Posts Tagged ‘Rousseau’
17. April 2023
Im November 1932 hielt Leo Trotzki seine berühmte „Kopenhagener Rede“ unter dem Titel „Die russische Revolution“. Sie endete mit den folgenden drei Absätzen:
Zwar hat die Menschheit mehr als einmal Giganten des Gedankens und der Tat hervorgebracht, die die Zeitgenossen wie Gipfel einer Bergkette überragten. Das Menschengeschlecht hat ein Recht auf Aristoteles, Shakespeare, Darwin, Beethoven, Goethe, Marx, Edison, Lenin stolz zu sein. Warum sind diese aber so selten? Vor allem darum, weil sie fast ausnahmslos aus höheren und mittleren Klassen hervorgegangen sind. Von seltenen Ausnahmen abgesehen, sind die Funken der Genialität in den niedergehaltenen Tiefen des Volkes, ehe sie noch auflodern konnten, erstickt. Aber auch deshalb, weil der Prozeß der Zeugung, der Entwicklung und Erziehung des Menschen im Wesen eine Sache des Zufalls blieb und bleibt: nicht durchleuchtet von Theorie und Praxis, nicht dem Bewußtsein und dem Willen untergeordnet.
Die Anthropologie, Biologie, Physiologie, Psychologie haben Berge von Material gesammelt, um vor dem Menschen in vollem Umfange die Aufgaben seiner eigenen körperlichen und geistigen Vervollkommnung und weiteren Entwicklung aufzurichten. Die Psychoanalyse hob mit Sigmund Freuds genialer Hand den Deckel vom Brunnen, der poetisch die „Seele“ des Menschen genannt wird. Und was hat sich erwiesen? Unser bewußtes Denken bildet nur ein Teilchen in der Arbeit der finsteren psychischen Kräfte. Gelehrte Taucher steigen auf den Boden des Ozeans und fotografieren dort geheimnisvolle Fische. Indem der menschliche Gedanke auf den Boden seines eigenen seelischen Brunnens hinabsteigt, muß er die geheimnisvollsten Triebkräfte der Psyche beleuchten und sie der Vernunft und dem Willen unterwerfen.
Ist er einmal mit den anarchischen Kräften der eigenen Gesellschaft fertiggeworden, wird der Mensch sich selbst in Arbeit nehmen, in den Mörser, in die Retorte des Chemikers. Die Menschheit wird zum ersten Male sich selbst als Rohmaterial, bestenfalls als physisches und psychisches Halbfabrikat betrachten. Der Sozialismus wird ein Sprung aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit auch in dem Sinne bedeuten, daß der gegenwärtige, widerspruchsvolle und unharmonische Mensch einer neuen und glücklicheren Rasse den Weg ebnen wird.
Reich hat im Oktober 1933 diese Aussagen Trotzkis in seiner kurzen Korrespondenz mit ihm in einen – Reich‘schen Zusammenhang gestellt.
Die kommunistische Partei kann als wirtschaftspolitische Organisation die sexualpolitische Arbeit nicht leisten, hierzu ist eine eigene Massenorganisation notwendig, doch kann diese ohne Anlehnung an eine politische Partei ebensowenig zur vollen Entwicklung kommen. Ich bitte Sie nun, mir mitzuteilen, wie Sie zu einer Zusammenarbeit stehen. Dazu wäre natürlich notwendig, daß sich die Führung der politischen Organisation ausreichend über die Grundprobleme der Sexualpolitik orientiert und im Falle des grundsätzlichen Einverständnisses die Organisation unterstützt. Ich glaube bei Ihnen für die Bedeutung der Sexualpolitik für den Klassenkampf mehr Verständnis, als sonst der Fall ist, zu finden und gründe diese Ansicht auf den Schluß Ihrer Kopenhagener Rede; sowie auf Ihre Schrift „Fragen des Alltagslebens“, ich glaube aus dem Jahre 1924, in der Sie im Anhang mit vollem Verständnis die Fragen der Funktionäre dieses Gebiet betreffend abdruckten. Ich darf, ohne es hier zu beweisen, anfügen, daß der Rückgang der Kulturrevolution in der SU zentral mit der Tatsache innigst zusammenhängt, daß die sexuelle Revolution im Jahre 1923 abgestoppt und nicht ins Klare weiterentwickelt wurde.
Reich verkannte vollkommen, daß er und Trotzki (und mit ihm praktisch das gesamte damalige „progressive Lager“) auf zwei vollkommen unterschiedlichen Seiten standen. Marx, Engels, Lenin, Trotzki, Stalin ging es um die Beherrschung der „anarchischen“ Natur, und zwar im Sinn sowohl der äußeren als auch der inneren. „Planwirtschaft!“ Freudianisch ausgedrückt: wo Es war sollte Ich herrschen. Reich ging es ganz im Gegenteil um die Beendigung dieser Art von Herrschaft per se: wo Über-ich war, sollte Ich sein. Das Menschentier sollte „entdomestiziert“ werden und auf gesellschaftlicher Ebene die „natürliche Arbeitsdemokratie“ freigelegt werden.
