Posts Tagged ‘Kinder der Zukunft’

Das Projekt „Children of the Future” des „Orgonomic Infant Research Center” (O.I.R.C.) (Teil 2)

24. Dezember 2018

von Bernd Laska

Das Orgonomische Säuglingsforschungszentrum (nach OEB II/4) (Fortsetzung)

Alle bisherigen Ansichten über Erziehung hatten Anpassung an die speziellen nationalen, religiösen, rassischen oder sonstwelchen Ideale zur Grundlage und zum Ziel … Gesundheit und Normalitat wurden gleichgesetzt … ein Katholik hat da andere Vorstellungen als ein Hindu, ein Moslem andere als ein Liberaler, und im heutigen Rußland soll das Kind „wie Stalin“ werden… … Alle diese Ansichten haben eines gemein: DIE VÖLLIGE AUSSERACHTLASSUNG DER NATUR DES KINDES. Gesundheit, Normalitat sind nach Interessen definiert, die außerhalb des Bereichs der Entwicklung von Kindern liegen. Diese Ansichten beginnen damit, was ein Kind sein SOLL, und nicht mit der Frage, was ein Neugeborenes IST …

… Das Neugeborene ist nicht, wie irrtümlicherweise oft angenommen wird, ein leerer Sack oder eine chemische Maschine, in die jeder seine Ideen, was ein Mensch zu sein hat, hineinschütten kann. Es bringt ein enorm produktives und adaptives Energiesystem mit auf die Welt, das aus eigenem Antrieb Kontakt mit seiner Umgebung herstellt und anfängt, diese nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Die grundlegende und wichtigste Aufgabe jeder Erziehung, die vom Interesse am Kind geleitet ist und nicht im Dienst von Parteiprogrammen, Profit, Kirche o.ä. steht, besteht darin, jedes Hindernis zu entfernen, das dieser naturgegebenen Produktivität und Gestaltungsfähigkeit der biologischen Energie im Wege steht … Diese Kinder werden ihre eigenen Wege zu wählen haben und ihre eigenen Ziele bestimmen. Wir müssen von ihnen lernen statt ihnen unsere verqueren Ideen und bösartigen Praktiken aufzuzwingen, die sich in jeder neuen Generation immer wieder als äußert schädlich erwiesen haben …

… LASSEN WIR DIE KINDER SELBST UBER IHRE ZUKUNFT ENTSCHEIDEN! Unsere Aufgabe besteht darin, sie dazu zu befähigen und ihre natürliche Fähigkeit dazu nicht zu zerstören … Wir haben kein Recht, unseren Kindern zu sagen, wie sie ihre Zukunft bauen sollen; wir können unseren Kindern nur so genau wie möglich sagen, wo und wie wir gescheitert sind …

Die Arbeit des OIRC bestand aus vier Teilbereichen:

