Posts Tagged ‘Armut’

Der blinde Fleck der Rechten

6. Oktober 2018

Wir (wer immer das auch sein soll!) können nicht alles Leid aus der Welt schaffen, aber wir können zumindest unnötiges Leid minimieren. Nur Kinder und Linke glauben, man könne etwas tun, ohne dafür einen Preis zu bezahlen. Beispielsweise geht ein Sozialstaat immer mit weniger Freiheit einher und kann nur für eine privilegierte Gruppe gelten, insbesondere für die (um die Worte eines Stückes Scheiße zu verwenden), „die hier schön länger leben“. Rechte vergessen aber gerne, daß dieses Kalkül auch in die andere Richtung geht: ihre Ablehnung von gesellschaftlichen Interventionen ist etwa so vernünftig wie das Vertrauen eines Landschaftsökologen in die Natur angesichts invasiver Pflanzen und Tiere, die einheimische Arten vernichten, und angesichts einer nachhaltig zersiedelten und „flurbereinigten“ Umwelt. „Natürlichkeit“ gibt es hier nur aus Menschenhand.

Irgendwo habe ich mal die Geschichte eines mittelalten rechts-libertären Republikaners aus den USA gehört. Er war immer ein Verächter des europäischen Sozialstaatsmodels gewesen; glaubte, daß jeder seines Glückes Schmied sei und jeder in Amerika selbst die Wahl hätte erfolgreich und glücklich zu sein. Bis er eines Tages bei McDonalds eine spontane Erleuchtung hatte. An der Theke stand eine unattraktive und offenbar nicht sehr intelligente Schwarze, die des Englischen kaum mächtig sich nur in „Ebonics“ (die Rudimentärsprache der Ghettos) ausdrücken konnte und deshalb eine funktionale Analphabetin sein mußte. Plötzlich ging es unserem stets stramm rechten Republikaner auf, daß sie, genauso wie zig Millionen anderer in Amerika, bereits mit diesem Job überfordert war und es schlichtweg kein reales Szenario gab, in dem sie jemals dem Elend entwachsen könnte. Nichts wird sich hier von alleine richten! Das ist die Gegenwahrheit, die die Linke in den USA und in Europa verkörpert. Sie lebt davon, daß bei vielen Menschen selbst Restbestände einer Fähigkeit zur Selbstregulation fehlen.

Der Streit der beiden Parteien (idealtypisch „libertäre Republikaner“ gegen „wohlfahrtsstaatliche Demokraten“) ist nicht auflösbar und daß einzelne die Wahrheit in der Position der Gegenseite sehen und Kompromisse ausarbeiten wollen, führt auch nicht weiter, denn solche Kompromisse sind immer unbefriedigend und wirken schließlich destruktiv. Beispielsweise lassen Subventionen für Arme stets die Preise auf dem freien Markt steigen, was noch mehr Leute in die Armut treibt und so weiter in der sozialistischen Todesspirale. Integriert man umgekehrt in ein öffentliches Gesundheitswesen private gewinnorientierte Anbieter, werden die sich die Rosinen herauspicken, und das solidarische System schließlich in den Kollaps treiben.

Wie raus aus dieser Falle aus unhaltbaren Gegensätzen, aber auch erst recht unhaltbaren Kompromissen? Indem man an die Sache bioenergetisch bzw. „biosozial“, d.h. von der Charakterstruktur der Massen herangeht. Was das konkret bedeutet? Schlicht und ergreifend, daß man sich gesellschaftlichen Problemen nicht mehr mechanistisch oder mystisch nähert, d.h. abstrakt als handele es sich um Maschinenwesen oder Philosophie, sondern individuell. Die weitaus meisten Menschen können durchaus für sich selbst sorgen, übrigens auch oder gerade Menschen mit minderer Intelligenz, denn die sind im Glücksfall spontan und im guten Sinne ungehemmt. Es dürfen ihnen nur nicht sinnlose Hindernisse in den Weg gelegt werden, etwa Anforderungen hinsichtlich irgendwelcher „Genehmigungen“, die selbst Hochbegabte überfordern. Und jene, die wirklich Hilfe brauchen, weil sie selbst zu einer rudimentären Selbststeuerung unfähig sind, wäre mit gezielten Initiativen, wie sie Reich und Charles Konia vorschwebten bzw. vorschweben, weitaus besser gedient, als mit einem Sozialstaat.