In seinen obigen Ausführungen dachte Trotzki an etwas grundlegend anderes; etwas, was dem heutigen „Transhumanismus“ nahekommt: „Bewußtsein“, „Wille“, „körperliche und geistige Vervollkommnung und weitere Entwicklung“, „Triebkräfte der Psyche beleuchten und der Vernunft und dem Willen unterwerfen“, „mit den anarchischen Kräften der eigenen Gesellschaft fertigwerden“, „der Mensch in den Mörser, in die Retorte des Chemikers stecken“. Transhumanismus: „Die Menschheit wird zum ersten Male sich selbst als Rohmaterial, bestenfalls als physisches und psychisches Halbfabrikat betrachten.“
Dahinter steckt der eine welthistorische Konflikt zwischen LSR und DMF, zwischen LaMatrie, Stirner, Reich auf der einen und Diderot (Rousseau sowie weitere Menschenbändiger und -züchter), Marx (Nietzsche sowie weitere Menschenbändiger und -züchter) und Freud (Marcuse sowie weitere Menschenbändiger und -züchter) auf der anderen Seite. Bernd Laska hat gezeigt, daß ein Teil von Reichs Tragödie darin bestand, diesen grundlegenden anthropologischen Unterschied zwischen sich und Leuten wie Trotzki, nicht zu sehen bzw. nie deutlich genug wahrzunehmen und eindeutig auszuformulieren. Bereits ins der Deutschen Ideologie hatte Marx gegen Stirner dargelegt, daß der Weg zur Emanzipation nichts Abstraktes sei, blablabla, sondern nur über die Veränderung der Umwelt möglich sei, wobei sich der Mensch selbst verändere…
Schlagwörter:Anthropologie, Aristoteles, Über-Ich, Beethoven, Bernd Laska, Bewußtsein, Biologie, Darwin, Diderot, Edison, Engels, Freudianisch, Goethe, Klassenkampf, Kulturrevolution, LaMatrie, Lenin, Leo Trotzki, Marcuse, Marx, Massenorganisation, Menschheit, Nietzsche, Physiologie, Planwirtschaft, Psychoanalyse, Psychologie, Reich, Rousseau, Russische Revolution, sexuelle Revolution, Shakespeare, Sigmund Freud, Sozialismus, Stalin, Stirner, Transhumanismus, Trotzki, Wille, Zeugung
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6. April 2023
Marxisten, wie sie etwa in Neu Beginnen (siehe Der Rote Faden, Bd. 1) organisiert waren, oder die Mitglieder der Fabian Society, waren durchaus nicht antikapitalistisch im üblichen Sinne. Sie waren gegen das Unternehmertum, die „Anarchie“ der Märkte, glaubten aber, ganz im Sinne etwa der Rockefeller, daß das Monopolkapital dazu instrumentalisiert werden könne eine utopische Gesellschaft zu kreieren, in der es keine nationalen und Klassenunterschiede mehr gibt und in „Hegels“ Sinn absolute Freiheit und absolute Sklaverei identisch sind; das „Du wirst nichts besitzen aber glücklich sein“. Das Ziel war der Menschenzoo geleitet von einer wohlmeinenden Verwaltung und voller sedierter wohlgenährter, ähhh, „Menschen“, die man mit günstigem Insektenmehl füttert.
Aber bleiben wir beim Zoo und seiner Direktion. Worum geht es wirklich bei dieser sozialistischen Utopie? Du bist ein sexloses und aggressionsloses Neutrum, das unter einer strengen aber gerechten Leitung steht, die nur dein bestes will. Dieser technokratische Traum ist nichts anderes als „Über-Ich gegen irrationale, ich-hafte Triebe“. Der exakte Gegenentwurf ist Reichs selbstorgansierte „über-ich-freie“ Arbeitsdemokratie. Geistesgeschichtlich kann man das zurückverfolgen auf Max Stirner vs. Marx und weiter auf LaMettrie vs. Rousseau (der Spiritus rector der zentralistischen Französischen Revolution). Von daher auch der Vernichtungswille, der Reich sowohl von der Pharmindustrie als auch ihren vermeintlichen linken Gegnern (Mildred Brady) entgegenschlug.
Schlagwörter:Anarchie, Über-Ich, Fabian Society, französische Revolution, Freiheit, gesellschaftliche Utopie, Hegel, Klassenunterschiede, LaMettrie, Marx, Marxismus, Max Stirner, Monopolkapital, Neu Beginnen, Pharmindustrie, Rockefeller, Rousseau, Sklaverei, Sozialismus, Unternehmertum, utopische Gesellschaft, Zoo
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8. März 2023
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
In seinen Ausführungen über „die Hybris der Vernunft“ und „das Elend der Aufklärung“ finden sich bei dem christlich-libertären Ökonomen Roland Baader, ein Schüler von Friedrich A. Hayek, folgende Aussagen:
Der Fortschritt der Naturwissenschaften führte dazu, daß mehr und mehr der Gesetzmäßigkeiten des materiellen Weltverlaufs entdeckt und erklärt werden konnten. Entsprechende Gesetzmäßigkeiten glaubte man deshalb auch im Geistigen, Sittlichen und Sozialen erkennen zu können, wenn nur die Denkmethoden entsprechend den logisch-exakten der Naturwissenschaften gestaltet werden könnten. In dieser Methodensuche wurde Descartes mit seiner Verfahrensweise des „methodischen Zweifels“ zum Wegbereiter des sogenannten philosophischen Kritizismus. Das wäre noch kein Beinbruch gewesen; der Weg dieser Erkenntnismethode jedoch führte über Hobbes und Locke zur Überzeugung, daß sich alle Erkenntnis aus der Erfahrung ableiten lasse. In einem solchen Denksystem ist Metaphysik nicht mehr möglich. Wo aber Metaphysik ausgeschlossen ist, da ist nur noch Physik. Übertragen auf Geistiges bedeutet das: krasser Materialismus. Physik als singuläre Erklärung und Substanz des Menschen, des Menschlichen und der Menschheit, der Person wie der Gesellschaft, endet konsequent in den Schlächtereien der Revolution, den Gaskammern von Auschwitz und den Friedhöfen der Gulags.
Institutionell und historisch wurde daraus anschließend die Säkularisation (modern: „Emanzipation“) nicht nur des Staates von der Kirche, sondern auch des Menschen von Gott, und schließlich die des Menschen von seinesgleichen und von sich selbst. In perfekter Konsequenz entspricht dem nur noch ein einziges „Glaubensbekenntnis“: der Nihilismus.
Anders erklärt: Aus dem „richtigen“ Erkennen – so der aufgeklärte Geist – müsse das „richtige“ Tun folgen. „Richtiges“ Handeln heiße „sittliches“ Handeln, denn Elend, Mangel und Not könnten ihre tiefste Ursache nur in fehlender oder mangelhafter Einsicht haben; weshalb der durch Vernunftgebrauch vollständig erkennende oder nur das Vernünftige anerkennende Mensch auch nur noch tugendhaft (weil „richtig“) handeln könne.
Der entscheidende logische Schritt des Aufgeklärten: Die „Tugend“ muß (vermittels Vernunft) aus ihm selbst kommen. Somit lehnt der mit den Waffen der eigenen Vernunft Befreite die Bindung an moralische Autorität oder an Tradition ab.
