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DeMeo/Senf: Nach Reich (1997)
21. Januar 2017Lesebegleitungen zu den späten Schriften Wilhelm Reichs (1995-1997)
18. Januar 2017Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:
Lesebegleitungen zu den späten Schriften Wilhelm Reichs (1995-1997)
Igitt: Bornemann
24. Oktober 2016Der biologische Rechenfehler in der Marxschen Mehrwertlehre (Teil 2)
2. Februar 2016Liebe, Arbeit und Wissen sind die Grundlage der Arbeitsdemokratie. Die Menschen benötigen eine emotionale, gemeinschaftsbildende Beziehung, sie müssen in dieser Gemeinschaft kooperativ tätig sein und diese Tätigkeit muß zielgerichtet und planvoll sein. Später wurde aus dieser Triade der Gegensatz von „Arbeit und Kapital“, den die Linke stets verschärfen wollte, während die Rechte ihn auf illusorische Weise zu verkleistern trachtete, sei dies nun im Sinne der „nationalsozialistischen Volksgemeinschaft“ oder der „sozialen Marktwirtschaft“.
Das folgende wird sehr schön durch das Schicksal des „Oligarchen“ Michail Chodorkowski illustriert. In einem Interview kurz vor seiner Verhaftung 2003 durch das faschistische Putin-Regime gab er zu Protokoll:
Wissen Sie, als ich zu YUKOS kam, 1996, hatten die einen Schuldenberg von 3 Milliarden Dollar. Die Gesellschaft produzierte 40 Millionen Tonnen Erdöl und die Produktion sank um 7 Prozent pro Jahr. Die Selbstkosten betrugen 12 Dollar pro Barrel, das heißt, sie lagen über dem Marktpreis.
Heute kostet uns ein Barrel Öl 1,5 Dollar und wir zahlen 3 bis 4 Milliarden Dollar Steuer jährlich – 3 bis 4 Milliarden Dollar! Wir wachsen um 20 Prozent pro Jahr und fördern keine 44 Millionen Tonnen Öl, sondern 80. Die Gesellschaft zahlt ihren Aktionären Dividenden und legt Mittel zurück für weitere Großinvestitionen.
Man höre oder lese den ganzen sehr aufschlußreichen Bericht des Deutschlandfunks.
Bei meiner Beschäftigung mit dem Reichschen Konzept „Arbeitsdemokratie“ kam ich dazu, die funktionellen Paare
„Psyche und Soma“,
„Idee und Tätigkeit“ und
„Unternehmer und Arbeiter“
funktionell gleichzusetzen ohne viel auf Reichs Ansichten zum Problemkomplex „Kapital und Arbeit“ zu achten, die doch teilweise von Marx geprägt sind. Nun überraschte mich der Gedanke, daß ja meine Überlegungen bereits im Motto der Arbeitsdemokratie enthalten sind:
Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens. Sie sollten es auch beherrschen.
Was liegt näher als diese drei „Quellen“ orgonometrisch in Beziehung zu setzen? Und ist überhaupt eine andere Zusammenstellung denkbar als die folgende?
Zusammenarbeit und Vertrauen als unverzichtbarer Kern jedes ökonomischen und sozialen Lebens.
Das komplexe Verhältnis von Kapital und Arbeit läßt sich auch entsprechend der „psychosomatischen Beziehung“ darstellen, wie Reich sie 1944 in seiner Arbeit Orgonotic Pulsation präsentiert hat:
- Richtet sich 1 gegen 2 haben wir die funktionelle Entsprechung des ersten Falls vor uns, den Idealismus: Wirtschaft wird vom Unternehmer als großem Patriarchen bestimmt, dem man nur zu gehorchen hat und der Laden läuft: Befehl, Gehorsam und Kontrolle.
- Richtet sich 2 gegen 1 liegt der mechanistische Materialismus vor, wie wir ihn im revolutionären Marxismus-Leninismus vor uns haben: der imgrunde überflüssige Unternehmer muß weg, so daß die Wirtschaft besser läuft, da der „Widerspruch von Kapital und Arbeit beseitigt ist.“
- In der Entsprechung des „psychophysischen Parallelismus“ laufen Kapital und Arbeit (3 + 4) unabhängig nebeneinander her: so sieht es größtenteils in den westlichen Demokratien aus.
- Im Mystizismus laufen Kapital und Arbeit (5 + 6) auseinander und sind unvereinbar: hier haben wir die alten feudalistischen (und die modernen „kommunistischen“) Staaten vor uns, wo der Adel vollkommen vom arbeitenden Volk abgeschnitten war. In Ländern wie Spanien und China war für die Edelleute Arbeit (selbst „unternehmerische Arbeit“) etwas zutiefst Entwürdigendes und Unehrenhaftes.
- Im Monismus schließlich gibt es keinen Unterschied zwischen beiden (7 + 8): dies findet sich in den faschistischen Ideologien (und vielleicht auch im Anarchismus) wieder, wo vollständig von der Arbeitsteilung abstrahiert wird und eine illusorische Versöhnung realer Interessengegensätze (die „Volksgemeinschaft“) gepredigt wurde.
- 9 steht für die undifferenzierte biologische Schöpfungskraft an sich.
So mancher „Reichianer“ vertritt entgegen diesem funktionellen „holistischen“ Ansatz noch immer das alte Marxistische Prinzip, daß einseitig die „lebendige Arbeit“ über das „tote Kapital“ obsiegen muß, damit sich die Arbeitsdemokratie entfalten kann. Daß ein solches fehlerhaftes Denken, das nur eine der fünf Möglichkeiten, nämlich die oberflächlichste sehen will (oder gar „orgonomisch“ in der tiefsten verharren will), bei seiner materiellen Verwicklung zwangsläufig in die Tyrannei führen muß, hatten am Ende selbst die Kommunisten erkannt. So beschrieb ein sowjetischer Wissenschaftler den sozialpsychologischen Zustand der UdSSR am Ende ihrer Existenz wie folgt:
Entpersönlichung des gesellschaftlichen Lebens und Unterbewertung des individuellen Ursprungs des Daseins (…). Viele Jahre hindurch wurde die menschliche Individualität unter dem Banner des Kampfes gegen den Individualismus konsequent erniedrigt und unterdrückt. In der Wirtschaft förderte dies die Gleichmacherei in der Entlohnung, in der Politik die Bürokratisierung des gesellschaftlichen Lebens und eine Vorstellung vom Menschen als einem Schräubchen, das sich automatisch im unpersönlichen Mechanismus der Maschinengesellschaft dreht. Es galt sogar, wie einst in der archaischen Gesellschaft [d.h. im fiktiven „Urkommunismus“], als unanständig in erster Person zu sprechen, da dies als egozentrisch aufgefaßt wurde. (z.n. Deutschlandfunk, 4.1.1989)
Es ist sehr interessant, was Bronislaw Malinowski 1935 am Ende seines Werkes über die trobriandrische Landwirtschaft schrieb. Im Lichte seiner Analyse zeige sich,
wie vergeblich die Unterscheidung zwischen kommunistischem und Privateigentum ist. Ich hätte durchweg zeigen können, wie jeder Anspruch, jede Beziehung zwischen Mensch und Boden betontermaßen sowohl individuell wie kollektiv ist. (Korallengärten und ihre Magie, Frankfurt 1981)
Malinowski hebt hervor, wie ungeheuer komplex die angeblich „urkommunistische“ Wirtschaft der Trobriander ist – daß hier praktisch alle denkbaren Wirtschaftsordnungen in einer funktionellen Einheit verbunden sind. Dagegen handelt es sich bei den alten anthropologischen Theorien, die den „Wilden“ entweder zum Kommunisten oder zum Prototyp des brutalen Manchesterkapitalisten machen wollen,
um einen schlechten und unklugen Kurzschluß; durchgehend haben wir gesehen, daß das eigentlich Problem nicht im Entweder-Oder von Individualismus und Kommunismus liegt, sondern in der Wechselwirkung kollektiver und persönlicher Ansprüche.
