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Ideologie und das Nichtglaubenwollen (Teil 10)

16. Mai 2020

von Paul Mathews, M.A.

 

Ein rationaler, aus dem Kern heraus Denkender, wäre einer, der aufgrund des notwendigen Grades an Kontakt mit seinem Leben und damit mit der Wahrheit, wie Reich sie definierte, die sekundäre Abwehr durchschauen und spüren kann. Für die meisten Menschen ist es schwierig und schmerzhaft, rational zu denken, denn es bedeutet die Auseinandersetzung mit und das Herablassen der Abwehr, was ernsthafte emotionale und biologische Reaktionen auslöst. Zum Beispiel können Eltern, die wissen, dass die natürliche Sexualität ihrer Kinder geschützt und ihr rationaler Ausdruck erlaubt werden muss, aus unterschiedlichen Gründen Schwierigkeiten haben, diese zu tolerieren: Angst vor den sozialen Konsequenzen, neurotische oder mystische Schuldgefühle, der Qual, sich der eigenen Sehnsucht und sexuellen Unzufriedenheit zu stellen, usw. Doch wenn sie diese Qualen und Schwierigkeiten ertrügen, ohne Martyrium oder Exzesse an Nachgiebigkeit und Zügellosigkeit, würden sie im Interesse ihrer Kinder und langfristig auch im Interesse ihrer selbst rational handeln. In ähnlicher Weise kann das Sehen der Rationalität einer sozialen oder politischen Aktion in unserer Welt, wie z.B. das gewaltsame Zurückschlagen von Terroristen oder das entschlossene Eintreten gegen kommunistische Aggression und Expansion – in welcher Form auch immer – schmerzhafte Reaktionen bei denjenigen hervorrufen, die nicht darauf vorbereitet und nicht an solche Stufen rationaler Aggression gewöhnt sind. Doch wenn sie eine solche Aktion zumindest moralisch unterstützen könnten, wenn nicht durch direktes Handeln selbst, wäre das ein struktureller und biologischer Segen für sie. Damit würde nicht nur die Freiheit gestärkt, sondern sie hätten, wie das schikanierte Kind, das sich endlich gegen seinen Verfolger widersetzt, ihre Männlichkeit und Integrität wiedererlangt. Leider ist es unwahrscheinlich, dass mehr als einige wenige Menschen ohne Therapie zu solchen Veränderungen fähig wären.

Die Ideologie zieht sich also auf unausweichliche Weise durch alle Pfade unserer Existenz und ist als Manifestation der Charakterstruktur nicht nur für das verantwortlich, was wir glauben, sondern auch für das, was wir nicht glauben wollen. Es wurden zahlreiche Werke darüber geschrieben, wie man verstehen kann, warum bestimmte Dinge getan wurden, warum Menschen sich nicht nur gegen augenfällige und objektive Tatsachen handeln – sondern auch gegen ihre eigenen Interessen. Diejenigen, die sich am meisten für die „Bürgerrechte“ engagieren, sind häufig am prominentesten bei der Verteidigung der Kräfte, die diese Rechte am destruktivsten zerstören. Diejenigen, denen der „Frieden“ am meisten am Herzen liegt, unterstützen oder dulden häufig die Aggressionen der unfriedlichsten Kräfte. Diejenigen, die über die Gefahr des nuklearen Holocaust am schrillsten Schreien, scheinen ihre schrille Stimme zu verlieren, wenn sie der größten Bedrohung für das nukleare Gleichgewicht gegenüberstehen. Es wäre witzlos, die zahlreichen Beispiele von Doppelmoral der Ideologiegläubigen der Vergangenheit aufzulisten hinsichtlich der Freien Welt und der kommunistischen Welt.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 21 (1987), Nr. 1, S. 68-83.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Paul Mathews: Ideologie und das Nichtglaubenwollen* (Teil 1)

18. April 2020

von Paul Mathews, M.A.**

 

Das alte Sprichwort „Verwirre mich nicht mit den Tatsachen“ hat eine viel tiefere funktionelle Bedeutung als allgemein verstanden wird. Die Geschichte dieses Planeten ist reich an Beispielen für die tragischen Folgen des Nichtglaubenwollens, das in der Abwehrfunktion des menschlichen Charakters verwurzelt ist. Reiche sind gefallen und unzählige Menschenleben geopfert worden. Große Männer wurden verfolgt, auf dem Scheiterhaufen verbrannt und auf andere Weise zerstört, um das charakterliche Gleichgewicht zu halten. Wir müssen uns nur an die Inquisition, Salem, Hitler und den Holocaust sowie an die gegenwärtigen Holocausts der kommunistischen Welt und des islamischen Fundamentalismus erinnern, um zu erkennen, wie mächtig das Bedürfnis ist, die Sehnsucht nach dem Leben und die Suche nach der Wahrheit zu zerschlagen.

