Posts Tagged ‘Emotionen’

Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 1)

28. Januar 2019

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

Die Orgonomie ist ein Zweig der Wissenschaft, der Emotionen sowie andere Aspekte der Energiebewegung in der Natur untersucht. Der Begriff „Orgonomie“ hat die gleiche Wortwurzel wie „Organismus“ und „organisch“. Orgonomische Phänomene wurden ursprünglich von dem Psychiater und Wissenschaftler Wilhelm Reich entdeckt und beschrieben, der von 1897 bis 1957 lebte. Reich absolvierte seine Ausbildung bei Sigmund Freud und wurde von Dr. Freud als einer seiner brillantesten Schüler betrachtet. Als Psychiater richtete sich Reichs Interesse nicht nur auf die einzelnen psychologischen Symptome, sondern auch auf die umfassenden charakteristischen Funktionsweisen jedes Patienten, die er als dessen „Charakter“ bezeichnete. In seinem Buch Character Analysis (1949) stellte er fest, daß sich die Menschen nicht nur durch ihre Worte ausdrücken, sondern auch indirekt durch ihre charakteristischen Einstellungen und Verhaltensweisen sowie durch nonverbale Aspekte des Ausdrucks wie Körpersprache und andere verwandte Phänomene, wie zum Beispiel Tonfall und Gesichtsausdruck. Auf diese Weise stellte er den verbalen Ausdruck, den er als „Wortsprache“ bezeichnete, all diesen anderen nonverbalen Aspekten des Ausdrucks gegenüber, die er als „Ausdruckssprache“ bezeichnete. Alle Tiere zeigen eine Ausdruckssprache, während die Wortsprache einzigartig für den Menschen ist. Reich entwickelte Wege, um den Patienten auf dessen nonverbale Ausdruckssprache aufmerksam zu machen. Dabei wurde nicht nur auf die Körpersprache hingewiesen, sondern auch auf psychologische Einstellungen, die vom Patienten möglicherweise nicht verbal formuliert wurden, die aber dennoch offensichtlich waren.

Wir alle erfahren diese nicht verbalisierten Einstellungen täglich von jedem, mit dem wir interagieren. Unter normalen Umständen bieten diese Einstellungen und andere Aspekte des nonverbalen Ausdrucks einen Kontext für verbale Kommunikation und ergänzen die verbale Botschaft. Manchmal widerspricht die nonverbale Botschaft der verbalen Nachricht. Zum Beispiel könnte man „Ich liebe dich“ in einem aufrichtigen Ton sagen oder mit einem unaufrichtigen, sarkastischen Ton und Gesichtsausdruck. Gleiche Worte, unterschiedliche Botschaften. In diesem und anderen Beispielen übertrumpft die emotionale Botschaft die verbale. In der Tat wirkt die emotionale Botschaft in gewisser Weise auf einer anderen Ebene als Worte und kann von Person zu Person ohne bewußte Aufmerksamkeit oder bewußte Absicht beider Parteien übertragen werden.

Diese unbewußten Einstellungen oder Ausdrücke oder körperlichen Haltungen können im Laufe der Zeit chronisch geworden sein und die Person kann allmählich das Bewußtsein für sie verloren haben. Diese Phänomene nahmen ein Eigenleben an und waren weiterhin präsent, jedoch außerhalb des Bewußtseins. Der psychologische Aspekt dieser nonverbalen Botschaften oder Einstellungen, derer sich die Menschen nicht bewußt sind, wurde von Reich als „Charakterpanzer“ bezeichnet. Er nannte es „Panzer, weil das Wegdrücken dieser Einstellungen aus dem Bewußtsein einer psychologischen Abwehrfunktion dient, genau wie eine Art Panzer. Reich prägte den Begriff „Charakteranalyse“, um seine Methode zu bezeichnen, den Charakterpanzer des Patienten bewußt zu machen.

Neben den nonverbalen Aspekten der Kommunikation spiegelt sich der Charakterpanzer auch in der Qualität der Denkprozesse der Person sowie im Inhalt der Sprache der Person wider. Die traditionelle psychoanalytische Behandlung konzentriert sich in erster Linie auf die Interpretation verbaler Inhalte, während die Charakteranalyse, die ursprünglich als Ausarbeitung psychoanalytischer Techniken entwickelt wurde, den gesamten Charakter des Individuums einschließlich der nonverbalen Aspekte seines Ausdrucks in den Mittelpunkt stellt. Die Charakteranalyse beinhaltet daher, daß der Therapeut sowohl das nonverbale Verhalten des Patienten als auch manchmal den verbalen Inhalt oder die Qualität bzw. den Untertext der Kommunikation des Patienten verbal kommentiert.

Schließlich wurde Reich bewußt, daß diese Einstellungen nicht nur im unbewußten, emotionalen Geist des Patienten und somit im nonverbalen Ausdruck, der die Einstellungen und verbalen Produktionen des Patienten begleitet, verankert sind, sondern auch, daß der Panzer in Form einer chronischen Spannung tiefer im Körper auftritt, was Reich als „muskulären Panzer“ bezeichnete. Ein allgemeinerer Begriff wäre „somatischer Panzer“, da der Panzerungsprozeß neben Muskeln auch andere Organsysteme und Gewebe betreffen kann. Diese körperliche Verankerung von Einstellungen spiegelt sich in der Alltagssprache wider, z. B. „er ist ein Arschloch“ [he’s a hard-ass] oder „sie hat eine rigide Einstellung“ [she has a stiff-necked attitude]. Menschen erleben Emotionen nicht nur psychisch, sondern auch körperlich, was beispielsweise zu Kopfschmerzen oder zu einer Magenverstimmung führt. Dies tritt noch häufiger bei Kindern auf, deren Fähigkeit, Gefühle in Worte zu fassen, im allgemeinen eingeschränkter ist. In der Tat kommt manchmal der erste Hinweis, daß man auf etwas emotional reagiert, aus dem eigenen Körper, nicht nur aus dem eigenen bewußten Geist, zumindest nicht nur aus dem Gehirn. Man hat zum Beispiel ein „Bauchgefühl“. Erst später tritt einem vors Bewußtsein, worauf man reagiert oder was man „fühlt“. Ein Gefühl kann eine Emotion ohne begleitenden Gedanken sein oder ein Gefühl kann eine Kombination aus Emotionen und bewußten Gedanken sein.

