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Die Orgonomie und die Energetik (Teil 1)

2. Mai 2015

Die Orgonomie ist kein neues „Paradigma“, sondern der Grund, auf dem die Wissenschaft ruht, sie ist die Wissenschaft per se (Clark/Frauchiger: Journal of Orgonomy, 1986). Dergestalt spielt sie die gleiche Rolle, die die Orgonenergie in der ganzen Natur innehat oder beispielsweise die Arbeitsdemokratie in der Gesellschaft. Insoweit andere Theorien, insbesondere „energetische Theorien“, wissenschaftlich sind, wurde in ihnen die Orgonomie vorweggenommen oder gar weiterentwickelt. Wo Reich sich geirrt hat, war er nicht orgonomisch.

Gefahr des Eklektizismus? Die könnte auf drei Elementen beruhen:

  1. daß die Orgonomie mit allen möglichen mechano-mystischen Elementen überfrachtet und erstickt wird, wie ein Pflanzenkeimling, auf den Abfall geworfen wird;
  2. darauf, daß man diese fremden Ansätze dazu instrumentiert, dem Wesentlichen auszuweichen; und
  3. daß man die energetischen, „kosmischen“ Momente der Orgonomie gegen die Sexualökonomie ausspielt.

Es besteht immer die Gefahr, daß die Orgasmus-Theorie verloren geht. Schon 1940 schrieb Reich, die Orgonomie werde sich wahrscheinlich in zwei Lager spalten, wobei die eine Gruppe erklären werde, „die sexuelle Funktion sei der allgemeinen Lebensfunktion untergeordnet – und daher streichbar.“

Auch müssen wir, um die Orgonomie besser verstehen zu lernen, ihre „Eltern“, z.B. die deutsche Philosophie des 19. Jahrhunderts, die Psychoanalyse und den Marxismus durchleuchten. Die Orgonomie hat beispielsweise ihre Wurzeln auch in der „Energetik“ von Wilhelm Ostwald.

Aber meinen Reich und die Energetiker eigentlich dasselbe, wenn sie von „Energie“ sprechen? Natürlich wußten diese nichts von der Orgonenergie, aber es finden sich doch Anklänge an sie. Außerdem läßt beispielsweise der Energetiker Hans Hass in seinen Büchern den Energie-Begriff explizit offen. Niemand wisse, was „Energie“ eigentlich sei. Andererseits meint Hass, es gäbe ohne dieses Unbestimmte „keine Bewegung, keinen Vorgang, keine Entwicklung – somit auch keinen Gedanken, keine Musik, keine Religion.“

Besonders bemerkenswert ist jedoch, daß sich Hass von den mechanistischen Denkschablonen löst, die Energie sei eine Funktion materieller Partikel oder Stoffe, vielmehr seien diese umgekehrt „eine Erscheinungsform von Energie“ (Naturphilosophische Schriften, Bd. 3, München 1987). So lehnt er auch folgerichtig den Begriff „Materialismus“ ab.

Denn gerade das, was uns die Materie als etwas Klotziges, Plumpes, von den geistigen Vorgängen und unseren Gefühlen so äußerst Verschiedenes erscheinen läßt, hat gar keine reale Basis. Es ist bloß eine Interpretation unserer höchst mangelhaften Sinne. Dieses Klotzige, Plumpe, „primitiven Gesetzmäßigkeiten blind Gehorchende“ ist in Wahrheit eine Erscheinungsform höchst differenzierter Kräfte. Was wir Materie nennen, besteht ganz und gar aus dem gleichen geheimnisvollen Etwas [Energie], das auch den subtilsten Prozessen, auch unseren Denk- und Gefühlsvorgängen zugrunde liegt.

Bereits 1895 hielt Wilhelm Ostwald einen Vortrag in diesem Sinne vor der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften über „Die Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus“. In ihrem Buch Wilhelm Ostwald (Stuttgart 1953) schrieb seine Tochter über Ostwald, die Energie

wurde ihm von einer mathematischen Funktion zur unmittelbarsten Wirklichkeit, zum umfassendsten Naturbegriff neben Raum und Zeit, zum erfolgreichsten Wegweiser, den wir bisher kennen, für das Leben der Völker wie des Einzelnen.

Bemerkenswert funktionell ist auch, wie Hass noch einen Schritt weitergeht und die Energie als die fundamentale Größe hervorhebt. Er beruft sich dabei auf den Physiker Gottfried Falk, der beklagt, die Physikbücher würden einen falschen Eindruck von der Bedeutung der Energie vermitteln. Demnach seien Raum und Zeit die fundamentalen Begriffe gefolgt von Geschwindigkeit, Beschleunigung, Masse und Kraft. Aus diesen Größen werde die Arbeit abgeleitet und aus dieser dann als letztes die Energie. Dieser Ansatz wäre ein Erbe der Newtonschen Mechanik und vermittele alles andere als eine „tiefere Wahrheit“ über die physikalische Welt. Er sei durch die Entwicklung der Physik überholt:

Jedem Physiker ist es geläufig, daß die Quantenmechanik nicht mit den ihr zunächst als fundamental vorgestellten Größen Lage, Geschwindigkeit, Kraft operiert, sondern mit anderen Größen, allen voran mit der Energie. (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978)

Ein Energetiker, auf den sich Hans Hass unmittelbar beruft, ist der belgische Chemiker, Unternehmer und Soziologe Ernest Solvay (1838-1922). Er wurde durch das „Solvay-Verfahren“ zur Soda-Herstellung bekannt. 1894 hatte er das „Solvay-Institut für physiologische und soziologische Forschungen“ gegründet, das später der Freien Universität Brüssel angegliedert wurde.

Solvays soziologische Konzepte wurden durch seine Beschäftigung mit der Physik und Chemie geprägt. So wollte er, wie später Wilhelm Ostwald, eine „soziale Energetik“ aufbauen. Für ihn war Energetik das Prinzip

einer vollständigen und ununterbrochenen Verkettung von einfachen chemischen Reaktionen, von belebten chemischen Reaktionen oder lebenden Zellen, von Zusammenschlüssen von Zellen oder lebenden Wesen, von Zusammenschlüssen lebender Wesen oder tierischer Gesellschaften und schließlich menschlicher Gesellschaften. (z.n. Bernsdorf/Knospe: Internationales Soziologenlexikon, Stuttgart 1980)

„Die gesamte Evolution sah er in ihrer inneren Verwandtschaft“ (Hass: Naturphilosophische Schriften Bd. 3, München1987).

In Notes sur des Formules d’Introduction à l’Énergetique Physio- et Psycho-Sociologique (Brüssel 1906) definierte Solvay den Organismus als „Energietransformator in potentiellem Zustand“. Dies entspricht exakt dem Hass’schen Begriff „Energon“. Weiter meinte Solvay, man könne den Energietransformator „Mensch“ nicht „in sich selbst und für sich selbst“ beurteilen, sondern nur in seiner energetischen Wechselwirkung zur Gesellschaft. Auch in ihr, sowohl in einzelnen Menschengruppen als auch im ganzen Menschengeschlecht, sah er ein energetisches Gebilde.

Auf dieser Grundlage baute Solvay seine soziale Theorie auf, die sich aus den Konzepten „productivisme“ und „comptabitisme“ zusammensetzt: Förderung der schöpferischen Kräfte einerseits und Rechnungsführung andererseits.

Solvay vertritt die Grundthese, daß das Elend der Menschen einer schlechten Ausnutzung der Energie zuzuschreiben sei, die productivisme als die „Organisation und Verteidigung aller materiellen und ethischen Interessen der Gesamtheit“ stelle der Menschheit die Aufgabe, die schöpferischen Kräfte zu mobilisieren und zu vervielfachen, indem man sie so anpaßt, daß sie ein Maximum an Leistung bei einem Minimum an Aufwand hergeben. (Internationales Soziologenlexikon)

So versuchte Solvay ausgehend von der Energiebilanz und „– im rein Theoretischen verbleibend – mathematische Grundformeln für die Strukturen der menschlichen Gemeinschaftsbildung aufzustellen“ (Hass: Naturphilosophische Schriften Bd. 2, München1987). Hass glaubt, er habe diesen Ansatz vervollkommnet, indem er ihn von der Soziologie löste und auf die Ökonomie übertrug.

Wilhelm Ostwald widmete 1909 sein Buch Die energetischen Grundlagen der Kulturwissenschaft Ernest Solvay, genauso wie 70 Jahre später Hans Hass seine zusammenfassende Darstellung der Energontheorie Ostwald widmete (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978). Als weiteren „Vorgänger“ und „Kampfgenossen“ nannte Ostwald den Dresdner Mathematiker Georg Ferdinand Helm (1951-1932), einer der Begründer der Energetik des 19. Jahrhunderts.

Von Helm stammen Werke wie Die Lehre von der Energie (1887), Energetik (1898) und Die Energielehre (1913). Sein Verdienst lag darin, thermodynamische Vorstellungen auf den gesamten Bereich der Physik und Chemie auszuweiten. Er war Gegner der atomistischen Betrachtungsweise, d.h. er wandte sich dagegen, „die eigentliche wissenschaftliche Grundlage der Thermodynamik in der Mechanik der Atome zu suchen“.

Die Entdeckung des französischen Physikers Carnot (1796-1832), daß das Funktionieren einer Dampfmaschine nichts mit der Zusammensetzung der dabei verwendeten Stoffe zu tun hat, hatte dazu geführt, daß die sich entwickelnde Thermodynamik jede Hypothese über die Beschaffenheit der Materie für überflüssig hielt. So gelangten u.a. Helm und Ostwald

zu der Auffassung, daß sich in den Naturerscheinungen allein die Energie mit ihren vielfältigen Umwandlungsprozessen offenbare. Sie begründeten damit die naturphilosophische Denkweise der Energetik. (Stephen F. Mason: Geschichte der Naturwissenschaft, Stuttgart 1991)

Dazu muß sogleich einschränkend gesagt werden, daß Ostwald 1923 in Moderne Naturphilosophie schrieb:

Die Energie ist auch für den modernen Energetiker durchaus nicht ein Grund- und Zentralgedanke, aus welchem sich die ganze übrige Welt ausspinnen ließe.

