Posts Tagged ‘Psychotherapie’

Wahrheit und Gegenwahrheit in der klinischen Situation (Teil 2)

14. Juli 2019

von David Holbrook, M.D.

 

Es gibt einen Grund für das Vorhandensein der Abwehr, eine „Gegenwahrheit“, die vom Therapeuten zumindest intuitiv wahrgenommen werden muß, um Fehler in der Behandlung zu vermeiden, die dem klinischen Äquivalent dessen entsprechen, was Reich in einem soziologischer Kontext als „Freiheitskrämerei“ bezeichnet hat. Mit anderen Worten, wenn der Therapeut aufgrund seines kontaktlosen therapeutischen Über-Ehrgeizes die Art der Abwehr des Patienten und die Gründe, warum diese vorhanden ist, nicht wahrnimmt und nicht mit ihr in Kontakt kommt; wenn der Therapeut die Gegenwahrheit der Abwehr des Patienten nicht wahrnimmt, dann besteht die Gefahr, den Patienten zu schädigen und die Therapie zu sabotieren, und zwar durch eine Art „Therapiekrämerei“ oder „Kernkrämerei“ bzw. „Gesundheitskrämerei“. UM ZU VERSTEHEN, WARUM EIN ORGANISMUS NICHT FREIHEITSFÄHIG IST, ALSO UM KEIN FREIHEITSKRÄMER ZU SEIN, MUSS MAN VERSTEHEN, WARUM EIN ORGANISMUS ES VORZIEHT, OHNE FREIHEIT UND KONTAKT ZU LEBEN. VON DAHER KANN DIE WAHRNEHMUNG DER GEGENWAHRHEIT IN MANCHEN ZUSAMMENHÄNGEN DIE ESSENZ VON KONTAKT SEIN und verhindern, daß der Therapeut ein „Kontaktkrämer“ wird.

Genauso wie Reich empfahl, daß das Angehen der Abwehrstruktur des Patienten dessen zugrundeliegende gesündere Kernimpulse spontan befreien würden, indem die Hindernisse für ihren Ausdruck beseitigt werden, und genauso wie er empfahl, daß das Verständnis der Gegenwahrheit ein wesentlicher erster Schritt auf der Suche ist, der Wahrheit zu erlauben, das menschliche Leben spontan zu regieren, empfahl er auch, daß, damit sich die gesunden Kernimpulse auf der soziologischen Ebene ausdrücken können, zunächst die Hindernisse angegangen werden müssen, die die Emotionelle Pest einem gesunden natürlichen Ausdruck im den Weg stellt. DIE GESUNDEN KERNIMPULSE, SOWOHL AUF DER INDIVIDUELLEN ALS AUCH AUF DER GESELLSCHAFTLICHEN EBENE, WERDEN SICH SELBST REGIEREN UND IN EINER SPONTANEN WEISE ENTWICKELN, WENN DIE HINDERNISSE ENTFERNT WERDEN:

„Wir sollten uns … vor allem auf die Pest und nicht auf die Wahrheit konzentrieren und in erster Linie der Dürre und dem Frost vorbeugen, anstatt darauf zu achten, was der Sämling macht oder machen könnte. Der Sämling wird seinen Weg zur lebensspendenden Sonne finden. … Man braucht nicht auf die ersten Gehversuche eines Kindes achtzugeben, sondern auf den Stein oder den Abgrund auf seinem Wege.“ (Reich 1953, S. 313)

Diese Aussagen zur Gegenwahrheit und zur Pest haben direkte klinische Relevanz. Wie Konia und Harman gesagt haben: „Die Emotionelle Pest ist unser Patient.“ (Konia 2014). „Sequestration und Beseitigung der Pest durch die Lebensfunktionen … ist letztlich die beste Beschreibung der Aufgabe des Therapeuten.“ (Harman 2012). Reich erklärte: „Die Technik der Charakteranalyse zielte grundsätzlich darauf ab, die stagnierende, in der Panzerung, in der ‘mittleren Schicht’ der Charakterstruktur enthaltende Energie zu mobilisieren.“ (1955, S. 464) und wie Dr. Harman ausführt: „Aus Reichs Beschreibungen (1949, 1953) … wird deutlich, daß die sekundäre Schicht … als strukturierte Form der Emotionellen Pest innerhalb des gepanzerter Organismus verstanden werden kann.“ (2012, S. 37)