Es gibt ein Wechselspiel zwischen den Gebieten des Verbalen und Nonverbalen und dem somatischen Bereich. Das Gebiet des Verbalen umfaßt beispielsweise den somatischen Bereich, weil Sprechen ein somatischer Akt ist, der Lippen, Mund, Zunge, Kiefermuskeln, Kehlkopf, Lunge und Zwerchfell umfaßt. Tatsächlich kann der gesamte Körper auf die eine oder andere Weise am physischen Akt des Sprechens teilhaben. Darüber hinaus sind Emotionen körperliche und gleichzeitig psychologische Phänomene. In dieser Hinsicht gibt es also eine Einheit von Körper und Geist.

Reich entwickelte einen Weg, um den muskulären Panzer zu verstehen und zu bearbeiten. Er brachte den Patienten entweder dazu durch Atmen oder Treten oder Schlagen oder auf andere Weise die Anspannung zu lösen und damit die zugrundeliegende Emotion loszulassen, oder er bearbeitete die Muskelspannung des Patienten auch mit seinen eigenen Händen und löste so die Anspannung und befreite die zugrundeliegende Emotion manuell. Dieser Ansatz wird in der Orgonomie oft als „biophysikalische“ Arbeit bezeichnet, die im Gegensatz zur Charakteranalyse, die eine verbale Technik ist, eine nonverbale therapeutische Technik ist. Interessanterweise kann ein Therapeut aufgrund der Art der Wechselbeziehungen zwischen Geist und Körper durch eine der beiden Techniken – biophysikalische Arbeit oder Charakteranalyse – sowohl auf den Körper als auch auf den Geist Einfluß nehmen.

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 2

8. Januar 2019

orgonometrieteil12

2. Modell, Funktionsschema, orgonometrische Gleichung

Ergänzung zu: Peter im Netz (Teil 4): Vorsicht Heckenschützen!

21. Dezember 2018

Sind die „Pestkranken“ und „Modjus“ nicht einfach nur krank? Ist der Haß, den Reich offensichtlich gegen sie empfand, nicht unangebracht? Dazu ist viererlei zu sagen:

  1. Bekämpft man Kriminelle im allgemeinen und emotionell Pestkranke im besonderen nicht etwa deshalb, weil sie „gepanzert“ sind, sondern ganz im Gegenteil, weil ihre Panzerung versagt hat und es entsprechend zu Symptomen kommt. Deshalb muß ihnen verbal und gegebenenfalls sogar mit physischer Gewalt Grenzen gezogen werden, d.h. jene Barriere (Panzerung) gegen ihre sekundären Triebe aufzurichten, die sie selbst nicht bewerkstelligen konnten.
  2. Jede Emotion ist gerechtfertigt, jede, auch der Haß, solange sie aus dem bioenergetischen Kern stammt und durch die Panzerung nicht verzerrt wird. Gepanzerte Emotionen sind im Kampf gegen die Emotionelle Pest eh vollkommen wirkungslos, wenn nicht sogar kontraproduktiv. Leute, die Reich in dieser Hinsicht kritisieren, sind schlichtweg zu gepanzert, zu verkorkst, als daß sie Emotionen überhaupt würdigen könnten.
  3. Die Bazillenträger der Emotionellen Pest, die Pestratten, mögen zwar krank, d.h. gepanzert sein, doch das exkulpiert sie noch lange nicht von jeder Schuld. Vielmehr handeln sie irrational aus, so Reich, „unbewußter Absicht“ (Äther, Gott und Teufel, S. 80). Sie spiegeln nach außen hin etwas vor; wie etwa die Nationalsozialisten, die etwas vom „Schutz des Deutschen Volkes“ faselten, doch tatsächlich nur ihre sadistischen Rachephantasien an Schwächeren ausleben wollten. Es mag sein, daß sie teilweise selbst der eigenen Propaganda glaubten, doch das spricht sie noch lange nicht frei. Modju spiegelt also etwas vor, um seine wahren Beweggründe zu verbergen. Das macht ihn nicht weniger böse, sondern macht aus ihm den ultimativen Bösewicht!
  4. Letztendlich geht es um die wechselseitige Sequestration von OR (der Lebensenergie) und DOR (wenn man so will der „Todesenergie“). Die Religion, insbesondere das Christentum, mythisiert das als Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“. Diese Sichtweise kommt der Wahrheit noch am nächsten, solange man sich bei aller abstrakten Wahrheit stets der konkreten moralistischen (insbesondere antisexuellen) Verzerrung bewußt bleibt.

ÄTHER, GOTT UND TEUFEL: Übersetzung des Klappentexts und der Inhaltsangabe des Originals von 1949

25. November 2018

In diesem Buch beschreibt Wilhelm Reich den Prozeß des funktionellen Denkens und wie die innere Logik dieses objektiven Denkprozesses ihn zur Entdeckung der kosmischen Orgonenergie und anderer grundlegender orgonomischer Entdeckungen der letzten drei Jahrzehnte führte. Funktionelles Denken und Organempfindungen sind wesentliche Werkzeuge der naturwissenschaftlichen Forschung und entscheidend für die Bewältigung der Probleme des Lebendigen. Der Unterschied zwischen der Denkweise des orgonomischen Funktionalismus und der mechanistischen und mystischen Denkweise wird deutlich durch die Darstellung der Beziehung der kosmischen Orgonenergie zu den beiden Grundpfeilern des menschlichen Denkens: „Gott“ und „Äther“. Reich zeigt, wie der „Teufel“ in Religion und Volksglauben eine Verzerrung des menschlichen Körpergefühls darstellt und wie die Orgonomie jenseits des Reiches des Teufels geht.