Selbst in unserer Wirtschaft ist nicht alles so eindeutig „kapitalistisch“ wie es manche Ideologen gerne in sie hineindeuten wollen. Man frage z.B. einen Arbeiter, wem die Drehbank gehört, an den er steht. Mit einigem Recht wird er sagen, daß es seine ist, weil er an ihr arbeitet, oder er sagt, sie gehöre dem Chef. Gleichzeitig ist der Arbeiter aber in das Kollektiv des Betriebes eingebunden, genauso wie der Chef von Geldgebern (und selbst der Dreher könnte z.B. Aktien besitzen) und Kunden abhängt, die gewissermaßen auch sagen könnten, ihnen würde die Drehbank gehören. Hier nur die Unterdrückung der „lebendigen Arbeit“ durch das „tote Kapital“ sehen zu wollen, hat nichts mit Wissenschaft zu tun. Vielmehr geht es darum, diese Beziehungen und Abhängigkeiten, die bioenergetische Spannung wechselseitiger verpflichtungen, weiter so auszubauen und bewußt zu machen, daß unsere Gesellschaft zu einer wahrhaft „sozialen Marktwirtschaft“ wird und nicht nur in der Entsprechung des „psychophysischen Parallelismus“ verharrt.
Eine Lehre, die eine der funktionellen Komponenten des gesellschaftlichen Organismus verwirft, muß ihn umbringen, sollte sie verwirklicht werden. Marx hat das Kapital abschaffen wollen und hat damit zwangsläufig auch jeden Individualismus und jede Initiative erstickt. Wäre er wirklich ein Dialektiker und kein Dogmatiker gewesen, hätte er erkennen müssen, daß dialektisches Denken keine letzte Instanz kennt. Bei ihm war es die Entwicklung der Produktivkräfte, so als hinge dies nicht von der Innovation ab – dem angeblichen „Überbau“ also. Außerdem ist der Marxsche „revolutionäre“ Ansatz a priori gegen die Arbeitsdemokratie gerichtet, während die Orgonomie im Grunde konservativ ist.
Arbeitsdemokratie wurzelt in dem, was die Ahnen geschaffen haben. Das reicht von dem was Pflanzen und Tiere getan haben, „um“ die Erde erst für den Menschen bewohnbar zu machen, bis zu unseren direkten, menschlichen Vorfahren, die uns ihre künstlichen Organe vermacht haben, ohne die wir nackt und dem Tode geweiht wären. Und wo wären wir ohne den einen Menschen, der als erster künstlich Feuer erzeugt hat! Hier haben wir den sehr rationalen Kern der Ahnenverehrung vor uns.
In seiner Massenpsychologie des Faschismusbeklagt Reich:
Woher kommt es, daß von Millionen Autofahrern, Radiohörern etc. nur ganz wenige die Namen der Entdecker des Autos und des Radios kennen, dagegen jedes Kind die Namen der politischen Pestgeneräle kennt?
Und Hans Hass schreibt im Zusammenhang mit seiner Energontheorie:
Sofern wir (…) Häuser, Sessel und Straßen als etwas Gegebenes und Selbstverständliches ansehen, ist uns kaum zu helfen. (…) Das Vorgefundene wird als selbstverständlich angesehen. Was nicht den eigenen Wünschen entspricht, wird zum Impuls für Kritik und Aggression. Betrachten wir indessen, wie alles entstand, dann sehen die Dinge ganz anders aus. (Naturphilosophische Schriften)
Hier gehört auch die Psychopathologie des liberalen Charakters hin, der im Gegensatz zum konservativen Charakter jeden Kontakt zu seinen Ahnen und damit zum Leben verloren hat. Imgrunde kann er nur zerstören. Marx war ein Prototyp dieses gesellschaftlichen Krebses, dessen einzige Lebensperspektive Zerstörung ist.
Diskussionsforum 2010: eine Nachlese (Teil 1)
27. Februar 2015Zunächst einmal hat Robert auf folgende Quellen hingewiesen. Ein neuer Hinweis auf sie lohnt sich allemal!
- Der Film Viva Kleiner Mann – Wilhelm Reich von Digne Meller Marcovicz.
- Lois Wyvells Zeitschrift Offshoots of Orgonomy. Wyvell war Reichs Sekretärin und Geliebte zu der Zeit als er Christusmord schrieb, später Managing Editor des Journal of Orgonomy.