Reichs Schüler um Elsworth F. Baker und Charles Konia haben niemals Reichs Sexpol-Programm aufgegeben. Sie haben es weitergeführt und vollendet, während die arroganten Kritiker von vornherein nichts verstanden haben und in überkommenen Paradigmen gefangen sind.

Blogeinträge September/Oktober 2012

8. Juli 2018

Charles Konia beschreibt, wie sich die „biologische Fehlkalkulation“ sieben Jahrzehnte nach Reichs Erstbeschreibung und vier Jahrzehnte nach Paul Mathews‘ Erläuterungen darstellt:

Blogeinträge September/Oktober 2012

  • Clint Eastwoods Parodie bei der Republican National Convention
  • Obama 2016: Eine Dokumentation über die Rache eines Mannes
  • Kommunismus der amerikanischen Art
  • Man kann nicht beides haben
  • „Es breitet sich wie eine Seuche aus“
  • Willkommen in der Welt des Islam
  • Der biologische Ursprung der Political Correctness
  • Die sozialistische Sehnsucht
  • Die Kultur der Political Correctness und Barack Obama
  • Sozialwissenschaft gegen Soziopolitik
  • Schließlich hat der Kaiser also doch keine Kleider?

ZUKUNFTSKINDER: 8. Utopia, a. Der Kult der Expansion

3. Mai 2018

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

ZUKUNFTSKINDER:

8. Utopia, a. Der Kult der Expansion

Arbeitsdemokratie (Teil 1)

20. April 2018

http://orgonomie.net/holbrook1.htm#arbeit

Die Politisierung aller

12. März 2018

Der amerikanische Orgonom Dr. Charles Konia über den Unterschied zwischen irrationaler Gruppeninteressenpolitik und rationaler Staatspolitik:

Die Politisierung aller

Blogeinträge Januar 2012

29. August 2017

Im Januar 2012 stellte Dr. Konia folgende Blogeinträge ins Netz. Angesichts von Andreas Peglaus von mir besprochenem Buch Rechtsruck ein Beispiel dafür, wie Massenpsychologie nach Wilhelm Reich im 21. Jahrhundert wirklich aussehen muß:

Blogeinträge Januar 2012

  • Es muß mehr im Leben geben
  • Der Kommunismus hat seinen üblen Beigeschmack verloren
  • Die Emotionelle Pest benutzt die Wahrheit als Trojanisches Pferd
  • Die Occupy-Bewegung erhält sich selbst aufrecht
  • Die eigentliche Ursache für Armut in Amerika

Die Kinder der Zukunft und die endgültige Ausmerzung der sozialistischen Idee

23. Dezember 2016

Avshalom Caspi (Duke University, Durham) et al. zufolge verursacht ein kleiner Teil der Bevölkerung den Großteil der Ausgaben für die Gesundheits- und Sozialfürsorge sowie für die Bekämpfung der Kriminalität. Das ganze ginge auf die Kindheit der Menschen zurück, denn die 20 Prozent der Kinder, die als Dreijährige am schlechtesten in Bezug auf Sozialverhalten, Intelligenz und Familiensituation abschnitten, sorgten als Erwachsene für 80 Prozent der Probleme. Dies zeige, daß es sich lohnt, wenn eine Gesellschaft in frühe Hilfe für solche Kinder, die unter Armut, Ausgrenzung oder zerrütteten Familienverhältnissen leiden, investiere.

Wie groß der Effekt der Kindheitsverhältnisse ist und wie effektiv Frühinterventionen helfen, war jedoch bisher umstritten. Dazu haben nun Caspi und seine Kollegen Daten der sogenannten „Dunedin-Studie“ ausgewertet, bei der 1037 Kinder, die 1972 und 1973 in Neuseeland geboren wurden, bis ins Erwachsenenalter hinein regelmäßig untersucht und befragt wurden. Die Daten wurden jetzt dahin untersucht, wie deutlich sich Probleme im Erwachsenenalter schon in der Kindheit abzeichnen.

