.
3. Hat sich die Wahrheit trotzdem durchgesetzt, wird sie in die Zange genommen, indem die einen ihre Vertreter der rigiden Orthodoxie zeihen, die das Feuer der Wahrheit ersticken, während die anderen genau denselben Leuten eine laxe Heterodoxie vorhalten. Mit anderen Worten: sie können niemals irgendetwas richtig machen, etwa dem Erbe Reichs gerecht werden. Auf diese Weise wird die Wahrheit in alle Ewigkeit im mystischen Verborgenen bleiben – und dergestalt die Emotionelle Pest triumphieren. Auf diese Weise wurde Elsworth F. Baker und das American College of Orgonomy von jeher von den falschen Freunden Orgonomie in Schach gehalten und dergestalt das Erbe Reichs systematisch zerstört.
Die moderne Orgonomie wird durch folgende Gleichung beschrieben:

Reich hat vor allem die Funktion „relative Bewegung“, d.h. Pulsation und die Kreiselwelle erforscht (siehe Äther, Gott und Teufel und Die kosmische Überlagerung). Freud hingegen hatte zuvor, insbesondere in seiner „Traumforschung“, den Bereich der „koexistierenden Wirkung“ untersucht.
Im Unbewußten geht es um die schnellstmögliche Wunscherfüllung, d.h. es wird halluziniert, wobei auf logische Verknüpfungen, räumliche Trennung und zeitliche Kontinuität, also letztendlich auf Ursache und Wirkung, keine Rücksicht genommen wird und Widersprüche unaufgelöst bestehenbleiben. Das alles erleben wir unmittelbar im Traum. C.G. Jung hat aus diesem „Primärvorgang“ schließlich eines der Hauptbeispiele für „koexistierende Wirkung“ destilliert: die Synchronizität.
Ähnliches bei Marx: ein Plastikbecher, ein Besen und eine Eieruhr haben nichts gemeinsam, will sagen, sie haben vollkommen unterschiedliche Qualitäten („Gebrauchswert“). Sie werden erst durch ihren Wert austauschbar, den quantitativen „Tauschwert“. Dieser wird durch das Geld symbolisiert: 5 Euro = 20 Plastikbecher = 1 Besen = 2 Eieruhren. Im Kapitalismus wird alles zur Ware unabhängig von „logischen Verknüpfungen, räumlicher Trennung und zeitlicher Kontinuität“. Wenn Marx in diesem Zusammenhang vom „Fetischcharakter der Ware und seinem Geheimnis“ spricht, will er damit sagen, daß der Kapitalismus eine Traumwelt ist, die von einem „Primärvorgang“ bestimmt wird.
Reich führt in Die Funktion des Orgasmus (für Freud) und in Menschen im Staat (für Marx) jeweils aus, daß die „Libido“ und die „lebendige Arbeitskraft“ (die einzig und allein den Wert schafft), die diesen beiden „Traumwelten“ zugrundeliegen, einer konkreten Energie entsprechen, dem Orgon.
Reich schrieb Anfang der 1940er Jahre:
Heute weiß jeder, daß die marxistischen Wirtschaftsanschauungen das Denken der modernen Menschheit mehr oder minder durchdrungen und beeinflußt haben (…). Begriffe wie „Klasse“, „Profit“, „Ausbeutung“, „Klassenkampf“, „Ware“ und „Mehrwert“ sind menschliches Allgemeingut geworden. Es gibt dagegen heute keine Partei, die als Erbin und lebendige Vertreterin des wissenschaftlichen Guts des Marxismus gelten kann, wenn es um soziologische Entwicklungstatsachen und nicht um Schlagworte geht, die sich mit dem Inhalt nicht mehr decken. (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 21)
Wenn man das oberflächlich liest, sieht es so aus, als würde keine Partei etwa die Mehrwerttheorie korrekt vertreten. Reich geht es aber zunächst einmal um etwas ganz anderes:
Die marxistischen Parteien in Europa versagten und gingen unter (…), weil sie den Faschismus des 20. Jahrhunderts, eine grundsätzlich neue Erscheinung, mit Begriffen zu fassen versuchten, die dem 19. Jahrhundert entsprechen. Sie gingen als soziale Organisationen unter, weil sie es versäumten, die lebendigen Entwicklungsmöglichkeiten, die jeder wissenschaftlichen Theorie anhaften, lebendig zu erhalten und fortzuentwickeln. (ebd.)
Diese Fortentwicklung fände sich in Reichs Sexualökonomie und politischen Psychologie, die sich um die charakterstrukturelle Freiheitsunfähigkeit, die „Naturwidrigkeit“ der Massen drehen, und in seinem Konzept der Arbeitsdemokratie, die die Ökonomie in der Biologie fundiert: die natürliche Organisation der Arbeit.
Eine postkapitalistische Gesellschaft sei erst möglich, wenn alle arbeitenden Menschen, nicht nur „das Proletariat“ im engeren Sinne, charakterstrukturell fähig sind, die Produktionsprozesse eigenständig zu organisieren.
Dies ist der wesentlichste soziologische Grund, weshalb sich die Privatwirtschaft des 19. Jahrhunderts überall immer mehr in eine staatskapitalistische Planungswirtschaft verwandelt. Es muß klar ausgesprochen werden, daß es auch in Sowjetrußland keinen Staatssozialismus, sondern einen strengen Staatskapitalismus gibt; dies im streng Marxschen Sinne. Der gesellschaftliche Zustand „Kapitalismus“ ist nach Marx, nicht, wie die Vulgärmarxisten glauben, durch das Vorhandensein individueller Kapitalisten, sondern durch das Vorhandensein der spezifisch „kapitalistischen Produktionsweise“ gegeben. Also durch Warenwirtschaft anstelle von „Gebrauchswirtschaft“, durch Lohnarbeit der Menschenmassen und durch Mehrwertproduktion, gleichgültig ob dieser Mehrwert dem Staat [, der] über der Gesellschaft [steht], oder individuellen Kapitalisten durch private Aneignung der gesellschaftlichen Produktion zugute kommt. In diesem streng Marxschen Sinne besteht aber in Rußland das kapitalistische System fort. Und es wird fortbestehen, solange die Menschenmassen irrational verseucht und autoritätssüchtig sein werden, wie sie jetzt sind. (ebd., S. 25)