  1. Pränatale Fürsorge für gesunde, schwangere Frauen: Sexualökonomische Beratung beider Eltern; Routineuntersuchungen; Vermeidung von Dingen, die schädigend auf den Embryo wirken können, wie zu enge Gürtel, mangelnde orgastische Entladung usw.
    Benutzung des Orgonakkumulators während der Schwangerschaft. Regelmäßige sorgfältige Untersuchung des bioenergetischen Verhaltens des Organismus, insbesondere des Beckens. Untersucht werden sollte, welchen Einfluß Depressionen, gestauter Haß usw. auf den Embryo haben, worüber so gut wie nichts bekannt ist.
  2. Sorgfältige Überwachung der Geburt und der ersten Lebenstage des Neugeborenen: Diese Zeit ist sehr entscheidend in der Entwicklung; die meisten chronischen oder melancholischen Depressionen entwickeln sich aus so früher Frustration. Die fehlerhafte Entwicklung der Wahrnehmungsfunktion während der ersten sechs Wochen sind die Ursachen für die Entwicklung der schizophrenen Spaltung oder eines schizoiden Charakters. Die größte Schwierigkeit ist hier unsere geringe Kenntnis der bioenergetischen Ausdrucksweise des Neugeborenen.
  3. Verhinderung der Bildung eines Charakterpanzers in den ersten fünf bis sechs Jahren: Auch hierüber war klinisch wenig bekannt. Wir konnten erwarten, daß es ein Unterschied war, ob wir bereits stark gepanzerte Kinder zu behandeln hatten, oder ob wir das Beginnen der Panzerbildung in einem anderweitig sich natürlich entwickelnden Kind erkennen sollten. Es war nichts bekannt, welche Charakterzüge im Säuglingsalter infolge früher Panzerung und welche infolge natürlichen Lebensausdruckes auftreten. In den letzten Jahren hatten wir einige Kinder nach dem Prinzip der Selbstregulation aufwachsen sehen. Diese Kinder waren in ihrem Wachstum und in ihrer Entwicklung so wenig wie möglich durch Einflüsse von Kultur, Kirche, Staat o.a. behindert worden. Sie waren für uns die besten Lehrer; wir lernten mehr über Biologie und Selbstregulation als in dreißig Jahren Arbeit als Psychiater und Ärzte. Es war, im Ganzen gesehen, wie ein Blick in das „gelobte Land“. Es war außerdem eine Lektion darüber, was die emotionale Pest des Menschen am Menschen anrichtet. Diese Kinder entwickelten unterschiedliche charakterliche Reaktionen. Es war uns nicht bekannt, inwieweit dies gesetzmäßige, biologische Entwicklungen waren. Von der etablierten Wissenschaft konnten wir keine Hilfe erwarten; wir mußten ganz von vorn anfangen.
  4. Studium und Aufzeichnung der weiteren Entwicklung dieser Kinder bis zum Abschluß der Pubertät.

Aus diesem Plan ist leicht ersichtlich, daß dies ein sehr langfristiges Programm war. Die ersten entscheidenden Ergebnisse waren wahrscheinlich erst in zehn bis fünfzehn Jahren zu erwarten.

Was aus dem Projekt „Kinder der Zukunft“ geworden ist, ist mir nicht bekannt. Wahrscheinlich ist es infolge der bald einsetzenden Verfolgung Reichs, des Prozesses und schließlich seines Todes abgebrochen worden. Jedenfalls ist meines Wissens nichts mehr darüber publiziert worden (B.L.).

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Aus: Wilhelm Reich Blätter 1/76N.

Psychotherapie und das Projekt „Kinder der Zukunft“

26. Oktober 2018

In Kinder der Zukunft (Gießen, 2018) beschreibt Reich den „perfekten Kontakt“ seines Sohnes Peter als Kleinkind. „David“ so heißt er im Buch, lebt aus dem Kern heraus, ist „transparent“, durchlässig. Er ist ehrlich, aufrichtig, direkt, bescheiden und freundlich. Reich fährt fort: „Wir haben bereits solche Eigenschaften bei biopathisch Erkrankten [im Verlauf der Heilung] aus der Tiefe aufsteigen sehen. Jetzt finden wir das Gleiche in natürlich heranwachsenden Kindern“ (S. 41).

Die Worte, die ich nachträglich in eckige Klammern gesetzt habe, stammen nicht von Reich selbst, sondern sind eine Erfindung des Übersetzers, werden aber Reichs Intention entsprechen. Die Qualitäten, die das ungepanzerte Kind mitbringt und im Laufe der Zeit entfaltet, tauchen auch im Verlauf einer regelgerechten psychiatrischen Orgontherapie auf. Das „Kind der Zukunft“ ist in uns verschüttet, ähnlich wie die Arbeitsdemokratie am Grunde des Kapitalismus fortwirkt. Wenn wir arbeiten, haben wir automatisch Anteil an der Gesundheit. Wir werden Teil der Gemeinschaft aller Arbeiter. Wenn wir in Orgontherapie gehen, öffnen wir die Tür zu den „Kindern der Zukunft“. Entsprechend behandeln Orgontherapie-Patienten ihre Kinder anders – sie empfinden Solidarität mit ihnen.

nachrichtenbrief119

10. Juli 2018

Der verdrängte Christus: 7. Die Beschneidung

19. Mai 2018

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS:

7. Die Beschneidung

Der genitale Charakter und die genitale Welt

13. April 2018

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Paul Mathews: Der genitale Charakter und die genitale Welt

acologo

War Peter nicht zu streng mit seiner Kritik an der deutschen Übersetzung von CHILDREN OF THE FUTURE?