Zusammenfassend bedeutet die erfolgreiche Bekämpfung der Abwehr des Patienten ein Verständnis der Gegenwahrheit innerhalb des Patienten, und die Gegenwahrheit und die von ihm aufgewandte Abwehr sind letztlich eine Funktion der Emotionellen Pest. In diesem Sinne sind charakteranalytische und orgon-biophysikalische Techniken Methoden, um die Gegenwahrheit und deren ultimative Ursache, die Pest, bei individuellen Patienten auszumachen und zu eliminieren.

Während unseres ganzen Lebens führen wir alle einen Kampf auf Leben und Tod. Um uns sicher zu fühlen oder unerträglichen Ängsten oder Gefahren zu entgehen, opfern wir oft die ganze Palette unserer Lebendigkeit und unserer emotionalen Freiheit, sogar unserer körperlichen Gesundheit.

Der Panzer beengt und bewahrt das Leben. Er ist Teil der Natur und es gibt ihn aus einem Grund. Wenn wir als medizinische Orgontherapeuten den Panzer stören, sollten wir alle Anstrengungen unternehmen, um sicherzustellen, daß wir verstehen, was wir da tun: wir beeinflussen die Natur tatsächlich und unsere Interventionen haben Konsequenzen.

Wieviel Lebendigkeit verträgt ein Patient? Wird das Ergebnis der Störung des Panzers durch den Therapeuten immer für den Patienten von Nutzen sein?

Ich denke, es ist schwer zu sagen, wieviel Lebendigkeit ein bestimmtes Individuum erfahren „sollte“. Der medizinische Orgontherapeut muß das Gleichgewicht zwischen Lebendigkeit und Sicherheit sorgfältig abschätzen, er muß die Funktion des Panzers verstehen, seine Gegenwahrheit. Das ist die Essenz des Kontakts zwischen Therapeut und Patient.

 

Literatur

  • Crist P 2013-2014: klinische Seminare des ACO und private Supervision
  • Harman R 2012: Clinical Applications of Reich’s Work with Impulsive Characters: The Ego, Ego-Ideal, Superego and the Id. The Journal of Orgonomy 46(1):20-47
  • Holbrook D 2009: “Word Language”: Character Analysis in the Early Stages of Medical Orgone Therapy. The Journal of Orgonomy 43(1):33-38
  • Holbrook D 2011: A Schizophrenic Approaches the Couch. The Journal of Orgonomy 44(2):7-21
  • Holbrook D 2012: “Not So Fast”: The Treatment of a Paranoid Schizophrenic Character. The Journal of Orgonomy 46(1):53-62
  • Holbrook D 2013: Sex and Love in a Case of Paranoid Schizophrenic Character. unveröffentlichtes Manuskript
  • Konia C 1981: Hazards of Body Therapies: Three Case Studies. The Journal of Orgonomy 15(1):64-73
  • Konia C 2004: Applied Orgonometry Part III: Armored Thought. The Journal of Orgonomy 38(2): 93-100
  • Konia C 2014: 2. März 2014, klinisches Seminar, Amercian College of Orgonomy Training Program
  • Reich W 1949: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989
  • Reich W 1953: Christusmord, Freiburg: Walter-Verlag, 1978
  • Reich W 1955: Die emotionale Wüste. In: Ausgewählte Schriften, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1976
  • Wolfe TP 1949. In: Reich W: Character Analysis, Third, enlarged Edition. New York: Orgone Institute Press

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Liebe und Orgasmusangst bei einem paranoid-schizophrenen Charakter (Teil 6)

24. Juni 2019

von David Holbrook, M.D.

