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Dr. Peter Strüver: Wilhelm Reich – Zwischen Psychoanalyse und Orgontheorie. Eine kurze fragmentarische Studie

26. November 2017

Warum? Warum falle ich immer wieder drauf rein? Da nimmt man interessiert, wenn nicht sogar fasziniert, das Buch eines „Reichianers“ in die Hand, läßt sich vom ambitionierten Buchtitel blenden – und landet als Leser schon nach wenigen Seiten in einem unheilvollen Gemenge aus Verwirrung, Kopfschmerzen, Frust und Wut. Immerhin beschäftigt sich der Sozialpädagoge, Sozialarbeiter und ehemalige DKP-Genosse Dr. Strüver seit 1970 mit Reich. Wobei „er aber keinesfalls einem neuen Biologismus und Naturalismus das Wort reden“ will (S. 114). Wie sieht das konkret aus? Dr. Strüver und Genossen „lebten in einer Art persönlicher sexueller Revolution“. Was das hieß? „Vollständiges Erleben der orgastischen Potenz (…) als unbedingter Kraftquell, um den studentischen, beruflichen, privaten, politischen und wissenschaftlichen Alltag einigermaßen emotional positiv gestaltend leben zu können“ (S. 115). Doch das konnte nicht dauerhaft gelebt werden, denn „allseitige sexuelle Empfindungen im Sinne der orgastischen Potenz können in der kapitalistischen, Entfremdung-produzierenden Gesellschaft nur schwer auf Dauer vom Individuum gelebt werden“ (ebd.). Danke, Dr. Stöver, endlich habe ich verstanden, was wirklich hinter dem Vorwurf von „Naturalismus“ und „Biologismus“ gegen Reich von Seite der Linken steckt: die Charakterstruktur des Kommunisten, die ich im folgenden etwas beleuchten werde.

Fangen wir mit einem Hinweis an, der mich faszinierte: auf S. 12 ist von einer „Helma Sanders“ die Rede, die 1980 den Film „Der subjektive Faktor“ veröffentlichte, in dem Reich-Bücher eingeblendet werden. War mir vollkommen neu. Danke! Aber: die Frau heißt Helke Sander! Diese groteske Nachlässigkeit ist symptomatisch für dieses Büchlein. An allen Ecken und Enden stolpert man über Fehler. Wie kann jemand, irgendjemand auf diesem Planeten, „Lazer-Therapie“ schreiben?! (S. 102). Absätze auf S. 65 sind identisch mit Absätzen auf S. 79, desgleichen S. 66 und S. 82. „Erläuterungen“ in den Fußnoten, die ja Klarheit herstellen sollen, erzeugen teilweise nur noch mehr Chaos. Eine Vortragsserie Reichs aus dem Jahre 1934 wird erwähnt: „Gemeint ist die Weiterentwicklung der Psychoanalyse zur Biogenese“ (S. 86). 1934 war von „Biogenese“ noch keine Rede. Und überhaupt…

Reichs Massenpsychologie des Faschismus. Damals die Juden. „Heute müssen Moslems und Asylbewerber dafür herhalten“ (S. 44). Auf der nächsten Seite beschreibt Dr. Strüver dann ganz richtig die Familienideologie, die Sexualfeindlichkeit, Ehemisere, kein Sex vor der Ehe – ohne auf den Gedanken zu kommen, daß wir genau diese „Massenpsychologie des Faschismus“ gegenwärtig importieren.

Oder irrwitzige Antagonismen, wie auf S. 87, wo von „Reich heute in Dänemark“ berichtet wird: 1. ein gewisser Robert Moore, der Boadellas „Biosynthese“ weiterentwickelt hat, 2. bei „Albert Fischer im Kopenhagener Labor wurde erstmals die biologische Färbungsreaktion (Bionexperimente) demonstriert“, 3. das dänische Landwirtschaftsministerium erforscht den ORAC. Albert Fischer fällt in die 1930er Jahre und war ein Feind Reichs, der diesen als „Phantasten“ betrachtete! Oder S. 25: Oslo 1934 bis 1939: „Grundlegung der Vegetotherapie“. New York 1939-1942: „Bionenforschung, Bioelektrizität, Entdeckung der Orgonenergie“, etc.