30. März 2018

Ich war ganz und gar nicht zu streng, denn auf die eigentliche Übersetzung, nämlich die des von Reich im Original auf amerikanisch verfaßten Materials, bin ich kaum eingegangen. Ich müßte ein Buch von der Dicke von Kinder der Zukunft schreiben, um darzulegen, was hier fabriziert wurde!

Deshalb nur ein einziger Paragraph, in dem es um die Frage geht, wo der Zugang zur ungepanzerten Rationalität zu finden ist, von der jeder „tief drinnen“ weiß, daß sie der Wahrheit entspricht. Reich weiter (in der Übersetzung von 2018):

Für jemanden, der menschliche Verhaltensweisen wirklich versteht, ist offensichtlich, daß der Zugang zu diesem Gebiet nicht nur verdeckt ist, wie manch anderes Rätsel der Natur, sondern sicher geschützt wird gegen alle Zugangsversuche. Man fühlt sich erinnert an die biblische Legende vom Erzengel Michael, der mit seinem Flammenschwert Adam und Eva den Eintritt ins Paradies verwehrt. Solche Mythen haben tiefere Bedeutung. Die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Garten Eden entspricht dem Kontaktverlust des Menschen mit der Natur vor langer Zeit. Er kann nicht mehr zurück, denn er ist „sündig“. Aus unserem Blickwinkel kann er nicht mehr zurück zur Natur aufgrund etwas, was dieser Natur widerspricht. Da der Mensch ein winzig kleiner Teil der Natur ist, muß er deren Gesetze einhalten, ansonsten verliert er seine wahre Natur, wird schwach und gerät in das Durcheinander, das wir heute haben. Es macht wenig Sinn, den Menschen „zurück zu Gott“ zu rufen, ohne daß verstanden ist, was „Gott“ wirklich bedeutet und darstellt. Nicht zu wissen, daß Gott ein Teil dieses Verwehrens des Zugangs ist und die Strafe ein Teil des menschlichen („Sünden“-)Falls. (S. 71f, Hervorhebungen hinzugefügt)

Reich hat aber das Gegenteil geschrieben:

To the one who understands human affairs it is quite obvious that the entrance to this domain is not only hidden as are other riddles of nature; it is well guarded against entry. One thinks of the archangel who, with flaming sword, forbiddingly guards the entrance to paradise in the biblical legend of Adam and Eve. Myths have a very deep significance. The expelling of Adam and Eve from the Garden of Eden refers to man’s loss of his contact with nature long ago. He cannot enter again as long as he is “sinful.” From our viewpoint, he cannot return to nature because of something that contradicts nature. Since man is a tiny part of nature, he must obey its laws, lest he lose his true nature, become unfit, and land in the mess he is in now. There is not much use in calling man „back to God“ unless it is finally understood what „God“ actually means. Not to know God is a part of guarding the entrance, the punishment, a part of man’s downfall. (Hervorhebungen hinzugefügt)

Korrekt übersetzt:

Für jemanden, der menschliche Verhaltensweisen wirklich versteht, ist offensichtlich, daß der Zugang zu diesem Gebiet nicht nur verdeckt ist, wie andere Rätsel der Natur, sondern gegen alle Zugangsversuche sicher geschützt ist. Man fühlt sich an den Erzengel erinnert, der in der biblischen Legende von Adam und Eva mit seinem Flammenschwert den Eintritt ins Paradies verwehrt. Mythen haben eine sehr tiefe Bedeutung. Die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Garten Eden entspricht dem Kontaktverlust des Menschen mit der Natur vor langer Zeit. Er kann nicht mehr zurück, solange er „sündig“ ist. Aus unserem Blickwinkel kann er nicht mehr zurück zur Natur aufgrund von etwas, was dieser Natur widerspricht. Da der Mensch ein winzig kleiner Teil der Natur ist, muß er deren Gesetze einhalten, ansonsten verliert er seine wahre Natur, wird lebensuntüchtig und gerät in das Durcheinander, das wir heute haben. Es macht wenig Sinn, den Menschen „zurück zu Gott“ zu rufen, ohne daß endlich verstanden wird, was „Gott“ wirklich bedeutet. Gott nicht zu kennen, ist Teil des Verwehrens des Zugangs, der Strafe, ein Teil des Niedergangs des Menschen. (Hervorhebungen hinzugefügt)