Um die Rolle der Energie in Ostwalds System zu verstehen, muß man sich seine „Wissenschaftspyramide“ vergegenwärtigen:

Diese seine „Ordnung aller Wissenschaften“ beinhaltet a priori, daß der Begriff der Ordnung der allgemeinste ist. Genausowenig wie es eine Energetik der Geometrie, Mathematik oder Logik geben könne, würde auch das spezifisch Soziologische, Physiologische und Psychologische von der Energetik nicht ganz gedeckt werden. An dieser Spitze der Pyramide sei „Leben“ der Hauptbegriff, „Energie“ nur ein Hilfsbegriff. Sie sei der Hauptbegriff in Physik und Chemie.

Jede höhere Stufe braucht die Begriffe der darunter liegenden, nicht aber umgekehrt. Die Soziologie ist für die Ordnungs- und Energiewissenschaften unwesentlich, die Ordnungs- und Energiegesetze sind aber sehr wichtig für die Soziologie.

Als logische Folgerung der Energetik verzichtete der Physiker und Philosoph Ernst Mach (1838-1916) auf jede Hypothese hinsichtlich des Wesens der Energie. Dergestalt bildete Mach eine „funktionalistische Erkenntnistheorie“ aus. Ganz im Sinne Reichs (trotz der unorgonomischen Abstraktion) sollte die Physik, von „hypothetischen Bildern und theoretischen Konstruktionen“, von mechanischen Naturmodellen gereinigt, zu einer „phänomenologischen Physik“ werden, in der, statt der Mechanik, die Thermodynamik als Prototyp naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise gelten würde.

Der Mach‘sche Ansatz wurden dann sehr schnell durch den Nachweis des Atoms, durch die „Atomistik“ in Frage gestellt. Deshalb ersetzte Ostwald den alten Gegensatz Atomistik/Energetik durch den von Materialismus/Energetik. Außerdem sagte er, die Energetik würde durch die Atome

nicht berührt, denn da sie die allgemeinere Begriffsbildung ist, besteht sie ganz unabhängig davon, ob es Atome gibt oder nicht. (…) Während infolge der neuen Physik die anderen Größen, die man bisher als unveränderlich angesehen hatte, insbesondere die Masse, diese Beschaffenheit haben aufgeben müssen, ist das unbedingte Erhaltungsgesetz nur für die Energie in Geltung geblieben, d.h. sie hat sich als die letzte Realität erwiesen, auf welche die Entwicklung der Wissenschaft hingeführt hat.

Da der Energie nach Einstein auch Masse zuerkannt wurde, habe sie „also die Materie begrifflich verschluckt“. Hass zufolge sprach Ostwald „bereits 1887 die Ansicht aus, daß Materie ‚ein sekundäres Produkt der Energie‘ sei“ (Naturphilosophische Schriften, München 1987). Ostwald schrieb sich zu, den Fortschritt vom energetisch-materiellen Dualismus zum reinen energetischen Monismus vollzogen zu haben, indem er die Materie energetisch deutete.

Mit Einschränkung war demnach in Ostwalds Denken die Energie der Dreh- und Angelpunkt. Hatte Reich z.B. sein Heim und Laboratorium nach der Orgonenergie „Orgonon“ genannt, so taufte zuvor Ostwald sein Anwesen „Energie“. Auch sonst waren sich die beiden Männer ähnlich. Bei Ostwalds Tochter Grete Ostwald ist von der „Unbekümmertheit seines kindlichen Gemütes“ die Rede.

Der Reichtum seines unerschöpflichen Gedächtnisses, sein Organisations- und Ordnungstalent und seine Findigkeit für Zusammenhänge und Ähnlichkeit weit auseinander liegender Dinge dazu (…). (Wilhelm Ostwald. Mein Vater, Berlin 1953)

Ostwald war neben Ernst Haeckel (1834-1919) einer der bedeutendsten Vertreter des „Monismus“, den er 1912 in Der energetische Imperativ als „das Einheits-Prinzip der Wissenschaft“ definierte. Aber auch bei Staat und Familie, ökonomischer und künstlerischer Arbeit sollte der Einheitsgedanke durchgeführt werden:

Wir wollen nicht unseren Geist umschalten müssen, wenn wir aus der Wissenschaft in die Kunst treten, wir wollen dieselben Prinzipien für unser ethisches wie für unser wirtschaftliches Handeln anwenden können; wir wollen uns bewußt sein, daß wir nichts tun oder treiben können, als was überall im Grunde mit dem wissenschaftlichen und sozialen Denken zusammenhängt und daher allseitig übereinstimmen muß. Also die Harmonie unserer gesamten Betätigung ohne jede Ausnahme, die wir doch bewußt oder unbewußt alle anstreben, das ist das, was ich Monismus nenne.

40 Jahre später schrieb Reich in seiner Abhandlung zum ORANUR-Experiment:

Alle Grenzen zwischen Wissenschaft und Religion, Wissenschaft und Kunst, Objektivem und Subjektivem, Quantität und Qualität, Physik und Psychologie, Astronomie und Religion, Gott und Äther stürzen unwiderruflich in sich zusammen und werden ersetzt durch eine Konzeption der grundsätzlichen Einheit, eines grundsätzlichen gemeinsamen Funktionsprinzips (CFP) der gesamten Natur, das sich in die verschiedenen Arten menschlicher Erfahrung verzweigt.

Ostwald versuchte, übrigens genau wie Mach und neuerdings Ilya Prigogine, naturwissenschaftliche Methoden im Rahmen der Energetik, bzw. der Thermodynamik, auf die „Geisteswissenschaften“ zu übertragen. (Und hier ist durchaus eine Nähe zur naturwissenschaftlichen Psychologie von Reich gegeben.) Wie gesagt stützte sich Ostwald in Die energetische Grundlagen der Kulturwissenschaft 1909 auf die soziologischen Theorien Solvays. Dessen Begriff „Energietransformator“ übertrug er „auf die Organe und auf die Werkzeuge der menschlichen Machtkörper, Maschinen inbegriffen“ (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978). Was die Wirtschaftler „Produktionsmittel“ nennen, bezeichnete er deshalb als „Transformationsmittel“. So breite der Mensch sein „energetisches Gebiet“ auf die anorganische Umwelt aus und konnte „fremde Energie“, z.B. fossile Brennstoffe oder Kernkraft, dem Lebensprozeß nutzbar machen.

Ganz im Sinne des Fortschrittsoptimismus seiner Zeit ging Ostwald davon aus, daß der Mensch mit Hilfe der Technik, und der durch sie möglich gewordenen größeren Energienutzung, immer glücklicher werden würde. Glaubte er doch, das Glück „wachse sowohl mit der gesamten Energiebetätigung wie mit dem willensgemäßen [Energie-] Überschuß.“ Glück definierte er als „stärkste, freiwillige Energiebetätigung.“ Widerstand, die diese lähme, müsse ausgeschaltet werden. Wie nah Ostwald hier doch formal den Prinzipien der Orgonomie gekommen ist!

Geprägt durch die Drohung des 2. Thermodynamischen Gesetzes (des „Dissipationsgesetzes der Energie“ wie Ostwald es nennt) die Welt strebe dem „Wärmetod“ zu, diesem „Fundamentalphänomen allen Geschehens in der Welt“, dachte Ostwald natürlich nicht, wie Reich, an die Entladung überschüssiger Energie. So lautete Ostwalds „energetisches Imperativ“ folgerichtig: „Vergeude keine Energie, verwerte und veredle sie.“ Damit ließe sich, so Ostwald 1912, seine „bisherige gesamte Arbeit am deutlichsten zusammenfassen.“ Dies läuft natürlich direkt gegen das Orgonomische Potential als dem Grundcharakteristikum der Orgonenergie.

„Kapitalistische Reichianer“ (Teil 1)

2. März 2015

Einwürfe bzw. Einwände gegen meine „kapitalistische“ Interpretation der Arbeitsdemokratie sind nur allzu berechtigt, wenn man objektiv Reichs Konzept der Arbeitsdemokratie betrachtet, das in der frühen Phase wirklich kaum von anarcho-syndikalistischen und räte-kommunistischen Konzepten, wie sie beispielsweise Rudolf Rocker und Anton Pannekoek ausgearbeitet haben, zu unterscheiden war, mal abgesehen davon, daß bei Reich das Proletariat als „revolutionäres Subjekt“ fehlt. Phillip Bennet hat das sehr schön gezeigt: „Wilhelm Reich’s Early Writings on Work Democracy: A Theoretical Basis for Challenging Fascism Then and Now“ im öko-sozialistischen Magazin Capitalism Nature Socialism (Vol. 21, No. 1, March 2010).

Aber betrachten wir einmal Reichs „politische“ Entwicklung:

  • 1919-1927: ein linker Sozialdemokrat in der ohnehin sehr linken „austro-marxistischen“ Sozialdemokratischen Partei Österreichs.
  • 1928-1933: Anschluß an die KPÖ, eine linksradikale direkt von Moskau gesteuerte Politsekte, danach an die Massenpartei KPD, die (ebenfalls von Moskau instruiert) gerade ihre linksradikale Phase durchmacht: bereits Sozialdemokraten sind Nazis („Sozialfaschisten“).
  • 1934-1937: im Exil Annäherung an Kräfte, die sowohl zu den Sozialdemokraten als auch zu den Kommunisten (die sich beide in einer „antifaschistischen Einheitsfront“ näherkommen) in kritischer Opposition stehen: Trotzkisten, SAP (Willy Brandt, etc.), Neu Beginnen, Mot Dag, etc.
  • 1938-1941: wie eingangs erwähnt eine quasi „anarcho-syndikalistische“ Phase (ohne jeden Kontakt zu tatsächlichen Anarcho-Syndikalisten).
  • 1942-1947: wie aus dem 1942 verfaßten Schlußkapitel der Massenpsychologie des Faschismus  deutlich wird, verflüchtigen sich aus dem Konzept der Arbeitsdemokatie alle „links-utopischen“ Vorstellungen und das Konzept wird im Vergleich mit den vorangehenden Ausformulierungen etwas konturlos. Trotzdem bleibt Reich nach außen hin eher „ein Linker“ im Sinne von Roosevelt (heute etwa mit Obama vergleichbar).
  • 1948-1957: mit der Hetze der linken Presse (Mildred Brady, etc.) und seiner Enttäuschung darüber, wie seine linksliberalen Anwälte mit der Kampagne umgehen, entwickelt sich Reich zunehmend nach rechts.

