Posts Tagged ‘Körperpsychotherapie’

Das große Mißverständnis

12. Mai 2023

Der vorurteilsbeladene Ignorant denkt und spricht nur Belangloses; er drischt, wie man sagt, nur leeres Stroh; oder, was auf dasselbe hinausläuft, er käut ständig die kümmerlichen Weisheiten unserer Scholastiker wieder (sofern er sie kennt). Der begabte Mensch hingegen folgt Schritt für Schritt der Natur, der Beobachtung und der Erfahrung. Er erkennt nur als gültig an, was den höchsten Grad an Wahrscheinlichkeit für sich hat. Und er zieht seine Schlüsse nicht vorschnell, unumstößlich und gegen jede vernünftige Einsicht, sondern aus Tatsachen, die zumindest ebenso klar sind wie die bereits bewährten, produktiven Prinzipien. (Julien Offray de LaMettrie: Philosophie und Politik, S. 34f)

All die Idioten verlassen die Orgonomie, weil diese von Natur aus schmutzig ist und zwar in wirklich allen Aspekten. Es begann mit der klinischen Beurteilung von und der Therapie mit schmutzigen Menschen (triebhafte Charaktere, echte Borderline-Freaks). Es ging nicht, wie bei Freud, um die Sublimierung der Triebe dekadenter Oberschichtler, sondern um schmutzige Gefühle, um Sexualität. Es ging um schmutzige Kommunisten, schmutzige „Sexualreform“ und schmutzige Politik. Politik, bei der man sich die Hände schmutzig macht, was „linke Intellektuelle“ wie Otto Fenichel oder Erich Fromm nie getan haben. Reich setzte sich mit dem schmutzigen Faschismus (er sprach mit echten Nazis und las ihre Ergüsse) und dem Alltagsleben des kleinen Massenmenschen auseinander. Seine Bion-Forschung begann mit einfacher „Gemüsesuppe“, Heuaufgüssen usw. Aus der Sicht des Physikers geht es bei Orgon und Co. nur um „Datenrauschen“ – Schmutz. Nichts ist bei Reich klar und eindeutig. Funktionalismus ist „unscharfe Logik“. Selbst die organisatorischen Aspekte der Orgonomie waren von Anfang an und sind bis heute chaotisch. Die Orgonomie ist kein sicherer Ort für „Sucher“, keine feste Weltanschauung, keine Lebensform. Es gibt nichts „Sauberes“ und klar Umrissenes an ihr. Sie ist der ultimative Alptraum für den mechano-mystischen Geist, der in einer aseptischen platonischen Welt leben möchte, da er eine Todesangst vor Bewegung und Veränderung hat.

Ein typisches Mißverständnis ist es, Artikel mit der Überschrift „… aus orgonomischer Sicht“ zu schreiben. Ich tue das auch ab und an, aber es ist vom Ansatz her grundlegend falsch, oder sagen wir lieber irreführend. Es gibt keinen festen „orgonomischen“ „Ort“, von dem aus man die Dinge betrachten könnte. Orgonomie ist die Anstrengung in der Ebene, das Forschen und ständige Korrigieren, sozusagen „das Wühlen im Dreck“. Das sieht man etwa an einer korrekt durchgeführten Orgontherapie. Ein richtiger Orgonom tritt nicht als „Guru“ auf, der dich mit seherischem Blick durchschaut und dir den Weg weist! Es geht um die Etablierung der Selbstregulation, bei der Anweisungen, was man zu tun oder zu lassen hat, ein Widerspruch in sich selbst wären. Es geht schlicht und ergreifend um die Konfrontation mit deinem neurotischen Charakter und mit deiner biophysischen Rigidität. Irgendwelche Idioten, die sich zu „Reichianischen“ Therapeuten aufschwingen und meinen, den Patienten das vermeintlich „richtige“, quasi „orgonomische“ Funktionieren lehren zu können, „orgonomische Prinzipien“ aufoktroyieren zu können, verfehlen die ganze Angelegenheit auf denkbar fundamentale Art und Weise. Es ist eine genaue Entsprechung der obenerwähnten dogmatischen Vorgabe „des orgonomischen Standpunkts“. Entweder arbeitet man mit Funktionen, Beziehungen, Kontakt – oder man wirkt nur zerstörerisch.