I. DIE WERKSTÄTTE DES ORKONOMISCHEN FUNKTIONALISMUS
Das „zu viel auf einmal“ der Orgonomie; die Funktion des Orgasmus – der einzige Zugang zu den kosmischen Orgonenergie-Funktionen; außerhalb des Rahmens von Mechanismus und Mystizismus; der Funktionalismus als Forschungsinstrument; die wissenschaftliche Ordnung der Freiheit; der biophysikalische Standpunkt; Grundlagenforschung auf unbekanntem Gebiet.

II. DIE ZWEI GRUNDPFEILER MENSCHLICHEN DENKENS: „GOTT“ UND „ÄTHER“
Der Standpunkt der Lebendigen; das Irren des Menschentiers; irrationale Fehler; die Logik des Irrens; das „GÖTTLICHE“, das „ABSOLUTE“, das „STATISCHE“; die Suche nach Schutzmaßnahmen gegen Fehler; die Frage der „SCHULD“ im Bereich des Wissens; naive Fragen und ausweichende Antworten; das Gemeinsame von Gott und Äther; Unterschiede zwischen Gott und Äther; die „Nichtexistenz des Äthers“; die Selbstkontrolle der Forschung; das gemeinsame Prinzip irrationaler Fehler; die biophysikalische Panzerung.

III. DIE ORGANEMPFINDUNG ALS WERKZEUG DER NATURFORSCHUNG
Die Rationalität der primären biophysikalischen Emotionen; Wahrnehmung – unterschiedlich bei gepanzerten und ungepanzerten Organismen; das Lebendige als Bezugsrahmen; das Kind als Lebewesen und als Bürger; biosexuelle Energiestauung; gepanzertes und ungepanzertes Leben; Reaktionen der Gepanzerten auf die Orgonomie.

IV. ANIMISMUS, MYSTIZISMUS UND MECHANISMUS
Das Verbot gegen die Untersuchung des Lebendigen; die Charakteranalyse öffnet das Tor zur Einsicht in die Empfindungen; Weltbild und Struktur des Forschers; die Natur ist unexakt; Angst vor der Organempfindung und Angst vor der Orgonforschung; Animismus und Mystizismus; Mystizismus und Erforschung des Mystizismus; die Panzerung des Mystikers; die pulsierende Welt des orgonomischen Funktionalismus; die Reinhaltung von Sinneswerkzeuge; die Lebensfunktion als Modell grundlegender Naturvorgänge; die Natur ist im Fluß; grundlegende Natur und abgeänderte Natur; funktionelle Krebsforschung; das Gemeinsame und das Trennende; der Funktionalismus löst Widersprüche auf; funktionelle Verbindungen, keine Zauberei; mechanistische, mystische und funktionelle Vorstellungen vom Organismus.

V. DAS REICH DES TEUFELS
Religion und die kosmische Erfahrung des Menschen; Gott und Teufel; das Übersehen des Wesentlichen; Hauptmerkmale des gepanzerten Menschen; die Logik der Moral; der gemeinsame Nenner des gesellschaftlichen Versagens des Menschen; Ereignisse aus Sicht der Lebenden beurteilen; Orgasmusangst als Hindernis für ein rationales Leben; Orgonomie geht über den Teufel hinaus.

VI. KOSMISCHE ORGONE ENERGIE UND „ÄTHER“
Die Existenz einer alles durchdringenden und nachweisbaren Energie; kein „leerer Raum“; Allgegenwart; orgonomisches Potential; Orgon-Metabolismus; Pulsation; Pulse und Wellen; West→Ost-Bewegung; Sichtbarkeit; Erstrahlung; Wärmeerzeugung; die orgonotische Sensibilität des Beobachters; die Eigenschaften der Orgonenergie und des Äthers; Zusammenfassung.

Die grenzenlose Charakterstruktur

1. November 2018

Reich glaubte, daß „die Emotionen an die Existenz und Bewegung von protoplasmatischer Substanz innerhalb eines begrenzten Systems gebunden sind und ohne diese Voraussetzung nicht existieren“. Expansion und Kontraktion gäbe es, so Reich, auch in der unbelebten Natur, aber mit einer Membran werden daraus die Emotionen, insbesondere die beiden Grundemotionen Lust (Expansion) und Angst (Kontraktion) (Äther, Gott und Teufel, S. 90f).

Aus dieser Warte muß man den heutigen Wahn sehen, alle Grenzen beseitigen zu wollen. Im Gespräch mit Jürgen Elsässer nennt Gerhard Wisnewski insbesondere folgende Beispiele dafür, daß überall Grenzen aufgelöst werden, wobei er bemerkenswerterweise „Leben“ durchaus ähnlich definiert wie Reich (Compact, 11/2018):

  1. finanzielle und wirtschaftliche Grenzen (deine Ersparnisse bürgen für die Verschwendung in Südeuropa, etc.);
  2. nationale Grenzen („Europa“ und die UN);
  3. ethnische Grenzen („Umvolkung“);
  4. intellektuelle und Begabungsgrenzen (die Einheitsschule, der Gerechtigkeitswahn);
  5. kulturelle Grenzen (Hollywoods globale Einheits-„Kultur“);
  6. sexuelle Grenzen („Gendermainstreaming“, wobei gleichzeitig die beiden Geschlechter zunehmend voneinander entfremdet werden);
  7. künstlerische Grenzen („Crossover-Projekte, es wird alles gemischt, Klassik mit Rock und Jazz und so weiter“).
  8. Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine („Transhumanismus“).
  9. Die Grenzauflösung durch Organtransplantation, bei der übrigens LEBENDE ausgeschlachtet werden. Tote können keine Organe spenden, denn diese sind tot, d.h. funktionsunfähig!
  10. Die Grenze zwischen Tier und Mensch: Manieren, Schamgefühle, kurz die Kultur, werden aufgelöst – der Mensch wird zum Schwein.
  11. Die große Vereinheitlichung mit Weltstaat, gleichgeschaltetem Einheitsbürger und einer Weltreligion.