Alles in diesem desorganisierten „Buch“ sorgt für Durcheinander, etwa die grandiose Idee Dr. Strüvers von sich selbst in der dritten Person zu reden, so daß man auf Anhieb nie sicher sein kann, ob nun vom Autor selbst, von dem Reich-Biographen, den er zitiert, oder von Reich die Rede ist. Alle sind „er“! Oder diese tragikomische Fußnote: „Jantzen ebd., Hervorhebung v. Autor. Mit der Bezeichnung Autor ist natürlich der Verfasser dieses Buches gemeint“ (S. 112 Hervorhebung von Dr. Strüver). In Jantzens Text findet sich keine Hervorhebung! Und welcher Verfasser welchen Buches ist gemeint?

Und das ganze ist auch noch von einer nur als „zerebral“ („neuropsychologisch-informationstheoretisch-dynamisch-lerntheoretisch“, S. 117) zu bezeichnenden Schreibe gekennzeichnet, deren einzige Funktion es zu sein scheint, die Erregung von der Wahrnehmung zu trennen und dergestalt einen kontaktlosen Zustand herzustellen:

Mit A.N. Leontjew ist Sinn ja so zu definieren, daß dieser sich ursprünglich nur in Form der Emotionen äußert und erst später, mit der zunehmenden Differenziertheit der Tätigkeit, zusammenfällt mit der Realisierung der Motive. Durch diese Realisierung erlischt das Bedürfnis. Problem: Realisieren sich die Motive aber nicht – z.B. in einer offenen Lebensform auf Dauer, denn das war kaum durchzuhalten bei den aufgestauten lebensgeschichtlichen Bruchstellen der WG-Mitglieder – dann setzt eine erneute Suchbewegung ein. (S. 13)

Das ganze läuft hinaus auf eine Kritik an der Reichschen Sicht auf den Organismus, der bloß funktioniert, durch biologische Energie getrieben und dabei von Gegensatz von Zentrum und Peripherie bestimmt wird. Vielmehr gehe es um „das innere Milieu, das Gehirnzentrum also, als dynamische funktionelle Haupteinheit gedacht“… (S. 119) Und so weiter, frei nach der „Kritischen Psychologie“ des DKP-Genossen Klaus Holzkamp und sowjetischen Genossen in der Tradition Pawlows. Ein unerträgliches Gestammel, das nur das Lebensempfinden des kommunistischen Charakters beschreibt. Von wegen „Gehirnzentrum“!

Mir reichen schon geradezu psychedelisch wirkende Sätze des Autors wie der folgende: „Familiäre Trennungszusammenhänge mit juristischen und psychischen Folgen etc. erschweren die Eingliederung“ (der öffentlichen und familiären Wertsysteme) (S. 53).

Buchstäblich das einzige, was an diesem Buch interessant ist, ist ein Zitat aus einem 1970 bei rororo erschienenen Buch über „Sexualität und Sexualpolitik in Dänemark und Schweden“: Von jeher seien dort voreheliche Beziehungen akzeptiert worden. Diese Tradition weise verblüffend weit zurück. Praktisch hundert Prozent aller verheirateten hatten Beziehungen mit Geschlechtsverkehr vor der Ehe (S. 36f). Paßt gut zu James DeMeos Saharasia-Theorie.

