Posts Tagged ‘Aufklärung’

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 26)

27. Oktober 2022

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Man kann auf die grundsätzliche „Kern“-Rationalität des Menschentiers vertrauen, das keiner Ethik bedarf, die die angebliche Bestie in Zaum hält – eine Bestie, die durch die „Kultur“ erst erzeugt wird. In dieser Hinsicht kann eine LSR-Welt nichts „Neues“ unter der Sonne bringen, sondern nur das allerälteste freilegen. Andererseits ist natürlich klar, daß es nicht darum gehen kann, unser genetisches Material freizulegen (ich möchte jedenfalls nicht in einer Schimpansenwelt leben, obwohl die sinnenfrohen Bonobos…), sondern darum, im Reichschen Sinne noch „tierischer“ (also konkret „sexueller“, d.h. glücksfähiger) zu werden und in dieser Hinsicht ist die Entwicklungsmöglichkeit grenzenlos – aber erst in einer wirklich rationalen Gesellschaft und im Rahmen einer wirklich rationalen Wissenschaft, wie Reich sie vorschwebte.

Aber der Weg ist hoffungslos lang: erst das beseitigen, was die „Aufklärung“ angerichtet hat, dann das Über-Ich beseitigen, dann mit dem unvermeidlichen Chaos fertigwerden. Das konkrete Beispiel ist die antiautoritäre Gesellschaft, die aus den normalen Neurotikern lauter „Frühgestörte“ gemacht hat, d.h. aus den einstigen vor allem psychologisch gestörten lauter biophysisch gestörte Menschen, die nicht mehr normal lieben können, nicht mal wissen, ob sie Männlein oder Weiblein sind, nicht arbeiten können, man frage einen beliebigen Handwerksmeister nach der neusten Lehrlingsgeneration, und was Wissen betrifft, komplexe Sätze weder verstehend lesen noch selbst formulieren können.

Natürlich glaube ich nicht, daß wir jemals im Paradies leben werden, genausowenig wie ich glaube, daß selbst die allermatristischten Völker oder die Bonobos jemals im Paradies lebten. Aber verglichen mit dem gegenwärtigen Zustand…

Reichs Freund und dann haßerfüllter Gegenspieler, Otto Fenichel, hat etwas zum Thema zu sagen:

Ich möchte (etwas zu dem) Terminus „sekundäre Triebe“ sagen: Ein Grundbegriff der [Psychoanalyse] ist die „Wiederkehr des Verdrängten aus der Verdrängung“. Wenn ein Trieb auf eine Versagung stößt, so kehrt er in veränderter Gestalt wieder. – Wir kennen auch das Phänomen der „Dreischichtung“: Als Reaktion auf eine Triebabwehr stellt sich eine Wiedermobilisierung des ursprünglichen Triebes ein, der aber beim Durchgang durch die Abwehrschicht sein Gesicht und seinen Charakter verändert. – Wir wissen endlich auch aus täglicher Erfahrung, daß die Perversionen Erwachsener einer Abwehr der normalen genitalen Sexualität (Kastrationsangst) entsprechen und daß viele Charaktere des Sexuallebens („Lüsternheit“) zweifellos Folgen der vorangegangenen Sexualverdrängung sind. – Die Bezeichnung solcher durch eine Abwehrschicht hindurchgegangener Triebe als „sekundäre Triebe“ scheint mir aber eine doppelte Gefahr in sich zu bergen: erstens die, daß ältestes Erkenntnisgut der Freudschen Analyse durch eine neue Namensgebung wieder als eine Neuentdeckung ausgegeben werden kann. Zweitens und wichtiger aber: daß der primäre biologische Charakter der Triebe durch diese Namensgebung verwischt wird, (…) „nichts Biologisches“, sondern gesellschaftliches Kunstprodukt (…), und endlich dieser Terminus somit dazu benutzt wird, um wieder einmal „Der Mensch ist gut“-Romantik zu betreiben: alles, was im Triebleben eines Menschen unsozial oder überhaupt unerfreulich ist, kann als „sekundär“ ausgegeben werden, um der romantischen Idee willen, man müßte nur die Triebe der Menschen befreien, damit in deren „ökonomischer Regelung“ das Glück aller anbräche. (Rundbriefe, 1936, S. 337f).

