Posts Tagged ‘Nietzsche’

James Reichs WILHELM REICH VERSUS THE FLYING SAUCERS (Teil 2)

30. September 2024

Des Autors Beschreibung des ORANUR-Experiments ist die mit Abstand beste, die ich je gelesen habe. Daß Reich schon vorher auf den ORANUR-Effekt gestoßen war, als er feststellte, daß das Radium in den Leuchtziffern seiner Armbanduhr dank der starke Orgon-Strahlung, der sie über Jahre ausgesetzt war, über 10mal stärker strahlte als eine fabrikneue Uhr (S. 52), hatte ich bisher immer überlesen oder ich habe es vergessen. Leider (oder zum Glück?) ignorierte Reich diesen Warnhinweis.

Einschränkend muß ich sagen, daß der Autor das ganze aus Freudianischer Sicht sieht, d.h. Reichs Verhalten im Sinne von „Fehlverhalten“ (etwa das erwähnte Ignorieren der Armbanduhr) und sogar der „Allmacht des Gedankens“. Es war dieses Restgefühl der eigenen Allmacht, das ORANUR in Reich störte, und seine Malerei stellte, so der Autor, sozusagen eine Wiederherstellung dieses Machtgefühls dar (S. 58). Im Anschluß schafft es der Autor wieder C.G. Jungs „Mandalas“ einzubringen und mit den „Fliegenden Untertassen“ zu verknüpfen, da Reich als Ergebnis des ORANUR-Experiments zu malen angefangen hat…

Ganz generell habe ich zwei Probleme mit diesem dichten und interessanten, gut und fast fehlerfrei geschriebenen Buch:

1. die Mythologisierung bzw. „Archetypisierung“ Reichs, ähnlich wie Nietzsche mythologisiert und dergestalt jeder ernsthaften Auseinandersetzung mit ihm beraubt wurde;

2. Reich wird eingemeindet in den westlichen Kulturkanon neben Freud, Jung und andere.

Eine Dämonisierung („sexbesessen“) und Verächtlichmachung („geisteskrank“) entsprach weit mehr Reichs wirklicher Bedeutung, denn in Bezug auf diese Zivilisation war er tatsächlich „der Widersacher“ und der „Ver-Rückte“. Die ständigen Verweise auf Freud, Jung, Ferenczi und andere, vor allem aber auf Literatur und Kinematographie, zeigen, wo die Reich-Rezeption mit diesem Buch angekommen ist: während Freud die Psychoanalyse in der Psychologie und „der Kultur“ verankern wollte, war es bei Reich ganz im Gegenteil in der Medizin und „im Labor“. Dieses Fortschritts wird Reich auf geradezu subversive Weise beraubt!

Alles endet im üblichen folgenlosen psychologistischen Kultur-Blablabla, dem Reich ausdrücklich ein Ende setzen wollte. Beispielsweise stellte, wie Bernd A. Laska dargelegt hat, Ferenczi1908 auf dem ersten psychoanalytischen Kongreß fest, daß die Introjektion von „unappellierbaren Prinzipien“, also der Identifikation mit den strafenden Eltern, zu einer inneren irrationalen Verhaltenssteuerung führe, d.h. zu dem, was Freud später als „Über-Ich“ bezeichnen sollte. Es ist typisch für Vertreter der „Kultur“, wie unser Autor einer ist, stattdessen mit dem Jahr 1909 anzufangen, als Ferenczi, auf Druck Freuds hin, solche revolutionären Gedanken bereits verdrängt hatte und sich allgemein über „Introjektion und Übertragung“ ergeht, insbesondere geht es um die „Übertragungszwang“ mit seinem Hunger nach Objekten und der Identifikation mit ihnen. Daraus macht der Autor dieses Buches auf S. 90-94 ein Psychoanalysieren über Reichs Identifikation mit der cineastischen UFO-Folklore der 1950er Jahre. „Die Fähigkeit zur Introjektion war bei Reich gut ausgeprägt, wie wir sehen werden“ (S. 92). Typisches Anti-LSR – der ultimative Verrat an Reich!