Am Ende dieses Denkens stehen Männer wie Holbach und de la Mettrie – später auch Marx –, für die Metaphysik nur mystischer Firlefanz und dumpfes Unwissen bedeutet, und deren Theorien folglich in krassesten, primitivsten Materialismus münden. Soweit Tugend, Sittlichkeit, Moral, Religion überhaupt noch angeführt werden, sind sie zweckrationale Instrumente einer utilitaristisch-eudämonistischen Sinnes-Glückseligkeit. Logische Konsequenz dieser geistigen Bodenbereitung ist die politische (also faktische) Säkularisation. Ihr irdischer Gott ist der neue Staatsbegriff. Wenn das Individuum nicht mehr eingebunden ist in die (vermeintlich „unvernünftigen“) Zwänge der Tradition, der Religion und der hierarchischen Autoritäten, wer soll dann seinen autarken Willen zügeln? Wer soll die Souveränität des einen Bürgers daran hindern, die Souveränität des anderen Bürgers zu verletzen? Konstruktivistisch (und „systemlogisch“) gedacht, kann das nur einer leisten: die Summe der vernünftigen Einzelindividuen und ihrer Rechte, also die „Supervernunft“ und das „Superrecht“ – und somit die höchste und einzige Autorität mit unbeschränkter Souveränität: der neue Staat. Er ist das Ergebnis eines Vertragsschlusses seiner (vernünftigen) Mitglieder. (Rousseau’s Contract [PN: sic!] Social). (Baader: Kreide für den Wolf. Die tödliche Illusion vom besiegten Sozialismus, Böblingen: Anita Tykve Verlag, 1991, S. 87)
Das Problem mit derartigen Ausführungen ist, daß Holbach und La Mettrie natürlich denkbar scharfe Gegensätze waren, der erstere etwa eine „Ethokratie“ schrieb und LaMettrie einen „Wahnsinnigen“ nannte. Leute wie Holbach glaubten an die Gesellschaft und deren Ethik, während LaMettrie diese Gesellschaft transzendierte. Natürlich nicht im Sinne Baaders, denn er wußte, daß all das Böse, das Baader zurecht bekämpft, auf den Einfluß der Gesellschaft zurückgeht, dem die „frei Geborenen“ ausgesetzt sind, und daß die metaphysische Ethik (die stets an ihren „ethischen Dilemmata“ verreckt) nur eine pervers verzerrter Ausfluß dieses Naturempfindens sind.
Dagegen nun quasi „gnostisch“ zu argumentieren, daß es (ganz im Sinne der in Teil 53 erwähnten „Familie“) kein „Wahres im Unwahren“, kein „Gutes im Schlechten“ geben könne, also in Radikalopposition zu gehen, ist, wenn man so will, eine „linke“ Interpretation des LSR-Projekts. Eine die logisch-abstrakt durchaus zu rechtfertigen ist, die aber meiner „rechten“ Warte, die nicht an eine im Kern verdorbene Welt, einen „teuflischen Demiurgen“ glaubt, diametral entgegengesetzt ist: die „Familie“ ist mein Todfeind.
Schlagwörter:Aufklärung, Auschwitz, Contrat Social, de la Mettrie, Demiurg, Denksystem, DesCartes, Emanzipation, ethisches Dilemma, Friedrich A. Hayek, Gaskammern, Gnosis, Gnostik, Gulag, Hobbes, Holbach, LaMettrie, Locke, Materialismus, Metaphysik, Roland Baader, Rousseau, Säkularisation
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24. Februar 2023
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Von Alain de Benoist stammt der Satz: „Der Sinn des Kommenden ist immer in dem Verhältnis zur Herkunft enthalten“ (Aufstand der Kulturen. Europäisches Manifest für das 21. Jahrhundert, Berlin: Edition Junge Freiheit, 1999, S. 39). Wie der Titel seines Buches schon sagt, geht es darum, daß man nur „sinnvoll“ leben kann, wenn man in seiner Kultur, in der Vergangenheit verwurzelt ist. In diesem Zusammenhang gemahnt bei ihm manches an Reichs „europäische“ Abhandlungen über die Arbeitsdemokratie und auch an Reichs einfachen Ausspruch: „Die Zukunft erwächst aus dem ständigen Strom der Gegenwart, wie auch die Gegenwart aus der Vergangenheit hervorgeht“ (Christusmord, 1978, S. 72).
Ich glaube, wenn man gegen seine Herkunft lebt, man einen Preis dafür zu bezahlen hat. Das war wohl ein Teil von Reichs persönlicher Tragik: um er selbst zu sein, mußte er gegen seinen Vater, die Vater-Imago, das Judentum, letztendlich das Über-Ich anleben; das bekämpfen, was er als „Familitis“ bezeichnete. Aber wie, losgelöst von der Herkunft, selbst sein? Diese innere Zerrissenheit haben Ilse Ollendorff und Peter Reich sehr gut beschrieben.
Sie zeigt sich auch in Fragen der Kindererziehung. Anfangs wollte Reich das Kind als quasi autonomes Subjekt behandeln, das möglichst früh von der Familie, gar der Mutter getrennt, „kollektiv“ aufwächst. Erst Mitte der 1940er Jahre sah er angesichts seines eigenen Sohnes die ganze Bedeutung des engen orgonotischen Kontakts zwischen Mutter und Kind in den ersten Jahren.
Reich wollte seine eigene Problematik umgehen, indem er seine Herkunft, seine Erdung, seine „Verwurzelung“ (!) bei Amöben, Quallen und in der Milchstraße suchte (siehe Die kosmische Überlagerung).
Doch man lebt aus den unmittelbaren Wurzeln heraus und kann nicht, quasi religiös, die „Kontinuität der Funktionen“ überspringen (siehe dazu Orgonometrie, Teil 3, Kapitel 12).
Und was ist mit Freiheit, Autonomie, Eigenheit? „Nur ein freier Mensch kann frei sein“ (American Odyssey, S. 296). Ein isolierter Eintrag in Reichs Tagebuch. Sozusagen der Gedanke des Tages. Ein denkbar schwerer Schlag ins Gesicht der sogenannten „freien Gesellschaft“, die solange eine Illusion bleiben wird, solange der Einzelne nicht frei ist von Panzerung bzw. dem „Über-Ich“. Du bist nur frei, wenn nicht nur die äußeren Hierarchien, die dich bedrücken, weg sind, sondern vor allem erst, wenn auch die verinnerlichten Hierarchien („die Stimme des Gewissens“) verschwunden sind.
