Reich hat sich in seinen Schriften ausgiebig mit der Emotionellen Pest in der Psychiatrie und Psychotherapie seiner Zeit auseinandergesetzt. Knapp zusammengefaßt ging es, SELBST IN DER PSYCHOANALYSE, um die Bekämpfung des „Bösen“ und „Degenerierten“, um die Zähmung des wilden Menschentiers. Das kulminierte im Holocaust, der im T4-Programm einen unmittelbaren Vorlauf hatte. Der Schrecken setzte sich fort in den entmenschten Erziehungsanstalten der BRD und DDR, wo man den Kindern „das Böse“ austreiben wollte. Und genauso war die Psychiatrie und Psychotherapie in der autoritären Gesellschaft geprägt: am Grunde der Menschen lauerte das grausame Unbewußte Freuds bzw. der sprichwörtliche Neandertaler, das bzw. der nachträglich zivilisiert bzw. per „Zwangsjacke“ eingedämmt werden mußte. Grundlage dieser Vorgehensweisen war die moralistische und zutiefst sexualfeindliche Grundhaltung des konservativen Charakters, der diese Epoche bestimmte.
Heute, im ANTIautoritären Zeitalter sieht das ganze vollkommen anders aus: der Mensch ist nicht mehr das böse Tier, sondern eine Maschine mit Fehlfunktionen. Der orgonomische Psychiater Edward Chastka schreibt dazu:
Der Wandel (…) zu einer antiautoritären Gesellschaft bedeutete nicht das Ende der Autorität, sondern die Abwertung traditioneller Autoritäten wie Eltern, Lehrer und Ärzte zugunsten eines soziopolitischen Zeitgeistes, der als „politische Korrektheit“ (PC) bezeichnet wird. PC ist in der Tat eine Front für die Emotionelle Pest. In der Psychiatrie hat sich dies als eine mechanistische Herangehensweise an den Patienten und seine Behandlung manifestiert, wobei die Verwendung von Testskalen für die Diagnose und von Medikamenten für die Therapie betont wird. Die unmittelbare und tiefgreifende Bedeutung der Emotionen und der Beziehung zwischen Arzt und Patient wird abgewertet. Es ist heutzutage nicht ungewöhnlich, daß Eltern ein Kind zur Beurteilung mitbringen, psychologische Tests auf ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) fordern und verlangen, man möge es doch mit stimulierenden Medikamenten (Amphetamin) versuchen. Nie wird in Betracht gezogen, zunächst einmal die emotionale Grundlage des Zustands des Kindes zu erforschen. Der Mythos eines „chemischen Ungleichgewichts“ im Gehirn, das mit Medikamenten behandelt werden könne, befreit die Eltern von ihren Gefühlen, einschließlich der Schuldgefühle hinsichtlich des Zustandes ihres Kindes, und von ihrer Verantwortung, dagegen etwas tun zu müssen, außer dem Kind die verschriebenen Medikamente zu verabreichen. (Chastka: A Second Chance, The Journal of Orgonomy 50(1))
Was eigentlich ist an Hitler und L. Ron Hubbard so faszinierend, daß sich Kulte ausbilden konnten („Antifaschismus“ und „Antiscientology“), die den ursprünglichen Kulten in ihrem blinden Fanatismus in nichts nachstehen. Es ist billig von einer „Faszination des Bösen“ zu sprechen. Was die Massen wirklich fasziniert, ist nicht das Böse, sondern das Gute. Bei Hitler sind das drei Dinge:
die Verachtung für Politik,
die Überwindung des Staates und
der Vorrang der Biologie.
Punkt 1 braucht nicht weiter erläutert zu werden. Vom „Hinwegfegen der Parteien“, von dem er in den 1920er Jahren sprach, bis zum Führerbunker, als er seinen Ekel vor jeder Politik bekundete und endgültig „keine Politik mehr machen wollte“, ist das ein unverkennbarer roter Faden. Punkt 2 mag angesichts des „totalen Staates“ überraschen, aber tatsächlich hat Hitler alles getan, um die staatlichen Institutionen zu unterminieren. Das Dritte Reich war ein einziges Chaos ohne eindeutige Zuständigkeiten. Das bringt uns zu Punkt 3: für Hitler war der Staat eine „jüdische Erfindung“, um den naturgegebenen Kampf der Gruppen und Individuen zu unterbinden. Hitler war schlicht und ergreifend ein Darwinist, wobei sein „Darwinismus“ dem entsprach, was er in den entsprechenden kruden populärwissenschaftlichen Schriften gelesen hatte. Das Leben sollte sich selbst organisieren, in dem Sinne, daß der Starke das nimmt, was ihm ob seiner Stärke zusteht. Die Natur, bzw. das, was sich Hitler unter „Natur“ vorstellte, sollte wieder zu ihrem Recht kommen!
Und was L. Ron Hubbard betrifft: vor ihm gab es die Psychoanalyse (und deren diverse Abspaltungen), d.h. ein kostspieliges, elitäres Expertenwissen, das nur wenigen Privilegierten zugutekam und deshalb angesichts des neurotischen Massenelends vollkommen bedeutungslos war. Hubbard war der erste, der eine schnell wirksame Selbsthilfe anbot. Daß nichts hinter den hochtrabenden Versprechungen stand und sich infolge die „Dianetik“ und Scientology zu einer rigiden, totalitären Pseudoreligion für Wohlhabende entwickelte, die finanzielle gerupft wurden, ist von sekundärer Bedeutung. Wichtig ist, daß Hubbard der erste war, der Menschen dazu brachte sich mit ihren Traumatas und dem ganzen Seelendreck, der uns alle erstickt, zu konfrontieren, um nicht immer und immer wieder die gleichen Fehler zu machen. Das fasziniert die Menschen an Scientology. Das ist, was sie anzieht – und gleichzeitig abgrundtief verängstigt.
Um was es geht, zeigt folgende Rede des Führers der faschistischen Organisation „Nation of Islam“, der vor einigen Jahren die Dianetik in seinen Kult integrierte. Er spricht beispielsweise über sexuellen Mißbrauch von jungen Schwarzen in ihren Familien und über seine eigene Verletzlichkeit in dieser Hinsicht. Eine absolut bemerkenswerte Rede. Ich kenne keine einzige von einem anderen religiösen Führer, die derartig „orgonomisch“ ist:
Für den selbstgerechten „Reichianer“ ist Farrakhan ein pestilenter Charakter und damit ist die Sache für ihn, den selbstgerechten Kleinen Mann erledigt. Reich selbst war kein „Reichianer“: er wußte, daß Leute wie Hitler und Farrakhan hier und da grundsätzlich Recht haben – im Rahmen der allgemeinen Schweinerei, für die sie ansonsten stehen.
Nochmal für die Blöden: Würde ich hier über Hitler und Hubbard herziehen als die Bösesten des Bösen, wäre das ebenso, als schrie ich, der Himmel sei blau. Es wäre vollkommen überflüssig! Wichtig ist zu fragen, warum Hitler und Hubbard diese verhängnisvolle Macht über so viele Menschen gewinnen konnten. Hitler hat faszinierend, weil er das angriff, was die Menschen aus ihrem Kern heraus hassen, weil es ihr Leben zerstört: die Politik, den Staat und daß man nicht seiner Biologie gemäß leben kann. Bei Hubbard liegt das Faszinosum darin, daß er einen Weg zu den Traumen wies, die das Leben der Menschen überschatten. In Reichschen Begriffen: sie waren Wahrheits- und Freiheitskrämer.