Was ich hier beschreibe, sind schlichtweg die Entstellungen der Orgonomie durch den Kleinen Mann, der aus jedem fruchtbaren Ansatz eine sterile Doktrin macht. Wie Reich in Äther, Gott und Teufel erläutert, ist der Kleine Mann ein Mechano-Mystiker, der keine Unsicherheit, Unbestimmtheit, keine Bewegung und Spontanität ertragen kann und entsprechend aus dem Universum eine Maschine, sowie aus seinen Kindern Roboter macht. Er gestaltet die Welt nach seinen vorgefaßten Ideen. Reich hingegen hat sich stets der Wirklichkeit ausgesetzt, ist wirklich an die Front des Lebens, des Labors und der Umwelt gegangen, um sich der einen und einzigen Quelle der Wahrheit auszusetzen: der Wirklichkeit. Alles, was sich nicht der Wirklichkeit gemäß verhält, alles was nicht naturgemäß ist, wird von der Natur erbarmungslos ausgemerzt. Orgonomie ist nichts anderes als Secundum naturam. Folge der Natur oder krepiere! Deine saubere Welt aus Konstruktionen und „Theorien“ ist ein lächerliches Kartenhaus, das beim nächsten kleinen Lufthauch kollabieren wird. Vielleicht ist es nicht schade um dich, aber mit Sicherheit ist es schade um die, die du mit in den Abgrund reißt.

David Holbrook, M.D.: DIE SCHULD FÜR PANZERUNG / VERGEBUNG

16. April 2023

DAVID HOLBROOK, M.D.:

Uns selbst und einander die Schuld für individuelle und gesellschaftliche Panzerung geben

Vergebung

Jerome D[avid] Salinger (geb. 1.1.1919) [undatierte Notiz]

14. März 2023

Jerome D[avid] Salinger (geb. 1.1.1919) [undatierte Notiz]

David Holbrook, M.D.: Asthma, Bluthochdruck und Panikattacken bei einem Fall von exzitatorischer paranoider Schizophrenie

17. Februar 2023

DAVID HOLBROOK, M.D.:

Asthma, Bluthochdruck und Panikattacken bei einem Fall von exzitatorischer paranoider Schizophrenie

Eine Email von Peter Nasselstein an Bernd A. Laska, 10.09.03

12. Januar 2023

PN: Liest sich glatt, keinerlei Häme etc wie sonst so oft. Aber: Von Sexualität kein Wort. Und Merksatz 1: Biopathien sind unbekannten Ursprungs (aber dann orgontherapeutisch zu behandeln).

Dieser Satz ist (Robert A.) Dews klassischer Definition der Biopathien entnommen: using classical medical concepts, the ethiologies of these diseases remain elusive

BAL: Vielleicht berechtigt, when using classical medical concepts ??? Aber hat Dew denn auf nicht-klassische Weise den Ursprung der Biopathien zu erklären versucht?

PN: Ja, denn das ist ja der Sinn des Satzes: Ätiologie unbekannt, weil Pulsationsstörung nicht beachtet wird – denn die würde einen langen Schwanz an Implikationen nach sich ziehen und letztendlich unsere „pulsationsschädigende“ Gesellschaftsordnung infrage stellen.

BAL: Da war der alte Freud doch radikaler: als er sagte (wann eigentlich? wo?), dass seine Psychoanalyse in puncto Heilen mit Lourdes nicht mithalten könne, er sie auch nicht als Heilmethode empfehle, sondern wegen ihres Wahrheitsgehaltes.