- Robert: „Die dümmliche Verramschung des Werkes Wilhelm Reichs durch sexualneurotische Theaterclowns hat ein neues Machwerk entstehen lassen: http://on1.zkm.de/zkm/stories/storyReader$6697#programm02.“
- Bei „Internet Archive“ stehen die PDF-Ausgaben von Der triebhafte Charakter und Die Funktion des Orgasmus nebst Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie / 1934 Heft 2 zur Verfügung:
http://www.archive.org/details/ZeitschriftFuumlrPolitischePsychologieUndSexualoumlkonomieI1934Heft
http://www.archive.org/details/DieFunktionDesOrgasmus
http://www.archive.org/details/DerTriebhafteCharakter - Etwas zu Bruno Bettelheim:
„Es existiere in den USA keinerlei relevante Literatur zum Verhältnis von Freud und Marx. Einzig der marxistisch-psychoanalytische Aktivist Wilhelm Reich, mit dem sich Bettelheim zeitlebens identifiziert fühlte…“
http://www.hagalil.com/archiv/2010/03/09/bettelheim-federn-2/
„Politisch wurde Bettelheim, in seiner Jugend ein begeisterter Zuhörer Wilhelm Reichs, zunehmend konservativer, unterstützte die Wiederwahl Ronald Reagans.“
http://www.hagalil.com/archiv/2010/03/09/bettelheim-einfuehrung/
Ein letztes Gespräch mit Bruno Bettelheim
Hier schildert er seine Freundschaft zu Wilhelm Reich
http://www.hagalil.com/archiv/2010/03/09/bettelheim-fisher/ . Robert kommentiert: „Bettelheim war ja am Beginn seiner Ausbildung und spielte als Psychoanalytiker damals noch keine Rolle. Er distanzierte sich später von Reich und seinen ‚Orgon-Kisten‘ (in: Summerhill: Pro und Kontra).
Er war nur einer von zahllosen Freunden aus der Jugendbewegung.“ - Zu Edith Buxbaum, einer Kollegin Wilhelm Reichs:
http://www.edithbuxbaum.com/ROLAND.html - Das The Journal of Psychiatric Orgone Therapy ist nun im Inet zu finden: http://www.psychorgone.com [PN: Die linksliberale „Alternative“ zu http://www.orgonomy.org. Siehe dazu meinen Blogeintrag Warum die Sexualökonomie heute „rechts“ steht]
- „Die Pädagogin Wera Schmidts, welche Reich ausführlich in Die sexuelle Revolution bespricht und mit der er 1929 bei seinem Besuch in der Sowjetunion diskutierte, ist im Ahriman-Verlag (früher als Marxistisch-Reichistische Initiative bekannt, heute unter dem Namen Bund gegen Anpassung) erschienen: http://www.ahriman.com/buecher/vera_schmidt.htm .“
Auf einen Hinweis durch Andreas Peglau hin zitierte Robert aus dem Handbuch der Judenfrage, Theodor Fritsch, Hammer-Verlag, Leipzig, 1944, S. 248:
Aber die Psychoanalytiker sind noch nicht die schlimmsten. Weit übler ist, was sich um Magnus Hirschfeld, den Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft, um Herrn Marcuse und Konsorten scharte.
Hier wurde, davon kann man überzeugt sein, ganz bewußt darauf hingearbeitet, die deutsche Seele zu zerstören.
Hier fanden sich die wissenschaftlichen Verteidiger der Homosexualität, ja der widernatürlichen geschlechtlichen Betätigung mit Tieren. Hier wurde die Aufhebung des §175 gefordert, weil die Homosexualität nicht als Entartung, sondern als natürliche Abart des Geschlechtstriebes aufzufassen dem Menschen angeboren sei (J. Meißner). Gewiß ist auch uns bekannt, daß in vielen Fällen die gleichgeschlechtliche Einstellung angeboren ist; wir wissen aber auch, daß in sehr vielen anderen Fällen erst die Verführung den jungen Menschen zum Homosexuellen macht. Wir wissen, daß die alten Kulturvölker ihrem Untergang entgegengingen, als die Knabenliebe in ihnen einen breiteren Raum einnahm, und wir müssen uns dafür einsetzen, daß die Seuche zurückgedämmt wird und sich nicht auch bei uns noch weiter ausbreitet. – Wenn ferner Magnus Hirschfeld in einer vom sozialistischen Schülerbund in das Kölnische Gymnasium einberufenen Versammlung 1928 vor Schülern und Schülerinnen vom 12. Jahre an sagte: „Ein natürlicher Geschlechtsverkehr der Jugend sei, wenn kein Zwang auf den anderen ausgeübt werde, keine Sünde und nichts Unehrenhaftes“, wenn die Herren Dr. Töplitz und Reich sich in ähnlichem Sinne äußerten, nun, so kann man sich nur wundern, wenn die Eltern der Kinder sich solche „Aufklärungen“ gefallen ließen, kann man sich nur wundern, daß sich nicht einmal ein Vater fand, der dem Herrn Magnus Hirschfeld mit der Reitpeitsche zeigte, wo der Weg für ihn war.
Außerdem zitiert Robert aus Gregor Schöllgen: Willy Brandt. Die Biographie, Berlin – München 2001, Propyläen Verlag, S. 16f:
Schließlich hat er Perspektiven: politische – die Fortsetzung der SAP-Arbeit in Oslo – und persönliche. Im Sommer 1933 folgt ihm, wie vereinbart, seine neunzehnjährige Freundin Gertrud Meyer, genannt „Trudel“, nach Oslo, nachdem sie in Lübeck vorübergehend in Haft gewesen ist.
Die beiden ziehen zusammen, wohnen zunächst möbliert, können sich aber bald eine eigene Unterkunft leisten. Es ist die erste eigene Wohnung des inzwischen einundzwanzigjährigen Willy Brandt, und Gertrud Meyer ist die erste von vier Frauen, mit denen er zusammenleben wird.
Verheiratet sind die beiden nicht; allerdings gelten sie in Oslo als Ehepaar. Tatsächlich geht Gertrud im Februar 1936 eine Scheinehe mit dem norwegischen Studenten Gunnar Gaasland ein, um in den Besitz der norwegischen Staatsbürgerschaft zu kommen und so vergleichsweise unbehelligt Kurierdienste nach Deutschland durchführen zu können.
Willy Brandt und Gertrud Meyer-Gaasland leben bis ins Frühjahr 1939 zusammen. Dann geht Gertrud nach New York. Nach eigenem Bekunden tut sie diesen Schritt, um den Psychoanalytiker Wilhelm Reich zu begleiten, dessen Sekretärin und Mitarbeiterin sie in Oslo ist. Vermutlich ist sie durch die Erkenntnis, Brandt nicht dauerhaft an sich binden zu können, in ihrem Entschluß bestärkt worden. Zum ersten Mal im Leben des Willy Brandt geht damit die langjährige Beziehung zu einer Frau in die Brüche.