KINDER DER ZUKUNFT: Gesundheit und sexuelle Lebensfreude (Teil 3)

18. März 2018

Unter die gesundheitsschädlichen Verhaltensweisen bei der Onanie nennt Reich „bei Mädels Onanie in der Scheide mit scharfen und spitzen Gegenständen (was sehr häufig vorkommt)“. Ausführlich beschrieben wird das in Der triebhafte Charakter (1925) und Die Funktion des Orgasmus (1927). Dazu folgender interessanter Kommentar:

Die Tatsache, daß Mädchen bei der Onanie spitze Gegenstände verwenden, weist in neueren Untersuchungen daraufhin, daß dies ein Indikator über sexuellen Mißbrauch innerhalb der Familie sein kann. Diese Möglichkeit läßt Reich völlig außer acht. (Christina Weber: Wie Reich die Frauen sah, Egelsbach 1995, S. 195)

Ich bin froh, daß die Herausgeber folgendes „eingekringelt“ und gestrichen haben:

Wir anerkennen nur ein moralisches Prinzip, welches lautet: Wir brauchen deine Kräfte für die großen Aufgaben, die wir alle leisten müssen, um die Befreiung des Menschen von jeder Art von Knechtschaft durchzusetzen; befreie dich daher, so gut du kannst, von der [unleserliche Korrektur für „bürgerlichen“] Moral und bring so gut du kannst, deine Sexualität in Ordnung.

Ab und an wird deutlich, daß Reich mit seinen Revisionen alter Manuskripte ein unheilvolles Durcheinander erzeugt hat bzw. verlieren seine Ausführungen unnötigerweise an logischer Kohärenz. Etwa hier:

Original 1932: „Welche Zusammenhänge bestehen zwischen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, ihrer Sexualordnung und der Art und Weise, in der sie die Geschlechtlichkeit der Jugend behandelt?“

Revision 1938: „Welche Zusammenhänge bestehen zwischen der heutigen Sexualordnung, ihrer Sexualordnung und der Art und Weise, in der sie die Geschlechtlichkeit der Jugend behandelt?“ (sic!).

Übersetzung 1983 bzw. Rückübersetzung 2018: „Welche Zusammenhänge bestehen zwischen der gegenwärtigen Sexualordnung und der Art und Weise, in der sie die Geschlechtlichkeit der Jugend behandelt?“ (Kinder der Zukunft, S. 188).

Oder mit anderen Worten: „Welche Zusammenhänge bestehen zwischen der Sexualordnung und der – Sexualordnung.“

Äußerungen, wie die folgende sind heute vielleicht noch revolutionärer als damals:

(…) hätte die Jugend rechtzeitig die Wahrheit erfahren, daß die sexuelle Befriedigung nicht nur eine Bedürfnisbefriedigung, wie das Essen und das Aufs-Klosett-Gehen ist, sondern daß von der Art ihres Sexuallebens (…) ihre seelische Entwicklung, ihre Lebensfrische, Arbeitsfähigkeit und Kampfesfreude restlos bestimmt werden (…)

Das spätere Buch Christusmord wirft seine Schatten voraus. So wird aus „Gott“ der „rächende Gott“, der „rächende Gott der alten Juden“, wie es in einer von Reich oder den Herausgebern durchgekreuzten Passage heißt. „Gott“ wird also nicht per se abgelehnt. (Übrigens, dafür, daß die besagte Passage doch von Raphael und Higgins „durchkreuzt“ wurde, spricht, daß sie sowohl mit einem Haken = veröffentlichen und verwirrenderweise gleichzeitig mit einem Kringel = nicht veröffentlichen versehen wurde.)