In allen acht von den Forschern untersuchten sozialen und medizinischen Bereichen sorgte eine Minderheit von rund 20 Prozent der Teilnehmer für 80 Prozent der gesellschaftlichen Kosten. „In welchem Segment man auch immer schaut, ob bei der Kriminalität, der Sozialhilfe oder dem Gesundheitssystem – überall finden wir eine solche Konzentration“, sagt Caspi. „Das Neue daran ist, daß die gleiche Gruppe von Individuen in gleich mehreren Segmenten auffällig wird.“ Die Angehörigen dieser Hochrisikogruppe waren für 81 Prozent der Verurteilungen wegen krimineller Delikte verantwortlich, hatten 66 Prozent der Sozialhilfe der Kohorte erhalten und 78 Prozent der verschreibungspflichtigen Medikamente, wie die Forscher berichten. Auch Übergewicht und Rauchen kam in dieser Gruppe überdurchschnittlich häufig vor.

(…) Ob eine Person später zu den rund 20 Prozent der problembelasteten Erwachsenen gehörte, ließ sich meist schon im Alter von drei Jahren feststellen. „Wir haben beobachtet, daß sich Mitglieder der Hochrisikogruppe von ihren Altersgenossen durch die gleichen vier Kindheits-Nachtteile unterschieden: Sie wuchsen tendenziell in sozioökonomisch benachteiligten Umgebungen auf, wurden schlecht behandelt, schnitten in IQ-Tests schlechter ab und zeigten eine geringe Selbstkontrolle“, berichten Caspi und seine Kollegen. Dies habe für alle acht untersuchten Bereiche nahezu gleichermaßen gegolten. Konkret bedeutet dies: Wie es einem Kind im späteren Leben ergehen wird, läßt sich unter Umständen schon im Kindergartenalter vorhersagen.

Die Studie zeige, so die Forscher, „daß ein frühes Eingreifen und eine Verbesserung der Bedingungen für Kinder aus prekären und zerrütteten Verhältnissen echte Abhilfe bieten könne. (…) Eine frühe Intervention ist demnach für die Gesellschaft gut eingesetztes Geld, denn es erspart später erheblich größere gesellschaftliche Kosten.“

Aus orgonomischer Sicht ist dazu zu sagen, daß 80 Prozent der Bevölkerung vollkommen in der Lage sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, sonst würde auch die Arbeitsdemokratie gar nicht funktionieren und die Gesellschaft instantan kollabieren. Auch wird kein normaler Mensch jemals in seinem Leben kriminell. Damit ist der gesamte Asozial- und Polizeistaat, der die Arbeitsdemokratie zu erdrosseln droht, vollkommen überflüssig. Die Arbeitsdemokratie kann sich nur konsolidieren, wenn den Menschen endlich die Verantwortung für ihr eigenes Leben vollständig selbst aufgebürdet wird!

Das Elend, die Hilflosigkeit und Abhängigkeit, die uns tagtäglich ins Auge springt, geht auf einen Bruchteil der Bevölkerung zurück und läßt sich entsprechend mit eng begrenzten Maßnahmen der Sozialfürsorge bewältigen. Einer Fürsorge, deren Ziel es gleichzeitig sein muß, sich selbst weitgehend überflüssig zu machen, indem durch zielgruppenspezifische Förderung von Geburt an die besagten „20 Prozent“ auf vielleicht ein unvermeidliches, sagen wir, „5 Prozent“ gedrückt wird und langfristig die unsinnige „soziale Frage“ ganz verschwindet.

Das linke Halunkentum wird sich dagegen mit Händen und Füßen wehren, da es von der „sozialistischen Sehnsucht“, d.h. der Hilflosigkeit der Massen und der scheinbaren Unlösbarkeit der „sozialen Frage“ lebt. Wir werden diese Probleme also erst bewältigen können, wenn die von Elsworth F. Baker und Charles Konia entdeckte soziopolitische Charakterologie und vor allem die Kenntnis über die charakterliche Struktur der Linken zum Allgemeingut geworden ist. Ich verweise auf Dr. Konias Blog http://www.orgonomie.wordpress.com.

