
Besprechung WILHELM REICH. THE EVOLUTION OF HIS WORK by David Boadella
„REICHIANISCHE“ BÜCHER (Teil 3)
Abschließend durchblättern wir eine hier ungenannt bleibende orgonomische Postille, die erstaunlich kreativ mit der deutschen Sprache und der Logik umgeht.
(Dr. Hoppe) war vor allem ein menschliches Vorbild, mit Optimismus und Humor auch schwierige Lebenssituationen zu bewältigen, Unabhängigkeit und Objektivität zu bewahren und dennoch zur Zusammenarbeit bereit zu sein. In diesem Sinn verstehen wir uns auch nicht als Konkurrenz zur bereits bestehenden orgonomischen Zeitschrift Emotion, sondern als Ergänzung. Interessante Beiträge zur Orgonomie gibt es –wieder – genug. Wir denken insbesondere an die sich überstürzenden politischen Ereignisse in der DDR und im gesamten Ostblock. (…) Wilhelm Reich selbst hat uns zum Verständnis der massenpsychologischen Ereignisse den Schlüssel zum Verständnis in die Hand gegeben.
Das Erstellen der Zeitschrift ringen sich die Herausgeber von ihrer Freizeit und teilweise sogar von ihrer Arbeitszeit ab.
Auch haben wir Familie und das Prinzip der Selbstregulation für unsere Kinder hat absoluten Vorrang. Genauso soll auch die Zeitschrift organisch wachsen, langsam und stetig, nicht „überdüngt“ und künstlich aufgemöbelt. Deshalb gestaltet sie sich auch bescheiden. Daß Hochglanzgazetten, unabhängig von ihrem Inhalt, ganz automatisch in der Gunst des Leserpublikums höher bewertet werden, ist eine erwiesene Tatsache. Deshalb bitten wir, da wir auf „Styling“ verzichten, beim Inhalt genauer hinzusehen, wir hoffen doch, daß dieser das bescheidene Äußere mehr als wettmacht.
Die Übersetzungen aus amerikanischen Zeitschriften sind derartig holprig und teilweise sinnentstellend, dafür aber manchmal wortwörtlich… Wird der Anspruch der Herausgeber, die Orgonomie in einer allgemeinverständlichen und von jedermann leicht nachvollziehbaren Weise zu vermitteln, durch Formulierungen wie die folgende erfüllt?
Zu Tabelle 1 muß gesagt werden, daß die „Differenz“ erhalten wird durch Subtraktion der Durchschnittswerte der Kontrolle von den Durchschnittswerten des Akkumulators und durch Addieren der Anfangsdifferenz zwischen den beiden Durchschnittswerten am Ende des Vortests, d.h. + 0,05°C.
Für Liebhaber von Stilblüten haben die Übersetzungen einiges zu bieten:
Wir gehen unseren Weg durch die Jahrhunderte, „indem wir ein Leben stiller Verzweiflung“ führen, aufgehangen an Täuschungsschnüren.
Fast durchweg bekommt man beim Lesen Kopfschmerzen:
Die Autorität und der Einfluß der Akademie war unter den Wissenschaftlern jedoch derartig, daß auch heute noch die meisten Biologiebücher feststellen und wodurch die meisten Biologen werden, zu unkritischer Akzeptanz ausgebildet werden, daß Pasteur’s Experimente das letzte Wort zu jeder Möglichkeit des Lebensursprungs aus nichtlebender Materie darstellten, außer vielleicht vor Millionen Jahren in der sehr andersartigen Atmosphäre der primitiven Erde.
Im Leitartikel der Herausgeber (der in einer Zeitschrift, die fast ausschließlich aus Übersetzungen und Übernahmen fremder Quellen besteht) erkannte ich die Wiedergabe einer Arbeit, die ein Bekannter von mir verfaßt, vorgetragen und mir damals zur Durchsicht zugeschickt hatte. Struktur, Aufbau und Duktus sind zu großen Teilen identisch, ganze Sätze sind Wort für Wort übernommen. 57 Zeilen en bloc stimmen fast Wort für Wort überein.
Hinzufügungen und Modifikationen der Herausgeber sind derart, daß sie beispielsweise Reichs Mitarbeiter (Theodore) „Wolfe“ in einen „Thomas Wolffe“ umbenennen. Ich erspare dem Leser die seitenlange synoptische Gegenüberstellung der beiden Texte, die wir zusammengetragen haben.