Wie naiv und abgestumpft muß man sein, wenn man ausführt: „Ein anderer Analytiker [d.h. C.G. Jung], der zum UFO-Forscher wurde, hätte es so erklärt: ‚Das Wort „Projektion“ paßt eigentlich schlecht, denn es ist nichts aus der Seele hinausgeworfen worden, sondern vielmehr ist die Psyche durch eine Reihe von Introjektionsakten zu der Komplexität geworden, als die wir sie heute kennen‘“ (S. 99). Das beschreibt den Panzerungsprozeß – der von dem unseligen Jung als „Heilung“ hingestellt wird!

Und was „fehlerfrei“ betrifft: auf S. 86 reiht sich Unsinn an Unsinn, die dritte orgonomische Konferenz, die im August 1955 stattfand und auf der Reich seine letzte Ehefrau Aurora Karrer kennenlernte, handelte natürlich nicht vom Cloudbuster und der Space Gun, wie der Autor im Rausch seiner Assoziationskette behauptet, sondern es ging um den Medical DOR Buster. Und Reich nannte sich in Washington, D.C. nicht „Walter Roner“, weil das angeblich wie das rückwärts gelesene „ORANUR“ klingt und der Vorname „jemand, der Macht ausübt“ bedeutet (sic!), sondern weil er dieses Pseudonym bereits zu seiner Sexpol-Zeit benutzt hatte. – Das sind zwei Beispiele dafür, wie der, wenn man so will, „mythologisierende Blick“ des Autors seine Kontaktfähigkeit untergräbt, als hätten wir es bei diesem mit einem Wiedergänger C.G. Jungs zu tun.

Das ganze ist ein schönes Beispiel für das, was Karl Kraus, mit dem Spruch brandmarkte, daß die Psychoanalyse die Geisteskrankheit sei, für deren Therapie sie sich hält: das Ausweichen vor dem Wesentlichen, dem Reich mit der Orgasmustheorie, der Charakteranalyse, der Massenpsychologie, der politischen Psychologie und nicht zuletzt seiner sexualökonomischen Lebensforschung einen Riegel vorschieben wollte. Sein Namensvetter James Reich schiebt den Riegel wieder zurück.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 150)

24. August 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Mit Reich war ich immer der Meinung, daß „die Menschen“ „wissen“ – die Menschen kennen die Wahrheit. Reich hat das in seiner Sexpol-Zeit in den Biersälen Wiens und Berlins bei seinen Massenkundgebungen hautnah miterlebt. Jeder Orgontherapeut sieht das tagtäglich in seiner Praxis: wenn die Menschen den Mund aufmachen (will sagen WIRKLICH aufmachen, d.h. die Panzerung/das Über-Ich fahrenlassen), dann kommt genau das heraus, was man ihnen predigen will, aber gar nicht predigen muß, weil es JEDER weiß. Das kann auch gar nicht anders sein, denn „zwischen den Gedanken“ quillt doch immer das authentische Leben hervor.

Was dieses „natürliche Wissen“ betrifft, könnte man das durchaus als „Ge-Wissen“ bezeichnen: das natürliche, d.h. spontane Empfinden für gut und schlecht, für Recht und Unrecht. Kinder können Gerechtigkeitsfanatiker sein. Ist es das, was Laska als „rationales Über-Ich“ bezeichnet hat? Oder meinte er rationale Regelungen, denen man sich freiwillig unterwirft, weil sie „neutral“ sind, wie etwa die Straßenverkehrsordnung?

Das läßt auch an den Stirnerschen Unterschied zwischen Freiheit und Eigenheit denken (die Straßenverkehrsordnung schränkt meine Eigenheit nicht wirklich ein – ganz im Gegenteil). Mir geht es nur um definitorische Hygiene: Über-Ich ist DAS Problem, DAS Irrationale – und dann: „rationales Über-Ich“. Die Problematik erinnert an Reichs „Panzerung“, denn wir investieren unser größtes Talent, unsere größte Stärke, unser ganzes Genie in diesen zentralen Abwehrmechanismus. Hier spielt Nietzsches „Übermensch“ hinein. Ich weiß, Nietzsche kannte den Begriff „Über-Ich“ nicht, aber trotzdem: der Über-Mensch ist jemand, der diese „größte Stärke“ in sich integriert, wobei aber, so Nietzsche, auf dem Weg dahin die meisten Zugrunde gehen und nur eine kleine Elite erfolgreich ist… Implizit wollte Nietzsche dergestalt Stirner überwinden. Hier paßt auch Marx hinein: der „vergesellschaftete Mensch“ (d.h. der ver-Über-Ich-te Mensch) wird schließlich zum vermeintlich wirklich autonomen Menschen. Man denke an Trotzki mit seinen Phantasien von einem sozialistischen Übermenschen, wobei der Bolschewismus tatsächlich eine merkwürdige Mischung von Marxismus und Nietzscheanismus war.