Wilhelm Reich – „rötliches Gesicht, graue Haare, stechender Blick, bezwingende Sprache“, so Brandt später – ist 1934 über Dänemark nach Norwegen gekommen. Gertruds Arbeit bringt es mit sich, daß Reich und Brandt zeitweilig einen recht intensiven Umgang pflegen. Reich hat 1933 das unter Insidern vielbeachtete Buch Die Massenpsychologie des Faschismus vorgelegt. Im Zentrum seiner wissenschaftlichen Arbeit, in gewisser Weise auch im Mittelpunkt dieses Buches steht die Rolle der Sexualität im gesellschaftlichen Leben. In der Theorie hat sich Willy Brandt bislang allenfalls am Rande mit diesem Thema beschäftigt: Neben August Bebels Die Frau und der Sozialismus hat das Erfolgsbuch des Schweizer Arztes Auguste Forel über Die sexuelle Frage zur bescheidenen Lübecker Bibliothek der Frahms gehört. Die Gespräche mit Reich eröffnen dem jungen Sozialisten „einen gewissen Zugang“ zur „Seelenforschung“, und Brandt beginnt zu begreifen, daß Freud und seine Schüler „Türen zu Bereichen“ aufstoßen, die „man früher als Dunkelkammer der Seele“ gefürchtet habe.
Überhaupt ist das skandinavische Klima für die offene Behandlung solcher Themen günstiger als das deutsche. So gibt eine Gruppe Mediziner aus der Organisation „Mot Dag“ („Dem Tag entgegen“) eine Zeitschrift für sexuelle Aufklärung heraus. In den Diskussionen dieser Gruppe, aber auch in den Gesprächen mit Reich, stellt Willy Brandt erstmals fest, „wie in einer politischen Gemeinschaft sadistische Neigungen sublimiert ausgelebt und masochistische Bedürfnisse anderer befriedigt werden können. Diese psychischen Mechanismen verdienten, offener dargelegt zu werden.
Sexuelle Verklemmtheit scheint für begabte Hasser und Intriganten zu sorgen: Politik als Ersatzliebe tarnt sich nicht selten als selbstlose Unbedingtheit.“ Und Brandt lernt damals verstehen, wie er sich 1982 erinnert, „daß der Nazismus und verwandte Herrschaftsformen in der Tat auch von sexuellen Repressionen bestimmt“ sind.
Robert verwies auch auf Manilowski: „Wer Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral gelesen hat, weiß, daß Reich sich zu großen Teilen auf den polnisch-englischen Ethnologen Bronislaw Malinowski bezieht. Es gibt neuerdings eine BBC-Serie genannt Tales from the Jungle, in der auch Malinowski behandelt wird.“
[youtube:https://www.youtube.com/watch?v=f22VsAlOwbc%5DUnd dazu auf Guido Sprenger: Erotik und Kultur in Melanesien – Eine kritische Analyse von Malinowskis „The Sexual Life of Savages“, Lit Verlag, Hamburg 1997. Robert:
Als Magisterarbeit gedacht, will Sprenger mit Hilfe von Foucaults Dekonstruktivismus Malinowski kritisch hinterfragen.
Es zeigt sich im Laufe seiner Ausführungen, daß sein Ziel gründlich mißlungen ist, weil die Theorien Foucaults keine brauchbaren Ansätze bilden, um in der Ethnologie Kulturen zu erklären.
Sprenger stellt zuerst fest, daß die Sexualität und Erotik in der Ethnologie ein Schattendasein bilden und bietet an, eine eigene Definition zu generieren.
Wilhelm Reichs Buch Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral hat er offenbar nicht gelesen, lediglich ein abwertendes Zitat ist er ihm Wert:
Was die Rezeption von Malinowski außerhalb der Ethnologie angeht, so zeigt sich an ihr wiederum die Brisanz des Themas. Nicht nur erhielten die Trobriander bis in die heutige Zeit das Image der Inseln der Freien Liebe – Malinowskis Aussagen über die Liebesbeziehungen wurden auf bezeichnenderweise Weise falsch gelesen. Ein erhellendes Beispiel ist die Rezeption durch Wilhelm Reich in seinem Buch Invasion of compulsory sex-morality. Der Psychoanalytiker vermochte nicht zu differenzieren zwischen einem Fehlen des Verbots vorehelichen Geschlechtsverkehrs – und nichts anderes hat Malinowski beschrieben – und einer völligen Regellosigkeit in Sachen Sex. Seine Vorstellungen von der strengen Kontrolle, die Kultur über Sexualität ausübt, ermöglichten ihm nur eine Alternative: das Aussetzen eines für den Westen seiner Zeit zentralen Verbotes wurde gleichbedeutend mit dem Aussetzen jedes Gesetzes (Senft 1995a: 485-487). Diese Mißverständnisse sind charakteristisch für zahlreiche spätere Rezipienten, die in die Trobriander ein Gegenmodell ihrer eigenen, als sexuell restriktiv empfundenen Kultur hineinprojizierten. (S. 31) [Senft 1995a = Gunter Senft, „Noble Savages“ and the „Islands of Love“: Trobriand Islanders in popular publications“. In: C. Baak [e.a.] (eds.): Tales from a concave world, Liber Americon Bert Voorhoeve, Leiden, S. 480-510]
Es ist relativ leicht zu verstehen, warum Sprenger Reich dermaßen behandeln muß. Während Reich eine Erforschung und Definition gesunder Sexualität geleistet hat, muß Sprenger hilflos herumrätseln und zu den abwegigsten Beispielen greifen.
Sein Paradebeispiel ethnologischer Sexualität sind ein geheimes Volk, welches von den Ethnologen verborgen wird, weil sie solche absurden päderastischen Sexualriten wie institutionalisiertes Spermaschlucken aufweisen. Darüber hält sich Sprenger lang und weitschweifig aus. Folgerichtig kritisiert er an den Trobriandern, daß sie nicht schwul werden dürfen und hier zeigt sich die ganze Misere der Sexualethnologie, die teilweise von Homosexuellen und Gender-Predigern/innen dominiert werden.
Warum also solchen typischen Foucault Schmiersinn lesen? Zum einen ist die moderne Literatur bis 1997 verarbeitet worden und er diskutiert in lesbarer Weise, wo Malinowski Fehlinterpretationen lieferte und zeigt natürlich weitere Ergänzungen zu dessen Forschungen. Er geht sehr ausführlich auf Magie und Kula (Warentausch) ein.
Insgesamt scheitert er an dem, was er leisten wollte. Die Erotik des Volkes zu erklären und am sinnfälligsten wird es am Beispiel der sogenannten Tabu-Ehen, die Reich so hervorragend als ökonomisches System der Kreuz-Vetter-Basen-Heirat enträtselte.
Das Buch ist selbst nicht mehr zu kaufen, lediglich in Universitätsbibliotheken erhältlich.
