Posts Tagged ‘Rousseau’

Orgonomie und Metaphysik (Teil 61)

13. Mai 2022

Es gibt prinzipiell zwei Erklärungen, warum und wie sich die Menschheit abgepanzert hat.

  1. Der Urmensch sei, so Reich im Anschluß an seine Erforschung der Schizophrenie, daran gescheitert, das autonome organische Funktionieren, das ihm bewußt wurde, mit eben diesem Bewußtsein zu koordinieren. Dieses Konzept war wenig spezifisch. Erst Charles Konia konnte einen konkreten Mechanismus angeben. Es geht um die Atmung und das Sprechen. Beispielsweise ist der Mensch das einzige Säugetier, das nicht gleichzeitig atmen und schlucken kann.
  2. Im Anschluß an das ORANUR-Experiment formulierte Reich vollkommen unabhängig davon die Idee, daß DOR und die Entwicklung von Wüsten dafür verantwortlich gewesen wäre, daß sich ein Panzer (= sequestriertes DOR) bildete. Auch dieser Ansatz blieb recht nebulös, bis James DeMeo seine Saharasia-Theorie vorstellte.

Die erste Theorie erinnert etwas an Reichs Zeitgenossen Ludwig Klages und „den Geist als Widersacher der Seele“. Die zweite Theorie an seinen Zeitgenossen Hanns Hörbiger.

So mancher sogenannte „Reichianer“ wehrt sich gegen DeMeos Saharasia-Theorie. Diese Leute scheinen nicht zu wissen, daß Reichs Werk von den keimhaften Grundzügen dieser Theorie durchwirkt ist. In Ea und die Wellenfunktion wird auf entsprechende Stellen in Contact with Space von 1957 verwiesen. Genauso könnte man Reichs Einbruch der Sexualmoral von 1931 nennen, wo er auf S. 101 schreibt:

Spuren der Urgeschichte, die man in der Mythologie auffindet, weisen auf Elementarkatastrophen hin, die die wirtschaftliche Existenz der Urmenschen bedrohten und gesellschaftliche Bewegungen auslösten, aus denen sich der erste Anstoß zur Sexualeinschränkung (…) herleitete.

Darauf folgt eine Fußnote, die Reich (zu recht) aus dem ins Amerikanische übersetzten Buch strich, weshalb sie auch in den revidierten deutschen Ausgaben nicht mehr erscheint:

Ich kann die Richtigkeit der Hörbigerschen „Glazialkosmogonie“ nicht fachlich beurteilen. Seine Erklärung der bei den meisten Völkern der Erde in irgendeiner Form festgestellten Sintflutsagen, die er auf reale kosmische Katastrophen zurückführt, verdienen aber entschieden unsere Beachtung. Sie werfen ein völlig neues Licht auf die Eigenart der Daseinsbedingungen der urmenschlichen Gesellschaft.

Es ist schon Saharasia-Theorie, wenn Reichs Mitarbeiter Karl Teschitz in seinem Buch von 1935 die neuheidnische „Deutsche Glaubensgemeinschaft“ zitiert:

Eine der schlimmsten Verfälschungen, die sich gerade auf dem Glaubensgebiete verheerend ausgewirkt hat, ist die Vermorgenländerung der Frau im Norden. Während sie nordisch Kamerad und Gehilfe des Mannes ist und Mann und Weib erst durch das Beieinander und Miteinander eine Ganzheit bedeuten, von der jeder Teil trotz seiner Verschiedenheit vom anderen gleich wertvoll ist: … ist sie vorderasiatisch etwas Heiliges nur in Bezug auf den Mann, dem sie gehört, im übrigen aber das „böse Fleisch“, das dem „guten Geist“ des Mannes widerstreitet … Und wüstenländisch ist sie die „Ware“, für die es einen möglichst hohen Preis zu erzielen gilt … Nicht einen Wert an sich hat sie, sondern nur als Besitzstück des Mannes. Sie hat, wenn sie ausgewachsen ist und also ihren Wert als Ware erreicht hat, keine Entfaltungsmöglichkeit, keine Möglichkeit, aus sich selbst heraus sich im Laufe des Lebens zu entwickeln. (Friedrich Prinz zur Lippe: „Rasse und Glaube“. Vortrag gehalten auf der Arbeitswoche der Deutschen Glaubensbewegung in Scharzfeld am 20. Mai 1934, Seite 27.) (z.n. Teschitz: Religion, Kirche, Religionsstreit in Deutschland. Kopenhagen: Sexpol-Verlag, 1935, S. 88)