Liest man die von einer linksliberalen Herausgeberin kommentierte und (wie sich leicht nachweisen läßt) teilweise zensierte Korrespondenz Reichs mit A.S. Neill (Zeugnisse einer Freundschaft) zeichnet sich seit etwa 1942, eindeutig aber ab etwa 1948, ein Reich ab, der langsam aber sicher ziemlich genau die Haltung der heutigen Orgonomie annimmt. Vor dem Hintergrund dieser Briefe wird auch klar, daß Reichs negative Äußerungen über „Liberale“ (d.h. Linke) und positive über Konservative in Christusmord nicht nur oberflächliche Reflexionen sind, wie linke „Reichianer“ es gerne hinstellen, sondern erste Ansätze einer soziopolitischen Charakterologie im Sinne Elsworth F. Bakers darstellen, die sich im übrigen bereits im 1942 geschriebenen Vorwort zu Massenpsychologie des Faschismus (das Dreischichten-Model) und dem 1947 verfaßten Äther, Gott und Teufel (Mechanisten gegen Mystiker) abzeichnen.

In diesem charakterologischen Rahmen sieht die Orgonomie heute die Arbeitsdemokratie.

Dazu muß gesagt werden, daß für Reich „Ökonomie“ mehr bedeutet hat als nur „Produktivkräfte“ und „Produktionsverhältnisse“, also Maschinen, Know How, Arbeit, Kapital, Einkommens- und Machtverteilung, sondern in erster Linie die gegenseitige unlösbare Abhängigkeit der einzelnen Produzenten und Konsumenten voneinander – die inhärent Rationalität aufzwingt. Entsprechend war für Reich das ökonomische Elend nur eine sekundäre Funktion der politischen Pest (Brief an Neill vom 8. Juli 1953).

Betrachten wir dazu das folgende Schema, mit dem Reich seine wissenschaftliche Entwicklung von der Psychoanalyse (Psychologie) über den Marxismus (Soziologie) zur „sexualökonomischen Lebensforschung“ (Biologie) beschrieb:

Die Ökonomie umfaßt (genauso wie die Sexualität) offensichtlich alle drei Bereiche, wobei der biologische Bereich der umfassendste und tiefste ist. Die biophysikalische Charakterstruktur ist wichtiger als alle soziologischen (inklusive konventionell „ökonomischen“) und rein psychologischen Überlegungen.

Es geht darum, wie „die Pest“ (die Emotionelle Pest) von außen her einbrach, die arbeitsdemokratischen Beziehungen zerstörte und die Menschen charakterlich verformte, was dann von Generation zu Generation weitergetragen wurde. Es geht darum, wie dieser Teufelskreis wieder aufgehoben werden kann, d.h. wie man die Menschen wieder freiheits- und verantwortungsfähig macht. Reichs Antwort war: indem man

  1.  die politische Pest bekämpft;
  2. den Menschen die rationale Arbeitsdemokratie nahebringt;
  3. ihnen Selbstverantwortung „aufbürdet“, anstatt sie zu „befreien“; und
  4. indem man die Kinder von vornherein so aufzieht, daß sie die Falle gar nicht erst betreten.

Das hat ihn zu einem Gegner aller linken und rosaroten Volksbeglücker gemacht.

Für das Individuum in der Orgontherapie bedeutet das mit abnehmender Bedeutung:

  1. die biologische, bio-physische Therapie, die direkt die organismische Orgonenergie einwirkt, indem die Panzerung systematisch beseitigt wird, die die Energie in Schach hält (BIOLOGIE).
  2. die Befreiung des Patienten (wenn nötig) von seiner Familie („Familitis“) und (wenn nötig) Ermutigung zu ökonomischer Unabhängigkeit, was allein schon einen heilenden Effekt hat (SOZIOLOGIE).
  3. Aufklärungsarbeit über realitätswidrige Annahmen (PSYCHOLOGIE).

In der (wenn man so will) „gesellschaftskritischen Arbeit“ mit den Massen sieht es genau umgekehrt aus:

  1. Aufklärungsarbeit hinsichtlich der Fallstricke mechanistischen und mystischen Denkens (PSYCHOLOGIE).
  2. die Bekämpfung der sozialistischen (euphemistisch: „sozialstaatlichen“) Entmündigung der Massen (SOZIOLOGIE).
  3. das „Projekt Kinder der Zukunft“ (BIOLOGIE).

Das „Projekt Kinder der Zukunft“ steht hier an letzter Stelle (obwohl es „an und für sich“ am wichtigsten ist!), weil es naturgegeben erst nach einer Generation (30 Jahre!) oder noch später wirklich im gesellschaftlichen Maßstab greifen kann.

Es würde an Wahnsinn grenzen, so große Projekte wie „Die Kinder der Zukunft“ (…) in Angriff zu nehmen, ohne begriffen zu haben, wie es möglich war, daß all dies Elend jahrtausendelang unvermindert, unerkannt und unangefochten bestehen konnte; daß nicht ein einziger der vielen glänzenden Versuche zur Erklärung der Situation und zur Linderung der Leiden Erfolg hatte; daß mit jedem Schritt hin zur Erfüllung des großen Traums das Elend nur schlimmer und tiefer wurde (…). Gegenwärtig ist eine sorgfältige Untersuchung des Christusmordes weit wichtiger als die wunderbarsten Kinder, die wir vielleicht aufziehen könnten. (Christusmord, Freiburg 1978, S. 40)

DRD4, Franziskus und Putin

11. Februar 2015

Die Proteste gegen die Äußerungen des Papstes über das Schlagen eines Kindes; daß man es nicht ins Gesicht schlagen darf, um seine Würde zu wahren, sind ein typisches Beispiel für gepanzertes „linkes Denken“. Oberflächlich sind diese Proteste der antiautoritär geprägten Gesellschaft gegen diese Äußerungen sehr sympathisch. Doch verbirgt sich hier die viel wichtigere Gegenwahrheit: daß „intellektuelle“ Gewalt weitaus zerstörerischer sein kann als jede körperliche Gewalt (etwa ein Kind zur Strafe ignorieren oder es zu „psychoanalysieren“, etc.) und daß ein Klaps einfach eine spontane emotionale (bioenergetische) Reaktion sein kann und er wirklich nichts schadet – vorausgesetzt das Kind kann furchtlos zurückschlagen. Im Tierreich ist das alltäglich. Dem liberalen Aufschrei gegen den Papst liegt eine charakterologische Entartung zugrunde: die panische Angst davor, daß die intellektuelle Abwehr durch „Muskelaktivität“ in Gefahr gerät. Hinter der „Kinderliebe“ der linksliberalen Öffentlichkeit verbirgt sich eine tiefsitzende Angst vor natürlicher Aggression.

Die seltsame Liebe kritischer Konservativer für Putin; daß die Amerikaner und die NATO die Aggressoren sind, ein faschistischer Putsch gegen einen demokratisch gewählten Präsidenten stattfand, etc., entspricht einem gepanzerten Denken anderer Art. Oberflächlich klingt das alles sehr gut und hat zweifellos auch einen Wahrheitskern. Doch wenn man schlichtweg betrachtet, wer da eigentlich gegeneinander steht und wo das ganze zwangsläufig hinführt… Pressefreiheit, Rechtstaatlichkeit, die Freiheit des Wirtschaftens, die Frage nach einem Führerkult und einem mystischen Nationalismus und schlichtweg der Blick auf die Landkarte… Ausgerechnet das imperiale Rußland wird bedrängt? Ausgerechnet ein Land, dessen Institutionen von vorne bis hinten eine Karikatur sind, soll für „Freiheit“ stehen? Man schaue sich an, wie die Olympischen Winterspiele durchgeboxt wurden, wie die moskauhörigen mittelasiatischen Länder regiert werden. – Es ist vollkommen bizarr, was rechtskonservative Denker heute so an Putin-Lobhudeleien abliefern. Eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dieser Idiotie erübrigt sich! Ihre charakterologische Entartung äußert sich in einer Todesangst vor den „westlichen Freiheiten“, vor dem Neuen und Unvorhersehbaren, d.h. letztendlich vor der sexuellen Freiheit. Aus diesen unbewußten Motiven heraus fühlen sie sich magisch zu autoritären „Führern“ hingezogen.

Angefangen mit der 1933 erstmals erschienenen Massenpsychologie des Faschismus hat Reich dargelegt, daß man individualpsychologische Probleme nicht losgelöst von der gesellschaftlichen Entwicklung betrachten kann und daß diese wiederum von der bioenergetischen („biologischen“) Struktur des Menschen abhängt. Im Laufe der Jahre haben sich dergestalt die Grundlagen einer sozio-politischen Charakterologie herausgeschält, die dann 1967 von Elsworth F. Baker in seinem Buch Man in the Trap ausformuliert wurden: die Linke beruht auf „intellektueller Abwehr“, die Rechte auf „muskulärer Abwehr“.

„Politik“ ist in erster Linie ein biologisches Phänomen. Das wird aus vier Blickwinkeln deutlich:

  1. Verhaltensforscher konnten aufzeigen, daß sich ein Gutteil politischen Verhaltens, teilweise bis ins Detail, bruchlos auf das Verhalten innerhalb von Affenhorden zurückverfolgen läßt.
  2. Reich konnte zeigen, daß der politische Irrationalismus auf unverarbeiteter sexueller Energie beruht, was beim Nationalsozialismus nur allzu augenfällig war. Hier ist der Kern der Hilflosigkeit der Massen, der Kern ihrer „sozialistischen Sehnsucht“ zu finden. (Wie das mit dem ersten Punkt zusammenhängt, habe ich in Biologische Entwicklung aus orgonomischer Sicht aufgezeigt.
  3. Baker hat gezeigt, daß politische Gegensätze nicht etwa auf irgendwelchen rational begründbaren sozio-ökonomischen Faktoren beruhen, sondern auf grundsätzlich unterschiedlichen Panzerungsstrukturen. Gleichzeitig äußerte er die Vermutung, daß diese Unterschiede unveränderlich im Protoplasma selbst angelegt sind.
  4. Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, beruht der Gegensatz zwischen (links-) liberal und konservativ, der, wie weltweit praktisch jede Parlamentswahl zeigt, die Bevölkerung in zwei fast gleichgroße Gruppen teilt, auf genetisch verankerten, neurologischen und bio-chemischen Unterschieden, die angeboren und deshalb nur bedingt beeinflußbar sind.