Wie rudimentär Reichs Kenntnisse des organisierten Christentums waren, zeigt sich daran, daß er von der „Konfirmation“ in der Katholischen Kirche schreibt. In der deutschen (Rück-) Übersetzung wurde daraus stillschweigend korrekterweise „Firmung“ (Kinder der Zukunft, S. 191). In der amerikanischen Übersetzung „confirmation“.

KINDER DER ZUKUNFT: Gesundheit und sexuelle Lebensfreude (Teil 2)

14. März 2018

Der Überschrift des Abschnitts „Die sexuelle Reifung“ hat in Kinder der Zukunft die gleiche Größe der Überschrift wie alle anderen auch, während in Children of the Future die ursprünglich Aufteilung in Kapitel und Unterabschnitte der Kapitel immer noch durch unterschiedliche Größe der Überschriften deutlich wird.

Sowohl im Original als auch in Kinder der Zukunft findet sich in diesem Abschnitt der Satz: „Hoden und Eierstöcke sind zwar die wichtigsten Quellgebiete der sexuellen Erregung, aber nicht die einzigen“ (S. 153). Ziemlich verwirrend, denn das ist eindeutig keine Rückübersetzung! In Children of the Future wurden aus den „Quellgebieten“ nämlich einfach „organs“. Im Manuskript schreiben die amerikanischen Herausgeber Raphael und Higgins den Übersetzern diese Änderung ausdrücklich vor. Wer gibt ihnen das Recht in Reichs Text Wörter auszutauschen? (Wobei vollständig egal ist, ob diese Veränderungen Reichs Text verbessern oder nicht!)

Wer hat das Ende von „Die sexuelle Reifung“ gestrichen, wo Reich ausführt, daß in der westlichen Kultur die seelische Reife bei Jugendlichen nicht mit der körperlichen Schritt hält, „da die moralische Sexualunterdrückung gewöhnlich ein Zurückbleiben der seelischen Reife bedingt“. Warum hätte Reich das streichen sollen? Oder folgendes:

Dem Jugendlichen stehen Geschlechtsverkehr, Onanie der Enthaltsamkeit zur Wahl. Das aber, so Reich, differenziert nach der gesellschaftlichen Schicht:

Die Frage steht anders für den großbürgerlichen Jugendlichen, das Kind des Bankiers und Fabrikanten, anders für den kleinbürgerlichen, den Sohn und die Tochter des Kaufmannes oder Beamten, und anders für den proletarischen Jugendlichen, dessen Eltern in der Fabrik arbeitetet. Dieser Unterschied kommt schon bei der körperlichen Reife zum Ausdruck; denn körperliche Unterernährung behindert die körperliche Reifung, so daß man so oft vierzehn-, fünfzehn-, sechzehnjährige Proletarier, Jungens und Mädels, sieht, die körperlich wie Zehnjährige und im übrigen durch Not, Entbehrung und andere miserable Lebensverhältnisse wie Greise ausschauen, dagegen bei bürgerlichen Jugendlichen oft gut genährte, körperlich über das Alter hinaus Gereifte mit kindlich zurückgebliebenem seelischem Apparat. Proletarische Jugendliche kommen oft infolge der Wohnverhältnisse früher zum Geschlechtsverkehr, als ihrem Reifezustand entspricht. Unter sexueller „Frühreife“ darf man aber nicht verstehen, daß der Heranreifende sich überhaupt sexuell betätigt, sondern nur in welcher Form er es tut, ob seinem Alter entsprechend oder nicht.

Ist doch kein unwichtiger Absatz. Er und die soeben paraphrasierte Passage sind auch die einzigen im Abschnitt, die spezifisch „Sexpol“ sind. Wurde dieser Absatz wirklich von Reich selbst gestrichen oder selbstherrlich von den Herausgebern, die den Text den Gegebenheiten in den heutigen USA anpassen wollten? Es ist, als wollten sie den Text dezidiert nicht als historisches Dokument abdrucken, sondern als Teil eines vermeintlichen „Buches“, das sich an das Amerika von 1983 richtet. Tut mir leid, aber Reichs Text ist nicht eure Verfügungsmasse. Schreibt selbst Texte, anstatt Reich als Vehikel eurer Gedanken zu benutzen!