In seinen Erinnerungen an Walter Hoppe gelingt es einem der Autoren auf überzeugende Weise nachzuweisen, Dr. Hoppe persönlich kaum gekannt zu haben. Im vorletzten Absatz (einen von den dreien, die er selbst verfaßt hat) schreibt der Autor:
Nur kurz erwähnt seien die irrationalen, gehässigen und teils pestilenten post mortem Angriffe gegen Hoppes Person und Arbeit. Sie wurden von einem machthungrigen Emporkömmling in der Orgontherapie unter ehemaligen Patienten Hoppes in einer Art Gehirnwäsche verbreitet. Ein anderer eifersüchtiger Kollege, ein „Papst“ der Orgonomie, war an der Kampagne gegen Hoppe beteiligt.
Und weiter:
In diesem Zusammenhang sei noch hervorgehoben, daß der therapierteste Therapeut seine individuellen Stärken und Schwächen hat, die nicht unbedingt im Gegensatz zu seiner notwendigen relativen Gesundheit stehen und ihn auch nicht an der lege artis Durchführung seiner Therapieen [der Plural von „Therapie“ lautet in dieser Zeitschrift nicht nur hier „Therapieen“!] hindern müssen. Allerdings verträgt sich eine funktionelle, menschlich-bescheidene und doch selbstsichere Therapiearbeit nicht mit Personenkult, Machtstreben, Gehirnwäsche von Patienten und Orgontechnik.
Orgontechnik!
von Robert Hase
Reich beschreibt nun anhand eines Beispiels die Differenz zwischen formaler Demokratie und Arbeitsdemokratie.
Er berichtet von folgendem Vorfall, der die Bedeutung der Praxis in der Arbeitsdemokratie betont. Er zeigte deutlich die Behinderung des demokratischen Funktionierens durch das Festhalten am Formalismus und die Überlegenheit des arbeitsdemokratischen Prinzips. Nach einer Schulung in Sexualökonomie plante eine Gruppe von Pädagogen die Einrichtung eines Kindergartens. Sie setzten sich zusammen und wählten, rein formalistisch, einen Leiter, einen Schriftführer und einen Kassenwart sowie einige „Ehrenmitglieder“, von denen einer gewählt wurde, weil er versprochen hatte, Geld beizusteuern, was natürlich keine Arbeitsleistung darstellte. Sie mieteten ein Haus, richteten es ein und glaubten nun, sie könnten Kinder aufnehmen. Doch bald zeigten sich schlechte Gefühle, Unstimmigkeiten traten auf und das sichere Zeichen des Scheiterns, „irrationale Ausbrüche“, kam zum Vorschein. Das Unterfangen war spontan entstanden, ohne dass Reich es vorgeschlagen hatte. Aber als die Dinge anfingen, schief zu laufen, wollte er die Leute nicht tiefer in die unglückliche Situation geraten lassen und lud sie zu einem Gespräch ein. Die Situation stellte sich dann wie folgt dar: Der Lehrer, der zum „Geschäftsführer“ gewählt worden war, protestierte gegen die Überlastung mit Arbeit. Die „stellvertretende Direktorin“ wollte keine Arbeit machen, weil sie eine Stelle an einer öffentlichen Schule hatte. Die Sekretärin hatte andere Verpflichtungen und der ehrenamtliche Vorsitzende konnte auch nichts tun. Reich wies darauf hin, dass eine Geldspende keine Arbeitsleistung darstellt. Eine offene Diskussion brachte die irrationalen Hintergründe an den Tag. Der Geldgeber und die Lehrerin, die keine Zeit hatte, waren mit der geheimen Absicht in das Unternehmen eingestiegen, einen Platz für ihr eigenes Kind zu finden. Eine andere Lehrerin gestand, dass sie sich der Aufgabe nicht gewachsen fühle und eine dritte gab offen zu, dass sie Angst vor dem Wort „Sexualökonomie“ hatte.
Kurzum, so Reich, sei das Ganze ein klassisches Beispiel für eine rein formalistische Organisation mit allerlei versteckten Motiven, die mit der konkreten Arbeitsfunktion eines Kindergartens überhaupt nichts zu tun hatten. Da alle Beteiligten eine charakterliche Umstrukturierung hinter sich hatten, war die Klärung der Situation nicht schwer. Trotz der bereits getätigten Investitionen entschied man sich, den Plan aufzugeben und auf eine bessere Gelegenheit zu warten. Es wurde deutlich, dass der Plan aus dem Gefühl „wir müssen etwas tun“ erwachsen war und nicht organisch aus den Arbeitsbedürfnissen. Ein Jahr später hatten bis auf eine Ausnahme alle Teilnehmer ihr eigenes konkretes Arbeitsfeld im Rahmen der Sexualökonomie gefunden. Alle blieben gute Freunde; nicht nur ein Kindergarten, sondern mehrere Zweige der Arbeit entwickelten sich organisch. Es gab keine Intrigen und keinen Irrationalismus. So siegte das Prinzip der organischen Entwicklung der Arbeitsinteressen über den zum Scheitern verurteilten Formalismus.