„Rousseau, Marx, Nietzsche“ kann im Grunde auf Rousseau reduziert werden und damit auf die merkwürdige Spannung zwischen Naturkult (natürliches Empfinden) und Gesellschaftsvertrag („rationales Über-Ich“?). Das findet sich etwa bei Marx, dessen doch so „objektive“ Politökonomie einen morali(stisch)en, eben „politischen“ Kern hat, was sich auch an der Absurdität zeigt, daß es überhaupt Kommunisten gibt. Warum, wenn doch alles naturgesetzlich abläuft? (Kommunisten, die kein anderes Thema haben als „Bewußtsein“ und Ideologie. Die letzten Idealisten!) Desgleichen Nietzsche, dessen Wille zur Macht nicht zur ewigen Wiederkunft passen will. Welche Rolle sollte ein „Wille“ in einem Uhrwerk spielen? Vielleicht ist das Unsinn, zumal ich das ganze nicht mal ansatzweise geschlossen ausformulieren könnte, aber ist die merkwürdig erratisch auftretende Theorie vom „rationalen Über-Ich“ nicht in diese Reihe zu stellen? Es ist ein Element, ein Element der Willkür, das nicht zum „liquidare super-ego RADICALMENTE“ passen will.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 149)

23. August 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Was Laska Marx und Nietzsche vorgehalten hat, dreht sich in keinster Weise um Plagiatsvorwürfe, Prioritäten etc., sondern einzig um ihre Verweigerung einer (öffentlichen) Auseinandersetzung mit Stirner. Mich erinnert das etwas an die mecho-mystische Physik: angefangen mit der Rotverschiebung bis hin zu irgendwelchen Problemen der Elementarteilchenphysik: anstatt sich mit dem Sachverhalt „an sich“ auseinanderzusetzen, wird gleich der ganze Kosmos, der „Urknall“, „String-Theorie“ etc. involviert, um ein Teilproblem zu lösen. Entsprechend entwickelten Marx und Nietzsche umfassende Welttheorien, nur um mit dem Stachel Stirner fertigzuwerden. Hier gehört auch Nietzsches Rede vom „Nihilismus“ (bei Marx ist es Hegelisierend die „Entfremdung“) hin: die Menschen würden (wenn man Nietzsche sozusagen „rückübersetzt“) lieber ihre Gesellschaft in den humanen Grundfesten sprengen, den ganzen Planeten in die Luft jagen, statt sich mit LSR auseinanderzusetzen. Hat schon mal jemand Nietzsches „Nihilismus“-Meme mit dessen Angst vor Stirner verbunden? Laska meinte, Nietzsche wäre in den Wahnsinn, ins Nichts, geflohen, genau zu dem Zeitpunkt als eine Stirner-Renaissance drohte. Die Menschen sterben lieber, als der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. So als stünde LSR für das absolute Grauen, schlimmer als der Tod. Es ist das Grauen der Vampire und Gespenster vor dem Sonnenlicht – der Authentizität zwischen den Gedanken, von der ich oben sprach. Wenn der Lebenssaft in verdorrte Glieder fließt, ist das der Supergau, da alles Morsche und Versteinerte, das nicht mehr lebendig pulsieren und nachgeben kann, zersprengt wird.

Laska war an Reich geschult: entweder gibt es eine „sexualökonomische“ Selbstregulierung oder eine sexualfeindliche moralische Regulierung. Entsprechend kann man zweierlei zeigen: erstens, daß die moralische Regulierung durch und durch widersprüchlich ist und letztendlich immer das hervorruft, was sie bekämpfen will; zweitens, kann man die beiden Ansätze nicht vermischen, weil dabei nicht halb, sondern doppelt so viel Leiden herauskommt. Diese quasi manichäische Radikalität ist nur eins: konsequentes Denken. Und das ist wahrscheinlich das größte Tabu. Niemand wagt etwas konsequent zu Ende zu denken, sondern biegt immer vorher ab.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 148)