In seinem Du contrat social ou Principes du droit politique schrieb Rousseau, der Ahnherr der modernen Wurzellosigkeit, daß derjenige, der dem allgemeinen Willen nicht gehorcht, dazu gezwungen werden muß, „frei zu sein“. Wie das? „Wir sollten diesen Ausdruck der Freiheit als eines der grundlegenden Merkmale freier Menschen anerkennen.“ Rousseau glaubte, der Mensch sei gut und je mehr Menschen einen gemeinsamen Willen, eine Art Gemeinschafts-Ich, finden, desto „guter“ werden sie: deshalb müsse sich der Einzelne dem Volkswillen unterwerfen, um er selbst und frei = gut sein zu können. Mit anderen Worten: er soll sich den inneren Hierarchien unterwerfen, etwa im Sinne der modernen „Wokeness“.
Montesquieu, der Ahnherr der modernen (demokratischen) Rechten, glaubte, der Mensch sei von Natur aus schlecht und ohnehin gäbe es den Menschen gar nicht. Deshalb müsse er je nach den unterschiedlichen Gegebenheiten durch Checks and Balances vor der Tyrannei des vermeintlichen Volkswillens geschützt werden. Entsprechend schrieb Reich 1956: „Ein freier Mensch ist der, der sich im Angesicht des Todesurteils weigert, etwas preiszugeben, das er aus freien Stücken preiszugeben bereit wäre“ (Greenfield: USA gegen Wilhelm Reich, S. 388).
Es ist dokumentiert, daß sich Reich um 1956 herum intensiv mit Rousseau auseinandergesetzt hat (das geht aus Christusmord, wo er den Contrat Social erwähnt, und dem Bericht von Wolfe’s Witwe Gladys Meyer-Wolfe hervor, Reich lese Rousseaus Bekenntnisse). Durch Marx und dessen Robespierre (Lenin) war Reichs europäische Periode zwischen 1927 und 1937 durch und durch Rousseauistisch: der wahre Volkswille soll die bürgerliche Welt hinwegfegen (Was ist Klassenbewußtsein?).
Tragischerweise sah sich Reich seit etwa 1932 genau durch diesen „wahren Volkswillen“ (der in Stalin verkörpert war) verfolgt. Man betrachte nur die „Rousseauistischen“ Ausführungen von Wertham und Brady gegen den unsolidarischen „Volksschädling“ Reich (siehe dazu Der Rote Faden, Kapitel 5).
Vor diesem Hintergrund muß man Reichs vollkommene Hingabe an das „Montesquieusche“ Amerika betrachten, seine Bevorzugung des konservativen Geistes (Christusmord, Zeugnisse einer Freundschaft), den Frieden, den er mit dem Patriotismus, der Religion und den anderen bürgerlichen Institutionen schloß. Dieses innere Ringen Reichs schlug sich schließlich in Elsworth F. Bakers Unterscheidung zwischen dem vom bioenergetischen Kern getrennten kollektivistischen „liberalen Charakter“ und dem im Kern verwurzelten individualistischen „konservativen Charakter“ nieder (Der Mensch in der Falle).
Schlagwörter:Ahnherr, Alain de Benoist, Amöben, Autonomie, Über-Ich, Bekenntnisse, Checks and Balances, Contrat Social, der Einzelne, Du contrat social ou Principes du droit politique, Eigenheit, Erdung, Freiheit, Gegenwart, Gemeinschafts-Ich, Gewissen, Judentum, Kindererziehung, Konservative, Lenin, Marx, Milchstraße, Quallen, Robespierre, Rousseau, Tyrannei, Vater, Vater-Imago, Vergangenheit, Verwurzelung, Volkswillen, Zukunft
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3. Februar 2023
Ja, was ist denn nun „LSR“? Bernd Laska schrieb mir 2004:
Für mich eine uralte Erfahrung seit wrb[Wilhelm Reich Blätter]-Zeiten 1975: die Leute, die zu Reich stoßen, sind nicht die Richtigen (= sehen Reich völlig anders als ich 😉 ). (…) Eine weitere Erfahrung seit auch schon ca. 20 Jahren: die Leute, die zu Stirner stossen, sind nicht die Richtigen (= sehen Stirner völlig anders als ich 😉 ). Sie „tolerieren“ mich, diskutieren aber nicht meine einschlägigen Bücher und Artikel (obwohl ich in „Der Einzige“ schreiben darf). Im „Gästebuch“ der MS-Ges. [Max Stirner Gesellschaft] tauchte seit Jahren mein Name nicht einmal auf. Dito im Stirner-Forum. (…) Für La Mettrie gibt’s keine Szene, glaube ich. Ab und zu jemand, der enthusiastisch die 4 Bände [von und über LaMettrie] bestellt – dann Funkstille, keine Kritik, keine Nachfrage, kein Schulterklopfen, nix. Das soll kein Gejammer sein. Es ist eine sachliche Feststellung, die „an sich“ nicht verwunderlich, sondern sogar folgerichtig ist: jedenfalls die Ratlosigkeit des Publikums, das entweder Philosophie lernen will oder Philosophiegeschichte. LSR ist keins von beiden. Was dann ???“
Was ist LSR in seiner Essenz? Laska schrieb mir ebenfalls vor nunmehr fast 20 Jahren in einem bestimmten konkreten Zusammenhang:
(der und der und der) sehen sich als heute zeitgemäße Kämpfer für Aufklärung und Rationalität, wie einst die Psychoanalytiker (Freud, Federn…) und Marxisten (KP, Fromm, Bernfeld, Fenichel…). Sie sehen in Reich einen ganz speziellen Feind und bekämpfen ihn (seine von ihnen geahnte Idee, in deren Licht ihr Rationalismus irrational erscheint) fanatischer als sie ihre Alltagsgegner bekämpfen – und vor allem nicht offen.