Für Wischnewski ist das alles von oben geplant und zwar seit Jahrzehnten, sogar Jahrhunderten (sic!). Er weiß nichts von der Emotionellen Pest, d.h. der Verschwörung gegen das Leben (das anfangs erwähnte Leben konstituierende „Grenzziehen“) an sich. Spezifischer geht es um die linksliberale und sozialistische Charakterstruktur, die auf der Verneinung von Emotionen beruht. Solche Menschen, die ganz „zerebral“ ausschließlich im „energetischen Orgonom“ leben, aus dem sie ständig hinaus streben, und denen das „orgonotische System“ (die Organisation der Pulsation – Expansion und Kontraktion, Lust und Angst) fremd ist, ertragen keine Grenzen, weil sie keine Emotionen ertragen. Bei der Nationalhymne legen sie nicht ergriffen die rechte Hand auf die Herzregion, sondern sie sind „internationalistisch angewidert“ und „betroffen“. Man gehe aus dieser Perspektive nochmals die obigen elf Punkte durch: alles löst sich in einen emotionslosen konturlosen Empfindungsbrei auf!

Daß sich die Emotionelle Pest organisiert, ist sekundär. Um zu verstehen, was wirklich in der Welt geschieht, muß man Wilhelm Reich, Elsworth F. Baker, Paul Mathews und Charles Konia lesen!

Über Perspektive

30. Oktober 2018

Der amerikanische Orgonom Dr. Charles Konia über die Kontaktlosigkeit der Linken:

Über Perspektive

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 14)

30. September 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

VI. Orgontherapie: 1. Biopsychiatrische Orgontherapie (Fortsetzung)

Die Störungen im Bewegungsfluß der körpereigenen Orgonenergie, die in den einzelnen Zellen eingeschlossen ist, nennt Reich „Panzerung“. Diese Panzerung verhindert, daß sich der Orgasmusreflex einstellt. Wie kommt es nun zu einer Panzerung? In unserer heutigen patriarchalischen Gesellschaft entsteht immer wieder ein Konflikt zwischen libidinösem Bedürfnis und Bedrohung desselben durch die Außenwelt. Dieser zunächst psychische Konflikt führt zu einer Abweisung des ursprünglichen Bedürfnisses. Mit dem ursprünglichen Bedürfnis, dem Trieb, geht aber immer auch eine Energiebewegung im Organismus einher, die infolge der Außenweltreaktion gebremst werden muß. Damit wandeln sich auch die inneren, lustvollen Bedürfnisse um in Angst- und Unlustgefühle, da die strömende und expandierende Lebensenergie stagniert und kontrahiert. Um die stets als Reaktion auf Versagung der Triebbefriedigung auftretenden Unlustgefühle zu mindern, baut der Organismus die Panzerung auf, welche die Empfindlichkeit gegenüber dem Angst- und Unlustempfinden herabsetzt. Dies geht zwangsläufig auf Kosten der inneren Beweglichkeit; die einst im Organismus ungehindert pulsierende Orgonenergie wird gebremst und in der Aufrechterhaltung der Panzerung gebunden. Der Kranke weiß gewöhnlich nichts von seiner Panzerung, und es nutzt wenig, ihm Hingabe zu predigen oder ihn Hingabe üben zu lassen. Einzig die Auflösung der muskulären Starre ist geeignet, die orgastische Potenz, also das freie Strömen der Lebensenergie im Körper, wiederherzustellen. Es zeigte sich in der praktischen therapeutischen Tätigkeit, daß die zur Entstehung der Panzerung gehörigen Erinnerungen (z.B. Inzestphantasie) mit Lockerung der Muskelverspannung wieder ins Bewußtsein auftauchen.

Reich fand heraus, daß die Panzerungen stets segmentär angeordnet sind.1 Die Verkrampfung der Muskeln ist durchwegs von den anatomischen Verläufen unabhängig. Panzerungen schließen sich wie ein Ring quer zum Verlauf der Wirbelsäule und blockieren die plasmatischen Strömungen und emotionellen Erregungen, die längs zur Körperachse gerichtet sind. Insgesamt kennzeichnet Reich sieben Panzersegmente: der okulare Panzerring, der Stirn, Augen und Jochbeingegen umfaßt; der orale Panzerring, der Lippen, Kinn und Rachen einschließt; die Panzerung des dritten Segments bedient sich wesentlich der tiefen Halsmuskulatur; die Panzerung des Brustkorbs (Atmung) bildet das vierte Segment, das Zwerchfell und die darunter liegenden Organe das fünfte; die Kontraktur der Bauchmitte stellt den sechsten Panzerring dar, die Panzerung des Beckens schließlich den siebten.