7. August 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Kunst: entweder fließt es aus einem raus („automatisches Schreiben“) oder es ist „gewollt“ und damit gekünstelt und deshalb wertlos. Das ist auch das große Mißverständnis in der Stirner-Rezeption: es geht nicht um das „Ich“ (d.h. ein Gedanke, ein bloßes Gespenst), sondern um das, was sozusagen zwischen den Gedanken ist und einzig produktiv und „wertschöpfend“ ist – und deshalb fremd in der gewohnten gekünstelten Welt. Das beste Beispiel ist das dichterische und graphische Erbe von William Blake, einer der ganz wenigen wirklich genitalen Charaktere. Ein „Außerirdischer“ wie Reich – fremd in der gepanzerten Welt.

Bei LaMettrie finden sich zwei zentrale Begriffe: „tugendhafte Lust“ und „die Lehre von den Schuldgefühlen“. Bei Reich entspricht das formal dem Unterschied zwischen „Orgasmustheorie“ und „Charakteranalyse“ (Auflösung der Panzerung = des Über-Ichs). Wobei Laska seine Arbeitsweise mit dem Ursprung und Kern der Charakteranalyse identifiziert: der Widerstandsanalyse. Charakteranalyse ist nicht bloße „Dekonstruktion“ ins voraussetzungslose Leere hinein, wie es manche woke „Reichianer“ gerne hätten, sondern ist geleitet vom ICHIDEAL der genitalen liebevollen Heterosexualität. Genauso wie ein Orthopäde sich am natürlichen menschlichen Gang orientiert und nicht am krabbeln eines seitwärts gehenden Krebstieres. Wieder: gepanzert (gewollt) oder nichtgepanzert (spontan).

Ich wundere mich selbst, wie früh und organisch ich nach Reich gekommen bin – bevor ich überhaupt von ihm gehört habe. Das ist wichtig und hat auch Laska offenbar bewegt. Man denke nur an seine Beschäftigung mit „Nietzsche absconditus“ (Hermann Josef Schmidt). Nietzsche ist der einzige Philosoph, dessen Denken man bis auf die Kindergartenzeit zurückverfolgen kann. Sagen wir mal so: wenn LSR stimmt, muß es organisch und automatisch aus der kindlichen Seele erwachsen.

Man stelle sich die Frage, ob man überhaupt irgendjemanden vom geheimnisvollen „LSR-Kern“ intellektuell bzw. „philosophisch“ überzeugen kann, oder nur einige „Auserwählte“ sozusagen abholen kann. Dabei geht es natürlich nicht darum, ob jemand „gesünder“, „ungepanzerter“, „wacher“, gar „intelligenter“ ist, sondern um einen gewissen Außenseiterstatus, in dem Sinne, daß derjenige instinktiv spürt, daß mit der Gesellschaft und der „Geistesgeschichte“ etwas FUNDAMENTAL nicht stimmt. Wer seit Kindheitstagen „eingemeindet“ ist, wird es nie verstehen. Nicht mal rein intellektuell, einfach weil die gefühlsmäßige Abwehr zu stark ist. Reich hat das, seinen Sonderstatus als quintessentieller Außenseiter, spätestens bei den Psychoanalytikern gespürt („Also irgendwas stimmt hier nicht…“), Stirner sicherlich am Anfang des Studiums und LaMettrie als junger Arzt. Rousseau, Marx und Freud waren zwar oberflächlich jeweils auch „Revolutionäre“, aber ihre Gesellschaftskritik war explizit doch immer gegen den Einzelnen und gegen „Utopisten“ gerichtet – gegen jeden, der aus dem ehernen Geschichts- bzw. „Vernunftprozeß“ auszubrechen wagte.