Der ganze Wahnsinn dieses Machwerks steht nicht allein, sondern hat Methode. Buchstäblich hunderte Bücher und abertausende Aufsätze dieser Machart sind seit Reichs Tod erschienen. „Reichianer“ sind mit Abstand die schlimmsten Feinde der Orgonomie! Man nehme doch das „Buch“ Dr. Strüvers zur Hand! Dr. Strüver hat zur „Orgontheorie“ nicht viel mehr zu sagen als folgendes Zitat aus einem Aufsatz über „Fetisch und Foto oder: Das Abbild als das andere Kunstwerk“:

Experimente haben ergeben, daß sich mit gewissen Malereien (…) wenn man sie auf Menschen projiziert, einige Effekte erzielen lassen, die in Orgon-Akkumulatoren auftreten. William S. Burroughs, in Anlehnung an Wilhelm Richs Theorie der Lebensenergie, bedient sich der Sprache wie eines Akkumulators zum Auslösen spontaner Orgasmen. (S. 99)

So, auf dem Niveau Mildred Bradys, sind sie alle, diese „Freunde“ Reichs. Wer’s nicht glauben will, – ich verweise auf meine dreiteilige Rezensionsserie über „Reichianischer Bücher“:

Teil 1

Teil 2

Teil 3

nachrichtenbrief90

25. November 2017

nachrichtenbrief 85

5. November 2017

Der Rote Faden: Psychoanalyse und Kommunismus

8. Oktober 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

c. Rassenhygiene

d. Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

e. Der Übermensch

f. Die Untermenschen

2. Der Weg in den Kalten Krieg

a. Das rote Berlin

b. Agenten des Roten Terrors

c. Der Friedenskämpfer Nr. 1

d. Der Kalte Krieger Nr. 1

e. Der Warmduscher

3. Mentalhygiene

a. Sexpol

b. Die sexuelle Revolution in der Sowjetunion

c. Psychoanalyse und Kommunismus

 

 

Willi gegen den Rest der Welt (Teil 3)

3. Oktober 2017

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 1. Die Apokalypse / Wilhelm Reich

Willi gegen den Rest der Welt (Teil 1)

1. Oktober 2017

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 1. Die Apokalypse / Wilhelm Reich

nachrichtenbrief61

24. August 2017

nachrichtenbrief60

21. August 2017

Einen Punkt setzen

6. August 2017

Ich kann mich lebhaft an eine Diskussion mit einem Freund erinnern. Wir saßen in der Küche und sprachen über unser Rechtssystem. Meine Idee war, was wäre, wenn ein Mann in einem hermetisch abgeschlossenen ABC-Anzug, der keinerlei Spuren hinterläßt, hereinstürmen würde, das Küchenmesser aus meiner Hand risse und meinem Freund ins Herz stieße? Oder umgekehrt, was wäre, wenn ich ihn ersteche und behaupte der unbekannte „ABC-Mann“ wäre es gewesen. Wer wollte mir jemals das Gegenteil beweisen! Es gibt keine Zeugen? Er hat sich halt aufs Grundstück geschlichen oder das Schweigen der Zeugen wurde von der Mafia, der CIA oder wem auch immer erzwungen. Meine Fingerabdrücke befänden sich auf dem Messer? Ich habe damit gegessen! Und was alle anderen Spuren betrifft: wir haben eine Stunde zusammen in der Küche gesessen und er ist in meinen Armen gestorben! Welches Gericht der Welt will mich verurteilen?!

Die Antwort ist einfach: jedes Gericht der Welt! Es gibt so etwas wie eine Lebenswirklichkeit und die von mir aufgetischte Geschichte ist einfach lebensfremd. Hinzu kommt das Prinzip des Rechtsfriedens: man kann nicht alles bis in alle Ewigkeit widerkäuen, denn dann gäbe es keine einzige Verurteilung. Oder nehmen wir die unrühmliche Geschichte von Lee Harvey Oswalds Mord an Kennedy. Niemand kann 100prozentig ausschließen, daß Oswald tatsächlich unschuldig war, aber dann gäbe es kein einziges Mordurteil. Niemals und nirgendwo! Schließlich sind Staatsanwälte, Richter und Geschworene keine unfehlbaren Götter, sondern nur fehlbare Menschen. Bis es nicht irgendwelche neuen und umstürzenden Erkenntnisse gibt, ist eine Diskussion über Oswald oder irgendeinen anderen überführten Mörder vollkommen sinnlos.