Ich habe das zitiert, weil das noch am ehesten dem nahe kommt, was Laska fordert: daß Reichs Gegner ihre Gründe nennen: sie wollen unter allen Umständen die Triebe weiterhin sozial kontrollieren. Und das Beispiel erklärt auch, warum jeweils LaMettrie und Stirner und Reich nie eine „Antwort“ von jeweils Diderot und Marx und Freud erhalten haben: die letzteren hätten sich, wie hier Fenichel, unsterblich lächerlich gemacht und als Reaktionäre entlarvt.

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 13. Der Christusmord nach Johannes / Die Weltgeschichte

19. Oktober 2022

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DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 13. Der Christusmord nach Johannes / Die Weltgeschichte

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: 10. Der Christusmord nach Lukas / Katholische Spiritualität

2. September 2022

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 10. Der Christusmord nach Lukas / Katholische Spiritualität

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 11)

27. Juli 2022

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Auf der einen Seite haben das humanistische Gesülze, gegen das man sich nicht wehren kann, wenn man nicht als „Faschist“ dastehen will, und auf der anderen Seite betritt urplötzlich ein sadistisches Über-Ich die Bühne, das jede konservative Repression in den Schatten stellt. Nicht ohne Grund ist der Foucaultsche Sadomasochismus so populär. Oder ich denke an die ultra„human“istischen „Veganer“, die in ihrer Menschenverachtung selbst die Nazis in den Schatten stellen. Muß ich lange ausführen, daß „Grüne“ Massenmörder sind, die systematisch darauf hinsteuern Milliarden Menschen schlichtweg verhungern zu lassen? Ganz zu schweigen von den Deutschlandhassern, die den „Volkstod“ feiern:

Kaum weniger psychopathologisch sind die Kastrations- und Mordphantasien mancher FeministInnen. Oder: die skandalöse Freigabe der Pornographie durch die „Sozial-Liberalen“ Mitte der 1970er Jahre: im Namen der „Befreiung“ wird das Lebendige vom sadistischen Über-Ich gefickt („Du geile Sau!“). Oder jetzt die ach so menschenfreundliche Freigabe von Cannabis, was eine Generation lobotomierter Zombies hinterlassen wird.

Es ist nicht nur so, daß unsere Aufklärer in einer Entente cordiale mit den Pfaffen die Aufklärung in die Degeneration zwingen, wichtiger, wenn nicht der Knackpunkt, den Laskas LSR-Projekt nicht erfaßt hat, ist die teuflische Dynamik von sich auflösender Panzerung („Aufklärung“, „Emanzipation“) und Orgasmusangst („sadistisches Über-Ich“).

Dieser Mechanismus ist nicht neu, also nicht spezifisch für die europäische „Emanzipationsbewegung“, sondern kennzeichnend für die gesamte Entwicklung „Saharasias“, das über die matristischen Völker genauso hergefallen ist, wie Reich es in Der triebhafte Charakter im Verhältnis zwischen Kindern und „asozialen“ Eltern zeigt. Oder man lese die Bibel oder den Koran: diese Mischung aus triebhafter Geilheit und einem sadistischen Über-Ich. Oder nehmen wir das poststalinistische Rußland:

Der gesamte natioalbolschewistische, antisemitische und „reaktionär-konservativ-revolutionäre“ Diskurs in Rußland ist auf eine verquere Art und Weise sexualökonomisch. Eine wilde Mischung aus russischen sexistischen Machosprüchen; Aussagen, die selbst für Streichers Stürmer untragbar gewesen wären („ich träume ständig davon, Jüdinnen zu vergewaltigen und dann abzuknallen“); verblüffende geradezu charakteranalytische Einsichten in die eigene Pathologie; und Aussagen, die wie schlechte Karikaturen der Reichschen Orgasmustheorie wirken (Koenen/Hielscher: Die schwarze Front, Reinbek 1991). Kurz: es ist wie in Reichs Beschreibung seiner schizophrenen Patientin: alles, was normalerweise abgepanzert ist, kommt wild und unkontrolliert nach oben. Rußland war schon immer so, siehe nur Rasputin oder Pasternaks Doktor Schiwago. Es ist ja auch interessant, daß Reich praktisch in Rußland (der West-Ukraine) aufgewachsen ist.