Reich nannte dieses Bedürfnis emotionelle Pest und beschrieb es als „strukturellen Zwang“. So wie die individuelle und organisierte emotionelle Pest das Bedürfnis hatte, die von ihr verfolgten und zerstörten Wirklichkeiten zu verleugnen, so kehrten sich die Menschenmassen selbst ab und weigerten sich, die Natur des Bösen zu sehen, mit dem sie konfrontiert wurde. Darüber hinaus beschwichtigten sie häufig die Pest und identifizierten sich insgeheim mit ihr – oft wendeten sie sich eher gegen das Opfer als gegen den Täter. Um Reich zu zitieren: „Und der Träger der Pest wird von den Prinzipien eines falsch interpretierten Liberalismus unterstützt, dessen Vertreter eine unbewusste Sympathie mit der Pest oder Angst vor ihr haben“ (1)a. Hier hätten wir im zwanzigsten Jahrhundert unsere monumentalen Beispiele von Hitler und die Nazis, gegenwärtig die Kommunisten, ganz zu schweigen von den vielen untergeordneten terroristischen Gruppen und Nationen, die von der rot-faschistischen organisierten emotionellen Pest unterstützt werden. Mit anderen Worten, die lebensnegativen Kräfte, von denen die emotionelle Pest die Apotheose ist, neigen dazu, sich wechselseitig zu steigern in ihrer Abwehr gegen das, was sie nicht tolerieren können – selbst wenn das ihren eigenen Interessen zuwiderläuft.

Gibt es mehr Beispiele für die strukturellen Zwänge der emotionellen Pest?

  1. Das unnatürliche Einschränken von Säuglingen und Kindern.
  2. Zerstörung gesunder jugendlicher Liebe und Sexualität durch Mystik, Unterdrückung, Angst, Pornographie, Drogen oder Zügellosigkeit.
  3. Mechanistische, strafende oder disziplinlose Bildungssysteme oder -verfahren.
  4. Rassismus oder Gegen-Rassismus.
  5. Missbrauch des gesunden Konzepts einer freien Wirtschaft zu Macht– und Ausbeutungszwecken („Raubtierkapitalismus“).
  6. Der Missbrauch der Konzepte des natürlichen Mitgefühls und liebender Gesellschaftlichkeit für die Auferlegung totalitärer Macht und Kontrolle (Kommunismus) oder für die Einschränkung natürlicher Aggression, Konkurrenz und kreativer Produktivität (Sozialismus).
  7. Organisierte Kriminalität.
  8. Organisierte Anti-Kreativität (etwa Bürokratie).
  9. Das Eintreten für und das Unterstützen der pestilenten Weltfeinde gegen die gesündere oder lediglich neurotische Welt (Amerika und der Westen sind immer im Unrecht).
  10. Umweltzerstörung.

Was ist der Sinn all dessen und was müssen wir verstehen, wenn wir jemals den letztendlich tödlichen Auswirkungen dieses „Nichtglaubenwollens“ entgegentreten wollen? Lassen Sie uns zunächst überprüfen, was unter Charakter und Charakterabwehr zu verstehen ist, damit wir ihre Rolle und ihre Wirkung auf das soziale Funktionieren besser einschätzen können.

 

Anmerkungen

* Posthum veröffentlicht, ist dies eine Abschrift des Vortrags von Prof. Mathews auf der Konferenz New Work in Orgonomy, die vom 13. bis 15. Juni 1986 in New York stattfand.

** Ehemals außerordentlicher Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Orgonomischer Berater. Mitglied des American College of Orgonomy. [Anm. d. Übers.: 1924-1986]

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Christusmord, Verlag Ullstein, 1983, S. 330.
The Murder of Christ, Farrar, Straus and Giroux, Sixth Printing, 1971, S. 186.
The Murder of Christ, Orgone Institute Press, 1953, S. 186.

 

Literatur

1. Reich, W.: The Murder of Christ. Rangeley, Maine: Orgone Institute Press, 1953.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 21 (1987), Nr. 1, S. 68-83.
Übersetzt von Robert (Berlin)