Derartige Debatten haben nur eine Funktion: Verwirrung zu stiften. Das ist eine der Haupttaktiken der Emotionellen Pest. Eine Arbeitsgruppe arbeitet produktiv zusammen, man kommt zu Ergebnissen und es geht voran. Und dann betritt der pestilente Charakter (oder auch nur ein akut an der Pest erkrankter!) die Szene und bringt alles mit „neuen Gesichtspunkten“ durcheinander. Die einzige Funktion dieser „neuen Gesichtspunkte“ ist es vom Wesentlichen abzulenken. Und es ist ja nicht so, daß der Störer unbedingt falsch liegen muß, vielmehr ist in diesem Moment die von ihm präsentierte Wahrheit nicht zielführend. Man betrachte nur, wie sich Reich hoffnungslos in einem unentwirrbaren juristischem Wirrwarr verfangen hatte, nachdem ihm von dem Modju Michael Silvert eingeredet wurde, man müsse die objektive Wahrheit durchsetzen und sich nicht von Anwälten in juristische Spitzfindigkeiten verwickeln lassen. Abstrakt und „idealistisch“ betrachtet hatte Silvert vollkommen recht, doch das Ergebnis in der realen Welt war, wie gesagt, ein wirklich unentwirrbarer juristischer Wirrwarr.

Abstrakt und „idealistisch“ betrachtet hätte tatsächlich der „ABC-Mann“ meinen Freund erstechen können, könnte Oswald vollkommen unschuldig gewesen sein, etc.pp. Sich auf dieses Spiel einzulassen, bedeutet in die Falle zu tappen. Übrigens ist das auch der tiefere Grund für all die Spaltungen in der Orgonomie nach Reichs Tod. Immer ging es darum, daß Dr. Elsworth F. Baker und nach ihm Dr. Charles Konia sich gegen Leute wenden mußten, die die Orgonomie hoffnungslos vom Weg abgebracht hätten. Man muß den Mut haben einen Punkt zu setzen.

Hierher gehört auch die Sache mit dem gestern erwähnten David Jacobs. Er ist Historiker und die Geschichtswissenschaft gehört zu den aufwendigsten Studienfächern überhaupt, weil man angesichts der überwältigenden Materialfülle lernen muß, das Wichtige vom Unwichtigem, das Charakteristische vom Zufälligen zu scheiden. So ist Jacobs auch ans UFO-Phänomen herangegangen, hat gesehen, daß hinter all den Geschichten ein wahrer Kern stecken muß und hat Jahrzehnte damit verbracht diesen Kern freizulegen. Sein Ansatz war dabei, sich nicht durch das verwirrende Material von der Wahrheitssuche abbringen zu lassen, sich auf das Wesentliche, den besagten „Kern“ zu konzentrieren und nicht Passendes als „Konfabulieren“ zu entlarven, d.h. als falsche Aussagen aufgrund von Fehlwahrnehmungen und Gedächtnisstörungen. Das Hauptkriterium dabei ist, ob etwas unabhängig voneinander von unterschiedlichen Zeugen bestätigt wird. Es ist ähnlich wie beim Fall Oswald: natürlich gibt es immer wieder einzelne Zeugen und Aktennotizen, die nicht zum Gesamtbild passen, aber das entspringt nach aller Lebenserfahrung mit einiger Sicherheit „Konfabulation“. Praktisch bei jedem Fall, etwa von „Schulmassakern“, gibt es hier und da Zeugen, die einen „zweiten Schützen“ gesehen haben wollen. Nochmals: man muß den Mut haben einen Punkt zu setzen oder man wird nichts, rein gar nichts zuwege bringen!

nachrichtenbrief54

3. August 2017