Reich lässt sodann seine wissenschaftliche Entwicklung Revue passieren.
Während sich die Sexualökonomie im Zusammenhang mit der Theorie Freuds und der kritischen Widerlegung seines mechanistischen Kulturbegriffs entwickelte, wuchs die Orgonbiophysik eigengesetzlich. Dabei sei die Kritik an der psychoanalytischen Kulturtheorie nicht möglich gewesen, wenn Reichs Arbeit nicht von Anfang an (1919) vom Prinzip des Funktionalismus geleitet worden wäre, dem Prinzip, das 16 Jahre später zur Entdeckung der kosmischen Orgonenergie führte. Seine funktionelle Methode hat ihre Wurzeln in früheren Studien zur Wahrnehmung (7), also einem Phänomen des Bewusstseins. Ihre Beziehungen zur Psychoanalyse wären sekundär. Das zentrale Problem, das der Plasmapulsation, stände im strikten Gegensatz zur psychoanalytischen Triebtheorie. Während es richtig sei, die Sexualökonomie als einen Abkömmling der Freudschen Theorie zu betrachten, sei es falsch und irreführend, die Originalität der Orgonbiophysik zu leugnen. Die Orgonbiophysik könne nicht als ein Anhängsel der Sexualökonomie und damit der Psychoanalyse betrachtet werden.
(7) Reich dürfte sich hier – neben Anderen – auf den Naturphilosophen Hans Driesch beziehen, der zur Wahrnehmung Studien betrieb. [Siehe dazu Peters morgige Ergänzung.]
1928 schrieb Reich in seinem Aufsatz Dialektrischer Materialismus und Psychoanalyse etwas, was ich hier nummerisch aufschlüssele:
- So würgt die momentane kapitalistische Daseinsweise der Psychoanalyse [die Neurosenheilung] von außen und von innen ab.
- Freud behält Recht: Seine Wissenschaft geht unter – wir fügen aber hinzu: in der bürgerlichen Gesellschaft; wenn sie sich ihr nicht anpaßt, sicher, wenn sie sich ihr aber anpaßt,
- dann erleidet sie den gleichen Tod, den der Marxismus bei den reformistischen Sozialisten erleidet, nämlich den Tod durch Verflachung, vor allem durch Vernachlässigung der Libidotheorie.
- Die offizielle Wissenschaft wird nach wie vor nichts von ihr wissen wollen, weil sie sie in ihrer klassenmäßigen Gebundenheit nicht akzeptieren darf.
- Die hinsichtlich der Ausbreitung der Analyse optimistischen Analytiker irren gewaltig. Diese Ausbreitung gerade ist Zeichen ihres beginnenden Untergangs. Da die Psychoanalyse, unverwässert angewendet, die bürgerlichen Ideologien untergräbt, da ferner die sozialistische Ökonomie die Grundlage der freien Entfaltung des Intellekts und der Sexualität bildet, hat die Psychoanalyse eine Zukunft nur im Sozialismus.
Von den Marxistischen Floskeln befreit, kann man das unmittelbar auf die Gegenwart übertragen:
Exemplifizieren wir diese Punkte:
Auf Facebook war neulich folgende satirische Nachricht zu lesen:
Ihre KFZ-Bude informiert
Neu im Angebot: Experimentelles Motorenöl (von FlexmobOil)
Testen Sie jetzt das neue Motorenöl. Das neuartige Motorenöl hat zwar bisher nur eine vorläufige Zulassung vom Tüv bekommen, weil noch nicht feststeht, welche Auswirkungen das Öl auf den Motor Ihrer Autos hat. Weiter ist unbekannt, ob und wie lange Ihr Motor mit dem neuen Öl reibungslos funktioniert.
Mögliche Schäden: Motorschaden, Überhitzen des Motors, Klappern im Motorraum, Platzen der Ölschläuche, Kolbenfresser, Ventilschäden
Vertrauen Sie uns! Es sind nur sehr wenige Autos, die das neue Öl nicht vertragen! Für eventuelle Schäden kommen wir nicht auf!