Aus diesen Erkenntnissen folgert Reich: „Die Technik der Orgontherapie hat uns gelehrt, daß im Menschentier buchstäblich noch immer ein Wurm funktioniert. Die segmentäre Anordnung der Panzerringe kann keine andere Bedeutung haben. Die Lösung der segmentären Panzerung setzt Ausdrucksbewegungen und plasmatische Strömungen frei, die von den anatomischen Nerven- und Muskelordnungen des Wirbeltieres unabhängig sind. Sie entsprechen weit mehr den peristaltischen Bewegungen eines Darms, eines Wurms oder eines Protisten.“2 Reich konstatiert die funktionale Identität von Körperbewegungen und Emotionen des Menschen und Bewegungen von Einzellern, wiederum beherrscht ein Prinzip das Lebendige. „Wie die Darwinsche Theorie aus der Morphologie des Menschen seine Abstammung von den niederen Vertebraten ableitete, so führt die Orgonbiophysik die emotionellen Funktionen des Menschen weit tiefer noch auf die Bewegungsformen der Weichtiere und Protisten zurück.“3

Es ist gerade der Wurm im Menschen, vor dem wir uns fürchten und den wir mit allen Mitteln zu bekämpfen versuchen. Daher wundert es kaum, daß der gepanzerte Mensch alle seine neurotischen Kräfte mobilisiert, um sein neurotisches Gleichgewicht zu erhalten. Er fürchtet den freien Energiefluß in seinem eigenen Organismus und wehrt sich dagegen, seine Panzerung aufzulösen. Er fürchtet in seinem tiefsten Innern die Freiheit, die er in seinen Idealen anstrebt; er ist schlechterdings unfähig zur Freiheit, da er Angst hat, sich der Freiheit, dem Lebendigen, dem Wurm in seinem eigenen Körper hinzugeben, was auf Grund seiner Sozialisation natürlich verständlich ist. Wie die Lösung dieses Widerstandes, der identisch ist mit unbeweglicher, die Panzerung aufrecht erhaltender Orgonenergie, erreich wird, kann hier nur angedeutet werden.

Der Orgontherapeut lenkt die Aufmerksamkeit des Patienten auf gepanzerte Stellen, soweit der Kranke diese empfinden kann. Er reguliert die Atmung, läßt den Patienten mechanische Übungen ausführen, durch die Strömungen in Gang gesetzt oder verstärkt werden, oder er bearbeitet direkt gepanzerte Stellen des Körpers mit der Hand. Charakteranalytische Maßnahmen greifen unterstützend ein. Bei richtig verlaufender Orgontherapie stellt sich der freie Energiefluß, und damit der Orgasmusreflex allmählich ein. Die Entdeckung von DOR, stagnierender, unbeweglicher Orgonenergie, legte die Vermutung nahe, daß auch in den Muskelpanzerungen DOR eingeschlossen ist. Reich versuchte daher, das Prinzip des Cloudbusters auch medizinisch einzusetzen, was in vielen Fällen erfolgreich war.4

 

Fußnoten

  1. Vgl. hierzu: Reich, W., Charakteranalyse, a.a.O. S. 372–392
  2. ebenda S. 395
  3. ebenda S. 398
  4. Vgl. Raknes, W. Reich und die Orgonomie, a.a.O. S. 81

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 13)

29. September 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

VI. Orgontherapie

Die Entdeckung der Orgonenergie führte, wie wir gesehen haben, weit hinein in Bereiche der Natur und des Kosmos. Es war die Arbeit am menschlichen Charakter, an den menschlichen Empfindungs- und Wahrnehmungsorganen, die in so umfassende Forschungsgebiete führte. Die Entdeckung des Orgonenergie blieb selbstverständlich nicht ohne Auswirkung auf die Theorie vom menschlichen Organismus, von seinem Charakter und seinen Emotionen, und auf ihre therapeutische Beeinflussung.

 

1. Biopsychiatrische Orgontherapie

Die schon erwähnte Charakteranalyse bildet die Grundlage für das Verständnis der biopsychiatrischen Orgontherapie. Sie hatte bereits die funktionelle Beziehung zwischen Charakterhaltung (Psyche) und Muskelpanzerung (Soma) herausgearbeitet. Die Entdeckung der lebensspezifischen Orgonenergie führte zu neuen Erkenntnissen und Techniken in der Therapie. Folgendes Schema verdeutlicht die neu gewonnene Auffassung vom menschlichen Organismus:

Die kosmische Orgonenergie funktioniert im lebenden Organismus als spezifisch biologische Energie. Sie bildet den biologischen Kern, der sich in biophysikalischen Organbewegungen (im Körperlichen) einerseits und in den Emotionen (im Psychischen) andererseits ausdrückt. Emotionen sind folglich im Grunde nichts anderes als Bewegungen der an die Körperflüssigkeit gebundenen Orgonenergie im menschlichen Organismus.1

Auf Grund dieser Auffassung vom menschlichen Organismus wird es verständlich, daß die wesentliche Aufgabe des Orgontherapeuten darin besteht, die gestörten plasmatischen Strömungen, d.h. die Strömungen der Orgonenergie im Organismus, wieder herzustellen. Das Lebendige drückt sich in Bewegung aus, es „funktioniert jenseits aller Wortvorstellungen und –begriffe“.2 Daher tritt in der Orgontherapie die Wortsprache in den Hintergrund, was natürlich nicht heißt, daß in der Orgontherapie überhaupt nicht gesprochen wird. Der Orgontherapeut konzentriert sich auf den Bewegungsausdruck des Patienten, zu dem auch der Ausdruck der Bewegungslosigkeit und Starre zu zählen ist. Der Patient wird dazu angehalten, sich unter Ausschaltung der Wortsprache biologisch auszudrücken. Die klinische Arbeit hatte gezeigt, daß die Wortsprache regelmäßig der Abwehr der Ausdruckssprache des biologischen Kerns dient. „Die Kranken kommen zum Orgontherapeuten voll von Nöten. Diese Nöte sind für das geübte Auge an den Ausdrucksbewegungen und dem Bewegungsausdruck ihres Körpers direkt abzulesen. Läßt man die Kranken nun nach Belieben sprechen, so stellt man fest, daß ihr Reden von den Nöten wegführt, sie in dieser oder jener Weise verhüllt. Will man zu einer korrekten Entscheidung kommen, so muß man den Kranken dazu verhalten, vorerst nicht zu sprechen. Diese Maßnahme erwies sich in hohem Grade als fruchtbar, Denn sobald der Kranke nicht mehr redet, tritt der körperliche Bewegungsausdruck klar hervor. Nach wenigen Minuten Schweigens hat man meist den hervorstehenden Charakterzug, oder korrekter, den plasmatischen Bewegungsausdruck erfaßt. Schien der Kranke, während er sprach, freundlich zu lächeln, so verwandelt sich im Schweigen das Lächeln in ein leeres Grinsen, an dessen maskenhafter Charakter auch der Kranke selbst nicht lang zweifeln kann. Schien der Kranke, während er sprach, mit verhaltenem Ernst über sein Schicksal zu sprechen, so tritt während des Schweigens etwa ein Ausdruck verhaltener Wut an Kinn und Hals unzweideutig hervor.“3