Es geht um die Grundidee, nicht speziell um (ausgerechnet!) Klages‘ und Hörbigers Theorien. Warum „ausgerechnet!“? Zu Klages und Hörbiger siehe Der Blaue Faschismus!

Ein naheliegender dritter Ansatz, den Michel Odent in Die Natur des Orgasmus (München 2010, Kapitel: „Evolutionsvorteile der Orgasmosphobie“) vorbringt, ohne den Anspruch einer „dritten Theorie“ zu erheben, war Reich konzeptionell unzugänglich, weil er aufgrund seiner „Rousseauistischen“ Grundanschauung mit der „faschistischen“ Genetik und der Theorie vom Überleben des Stärkeren, die Hitler beseelte, auf Kriegsfuß stand. Für ihn waren das „mechano-mystische“ Mythen, die eines Tages durch eine lebensbejahende funktionelle Theorie ersetzt werden würden. Doch trotz aller Epigenetik und überzeugenden Kritiken am überkommenen Darwinismus, die Reich weitgehend Recht gegeben haben, bleibt der Kerngehalt der Genetik und der Evolution durch Anpassung an die Umwelt doch unumstritten.

Das besondere ist, daß diese sich als richtig erwiesenen Theorien vollkommen mechanistisch sind. Man kann sich kaum etwas Mechanischeres vorstellen als eine Software (die Gene), die abgelesen wird und dabei ständig von Umweltfaktoren „durchsiebt“ wird. Nur Software, deren Produkt durch das Sieb der Umweltforderungen hindurchgeht, bleibt erhalten.

Hier haben wir ein rein mechanisches Prinzip im Kern der Biologie, d.h. buchstäblich im Zellkern! Entsprechend kann man fragen, welchen Evolutionsvorteil „mechanische“ Panzerung („Orgasmosphobie“) für die diversen Kulturen hatte. Eine Frage, die, wie gesagt, Reich konzeptionell unzugänglich war. Odent führt aus:

  1. Die Konkurrenz bei der Partnerwahl droht die überlebensnotwendige Kohärenz der Gruppe zu gefährden. Außerdem haben sowohl erzwungene Exogamie als auch Endogamie jeweils gegebenenfalls für das Überleben der Gruppe unverzichtbare Vorteile. Im ersten Fall wird die Verbindung mit anderen Gruppen gefestigt, im zweiten Fall wird verhindert, daß die Ressourcen der Gruppe sozusagen „diffundieren“. In diesem Sinne kann die Einschränkung der Genitalität, bis hin zur Genitalverstümmelung, nur von Vorteil sein.
  2. Dadurch wird nicht zuletzt das menschliche Aggressionspotential erschlossen. Siehe dazu meine Ausführungen in Die Sexualökonomie der Cheyenne, insbesondere geschieht das aber dadurch, daß in praktisch allen Kulturen die Mutter-Kind-Bindung mehr oder weniger stark hintertrieben wird: die Menschen werden von Anfang an „hart“ gemacht. (Ein Faktor, den Odent nicht erwähnt, ist die „postnatale Abtreibung“. Das Kind wurde von der Mutter ferngehalten, bis der Stamm entschieden hatte, ob der Neuankömmling im Stamm aufgenommen oder den wilden Tieren überlassen wird. Man konnte es sich nicht leisten, jeweils restlos verzweifelte suizidale Mütter zu hinterlassen. Deshalb durfte die emotionale Bindung nicht gleich nach der Geburt einsetzen.)