James H. Fowler und weitere Forscher der University of California und der Harvard University haben ein Gen dingfest gemacht, das die politische Einstellung bestimmt.

„DRD4” kann Menschen liberal machen („liberal” im amerikanischen Sinne!), wenn sie als Teenager viele Freunde hatte. (Und bevor „logische“ Einwände kommen: Ist man kein Träger dieser speziellen Genvariante, kann man in seiner Jugend denkbar viele Freunde gehabt haben, ohne daß dies einen liberal machen konnte. Und wenn man diese Genvariante besaß, aber keine Freunde hatte, konnte die genetische Veranlagung nicht zum tragen kommen.)

DRD4 enthält die Kodierung für die Herstellung von Rezeptoren, die die Übertragung des Botenstoffes Dopamin zwischen den Gehirnzellen erleichtern. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der Vorgänge beeinflußt, die mit Bewegungskontrolle, Gefühlsäußerungen und dem Empfinden von Lust und Schmerz zusammenhängen. Vorausgegangene Forschungen hatten bereits eine Verbindung zwischen einer Variante von DRD4 und einem Verhalten, das für Neues offen ist, hergestellt. Dieses Verhalten war zuvor mit Persönlichkeitsmerkmalen korreliert worden, die mit politischem Liberalismus („Liberalismus“ im amerikanischen Sinne!) verknüpft sind.

Psychologismus, Soziologismus, Biologismus

22. Januar 2015

Freud hat darum gerungen, kein Biologe („Naturkundler“) mehr zu sein, sondern als Psychologe anerkannt zu werden. Die Soziologie hat er als eigenständiges Wissensgebiet abgelehnt:

Denn (…) die Soziologie, die vom Verhalten der Menschen in der Gesellschaft handelt, kann nichts anderes sein als angewandte Psychologie. Streng genommen gibt es ja nur zwei Wissenschaften, Psychologie, reine und angewandte, und Naturkunde. (Freud z.n. Béla Grunberger und Janine Chesseguet-Smirgel: Freud oder Reich?, Frankfurt 1979, S. 31)

Angesichts von Reichs Schriften Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre wird den Orgonomen von „Reichianern“ ab und an vorgehalten, „biologistisch“, gar im Freudschen Sinne „psychologistisch“ zu sein. Und wenden Orgonomen nicht tatsächlich „bioenergetische“ Konzepte auf die Gesellschaft an, so wie es einst Psychoanalytiker mit weitgehend identischen psychoanalytischen Konzepten getan haben? Was doch Reich heftig kritisiert hat! Dazu sollte man sich folgendes grundlegendes Schema in Erinnerung rufen (vgl. Äther, Gott und Teufel):

biosoziopsy1

Reich ist in seiner Entwicklung von der Psychologie ausgegangen (Freud), hat diese Beschränkung über seine Beschäftigung mit der Marxistischen Bewegung überwunden (Soziologie) und ist dann weiter zur „sexualökonomischen Lebensforschung“ vorgedrungen (Biologie). Dabei war die Soziologie bereits in der Tiefenpsychologie angelegt (der Ödipuskomplex geht auf die Beziehung zwischen Menschen zurück) und die Biologie sowohl im Freudismus als auch im Marxismus (Libidotheorie, „lebendige Arbeitskraft“, Dialektischer Materialismus). Man kann psychologische Phänomene von der Soziologie her betrachten und beides von der Biologie her, aber es macht keinen Sinn diese Reihe umzukehren, soweit nicht rechte Bereiche (siehe das Schema oben!) in linken Bereichen bereits angelegt sind – was aber erst sichtbar wird, wenn man von rechts nach links zurückschaut.

Beispielsweise geht es bei einem Streik um „materielle“, „objektive“ Interessenkonflikte, die mit tiefenpsychologischen Begriffen nur verkleistert werden. Wenn es jedoch um offensichtlich irrationale Überlagerungen ökonomischer Interessenkonflikte durch Ideologien und um Machtmißbrauch geht, macht eine biologische Betrachtung durchaus Sinn: der gepanzerte (sozusagen „biologisch behinderte“) Mensch handelt irrational und sozusagen „unsoziologisch“. Diese biologische (d.h. charakterologische) Betrachtung kann dann durchaus auf psychoanalytische Versatzstücke zurückgreifen. Das ist auch deshalb so, weil es sich sowohl bei der Psychoanalyse als auch bei der sexualökonomischen Lebensforschung im Gegensatz zur Soziologie um die Betrachtung innerer Phänomene handelt.

In diesem Zusammenhang verlohnt sich zu erwähnen, daß die Freudsche Therapie ausschließlich kopfzentriert ist (Psychologie). In der Orgontherapie geht es hingegen nicht um die „Innenschau“ und darum, die Vergangenheit aufzuarbeiten, sondern ein befriedigendes Liebes- und Arbeitsleben aufzubauen, d.h. um unsere Beziehung zu unseren Mitmenschen (Soziologie) und natürlich um den Körper, Atmen, Ausdruck (Biologie).

Einerseits haben gesellschaftliche Phänomene ein Eigenleben und andererseits spielt sich das, was es an orgonotischen Erregungsprozessen gibt, nicht in der Gesellschaft, sondern im Inneren der Individuen ab. Beispielsweise kann man den Kommunismus mit Krebs vergleichen. Die „Energieproduktion“ der Gesellschaft wird eingestellt, die Gesellschaft stirbt und hinterläßt einen zerfallenden Leichnam, der seine Umgebung vergiftet („T-Bazillen“). Wir sehen dies gerade in der Ukraine. Die wirkliche Schrumpfung findet jedoch in den Organismen der Individuen statt. Nicht die Gesellschaft schrumpft bioenergetisch, sondern das Protoplasma der Individuen. Nicht Orgonenergie fließt durch die Gesellschaft, sondern Informationen und Güter, die dann sekundär die Orgonenergie in den Individuen anregen. Umgekehrt hört der besagte Informations- und Güte-„Fluß“ auf, wenn die Orgonenergie in den Individuen aufhört zu fließen.

Gesellschaften haben Grenzen, so wie das Individuum eine Membran hat. Ich habe das an anderer Stelle ausführlich dargelegt. Jedoch haben diese Grenzen weder die charakteristische Orgonom-Form, noch pulsieren sie. Zwar pulsiert die Ökonomie, angefangen von Saat und Ernte in primitiven Gesellschaften bis hin zu den Wirtschaftszyklen in entwickelten Gesellschaften, jedoch ist das nicht unmittelbarer Ausdruck konkreter expandierender bzw. kontrahierender Orgonenergie-Ströme, wie Reich sie bei seinen bio-elektrischen Experimenten gemessen hat.

Diese Zusammenhänge kann man erst dann ganz erfassen, wenn man im Gegensatz zur Psychoanalyse streng zwischen sekundären (gepanzerten) und primären (ungepanzerten) Trieben unterscheidet. Die Psychoanalyse beruht geradezu auf der Negation dieser Unterscheidung! Die orthodoxen Psychoanalytiker Grunberger und Chesseguet-Smirgel drücken das wie folgt aus:

Der Ödipuskomplex ist überall im Unbewußten gegenwärtig, die Grundtriebe sind bei allen Menschen dieselben. Auf diese Weise wird es möglich, vom Gebiet der Geistesstörungen auf das Gebiet der „Normal“-Seele überzublenden, und umgekehrt. So wird die Differenz zwischen dem Normalen und dem Pathologischen, zwischen dem Individuellen und dem Allgemeinen, allmählich getilgt, und es kommt der unveränderliche Kern einer Menschenseele zum Vorschein, beherrscht von Gesetzen, die bei allen Menschen gleichartig sind. (ebd., S. 20)

Das ist genau jene Sicht der Dinge, die Reich als groben Unfug bekämpft hat. Man lese dazu etwa sein Buch Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral. Freud hat mit dieser Haltung wirklich alles verbaut. Er hat den Einfluß der teilweise drastischen vertikalen und horizontalen gesellschaftlichen Unterschiede negiert, d.h. die Unterschiede zwischen Klassen, Kasten, etc. innerhalb der Gesellschaften und die Unterschiede zwischen den Gesellschaften selbst. Und er hat nicht zuletzt den „Einbruch ins biologische Fundament“ geradezu systematisch verbarrikadiert, denn er war ja vermeintlich bereits zum „unveränderlichen Kern der Menschenseele“ vorgedrungen.