Das ist es: LSR wird sozusagen „beschwiegen“. LaMettrie wurde als unwürdig aus der Gemeinschaft der Aufklärer ausgestoßen, Marx’ Mammutbuch zu Stirner vergammelte in der Schublade, Nietzsche verschwieg ihn peinlich krampfhaft, Reich wurde schlichtweg aus dem Gedächtnis der Psychoanalyse getilgt. Der endgültige Todesstoß war die Rehabilitierung der drei: LaMettrie als Vordenker DeSades und Rousseaus, Stirner als Prophet des modernen Egoismus und Reich als Antifaschist. Helden des demokratischen und vor allem bunten Westens! (Wüüürggghhh!) Hauptsache es wird nie der Kern berührt oder auch nur durch das bloße Begründen der Sequestration dieser drei Aufklärer angedeutet.
Den besagten Kern hat Reich genannt, als er schrieb, daß „keine andere Stelle meiner Theorie meine Arbeit und Existenz derart gefährdet (hat) wie gerade die Behauptung, daß Selbststeuerung möglich, natürlich vorhanden und allgemein durchführbar ist“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 141). Er „betone die Rationalität der primären Emotionen des Lebendigen” (Äther, Gott und Teufel, S. 54) und behauptet entsprechend: „Alle Ethik ist im Grunde antisexuell” (Menschen im Staat, 1995, S. 143).
Die Menschen rasten darob aus, weil es sie gar nicht gibt! SIE SIND BESESSEN! Will sagen, aus ihnen spricht die verinnerlichte gepanzerte Gesellschaft, die verzweifelt um ihre Existenz ringt. Reich und Laska waren nie Teil dieser Gesellschaft der lebenden Toten. Was ich hier von Reich zitiert habe, ist der gemeinsame Ursprung der Orgonbiophysik und des LSR-Projekts.
Liquidar
Super-Ego
Radicalmente
Schlagwörter:Aufklärung, Bernfeld, deSade, Ethik, Federn, Fenichel, Freud, Fromm, KP, LaMettrie, Marxisten, Max Stirner, Nietzsche, Philosophie, Philosophiegeschichte, Psychoanalytiker, Rationalität, Rousseau, Selbststeuerung, Stirner
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23. Januar 2023
Montesquieu, Voltaire, Buffon, Rousseau, Diderot, Helvétius, Condillac, d’Alembert, Holbach – sie alle widmeten sich der vernünftigen Erhellung natürlicher und moralischer Wirkungsgesetze in der Welt, während einzig er, der unbelehrbare La Mettrie, die dunklen, antiaufklärerischen Seiten einer menschlichen Maschinenmoral mit den denkerischen Fluchtpunkten von Agnostizismus, Atheismus, Nihilismus und Gewissenslosigkeit entwickelte. Kein Wunder, distanziert sich unter diesen Bedingungen das Projekt „Aufklärung“ von einer Figur, die nur als Kritiker, ja Verräter am gemeinsamen Ziel einer fortschrittsoptimistischen „Erleuchtung“ gelten kann. (Ursula Pia Jauch: Jenseits der Maschine, München 1998, S. 31)
Für den Marxisten Max Adler (…) zeigt sich an Stirners Einzigem die kognitive Beschränktheit, moralische Fragwürdigkeit und politisch-soziale Destruktivität bürgerlicher individualistischer Ideologie – ein Deutungsschema, das standardisiert und bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts fortgeschrieben wurde. In der Entgegensetzung von wissenschaftlichem Sozialismus und bürgerlicher Ideologie erscheint Stirner regelmäßig als Vertreter der bürgerlichen Ideologie. Adler sah Stirner hingegen differenzierter: Er ist für ihn auch genauso ein „Vorläufer“ des Marxismus und zwar hinsichtlich seiner psychologischen Einsichten und – marxistische Dialektik – seiner Bekämpfung aller und jeder Ideologie. (Information Philosophie, Heft 2/12, Juni 2012, S. 90).
(…) Reichs Kampfansage an Freuds „Kulturkonservatismus“ und Versuch der „Radikalisierung“ der Psychoanalyse stand im Zeichen einer Befreiung der ‚wahren Natur’ von der kulturellen Sexualmoral. Reich war stets auf der Suche nach dem biologischen Fundament der Triebe, von dem aus er die gesellschaftlich geschaffene Verkümmerung der Menschen kritisieren konnte. Weil sich, so Reich, das „menschliche Tier“ (…) durch den historischen „Einbruch der Sexualmoral“ (…) von seiner Natur und dem in ihr schlummernden harmonisierenden „sexualökonomischen“ Selbstregulationsprinzip entfremdete, herrschten in der Welt seelische und körperliche Störungen, Krieg, Gewalt und Irrationalismus vor. Wieder aufgehoben werden könne diese Entfremdung nur durch die Herstellung der „orgastischen Potenz“ der Menschen (…). An den richtigen Orgasmus ist die ganze Reichsche Norm geknüpft, und das Glücksversprechen einer natürlichen harmonischen Ordnung. Freuds revolutionäre Erkenntnis war es gerade – auch hier zeigt sich wieder die dem Freudschen Denken immanente Tendenz zur Entbiologisierung des vermeintlich Natürlichen –, dass der scheinbar natürlichen genitalen Sexualität eine lebensgeschichtliche Genese zugrunde liegt, dass sie nichts Ursprüngliches ist. Dies brachte ihn dazu, den Begriff der Sexualität auf die Dimension der Lust im Allgemeinen auszuweiten und eine infantile Sexualität zu konstatieren, eine These, mit der er auf breitesten Widerstand stieß. Reich macht diese Freudsche Differenzierung zwischen dem Sexuellen, dem Streben nach Lust, und der Genitalität, der psychosexuellen Zentrierung der Lust im Genitalorgan, wieder rückgängig und fällt so (…) hinter Freud zurück. Genitalität, auch noch reduziert auf ein physiologisch fassbares Konzept, ist ihm ein „Naturgesetz“, das sich selbsttätig entfalten würde, würde sie nicht sexualmoralisch gehemmt, und wird zum Fetisch, dem jede andere Lustform zum Opfer fällt. (Markus Brunner: Eros und Emanzipation. Zur Dialektik der sexualrevolutionären „Radikalisierung“ der Freudschen Psychoanalyse. In: Dehmlow: “… da liegt der riesige Schatten Freud’s jetzt nicht mehr auf meinem Weg”, Marburg 2008, S. 270-287)
Schlagwörter:Agnostizismus, Atheismus, Aufklärung, Buffon, Condillac, d'Alembert, Diderot, Emanzipation, Eros, Fanatiker, Freud, Gewissenslosigkeit, Helvétius, Holbach, Kulturkonservatismus, Marxismus, Marxisten, marxistische Dialektik, Max Adler, Max Stirner, Montesquieu, Naturgesetz, Nihilismus, Nihilisten, Orgasmus, Rousseau, Selbstregulation, Sexualität, Sexualmoral, Ursula Pia Jauch, Verräter, Voltaire, wissenschaftlicher Sozialismus, Zyniker
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21. Dezember 2022
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Wenn man die großen Gegenspieler der LSR-Aufklärung Revue passieren läßt (also Leute wie Diderot, Voltaire, Rousseau, Marx, Nietzsche, Freud) haben diese Gegner ein gemeinsames Grundanliegen: das Lebendige (sei es die ganze Menschheit oder der Einzelne) muß erst durch eine harte Schule, in der die „Eigenheit“ gebrochen wird, um schließlich sekundär zu einem souveränen Individuum und zu einer rationalen „selbstgesteuerten“ Gesellschaft zu werden. Etwa so, wie ein Jazz-Musiker durch eine harte Schule muß, um schließlich frei Improvisieren zu können: auf dem Klavier „herumzuklimmpern“ wie ein Kind.