 

Fußnoten

  1. Vgl. Reich, W., Charakteranalyse, a.a.O. S. 359–362
  2. ebenda S. 362
  3. ebenda S. 364

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 3)

9. September 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

I. Die Spannungs-Ladungs-Funktion: 2. Die Entdeckung der Orgasmusfunktion

Wiederum war es klinische Beobachtung, die Reich einen Schritt weiterbrachte. Stand das Therapieziel der Herstellung der orgastischen Funktionsfähigkeit inzwischen fest, so blieb doch noch offen, wie dies zu erreichen sei. Die in der Behandlung durch Symptomauflösung freigesetzte seelische Energie, die bislang in den Symptomen gebunden war, reichte offenbar nicht aus, um die volle orgastische Funktion herzustellen. Die Kranken verloren zwar ihre Symptome, doch im Ganzen blieben sie gesperrt. Es drängte sich logischerweise die Frage auf, wo, außer in den neurotischen Symptomen sexuelle Energie gebunden ist. „Aufgrund der psychoanalytischen Neurosenlehre lag es nahe, die fehlende Energie für die Herstellung der vollen Orgasmusfähigkeit in den nichtgenitalen, also in den frühkindlichen prägenitalen Betätigungen und Phantasien zu suchen … Dadurch verschärfte sich die Anschauung, daß die einzelnen sexuellen Triebe nicht gesondert voneinander funktionieren, sondern eine Flüssigkeit in kommunizierenden Röhren, eine Einheit bilden. Es kann nur eine einheitliche Sexualenergie geben, die sich an verschiedenen erogenen Zonen und seelischen Vorstellungen zu befriedigen sucht.“1

Im Laufe der Entwicklung der Charakteranalyse2 fand Reich heraus, daß es der gesamte Charakter eines Patienten ist, der sich gegen die volle sexuelle Hingabe richtet und somit den Mechanismus darstellt, der alle Energie bindet. Bei der Charakteranalyse trat das, was die Patienten sagten, immer mehr in den Hintergrund. Wichtig wurde die Art und Weise, wie der Patient spricht und handelt; der Habitus des Patienten ist weit mehr Ausdruck seines Charakters als der Inhalt seiner Worte. Die einzelnen Charakterzüge sind voneinander abhängig und bilden zusammen ein einheitliches System der Abwehr gegen alle Emotionen, die als gefährlich empfunden werden. Die Gesamtheit und Starre des Abwehrsystems nannte Reich den Charakterpanzer. Dieser hat die Funktion, Unlust zu vermeiden. Bei der Untersuchung der Körperhaltungen, die die emotionalen Ausbrüche der Patienten begleiteten, zeigt sich, daß dem psychischen Panzer ein entsprechender somatischer Muskelpanzer gegenübersteht. Gab ein Patient in seiner seelischen Abwehrhaltung nach, brachen stets auch körperliche Affekte durch. Wurden umgekehrt muskuläre Verspannungen aufgelöst, so kam es zu Ausbrüchen von Wut, Haß, oder Angst oder auch zu sexueller Erregung. Das bedeutet, daß die sexuelle Energie durch dauernde muskuläre Spannungen gebunden werden kann und daß auch Lust und Angst durch muskuläre Spannungen abgebremst werden können. „Die charakterliche Panzerungen erscheinen nun als ‚funktionell identisch‘. Der Begriff ‚funktionell identisch‘ besagt nichts anderes, als das muskuläre und charakterliche Haltungen im seelischen Getriebe dieselbe Funktion haben, einander ersetzen und gegenseitig beeinflußt werden können. Im Grunde sind sie nicht zu trennen, in der Funktion identisch.“3 „Emotional“ bedeutet nicht mehr bloß etwas „Psychisches“, sondern meint die Bewegung von Energiepotentialen im Organismus.

Einen Todestrieb, wie ihn Freud einführte, fand Reich in der klinischen Praxis nicht bestätigt. Vielmehr erwiesen sich alle seelischen Äußerungen, die als Todestrieb gedeutet werden konnten, als Produkte der Neurose. Das Motiv der Destruktion, des Tötens, ist nicht die ursprüngliche Lust an Destruktion, sondern das Interesse des Lebenstriebes, Angst zu ersparen und das Gesamt-Ich zu erhalten. Der Destruktionstrieb will nicht Lust erzielen, sondern das Ich von Unlust befreien, somit tritt die Destruktion in den Dienst des Lebenstriebes. Ein Masochist, der phantasiert, gepeinigt zu werden, um zu zerplatzen, erhofft sich dadurch Entspannung. Man kann also sagen, daß auch der Masochist dem Lustprinzip folgt und nicht einen Leidenstrieb (Todestrieb) agieren läßt.4

Immer noch war die Frage unbeantwortet, welcher Natur die sexuelle Energie sei. Sie kann nicht auf irgendwelche chemischem Stoffe zurückgeführt werden, die in den Eierstöcken und Zwischendrüsen des Hodens produziert werden. Dem widersprach unter anderem die Tatsache, daß Kastration nach der Pubertät die Erregungsfähigkeit des Menschen nicht ausschaltet und er zum Geschlechtsakt fähig bleibt. Auch kann die sexuelle Erregung keinesfalls alleine identisch sein mit Blutbewegung, denn es gibt Blutfüllungen der Genitalorgane ohne eine Spur von Erregungsgefühl. Reich vermutete schließlich, daß es sich bei der gesuchten Energie um Bioelektrizität handele. Er berief sich auf den Berliner Internisten Kraus, der festgestellt hatte, daß der Körper von elektrischen Prozessen gesteuert wird. Auch der Orgasmus mußte ein bioelektrischer Vorgang sein. Bei der sexuellen Reibung wird in den beiden Körpern zunächst Energie aufgeladen, dann im Orgasmus wieder entladen.