Erst heute, wo wir uns weitgehend vom evolutionären Druck befreit haben, kann (könnte!) sich „das Lebendige“ im Sinne Reichs frei entfalten.

Die drei Theorien schließen sich nicht gegenseitig aus, vielmehr ergänzen sie einander. Beispielsweise erhöht die Wüste den evolutionären Druck ungemein. Außerdem handelt es sich bei diesen Anpassungen, etwa die Mutter anfangs vom Neugeborenen fernzuhalten, um wohldurchdachte, kalkulierte Überlegungen: das Bewußtsein als Kontrollinstanz über autonomes Geschehen.

odentpanzer

Die Menschheit konnte diese Falle erst verlassen, nachdem die Natur und damit die natürliche Anarchie des Individuums entdeckt war. Die Natur und das Individuum wurden nicht mehr nach dem Maßstab der Nützlichkeit betrachtet. Dies wurde von Rousseau geleistet.

Man kann viel Negatives über Rousseau sagen. Etwa, daß es ohne ihn die Französische Revolution und den Marxismus nicht gegeben hätte. Man kann sein persönliches Verhalten anprangern. Oder man kann ihn mit LaMettrie vergleichen, wobei er nicht gut wegkommt. Doch es bleibt etwas, das anhand eines bestimmten Problems der amerikanischen und deutschen Forstverwaltungen ins rechte Licht gerückt werden kann.

Jeder Naturenthusiast wird bestätigen, daß man auf Wiese, Wald und Flur buchstäblich nie südländischen Kulturbereichern begegnet. Wenn du keine Kopftücher sehen willst, gehe in den deutschen Wald! In den USA macht sich die Verwaltung der Nationalparks wirklich Sorgen angesichts des demographischen Wandels: ausschließlich Weiße interessieren sich für die unberührte Natur Nordamerikas, während Schwarze, Latinos und andere „Farbige“ die Parks meiden, als wäre die unberührte Natur hochtoxisch. Wenn einmal die Kaukasier die Mehrheit verloren haben werden, wird dieser Planet flächendeckend abgeholzt und ausgeplündert werden! So wie es bereits heute in der Dritten Welt geschieht, die der weiße Mann unverantwortlicherweise sich selbst überlassen hat.

Der chinesische Kulturkreis ist keine Ausnahme, weil es bei ihm nicht um die Natur „an sich“ (oder besser gesagt „für sich“) geht, sondern stets um den Menschen. Schaut der Chinese oder Japaner in die Natur, sieht er sich selbst und nichts sonst. Chinesische Landschaftsmalerei handelt nicht von der Landschaft, sondern von vorgefaßten ethischen (sic!) Vorstellungen, etwa über Yin und Yang, die man in die Natur hineinmalt, wenn man nicht gleich entsprechende Motive wählt. Solche Orte sind heilig – wenn an einem anderen, sozusagen „unheiligen“ Ort die Wälder abgeholzt und ganze Gebirgszüge eingeebnet werden, interessiert das kein Schwein. Japaner aus ganz Hamburg kommen nach Langenhorn-Nord, um hier in einer Allee voller Kirschbäume im Mai die Kirschblüte zu erleben. Das ist kein Natur-, sondern ein Kulturereignis. Für nicht mit Bedeutung aufgeladene Naturschauspiele haben sie keinerlei Gefühl. Sie haben keinen Sinn für die Natur! Man vergleiche nur einen japanischen Ikebana-Blumenstrauß, mit einem beliebigen europäischen Strauß. Im Ikebana ist alles mit Bedeutung aufgeladen, die durchweg aus der menschlichen Sphäre kommt, während der Europäer schlicht die unberührte Natur ins Haus holt.

Übrigens versuchen die Amerikaner Nichtweiße doch noch in die Natur zu locken, indem sie sie mit menschlicher Symbolik aufladen: die Geschichte der indigenen Völker, der „Befreiungskampf“ der Nichtweißen, eine von Weißen nicht kontaminierte Natur, Blablabla. Selbst wenn dieser hanebüchene Unsinn funktionieren sollte – für die Natur hätten die Farbigen immer noch kein Empfinden.