Die biosoziale Grundlage der Familien- und Paartherapie (Teil 14)
16. Oktober 2014DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE
Peter Crist: Die biosoziale Grundlage der Familien- und Paartherapie (Teil 14)
Zwei Arten von Debitismus (Teil 1)
19. März 2013Wenn ich die orgonomische Wirtschaftstheorie, wie sie von Charles Konia und Robert A. Harman auf der Grundlage von Reichs Erkenntnissen dargelegt wurde, richtig verstanden habe, ist das gegenwärtige Wirtschaftssystem bruchlos aus dem Austausch zwischen den ersten Menschengruppen hervorgegangen. Ursprünglich setzte sich die Menschheit aus kleinen Clans zusammen, die sich mehr oder weniger feindlich gesonnen waren. Ganz ähnlich den Zuständen, die wir bei Schimpansenhorden beobachten. Die einzelnen Clans fanden erst durch komplizierte Heiratsregeln und durch quasi „Kreditgeschäfte“ dauerhaft zueinander und konnten einigermaßen friedliche Gesellschaften bilden. Bei den besagten „Kreditgeschäften“ ging es um Geschenke, die den Beschenkten implizit verpflichteten ein wertvolleres Gegengeschenk zu geben. Das war sozusagen der erste „Zinsstreß“, ging es doch um die Gefahr des Gesichtsverlusts und des sozialen Todes (der zwangsläufig den physischen Tod nach sich zog, denn auf sich allein gestellt, konnte niemand überleben).
Durch die Zusammenarbeit der Clans kam es zu wachsender Arbeitsteilung und die „Kreditgeschäfte“ betrafen schließlich auch Güter: Wildbret, Fisch, Töpferwaren, Früchte, etc. Beispielsweise läßt sich der „Handel“ mit Sperrspitzen über ganze Kontinente hinweg nachweisen. Das, was ursprünglich die Clans zusammengeführt und zusammengehalten hatte, organisierte nun die Arbeitsdemokratie: ein unüberschaubares Netz gegenseitiger Verpflichtungen. Schließlich kam durch das Marktgeschehen das Geld auf, um den Austausch zu vereinfachen und zu vereinheitlichen. Gestört wurde das System durch immer neue Einbrüche der Emotionellen Pest. Die Emotionelle Pest bewirkte, daß das freiwillige Geben eine immer geringere Rolle spielte und stattdessen das Nehmen ausuferte.
Der Ausgangspunkt von Harmans Argumentation sind die beiden folgenden Stellen aus Reichs Massenpsychologie des Faschismus:
Die Summe aller natürlichen Arbeitsbeziehungen nennen wir Arbeitsdemokratie, als die Form der natürlichen Organisation der Arbeit. Diese Arbeitsbeziehungen sind ihrem Wesen nach funktionell und nicht mechanisch. Sie können nicht willkürlich organisiert werden, sie ergeben sich spontan aus dem Arbeitsprozeß selbst. Die wechselseitige Abhängigkeit eines Tischlers von einem Schmied, eines Naturforschers vom Glasschleifer, eines Malers von der Produktion des Farbstoffes, eines Elektrikers von der Metallarbeit ist an sich durch die Verwobenheit der Arbeitsfunktionen gegeben. (Fischer TB, S. 312)
Dieses Gewebe wechselseitiger Abhängigkeiten und Verpflichtungen formiert sich spontan und kann nicht künstlich geschaffen bzw. durch Vorgaben, gar Befehle hergestellt werden. Wenn es doch versucht wird, geschieht allenfalls das gleiche wie bei den Primitiven, wenn man diese willkürlich organisieren will: sie gehen, wenn sie denn gezwungen werden, in den inneren Streik. An einem ähnlichen Zwang ist beispielsweise die „DDR“ zugrundgegangen: ihr tut so, als wenn ihr uns bezahlt und wir tun so, als wenn wir für euch arbeiten.
[W]enn weiter die Arbeitsfunktionen an sich und unabhängig vom Menschen rational sind, dann stehen vor uns zwei riesenhafte Betätigungsgebiete des menschlichen Lebens, einander todfeindlich, gegenüber: die lebensnotwendige Arbeit als rationale Lebensfunktion hier; die emotionelle Pest als irrationale Lebensfunktion dort. (ebd., S. 330)
Entsprechend ist heute Wirtschaftswissenschaft das Studium der Wechselwirkung zwischen der Arbeitsdemokratie und der Emotionellen Pest:
Die orgonomische Wirtschaftstheorie steht heute jedoch vor einer ähnlichen Situation wie Reich Mitte der 1920er Jahre. Damals war Reich angesichts von Freuds Totem und Tabu mit dem Problem konfrontiert, daß seine Orgasmustheorie anthropologisch unhaltbar zu sein schien, waren doch die Primitiven (also jene, die dem „orgastisch potenten Naturzustand“ vermeintlich am nächsten standen) „patriarchal, neurotisch und pervers“. Ihre Leben schien von Männerwillkür, neurotischem Aberglauben und beispielsweise von grausamen Genitalverstümmelungen beherrscht zu sein. Damals wurde der „edle Wilde“ Rousseaus vollständig dekonstruiert. Das Bild des Wilden verdüsterte sich derartig, daß selbst Freuds Todestriebtheorie glaubhaft wirkte.
Es muß für Reich wie eine Erlösung gewesen sein, als er auf die Arbeit von Bronislaw Malinowski über die Trobriander stieß, die seine Orgasmustheorie vollauf bestätigte. In den 1980er Jahren konnte James DeMeo dann die Stichhaltigkeit des Reichschen Ansatzes durch eine kulturvergleichende Studie nachweisen, die sämtliche ethnographisch untersuchten Völkerschaften umfaßte.
Wenn man sich nun daran macht, im Anschluß an die klassischen Wirtschaftstheorien seit Adam Smith eine orgonomische Wirtschaftstheorie zu formulieren, wonach der rationale Austausch zwischen den Menschen (die Arbeitsdemokratie) durch die Emotionelle Pest gestört wird, steht man vor einem ganz ähnlichen Problem, denn die Ethnologie zieht ebenfalls seit Anfang des letzten Jahrhunderts die Vorstellung eines rational handelnden (tauschenden) Wilden in Zweifel. Tauschhandlungen habe es nur im Rahmen der Sitte und Ritualen gegeben und es sei dabei um Dinge wie Ehre, Ehrgeiz, Angst vor Gesichtsverlust, etc. gegangen. Tausch galt also weniger dem materiellen Erhalt der Gemeinschaft, als vielmehr dem sozialen Ausgleich.