Funktionalismus und Arbeitsdemokratie, unsere einzige Hoffnung!

8. Mai 2015

Während die Tiere traumwandlerisch eine apokalyptische Katastrophe nach der anderen überleben, tapsen wir fremd und hilflos durch die Welt, als wären wir auf einen fremden Planeten gestrandet.

In Der politische Irrationalismus aus orgonomischer Sicht wird der Volksstamm der Shom Pen auf Groß-Nikobar als Beispiel für ein ungepanzertes Leben angeführt.

Da die von Indien verwalteten Nikobaren und Andamanen direkt beim Epizentrum des verheerenden Seebebens lagen, das Ende 2004 Südasien in Mitleidenschaft gezogen hat, standen diese letzten Rückzugsgebiete einer Menschheit im Naturzustand, sozusagen der Gegenpol Saharasias, damals erstmals überhaupt im Zentrum des Weltinteresses.

In der ARD wurde über die Shom Pen berichtet:

Eine Art „Sechster Sinn“ habe die Völker gerettet, vermuten Ethnologen. (…) Gerettet hat sich z.B. das Volk der Shom Pen auf der Insel Great Nicobar. Angeblich besteht das ganze Volk aus gerade mal noch 200 Clanmitgliedern. Die Jäger und Sammler flohen offenbar in die Berge ihrer Inseln oder kletterten auf Palmen. Die Tier- und Wasserbeobachtungen der Urvölker [aus der sie Anzeichen für die unmittelbar bevorstehende Springflut ablasen] hat die hochtechnisierte Welt ersetzt durch milliardenteure Rechenzentren und Forschungsstationen…

Die Naturvölker leben ein funktionelles Leben (vgl. Interview mit Jerome Eden), d.h. sie leben wirklich in ihrer Umgebung, sind Teil der sie umgebenden Welt, während wir (einschließlich der uns nacheifernden Menschen auf Sri Lanka und in Indonesien) wie hilflose Touristen durch die Landschaften eines fremden Planeten stolpern…

Gnade uns Gott, wenn das weltweite Finanzsystem kollabiert und beispielsweise tatsächlich eine Klimakatastrophe eintreten sollte. Wir können uns weder auf die Stabilität des Klimas, noch der Erdkruste unter uns oder gar die Regelhaftigkeit der Himmelsmechanik verlassen. Seit längerem können wir uns nicht mal mehr darauf verlassen, daß wir abends unbehelligt durch unsere Städte gehen können. Griechenland zeigt uns, daß der „Sozialstaat“ sehr bald kollabieren wird. Das Leben selbst zwingt uns in Kontakt mit uns selbst und unserer Umwelt zu treten. Kontakt! Nichts anderes bedeutet „funktionell“ zu leben. Leider treibt uns das „Ersatzleben“, das wir führen systematisch in die Kontaktlosigkeit.

Die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert wurde im Spiegel gefragt, was sie denen antwortet, die die Kinderkrippe in den ersten drei Lebensjahren für widernatürlich halten. Das sei, so Ahnert, Unsinn. Es gäbe kein naturgegebenes Betreuungssystem. Dabei verweist sie auf zwei Naturvölker: die Efe-Pygmäen in Zentralafrika und die !Kung-Buschmänner in der Kalahari. Die Efe würden ihre Säuglinge „von Schoß zu Schoß weiterreichen“.

So ein Efe-Baby verbringt manchmal nur ein Fünftel der Zeit bei der leiblichen Mutter und hat im Schnitt 14 Betreuerinnen. Einige der Frauen stillen es sogar. Wir sehen aber auch Mütter wie die der !Kung (…), die ihre Kleinen drei Jahre lang praktisch immerzu am Körper tragen. Was ist jetzt das Natürliche?

Ganz offensichtlich ist der zentralafrikanische Urwald eine vollkommen andersgeartete Umgebung als die südwestafrikanische Wüste. Entsprechend haben sich die Pygmäen und Buschmänner an ihre Umwelt angepaßt, inklusive was den Umgang mit Säuglingen anbetrifft.