Vor Rousseau war Europa nicht anders als heute das „Südland“. Der sprichwörtliche deutsche Wald ist erst neueren Datums. Im Mittelalter war Deutschland zwischen den Alpen und der Nordsee kahl (soweit das ohne Kreissägen und Geländewagen zu bewerkstelligen war!) und praktisch frei von Wild. Einzige Ausnahme waren die Wildreviere der Adligen, die mit drastischen Strafen geschützt werden mußten.

Die Parks der Adligen waren ein kubistischer Alptraum. Mit Gewalt wurde der Natur die Natur ausgetrieben. Wer es sich leisten konnte, kaufte sich eine Amme (typischerweise Prostituierte), um die Kinder zu stillen, denn die höheren Damen wollten keine „Milchkühe“ sein, ihre Figur nicht verderben und ohne Ballast gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommen. Die Natur und die natürlichen körperlichen Funktionen waren dermaßen verpönt, daß es auf den Schlössern keine Toiletten gab. Das Geschäft, das offiziell gar nicht existierte, wurde diskret in dunklen Ecken mit Hilfe von Dienern erledigt, ähnlich wie heute in Krankenhäusern bei bettlägerigen Patienten.

Das änderte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts drastisch mit Rousseau. Es setzte ein Kult der Natürlichkeit ein, der bis heute ungebrochen anhält. Im Rokoko mimten die hohen Herrschaften das (idealisierte) Dasein von Hirten und Mägden. Gärten wurden plötzlich so gestaltet, daß sie möglichst „naturwüchsig“ wirkten und die Damen fingen an ihre Kinder zu stillen. Tatsächlich wurde erst damals „das Kind“ entdeckt! Körperpflege wurde zu einem Statussymbol. Aus dem Rokoko entwickelten sich die Romantik und schließlich die Lebensreformbewegung, die bruchlos in die Orgonomie überging. Man höre sich Mozart an, das klanggewordene späte 18. Jahrhundert! Er hat wie sonst keiner den damaligen Durchbruch des Lebendigen vertont. Seine Musik ist eine einzige Huldigung der Natürlichkeit, weshalb sie bis heute so ein Seelenbalsam ist.

Für Menschen, die vom westlichen Bildungsbürgertum unbeleckt geblieben sind, d.h. die Unterschicht und die besagten „Farbigen“, bedeutet die Natur hingegen NICHTS. Überlaßt Deutschland den Hartz-4-lern und den Migranten: nach wenigen Jahren werdet ihr ein restlos ausgebeutetes und vollgemülltes Ödland vor euch haben! Jeder Blick auf die Freiflächen in den sozialen Brennpunkten unserer Städte sollte Beweis genug sein! (Übrigens sieht man auf orgonomischen Veranstaltungen in den USA ausschließlich Weiße aus dem oberen Mittelstand!) Und wie sieht die Zukunft aus? Glaubt irgendjemand, daß die jugendlichen Vollidioten, die heute auf ihren Ei-Pott starrend durch die Straße gehen… (Ich schreibe diesen Blogeintrag während einer Bahnfahrt. Vor mir sitzt eine Amerikanerin. Ihre Zeit vergeht mit Dösen, Herumfummeln am Handy und Herumschauen im Wagen. Scheinbar kein einziges Mal richtet sich ihr Blick auf die vorbeiziehende Landschaft, die sie doch wahrscheinlich noch nie gesehen hat.)

Man vergleiche diese Ausführungen über das Naturgefühl mit meinen Ausführungen über den Kapitalismus, der einen ähnlichen Ursprung hat!

Nachtrag: Warum ist Rousseau so zweigesichtig? Auf der einen Seite der Vater der Romantik (und gewisserweise auch des Schwarzen Faschismus!), auf der anderen des Roten Faschismus. In seinem Haß auf die unnatürliche Zivilisation war er auf den Wahn verfallen, man könne künstlich eine gerechte, meinetwegen „natürliche“ Gesellschaft erschaffen. Er hatte keinen Sinn dafür, daß die Gesellschaft organisch gewachsen ist und auch die irrationalsten Institutionen eine Funktion haben. Der prototypische Freiheitskrämer!