Warum gerade Rußland. Nun, in Japan ist es ganz ähnlich, diese „unvermischte Mischung“ aus matristischer Sexualökonomie und saharasischer Sexualparanoia. Hängt wohl damit zusammen, daß beide Länder direkt an Saharasia angrenzen, aber wegen dem Klima, bzw. der Insellage lange unberührt blieben, um dann verhältnismäßig spät von Saharasia unterworfen zu werden: Ergebnis war eine chaotische Abpanzerung und ein „triebhafter Charakter“. In Europa und China hingegen haben wir den triebgehemmten Charakter vor uns.

Ich bringe diese doch recht brüchige „Empirie“ nicht etwa als Beleg für meine Argumentation, sondern einzig und allein um meine Argumentation deutlicher, farbiger, dreidimensionaler zu machen. Meine vorherigen Beispiele waren das katholische Italien vs. das protestantische Skandinavien und Süd- vs. Nordindien.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 10)

20. Juli 2022

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Stirner will sich von der „Negerhaftigkeit“ (dem Verhaftetsein an Heiligen Dingen) und der darauffolgenden „Mongolenhaftigkeit“ (dem Verhaftetsein an Heiligen Gedanken) befreien. Er hat nach eigener Aussage als Vorfahren jenen, „der mittels des Geistes die Natur als das Nichtige, Endliche, Vergängliche darstellte“ und er, Stirner will nun weitergehen und „auch den Geist zu gleicher Nichtigkeit herabsetzen“ (vgl. Der Einzige und sein Eigentum, Reclam, S. 71-77).

Ausgerechnet jene „rationalen“ Gesellschaften, auf die sich Reich und später James DeMeo berufen haben (Murias und Nagas in Indien, die Trobriander, einige Indianerstämme, die Eskimos und sehr wenige Stämme in Afrika) – ausgerechnet diese „matristischen“ Völker haben ausgesprochen nicht-rationale und größtenteils sogar ausgesprochen schwachsinnige Tabus (Marke: Berühre niemals mit dem linken Knöchel des rechten Fußes einen fruchttragenden Baum!), die absolut heilig sind, weit heiliger als etwa die katholischen Tabus.

Was ich sagen will: es kann nicht abstrakt philosophisch um „Aufklärung“ und „Irrationalismus“ gehen, sondern in unserem Zusammenhang nur um den Gegensatz eines lustfeindlichen vs. eines prinzipiell lustbejahenden Über-Ich. Zum Beispiel ist das Verbot, Freitags Fleisch zu essen, weder rational noch gerade lustbejahend – aber prinzipiell beschränkt es die Lustfähigkeit in keinster Weise – und nur darum kann es gehen.

Und noch was zum Über-Ich. Neulich hat mich ein Leserbrief über Rechtskultur und Mentalität sehr nachdenklich gemacht, weil er etwas in Worte brachte, was mich schon seit langem beschäftigt: „Einem Deutschen genügt meist ein deutlicher Hinweis auf eine Vorschrift, um ihn zum Einlenken zu bewegen. Ein arabischer oder muslimisch-türkischer Ausländer – besonders wenn er noch jung ist – beurteilt oft erst nach der Schulterbreite seines Kontrahenten, ob der berechtigt ist, ihm Anweisungen zu geben.“ Unsere Gesellschaft funktioniert, weil unser Über-Ich so stark ist, während insbesondere Mohammedaner in einer Gesellschaft leben, wo die gesellschaftliche Gewalt weniger „harmonisch“ inkorporiert worden ist, da der äußere Zwang unvorhersehbar und brutal ist. Und etwa Weiblein und Männlein von vornherein gar nicht in Versuchung kommen. Das, also die zeitweise Schwäche des Über-Ichs, erzeugt noch gestörtere Menschen, als man sie in Mitteleuropa findet. Tatsächlich faszinieren die Menschen aus dem moslemischen Kulturraum so manchen unbedarften „Reichianer“ sogar als verhältnismäßig „ungepanzert“. Tatsächlich haben sie jedoch einen weitgehend triebhaften Charakter mit einem isolierten Über-Ich, das schließlich weitaus heftiger, nämlich „triebhaft“ zuschlagen kann.