Ich habe soeben in meinem Archiv den Maler Hans Tombrock entdeckt und daß Reich von ihm Bilder für seine Sammlung gekauft hat. Reich hat sich sehr mit solchen randständigen Landstreicher-Existenzen identifiziert. Die Zwanziger Jahre sind voll davon. Warum hat mich als Schüler Klabund so fasziniert? Hier gehört auch die Brecht/Stirner-Sache hin (Lenz Prütting). Hier ist etwas im Grenzgebiet von Ästhetik, Philosophie, Literaturgeschichte, Kunstgeschichte, Gesellschafsgeschichte, „Mythologisierung der eigenen Biographie“: ein schwammiger Bereich, für den mir die Begrifflichkeit fehlt. Worüber rede ich hier eigentlich? Es geht hier um das gesamte Universum des „Schöngeistigen“, dessen wahrer Kern, wahrer Inhalt, wahrer Sinngehalt noch nie erfaßt wurde. Tendenzmäßig am ehesten vielleicht von der Marxistischen Ästhetik a la Georg Lukács… – Keine Ahnung, aber es wäre ein unbestimmtes Feld, das sich LSR-mäßig erschließen lassen müßte. Warum war es Reich so wichtig, ein Museum zu hinterlassen, das seine Lebensatmosphäre auffängt und konserviert? Es geht um die Vermittlung eines bestimmten Vibes, der sich etwa in den Bilden Tombrocks findet.

Als absoluter Kunstverächter hatte Laska leider keinerlei Sinn für sowas. Und er hätte auch nicht mit seinem „ich komme aus der arbeitenden Sphäre“ kommen können, denn „unterschichtiger“ „proletarischer“ als Tombrock geht es nicht.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 147)

6. August 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

So gut wie alles, was seit 1845 über Max Stirner geschrieben wurde, also über sein Buch Der Einzige und sein Eigentum, ist für die Tonne. Allgemein ist es einfach nur abstoßend, wie sich irgendwelche Sonderlinge in ihrer „Einzigkeit“ wälzen, einem radikalen Nominalismus frönen, über „das Nichts“ meditieren und sich an ihrer eigenen Bilderstürmerei berauschen. All die Bibliotheken die seit fast 200 Jahre mit diesem Zeugs gefüllt wurden, sind allenfalls zu einem einzigen gut: das dingfest zu machen, dem nicht nur alle ausgewichen sind, sondern das durch diese Papierflut auch auf ewig unerreichbar begraben werden sollte.

Was ist am Grunde des Berges, im Zentrum, weit unten unter dem Gipfel des Papierhaufens, sozusagen die geheime Grabkammer des Pharaos? Es ist der Kern von Stirners Nominalismus. Sein „Nominalismus“ bedeutet, daß es keine „abstrakten Objekte“ gibt, d.h. Begriffe bloße Werkzeuge sind, unsere Werkzeuge – und keinerlei Macht über uns haben sollten. In der amerikanischen Fassung der Massenpsychologie des Faschismus hat Reich ein ganzes Kapitel darüber geschrieben: darüber wie aus unseren Werkzeugen unsere Herrscher wurden. Letztendlich geht es um die Panzerung, deren psychischer Aspekt das Über-Ich ist.

Es geht darum, daß wir uns nicht mittels eines bloßen Willensaktes aus dieser imgrunde lächerlichen Sklaverei befreien können, sondern „nur“ darum, (1.) uns unserer Situation bewußt zu werden und (2.) entsprechend ZU HANDELN, was vor allem heißt, jede Generation so aufwachsen zu lassen, daß sie wirklich „eigener“ sind als die jeweils vorausgehende Generation. Es geht um ein Reha-Programm nach 6000 Jahren in einem psychiatrischen Horrorhospital.

Stirner bedeutet eben nicht, daß, frei nach Hume, die Seele keine Substanz hat, d.h. nur Oberfläche ist, oder ähnlich wie bei Nietzsche alles nur wesenlose Worte und Handlungen sind („Alles ist nur Maske und nichts außerdem!“), wir also wie bei einer CSD-Umzug unsere geschlechtliche Identität frei wählen können, sondern Stirner verweist auf eine Realität hinter dem Virtuellen: die Maske verweist auf einen Maskenträger. Mit anderen Worten: die Wirklichkeit ist nicht so wie sie nun mal halt ist, Nietzsches „Amor fati!“, sondern es herrscht der Große Verdacht, daß zwar alles falsch ist, sich aber hinter der Lüge eine Wahrheit verbirgt.