Demgegenüber haben LaMettrie, Stirner und Reich ein Urvertrauen in die eingeborene Rationalität des Lebendigen: das Prinzip Summerhill. Und genau diese „Naivität“, die ihm bei den „Feitelbergs und Bernfelds“ so viel Verachtung eingetragen hat, hat auch seine wissenschaftliche Herangehensweise geprägt: eine LSR-Welt, die den DMFianern Einstein und Feynman prinzipiell verschlossen blieb, obwohl sie Experten waren und Reich nur ein Laie.
Diese Barriere wird jetzt auch wieder ganz deutlich bei Reich-Kritikern, die allen möglichen esoterischen Unsinn schlucken, aber das Orgon mit Verachtung überhäufen. Es ist die gleiche Emotion, die L und S und R verfolgt hat.
DMF bricht die Menschen, um sie wahnwitzigerweise „freiheitsfähig“ zu machen, LSR beläßt sie freiheitsfähig. Die ersteren sind gegen, die letzteren für die Natur – was sich natürlich auch im jeweiligen naturwissenschaftlichen Ansatz niederschlägt. LSR tangiert die Haltung zur Natur!
Schlagwörter:Diderot, Eigenheit, Einstein, Feynman, Freud, Improvisieren, LaMettrie, Marx, Natur, Nietzsche, Prinzip Summerhill, Rousseau, Stirner, Voltaire
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6. November 2022
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Stirner hat gemeint, daß die Aufklärung an die Stelle Gottes die Chimäre der „Menschheit“ und die Werte des „Humanismus“ gesetzt hat, die Aufklärer also noch immer recht fromme Leute seien. Den LSR-Fortschritt von Stirner zu Reich sehe ich darin, daß Reich mit Hilfe seines Dreischichten-Modells den grundlegenden Unterschied zwischen diesen beiden Formen der „Frömmigkeit“ herausgearbeitet hat: der voraufklärerische Glaube an Gott stand immerhin noch für einen verzerrten Kontakt zum Kern (was sich nicht zuletzt an den wütenden Attacken gegen LSR zeigt: diese Frommen spüren noch, daß da was ist); die (Pseudo-) Aufklärung steht demgegenüber für die intellektualistische Loslösung vom Kern: alles wird gleich-gültig, alles hat die gleiche Wertigkeit. Die ersten (Pseudo-)Aufklärer D/M/F (Diderot, Marx, Freud), die noch einen Fuß in der alten Welt hatten, wehrten sich noch gegen LSR, während ihre postmodernen Nachfolger selbst diesen letzten Kontakt verloren haben und sich schlichtweg in ihrer Ignoranz suhlen.
Es geht darum, daß die Aufklärung, um einen Reichschen Begriff zu benutzen, eine „Biologische Revolution“ war: die Umstrukturierung des Menschen mitsamt seinen zusätzlichen Organen (Werkzeugen und Maschinen). Mit seinem „vitalistischen Materialismus“ („der Mensch als bioenergetische Maschine“) hat LaMettrie den einzig korrekten Weg gewiesen: ein organischer Abbau des Über-Ich mittels einer freiheitlichen Pädagogik und eine dazugehörige organische anti-metaphysische (und damit gleichzeitig anti-mechanistische) Weltauffassung mit der dazugehörigen Technologie. Ein entpanzerter Körper mit den dazu passenden zusätzlichen Organen (Werkzeugen und Maschinen). Und was ist passiert:
- warf man LaMettrie einen menschenverachtenden, unverantwortlichen Umgang mit Ethik und Moral vor; und
- wurde er zum Ahnherrn des mechanistischen Materialismus hochstilisiert.
Ausgerechnet LaMettrie wurde also, auf typische pestilent-„projizierende“ Weise, genau das vorgeworfen, bzw. wurde er dafür verantwortlich gemacht, was an der Aufklärung grundsätzlich falsch gelaufen ist:
- ein intellektualistischer, zynischer und kontaktloser Umgang mit „Gott“, was zum Verlust des allerletzten Kernkontakts geführt hat; und
- die Entwicklung einer Technologie, die geradezu prädestiniert zu sein scheint, den Menschen auch das allerletzte natürliche Lebensgefühl auszutreiben. Man betrachte etwa eine beliebige Darstellung des Immunsystems und man wird vergebens nach Begriffen wie „Erregung“ suchen, stattdessen wird alles in militärischen und maschinellen Begriffen erklärt, die denkbar ungeeignet sind, das zu erklären, worum es geht. Die Menschen empfinden sich als Maschinen, die nach Befehl und Gehorsam funktionieren – und sie verhalten sich auch so. Es sieht wohl heute bei den jungen Leuten nicht danach aus, aber man betrachte nur mal eine Tekno-Party: alle sind abhängig von einem unorganischen Maschinen-Beat und chemischen Glückspillen. Du drückst auf den richtigen Knopf und…
In diesen beiden Punkten sehe ich die Bedeutung der Orgonomie: nur sie bietet eine wirklich aufklärerische Möglichkeit des human und technological engineering im Sinne LaMettries.