Ich muß beispielsweise an den Unterschied zwischen dem katholischen Süden Europas denken, etwa das „anarchistische“ Italien – oder die humoristischen Erzählungen eines griechischen Freundes über den Alltag in seinem Heimatland: legal, illegal, scheißegal. Und im Gegensatz dazu an das von Lutheranischen Schuldgefühlen zerfressene Skandinavien. Ähnliches läßt sich über den Gegensatz von Nord- („saharasische Anarchie“) und Süd-Indien („matristisches Law-and-Order“) sagen. Den Unterschied kann man sogar hören: da die irgendwie nach „Hasch-Pfeife“ klingende Hindustani-Musik des Nordens, dort die strenge hoch-stilisierte karnatische Musik des drawidischen Südens.

Es kommt ein weiteres „Ausgerechnet“ hinzu: Das Über-Ich steht für unsere Identifizierung mit den Eltern, unseren Kontakt mit unserem eigenen Wesenskern. Wenn wir gegen dieses Über-Ich rebellieren, trennen wir uns von unserem Kern. Genau das ist in der Aufklärung passiert, als man sich auf naive Weise von „Gott“ abwandte, so als wäre das, worum sich vorher alles gedreht hatte, ein bloßes Nichts. Aber „Gott“ stand für etwas und dieses „Etwas“ hat Reich herausgearbeitet, etwa in Äther, Gott und Teufel. Den rationalen Kern im irrationalen Wahnwitz.

In Der triebhafte Charakter unterscheidet Reich zwischen der reaktiven Über-Ich-Bildung und der „sublimierenden Wandlung des väterlichen Ideals“: „Es ist (…) nicht gleichgültig, ob ein Revolutionär auf sozialem Gebiet lediglich aus Reaktion gegen den Vater ‚revolutioniert‘ oder aus Anlehnung an eine revolutionäre Vaterimago, ohne Rücksicht auf die väterliche Einstellung“ (Frühe Schriften, S. 269). Es geht darum, ob man neurotisch rebelliert und alle Verbindungen „zum emotionalen Bereich der Väter und Mütter“ kappt (die dann wie alles Verdrängte an anderer Stelle um so stärker auftauchen, wie Stirner gezeigt hat: die „Humanität“ als Gott der vermeintlichen Atheisten) oder sich rational damit auseinandersetzt und es z.B. besser machen will als der Vater.

Stirner war der einzige Aufklärer, der sogar den allerletzten Ersatzkontakt des Linken, dessen kollektivistischen „Menschheits-Glauben“ zertrümmert hat. Das erklärt auch, warum der ultimative „Über-Ich-Vernichter“ derartig (von rechts und links gleichermaßen) dämonisiert wird, daß nicht mal sein Name ausgesprochen werden darf, um „nicht den Teufel an die Wand zu malen“! Indem Stirner das Über-Ich angreift, greift er nicht nur „Flausen im Kopf“ an, sondern direkt den innersten Wesenskern der Individuen. Es geht um mehr als nur um Leben oder Tod: es geht um alles, d.h. um das, wofür Menschen sogar freudig ihr Leben hingeben. Es geht um „Gott“, in dem Sinne, wie Reich von „Gott“ sprach. Es geht um die kosmische Orgonenergie…

Ich habe ein Problem mit dem Begriff „rationale“ Gesellschaft und all das „Rationale“, das beispielsweise Bernd Laska in seinem LSR-Projekt anklingen ließ. Da klang er fast wie Habermas. Sozusagen: „Reden wir drüber, an was wir glauben wollen. Keine präkognitiven irrationalen Tabus, sondern rationale Einschränkungen, nachdem wir unsere Probleme rational durchdiskutiert haben.“ Der Mensch war nie so und er wird nie so sein.