Reich war selbst in der Lage, wirkliche Klöpse selbst zu streichen. Etwa folgenden Absatz:

Im Kapitalismus gibt es in dieser Hinsicht für die Massen keine Hilfe. Aber es steht außer Frage, daß Klassenbewußtheit und verantwortungsvolle und wichtige politische Arbeit auch die Einstellung zur Sexualität verändern; daß sie aus solchen Schwierigkeiten oft heraushelfen, von einer sonst nicht zu beseitigenden Überspannung der sexuellen Bedürfnisse befreien, indem sie sexuelle Energie verbrauchen und dadurch gleichzeitig zu einem befriedigenden Sexualleben verhelfen.

Die Passage ist weder ausgestrichen, noch eingekreist oder überklebt, sondern Reich hat sie mit der Schere rausgeschnitten und das Manuskript neu zusammengeklebt. Von daher kann ich nur schwer glauben, daß die Schmierereien im Manuskript von Reich selbst stammen.

Sehr merkwürdig ist das Ende des Abschnitts „Die Störungen beim Geschlechtsverkehr“. 1932 hatte Reich dort geschrieben: „So wie es in der mutterrechtlich-urkommunistischen Gesellschaft keine sexuelle und materielle Unterdrückung der Frau und daher keine Sexualstörungen gibt, so…“ Daraus wurde in seinen Korrekturen: „So wie es in der Natur keine sexuelle Unterdrückung des weiblichen Tieres und daher keine Sexualstörungen…“ Das wurde offenbar von den Herausgebern gestrichen – und auch die ganze darauffolgende Seite. Gestrichen wurde auch der Abschluß des Abschnitts, den Reich vollkommen neu auf Schreibmaschine geschrieben und ins Manuskript hineingeklebt hatte. Die kämpfenden Mädel und Frauen würden den Sieg „gegen Kraftlosigkeit, Muckertum und Heuchelei herbeiführen und die Grundlagen eines natürlichen menschenwürdigen Lebens begründen“.

Was einen wirklich wütend machen kann, ist folgender Anachronismus: Im Text ist von der materiellen Not der (proletarischen) Jugend die Rede, insbesondere die Wohnungsfrage, die es zu lösen gelte, so „daß diese nicht mehr in Haustoren und hinter Zäunen ein Zerrbild von Geschlechtsleben führen“ müssen. Raphael und Higgins machten bei ihrer Fälschungsaktion daraus „Hauseingänge oder Autos“ (Kinder der Zukunft, S. 193). Zu Reichs Zeiten hatten Jugendliche in den USA noch keine Autos, geschweige denn Proletarierkinder in Europa! Übrigens sieht man auf dem Originalumschlag von Der sexuelle Kampf der Jugend ein solches „Haustor“, wie es für die Arbeiterviertel in Wien und Berlin typisch war!

Über die genitale Selbstbefriedigung der KINDER DER ZUKUNFT

6. März 2018

Das Kapitel „Über die Onanie im Kindesalter“, so jedenfalls die ursprüngliche Überschrift des 1927 verfaßten Aufsatzes, der 1928 in der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik erschienen ist, wurde 1950 im Orgone Energy Bulletin in amerikanischer Übersetzung erneut veröffentlicht. Mit einem Vorwort („Editorial note“), einer einzigen Korrektur im Text (im ersten Satz des Aufsatzes wurde „Analysanden“ in „Patienten“ umgeändert) und drei zusätzlichen Fußnoten. 1983 wurden in Children of the Future zwar die Fußnoten übernommen und die besagte Korrektur, aber nicht das Vorwort. Auf welchem Planeten in diesem Universum würde ein Herausgeber es wagen sowas zu unterschlagen und nicht mal auf die Veröffentlichung im Orgone Energy Bulletin hinzuweisen? Übrigens hat sich Reich etwas dabei gedacht, als er dort dem Aufsatz den Titel gab: „About Genital Self-satisfaction in Children“!