„Untersucht man den Vorgang genauer, so entdeckt man einen merkwürdigen Viertakt des Erregungsablaufs: Die Organe füllen sich erst mit Flüssigkeit: Erektion mit mechanischer Spannung. Dies führt eine starke Erregung mit sich …, elektrischer Natur: Elektrische Ladung. Im Orgasmus baut die Muskelzuckung die elektrische Ladung beziehungsweise sexuelle Erregung ab: Elektrische Entladung. Dies geht über in eine Entspannung der Genitalien durch Abfluß der Körperflüssigkeit: Mechanische Entspannung.“5 Es ergibt sich als Spannungs-Ladungs-Funktion, auch Orgasmusformel genannt, der Viertakt:

SPANNUNG – LADUNG – ENTLADUNG – ENTSPANNUNG

Zur Überprüfung der Orgasmusformel untersuchte Reich die elektrischen Oberflächenladungen der menschlichen Haut an den erogenen Zonen im Zustand von Lust und Angst.6 Die Experimente schienen die bioelektrische Erklärung der Sexualenergie zu bestätigen. An den sexuellen Zonen wurden Schwankungen des Oberflächenpotentiale bis zu 50 MV gemessen. „Einzig und allein biologische Lust, die mit dem Empfinden des Strömens und der Wollust einhergeht, ergibt Steigerung der bioelektrischen Ladung. Alle anderen Erregungen, Schmerz, Schreck, Angst, Druck, Ärger, Depressionen gehen mit Erniedrigung der Oberflächenladung des Organums einher.“7

Gegen die Auffassung, bei der Bioelektrizität handele es sich um die bekannte bioelektromagnetische Energie (Elektrizität), wandte Reich mehrere Argumente ein. „Die elektromagnetische Energie bewegt sich mit Lichtgeschwindigkeit … Man beobachte nun die Art der Kurven und Zeitmaße, die die Bewegung der bioelektrischen Energie kennzeichnen, und man wird finden, daß der Charakter der Bewegungen der bioelektrischen Energie sich grundsätzlich von den bekannten Tempo- und Bewegungsarten der elektromagnetischen Energie unterscheidet. Die bioelektrische Energie bewegt sich außerordentlich langsam mit Millimettern in der Sekunde … Die Bewegungsform ist langsamwellig. Der Bewegungscharakter dieser biologischen Energie ähnelt den Bewegungen eines Darms oder einer Schlange … Man könnte zur Auskunft greifen, daß es der große Widerstand der tierischen Gewebe ist, der si Geschwindigkeit der elektrischen Energie im Organismus verlangsamt. Diese Auskunft ist unbefriedigend. Die Zuführung eines elektrischen Reizes am Körper wird augenblicklich empfunden und beantwortet.“8

Reich wies ferner darauf hin, daß Menschen feine Voltmeter durch Berühren beeinflussen. Aber die Quantitäten dieser Reaktion sind nach Reichs Auffassung im Verhältnis zu den Energieleistungen des menschlichen Organismus viel zu gering, als daß sie alleine dafür verantwortlich gemacht werden könnten. Also mußte nach eine andere, bislang unbekannte Energie die Grundlage der Bioelektrizität bilden.

Mit der Entdeckung der Orgasmusformel war aber der grundlegende Schritt zur Entdeckung dieser noch unerforschten Energie getan. Es zeigte sich, daß der Spannungs-Ladungsvorgang ebenfalls die Herzfunktion dirigiert. Ebenso folgen Darm, Harnblase und Lunge in ihrer Funktionsweise diesem Viertakt. Die Spannungs-Ladungsfunktion gilt für sämtliche Funktionen des autonomen Lebensapparates. Auch die Zellteilung unterliegt dieser Funktion. Die Teilung einer Zelle mit gespannter Oberfläche in zwei kleinere Zellen, bei denen der gleiche Volumeninhalt von einer weit größeren und daher weniger gespannten Oberflächenmembran umgeben ist, entspricht einer Spannungslösung.9 Ebenso folgen die Bewegungen von Würmern und Schlangen und Einzellern dem Rhythmus der Spannungs-Ladungsfunktion. „Ein Grundgesetz scheint also den Organismus als Ganzen ebenso wie seine autonomen Organe zu beherrschen. Die Gesamtorganismus zuckt im Orgasmus wie das Herz bei jedem Pulsschlag, Wir fassen mit unserer biologischen Grundformel den Kern des lebenden Funktionierens.“10 Die Orgasmusformel entpuppt sich somit als Lebensformel schlechthin. Der menschliche Organismus ist also am Höhepunkt der sexuellen Befriedigung im Grunde genommen nichts anderes als ein zuckender Plasmahaufen.