Schlußfolgerung

George hat gesagt, daß die emotionalen Ereignisse in seiner oben beschriebenen sexuellen Beziehung die tiefsten „therapieartigen“ Erfahrungen sind, die er jemals gemacht hat. Er hat das Gefühl, daß er in der Liebesbeziehung zu Angela in die Lage versetzt wird, noch tiefer zu gehen, als dies normalerweise in der formalen therapeutischen Situation in meinem Büro möglich ist. Auf der anderen Seite ist es die Therapie und sowohl die tiefe nonverbale als auch die verbale Arbeit, die es ihm ermöglicht hat, diese tiefen Erfahrungen in seiner Liebesbeziehung zu ertragen und mit ihnen in Kontakt zu treten und diese Erfahrungen zu nutzen, um in Richtung Gesundheit zu wachsen.

George und Angela bemühen sich, ihren eigenen einzigartigen Weg zur tiefsten Liebesbeziehung zu finden, die sie tolerieren können. Dabei folgen sie, soweit es ihnen möglich ist, dem Rat von Reich:

„Es gibt nur eine, allgemein gültige Regel, wie man die eigene, besondere Wahrheit finden kann: Lernen, geduldig in sich hineinzuhorchen und sich so Gelegenheit geben, den eigenen Weg zu finden, der zu einem selbst und zu niemandem sonst gehört. Dies führt nicht ins Chaos oder in wilden Anarchismus, sondern letztendlich in den Bereich, wo die gemeinsame Wahrheit für alle verwurzelt ist. (…) Daher sind auch die grundlegenden Wahrheiten in allen Lehren der Menschheit die gleichen; sie laufen alle auf das Eine hinaus: den eigenen Weg zu finden zu dem, was man fühlt, wenn man liebt oder schöpferisch tätig ist, wenn man sich sein Haus baut, wenn man seine Kinder zur Welt bringt oder nachts zu den Sternen schaut.“ (Reich 1953, S. 311f)

[Weitere Informationen finden sich bei Holbrook 2013.]

 

Literatur

  • Baker EF 1967: Der Mensch in der Falle, München: Kösel, 1980
  • Hamilton AE 1997: My Therapy With Wilhelm Reich (Part I). The Journal of Orgonomy 31(1):3-21
  • Holbrook D 2013: Sex and Love in a Case of a Paranoid Schizophrenic Character. unveröffentlichtes Manuskript
  • Holbrook D 2014: Truth, Countertruth, and the Emotional Plague in the Clinical Situation. unveröffentlichtes Manuskript [erscheint demnächst im NACHRICHTENBRIEF]
  • Holbrook D 2015: Orgonotic Functions in the Clinical Situation: The Bioenergetic Unity of Psyche and Soma. unveröffentlichtes Manuskript
  • Konia C 2000: Orgonotic Contact Part II. The Journal of Orgonomy34(2):50-59
  • Konia C 2004: Applied Orgonometry II: The Origin and Function of Thought. The Journal of Orgonomy 38(1):100-111
  • Reich W 1927: Genitalität, Köln: KiWi, 1982 [Ursprünglich 1927 mit dem Titel Die Funktion des Orgasmus veröffentlicht. Das ist ein komplett anderes Buch als das von 1942 mit dem gleichen Namen.]
  • Reich W 1935: Die sexuelle Revolution, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1971
  • Reich W 1942: Die Funktion des Orgasmus, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1972
  • Reich W 1949a: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989
  • Reich W 1949b: Processes of Integration in the Newborn and the Schizophrenic. Orgonomic Functionalism 6, 1996. Rangeley, Maine: The Wilhelm Reich Infant Trust
  • Reich W 1950: Orgonomic Functionalism, Part II. Orgone Energy Bulletin 2(1):1-15, New York: Orgone Institute Press
  • Reich W 1951: Die kosmische Überlagerung, Frankfurt: Zweitausendeins, 1997
  • Reich W 1953: Christusmord, Freiburg: Walter-Verlag, 1978

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Bist du auf der Suche nach dir selbst?

14. Juni 2019

Millionen sind auf der Suche nach sich selbst. Manche reisen um die ganze Welt, „um sich zu finden“. Keiner sieht, daß sein Selbst hinter einer Mauer aus Angst und Terror verborgen ist und daß „die Suche nach sich selbst“ in Wirklichkeit nur die lebenslange Flucht vor dieser Furcht und diesem Schrecken ist. Einzig und allein in der Orgontherapie durchschreiten Menschen die besagte „Mauer“, die Panzerung.