Was steht im unterschlagenen sehr langen Vorwort? Der wissenschaftliche Fortschritt sei sehr langsam, was sich nicht zuletzt bei der Haltung zur Genitalität des Kleinkindes zeigte. In den USA hätte es um das Jahr 1945 eine abrupte Wende zum Besseren gegeben. Reich verweist in diesem Zusammenhang auf seine Veröffentlichungen in den USA seit 1942 und auf seinen Aufsatz von 1928, in dem erstmals in der Geschichte von Medizin, Psychiatrie und Psychologie die kleinkindliche genitale Sexualitat nicht nur toleriert, sondern bejaht und das Kind darin bestärkt wurde: das FEHLEN von kleinkindlicher genitaler Selbstbefriedigung stelle eine pathologische Abnormität da, das FEHLEN von kleinkindlicher genitaler Selbstbefriedigung sei prognostisch negativ zu bewerten, was die zukünftige seelische Gesundheit betrifft. Bis zu Reichs Auftreten wurde die infantile Genitalität als pathologisch, unmoralisch, sündhaft, böse, schlecht und gesundheitsschädlich betrachtet. Reichs dazu konträre in der Weltgeschichte erstmalige Auffassung brauchte danach 20 Jahre, um sich in der Öffentlichkeit durchzusetzen. Mit anderen Worten: Reich stellt seinen Aufsatz in den wissenschafts- und gesellschaftsgeschichtlichen Zusammenhang.

Im Buch folgt auf den Aufsatz von 1928 das „Gespräch mit einer vernünftigen Mutter“ von 1936, das sich ebenfalls um die kindliche Selbstbefriedigung dreht. Warum 2018 der Übersetzer von Kinder der Zukunft ein „Interview“, das ausschließlich aus gesprochenem Wort besteht, jeweils von neuem in Anführungszeichen setzt, die kennzeichnen sollen, daß es sich um gesprochenes Wort handelt, gehört zu den Absurditäten dieser Ausgabe.

Weitere Absurditäten: Das Interview erschien 1936 erstmals in der Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie. Hier ist es der Wortwechsel zwischen „Mutter“ und „Arzt“. Raphael und Higgins haben das 1983, wie ich finde sehr unpassend, in „Mutter“ und „Reich“ abgewandelt. Das Buch ist doch schließlich von Wilhelm Reich… Ich meine, was ist denn das für ein Stil! Und vor allem: niemand hat das Recht am Reichschen Text auch nur ein Komma zu ändern! Auch der Text selbst wurde verändert, beispielsweise wurde aus „Mutter: Das Kind ist nicht so gleichmäßig ruhig…“ (1936) der Satz „Mutter: Meine Tochter ist nicht so gleichmäßig ruhig…“ (1983). Oder etwa: „Das Kind entwickelt nun zunächst nicht etwa die Lust am Zurückhalten, sondern Angst vor dem Herauslassen des Kotes.“ So lautet der Text im Original und in Kinder der Zukunft (S. 145f), doch in Children of the Future haben Higgins und Raphael beim Komma aus eigener Machtvollkommenheit hinzugefügt „as psychoanalysts claim“. Das ist eine Verbesserung des Textes, der so klarer und unmißverständlicher wird, aber… Wenn Herausgeber in den Texten ihrer verstorbenen Autoren herum schmieren… – das ist geradezu Urkundenfälschung.

Das Ende des Interviews, so wie es in Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie abgedruckt ist, lautet: „Auf Wiedersehen!“ In Children of the Future und Kinder der Zukunft wurde das einfach gestrichen! Wenn man das Gespräch liest, hat dieses „Auf Wiedersehen!“ eine Funktion, denn es ist von weiteren möglichen Treffen die Rede. Mal abgesehen, daß man nicht im Reichschen Text einfach so Passagen streichen kann!

Den Vogel abgeschossen hat aber folgende unerklärliche Abfolge. Im Original von 1936 lautet der Satz:

Sie dürfen doch nicht eine Liebesaffäre des Kindes deshalb als unernst oder harmlos hinstellen, weil das Kind gleichzeitig Genitalangst hat.