Medizinische Orgontherapie (Teil 1)

11. Januar 2015

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Howard J. Chavis: Medizinische Orgontherapie (Teil 1)

acologo

Die Zukunft der Orgonomie (Teil 2)

18. Oktober 2014

Die Zukunft der Orgonomie ruht auf vier Pfeilern, von denen gegenwärtig alle vier brüchig, wenn überhaupt vorhanden sind:

  1. Orgontherapie: Ohne sie ist alles, was „innerhalb“ der Orgonomie getan wird, vom individuellen Charakterpanzer geprägt und damit kontraproduktiv. Konkret bedeutet dies, die Beiträge sind entweder mystisch oder mechanistisch entartet. Leider gibt es in Europa kaum Therapeuten.
  2. Orgonenergie-Akkumulator: Es ist eine der Tragödien der Orgonomie, daß beispielsweise in den 45 Jahren, in denen das Journal of Orgonomy erschienen ist, kein einziger Artikel über die therapeutische Anwendung des Orgonenergie-Akkumulators erscheinen konnte. Das geschah nicht nur aus Angst vor der FDA (der amerikanischen Bundesgesundheitsbehörde), sondern vor allem wegen der Befürchtung, aus der Arzthaftpflichtversicherung geworfen zu werden und damit die Approbation zu verlieren. Mit der Obama-Gesundheitsreform und der damit einhergehenden zusätzlichen Bürokratisierung kann die Situation nur noch schlimmer werden. Aus diesem Grund liegt die Zukunft der Orgonomie eher in Europa – solange das die EUdSSR noch zuläßt.
  3. Soziale Orgonomie: Ohne Studium und Handhabe der Emotionellen Pest ist die Orgonomie der Irrationalität der gepanzerten Menschen schutzlos ausgeliefert. Zu Reichs Zeiten waren es vor allem die konservativen Kräfte, die sich den Zielen der Orgonomie entgegenstellten (d.h. vor allem dem humanen Umgang mit Säuglingen, Kindern und Jugendlichen), heute sind es fast ausschließlich die sogenannten „progressiven“ Kräfte, die im Wege stehen. Beunruhigenderweise ist Europa in den letzten Jahrzehnten in einem Maße nach links gerückt, daß Ideologie alles bestimmt und Vernunft kaum noch eine Chance hat.
  4. Physikalische Grundlagenforschung: Hier gibt es zwei Probleme. Erstens erzwingt der gegenwärtige wissenschaftliche Standard einen derartigen Aufwand, daß eine Finanzierung zunehmend schwieriger wird. Ohne diese Anstrengung wäre orgonomische Forschung aber kaum mehr als Selbstvergewisserung. Zweitens ist die atmosphärische Orgonenergie seit Reichs Zeiten dermaßen geschädigt worden (ORANUR), daß die orgonotischen Phänomene immer schwerer dingfest zu machen sind. (Das energetische Absterben der Atmosphäre betrifft natürlich auch die drei ersten Punkte!)

Die Lage scheint ausweglos zu sein, doch das Schöne an der Orgonomie ist, daß jeder in jedem beliebigen Moment etwas Konstruktives tun kann. Man kann seine eigene Panzerung dadurch angehen, daß man sie zunächst einmal spürt. Man kann immer und überall die Orgonenergie beobachten. Man kann sich der Irrationalität in seiner Umgebung entgegenstellen. Und vor allem kann man sich bemühen, so funktionell wie nur irgend möglich zu leben. Liebe, Arbeit und Wissen sind die Grundlagen unseres Lebens, sie sollten es auch beherrschen!

Alles hängt von den „Massen“ ab – alles hängt von uns ab. Jeder Erwachsene trägt die Verantwortung für sein Leben und die Umstände, unter denen er lebt.

Die Orgontherapie ist so zentral wichtig, weil ohne Orgontherapie alles nichts ist! Deshalb erscheinen in der Zeitschrift für Orgonomie vorerst fast ausschließlich Texte zur Orgontherapie.

Betrachten wir dazu das Emblem der Zeitschrift. Historisch geht es auf die zu Reichs Lebzeiten von Elsworth F. Baker herausgegebene Zeitschrift Orgonomic Medicine zurück, deren Symbol eine Äskulapschlange war, die sich um das Symbol des orgonomischen Funktionalismus schlängelte (siehe hier). Als Baker diese Zeitschrift 1968 unter neuem Titel fortführte (The Journal of Orgonomy), gesellte sich zur Schlange, die die Medizin symbolisiert, der Blitz als Symbol der Physik. Die neue Zeitschrift sollte nämlich auch die von Reich herausgegebene Zeitschrift CORE ersetzen, in der es vor allem um Orgonbiophysik gegangen war. Insgesamt symbolisiert das Emblem der Zeitschrift für Orgonomie die drei Hauptbereiche der Orgonomie: Medizin (Schlange), Physik (Blitz) und Kosmologie (Spiralgalaxie).

Entsprechend wird die Orgonomie in den drei Bänden von Die Entdeckung des Orgons beschrieben: Bd. 1: Die Funktion des Orgasmus, Bd. 2: Der Krebs und der nie abgeschlossene dritte Band über die orgonomischen Funktionalismus, dessen geplanter Inhalt sich aus Äther, Gott und Teufel und Die kosmische Überlagerung in etwa erschließen läßt.

Nochmal: Warum ist dann die Orgontherapie so überproportional wichtig? Weil –, um mit Kant zu sprechen: „Die Welt erscheint nicht so, wie sie ist, sondern so, wie ich bin.“ Bin ich gepanzert, ist alles nichts! Oder anders gesagt: Es müssen in Deutschland erst eine „kritische Masse“ an Menschen eine Orgontherapie durchlaufen haben, ehe man sich sinnvoll mit etwas anderem als der orgonomischen Medizin beschäftigen kann!

Und hier geht es wirklich um die Orgontherapie, nicht irgendeine „Körperpsychotherapie“ oder eine vom American College of Orgonomy nicht autorisierte angebliche „Orgontherapie“!

In einem Kalender habe ich folgenden Spruch des Schweizer Jesuiten und Zen-Meisters Niklaus Brantschen gefunden: „Wie ich gehe, so geht es mir; wie ich stehe, so steht’s um mich; wie ich laufe, so laufen die Dinge bei mir.“ Kant wird hier sozusagen „verkörpert“. Im Kommentar wird auf alltägliche Sprüche verwiesen wie „Laß den Kopf nicht hängen!“, „mit stolzgeschwellter Brust“, „Trag die Nase nicht so hoch!“

Das bedeutet aber nicht, daß die Orgontherapie eine „Körpertherapie“ ist. Ganz im Gegenteil!

Reich hat seinem Mitarbeiter Myron Sharaf gesagt: „Es sollte möglich sein, Orgontherapie durchzuführen, ohne den Patienten zu berühren, nur mit Reden“ (z.n. Sean Haldane: Pulsation, London 2014, S. 199).

Und Baker hat geschrieben:

Manchmal kann man Gefühle freisetzen und manchmal läßt das Festhalten nach, wenn man dem Patienten beschreibt, was er ausdrückt oder was er tun möchte, oder wenn man ihm einen Spiegel vorhält oder durch verständnisvolle Worte und nicht durch direkte Bearbeitung der Muskeln. Ich habe oft das Gefühl gehabt, wenn man nur genug wüßte und aufmerksamer wahrnähme, könnte man die Therapie ganz und gar auf diese Weise durchführen. (Der Mensch in der Falle, München 1980, S. 91)

Noch etwas: Die Orgonomie wird in Deutschland nur eine Zukunft haben, wenn die Orgontherapie hier eine Zukunft hat. Mehr: die Orgonomie wird nur in Deutschland eine Zukunft haben. Oder anders ausgedrückt: hat Deutschland keine Zukunft, hat auch die Orgonomie keine Zukunft.

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Die Sehnsucht nach Frieden: Putin und die soziopolitische Charakterologie

7. September 2014

Eines der Probleme beim Verstehen der orgonomischen Soziologie ist ihr Diktum, daß die Biologie fundamentaler sei als die Soziologie und daß deshalb gesellschaftliche Probleme in erster Linie biologischer Natur seien. Ist es nicht aber vielmehr so, daß soziologische Prozesse die Biologie bestimmen?! Man denke nur daran, wie in Kliniken die Mutter-Kind-Bindung beeinflußt wird oder an die Einschränkungen der jugendlichen Genitalität. Haben denn die Orgonomen nie Reich gelesen?

Der Knackpunkt ist, daß soziologische Vorgänge „an sich“ keinerlei Durchschlagskraft haben. Genau das lamentieren „Reformer“ ja seit jeher: keinerlei Aufklärung würde die Menschen wirklich berühren, alle staatlichen Programme scheiterten an der „menschlichen Natur“, nichts ändere sich jemals wirklich. Soziologische Faktoren werden erst dann wirksam, wenn sie zu einer „zweiten Natur“ werden, – wenn sie sozusagen selbst zur Biologie werden. Das werden sie durch die Umformung der Charakterstrukturen der Gesellschaftsglieder, etwa durch das, was auf Entbindungsstationen geschieht oder dadurch, wie Menschen ihre Pubertät durchleben. In diesem Sinne bestimmt die Biologie wirklich alles.

Ich habe versucht, das mit folgender Illustration greifbarer zu machen:

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Die Biologie liegt tiefer als die Soziologie, aber die Soziologie bestimmt die Biologie, – was, wie oben erläutert, kein Widerspruch zur Aussage ist, daß die Biologie alles bestimmt. Entsprechend ist natürlich ursprünglich die Biologie die Quelle der Probleme (das Straucheln des Bewußtseins vor der bioenergetischen Tiefe, wie in Die kosmische Überlagerung beschrieben, und DOR, wie von Reich im Aufsatz „Die emotionale Wüste“ nahegelegt), doch aktuell ist es stets die Soziologie, die auf die Biologie rückwirkt.

In diesem Sinne sind innen- und außenpolitische Probleme, Probleme biologischer Art. Konkret bedeutet das vor allem, daß man etwa das Geschehen in der Ukraine nur mit der von Elsworth F. Baker entwickelten soziopolitischen Charakterologie verstehen kann.

Die Vertreter der obenerwähnten „Aufklärung“ und der staatlichen Intervention, sozusagen „die Vertreter der Soziologie“, finden sich auf der linken Seite des politischen Spektrums. Sie leben ganz in der charakterlichen Fassade abgeschnitten von der „ersten Natur“ (dem bioenergetischen Kern) und der „zweiten Natur“ (der soziologisch determinierten sekundären Schicht). Aus diesem Grund können sie nicht mit der „tierischen“ Aggression umgehen, die von Faschisten (die ganz in der sekundären Schicht leben) und Kommunisten (deren Fassade dem Ausdruck ihrer sekundären Schicht dient) ausgeht. Entsprechend hilflos gehen sie mit dem „ehemaligen“ KGB-Agenten Putin um, der an der Spitze eines nationalsozialistischen Großreiches steht und exakt genauso agiert wie einst Adolf Hitler. Die liberalen Westler sind mit Kräften konfrontiert, mit denen sie aus charakterstrukturellen Gründen nicht umgehen können.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden praktisch alle Konflikte durch derartige „Friedensbewegte“ ausgelöst. Das beginnt mit der Appeasement-Politik gegen das geradezu lächerlich schwache Deutschland, das Frankreich bis zur französischen Niederlage in jeder Hinsicht haushoch unterlegen war, geht über Kennedy, den weder die Chinesen noch die Russen ernst genommen haben – es ist ein Wunder, daß Kennedy nicht über Cuba und Taiwan den atomaren Weltbrand ausgelöst hat! – und nun der neue Kennedy (Obama) vs. Putin. Man glaube doch nicht, daß Putin das mit der Krim und „Neurußland“ sich gegenüber McCain erlaubt hätte! Wenn ich das schon höre, daß der Westen Putin nicht hätte „provozieren“ sollen. Obamas Schwäche und die Schwäche der EU hat ihn „provoziert“, sonst nichts!