Das erinnert etwas an Marx‘ Wert- und Fetisch-Theorie: die Preise fluktuieren zwar, aber das ist nicht die wirkliche Wirklichkeit, denn sie hängen mit wenig flexiblen sozusagen „Gummibändern“ vom Wert ab, entsprechend leben die Menschen nicht unbekümmert in einer schönen Warenwelt, sondern waten tatsächlich durch das Blut der den Arbeitern abgepreßten Lebenszeit, die den Wert der Waren bestimmt. Das entspricht ziemlich genau Stirners „Gespinsten“, die die Menschen davon abhalten, die wirkliche Wirklichkeit zu sehen. Bei Nietzsche gibt es keine wirkliche Wirklichkeit, sondern nur die Aktualität, nur Oberfläche, nur „Willen zur Macht“ (das eben kein metaphysisches Konzept ist!). Das zu erkennen, ist der „Große Mittag“: du erkennst, daß alles so ist, wie es ist (Amor fati) und ewig so wiederkehren wird, weil es nichts weiter gibt als das Puzzle der Wirklichkeit, das wie eine Uhr mit Notwenigkeit immer zur gleichen Konstellation zurückkehren muß. Bei Nietzsche ist der Einzige damit nicht „unerschöpflich“ wie Gott, sondern identisch mit der Welt.

Marx hat Stirner „überwunden“, indem er alles auf Ökonomie reduzierte und Stirner als „Fetischisten“ entlarvte, während Nietzsche Stirner (und Marx) „überwandt“, indem er aus Stirners „Alles was man von Gott sagt, trifft auf mich zu!“ das „Gott“ strich. Es gibt keinen „Einzigen“ und er kann kein „Eigentum“ haben, da alles eins ist.

Im krassen Gegensatz zu Nietzsche war Laska zeitlebens ein Revolutionär, der die Wirklichkeit, „wie sie nun mal aktuell ist“, bis aufs Blut haßte. Das einzige, was er als authentisch (sozusagen als „nichtvirtuell“) anerkannte, war die Natur (inklusive noch über-ich-freie Kinder) und „theoriefreie“ Technik, wie sie sich einem Ingenieur darstellt. Marxist konnte er nicht sein, weil die Werttheorie letztendlich Metaphysik ist (kaum mehr als Aristoteles und Thomas von Aquin!) und Nietzscheaner konnte er nicht sein, weil er die Menschenwelt nicht als unwandelbare „Natur“ akzeptierte.

Problem ist, daß Laska diese meine Ausführungen nie und nimmer unterschrieben hätte, weil er immer „Mißverständnisse“ vermeiden wollte. Deshalb sein Rückzug auf die Darstellung der Rezeptionsgeschichte, sozusagen auf eine Aktualität, die sich selbst transzendiert, weil ihre inneren Widersprüche so evident sind. – Aber wer läßt sich darauf wirklich ein? Laskas Funde werden zur Kenntnis genommen und dann, wie etwa bei Ursula Pia Jauch (LaMettrie) oder Rüdiger Safranski (Nietzsche), in irgendwelche Theoriekonstruktionen verwurstet. Stirnerianer nehmen sie zur Kenntnis und machen dann unbekümmert weiter mit ihrem bizarren Stirner-Kult, der (genau wie der Mohammed-Kult im Islam) nur ihre eigenen Perversionen, Idiosynkrasien und Beschränktheiten ideologisch untermauern soll.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 146)

29. Juli 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Meines Erachtens gibt es eine entscheidende Lücke im LSR-Projekt: das Gewissen. Wenn ich ein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Freundin habe, weil ich selbstsüchtig gehandelt habe, spricht dann mein „Über-Ich“ bzw. meine „Panzerung“? NEIN! Ganz im Gegenteil: ich habe mich wie ein Schwein verhalten, weil ich gepanzert bzw. durch das Über-Ich emotional verkrüppelt bin und deshalb nicht „tuistisch“ handeln kann. Das besagte „schlechte Gewissen gegenüber meiner Freundin“ ist die durch und durch gesunde Stimme einer ganz anderen Instanz: der bioenergetische Kern, psychoanalytisch das Ichideal, bei Nietzsche das „Selbst“.

Grob gesagt werden Neurotiker vom Über-Ich geplagt, so daß kaum Platz für das „schlechte Gewissen“ bleibt, während Psychopathen überhaupt kein Gewissen haben. Sie sind sozusagen „kernlose“ Maschinen und deshalb prinzipiell nicht therapierbar. Was ist Reichs Charakteranalyse anderes als ein ständiger Appell an das „schlechte Gewissen“, das Ichideal?