PN: Freud war, wenn ich mich recht erinnere, Anatom des Nervensystems, der kaum je mit wirklichem menschenlichen Leiden in Kontakt kam – und wenn, dann war es eine interessante Kuriosität. Bei Reich war das anders (Krieg, bei Wagner-Jauregg auf der Station, im psychoanalytischen Ambulatorium) und bei Dew auch (Internist, der tagtäglich mit den unbeschreiblichsten Grausamkeiten der Innereien konfrontiert ist) – die wollten wirklich heilen. Es war Reich, der Freuds snobistische Gesprächstherapie in eine regelrechte Psychotherapie MIT EINEM THERAPIEZIEL verwandelt hat.

Ich bezweifle nicht, daß die Psychoanalyse einen Wahrheitsgehalt hat – wenn man in sehr allgemeinen Begriffen spricht (Über-Ich, Ödipuskomplex, Unbewußtes, Verdrängung, Übertragung, prägenitale Organisation – das wars dann auch schon – und alles nur in einer holzschnittartigen Primitivversion brauchbar). Das besondere an Freud war eine „Wahrheitssuche“, die ihn stets zu den absurdesten Schwachsinnigkeiten geführt hat: eine grandiose Flucht vor den paar Grundwahrheiten der Psychoanalyse in immer neue verwickelte Absurditäten und geradezu psychotische „Interprätationen“. „Die Psychoanalyse ist die Krankheit, die sie zu heilen vorgibt.“

Aber Sie wollen darauf hinaus, daß die Orgonomie zur Medizin verflacht wird. Das ist so’ne Sache. Egal was man macht: konzentriert man sich auf die Physik, kommt etwa Peter Reich und sagt, man solle sich doch mehr auf die wirklich wichtigen soziologischen Beiträge seines Vaters konzentrieren; macht man das, dann kommen Leute wie (Chester M.) Raphael und schreien „Orgon!“, usw.

Dabei ist es ziemlich egal, was man macht, solange man nicht den Roten Faden verliert. Und ich weigere mich, dabei auf Ärzte herabzublicken, die „nur“ Leute in den ORAC setzen oder „nur“ psychiatrische Orgontherapie“ machen. Es kommt auf den Geist an, mit dem sie es tun. Zugegeben manche sind erschreckend geistlos….

BAL: Ich will das [Reich, Silvert, Soziopathen] nicht abstreiten. Aber was wusste (Lois) Wyvell, was sogar die linke Europäerin (Ilse) Ollendorff, von dem, was Reich um- und antrieb ? Als die ihn kennen lernten, da war schon viel perdu, da hatte er SICH vor Augen, als er in FO42 bemerkte, man solle Autobiographien in jungen Jahren schreiben, denn: „manche Illusionen [!], die man … noch hat, befähigen einen…“ usw. (k&w, S.16)

PN: Wyvell ist ja nur eine Nebenfigur. Einzig interessant, weil sie wie kaum jemand anderer Einblicke in den privaten Reich hatte. Vielleicht mehr als Ollendorff (Gewöhnung macht blind, stumpft ab). Vor allem in Reichs Beziehung zu Silvert (einem wahrhaftigen Monster), in dem er sicherlich seinen „Mr. Hyde (?)“ sah.

BAL: Dass üble Typen sich zu WR hingezogen fühlten, und er das resigniert akzeptierte (CM: „auch du brauchtest sie…“), OK, menschlich verständlich. Aber dass es kaum Andere gab (und gibt); dass offenbar kaum ein Zeitgenosse von intellektuellemRang das Gespräch mit ihm suchte; dass der „Konflikt mit Freud“, der Ausschluss, so gespenstisch lautlos über die Bühne ging; dass es keine „immanente“ Kritik gab, die er sich ja wohl ernsthaft wünschte, u.v.a.m. DAS ist die weltumspannende „conspiracy“.