Als Saharasia hereinbrach, kam es zu sozialem Chaos, das in manchen Gebieten, insbesondere Europa, in ein erträgliches „neurotisches Gleichgewicht“ mündete, auf dessen Grundlage die Rückgängigmachung des Saharasia-Einbruchs prinzipiell möglich wurde. Leider aber scheiterte diese Biologische Revolution trotz vereinzelter guter Ansätze (LSR) schon in den Anfängen. Es wäre zur absoluten Katastrophe gekommen, hätten sich die stümpferhaften Epigonen von LSR durchgesetzt. Man denke etwa an LaMettries Einfluß auf die französischen Aufklärer, insbesondere Rousseau, und die Katastrophe der Französischen Revolution, die zwei weitere Katastrophen einleitete. Bei der zweiten denke man sowohl daran, daß es ohne Marx Reaktion auf Stirner in Die deutsche Ideologie niemals zum Marxismus gekommen wäre und daß ohne Stirners Einfluß auf den russischen Nihilismus, insbesondere auf Netschajew, es nie zur Oktoberrevolution und Stalins Erfindung „Marxismus-Leninismus“, also zur größten und blutigsten Menschheitskatastrophe überhaupt gekommen wäre. Nun, sie wird gerade in den Schatten gestellt durch die Formierung der antiautoritären Gesellschaft, welche weitgehend identisch ist mit der sexuellen Revolution, die nicht zu trennen ist von dem Namen „Wilhelm Reich“. Auf diese Weise stellt LSR, die einzige Hoffnung, die die Menschheit hat, das Überleben eben dieser Menschheit in Frage!
Was tun?
- gilt es den verzerrten Kernkontakt zu „entzerren“, indem man den Kern ausspricht („euer ‘Gott’ ist nichts anderes als der Platzhalter für genitales Empfinden“); und
- gilt es die „konservative“ Zurückhaltung als das zu „entlarven“, was sie war: das wahrhaft revolutionäre Element, der wahrhafte Statthalter für LSR, während die angeblich „Progressiven“ nur immer weiter weg vom Kern flüchteten, dem Chaos zustrebten und jede LSR-Umformung der Gesellschaft verunmöglichten.
Schlagwörter:Aufklärer, Aufklärung, Diderot, französische Revolution, Frömmigkeit, Freud, Gott, Humanismus, LaMettrie, Lenin, Marx, Marxismus-Leninismus, Materialismus, Menschheit, Nihilismus, Oktoberrevolution, Rousseau, Stalin, Stirner, Technologie, Tekno, Werte
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11. Oktober 2022
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Wie unterscheidet sich die Reaktion der „Konservativen“ von der der „Progressiven“ auf Stirner? Die ersteren weichen stets ins Religiöse und „Kosmische“ aus, die letzteren ins „Menschliche“. Das „Menschliche“ ist von keinerlei Interesse, da es, wie nicht zuletzt Stirner gezeigt hat, doch nur transformierte Religion ist. Das „Kosmische“ ist weitaus interessanter, da – Reich diesen Weg beschritten hat.
Daß ein Aufklärer, bzw. ein „Aufklärer“, wie Freud ein frommer Mann ist und deshalb eine Privatinquisition gegen Reich mobilisiert, finde ich nicht sonderlich spannend. Wichtiger ist mir, daß, wie Reich später zugab, Freud „im Rahmen der Schweinerei“ recht hatte und daß Freud seinerseits Reich untergründige heimliche religiöse Anwandlungen („ozeanische Gefühle“, „Naturromantik“) und damit Verrat an der Aufklärung vorhielt: Reich sei der „Fromme“!
Freud sah ausgerechnet da tiefer, wo er Reichs „Stirner-Projekt“ (die damalige Sexualökonomie) angriff. Und Reich hatte seinerseits gegenüber Freud ausgerechnet da recht, wo Freud die Aufklärung gegen Reichs „ozeanische Gefühle“, „Naturromantik“, „Träumereien von matriarchalen Paradiesen“ hochhielt, den Freud des Todestriebes und „schwachen Ich“, das seine Abwehr (Zucht und Ordnung) gegen die destruktiven atavistischen überstarken Triebe aufrichten muß.
Der reife, der „orgonomische“, Reich war schließlich in der Lage, sein „Stirner-Projekt“ eingebettet in ein besseres Verständnis der gesellschaftlichen und biologischen Zusammenhänge wirklich erfolgversprechend in die Wege zu leiten.
Das folgende Reich-Zitat zeigt sehr schön, wie Reichs „Stirner-Projekt“ organisch in sein „Orgon-Projekt“ überging:
Zu diesen [orgonomischen] Ergebnissen gelangte ich durch Anwendung der soziologischen Untersuchungsmethode, die mich lehrte zu sehen, daß der [Über-Ich produzierende] erzieherische Einfluß auf die biologischen Funktionen des Körpers von größter Bedeutung für die Entstehung von Krankheiten im autonomen Lebensapparat ist. (American Odyssey, S. 97)
Die Gegenspieler LaMettries (Diderot, Voltaire, Rousseau), Stirners (Marx und Nietzsche) und Reichs (Freud, Fromm, Marcuse und Foucault) machten Geschichte, weil sie mit ihrer Aufklärung, die sich eben nicht komplett von „LSR“ (LaMettrie, Stirner, Reich) unterschied, einerseits näher am Mainstream standen als das Original, gleichzeitig aber doch einen schwachen Abglanz der „LSR-Wahrheit“ darstellten: diese Kombination ist werbetechnisch unschlagbar. Was man etwa an Nietzsche sieht, wenn man ihn einerseits mit den mittlerweile vergessenen damaligen Schulphilosophen und andererseits mit Stirner vergleicht.