Hier zeigt sich der Unterschied zwischen der mechanistischen und der funktionellen Lebensauffassung. Obwohl Ahnert selbst ausdrücklich betont, die Efe würden ihre Säuglinge „von Schoß zu Schoß weiterreichen“ und diese dabei, so Ahnert, „sogar“ gestillt werden, bleibt sie doch vollkommen abstrakt und „mechanisch“ an dem nebensächlichen Umstand haften, daß die Efe-Mütter anders als bei den !Kung ihre Säuglinge aus der Hand geben. Dabei übersieht sie ganz das Wesentliche: den engen Körperkontakt, der sowohl bei den Efe als auch bei den !Kung gegeben ist. Aus funktioneller Sicht gibt es demnach gar keinen Unterschied, d.h. keinen wesentlichen Unterschied, im Umgang mit Säuglingen: sie bleiben stets in engem Körperkontakt.

Es ist vollkommen hoffnungslos mit Leuten wie Ahnert zu diskutieren.

Der amerikanische Sozialwissenschaftler John McKnight beschreibt in seinem Buch The Careless Society: Community and its Counterfeits, wie die Behörden mit all ihren Sozialprogrammen nachweislich zum sozialen Chaos, zur wachsenden Armut und Kriminalität beitragen, statt sie einzudämmen. Verschärft wird der Trend dadurch, daß, dank Arbeitsplatzabbau in der Industrie, Jobs im sozialen Dienstleistungsgewerbe immer attraktiver werden. Ein neuer Markt wird erschlossen und immer neue Bedürfnisse ausgemacht, unabhängig davon, ob es sie wirklich gibt. Aufgaben für die einst Nachbarschaft und Familie zuständig waren, werden zur ökonomischen Grundlage einer neuen sozialen Schicht.

Die Folgen verdeutlicht McKnight anhand einer faszinierenden Parabel. Als die amerikanischen Pioniere die Prärie erreichten, waren die alten gußeisernen Pflüge nicht mehr zu gebrauchen. Deshalb entwickelte 1837 ein gewisser John Deere den ersten selbstreinigenden Stahlpflug, mit dem man wie mit einem Messer durch die klebrige Erde schneiden konnte. In dem County in Wisconsin, in dem McKnight lebt, wurden die bodenständigen Sauk-Indianer von den Siedlern, die die Prärie mit dem neuen Pflug urbar machen wollten, in die Reservation verdrängt, wo sie sehr schnell die alten Anbaumethoden vergaßen. Der Landstrich hatte die Indianer über unzählige Generationen hinweg ernährt, doch nun war der Boden dank des agronomischen Fortschritts in einem Zeitraum von nur 30 Jahren ausgelaugt, so daß viele der Siedler weiterziehen mußten. McKnight faßt das Geschehen dahin zusammen, daß John Deeres Erfindung innerhalb einer Generation drei Wüsten produziert hatte: Wisconsin, die Reservation und das geistige Erbe der Indianer.

Zwar habe Wisconsin sich durch den Übergang zur Milchviehwirtschaft wieder erholt, aber heute bräche über Sauk County eine neue verheerende Invasion herein. Die Sozialbürokratie schicke bereavement counselors (Trauerbeistände) ins Land, die mit einer eigens entwickelten „Trauertechnik“ nun jenen beistehen, die einen ihrer Lieben verloren haben. Vor dem Auftauchen der Trauerarbeiter standen Nachbarn und Verwandte den Hinterbliebenden bei. Durch Teilen der Trauer und die gemeinschaftlichen Zeremonien war ein Todesfall etwas, das die Gemeinschaft enger zusammenschweißte und vermehrte Kraft zum Weitermachen schenkte. Doch nun werde, so McKnight, der Hinterbliebene den Trauerarbeiter mit einem Freund verwechseln und die Menschen, die dafür schließlich ihre Steuern zahlen, auf ihr Recht zur professionellen Trauerbegleitung pochen. Aus Angst, die Arbeit des professionellen Trauerarbeiters zu stören, werden die Nachbarn nicht mehr vorbeischauen.