Erst mit der Zivilisation sei das Element der rationalen Wirtschaftsführung hinzugetreten, Kosten-Nutzen-Analyse, Bereicherung, Kapitalakkumulation, etc. Die klassische Ökonomie hätte dann mit viel Phantasie einen rationalen „Homo oeconomicus“ an den Anfang der Entwicklung gestellt. Diesem war es zwar ebenfalls um den sozialen Ausgleich zu tun („Geben und Nehmen zum gemeinsamen Vorteil“), doch ging dies vom rational kalkulierenden Subjekt aus. Quasi wurde der zeitgenössische Kaufmann zurück in den Urwald versetzt losgelöst von allen Stammesstrukturen.
Ende der 1920er Jahre postulierte Reich, sich auf Malinowski berufend, einen „Urkommunismus“ bei den Trobriandern, d.h. eine solidarische Gemeinschaft, in der, wenn man so sagen kann, die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ verwirklicht war. Malinowski selbst sollte in seinem 1935 erschienenen Buch Korallengärten und ihre Magie (Bodenbestellung und bäuerliche Riten auf den Trobriand-Inseln), das m.W. Reich nie gelesen hat, dieser Interpretation entschieden entgegentreten. Auch lehnte Malinowski die gegenteilige Interpretation ab, daß es sich bei den Wilden um eine Art rücksichtslosen „Urkapitalisten“ handele. Beispielsweise ist ein aufwendiges hochseetüchtiges Kanu nicht einfach „Allgemeingut“, sondern es gehört einer Person, die jedoch in einem schier unentwirrbaren Gestrüpp von Verpflichtungen gegenüber jenen eingebunden ist, die ihr beim Bau des Kanus geholfen haben. In seiner orgonomischen Wirtschaftstheorie geht Robert Harman im Detail darauf ein. Die Trobriandrische Gesellschaft wird von einem Netz gegenseitiger Verpflichtungen organisiert, durch ein universelles Geben und Nehmen.
Am Ende seines Buches über die Ökonomie der Trobriander schrieb Malinowski etwas, was später noch in einem ganz anderen Zusammenhang Bedeutung gewinnen wird:
Abschließend möchte ich noch hervorheben, daß sich im Licht dieser Analyse zeigt, wie vergeblich die Unterscheidung zwischen kommunistischem und Privateigentum ist. Ich hätte durchweg zeigen können, wie jeder Anspruch, jede Beziehung zwischen Mensch und Boden betontermaßen sowohl individuell wie kollektiv ist. Die Konzeption der ursprünglichen Heraufkunft (der Clans aus dem Inneren der Erde, PN) impliziert eine große Verwandtschaftsgruppe, den Subclan, der uranfänglich von einem Individuum, der Urahne – vielleicht auch ihrem Bruder –, repräsentiert wird, und den heute gleichermaßen ein Individuum repräsentiert, das Oberhaupt. Diese Gruppe ist nach Geschlecht und Alter differenziert und in kleinere Lineages unterteilt. Und innerhalb des Subclans gibt es sogar individuelle Besitztitel auf Land, und das Land selbst ist gleichsam aus Rücksicht auf den Wunsch nach individuellen Unterscheidungen aufgeteilt. Obwohl nämlich der persönliche Parzellenbesitz in gewisser Weise unserer eigenen Vorstellung von letztgültigen Verhältnissen im Bodenrecht am nächsten kommt, ist er doch auf den Trobriand-Inseln nur von allergeringster ökonomischer Relevanz. Dennoch ist dieser Umstand hier äußerst wichtig, da er belegt, wie wenig der sog. Urkommunismus in der Wirtschaftseinstellung der Eingeborenen vorkommt. Geradezu zum Ärger der anthropologischen Theoretiker insistiert der Trobriander darauf, eine eigene Parzelle zu haben, die mit seinem Personennamen assoziiert ist. Bei der alten Entgegensetzung handelt es sich um einen schlechten und unklugen Kurzschluß; durchgehend haben wir gesehen, daß das eigentliche Problem nicht im Entweder-Oder von Individualismus und Kommunismus liegt, sondern in der Wechselbeziehung kollektiver und persönlicher Ansprüche. (Korallengärten und ihre Magie, Frankfurt 1981, S. 413)
Reich und Malinowski (Teil 2)
24. Februar 2012Reaktionen auf den Evolutionismus (Edward B. Tylor und James Frazer), bei dem z.B. das Inzesttabu als natürlicher Entwicklungsschritt betrachtet wurde, war einerseits der Funktionalismus Bronislaw Malinowskis mit seinem extremen kulturellen Relativismus (Inzesttabu kann nur aus dem kulturellen Kontext erklärt werden: Sexualität stört den überlebensnotwendigen Familienzusammenhang), und andererseits der Diffusionismus (nach Eliot Smith soll alle Zivilisation von einem Punkt aus „diffundiert“ sein und damit auch das Inzesttabu).
Einen solchen diffusionistischen Ansatz, wonach die Gleichartigkeit kultureller Elemente durch kulturellen Austausch bedingt ist, hat James DeMeo mit seiner Saharasia-Theorie in die Orgonomie hineingetragen. Gemeinsam mit der funktionalistischen Anthropologie Malinowskis (die Gleichartigkeit von Gebrauchsgegenständen und Verhaltensmustern entsteht durch die Zwänge der Funktionserfüllung) hat dieser Ansatz, daß auch er von der prinzipiellen Unterschiedlichkeit der Kulturen ausgeht: als in sich abgeschlossene nicht mit anderen Kulturen vergleichbare Ganzheiten, die bei Kontakt aufeinander wirken.
Die Orgonomie ist natürlich vom funktionellen Ansatz her der funktionalistischen Schule ganz besonders zugetan, auch wenn sie aus der Arbeit des Hauptvertreters des Funktionalismus (Malinowski) eher evolutionistische Folgerungen gezogen hat, indem sie eine Kultur (die der Trobriand-Inseln) allen anderen Kulturen als ursprünglichen Zustand zugrundegelegt hat und radikal gegen den „liberalen“ Relativismus Malinowskis antrat. Aber auch mit diesem modifizierten „Funktionalismus“ gelang es der Orgonomie nicht, das Aufkommen des Patriarchats zu erklären. Reichs zwei Versuche, dies zu leisten (in Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral und in Die kosmische Überlagerung), sind letztendlich gescheitert. Erst DeMeos bewußte Anwendung des Diffusionismus hat hier die definitive Lösung gebracht: das Patriarchat hat sich Reichs ORANUR-Forschung gemäß in den großen Wüsten gebildet und ist von dort über die letzten sechs Jahrtausende langsam auf die ganze Erde diffundiert (Reichs Vorstellung der sich ausbreitenden „Emotionellen Wüste“ und der Epidemie „Emotionelle Pest“).
