Posts Tagged ‘soziale Destruktivität’

Die Wirkungsweise der emotionalen Pest (Teil 4)

15. Januar 2019

von Paul Mathews, M.A.

9. Die emotionale Pest vermittelt ein besonderes „Gefühl“ oder hat einen besonderen „Geruch“. So wie der einfache Neurotiker seine Symptome als ich-fremd erlebt, so erlebt auch der gesündere und anständigere Mensch die Anwesenheit und Aktivität der Pest als Störung in der Atmosphäre. Hier kommen die orgonotischen Sinne ins Spiel und die Stimmung und der Geruch einer Situation werden deutlich. Shakespeare sagte es prägnant in Hamlet: „Es ist etwas faul im Staate Dänemark.“ Man kann ein gut funktionierendes und kooperatives Verhältnis zu einer Arbeitsgruppe haben und doch plötzlich das Gefühl haben, dass etwas schief gelaufen ist. Modju hat die Szene betreten. Es gibt Uneinigkeit und Zwietracht, Chaos, Verwirrung und sogar Lähmung. Die Atmosphäre ist schwer und DOR-artig. Es herrscht tatsächlich eine übelriechende Atmosphäre und ein Gefühl der Hilflosigkeit. Sobald die Quelle ans Licht gebracht und entfernt wurde, klärt sich die Atmosphäre und das harmonische Funktionieren kehrt zurück. Dies ist ein energetisches Phänomen, ganz abgesehen von normalen Meinungsverschiedenheiten in Beziehungen, die sich durch gegenseitigen Respekt und Höflichkeit und durch die Unterordnung unter einer Aufgabe, was auch immer sie sein mag, auszeichnen. Als Hochschullehrer eines Kurses über Leben und Werk von Wilhelm Reich bin ich oft auf Unterschiede zwischen rationalen, ernsthaften Meinungsverschiedenheiten (mit der Absicht des Verstehens) und der Aktivität der emotionalen Pest, die verwirrend und hemmend wirkt, gestoßen. Häufig wird die letztere Art von Aktivität durch das Vortäuschen von Interesse an einem Aspekt (normalerweise politisch) von Reichs Arbeit charakterisiert, der nicht ausreichend ausgebreitet wurde oder der in einer Weise präsentiert wurde, die nicht mit der Ideologie der protestierenden Studenten übereinstimmte.8

10. Die emotionale Pest provoziert bewusst die unkontrollierte Freisetzung von sekundären Trieben. Dies ist teilweise motiviert als Instrument allgemeiner sozialer Destruktivität, teils als Instrument der direkten oder stellvertretenden Freisetzung um ihrer selbst willen. Da emotionale Pest-Individuen ein hohes Energieniveau, ebenso aber eine geringe Kapazität für die natürliche Freisetzung dieser Energie haben, suchen sie ständig nach Ersatz- und pathologischen Wegen, um sie freizusetzen. Das Schüren der sozialen Destruktivität unter irgendeinem Vorwand (in der Regel etwas, was im Interesse der Menschheit zu sein scheint) verschafft der Pest eine bequeme Tarnung für ihre wahren Motive. Die emotionale Pest wird sich mit verschiedenen anderen Pesterscheinungen, wie z.B. einer „Volksfront“ gegen Freiheit und Leben – oft im Namen von Freiheit und Leben – koordinieren. Dies kann entweder durch direkte, aktive Teilnahme oder durch passive Duldung geschehen. Der liberale Charakter ist besonders schuldig an den letztgenannten Erscheinungen.9 Reich erklärt:

Und der pestinfizierte Schädling erhält Rückendeckung durch die Prinzipien eines falsch verstandenen Liberalismus, der auf unbewusster Sympathie [kursiv von mir – P.M.] mit der Pest oder auf der Angst vor ihr basiert. . . . Wieder einmal zeigt der Kleine Mann Bewunderung für die Gerissenheit und Schlagkraft der Pest, die mit starker Hand die Bedeutung des wahren Liberalismus zu der unsinnigen Forderung verkehrt hat, wir müssten Mörder und Diebe und Gestalten, die uns nach dem Leben trachten, des nachts um unser Haus schleichen lassen, ohne ihnen mit der Waffe entgegenzutreten (3, S. 186)p.