PN: Ja. Ich will ja auch nicht die „Silvert-Sache“ ins Zentrum stellen oder gar die Orgonomie mit „Reichs Geheinmnis“ erklären. Für mich ist es nur die naheliegenste Erklärung für eine kleine Nebensache: warum so viele Soziopathen sich zu Reich hingezogen fühlen.

Interessant ist die Beschreibung von Reichs Anfangszeit in New York. Wie alte „Freunde“ aus Berlin und Wien mit ihm Kontakt aufnahmen – und fluchtartig das weite suchten.

Nehmen wir aus aktuellem Anlaß mal Adorno: voll von Freudistischen und Marxistischen Theorien. Und dann ein mögliches Gespräch mit Reich: während Adorno theoretisieren will, kommt Reich mit den biologischen (medizinischen) Grundlagen der Charakterbildung, den Besonderheiten der Kindererziehung („Ist Ihnen aufgefallen, daß in New Yorker Kinderwagen, die Babys auf dem Bauch liegen? Das ist der Anfang des 3. Weltkrieges!“), etc.

Und mit den beschränkten Fach-Psychiatern und lebensfeindlichen Baby-Experten konnte Reich erst recht nicht sprechen.

Hat das was mit LSR zu tun? Nun ja, auf ihre Weise waren auch LaMettrie und Stirner „konkretistisch“: die Kunst des guten Lebens – und darin die Utopie verwoben.

Deshalb ist es nicht so einfach mit der „medizinischen (oder physikalischen, etc.pp) Verflachung des Reichschen Lebenswerkes“. Die gibt es, zweifellos, aber…. Vorsicht! – Was hält einem vom wirklichen, konkreten Leben ab (dem Reparieren des Kühlschranks, einer effektiven psychotherapeutischen Tätigkeit am Patienten, der Erforschung der Atmosphäre, dem Erfinden narrensicherer Computerprogramme, etc.pp.)? Das ÜBER-ICH?

Sehr grob und sehr platt: der LSR-Gehalt des Reparierens von Kühlschränken ist in Reichs mysteriösem (und irgendwie unpassenden) Begriff „Arbeitsdemokratie“ aufgehoben.

Sie selbst schrieben mir mal über sich: „Als Resultat meines gewiss langen Studiums des Reich’schen Werkes auf der Basis meiner Herkunft aus der arbeitenden/realistischen Sphäre ist LSR entstanden. Mein Verhältnis zum Komplex Philosophie ist vielleicht vergleichbar mit dem, das Reich zum Komplex Neurose hatte. Reich begab sich in diesen Unrat nicht, weil er sich dort — wie Freud et al. — wohl und heimisch fühlte…“ Reich fühlte sich in der „arbeitenden/realistischen Sphäre“ heimisch! Und deshalb kann man die Arbeit des Psychiaters und Internisten nicht so einfach als irrelevant wegwischen!

(…)

BAL: Aber (drei deutsche Reichianer)…  Aaaarrrggghh.

Die Schuttschicht auf Reichs Grab wird immer dicker (statt dass Schichten des Reich-gemachten „Palimpsests“ abgetragen werden).

PN: Eva Reich hat all diese Leute ja tatkräftig unterstützt – damit Reichs Name nicht verlorengeht.

BAL: Das lag ganz auf der Linie, dass sie die Nachlassverwaltung an Higgins gegeben hat. (Ob sie selbst weniger schädlich gewirkt hätte, muss freilich dahingestellt bleiben).

PN: Entweder hätte sie alles freigegeben – und dabei obskure Figuren bevorzugt. Oder, was ich eher glaube, sklavisch die Anweisungen ihres Vaters befolgt: das bereits Veröffentlichte unverändert neu herausgeben – und ansonsten die Archive bis 2007 geschlossen gehalten. – Und während dessen auf Orgonon allen möglichen Unsinn getrieben….

