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Die Wirkungsweise der emotionalen Pest (Teil 7)

21. Januar 2019

von Paul Mathews, M.A.

Nun schließt sich der Kreis zur ursprünglichen Frage, wie wir mit der emotionalen Pest umgehen sollen, denn es gibt keine wichtigere Frage in unserer Existenz. Es ist keine leicht zu beantwortende Frage, denn die Pest ist so allgegenwärtig, so gut organisiert, im Außen und innerhalb der Charakterstrukturen der gepanzerten Kleinen Männer, dass bloße vorschriftsartige Rezepte mikroskopisch klein wirken. Die dem Menschen gestellte Aufgabe ist in der Tat gigantisch, wie Reich sagte, und die Flucht in Illusionen ist damit nachvollziehbar, aber sie muss um jeden Preis vermieden werden. Immer müssen wir am Anfang beginnen und mit der Hoffnung und sogar dem Glauben arbeiten, dass die gutartige Natur der uranfänglichen kosmischen Orgonenergie ultimativ triumphieren wird. Im unmittelbaren und praktischen Sinne, um die Dinge voranzubringen und eine endgültige Katastrophe zu verhindern, täten wir gut daran, einigen von Reichs Vorschlägen zu folgen, wie sie hier paraphrasiert werden:

  1. Enthülle die Mechanismen der emotionalen Pest – wie es diese Abhandlung versucht – und sequestriere sie, wo immer es möglich ist. Sei standhaft und mutig.
  2. Sei immer selbstkritisch, inwiefern wir selbst die emotionale Pest unterstützen und begünstigen, sei es aktiv oder durch Duldung.
  3. Lerne Ehrlichkeit und Anstand von raffinierter und durchtriebener Listigkeit zu unterscheiden.
  4. Schütze Kinder wann und wo immer du es rational kannst vor sexuellen Schuldgefühlen auf der einen und zügellosen Entstellungen auf der anderen Seite.
  5. Helfe auf rationale Weise andere von ihrem sexuellen Schuld- und Angstgefühl zu befreien, aber bekämpfe die Pornografie und fördere keine Perversion.
  6. Lerne mit Gegenwahrheiten umzugehen, denn die Pest benutzt allzu oft die Wahrheit, um das Gegenteil zu erreichen. Reich sagte: „Es gibt entscheidende GEGENWAHRHEITEN, die gegen ein Eindringen der Wahrheit geschützt werden müssen“ (3, S. 201)x. Der Freiheitskrämer ist der Erzvertreter des entsprechenden Missbrauchs der Wahrheit. Er ist es, der fruchtlose „Revolutionen“, Drogenkulturen, unnötige Kriege oder Verlust an Menschenleben, Selbstmorde, Anarchie und Chaos usw. hervorbringt. Er ist es, der ein freieres und besseres Land für seine unausgereiften rot-faschistischen „Ideale“ und Pest-Motive verraten und verkaufen würde. Um Reich weiter zu zitieren:

    Je besser die Gegenwahrheit verstanden wird, auf umso sichererem und soliderem Boden steht die Wahrheit. Und um die Gegenwahrheit zu finden, muss man oft den „Advocatus Diaboli“ spielen, sich mit dem Feind identifizieren und wie ein Schuft empfinden. . . . Die Gegenwahrheit ist manchmal grausamer als es je irgendeine Wahrheit sein könnte; sie ist jedoch gleichzeitig produktiver, wenn es um die letztendliche Verwirklichung der Wahrheit geht (3, S. 203)y.

  7. Reich hat erklärt, dass die emotionale Pest „den Polizeiknüppel notwendig macht. . . sie [aber] niemals mit dem Polizeiknüppel bewältigt werden [wird]“ (1, S. 249) z. Was möglicherweise sie schließlich meistern wird, ist eine zukünftige neue Generation genital gesunder Kinder, die in der Lage sind, rational und erfüllend zu lieben und zu funktionieren. Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um auf dieses Ziel hinzuarbeiten, mit all der Verantwortung und Liebe, die wir aufbringen können. Wie Reich so stichhaltig ausführte:

    Der Pädagoge der Zukunft wird systematisch (nicht mechanisch) das tun, was jeder gute und aufrichtige Pädagoge heute tut: Er wird das lebendige Leben im Kind spüren, er wird seine besonderen Qualitäten erkennen und deren Entfaltung zur vollkommenen Blüte fördern. Solange die gesellschaftliche Anstrengung sich in so überwältigendem Maße gegen diese dem Menschen angeborene Fähigkeit zum lebendigen Ausdruck der Gefühle richtet, wie sie es gegenwärtig tut, steht der wahre Pädagoge vor einer doppelten Aufgabe: Er muss den natürlichen Ausdruck der Gefühle, die sich ja bei jedem Kind anders äußern, erkennen können, und er muss lernen, mit dem engeren und weiteren sozialen Umfeld fertigzuwerden, das sich diesen Zeichen des Lebendigseins in den Weg stellt. . . . Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass die Entwicklung langsam und schmerzhaft sein wird und dass sie uns viel abverlangt. Die emotionale Pest wird viele Opfer fordernα.

 

Anmerkungen des Übersetzers

x Christusmord, Zweitausendeins, S. 337.

y Christusmord, Zweitausendeins, S. 339f.

z Charakteranalyse, Kiepenheuer & Witsch 1989, S. 331.

α The Murder of Christ, Farrar, Straus and Giroux, Sixth printing, 1971, S. 8.
Christusmord, Zweitausendeins, S. 27.

 

Literatur

1. Reich, W.: Character Analysis. New York: Orgone Institute Press, 1949
Paperback edition, Noonday Press, New York

3. Reich, W.: The Murder of Christ. Orgone Institute Press, 1953

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 9 (1975), Nr. 2, S. 206-218.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Psychotherapie und das Projekt „Kinder der Zukunft“

26. Oktober 2018

In Kinder der Zukunft (Gießen, 2018) beschreibt Reich den „perfekten Kontakt“ seines Sohnes Peter als Kleinkind. „David“ so heißt er im Buch, lebt aus dem Kern heraus, ist „transparent“, durchlässig. Er ist ehrlich, aufrichtig, direkt, bescheiden und freundlich. Reich fährt fort: „Wir haben bereits solche Eigenschaften bei biopathisch Erkrankten [im Verlauf der Heilung] aus der Tiefe aufsteigen sehen. Jetzt finden wir das Gleiche in natürlich heranwachsenden Kindern“ (S. 41).

Die Worte, die ich nachträglich in eckige Klammern gesetzt habe, stammen nicht von Reich selbst, sondern sind eine Erfindung des Übersetzers, werden aber Reichs Intention entsprechen. Die Qualitäten, die das ungepanzerte Kind mitbringt und im Laufe der Zeit entfaltet, tauchen auch im Verlauf einer regelgerechten psychiatrischen Orgontherapie auf. Das „Kind der Zukunft“ ist in uns verschüttet, ähnlich wie die Arbeitsdemokratie am Grunde des Kapitalismus fortwirkt. Wenn wir arbeiten, haben wir automatisch Anteil an der Gesundheit. Wir werden Teil der Gemeinschaft aller Arbeiter. Wenn wir in Orgontherapie gehen, öffnen wir die Tür zu den „Kindern der Zukunft“. Entsprechend behandeln Orgontherapie-Patienten ihre Kinder anders – sie empfinden Solidarität mit ihnen.