11. In seinem Artikel „Truth Versus Modju“ (4) beschreibt Reich die Methode, mit der die emotionale Pest bzw. der „pestilente“ Charakter als Zünder fungiert, um ähnliche Potentiale und Reaktionen bei anderen zur Explosion zu bringen. Zu diesen anderen gehören die breite Öffentlichkeit, der Staatsdiener und sogar das vorgesehene Opfer selbst, die auf bestimmte Weise auf den Pestangriff reagieren und ihn eigentlich unterstützen. Wesentlicher Bestandteil ist hier eine Form der Unbeweglichkeit bzw. Duldung, die rationalisiert wird, um sich nicht mit dem Schmutz der Pest zu verunreinigen. Eine solche Haltung kann für die Mächte des Bösen sehr hilfreich sein, denn es gibt nichts, was sie mehr fürchten, als dem Tageslicht ausgesetzt zu sein. So harsch es klingen mag, diese Haltung des Pestopfers ist des Opfers eigene Pest bei der Arbeit. Dr. Reich hat es so erklärt:

Der Feind ist mitten unter uns. . . . Der Feind ist eure heimliche Sympathie für den Mörder des Lebens; eine Sympathie, die auf eurer Angst vor tiefer Trauer und ausgelassener Freude basiert. . . . Aus diesem Grunde schützt ihr die Pest und faselt von der Liebe zu eurem Nächsten (3, S. 187-188)q.

 

Fußnoten

8 Vgl. „Attack by the Radical Left“ von John Bell, Journal of Orgonomy, Jg. 8, Nr. 1, Mai 1974.

9 Vgl. Artikel von Paul Mathews in Jahrgang 1, Jahrgang 4, Nr. 1 und Jahrgang 8, Nr. 2 des Journal of Orgonomy, die sich mit liberaler Charakterologie befassen und Kapitel 13 von Man in the Trap von Elsworth F. Baker (7).

 

Anmerkungen des Übersetzers

p Christusmord, Zweitausendeins, S. 312f.

q Christusmord, Zweitausendeins, S. 314f.

 

Literatur

3. Reich, W.: The Murder of Christ. Orgone Institute Press, 1953

4. Reich, W.: „Truth Versus Modju“, Orgone Energy Bulletin, 4:162-170, 1952

7. Baker, E.F.: Man in the Trap. New York: Macmillan Co., 1967

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 9 (1975), Nr. 2, S. 206-218.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Die Wirkungsweise der emotionalen Pest (Teil 3)

13. Januar 2019

von Paul Mathews, M.A.

6. Das emotionale-Pest-Individuum ist sadistisch und pornographisch (1, S. 260)j; es leidet gleichzeitig an sexueller Lüsternheit und sadistischem Moralismus.3 Die Lüsternheit ist auf die übermäßige Menge an aufgestauter Energie zurückzuführen und der Moralismus ist der Versuch, damit fertig zu werden, indem er den natürlichen sexuellen Ausdruck bei anderen einschränkt. Das von der Pest heimgesuchte Individuum kann diesen dichotomen Aspekt seiner Charakterstruktur in einer der beiden Weisen ausdrücken. Der eine wird offen moralistisch und heimlich pervers sein; der andere offen pornografisch und unbewusst moralistisch. Die sadistischen Aspekte von pornographischem Material sind merkwürdigerweise Ausdrücke des verdrängten und sadistischen Moralismus. Auf diese Weise sagt der Pornograf: „Das ist, was ich dir für deine Sexualität gerne antun würde!“ Die einzige Sache, die alle Pornographie vermeidet, ist der Ausdruck und die Darstellung von natürlicher Zärtlichkeit und Liebe. Das liegt daran, dass die Liebe unerträgliche Gefühle weckt, die die Spannung und Angst steigern, während der Sadomasochismus temporäre, wenn auch unergiebige, kleine Entladungen erlaubt. Solche prägenitalen Entladungsmodi erzeugen stets mehr Spannung als sie auflösen. Auf die Dauer erhöht die ständige kumulative Frustration die Pathologie und die biopathische Symptomatik. Dies führt wiederum zu Verzweiflung und zur Suche nach wechselnden anormalen Entladungen durch soziale Destruktivität, pharmakologische Sedierung usw. Reich erklärt (zum genitalen Charakter): „(…) Freude am Miterleben des Liebesglücks anderer ist ihm eine strukturelle Selbstverständlichkeit; ebenso Indifferenz gegenüber Perversionen und Abscheu gegen Pornographie“ (1, S. 259) k.