Gemünzt ist das natürlich auf die Corona-Impfstoffe, die durchweg nicht richtig getestet wurden. Es ist erstaunlich, daß die meisten Menschen mit ihrem Auto pfleglicher und vor allem vorsichtiger umgehen als mit ihrem eigenen Körper!
Würden Sie an Ihrem Auto das Getriebe und die Bremsen statt von einem KFZ-Meister, lieber von einem Diplompolitologen, einem ehemaligen Kindergärtner oder einem Schlossermeister richten und reparieren lassen? Warum gehen sie dann, wenn sie emotionale („psychische“) Probleme haben, zu irgendwelchen „Reichianischen Therapeuten“ oder angeblichen „Orgontherapeuten“, deren Qualifikation meist nur darin besteht, irgendwann mal selbst Patient eines „Reichianischen Therapeuten“ oder eines Orgontherapeuten gewesen zu sein? Offenbar gehen Sie mit Ihrem Auto vorsichtiger und pfleglicher um als mit Ihrem eigenen Organismus!
Orgontherapeuten sind approbierte Psychiater! Das ist nicht meine Meinung, das ist der Standard, der von Reich persönlich durchgesetzt wurde. Nehmen wir beispielsweise den berühmten Alexander Lowen. Er kam als Gymnastiklehrer zu Reich. Reich zwang Lowen, der bereits ein Jurastudium absolviert hatte, in die Schweiz zu gehen, um dort Medizin zu studieren und Arzt zu werden. Nach seiner Rückkehr in die USA wandte sich Lowen von Reich ab, als dieser von ihm verlangte, sich zusätzlich zum Facharzt für Psychiatrie ausbilden zu lassen. Daraufhin begründete Lowen die „Bioenergetische Analyse“, die auf denkbar krasse Weise zeigt, daß Lowen weniger als nichts von der psychiatrischen Krankheitslehre verstand. EIN DEGOUTANTER BIZARRER WITZ! Hier zeichnete sich das Muster für andere derartige Leute ab, die als „Schulengründer“ auftraten, – weil sie vollkommen unqualifiziert waren…
Dem vielleicht ersten der modernen „Reichianischen Therapeuten“, Paul Ritter, schrieb Reich am 9. Oktober 1950 persönlich, daß er auf keinen Fall Leute in „Therapie“ nehmen solle, egal wie sehr es ihn auch dränge, ihnen zu helfen. Reich fuhr fort:
Sie (die Orgontherapie) ist nicht mehr und nicht weniger als bio-psychiatrische Chirurgie und kann nur von versierten und gut ausgebildeten Menschen mit der entsprechenden (Charakter-) Struktur auf eine sichere Weise durchgeführt werden. Sie ist deshalb auf Ärzte beschränkt. (Journal of Orgonomy, May 1977)
Aber „Reichianer“ pflegen Reich zu ignorieren.
Besonders erschreckend an der ganzen Angelegenheit ist, daß solche Laien ganz in der Tradition ein Lowen zumeist explizit Körpertherapeuten sind, die „über den Körper die Seele heilen“ wollen. Aus ihrer eigenen Unsicherheit (vielleicht sogar um Macht auszuüben!) versuchen sie Panzerungen aufzubrechen, Energie in Bewegung zu setzen und bei ihren „Patienten“ dramatische Emotionen zu provozieren. Wie bei Bühnenzaubereren ist alles, wenn man so sagen kann, auf „Affekt und Effekt“ ausgerichtet. Und wie bei Bühnenzauberern ist alles eine Lüge, denn im Grunde bleibt der Patient unberührt. Tatsächlich wirken diejenigen, die eine „Reichianische“ Therapie durchlaufen haben, merkwürdig „verflacht“, so als seien sie „kurzgeschlossen“.
Peter Crist, Präsident des American College of Orgonomy, hat folgendes zur Therapie zu sagen:
Es bringt nichts, es ist weder sinnvoll, noch überhaupt möglich, den Patienten dazu zu bringen, eine Emotion zu fühlen oder ihn in Bewegung zu bringen. Wir müssen nur den Einzelnen dabei unterstützen, die Hindernisse für spontane Emotionen und Bewegung zu beseitigen. Wir können niemanden gesund machen. Wir können ihn nur darin unterstützen, das zu überwinden, was ihn daran hindert, spontanen Kontakt mit der und Funktionieren aus der Gesundheit zu haben, die in ihm bereits vorhanden ist.
Es geht in der Orgontherapie um die verlorengegangene Fähigkeit zur Selbstregulierung, nicht um die „Heilung“ durch irgendwelche impotenten, machtgeilen Blender!