Orgonomie und Metaphysik (Teil 60)

11. Mai 2022

Das große Mißverständnis, Reich wäre ein „naiver Rousseauianer“ gewesen, kommt perfekt in folgenden geradezu archetypischen Sätzen der Kritik an Reich zum Ausdruck, die seinen psychoanalytischen Ausgangspunkt in den 1920er Jahren und dessen spätere Folgen umreißen sollen:

Die Natur des Menschen, seine innerste Natur, ist ursprünglich rein und unverdorben. Diese reine innere Natur und angeborene Mitmenschlichkeit wird durch Eingriffe von außen verdorben. Die Zwangsmoral und die autoritäre Erziehung sind es, die bewirken, daß die ursprüngliche Natur deformiert wird, was in sekundären, asozialen und unnatürlichen Triebentfaltungen zum Ausdruck kommt. Die von außen eingreifende Macht kann man sich als die Einrichtungen der autoritären bürgerlichen Gesellschaft vorstellen. Die emanzipatorische Arbeit besteht darin, die ursprüngliche gesunde innere Natur von den äußeren deformierenden Kräften zu befreien. Wie man sieht, ist diese Argumentation keineswegs von großer Dialektik geprägt. Sie enthält den Keim zu einem nahezu religiösen Glauben an eine von der Sozialität gereinigte innere Natur, die sich relativ leicht in die spekulative Naturmystik des  späten Reich überführen lassen wird. (Per Kristensen und Elo Nielsen: „Wilhelm Reich (1897-1957) Psychoanalytiker. In: Willy Dähnhardt/Birgit S. Nielsen (Hrsg.): Exil in Dänemark, Heide: Verlag Boyens & Co., 1993, S. 52)

In die gleiche Kerbe hiebt Hal Cohen in seinem Essay „A Secret History of the Sexual Revolution“ (Linguafranca. The Review of Academic Life, March 1999, S. 24-33):

Im Zentrum von Reichs peripatetischer Karriere steht eine ehrwürdige, wenn auch unzeitgemäße Überzeugung: Unter dem Mantel gesellschaftlicher Konventionen verbirgt sich ein natürliches, instinktives Selbst, und die Befreiung der Energien dieses Selbst von der Unterdrückung durch die Gesellschaft ist der einzige Weg zu psychischer Gesundheit, politischer Gerechtigkeit und geistigem Wohlbefinden. Dieser Gedanke findet heute nur wenige ernsthafte Anhänger. Innerhalb der Akademie verhöhnen die Nachfahren des französischen Poststrukturalismus die Idee eines natürlichen Selbst, während außerhalb der Akademie die konventionelle Weisheit die Tugenden der Unterdrückung wiederentdeckt hat.

Und weiter:

Doch während Freud den Kampf zwischen Verdrängung und Trieb mit großer Ambivalenz betrachtete, stellte sich Reich ohne zu zögern auf die Seite des Triebes. (…) Reich arbeitete seine erste und vielleicht einflußreichste psychoanalytische Idee aus: die Charakterpanzerung. Er glaubte, daß alle Menschen (…) abwehrende Charakterzüge aufweisen; und er empfahl dem Analytiker, diese Panzerung zu identifizieren und zu demontieren, um so (im Gegensatz zu Freud) die Richtung der Therapie zu kontrollieren und den Patienten zu zwingen, seine tiefsten Impulse zum Ausdruck zu bringen, auch mit Gewalt. (…) Die Kultur, so glaubte er, entfremde die Menschen von ihrem wahren Selbst, was bedeute, daß jedes zivilisierte Individuum per Definition neurotisch sei.