 

 

 

David Holbrook, M.D.: DER WEG EINES ORGONOMEN ZUR ORGONOMIE

29. Mai 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Der Weg eines Orgonomen zur Orgonomie

 

David Holbrook, M.D.: ERGEBNISSE DER ZEITGENÖSSISCHEN NEUROWISSENSCHAFT UND PSYCHOTHERAPIE, DIE PARALLELEN ZUR ORGONOMISCHEN PERSPEKTIVE AUFWEISEN

22. Mai 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Ergebnisse der zeitgenössischen Neurowissenschaft und Psychotherapie, die Parallelen zur orgonomischen Perspektive aufweisen

 

David Holbrook, M.D.: EMOTIONEN SPRECHEN LAUTER ALS WORTE

12. Mai 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Emotionen sprechen lauter als Worte

 

Bewusstseinserweiternde Drogen – Gefahr oder Zeitvertreib? (Teil 5)

31. März 2019

Barbara G. Koopman: Bewußtseinserweiternde Drogen – Gefahr oder Zeitvertreib?

Bewusstseinserweiternde Drogen – Gefahr oder Zeitvertreib? (Teil 4)

29. März 2019

Barbara G. Koopman: Bewußtseinserweiternde Drogen – Gefahr oder Zeitvertreib?

Bewusstseinserweiternde Drogen – Gefahr oder Zeitvertreib? (Teil 2)

26. März 2019

Barbara G. Koopman: Bewußtseinserweiternde Drogen – Gefahr oder Zeitvertreib?

Der Hauptunterschied zwischen den „Reichianischen“ „Therapien“ und der Orgontherapie

18. März 2019

Die Techniken der Orgontherapie sind einfach. Sie sind einfach zu „erlesen“ und, als Patient, abzuschauen. Und schon macht man sich daran „Patienten“ zu „behandeln“. Es gibt weltweit zigtausende solcher „Therapeuten“. Sie verabreichen diese „Techniken“ auf eine mechanische Weise, haben keine Ahnung von den Grundlagen der Orgontherapie, wissen nichts von Charakteranalyse und Orgonometrie, können keine biopsychiatrische Diagnose stellen, etc. Aber das sind nur die Werkzeuge und die Kenntnis ihres korrekten Gebrauchs, der alles entscheidende Unterschied ist ein ganz anderer: (bioenergetischer) Kontakt mit dem Patienten aufnehmen und vor allem den Patienten dazu bringen, mit ihm, den Therapeuten, Kontakt aufzunehmen. Ohne diesen Kontakt zwischen Therapeuten und Patienten machen all die „Techniken“, egal wie oberflächlich korrekt sie angewendet werden, überhaupt keinen Sinn.

Intuitiv spürt der „Reichianische“ „Therapeut“ den Mangel an Kontakt und versucht das mit extremem „therapeutischen“ Aktivismus wettmachen (ähnlich wie kontaktlose Paare zu einem ganzen Arsenal von „Sextoys“ greifen, um ihre vermeintliche „Liebe“ zu retten). Mit schier unendlich langen Listen von „Methoden“ versucht er zu zeigen, wie kompetent er doch sei, offenbart aber tatsächlich nur seine Kontaktlosigkeit. Das entscheidende am Kontakt zwischen Therapeut und Patienten ist nicht nur, daß erst so die Techniken richtig angewendet werden können und wirksam sind, sondern auch daß erst dadurch, daß der Patient lernt Kontakt mit dem Therapeuten aufzunehmen, er lernt mit seinem EIGENEN KERN Kontakt aufzunehmen.

Dieses letztere Element ist der Wesenskern der Reichschen Therapie seit den Tagen der Charakteranalyse in den 1920er Jahren. Es geht um Übertragung und damit um die Dramen der frühen Kindheit, die die gegenwärtige Neurose erst erzeugt haben. Es geht um den bioenergetischen Kontakt mit den Eltern, der funktionell identisch ist mit dem Kontakt mit dem eigenen Kern. Wir sind BIOSOZIALE Wesen, keine bloßen Objekte, an denen Pseudotherapeuten ihren kontaktlosen Narzißmus ausleben können.