Auf das äußerste verkürzt spiegelt sich im Widerspruch von funktionalistischer und diffusionistischer Kulturtheorie der Widerspruch von ungepanzert-funktioneller (OR) und gepanzert-dysfunktioneller (DOR) Natur, von Matriarchat und Patriarchat.
Im expliziten Anschluß an Darwin hat Marx die sozioökonomische Entwicklung der Menschheit als „Naturgeschichte“ zu rechtfertigen gesucht und mit einem evolutionistischen Model 6000 Jahre patriarchaler Entwicklung glorifiziert, sowie mit einem paradiesischen Abschluß geadelt. Marx sah keinen Unterschied zwischen natürlichen und künstlichen Institutionen, was unvereinbar mit Reichs Haltung ist. Ich frage mich, wie Reich es zuwege brachte, psychoanalytische „Evolutionisten“ wie Roheim von einer marxistischen Position aus anzugreifen, die erst recht einen „saharasia-affirmativen Evolutionismus“ implizierte – wie ihn z.B. Herbert Marcuse ganz offen vertreten hat.
Was Reichs marxistische Position in den 1930er Jahren noch kurioser macht, ist die Rechtfertigung seines sexualökonomischen „freudomarxistischen“ Ansatzes durch den Verweis auf Malinowskis Erforschung des „Urkommunismus“, während Malinowski selbst am Ende seines Buches über die Ökonomie der Trobriander schrieb:
Abschließend möchte ich noch hervorheben, daß sich im Licht dieser Analyse zeigt, wie vergeblich die Unterscheidung zwischen kommunistischem und Privateigentum ist. Ich hätte durchweg zeigen können, wie jeder Anspruch, jede Beziehung zwischen Mensch und Boden betontermaßen sowohl individuell wie kollektiv ist. Die Konzeption der ursprünglichen Heraufkunft [der Clans aus dem Inneren der Erde] impliziert eine große Verwandtschaftsgruppe, den Subclan, der uranfänglich von einem Individuum, der Urahne – vielleicht auch ihrem Bruder –, repräsentiert wird, und den heute gleichermaßen ein Individuum repräsentiert, das Oberhaupt. Diese Gruppe ist nach Geschlecht und Alter differenziert und in kleinere Lineages unterteilt. Und innerhalb des Subclans gibt es sogar individuelle Besitztitel auf Land, und das Land selbst ist gleichsam aus Rücksicht auf den Wunsch nach individuellen Unterscheidungen aufgeteilt. Obwohl nämlich der persönliche Parzellenbesitz in gewisser Weise unserer eigenen Vorstellung von letztgültigen Verhältnissen im Bodenrecht am nächsten kommt, ist er doch auf den Trobriand-Inseln nur von allergeringster ökonomischer Relevanz. Dennoch ist dieser Umstand hier äußerst wichtig, da er belegt, wie wenig der sog. Urkommunismus in der Wirtschaftseinstellung der Eingeborenen vorkommt. Geradezu zum Ärger der anthropologischen Theoretiker insistiert der Trobriander darauf, eine eigene Parzelle zu haben, die mit seinem Personennamen assoziiert ist. Bei der alten Entgegensetzung handelt es sich um einen schlechten und unklugen Kurzschluß; durchgehend haben wir gesehen, daß das eigentliche Problem nicht im Entweder-Oder von Individualismus und Kommunismus liegt, sondern in der Wechselbeziehung kollektiver und persönlicher Ansprüche. (Korallengärten und ihre Magie, S. 413).
Wie die Ethnographen immer wieder festgestellt haben, scheint der Hauptlebensinhalt solch primitiver Gesellschaften der ständige, wirtschaftlich vollkommen sinnlose, Austausch von Geschenken zu sein. So als würde man eine heiße Kartoffel so schnell wie möglich weiterreichen, um sich nicht die Finger zu verbrennen. Der Austausch von Geschenken, englisch „gift“, beinhaltet den Austausch von „Gift“ – ein Wort, das den gleichen linguistischen Ursprung hat wie das englische Wort für Geschenk. Diese etymologische Doppeldeutigkeit weist auf eine unbewußte Wahrheit hin, denn, wie Reich dargelegt hat, verrät die Wortbildung die Ausdrucksweise des Lebendigen. Jemanden ein Geschenk zu überreichen, bedeutet das eigene Gift loszuwerden, sodaß der Beschenkte es weiterreichen muß und so weiter in einem ewigen Kreislauf.
Freigebigkeit wird hoch angesehen, während Knauserigkeit verachtet wird. Dieses weniger ethische als vielmehr ästhetische Urteil scheint damit zusammenzuhängen, daß beim krampfhaften Festhalten der Tauschgüter eine energetische Stagnation eintritt und buchstäblich giftiges DOR akkumuliert wird. Um diesen unappetitlichen Faulprozeß zu verhindern, wird das statische Resultat energetischer Überlagerung in Bewegung gehalten – es soll sich in ORgon zurückverwandeln. Schon als Kind ist mir aus persönlichem Augenschein aufgefallen, daß Menschen, die im Luxus leben, daran wirklich buchstäblich ersticken. Sie haben etwas seltsam „Unappetitliches“ an sich und strahlen eine merkwürdig „übersättigte Schwermut“ aus. Ein Gefühl, wie wenn man zu viele Süßigkeiten zu sich genommen hat und alles klebrig geworden ist. Ich glaube, es ist eine wirkliche DOR-Krankheit.
Damit will ich natürlich nicht sagen, daß die Trobriander dem „Luxus“ abhold sind, ganz im Gegenteil: Aus Berichten über die Trobriander und andere Naturvölker läßt sich schließen, daß für sie Reichtum und der mit ihm verbundene soziale Status sehr wichtig ist. Man schaue nur, wieviel Wert Naturvölker auf Kleidung, Schmuck und schöne Körperformen legen. Für sie sind Sein und Schein ein und dasselbe. Sie sind ein einziger Hohn auf Erich Fromms zutiefst triebfeindliches pfaffenhaftes „Haben oder Sein“!
Bereits die grundlegende Dualität von Sexualität und Hunger von der Freud (und übrigens gewissermaßen auch Marx) ursprünglich ausging, um die Neurosen zu erklären, war ein solches triebfeindliches Konstrukt. So hat auch Reich, der ja das erste Triebkonzept der Psychoanalyse wiederbelebte, sich kaum auf diese angeblich natürliche Dichotomie bezogen. – Ernährung hatte ursprünglich kaum etwas mit bewußter Erhaltung, sondern vielmehr mit reiner Triebbefriedigung zu tun. In seinen Korallengärten und ihre Magie schreibt Malinowski, daß dem Trobriandern
nur verschwommen gegenwärtig (ist), daß Essen Ernährungswert besitzt. Sie wissen zwar, daß das Nichtvorhandensein von „Grundnahrungsmitteln“ Hungersnot bedeutet, die sie zutiefst fürchten, aber die wichtigste Bedeutung des Essens liegt darin, daß es ein lebendiger Genuß ist – und der wird durch die Zutat von „Delikatessen“ erhöht und ausgedehnt.