BAL: Reichs Name wurde jedenfalls bekannt, aber alles, wofür er steht oder stehen könnte, wurde um so effektiver verschüttet, zu einem grossen Teil auch durch Evas Herumtingeln in aller Welt, wo sie unter Missbrauch der Autorität ihres Namens ein verwaschenes Reich-Bild an viele „Multiplikatoren“ vermittelt haben wird. In Brasilien hat sie auch ihre fans.

PN: Besonders fatal sind Geschichten wie: Auf der Fahrt nach Arizona sprach mein Vater zu mir über Selbsrregulierung und daß sich die Leute von Ärzten unabhängig machen und sich selbst therapieren sollen. – Und daraus macht Eva dann eine Rechtfertigung für all die Geschäftemacher, die ohne die Last eines Studiums und einer Ausbildung auf sich genommen haben, nach ein paar Wochendseminaren als „Reich-Therapeuten“ auftreten. Und was meinte Reich? Das genaue Gegenteil: die Verhinderung einer „Therapie-Szene“.

Wirklich was aus Reichs Anregung zu machen, ist sie mangels eigener Orgontherapieausbildung unfähig. Wie (Richard) Schwartzman mir mal sagte: Ich kann den Patienten nicht helfen! Wie soll ich das tun? Die können sich nur selbst helfen. Ich kann allenfalls assistieren. Was Sie hier auf meiner Couch für viel Geld machen, könnten Sie ebensogut selbst zu Hause machen. Aber Sie werden es nicht tun! – Er hatte recht.

Ein neues „Do-it-yourself-Buch“? Nein, natürlich nicht. Aber ein neues Bewußtsein dessen, was man sich selbst antut: das ewige Weglaufen vor dem Wesentlichen. Aber genau das wäre Eva und Konsoren unerträglich, denn die Sache wäre nicht mehr „frei“ und „bunt“ UND „demokratisch“, sondern FOKUSSIERT. Die Reich-Szene, die maßgebend von Eva kreiert wurde, ist genau das, was zu heilen sie vorgibt: Flucht vor dem Lebendigen.

Warum initiiert der Orgontherapeuten-Ausbilder nicht sowas, was Reich angeregt hat? Weil das dann sofort als „Manual“ von xyz und anderen ausgenutzt werden würde.

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 18. Der Kult der Orgonomie

7. Januar 2023

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 18. Der Kult der Orgonomie

David Holbrook, M.D.: Zittern vor Liebe

3. Januar 2023

DAVID HOLBROOK, M.D.:

Zittern vor Liebe

David Holbrook, M.D.: SEX UND LIEBE IN EINEM FALL VON PARANOID-SCHIZOPHRENEM CHARAKTER (Teil 2)

29. November 2022

DAVID HOLBROOK, M.D.:

Sex und Liebe in einem Fall von paranoid-schizophrenem Charakter

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 18)

12. September 2022

In ihrem Aufsatz „No Man Is an Island: The Individual and Society from an Orgonomic Viewpoint“ (The Journal of Orgonomy Vol. 43, No. 1, Spring/Summer 2009, S. 39-55) setzt sich die orgonomische Psychologin Virginia Whitener u.a. mit einem bisher unveröffentlichten Manuskript von Charles Konia aus dem Jahre 2007 auseinander: Functional PaleoAnthropology: The Origin of Human Armor.

Als vor vier oder fünf Millionen Jahren der Vormensch das aufrechte Gehen, seine Sprechwerkzeuge und den opponierbaren Daumen entwickelte, blieb das Gehirn vorerst etwa gleich groß wie zuvor. Die Funktion war zuerst da, die sie „steuernde“ Struktur kam erst später hinzu! Das „Erfassen“ von Gegenständen und das „Erfassen“ von Ideen erregten sich gegenseitig bioenergetisch. Ähnlich beim Sprechapparat: durch die Fähigkeit der Vokalisation entwickelte sich die Sprache und damit das Denken.