McKnight schließt:

Das neue Werkzeug der Berater wird durch die Sozialstruktur schneiden und Verwandtschaft, Beistand, nachbarschaftliche Verpflichtungen und das gemeinschaftliche Erleben und Verarbeiten beiseiteschieben. Wie John Deeres Pflug werden die Werkzeuge der Trauerberatung eine Wüste hinterlassen, wo einst eine Gemeinschaft blühte.

Man sieht, wie abstrakte Zielvorgaben das lebendige Leben zerstückeln und zerstören.

Wisconsin war nur Teil einer den ganzen Kontinent in Mitleidenschaft ziehenden Entwicklung, die erst richtig ingang kam, als nach dem Ersten Weltkrieg die US-Regierung ein gigantisches farming program zur Industrialisierung der Landwirtschaft ins Leben rief, um Getreideexporte im großem Stil möglich zu machen. Die Agrarindustrie brach über den Mittleren Westen herein und verwandelte die vielfältige Landschaft in eine großflächige Getreidemonokultur. Viele Monate im Jahr waren die von schweren Traktoren, Mähdreschern und Motorpflügen malträtierten Böden ungeschützt der Witterung ausgesetzt. Eine große Dürre tat ein übriges und die Katastrophe war da. Staubgeschwängerte „schwarze Blizzards“ trugen die fruchtbare Bodenkrume bis nach New York.

In einem kleineren Maßstab kann man heute ähnliches in Spanien und Portugal beobachten, wo die EUdSSR mit unseren Steuergeldern riesige Flächen irreparabel zerstört. Nutznießer sind letztendlich nur die Agrarindustrie, die Großbanken und die perfekt abgesicherten Bürokraten. In Deutschland geschah in den letzten 80 Jahren ähnliches, nachdem die Nationalsozialisten die „Flurbereinigung“ eingeführt hatten. Nur das feuchte mitteleuropäische Klima hat verhindert, daß aus unseren ausgeräumten Agrarsteppen Wüsten geworden sind. Die dilettantische Agrarpolitik der EUdSSR hat ein Übriges getan, um aus weiten Teilen des flachen Landes eine öde Sozialbrache zu machen. Und die Krankheit breitet sich, via Exportsubventionen, weiter aus in alle Welt durch Zerstörung der bodenständigen Agrarmärkte.

All diesen malignen Erscheinungen liegt ein Nenner zugrunde: das lebendige Geschehen wird in das Prokrustesbett lebensfremder Pläne gezwängt. Was dergestalt allgegenwärtig auf diesem Planeten passiert, wird wohl am ehesten anhand des Mussolinis der Karibik deutlich, der Kuba wie eine große Hazienda leitet und dessen Landwirtschaftspolitik zu einer beispiellosen ökologischen und ökonomischen Katastrophe geführt hat. Castro wird ein in jeder Hinsicht restlos zerstörtes Eiland hinterlassen. Bekannter ist, was Mao in China angerichtet hat oder Chruschtschow in Mittelasien. Man ist erschüttert über den Kommunismus, ohne zu ahnen, daß er nur die grotesk überzeichnete Karikatur unserer eigenen hoffnungslosen Lage darstellt. Zum Beispiel läßt sich mit einiger Sicherheit voraussagen, daß dank der Saatgutmultis die Standardisierung des (mittlerweile nicht nur sortenreinen, sondern auch erbgleichen) Saatgutes eines Tages für eine globale Katastrophe unausdenkbaren Ausmaßes sorgen wird, da durch die Uniformierung Erreger aller Art ein leichtes Spiel haben. Dann wird es auch keine Alternativen mehr geben, mit deren Hilfe man neu anfangen könnte…

Angesichts der Globalisierung der Wirtschaft (was freier Welthandel bedeutet, kann man ermessen, wenn man an die paradoxe Wirkung importierter Arten auf die heimische Artenvielfalt denkt), angesichts wachsender Fremdbestimmung durch parasitäre und inkompetente nationale und gar internationale Administrationen und multinationale Konzerne, dem Wechsel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und der kontaktlosen „Virtualisierung“ aller Lebensbezüge läßt sich prognostizieren, daß sich die Verwandlung der Erde in einen Wüstenplaneten beschleunigen wird. Die einzige Überlebenschance ist die radikale arbeitsdemokratische Reorganisierung der Gesellschaft von unten nach oben.