Dieser Reich muß ja ein ziemlicher Naivling gewesen sein! Nun, Reich konnte dieses Kompliment nur zurückgeben. Es ist naiv anzunehmen, man könne willkürlich in „natürliche“, was schlicht und ergreifend heißt bewehrte Prozesse eingreifen, ohne Unheil anzurichten. Seit Jahrtausenden ja imgrunde seit Jahrmillionen wußten Frauen, wie man „im nächsten Busch“ Kinder gebärt, bis die Mediziner eingriffen und daraus eine „Operation“ machten. Von jeher wußten die Frauen wie man Babys betreut und Kinder großzieht, bis irgendwelche religiösen Autoritäten eingriffen und neurotische Wracks erzeugten, die alles andere als pflegeleicht sind. Das Leben wurde unglaublich kompliziert und anstrengend: ein einziger Krampf. Das gleiche in dem, was Reich „Arbeitsdemokratie“ genannt hat: jeder Arbeitsprozeß hat „natürlicherweise“ seine eigenen Gesetzmäßigkeiten, bis irgendwelche Ideologen und Politiker eingreifen, ein heilloses Durcheinander anrichten und dann noch die Chuzpe haben von „Dialektik“ zu quatschen!

Genauso ist es mit Reichs angeblicher „Naturmystik“ bestellt. Das Problem der Naturwissenschaft ist schlichtweg, daß sie gar keine ist, da die vermeintlichen „Wissenschaftler“ die Natur nicht reden lassen! Das fing mit Reichs „bio-elektrischen Versuchen“ an, als die Experten vom Kaiser-Wilhelm-Institut, mit denen Reich zusammenarbeitete, derartig darauf bedacht waren, alle Parameter zu kontrollieren, daß jede mögliche Registrierung sehr sensibler emotionaler und sexueller Erregungszustände von vornherein erstickt wurde. Ähnlich bei den Bionversuchen („Brownsche Bewegung“, Luftkeime, der und der bekannte Mikroorganismus) oder etwa bei seinen Auseinandersetzungen mit Einstein. Jedes, wenn man so will, „Signal des Lebendigen“ wurde von vornherein erstickt. SIE sind die Metaphysiker (Platonisten), die jedem Tisch, der nicht ihrer „Idee von Tisch“ entspricht, das Tischsein absprechen, und über die herablassend lächeln, die mit ihren Stühlen an einem undefinierbaren Etwas sitzen und speisen. Das seien „naive Naturmystiker“, die keine Ahnung von wahrer Eßkultur haben!

Der Kern der Sache ist natürlich das, was Bernd A. Laska in seinem LSR-Projekt analysiert hat: die Zerstörung der kindlichen Autonomie („Ich = Es“) durch Heteronomie (Über-Ich). Wir erinnern uns des schwachsinnigen Angriffs auf Reich: „… Sie enthält den Keim zu einem nahezu religiösen Glauben an eine von der Sozialität gereinigte innere Natur, die sich relativ leicht in die spekulative Naturmystik des späten Reich überführen lassen wird.“ Reich-Kritiker sind durchweg – Schwachmaten, die nicht mal ansatzweise begriffen haben, worum es überhaupt geht!

Paul Mathews: Der genitale Charakter und die genitale Welt

19. September 2019

 

Paul Mathews:
Der genitale Charakter und die genitale Welt

 

Der genitale Charakter und die genitale Welt

13. April 2018

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Paul Mathews: Der genitale Charakter und die genitale Welt

acologo

ZUKUNFTSKINDER: 1. „Rousseauismus“? d. Das moderne Leben

29. Januar 2018

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

ZUKUNFTSKINDER:

1. „Rousseauismus“? d. Das moderne Leben

ZUKUNFTSKINDER: 1. „Rousseauismus“? c. Verlorengegangene und erträumte Paradiese

27. Januar 2018

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

ZUKUNFTSKINDER:

1. „Rousseauismus“? c. Verlorengegangene und erträumte Paradiese

Peters Lektüre von KINDER DER ZUKUNFT (Teil 1)

5. Januar 2018

Ich bin gerade mal auf S. 17, trotzdem möchte ich bereits einiges sagen. Fangen wir mit dem Vorwort von Reichs Freund und Mitarbeiter William Steig, dem berühmten Cartoonisten, aus dem Jahre 1983 an.