Was Putin und Neurußland betrifft, kann ich mich nur dem Frontpage Magazine anschließen:

Putin setzt uns nur dann schachmatt, wenn wir ignorieren, was Winston Churchill in seiner Rede von 1946, „Die Sehnsucht nach Frieden“, über die Russen sagte: „Es gibt nichts, was sie so sehr bewundern wie Stärke.“

Wir müssen uns daran machen, kreative Wege zu finden, um jene Stärke zu zeigen, die Putins Aufmerksamkeit auf sich zieht und ihn innehalten läßt.

Erstens können wir den bedrängten ukrainischen Streitkräften anspruchsvollere Waffen und Training anbieten, zusammen mit mehr Austausch von Geheimdienstinformationen. Zweitens können wir die Dissidenten auf der Krim und anti-russische Ukrainer in der Ostukraine mit verdeckten Operationen helfen, um eine Gegenkraft aufzubauen, die Putins Traum einer kostengünstigen Okkupation unterhöhlt.

Der dritte und vielleicht wichtigste Punkt ist, daß Obama nun mobile Raketenabwehrsysteme in Polen und der Tschechischen Republik bereitstellen sollte, wovon er irrigerweise während seiner ersten Amtszeit als Teil seines gescheiterten Versuchs Abstand gehalten hatte, die Beziehungen zu Rußland auf eine positivere Richtung „neu auszurichten“. Tatsächlich sollte Obama Ungarn und die baltischen Staaten der Liste hinzufügen. Mit anderen Worten das tun, vor dem Putin am meisten Angst hat: ihn mit einer Einkesselung-Strategie in Zaun halten.

Es gibt keine Garantien, daß diese Maßnahmen funktionieren werden. Aber eins ist sicher: wenn wir nichts tun, außer ein paar weitere Sanktionen hinzuzufügen, wird Putins Aggression mit der östlichen Ukraine nicht aufhören.

Mit Putin kann man nur umgehen, wenn man sozusagen „biologisch aggressiv“ vorgeht, also nicht diplomatisch und mit dem Appell an „liberale Werte“. Niemand will einen klassischen oder gar nuklearen Krieg, aber Putin wird durchmarschieren, wenn wir Angst vor Aggression zeigen: er wird die baltischen Staaten „befreien“, Polen neu binden, ein „neutralisiertes“ Deutschland fordern – und immer so weiter… Siehe dazu unbedingt auch hier.

Es ist nicht einfach, die soziopolitische Charakterologie so zu akzeptieren, wie man die psychiatrische Charakterologie hinnimmt. Und selbst bei der ist es schwer genug, weil sich zu viele „Widersprüche“ auftun. Doch wenn man erst mal einen Blick dafür hat, dann erwartet man nicht mehr, daß ein Zwangscharakter sich buchstäblich wie ein rostiger Roboter bewegt und verhält oder daß eine Hysterikerin ständig rumschreit, um dann theatralisch in Ohnmacht zu fallen. Es geht nur um Verhaltenstendenzen, die am Schluß immer dominieren. Ganz ähnlich ist es bei den soziopolitischen Charakteren. Hinzu kommt, daß es in Europa zu einer „Rotverschiebung“ (Konia) gekommen ist, die es fast unmöglich macht, Bakers „Schablone“ auf europäische Verhältnisse zu halten und einen darüber hinaus dazu zwingt Leute als „Kommunisten“ einzustufen, die formal kaum links von der (vermeintlichen!) Mitte liegen.

Entsprechend geht mit dieser Rotverschiebung eine Polarisierung der Gesellschaft einher, die jeden rationalen politischen Diskurs, wie er früher noch zumindest ansatzweise möglich war, verunmöglicht. Beispielsweise werden von links und rechts die lächerlich schwachen Politiker des Westens als „Kriegstreiber“ gebrandmarkt, kaum, daß sie auch nur ansatzweise etwas Kritisches über Putin gesagt haben – während Putin Panzer rollen läßt. Jede Diskussion wird zunehmend verunmöglicht, weil man mit irgendwelchen unbeweisbaren bzw. unwiderlegbaren Verschwörungstheorien kommt. Das ist eine direkte Entsprechung der Tendenz in der psychiatrischen Charakterologie, wo die „klassischen“ muskulär gepanzerten Neurotiker zunehmend durch okular gepanzerte Quasipsychotiker verdrängt werden, die immer bizarrere Symptome zeigen. Die Biologie bestimmt das gesellschaftliche Geschehen! Beispielsweise können Putin und etwa die Islamisten beliebig mit den durchsichtigsten Lügen und Taschenspielertricks mit uns spielen, weil wir buchstäblich unfähig geworden sind, räumlich zu sehen.

Funktionalismus bei Hans Hass (Teil 3)

1. Januar 2014

Hans Hass‘ Energontheorie harmoniert perfekt mit Reichs Ausführungen in Der biologische Rechenfehler im menschlichen Freiheitskampf. Wir haben die Maschinen und Werkzeuge geschaffen, die auf uns zurückwirken und uns (die wir doch eigentlich ihre Herren sein sollten) versklaven.

Orgonometrisch sieht das wie folgt aus:

lebendiemaschine

In einer ungepanzerten Gesellschaft benutzt der Mensch seine zusätzlichen Organe (Maschinen), um die Macht des Lebendigen auszuweiten (Gleichung 1). Gleichzeitig separiert er das Lebendige in sich von der toten Maschine (Gleichung 2).

In einer gepanzerten Gesellschaft hingegen identifiziert sich der Mensch mit der Maschine und wird selbst zur Maschine (Gleichung 1). Gleichzeitig verliert er jede Kontrolle über die Maschine (Gleichung 2).

Darüber hinaus gibt es in der Energontheorie keinen Unterschied zwischen materiellen Werkzeugen (Hammer, Auto, PC, etc.) und immateriellen Werkzeugen (Sprache, Gesetze, Moral, Ethik, Religion, etc.). So gesehen ist in ihr durchaus Platz für das Über-Ich und Charakterpanzer bzw. natürlich Kritik am Über-Ich und am Charakterpanzer, was die obigen orgonometrischen Erörterungen weiter vertieft.

Der Energontheorie zufolge besteht kein funktioneller Unterschied zwischen der Schutzvorrichtung eines Igels (Stacheln) und der eines Kaninchens (die immaterielle Verhaltensvorschrift „Lauf weg!“). Es ist letztendlich gleichgültig ob der Gendarm real vor mir steht oder immateriell in meiner Brust steckt (vgl. Der Einzige und sein Eigentum, Reclam, S. 55).

Wie sich vom Über-Ich, dem „Gendarmen in der Brust“ befreien? In Begriffen der Energontheorie: im Rahmen einer Funktionserweiterung. Wir sind einerseits Tiere (Metazoen, die aus Keimzellen hervorgegangen sind), andererseits wiederum selbst Keimzellen von Hyperzellern. Wir haben die Welt erschaffen, die uns umgibt. Wie haben wir das gemacht? Mit unseren Händen, die ursprünglich dazu geschaffen waren, um sich an Äste zu klammern, und mit unserem Gehirn, das ursprünglich dazu geschaffen war, uns zu intelligenten Tieren zu machen, die das natürliche Nahrungsangebot optimal ausnutzen können. Durch Funktionserweiterung dieser beiden Organe wurden wir zu Keimzellen von Hyperzellern – und im Laufe der Entwicklung wurden wir zu Sklaven unserer von uns erschaffenen Umgebung. Aber genauso, wie wir das Gehirn für die Entwicklung von zusätzlichen Organen (vom Hammer bis zum Space Shuttle, von der Sprache bis zur höheren Mathematik) „mißbrauchten“, steht es uns frei im Rahmen einer weiteren Funktionserweiterung des Gehirns uns kritisch mit unserer Lage auseinanderzusetzen und uns von unseren zusätzlichen Organen, insbesondere dem Über-Ich, wieder zu distanzieren, bzw. sie ganz abzustoßen.

Hass hat uns gelehrt, unsere Ehrfurcht vor der Lebensentfaltung zu überwinden: das, was ist und was „natürlich“ ist, muß nicht gut sein. Gut für wen? Für die Hyperzeller (Wirtschaft und Staat). Nicht gut für wen? Für den nackten Menschen, für den Egoisten, für den Einzigen, für das Menschentier. Das bedeutet nicht ein Zurück zur Natur, sondern: die Lebensentfaltung hat uns, hat mir zu dienen.

Ich möchte nie mehr auf das zusätzliche Organ Computer und Internet verzichten – sehr wohl aber auf das Über-Ich. Wie sieht dieses ominöse „Über-Ich“ aktuell aus? Wie werden unsere Kinder im Interesse der Hyperzeller bzw. des Lebensstroms, den sie fortsetzen, verformt? Es liegt im Interesse der Lebensentfaltung, daß sie selbstvergessene, konsumorientierte, unkritische RTL-Gucker werden, die sich einbilden Egoisten zu sein, in Wirklichkeit aber einzig und allein dem Egoismus der Lebensentfaltung dienen. Der größte Feind dieser über die Keimzellen der Hyperzeller hinwegströmenden Lebensentfaltung sind kritische „Egoisten“, die ihre Stellung im Rahmen der Lebensentfaltung kennen. Aus energontheoretischer Sicht sind sie die Stimme der Keimzelle(n) der Hyperzeller. Beispielseise hatte Max Stirner eine recht gute Vorstellung von der Lebensentfaltung in Gestalt der Philosophie Hegels („die Entfaltung des absoluten Geistes“).