7. „Wir werden sofort sehen, dass es gerade die wichtigsten Lebensgebiete sind, auf denen sich die Pest betätigt: Mystizismus in seiner destruktiven Form; passive und aktive Autoritätssucht; Moralismus; Biopathien des Lebensnervensystems; parteiliches Politikantentum; die familiäre Pest (‚Familitis‘); sadistische Erziehungsmethoden, masochistische Duldung solcher Erziehungsmethoden oder kriminelle Rebellion dagegen [kursiv hinzugefügt]; Tratsch und Diffamierung; autoritärer Bürokratismus; imperialistische Kriegsideologie; alles, was unter den amerikanischen Begriff ‚Racket‘l fällt; kriminelle Antisozialität; Pornographie; Geldwucher, Rassenhass“ (1, S. 252)m. Dieser Abschnitt spricht für sich selbst, aber um ihn zu aktualisieren, möchte ich speziell die Manifestationen der Pest anfügen in so wichtigen Bereichen wie: den Medien4n, sowohl Nachrichten als auch Unterhaltung; dem kontaktlosen Bildungssystem; mechanistischen Experimenten; der liberalen linken Ideologie; und den Leitungsgremien aller Nationen; einschließlich in letzter Zeit die der USA, in denen ein starker Trend zur Beschwichtigung und Anpassung an die Roten Faschisten in vielen Bereichen zu beobachten war, von sogenannten Entspannungstendenzen bis zu Weizenverkäufen, Annäherung an Kuba, der Aufgabe von Freunden und loyalen Verbündeten usw.5 Der Nobelpreisträger Alexander I. Solschenizyn, der die Übel des Roten Faschismus sowohl in Stalins Gulag als auch unter Breschnew, dem heutigen Land der „Entspannung“, persönlich erlebt hat, hat den Westen und insbesondere die USA vor Verständigung mit den Roten gewarnt. In einer Rede auf dem Kongress des AFL-CIO in Washington, D.C., sagte er am 30. Juni 1975:

Sie müssen die Natur des Kommunismus verstehen, alle Lehren Lenins lauten, dass jeder ein Narr ist, der nicht nimmt, was vor ihm liegt. Wenn du es nehmen kannst, nimm es. Wenn Du angreifen kannst, greif an. Aber wenn es eine Mauer gibt, dann geh zurück. Und die kommunistischen Führer respektieren nur Entschlossenheit und verachten und lachen über die Menschen, die ihnen ständig nachgeben. . . . Und ich rufe euch gewöhnliche Arbeiter Amerikas auf . . . werdet nicht weichlich. Lasst euch nicht in die falsche Richtung führen. Lasst uns den Prozess der Zugeständnisse verlangsamen und den Prozess der Befreiung unterstützen.

Des weiteren warnte Solschenizyn den Westen bei einem Dinner des AFL-CIO in New York vor der zunehmenden militärischen Überlegenheit der Sowjetunion, unterstützt durch die amerikanische Handelspolitik.6 Er zeigte seine Fähigkeit zum funktionellen Denken und erklärte: „Die Amerikaner beobachten das Spielfeld sehr genau, sind aber so sehr mit abstrakten Strategien beschäftigt, dass sie nicht zu bemerken scheinen, dass ihre Bauern alle genommen wurden, ihre Springer in Gefahr sind und das Spiel fast vorbei ist.“

Er sagte weiter, dass die Amerikaner nicht in das Gesicht7o des Gegners blicken – „das Gesicht eines Mörders“, wie er es ausdrückte; und wir nicht verstehen, dass, wenn der Gegner in Gefahr ist zu verlieren, „er eine Axt herausnehmen und die Angelegenheit regeln wird“. „Ist es möglich oder unmöglich“, fragte er, „die Erfahrung derer, die gelitten haben, an diejenigen weiterzugeben, die nicht gelitten haben?“ „Ist es möglich“, fuhr er fort, „irgendjemanden vor drohender Gefahr zu warnen? . . . Aber diese stolzen Wolkenkratzer stehen und sie glauben weiterhin, dass es hier nicht passieren wird. Nur wenn es ihnen zustößt, werden sie wissen, dass es wahr ist.“

 

Fußnoten

3 Moralismus bezieht sich in diesem Zusammenhang auf das, was Reich Zwangsmoral nannte und ist nicht mit sexuellem Ethos zu verwechseln, der ein natürlicher Bestandteil eines gesunden Sexualverhaltens ist.