Ich habe weniger etwas an diesem „orgonomisch korrekten“ Vorwort auszusetzen, als vielmehr an der Orgonomie selbst! Der typische Predigerton, wie wir ihn von der Kanzel oder von irgendwelchen weltverbessernden Schriftstellern und „Liedermachern“ – und von Reich selbst kennen: „Warum nur, warum…“ Warum können wir nicht in Harmonie zusammenleben, sondern müssen nach Reichtum, Macht und Anerkennung streben?! Rotgrüne Betroffenheit! Rousseau läßt grüßen! Darauf kann ich nur frei nach Nietzsche antworten: Weil das zu unserer Biologie gehört und weil nur der Agon uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Ohne Wettstreit wären wir immer noch Jäger und Sammler, die Furcht vor Löwen und bösen Geistern haben! Übrigens sollte man mal Malinowski lesen: wenn irgendwas die Trobriandische Gesellschaft prägt, dann der Agon!

Jedes Tier wisse, so behauptet Steig, daß es Teil der Natur sei „und mit ihr zusammenarbeiten und ihre Gesetze befolgen [müsse]“. Das ist ein derartiger Unsinn! Tiere sind „Autisten“, wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, und das „natürliche Gleichgewicht“ ist, wie ebenfalls dargelegt, eine romantische Mär.

Auf einer Metaebene ist Steigs Vorwort, das den Prozeß der Panzerung angreift, geradezu grotesk, denn aus ihr spricht vor allem eins: Steigs eigene spezifische PANZERUNG, seine linksliberale Panzerstruktur, die es ihm unmöglich macht, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Als Kontrast verweise ich auf Paul Mathews Ausführungen über die „genitale Welt“ hier auf diesem Blog: Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

Der genitale Charakter und die genitale Welt (Teil 1)

9. Oktober 2017

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Paul Mathews: Der genitale Charakter und die genitale Welt

acologo

Sozialismus und orgonomischer Funktionalismus

7. Oktober 2017

Rousseau war der archetypische Vertreter der kollektivistischen Grundhaltung der Linken. Sein „Gesellschaftsvertrag“ hat im Kern „einen einzigen Paragraphen: das vollständige Aufgehen des Individuums mit allen seinen Rechten in der Gesamtheit. Jedermann muß sich gänzlich hingeben, sich selbst und alle seine Kräfte, zu denen auch das Vermögen gehört, das er etwa besitzt. Ebenso wie die Natur jedem Menschen eine absolute Gewalt über alle seine Glieder gibt, verleiht der Gesellschaftsvertrag dem Gesellschaftskörper eine absolute Gewalt über seine Angehörigen“ (Klaus Hornung: Das totalitäre Zeitalter, Berlin 1993, S. 29).

Dieses Konzept hat eindeutig seine Wurzeln in der damals aufkommenden mechanistischen Lebensauffassung. Man vergleiche das mit Reichs Ausführungen in Äther, Gott und Teufel, wo er die die totalitäre Staats- und Gesellschafsauffassung mit der mechano-mystischen Auffassung des menschlichen Körpers gleichsetzt, wo das Gehirn als Diktator seine Anweisungen an die Organe und Gliedmaßen erteilt. Er kontrastiert das mit der arbeitsdemokratischen Vorstellung des gesellschaftlichen und organismischen Funktionierens.

Marx zitiert Rousseau in seinem antisemitischen Machwerk Zur Judenfrage (1843), einem Fanal sowohl für den rechten als auch für den linken Faschismus, wie folgt: „Wer den Mut hat, einem Volke eine Rechtsordnung zu geben, muß sich fähig fühlen, sozusagen die menschlich Natur zu ändern, jedes Individuum, das in sich selbst und für sich allein ein vollkommenes Ganzes ist, in den Teil eines größeren Ganzen umzuwandeln, von dem dieses Individuum in gewisser Weise sein Leben und Sein empfängt, an die Stelle einer physischen und unabhängigen eine moralische Teilexistenz zu setzen. Er muß dem Menschen seine eigenen Kräfte nehmen, um ihm fremde dafür zu geben, die er nur mit Hilfe anderer gebrauchen kann.“ Daran schließt Marx an, der behauptet, die „menschliche Emanzipation“ sei erst vollbracht, wenn der individuelle Mensch ganz im „Gattungswesen“ aufgegangen sei (Konrad Löw: Das Rotbuch der kommunistischen Ideologie, München 1999, S. 38).