Siehe auch Was ist das „rationale Über-Ich“ im LSR-Projekt?

De Sade zufolge ist die Heilung für Schuldgefühle noch Schlimmeres zu tun, um jede innere Regung (Schuldgefühle) zu ersticken. Beispielsweise nach unehelichem Sex, Sex mit Kindern haben, Sexualmorde „etc.“. Das zeigt sehr schön, wie Schuldgefühle zwangläufig das erzeugen, was sie verhindern sollen. Zum „DeSadisten“ zu werden, ist natürlich nicht zwangsläufig, aber eben doch eine mögliche Folge des Schuldgefühls: DeSade war auf seine Weise ein konsequenter Katholik.

Das sieht man auch bei Terroristen, die durch immer schlimmere Greuel, die Stimme der Humanität in sich ersticken oder jetzt im überschüssigen Vorgehen Israels gegenüber der Hamas. Oder eben auch bei der ständigen Eskalation im Verlauf des Holocausts. Das habe ich schon zum Entsetzen meiner Mitschüler und meines Lehrer im Gymnasium vorgetragen: daß der SS-Mann zum Sadisten wurde, um das Schuldgefühl in sich zu ersticken. Das ist auch das Geheimnis des gesamten „Satanismus“ etc.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 145)

28. Juli 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

1929 hat Reich in seiner Schrift Psychoanalyse und Dialektischer Materialismus Marx als Verkörperung der Bewußtwerdung der ökonomischen Gesetze, bzw. der ökonomischen Ausbeutung, gedeutet und parallel dazu Freud im Bereich des Sexuellen die gleiche Stellung zugewiesen (die Lebensreform- und Mentalhygiene-Bewegung seit der Zeit des Jugendstils). Alles im Sinne des Historischen Materialismus, dem sich Reich kurz zuvor verschrieben hatte. Später, mit Verstreichen der 1930er Jahre, hat er das dann zunehmend im Sinne einer „objektiven Logik“ gesehen, der Logik der Entfaltung der „vegetativen Energie“ und sich selbst als bloßes Werkzeug dieser Logik. Es ist nur konsequent Stirner an die Stelle von Marx zu setzen und Reich selbst an die Stelle von Freud. Und das dann auf LaMettrie auszudehnen, der an die Stelle von Kant und Rousseau tritt.

Apropos „Wellen“: Kann man Schopenhauers und Nietzsches Einfluß auf die Deutschen unterschätzen? Aber die beiden sind auch nicht vom Himmel gefallen, sondern wurzeln in der romantischen Strömung. Es ist immer die Frage nach dem Huhn und dem Ei. War zuerst die gesellschaftliche Strömung da, die in Deutschland zweifellos bis auf die Bauernkriege und dann den 30jährigen Krieg zurückgeht, dann der Pietismus, etc. also „das Huhn“ – oder war es „das Ei“, irgendein Denker. Kann man etwa Luthers Einfluß überhaupt unterschätzen? Was ist die „Ideengeschichte“ neben der „materiellen Geschichte“? Man nehme etwa die Rolle der „ideelen“ Jugendmusik (d.h. Negermusik) und der „materiellen“ Pille in den letzten 60 Jahren!

Nach Reich war etwa Hitler vollkommen unbedeutend, ein echter Fliegenschiß in der Geschichte. Bedeutsam wurde er nur, weil seine Charakterstruktur so paßgenau zu der des durchschnittlichen Deutschen gepaßt hat. Aber wo wären wir heute ohne Hitlers nicht weiter reduzierbaren persönlichen Idiosynkrasien? Ein mehr maritim orientierter Mensch hätte den Krieg gewonnen: die ansonsten ziemlich nutzlose deutsche Marine überfällt Leningrad, Gibraltar, ohne das das Britische Empire nicht lebensfähig ist, wird von einem mit deutschen Konzessionen überschütteten Spanien heim geholt und eine weitaus größere U-Boot-Flotte sperrt den Atlantik. Das hätten weder Rußland noch England überlebt und Italien hätte keinen Schaden mehr anrichten können.