Man kann die Trobriander wirklich in keinster Weise als Beleg für sozialistische Theorien oder für den „Urkommunismus“ in Beschlag nehmen. Und wenn man den oben erwähnten „altruistischen“ Geschenkaustausch herausstreicht, muß gesagt werden, daß er wahrhaftig nichts idyllisches „urkommunistisches“ an sich hat, sondern von stetiger Spannung erfüllt ist, da ständig versucht wird, den anderen mit der eigenen Großzügigkeit auszustechen.
Betrachten wir parallel dazu die sozialen Auswirkungen des Geschlechtstriebes, sehen wir, daß dieser ebenfalls individualistisch und unsozial ist, denn er leugnet die Gleichheit der Menschen und ihren gleichen Wert. Wie konnte da der „Sexualökonom“ Reich erwarten, bei den Marxisten Anklang zu finden?!
Reich und Malinowski (Teil 1)
23. Februar 2012Anfang der 1930er Jahre ging Reich die „organismische“ Vorstellung vom Staate, die damals en vogue war, wie folgt an:
Das Interesse an der autoritären Familie als „staatserhaltender“ Institution steht (…) an erster Stelle in allen Fragen der reaktionären Sexualpolitik. Es trifft zusammen mit dem gleichgerichteten Interesse aller Schichten des kleingewerbetreibenden Mittelstandes, für die die Familie die wirtschaftliche Einheit bildet, oder besser, seinerzeit gebildet hat. Von diesem Standpunkt sieht die faschistische Ideologie Staat und Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Von diesem durch die alte Wirtschaftsweise des Kleinbürgertums bestimmten Standpunkt ist auch die reaktionäre Sexualwissenschaft beherrscht, wenn sie an den Staat mit der Vorstellung, er sei ein „organisches Ganzes“ herantritt. Für die Werktätigen in der modernen Zivilisation fallen Familie und soziale Daseinsweise auseinander, ist die Familie nicht wirtschaftlich verwurzelt; sie sind daher in der Lage, das Wesen des „Staates“ als eine Zwangseinrichtung der Gesellschaft zu sehen; für ihre Sexualwissenschaft und ihre Sexualökonomie gilt nicht der „biologische“ Standpunkt, daß der Staat ein „organisches Ganzes“ sei. (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer-TB, S. 111)
Hier greift Reich die Staatsauffassung an, wie sie von der „Konservativen Revolution“ zur Zeit der Weimarer Republik propagiert und vom Nationalsozialismus übernommen wurde.
Im Gegensatz zu dem vielgeschmähten System der Weimarer Verfassung, das man als „Konstruktion“ der mißachteten Intellektuellen ablehnte, galt der nationalsozialistische Staat als ein „organisches Gefüge“, etwas Gewachsenes also, das nicht durch systematisches Denken logisch begriffen, sondern allein durch (das in der deutschen Sprache so seltsam feierlich ahnungsvolle Wort) „Anschauen“ gedeutet werden konnte. (Hildegard von Kotze und Helmut Krausnick: „Es spricht der Führer“, Gütersloh 1966, S. 126)
Hitler sprach 1933 davon, daß nun die grundlegende Aufgabe sei, den Egoismus zu überwinden und den Einzelnen zu einem, so Hitler, „geheiligten Gesamtegoismus zu führen, welcher die Nation ist“.
Es ist nur allzu verständlich, daß Reich diese „biologistische“ Vorstellung des Staates kritisiert hat, aber interessanterweise hat Bronislaw Malinowski seine „funktionalistische Kulturtheorie“, die die von Reich bekämpfte Betrachtungsweise verfolgte und Kulturen als organische Ganzheiten sah, aus seiner Beobachtung der arbeitsdemokratischen Gesellschaft der Trobriander abgeleitet.
Nach Malinowski entsprechen jeweils verschiedene Aspekte einer Kultur bestimmten Funktionen des Organismus. Dies ist von Malinowski teils recht vage biologisch, wenn nicht gar biologistisch formuliert worden. (Thomas Luckmann in der Einleitung zu Malinowski: Magie, Wissenschaft und Religion und andere Schriften, Frankfurt 1973)
Reichs Kritik an dieser Art von „funktionalistischen“ Anthropologen sieht wie folgt aus:
Sie kommen meist über die reine Beschreibung nicht hinaus, sehen nur die wirtschaftlichen Beziehungen, und diese nur psychologistisch; sie können keinen Prozeß angeben, der die gesellschaftliche Entwicklung beherrscht; sie sind auch weit entfernt von der sexual-ökonomischen Fragestellung, wie und mit welchen Mitteln sich das biologisch-gesellschaftliche Sein in Charakterstruktur umsetzt und wie diese gewordene psychische Struktur der Menschen auf die gesellschaftlichen Beziehungen, aus denen sie hervorging, rückwirkt. (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, S. 145)
In seinem Nachwort zu Malinowskis Korallengärten und ihre Magie sagt Fritz Kramer:
Malinowskis Ethnographie ist in hervorragendem Sinn „perspektivisch“ – mehr noch als „funktionalistisch“ – angelegt, d.h. in ihr ist es Methode, Institutionen, Vorfälle, Texte und Gegenstände in wechselnden Perspektiven, in der des externen Beobachters, des Betroffenen, des Vaters, des Mutterbruders usw., zu untersuchen. (Frankfurt 1981, S. 419f)
Genau diese zerfaserte, eben nichtfunktionelle Betrachtungsweise kritisiert Reich.
Ethnologen wie Geza Roheim beschrieben im Gegensatz zum statischen Modell Malinowskis tatsächlich eine gesellschaftliche Entwicklung, sahen aber, was Reich wiederum im Sinne Malinowskis kritisiert, vom funktionellen Ganzen ab und suchten stattdessen die einzelnen Phänomene auf, um dann idealisierend diese Einzelteile mit Elementen unserer Kultur gleichzusetzen. Die evolutionistische Anthropologie des 19. Jahrhunderts, wie sie auch noch Roheim vertrat, glaubte, die Völker nach Graden der Primitivität ordnen zu können, d.h. alle diversen Kulturen in eine Entwicklungslinie von der Affenhorde bis zur heutigen westlichen Kultur.