Durch die Steigerung der Erregungs- und Wahrnehmungsfunktion erhöhte sich die orgonotische Ladung des Gehirns. In Die kosmische Überlagerung hatte Reich Anfang der 1950er Jahre spekuliert, daß der Mensch sich abgepanzert habe, als er sich seiner Wahrnehmung bewußt wurde, sich selbst zum Objekt seiner Beobachtung machte und darüber strauchelte.

Konia zufolge ist die Vokalisation ein ähnlich wichtiger Faktor, denn mit ihr geriet die Atmung unter bewußte Kontrolle. Durch die „Atemsperre“, den zentralen Mechanismus der Panzerung, konnte der Mensch seine Angst, die mit der Selbstwahrnehmung einherging kontrollieren.

Entsprechend ist es kein Zufall, daß in der Orgontherapie die Sprache eine solch zentrale Rolle spielt („Charakteranalyse“) und je nach der Schwere der Augenpanzerung zuerst diese oder die Atemsperre angegangen wird. Neurotiker verharren in einer festgehaltenen Inspirationshaltung, d.h. die Atmung bleibt panikartig in der Einatmungsphase stecken („Schreckreaktion“), um das vegetative Zentrum mit Energie zu versorgen, während die mit Hingabe und Öffnung verbundene Ausatmung unterdrückt wird. Durch Mobilisierung der geregelten Atmungspulsation in der Orgontherapie soll das Energieniveau auch der Peripherie wieder gehoben werden, um den Schockzustand des Organismus (Kontraktion) und damit die Panzerung beheben zu können.

Nachdem Kontakt („Bewußt-Sein“) hergestellt ist, wird die Atemsperre meist zuerst gelöst (d.h. was die ganze Therapie betrifft, aber auch in jeder einzelnen Sitzung), um den Organismus zunächst einmal energetisch aufzuladen. Das Brustsegment als Sitz von Herz und Lunge bezeichnet Morton Herskowitz als „die hauptsächliche Bewegungsquelle des Energieniveaus des Körpers“ („The Segmental Armoring“, Annals of the Institute for Orgonomic Science, 4(1), September 1987, S. 66-87).

Wenn man diese Überlegungen (insbesondere aber Reichs betreffende Ausführungen in Die kosmische Überlagerung) Revue passieren läßt, wird unvermittelt deutlich, was Orgontherapie imgrunde überhaupt ist: es geht um unsere Existenz als Mensch per se. Nicht einfach wir liegen auf der Matratze: es geht um die Geschichte des Tiers Mensch, um die Spezies Homo sapiens, um die Menschheit und ihr Sein im kosmischen Orgonenergie-Ozean.

Bis vor kurzem glaubte man, daß die Sprache den Menschen auszeichne, doch nachdem man Hunden, Affen und Papageien über das Antippen von Symbolen, Gebärdensprache und Papageien sogar über Vokalisation beachtliche Wortschätze von über tausend Worten beibrachte, also Sprache auf alltäglichem Konversationsniveau, begann selbst diese scheinbar letzte Grenze zu bröckeln. Immerhin gibt es aber eine letzte Hürde, die die menschliche Einmaligkeit sichert: die Grammatik, also die Fähigkeit sich über einfachste kurze Aussagensätze hinaus zu verständigen und abstrakte Sachverhalte darzustellen und zu entwickeln. Was ist Grammatik? Mustererkennung und das selbständige Anwenden dieser Muster, die sich irgendwann in der Sprachgemeinschaft herauskristallisiert haben.

Interessanterweise entstehen ständig neue Sprachen („Pidgin“), etwas auf Neuguinea, wenn vorher isolierte Völker sich etwa auf Indonesisch und Englisch verständigen müssen. Es ist immer wieder faszinierend, wie sich, ohne daß es eine erkennbare „Führung“ gibt, spontan eine vollkommen neue Grammatik herausbildet, die manchmal gar nichts mehr mit den Ursprungssprachen zu tun hat. Das ist wirklich ein Wunder der Arbeitsdemokratie: die organische Selbstorganisation der Gesellschaft. Bewußtsein ist untrennbar mit unserer Existenz als Gruppenwesen verbunden.