Wir können natürlich versuchen den „animistischen Sumpf“ auszutrocknen („Aufklärung“). Problem ist nur, daß wir dabei wahrscheinlich uns selbst zerstören oder es zu einer Gegenreaktion des Obskurantismus kommt, die auch noch den letzten Rest von Rationalität hinwegfegt. Es ist wie bei den „Reichianischen“ Körpertherapeuten, die die Panzerung beseitigen (als wenn das eine große Kunst wäre), sich dann aber wundern, wenn der dergestalt aufgerissene Körper nur um so heftiger kontrahiert und z.B. irreparabel psychotisch wird.

Alles was ist, auch das Irrationalste, ist durch seine bloße Existenz zunächst einmal gerechtfertigt. Hier geht es beispielsweise darum, ob man fremdbestimmt ist; durch das Über-Ich bestimmt. „Fremdbestimmt“ in dem Sinne, daß dieses Fremde (etwa die Sexualfeindlichkeit der Eltern) Teil der eigenen Psyche wird. Imgrunde eine Psychose im Kleinen (bzw. im Großen). Doch genauso wie es in der menschlichen Triebstruktur nur Dinge geben kann, die eine Entartung primärer Anlagen ist, egal wie sekundär die Triebe auch immer sein mögen, ist auch das „schlechte Gewissen“ trotz allem immer noch eine innere Stimme, sozusagen eine grotesk-tragische Imitation von Autonomie. Naturwissenschaft und Technik und Emanzipation im Sinne Stirners konnten sich eben wegen der erwähnten „grotesk-tragischen Imitation von Autonomie“ durch all das Irrationale zur gesellschaftlichen Realität hindurchquälen. Das fehlt in anderen Kulturen, wo die Gewalt eine äußere bleibt und die Menschen in der Position verschreckter Kinder gehalten werden.

nachrichtenbrief188

17. Januar 2021

Die ungepanzerte Welt fängt vor deiner Haustür an:

nachrichtenbrief180

22. November 2020

WR gleich Weltrevolution (Teil 2)

22. Februar 2020

Reich hatte vier umfassende Pläne, um die widernatürliche Richtung zu ändern, die die Menschheit eingeschlagen hat.

Am Anfang stand sein sozialpolitischer Forderungskatalog (Recht auf Abtreibung, Verhütung, Behausung, etc.), der darauf hinauslief, das Liebesleben von wirtschaftlichen Zwängen zu lösen (Jugendelend, Ehemisere, soziale Isolation), der ihn sogar in die Ränge der KPÖ und KPD brachte.

Reich hoffte, daß die Menschen weicher werden (weniger gepanzert), wenn sie ihre genitalen Strebungen freier von materiellen und emotionalen Hemmnissen ausleben könnten. Mit der Entdeckung der Orgonenergie wurde das ergänzt: beim Verstehen und Meistern der kosmischen Lebensenergie werden die Menschen gezwungen sein, funktionelles, lebendiges Denken zu erlernen.

Diese beiden Ansätze wurden ergänzt durch zwei weitere: die Heranzucht der „Kinder der Zukunft“, die durch eine mit jeder Generation freiere prä-, peri- und postnatale Entfaltung und Selbstregulation immer ungepanzerter werden. Dies ergänzt bzw- erst ermöglicht durch die „Sozialpsychiatrie“, d.h. die aktive Bekämpfung der Emotionellen Pest. Elsworth F. Baker, Paul Mathews und Charles Konia haben zu diesem charakteranalytischen Ansatz bedeutsame Beiträge geleistet, die letztendlich auf eine Neue Aufklärung hinauslaufen – über die Emotionelle Pest im allgemeinen und die soziopolitische Charakterologie im besonderen.

Ein weiterer Aspekt der „Weltrevolution“ ist das kosmische Orgon-Ingenieurswesen (CORE), bei dem es darum geht, die atmosphärischen Verhältnisse so zu verbessern, daß die Menschen buchstäblich freier atmen können. Auf denkbare pestilente Weise wurde dieses Feld von den „Chembustern“, „Orgonisierern“ und „Orgonite-Giftern“ okkupiert und in sein Gegenteil verkehrt.