Mit erstaunlicher Offenheit reden die Linken von der „Vergesellschaftung des Menschen“. Erstaunlich auch, wie 1977 die angesehene Chronistin der SPD, Susanne Miller, in einer einschlägigen Untersuchung darlegte, worauf das letztendlich hinausläuft: „Der Ansatzpunkt der Freiheitsvorstellungen der Sozialisten war stets die Freiheit ‘des Proletariats’, ‘der Klasse’, ‘des Volkes’, ‘der Menschheit’, niemals die Freiheit des einzelnen. Das Problem der Freiheit des Individuums lösten sie durch einen Identifikationsprozeß von Individuum und Gemeinschaft auf, der sich in einer klassenlosen Gesellschaft vermeintlich von selber vollziehen werde. (…) Der einzelne wurde der Gesellschaft gegenüber als ‘nichtig’ betrachtet (Karl Kautsky), und es wurde ihm das Recht abgesprochen, seine Freiheitsansprüche gegenüber einer sozialistischen Gesellschaft geltend zu machen, sobald diese dem etablierten Kodex dieser Gesellschaft nicht entsprachen“ (z.n. Löw: …bis zum Verrat der Freiheit, München 1993, S. 66f). Freiheit oder Sozialismus!

Der Führer der national-sozialistischen Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley, verglich das Volk mit einem Kind, das genauso störrisch, trotzig und unartig sei, wie gläubig treu und liebebedürftig. Ley: „Das Volk hat einen Anspruch darauf, von seiner Führung gehegt und gepflegt zu werden. Es war die größte Torheit des demokratischen Systems zu glauben, daß sich ein Volk selber führen kann“ (z.n. Hornung: Das totalitäre Zeitalter, S. 233f).

Nur ein Traumtänzer kann glauben, daß die linken, die roten Faschisten mit ihrer Version des Sozialismus eine andere Haltung zur Selbststeuerung haben, sei es bei der Erziehung der Kinder oder bei der Organisierung der Gesellschaft. Es ist ein und der gleiche lebensfeindliche mechano-mystische Geist, den Reich in Äther, Gott und Teufel bloßgelegt hat.

Im National-Sozialismus „wurde die Anrede ‘Genosse’ benutzt, die Ferien sollten kollektiv organisiert werden, es galt das Prinzip ‘Das Volk ist alles, Du bist nichts’. Volk ist lediglich durch ‘Arbeiterklasse’ zu ersetzen, und von da ab gelten die gleichen Vokabeln“ (Erwin K. Scheuch,: „Vom Weiterwirken des Sozialismus“. In: Heiner Kappel/Alexander von Stahl: Für die Freiheit, Berlin 1996, S. 79f).

Der naive Wilhelm Reich

24. März 2017

Der genitale Charakter (etwa Reich oder William Blake) und der liberale Charakter (etwa Rousseau) haben eines gemeinsam: beide glauben, daß der Mensch im Wesentlichen gut ist. Der genitale Charakter übersieht die sekundäre Schicht und sieht nur den Kern (Reichs berühmte „Naivität“). Der kontaktlose Liberale sieht nur die Fassade (die liberale „Naivität“). Konservative wie Edmund Burke oder Montesquieu betrachten den Menschen im Wesentlichen als böse. Deshalb treten sie für die traditionellen restriktiven Institutionen (Religion, Monarchie, Klassenstruktur) ein und plädieren für Gewaltenteilung (wie sie in der Verfassung der USA klassisch verwirklicht ist); eine Art „Panzerung“ (check and balances), die die sekundären Triebe in Schach hält.