 

Fußnoten

  1. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons – Die Funktion des Orgasmus, a.a.O. S. 101
  2. Eine ausführliche Darstellung der Charakteranalyse findet sich in: Reich, W. Charakteranalyse, Frankfurt 1973, S. 23 – 252
  3. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons – Die Funktion des Orgasmus, a.a.O. S. 203
  4. Vgl. ebenda S. 189 – 193; u. Reich, W. Charakteranalyse, a.a.O., S, 213 – 253
  5. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons – Die Funktion des Orgasmus a.a.O. S. 206
  6. Vgl. ebenda S. 278 – 286
  7. ebenda S. 284
  8. ebenda S. 288
  9. Vgl. ebenda S. 204 – 214
  10. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons – Der Krebs, Frankfurt 1976, S. 29

Emotionen und Politische Diskussion (Teil 2)

7. August 2018

von David Holbrook, M.D.

Ich bin der Meinung, daß, wenn man seine politischen Ansichten auf der Wirklichkeit gründet, man nicht das Bedürfnis verspürt, zu agitieren oder feindselig zu werden, um sie durchzusetzen. Ich benutze das als eine Art Lackmustest, um zu entscheiden, was ich ernst nehmen bzw. weiter untersuchen und was ich ignorieren sollte. Eine ruhig geäußerte Meinung wird viel eher meine Aufmerksamkeit erregen als eine, die mit hysterischer Emotionalität oder Beleidigungen oder Moralisiererei gegenüber den Gegnern vertreten wird. Ich bin absolut für Emotionen und ihren Ausdruck, aber ich bin nicht für Geschrei, buchstäbliches oder metaphorisches, und generell mißtraue ich Emotionen im Bereich der Politik.

Ich mag die Meute nicht, den Mob. Die Art von Dingen, von denen die Meute schreit, basieren selten auf Vernunft oder Tatsachen. Die Meute gehört zu den Dingen, von denen man sich am besten fernhält. Ich nahm an politischen Demonstrationen teil, als ich ein Teenager war, an denen Hunderttausende von Menschen beteiligt waren. Ich kam schließlich zu dem Schluß, daß es sich im Grunde genommen im Wesentlichen um große Partys und im schlimmsten Fall um Unruhen handelte, und daß eine ernsthafte Person sich davon fernhalten sollte.

Im allgemeinen braucht man nicht über Fakten brüllen. Sie verbreiten sich allmählich von selbst, weil sie durch die Wahrheit angetrieben werden. Sie müssen nicht wirklich als Schlagstock benutzt werden, um Leute den Schädel einzuschlagen, das ist kontraproduktiv. Die Wahrheit wird sich schließlich durchsetzen, wenn die Bedingungen stimmen. Es gibt Gründe, warum sich die Wahrheit nicht immer wie ein Lauffeuer ausbreitet. Die Menschen werden auf die Wahrheit hören, wenn sie dazu bereit sind, und man wird die Menschen wahrscheinlich eher überzeugen, wenn man ruhig, großzügig und wohlwollend vorgeht. Das Medium ist die Nachricht. Edle Ziele rechtfertigen keine unwürdigen Mittel.

Was, wenn man die Fakten hat, aber niemand zuhört, könnte man fragen. Meine Antwort lautet, daß es bei Agitation viel weniger wahrscheinlich ist, daß Menschen ein Gehör für die Fakten haben, über die man mit ihnen ins Gespräch kommen will. Je ruhiger die Aussage ist, desto wahrscheinlicher werde ich annehmen, daß sie in der Realität begründet ist und möchte mich weiter damit beschäftigen. Die Tatsache, daß die Person, die die Aussage macht, nicht das Bedürfnis verspürt, etwas anzupreisen oder ihre Meinung jemanden aufzudrängen, beeindruckt mich und vermittelt mir den Eindruck, daß es wahrscheinlicher ist, daß das, worüber gesprochen wird, in der Realität begründet ist, so daß es mein Interesse weckt. Agitation oder Feindseligkeit hat den gegenteiligen Effekt. Je agitierter die Aussage ist, desto eher gehe ich davon aus, daß sie auf Voreingenommenheit beruht, nicht auf Fakten. Voreingenommenheit erfordert definitionsgemäß eine emotionale Investition. Die Aufmerksamkeit auf die Realität zu richten wird hingegen leichter durch einen ruhigen Geisteszustand sowohl im Individuum als auch zwischen den Individuen. Fakten stehen für sich selbst ein, man muß keine Schreierei über sie veranstalten und es ist weniger wahrscheinlich, daß sie Menschen aufgezwungen werden müssen, im Gegensatz zur Voreingenommenheit, die den Einsatz von Gewalt für ihre Durchsetzung erforderlich macht. Wenn man überzeugt ist, die Fakten auf seiner Seite zu haben, aber niemand auf dich zu hören scheint, dann sollte man sich fragen, was die Menschen daran hindert zuzuhören. Das wäre ein vernünftiger Ansatz. Allgemein gesagt, ist es so, daß, wenn man Leute bedrängt, sie sich dessen erwehren, statt zuzuhören. Bedrängen ist demnach generell kontraproduktiv. Wenn du versuchst, jemanden von etwas zu überzeugen, wird das Beleidigen definitiv nicht funktionieren! Wenn sich etwas Faktisches nicht angemessen ausbreitet, bedeutet das, daß es eine andere Tatsache gibt, die seine Verbreitung verhindert, und man sollte versuchen rational herauszufinden, was diese Tatsache ist. Cartoon-hafte Meinungen oder Fantasien über den Gegner lassen dich nur dumm aussehen.

Wann hast du zum letzten Mal gesehen, daß jemand gleichzeitig rational und agitiert war? Agitation ist ein Zeichen von Verwirrung. Menschen, die einen guten Zugang zu den Fakten haben, müssen gemeinhin nicht in Wallung geraten. Wenn sie auf ein Hindernis stoßen, werden sie sich zurückziehen, über die Situation nachdenken und versuchen, einen besseren Weg zu finden, um die Leute zu erreichen.

Dr. Holbrooks Facebook-Seite entnommen, aus dem Amerikanischen übersetzt und hier abgedruckt mit seiner freundlichen Genehmigung.