All das läßt sich auf den Grundsatz Secundum Naturam reduzieren: gib der Natur, „den Trieben“, eine Chance gegenüber den ökonomisch-gesellschaftlichen Zwängen; denke und handle naturgemäß, insbesondere was die Kinder betrifft. Die Gesellschaft muß sich der Natur anpassen, den Kindern, und nicht umgekehrt, oder wie A.S. Neill („Summerhill“) es ausdrückte:

Das Peinliche ist nur, daß das Wesen der Zivilisation sich wandelt, während die Natur des Kindes die gleiche bleibt. Was uns bei der Gründung unserer Schule leitete, war der Vorsatz, eben diese Natur des Kindes zu erforschen. (Selbstverwaltung in der Schule, Zürich: Pan-Verlag, 1950, S. 28)

WR gleich Weltrevolution (Teil 1)

20. Februar 2020

Man überliest leicht, wie tief und wie weltumstürzend das war, was Reich geschrieben hat. Nehmen wir etwa folgende Aussage, die unserer gesamten bürgerlichen Gesellschaft den Boden unter den Füßen wegzieht:

Wenn homo normalis wirklich so normal ist. wie er behauptet; wenn er wirklich meint, daß Selbstverwirklichung und Wahrhaftigkeit die höchsten Werte individuellen und sozialen Lebens sind, dann sollte er doch (…) fähig und willens sein (…), sich vor sich selbst und vor seinem Therapeuten zu öffnen. Irgendetwas in der Struktur des homo normalis muß grundsätzlich nicht stimmen, wenn man die Wahrheit so schwer aus ihm herausbekommt. Würde man wie die angepaßten Psychoanalytiker erklären, daß das ganz in Ordnung sei, weil es ihm sonst unmöglich wäre, dem Ansturm all seiner Emotionen standzuhalten, so wäre dies gleichbedeutend mit völliger Resignation in Hinsicht auf die Verbesserung des menschlichen Schicksals. Man kann nicht die Verbesserung der Lebensbedingungen auf ein tieferes Wissen von der Seele des Menschen gründen und zugleich dessen Weigerung verteidigen, sich zu öffnen. Entweder – oder! Entweder wir vergrößern weiterhin unser Wissen vom Menschen und müssen dann auch die grundsätzlich ausweichende Haltung des homo normalis ablehnen, oder wir verteidigen diese Haltung und müssen den Anspruch aufgeben, die Seele des Menschen verstehen zu wollen. Es gibt keine andere Alternative. (Charakteranalyse, KiWi, S. 523)

All das Gerede über „Demokratie“ und „Aufklärung“ sind Makulatur, da wir nicht nur in der Lüge leben, sondern selbst eine Lüge sind; wir haben nicht nur Abwehrmechanismen, wir sind Abwehrmechanismen, d.h. bestehen nur aus Widerstand, unser Charakter selbst ist der Widerstand. Man spricht gemeinhin von „Charaktermaske“: uns selbst und anderen spielen wir nur etwas vor, schwatzen aber von Selbstverwirklichung und Wahrhaftigkeit, Demokratie und Freiheit! In jeder Orgontherapie-Sitzung bricht dieses ganze Lügengebäude zusammen, das alle, d.h. sowohl die Vertreter dieser Gesellschaft als auch ihre Kritiker, aufrechterhalten. Sollte die „Revolution“ erfolgreich sein, wird nur das Bühnenbild umgebaut, aber das Schauspiel, die Tragikomödie, die die Schauspieler (Charaktermasken-Träger) mit großem Pomp und Getue aufführen, wird fortgeführt.

Das bedeutet ganz und gar nicht, daß man in Resignation verfallen sollte, was eine gesellschaftliche Veränderung betrifft, wie es die „angepaßten Psychoanalytiker“ getan haben, von wegen „Todestrieb“ und sich in die allgegenwärtige Misere stoisch einpassen. Der Weg zu einer wahren Demokratie, der Arbeitsdemokratie, und zu einer wirklichen Aufklärung, d.h. Einsicht in die Funktionszusammenhänge („Orgonometrie“), kann nur freigemacht werden, wenn die „grundsätzlich ausweichende Haltung des homo normalis“ angegangen wird, das universelle Ausweichen vor dem Wesentlichen, der Zement der gepanzerten Gesellschaft.

nachrichtenbrief139

8. November 2019