Es gab zwei alles entscheidende Umbrüche in der Menschheitsgeschichte: etwa 4000 Jahre vor Christi die Entstehung der Panzerung („der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral“) und etwa 1960 der (Anfang des) Zusammenbruch(s) eben dieser Panzerung („die sexuelle Revolution“). Das ist der Wechsel von der autoritären zur antiautoritären Gesellschaft und die Umstrukturierung des Menschen von der Muskel- zur Augenpanzerung. In Begriffen des Über-Ichs der Wechsel von einem mehr oder weniger in die psychische Struktur gut integrierten Über-Ich zu einem „isolierten Über-Ich“, wie Reich es bereits 1925 in seiner Beschreibung von „Lumpenproletariern“ und „Perversen“ beschrieben hat (Der triebhafte Charakter). Dieses „isolierte Über-Ich“ agiert wie eine unkontrollierbare autodestruktive Triebregung und führt zu Drogenmißbrauch, Selbstverstümmelung und all dem, was heute die „woke“ antiautoritäre Gesellschaft und ihr ausgeklügeltes Selbstmordprogramm auszeichnet.

Die philosophischen Strömungen mit „gesellschaftlicher Relevanz“ sind all die, die den besagten welthistorischen Umbruch entweder getreulich widerspiegeln (insbesondere die „Dekonstruktion“ a la Derrida) oder sich ihm explizit entgegenstellen (all die sich politisch verdächtig machenden Philosophen, beispielsweise, keine Ahnung, Sloterdijk?) bzw. über ihn hinausweisen (Laska).

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Fachbewußtsein” und folgende

21. Juli 2024

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Fachbewußtsein“ und folgende

Laskas Randnotizen zu Hans G. Helms‘ DIE IDEOLOGIE DER ANONYMEN GESELLSCHAFT (Teil 2)

28. Juni 2024

Laskas Randnotizen zu Hans G. Helms‘ DIE IDEOLOGIE DER ANONYMEN GESELLSCHAFT (Teil 2)

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 139)

22. Juni 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Was wollte Laska? Was hat ihn getrieben? Für sich selbst Klarheit schaffen im Gewirr des intellektuellen Lebens. „Selbstvergewisserung“, wie er selbst immer wieder sagte. Warum aber dann ein lohnloser Achtstundentag am LSR-Schreibtisch, all seine Veröffentlichungen und Korrespondenzen? Warum hat er nicht einfach sein Leben genossen, indem er mit seinen geliebten Hunden durch den nahen Nürnberger Wald spazierenging? Weil er einer Utopie anhing. Zitat aus seiner Website: https://www.lsr-projekt.de/wrnega.html

Reich schloß seinen Aufsatz über den Erziehungszwang mit den Worten: „Wir müssen daran denken, daß die ursprüngliche lebendige Kraft, die der Erziehungszwang zähmen will, aus sich selbst heraus einmal Kultur geschaffen hat. Man darf großes Zutrauen zu ihr haben. Ist es gewagt, zu behaupten, daß sich das Leben seine notwendigen Daseinsformen selbst am besten zu schaffen vermag?“ Das war die Grundformel einer nichtpräskriptiven Utopie, die das Dilemma moderner Philosophie, in das sie der Zwang zur Vermeidung des sog. naturalistischen Fehlschlusses führt, überwindet.

In diesem Sinne war Laska ein Getriebener. „Das Leben“ in ihm hat nach außen gestrebt hin zu einer Utopie. Der Eigner (im Sinne Stirners) sehnt sich nach dem Verein – auch wenn der Jahrhunderte entfernt ist. Der Verein schafft sich in der Kooperation der Individuen spontan seine Regeln gemäß dem „rationalen Über-Ich“.

LaMettrie, Stirner und Reich haben durch ihren frühen, elenden Tod ihr Leben „geopfert“, weil sie sich ansonsten selbst verraten hätten. Aber wie das formulieren, ohne daß man im Sinne Hegels, Nietzsches und Heideggers vom Geist/Willen/Sein schwafelt, das einen benutzt, um sich zu verwirklichen – Stichwort „irrationales Über-Ich“?

Bei ihrem letzten Treffen, als sie über die sozialen Konsequenzen der Psychoanalyse sprachen und Reich für seinen sozialen Aktivismus warb, meinte Freud zu ihm „Der Eros [Geist/Lebenswille/Sein] wird eine Anstrengung machen“, was Reich zutiefst befremdet hat. Erinnert irgendwie an das „Verhältnis“ von Stirner und Schopenhauer, LaMettrie und Rousseaus „Naturkult“.