Wir kontrollieren unsere Atmung, um sprechen zu können – und legen damit die Grundlage unserer Panzerung. Und wir filtern die Welt durch ein Netz von Regeln – und legen damit die Grundlage der Emotionellen Pest („Vor-Urteile“). Berühmt ist Nietzsches Satz aus der Götzen-Dämmerung, wir würden Gott solange nicht los, wie wir noch an die Grammatik glaubten. Das letztere versucht die woke Sprache aufzuheben, indem die Gesetze der Grammatik systematisch zerstört werden, um ja niemanden irgendwelche „Muster“ überzustülpen. Das ganze erinnert an Wittgenstein, an Zen und nicht zuletzt an Stirner, d.h. die angestrebte Rückkehr zum authentischen „unsagbaren“ Ich, indem man die Sprache (und damit letztendlich die Panzerung) selbst überwindet.

Stirner antwortete seinen Kritikern:

Stirner nennt den Einzigen und sagt zugleich: Namen nennen dich nicht; er spricht ihn aus, indem er ihn den Einzigen nennt, und fügt doch hinzu, der Einzige sei nur ein Name; er meint also etwas anderes als er sagt, wie etwa derjenige, der dich Ludwig nennt, nicht einen Ludwig überhaupt, sondern dich meint, für den er kein Wort hat.

Was Stirner sagt, ist ein Wort, ein Gedanke, ein Begriff; was er meint, ist kein Wort, kein Gedanke, kein Begriff. Was er sagt, ist nicht das Gemeinte, und was er meint, ist unsagbar.

Antiorgontherapie (Teil 5)

8. Juli 2022

Das Wilhelm Reich Museum in Rangeley, Maine hält im August eine Konferenz ab, in der die Antiorgontherapie promoted wird – im Namen Wilhelm Reichs. Das reicht (u.a.!) von Charles Kelleys „Radix-Therapie“, über Alexander Lowens „Bioenergetik“ und John Pierrakos „Core-Therapie“ bis zu Gerda Boysens „Biodynamik“ und David Boadellas „Biosynthese“ und kulminiert in der famosen „deutschen Orgontherapie“, die Heiko Lassek meiner unverifizierten Theorie nach… lassen wir’s…

Ich bin auf diesen ganzen Komplex in „Reichianische Bücher“ (hier, hier und hier) bis zum Überdruß eingegangen, deshalb hier nur kurz: statt die „inneren Hierarchien“ (Fremdbestimmung, Über-Ich, Panzerung) abzubauen, werden neue errichtet (Political Correctness, Spiritualität, etc.), die Charakterstruktur wird an die antiautoritäre Gesellschaft angepaßt (Verstärkung der okularen Panzerung, Triebgehemmtheit wird durch Triebhaftigkeit ersetzt) und es wird systematisch verschleiert, daß es jeweils nur EINE korrekte therapeutische Intervention geben kann und deshalb nur EINE Orgontherapie. Mehrere „Schulen“ als mögliche Alternativen vorzustellen, ist von vornherein Emotionelle Pest. Mit Wilhelm Reich hat diese ganze Kackscheiße nichts, aber auch rein gar nichts zu tun!

Die Orgonomen des American College of Orgonomy haben sich wiederholt mit den „Reichianischen” Körpertherapien auseinandergesetzt, seien diese nun eher mechanistisch orientiert, wie die „Bioenergetik” von Alexander Lowen, oder mystisch, wie das „Core Energetics” von John Pierrakos. Ihnen allen gemeinsam seien verschwommene Therapieziele. Statt einfach nach und nach und vor allem systematisch den Panzer zu beseitigen (jeder einzelne Teil des Panzers hat eine Funktion!), solle „Energie in Bewegung gebracht werden“ oder „die Balance der Körperenergie soll wiederhergestellt werden“. Die Reichianischen „Therapeuten“ folgten ihrer „Intuition“ und erzeugten regelmäßig chaotische therapeutische Situationen.