In der Übersetzung von 1983 wurde „oder harmlos“ gestrichen…

You should not treat the child’s love affair as trivial, just because she is troubled by genital anxiety.

…um dann 2018 auf mir unerklärliche Weise zurückzukehren:

Sie sollten eine Liebesaffäre eines Kindes nicht deshalb als unernst oder harmlos hinstellen, weil das Kind gleichzeitig Genitalangst hat.

Eine Rückübersetzung kann es ja nicht sein, denn wie soll aus „as trivial“ wieder exakt „unernst oder harmlos“ werden? Eine Übernahme des Originals von 1936 kann es aber auch nicht sein, denn es wäre nicht nachvollziehbar, wie dann aus „Sie dürfen…“ ein „Sie sollten…“ hätte werden können. Mir wird unheimlich!

Was die Massen lernen müssen

4. März 2018

Alles hängt davon ab, ob oder ob nicht und wie schnell die gesamte Öffentlichkeit von der Einsicht in die Schädlichkeit von Panzerung durchdrungen wird. (Kinder der Zukunft, S. 66)

Das ist eine der wichtigsten Aussagen in Kinder der Zukunft, das erste Buch von Reich, das seit 20 Jahren in Deutschland erschienen ist. Wie Charles Konia immer und immer wieder hervorgehoben hat, ist es praktisch das einzige, was man im Moment auf Massenbasis konkret tun kann: die Massen müssen gewahr werden, daß Panzerung ein Faktor, nein, DER Faktor ist, der ihr Leben bestimmt.

Dies umfaßt drei Bereiche:

  1. Die Prävention, d.h. das Verhindern, daß sich Säuglinge, Kinder und Jugendliche überhaupt erst abpanzern. Das ist natürlich das Thema von Kinder der Zukunft.
  2. Das Gewahrwerden, daß „psychische“ (emotionale) und „psychosomatische“ (bioenergetische) Erkrankungen nicht auf biochemischen Ungleichgewichten im Körper beruhen, sondern auf Panzerung, will sagen, sie gehen letztendlich auf Panzerung zurück. Langfristig bedeutet dies einen radikalen Umbau unseres gesamten Gesundheitswesens.
  3. Unser soziales Leben, insbesondere aber die „Gesellschaftspolitik“ ist Ausdruck von Panzerung. „Politik“ reduziert sich dann weitgehend auf Psychopathologie (d.h. Emotionspathologie) und verliert damit ihre Macht über die Massen. Dies gilt insbesondere für Politik linker Provenienz, die nichts anderes ist als säkularisierte Religion. Es ist buchstäblich so, daß das „Seelenheil“ der Weltverbesserer von der – Weltverbesserung abhängt, d.h. keinerlei Verankerung im rationalen Leben (in dem, was Reich „Arbeitsdemokratie“ nannte) hat.

Es wird sich in dieser Welt nichts, NICHTS, zum Positiven hin verändern, solange die Menschen sich ihrer Panzerung und der Panzerung in ihren Mitmenschen nicht gewahr werden. Es ist wie in der individuellen Orgontherapie: nichts, wirklich NICHTS, geht voran, solange der Patient sich nicht seiner jeweiligen Panzerung, etwa im Brustsegment, gewahr wird. Das bedeutet natürlich nicht nur, daß man intellektuell „weiß“, daß man gepanzert ist (ein bloßes Jonglieren mit nicht klar definierten Begriffen), sondern daß man es fühlt, erfährt, in Kontakt mit der Panzerung tritt, sozusagen Kontakt mit der Kontaktlosigkeit aufnimmt. Das geht einher mit einem existentiellen Schmerz und dem Willen zur Veränderung. Im sozialen Bereich muß dieser Wille die Massen erfassen oder es gibt keinerlei Hoffnung dem Abgleiten in die Barbarei zu entgehen. Deshalb ist etwa das Buch Kinder der Zukunft von einer Bedeutung, die schlichtweg nicht überschätzt werden kann.