4 Ich empfehle die Durchsicht vergangener Ausgaben des AIM Report (Accuracy in Media, Inc.; 777 14th Street, N.W., Suite 427, Washington, D.C. 20005), insbesondere die Ausgabe vom April 1975, in der es um Medienverzerrungen geht, die den Roten Faschismus in Südostasien und anderswo begünstigen; und den Artikel mit dem Titel „The Strange Case of Kim Il Sung’s Ad“ in der Ausgabe vom Juli 1975 (der auch als Anzeige in der New York Times veröffentlicht wurde) über bestimmte Inkonsistenzen in der Werberichtlinie der Time, wenn es um die Förderung der rotfaschistischen Propaganda geht.

5 Die kommunistische theoretische Zeitschrift Political Affairs forderte in ihrer Ausgabe vom Juni 1975, dass kommunistische Kongressabgeordnete hinter ihren Masken der Demokratischen und Republikanischen Partei hervortreten und als offene Kommunisten in der Legislative fungieren sollten. Dies war ein Bericht über eine Rede von Generalsekretär Gus Hall von der Kommunistischen Partei der USA, ein mutiges und offenes Eingeständnis der KP und ein Hinweis darauf, wie günstig sie das gegenwärtige politische Klima für ihre Interessen empfinden.

6 Eine UPI-Meldung aus London, die in der New York Daily News vom 21. August 1975 veröffentlicht wurde, berichtet: „Die Sowjetunion hat in den letzten 10 Jahren 50% mehr als die USA für den Marineschiffbau ausgegeben und die noch wachsende russische Flotte kann nur für aggressive Aktionen bestimmt sein, so das maßgebliche Nachschlagewerk Jane‘s Fighting Ships.“ Die New York Times vom 10. August 1975 berichtet auch, dass Rotchina eine „Großmacht-Marine“ aufgebaut hat. Siehe auch aktuelle Ausgaben von Intelligence Digest, veröffentlicht von Intelligence International, Ltd. 17 Rodney Road, Cheltenham, Glocestershire, England.

7 Beachten Sie, wie funktionell Solschenizyn hier ist und sich an Reichs Diktum in Murder of Christ (3, S. 187) anlehnt: „. . . in den Gesichtern lesen und zwischen dem Ausdruck eines Halunken und dem einer ehrlichen Seele unterscheiden.“

 

Anmerkungen des Übersetzers

j Charakteranalyse, Kiepenheuer & Witsch 1989, S. 343/44.
„(…) er kann strukturell nicht anders als pornographisch-lüstern und sadistisch-moralisch zugleich sein.“

k Charakteranalyse, Kiepenheuer & Witsch 1989, S. 342.
Der deutsche Text ist länger, deswegen hier nach der englischen Übersetzung gekürzt.

l Klamauk, Getöse, Lärm, Krawall, Krach, Gaunerei, Schwindelgeschäft, Rabatz, Gedudel, Spektakel, Betrügerei, Radau, Rummel, unlauteres Unternehmen.

m Charakteranalyse, Kiepenheuer & Witsch 1989, S. 335.
[Kursiv von Mathews.]

n AIM Report der Fußnote 4: https://aim.org/publications/aim_report/1975/75_04_4.html

o Christusmord, Zweitausendeins, S. 314.

Literatur

1. Reich, W.: Character Analysis. New York: Orgone Institute Press, 1949
Paperback edition, Noonday Press, New York

3. Reich, W.: The Murder of Christ. Orgone Institute Press, 1953

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 9 (1975), Nr. 2, S. 206-218.
Übersetzt von Robert (Berlin)