Und was die Orgontherapie (bzw. was sich so nennt!) selbst betrifft gibt es meines Erachtens, d.h. auf Grundlage eigener Beobachtungen an mir und anderen Patienten, fünf Kennzeichen, die auftreten, wenn etwas grundlegend schiefläuft:

  1. wird die Energie des Patienten von den realen Anforderungen des Alltags abgezogen und auf obskurantistische Nabelschau, „spirituelle Krisen“, religiöse Sehnsüchte, etc. abgelenkt (Ersatzkontakt statt Kontakt);
  2. werden zeitweise Lösungen eröffnet, die das charakterliche Grundproblem nur noch weiter verkleistern und noch unzugänglicher machen, so daß sich die charakterlichen Probleme untergründig nur noch weiter verfestigen;
  3. bindet sich der Patient zu stark an den Therapeuten (Ersatzkontakt), was das eigentliche Ziel der Therapie untergräbt, nämlich die Selbst-Steuerung;
  4. dazu gehört auch, daß sich durch ständige Interventionen des Therapeuten der Eindruck verfestigt, daß Erfolge auf den Therapeuten zurückgehen, während tatsächlich der Patient selbst an sich arbeitet (bzw. arbeiten sollte);
  5. wird der Patient viel zu schnell auf ein zu hohes Energieniveau gehoben, auf dem er weder adäquat funktionieren kann, noch das er mittelfristig aufrechterhalten kann, was schließlich zur Resignation führt.

Auf diese Weise wird mittelfristig Verwirrung und heimlicher Groll gegen die Orgonomie hervorgerufen, da die therapeutischen Interventionen strukturell einfach nicht greifen.

Orgontherapie ist nicht, halbnackt auf einer Matratze liegen und wie ein Irrer strampeln und schreien! Orgontherapie ist sich seinen Ängsten im Alltag stellen und zu handeln, obwohl man Angst hat. Es ist vollkommen lächerlich zu glauben, daß man durch irgendwelche „Techniken“ auf quasi magische Weise „entpanzert“ wird, um dann ein glückliches Leben zu führen. Warum man denn dann überhaupt einen Orgontherapeuten aufsucht? Damit der einen mit der eigenen Kontaktlosigkeit in Kontakt bringt – nicht damit er neue und effektivere Arten von Ersatzkontakt bereitstellt.

Ein Beispiel wäre beispielsweise eine Hysterikerin, die vom Therapeuten ummuttert bzw. „umvatert“ wird, um Verletzungen aufgrund ihrer „Frühstörung“ zu heilen, und deren vorgeblich „spirituellen Krisen“ er hilft zu bewältigen. Statt ihr ständiges charakter-strukturelles Weglaufen anzugehen, wird es unterstützt und weiter verfestigt. Egal wieviel „Charakteranalyse“ und „biophysische Arbeit“ hier auch immer geleistet wird, so etwas als „Orgontherapie“ zu bezeichnen ist schlichtweg absurd!

Ein untrügliches Zeichen dafür, daß etwas grundsätzlich falsch läuft, ist ein narzißtisches Auftreten sowohl des Therapeuten als auch seiner Patienten. Ein echter Orgontherapeut spielt niemals eine Rolle, sondern er ist im besten Sinne des Wortes „ein ganz normaler Mensch“. Das gleich trifft auf Patienten zu, die so tun, als wären sie ob ihrer „Umstrukturierung“ etwas besseres als wir, das gemeine Volk. Groteskerweise ist es genau umgekehrt: Neurotiker umgeben sich mit Auren („Ich bin ein Denker!“, „Ich bin etwas besseres!“, „Ich bin ein Akademiker!“, „Ich habe den Durchblick!“, etc.), während gesunde Menschen schlichtweg sie selbst sind: Menschentiere!