Ein bißchen Bewegung, ein bißchen Aufklärung, ein klein wenig Fortschritt, viele Unfälle – aber keine finale Katastrophe. Reich (der dritte von LSR) meinte jedenfalls schließlich (kein Zitat): „Nur gut, daß ich mich nicht mit meiner radikalen Position durchgesetzt habe. Schlimm genug, was diese idiotischen Plagiatoren angerichtet haben!“
Für mich fällt das unter die Kategorie (kein Zitat): „Ich (Reich) habe das System hinter der Schweinerei durchschaut. Ich weiß, nicht nur, warum ich nicht siegen konnte, ich weiß auch, warum ich nicht siegen durfte – und deshalb werde ich, aus historischer Perspektive, derjenige sein, der als einziger eine Chance hat doch noch zu siegen!“
Siehe dazu Reichs Notiz vom 18. Januar 1943:
Die praktische Anwendung des Prinzips ist schwierig. Man möchte es gerne einfach haben und verfehlt damit das Ziel. Die Wirklichkeit ist unendlich viel komplizierter als das Prinzip selbst. Sie verwirrt das Prinzip, scheint es oft zu widerlegen, ist eigentlich unvollkommen, erfordert neue Errungenschaften und Korrekturen. Aber wenn man das Prinzip aus den Augen verliert, dann gibt es keine Möglichkeit, es zu aktualisieren und zu korrigieren. (American Odyssey, S. 174)
Kleine Anmerkung zu Diderot: wiederholt hat Freud darauf hingewiesen, daß bereits Diderot auf die Ödipuskonstellation hingewiesen hat (Thomas Köhler: Das Werk von Sigmund Freud, Lengerich 2000, S. 402). Und was hatte Diderot, der Gegenspieler LaMettries, geschrieben?
Wenn der kleine Wilde sich selbst überlassen würde, wenn er seine ganze Unvernunft behielte und wenn er mit der geringen Vernunft des Kleinkindes die Gewalt der Leidenschaften des Mannes von dreißig Jahren vereinigte, würde er seinem Vater den Hals umdrehen und mit seiner Mutter schlafen.
Das, diese Verachtung Diderots für die Natur, begeisterte Freud! Die kleinen Wilden mußten gebändigt werden! Und genau darum haßte Freud Reich mit einem unbedingten Vernichtungswillen, haßte Marx Stirner und haßte Diderot LaMettrie!
Schlagwörter:Aufklärer, Ödipuskomplex, Über-Ich, Diderot, Foucault, Freud, Fromm, Konservative, LaMettrie, LaMettries, Marcuse, Marx, Naturromantik, Nietzsche, ozeanische Gefühle, Progressive, Reich, Religion, Rousseau, Sigmund Freud, Stirner, Todestrieb, Voltaire
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18. Mai 2022
Letztendlich ist der Mystizismus eine Verschwörung, um die Wahrheit zu verbergen. Dazu drei Beispiele:
1. Die Verschwörer schlagen uns stets mit unserer eigenen Waffe, d.h. der Enthüllung der Wahrheit. Zwei hypothetische Beispiele: Die USA entwickeln mit Hilfe der erbeuteten unausgereiften deutschen „Wunderwaffen“ eine Superwaffe, die sie ähnlich etwa einer Atombombe nicht wirklich verbergen können. Die Augenzeugenberichte sind nicht mehr aus der Welt zu schaffen, also setzt man über Einflußagenten immer absurdere Geschichten über „Außerirdische“ in die Welt, so daß keiner dieser Berichte jemals wieder ernstgenommen wird und die Augenzeugen ihre eigenen Erinnerungen entsprechend dem gewollten Narrativ „umschreiben“. Oder man nehme den Skandal um „9/11“ und all die Verbindungen zum saudischen Königshaus. Was tun, um die Leute fehlzuleiten? Man erfindet absurde Geschichten über die absichtliche Sprengung der Wolkenkratzer. Das Gemeine ist, daß auch das Gegenteil wahr sein könnte, also die Rede von „Superwaffen“ die außerirdische Invasion verhüllen soll oder ich hier die wirklichen Täter von „9/11“ schütze! Echte Enthüllungen werden verhindert mittels sozusagen falschen „Gegenenthüllungen“.
2. So arbeitet die Emotionelle Pest stets, insbesondere indem eine Wahrheit in einem undurchdringlichen Gestrüpp aus Nebensächlichkeiten erstickt und unzugänglich gemacht wird. Bernd A. Laska hat sich die Enthüllung dieses Mechanismus mit seinem LSR-Projekt zur Lebensaufgabe gemacht. Voltaire, Diderot, Rousseau, de Sade etc., d.h. ganze Bibliotheken und der Gehirnschmalz ganzer Generationen von Geisteswissenschaftlern dienten nur dazu, die einfachen Wahrheiten von LaMattrie zu übertönen. Desgleichen bei Stirner durch Marx, Nietzsche und Konsorten und bei Reich. Reich wurde von Freud verfolgt, weil er den Kern der Psychoanalyse freigelegt hatte und danach diente alle Beschäftigung mit Reich wiederum dem Ziel, diese Tat Reichs im Verborgenen zu halten.
3. Hat sich die Wahrheit trotzdem durchgesetzt, wird sie in die Zange genommen, indem die einen ihre Vertreter der rigiden Orthodoxie zeihen, die das Feuer der Wahrheit ersticken, während die anderen genau denselben Leuten eine laxe Heterodoxie vorhalten. Mit anderen Worten: sie können niemals irgendetwas richtig machen, etwa dem Erbe Reichs gerecht werden. Auf diese Weise wird die Wahrheit in alle Ewigkeit im mystischen Verborgenen bleiben – und dergestalt die Emotionelle Pest triumphieren. Auf diese Weise wurde Elsworth F. Baker und das American College of Orgonomy von jeher von den falschen Freunden Orgonomie in Schach gehalten und dergestalt das Erbe Reichs systematisch zerstört.
Schlagwörter:9/11, Atombombe, Außerirdische, Bernd A. Laska, de Sade, Diderot, Einflußagenten, Enthüllungen, Heterodoxie, LaMattrie, lsr-Projekt, Marx, Mystizismus, Nietzsche, Orthodoxie, Psychoanalyse, Rousseau, Stirner, Superwaffe, USA, Verschwörung, Voltaire, Wahrheit, Wunderwaffen
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