Betrachten wir doch einmal Stirners Leben und Werk aus energontheoretischer Sicht: Damals waren Staaten entweder Berufskörper des jeweiligen Königs (wie im absolutistischen Frankreich: „der Staat bin ich“ – so wie der Handwerker sagt: „die Firma bin ich“) oder gigantische Erwerbsorganisationen, etwa Preußen, wo sich der König als erster und höchster Diener des Staates verstand. Hegel war der Ideologe dieser Erwerbsorganisation, in der der Bürger zum Rädchen im Getriebe wird und von Kindheit so gedrillt wird, bis er schließlich „den Gendarmen in seiner Brust hat“. Auch Stirner wurde da hineingepreßt und sollte als Lehrer aus freien Menschentieren Zellen des Hyperzellers „Preußen“ machen. Dagegen empörte er sich in Funktionserweiterung dessen, was er gelernt hatte. Leider blieb seine Argumentation größtenteils „geistesgeschichtlich“. Dagegen stellte Marx sein „materialistisches“ Programm, – das aber nicht viel mehr war als doch nur wieder Hegel.

Stirners „Verein der Egoisten“ ist nichts anderes als eine Ansammlung von Keimzellen, die sich von ihren Hyperzellern emanzipiert haben und mit ihren zusätzlichen Organen wieder frei umgehen.

Stirner stellt (ganz im Sinne von Hans Hass) das Recht (also gewisserweise das „Über-Ich“ der Gesellschaft) als „zusätzliches Organ“ (sozusagen ein immaterielles Werkzeug) dar, daß sich gegen seinen eigenen Schöpfer wendet, ihm sozusagen über den Kopf wächst:

Der Gedanke des Rechts ist ursprünglich mein Gedanke oder er hat seinen Ursprung in Mir. Ist er aber aus Mir entsprungen, ist das „Wort“ heraus, so ist es „Fleisch geworden“, eine fixe Idee. Ich komme nun von dem Gedanken nicht mehr los; wie Ich Mich drehe, er steht vor Mir. So sind die Menschen des Gedankens „Recht“, den sie selber erschufen, nicht wieder Meister geworden: die Kreatur geht mit ihnen durch. Das ist das absolute Recht, das von Mir absolvierte oder abgelöste. Wir können es, indem Wir‘s als absolutes verehren, nicht wieder aufzehren, und es benimmt Uns die Schöpferkraft; das Geschöpf ist mehr als der Schöpfer, ist „an und für sich“. (Der Einzige und sein Eigentum, S. 225)

„Das Recht ist der Geist der Gesellschaft“ (Der Einzige und sein Eigentum, S. 204) – und stempelt mich zum Verbrecher, wenn ich ich bin. Das Recht, ursprünglich ein Interessenausgleich zwischen Individuen, ein Werkzeug meiner Macht, wurde zu einer heiligen fixen Idee, die mich, ihren Schöpfer, auslöschen will. – Die Energontheorie beschreibt nichts anderes: der Mensch erschuf sich seine Umwelt, um leben zu können und brachte es zu einer ungeheuren Machtsteigerung – nur um festzustellen, daß sich alles gegen ihn, den Schöpfer, wendet; manipuliert, abhängig und kurz vor der Auslöschung. – Was bei Stirner der „Einzige“ ist, ist bei Hass die „Keimzelle Mensch“.

Wie drückt man diese Gewalt nun verkehrterweise aus? Man sagt, Ich habe ein Recht auf diesen Baum, oder er sei mein rechtliches Eigentum. Erworben also habe Ich ihn durch Gewalt. Daß die Gewalt fortdauern müsse, damit er auch behauptet werde, oder besser: daß die Gewalt nicht ein für sich Existierendes sei, sondern lediglich im gewaltigen Ich, in Mir, dem Gewaltigen, Existenz habe, das wird vergessen. Die Gewalt wird, wie andere meiner Eigenschaften, z.B. die Menschlichkeit, Majestät usw., zu einem Fürsichseienden erhoben, so daß sie noch existiert, wenn sie längst nicht mehr meine Gewalt ist. Derart ist ein Gespenst verwandelt, ist die Gewalt das – Recht. Diese verewigte Gewalt erlischt selbst mit meinem Tode nicht, sondern wird übertragen oder „vererbt“. (Der Einzige und sein Eigentum, S. 307)

Das entspricht ganz der Panzerung, die ja in der individuellen Geschichte des Menschen am Anfang auch eine rationale Schutzfunktion hatte, d.h. anfänglich ebenfalls sozusagen ein „zusätzliches Organ“ war, dann aber außer Kontrolle geriet: wir haben keine Panzerung mehr, wir sind Panzerung, d.h. wir „haben“ einen Charakter. Ausgeweitet auf die Gesellschaft ist das die jeweilige „Kultur“, die von Generation zu Generation weitergetragen wird.

Seitdem die Abstammung des Menschen aus primitiveren Lebensformen erwiesen sei, liege, so Hass, ein „natürliches und neutrales“ Bezugssystem vor. So wie aus der Lebensentwicklung

jede neue Struktur, jedes neue Phänomen hervorgegangen ist – so sollten auch die Begriffssysteme aller Spezialwissenschaften auf die gemeinsame Wurzel dieser Entwicklung zurückgehen. (…) Es wird nur allzuleicht übersehen, daß (die) Begriffe das höchst persönliche Werk des Menschen sind – nicht aber notwendigerweise ein Spiegel der Wirklichkeit. (…) Diese „Schubladen“, die über Erziehung und Tradition von einem Gehirn auf das nächste übertragen werden, machen uns leicht glauben, daß die Erscheinungen, die in ihnen zusammengefaßt sind, von Natur her zusammengehören, daß diese Einheiten also das „Wesen“ dieser Welt kennzeichnen. Das tun sie aber nur beschränkt – denn jeder Begriff ist bloß eine uns dienliche Einrichtung, ein Werkzeug unseres Geistes – jeder von ihnen, mit einem Wortsymbol versehen, ist ein uns dienender Funktionsträger und in diesem Sinn auch wieder ein erworbenes – ein „künstliches“ Organ. Und (…) hier besteht die Gefahr, daß aus Dienern Herren werden, indem sich diese Schubladen nicht mehr wirklich unseren Zwecken unterwerfen, sondern höchst selbstsüchtig unsere Gedanken in ihre Schablone pressen. (…) Wir brauchen (Worte), wir können ohne sie nicht denken – aber man muß ihnen mit äußerstem Mißtrauen begegnen. (…) Das junge, sich erst bildende Gehirn ist in dieser Hinsicht noch frei und unbehindert. Es kann jeden dieser Diener erst prüfen, ehe es sich ihm anvertraut.

Hass stimmt hier vollkommen mit Stirner überein, d.h. die „emanzipatorischen“ Implikationen sind bei beidem identisch. Stirner:

Begriffe sollen überall entscheiden, Begriffe das Leben regeln, Begriffe herrschen. (…) Nach Begriffen wird alles abgeleiert, und der wirkliche Mensch, d.h. Ich werde nach diesen Begriffsgesetzen zu leben gezwungen. (…) Eine unzählige Menge von Begriffen schwirren in den Köpfen umher, und was tun die Weiterstrebenden? Sie negieren diese Begriffe, um neue an deren Stelle zu bringen! (…) So schreitet die Begriffsverwirrung vorwärts. (Der Einzige und sein Eigentum, S. 104f)

Es geht um eine zweifache „Götzendämmerung“: einerseits um die erörterte Befreiung von der Knechtung durch Begriffe, die von unseren zusätzlichen Organen, sich zu Herren über uns aufgeschwungen haben und andererseits um die Empörung gegen jenen Entfaltungsstrom, dessen willenlose Werkzeuge wir bisher waren, der aber doch nur aufgrund unserer Anstrengung leben kann.

Die Massenpsychologie des Faschismus: 1933 und 2013

26. November 2013

1933 konstatiert Reich in Die Massenpsychologie des Faschismus, daß die Soziologie durch Einbeziehung psychoanalytischer Erkenntnisse auf ein „höheres Niveau“ gelangt, „weil endlich der Mensch in seiner Struktur erfaßt wird“ (Fischer TB, S. 47).

Was die Psychoanalyse nicht erfaßte, sind die folgenden Punkte:

  1. Die „Analyse“ der geschichtsmächtigen Persönlichkeiten ist vollkommen gleichgültig, denn sie waren nur deshalb „geschichtsmächtig“, weil ihre Charakterstruktur mit der durchschnittlichen Charakterstruktur des Massenindividuums übereinstimmt.
  2. Gepanzerte Menschen können sich nicht selbst regulieren und sind deshalb von „Führern“ abhängig. Diese pestilenten Charaktere fokussieren und manipulieren die Emotionelle Pest, die in den Massen schlummert.
  3. Geschichte ist die Abfolge von Auseinandersetzungen zwischen Menschengruppen mit unterschiedlichen Charakterstrukturen.
  4. Die Charakterstruktur der Menschen reproduziert sich in der Familie. (Wie das heute geschieht wird in Reichs singuläre Stellung und Konias singuläre Stellung beschrieben.) Deshalb ist der Hauptansatzpunkt gesellschaftlicher Veränderungen die Kindererziehung. Hier verzahnt sich das Psychische und das Soziologische, das beides aus dem Biologischen hervorgeht.
  5. Die Entwicklung der orgonomischen Soziologie ist identisch mit der Entdeckung dieser Tatsache: psymarxsozorg
  6. Soziologische Prozesse werden nicht von psychologischen, sondern biologischen Prozessen bestimmt. Da dies nicht erkannt wird, setzt man sich nur mit den Symptomen auseinander, nicht mit der zugrundeliegenden Erkrankung (den Charakterstrukturen).
  7. In der Soziologie machen die üblichen psychoanalytischen Einteilungen in Bewußtes und Unbewußtes, in Über-Ich, Ich und Es, etc. nur bedingt Sinn. Wie Reich in seinem 1942 verfaßten Vorwort der revidierten Neuausgabe von Die Massenpsychologie des Faschismus ausführte, kann man die gesellschaftlichen Ideologien charakter-strukturell nur mit dem Dreischichten-Modell erklären: Fassade, mittlere (sekundäre) Schicht und Kern.
  8. Die Psychoanalyse hat nicht die Rolle der intellektuellen Abwehr (okulare Panzerung) erfaßt, vielmehr verstärkt sie diese, indem Unbewußtes bewußtgemacht und „verurteilt“ werden soll. Tatsächlich hat das Einbringen psychoanalytischer Ansätze in die Soziologie dazu beigetragen, diese weiter von der sozialen Wirklichkeit zu entfremden. Das war Reichs Kritik an der „bürgerlichen“ Psychoanalyse seiner Zeit, heute entspricht dies eher „linken“ Versuchen, die Psychoanalyse für die Soziologie fruchtbar zu machen.
  9. Die Psychoanalyse kann nicht zwischen primären und sekundären Trieben unterscheiden und hat deshalb keinen Maßstab dafür, welche gesellschaftlichen Kräfte zu unterstützen, welche zu bekämpfen sind: sie hat kein Sensorium für die Emotionelle Pest.
  10. Die Psychoanalyse hat, trotz allen Geredes über „das Unbehagen in der Kultur“ und den „Todestrieb“, die ganze Brisanz des Unbewußten, des Verdrängten und des Über-Ich nicht erfaßt: die mittlere (sekundäre) Schicht ist Ausdruck der Emotionellen Pest, d.h. der Niederschlag der Emotionellen Pest im Einzelnen. Die Emotionelle Pest strebt danach, die Quelle der Erregung auszuschalten, d.h. letztendlich das Leben selbst auszuschalten.
  11. Die Psychoanalyse macht keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Prägenitalität und Genitalität und kann von daher nicht einschätzen, mit welchen Energien sie es zu tun hat, wenn beispielsweise von „sexueller Befreiung“ die Rede ist. Man kann die Genitalität nur ganz oder gar nicht freisetzen.
  12. Zum bioenergetischen Kern und damit zur Arbeitsdemokratie hat die Psychoanalyse keinen Zugang.
  13. Aus dem gleichen Grund hat sie keinen Zugang zu den „ozeanischen Gefühlen“ und kann deshalb den Hang zum Mystizismus in den Massen nicht richtig einschätzen.
  14. Veränderungen müssen nach bioenergetischen Gesetzmäßigkeiten erfolgen, ansonsten wird jede „Reform“ schlimmere und ausweglosere Zustände hervorrufen als zuvor. Das ist ähnlich wie in der individuellen Therapie.
  15. Die Psychoanalyse sieht nicht, daß Therapie nicht der Bewältigung neurotischer Konflikte, nicht einmal „Heilung“ zum Ziel haben kann, sondern nur die Mobilisierung der Selbststeuerung. Auf den gesellschaftlichen Bereich übertragen, kann das nur bedeuten, die Menschen mit mehr Verantwortung für ihr eigenes Überleben zu belasten nicht mit weniger – und das dann noch als „sozialen Fortschritt“ zu bezeichnen.

Reich führt aus, daß man nie damit aufhören dürfe, die Verantwortung des „Kleinen Mannes“ hervorzuheben. Er müsse Eigenverantwortung für sein persönliches und soziales Leben entwickeln. Es läge ganz im Interesse der Großindustrie, diese Eigenverantwortung zu fördern und die Mitarbeit der Arbeiter zu gewinnen.

Die Produktion kann nur steigen und die gegenwärtigen Schwierigkeiten werden in dem Maße abnehmen, in dem die Arbeiter in der Industrie und Landwirtschaft lernen, ihren Teil der Verantwortung für Produktion und Distribution zu übernehmen. Sie werden dann aus Erfahrung lernen, daß es leichter ist die Firmenleitung zu kritisieren, als behilflich zu sein, die große Verantwortung zu tragen. Dies sind wichtige Faktoren in der andauernden gesellschaftlichen Revolution und kein Manager, der selbst arbeitet, wird dagegen sein. Ganz im Gegenteil weiß er, daß er weniger Verantwortung tragen muß, wenn die Arbeiter ihren Teil übernehmen. Die paar Menschen, die habgierig und machtbesessen sind, werden bald schweigen, ohne daß es notwendig wird, irgend etwas Einschneidendes gegen sie zu unternehmen. („The Biological Revolution from Homo Normalis to the Child of the Future“, Orgonomic Functionalism, Vol. 1, Spring 1990, S. 70)

Alle ökonomischen Probleme Gründen in der Hilflosigkeit der Massen und werden verschlimmert durch die kontaktlosen „Problemlösungen“ der Linksliberalen – die dann die von ihnen hervorgerufene Katastrophe als Argument vorbringen, um weitere linke Programme ins Leben zu rufen. Die Linksliberalen werden nie begreifen, daß „die soziale Existenz des Lebewesen Mensch (…) bioenergetisch betrachtet an sich nur ein kleiner Gipfel auf dem gigantischen Berg seines biologischen Daseins (ist)“ (Ausgewählte Schriften, Köln 1976, S. 24). „Es gibt in dieser unserer sozialen Welt nichts, und es kann gar nichts geben, das nicht grundsätzlich vom Charakter und dem Verhalten der Menschen bestimmt wird. Von dieser Regel gibt es keine Ausnahme, ganz egal, was wir betrachten“ (Christusmord, Freiburg 1978, S. 126). Und deshalb werden die Linksliberalen niemals die Probleme begreifen und meistern können, die mit dem Kapitalismus verbunden sind.

Reich führt als Beispiel aus:

Der amerikanische Kapitalismus entstand in einer Gesellschaft aus kleinen Handwerkern und Ladeninhabern und ist nicht aus der Arbeitsteilung hervorgegangen. Der Massencharakter des Händlers hat ihn hervorgebracht und aufgrund der Geschäftigkeit und Blauäugigkeit der Arbeiter wurde er toleriert und ihm erlaubt zu wachsen – bis Morgan erschien. Auf diese Weise entwickelte sich der Kapitalismus aus einer Charakterstruktur heraus. Ich mußte erst meinen Weg durch all die Fehler der Freudianischen Psychologismen bahnen und die Lücke bei Marx entdecken, bevor ich die menschliche Charakterstruktur als Ursprung einer ökonomischen Entwicklung erkennen konnte. Charakter ist strukturelle Geschichte, aktive Reproduktion von Geschichte. In den USA reproduziert der Kleine Mann den Kapitalismus. (American Odyssey, S. 324f)

„Man komme mir“, schreibt Reich, „nicht mit der ‘sozialen Not’, denn diese soziale Not ist selbst letzten Endes Ergebnis einer Welt erstarrter Menschentiere, die überreichlich Mittel für Kriege, aber niemals genügend Mittel, minimale Bruchteile der Kriegskosten eines Tages für die Sicherung des Lebendigen aufbringen. Und dies ist so, weil diese verunglückten, versteiften Menschentiere kein Verständnis für das Lebendige und nur Angst davor haben. Überdies reicht keine andere Art sozialer Misere an die Misere der Kleinkinder biopathischer Eltern heran“ (Der Krebs, Fischer TB, S. 393). „Nicht die ‘materielle Not’ im Sinne der Marxschen Ökonomie macht die Neurosen, sondern die Neurosen dieser Menschen ruinieren ihre Fähigkeit, in dieser Not etwas Vernünftiges anzufangen, sich besser durchzusetzen, die Konkurrenz am Arbeitsmarkt auszuhalten, sich mit anderen ähnlicher sozialer Lage zu verständigen, den Kopf fürs Denken überhaupt frei zu haben“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 65).

Flirten, Beerdigen und Therapieren

22. November 2013

In traditionellen und autoritären Gesellschaften ist das soziale Leben durch Rituale geregelt. Früher wußte man, wie man eine Frau für sich gewinnen kann und wie man beispielsweise mit dem Tod umgeht.

Heute, in der antiautoritären Gesellschaft, vereinsamen die Menschen zusehends, da niemand mehr die Signale des anderen richtig deuten kann. Schon die harmlosesten Annäherungsversuche können dir als „sexuelle Belästigung“ ausgelegt werden.

Kein Mensch weiß mehr, wie er mit seiner Trauer umgehen soll, zumal es häufig eher ein Gefühl der Erleichterung ist oder der Schmerz ist derartig groß, daß er zum Selbstschutz von gegenteiligen Affekten überlagert wird. In traditionellen Gesellschaften wurde das durch festgelegte Trauerrituale aufgefangen. Heute müssen die Menschen „spontan“ reagieren und sind entsprechend von der Situation überfordert.

Insbesondere die 68er haben uns einen Terror der Spontanität, „Echtheit“ und „Eigentlichkeit“ eingebrockt, der die Menschen hilflos und todunglücklich macht.

Dort, wo Rituale ihren Platz haben, nämlich im Leben der Gesellschaft, wurden sie beseitigt und werden in ihren Restbeständen noch heute von den linken Zersetzern rigoros bekämpft. Auch die letzte Anstandsregel, auch der letzte Verhaltenscodex wird im Namen der „Authentizität“ infrage gestellt.

Bezeichnenderweise hält jedoch gleichzeitig in den Kernfunktionen Partnerschaft, Familie, Sexualität, Erziehung eine Regelwut Einzug, die alles spontan Lebendige erstickt. Die Menschen werden mit Ratgebern überflutet, wie man mit dem Partner und den eigenen Kindern umzugehen hat, sogar was genau man im Bett zu tun hat, um „Supersex“ zu haben. Hier obwaltet eine Ritualisierung, Standardisierung und Vergesellschaftung, die die bioenergetischen Kernfunktionen erstickt. Es ist Emotionelle Pest und nichts außerdem.

Ein typisches Beispiel sind „Reichianische Therapien“, wo wirklich alles vorgegeben wird: genaue Zeitabfolgen, Übungen, Körperstellungen, etc. Alles extrem mechanistisch und zwanghaft. Natürlich verwendet auch der genuine Orgontherapeut „Techniken“, aber diese nur in einem funktionellen Zusammenhang, d.h. schlicht und ergreifend er weiß, was er tut! Leute, die nach Schema F vorgehen, wissen dies offensichtlich nicht. Vielmehr werden Patienten in genau jene Rolle gedrängt, unter der sie schon als Babys und Kleinkinder litten: es wird ihnen eine bürokratische, stereotype, mechanische und gedankenlose Routine übergestülpt. Und das alles im Namen Wilhelm Reichs! Eine solche Form von „Therapie“ ist Emotionelle Pest und nichts außerdem: das diametrale Gegenteil von Orgontherapie.

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