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Der linke Reich: Die Schwarzen haben Amerika aufgebaut, die Türken Deutschland wiederaufgebaut und den Arbeitern sollte das gehören, was sie produziert haben
13. November 2021Reich ging es stets, wie eine Kapitelüberschrift in Was ist Klassenbewußtsein? lautet, um die „Inbesitznahme des eigenen Besitzes“. In Amerika fragte er sich, warum die Arbeiter nicht selbst die Herrschaft über die Produktionsmittel übernehmen, was über das Aktienrecht durchaus möglich gewesen wäre. Er schrieb das ihrer „Freiheitsunfähigkeit“ zu, ihrer biophysischen Panzerung, die sie zum „Sitzen“ zwingt. Zwanzig Jahre zuvor hatte er dies noch ihrem mangelnden „Bewußtsein“ zugeschrieben, also einer weit einfacher zu handhabenden Störung. Davon abgesehen hat er seine Meinung aber nie grundlegend geändert. So schrieb er 1934:
Es ist klar, daß es keine Führung je geben kann, die alles überblicken und dirigieren könnte, was das gesellschaftliche Leben an zu bewältigenden Problemen und Aufgaben hervorbringt. Das bringt nur die bürgerliche Diktatur zustande, weil sie die Bedürfnisse der Massen nicht in Rechnung stellt, weil sie gerade auf der scheinbaren Bedürfnislosigkeit der Masse und auf deren politischer Stumpfheit ruht. Im heutigen kapitalistischen System ist die Arbeit längst vergesellschaftet, nur die Aneignung der Produkte ist eine private des Unternehmers.
Die soziale Revolution will etwa die Großbetriebe sozialisieren, das heißt, sie der Selbstverwaltung der Arbeiter dieser Betriebe übergeben. Wir wissen wie schwer die Sowjetunion im Anfang und auch heute mit dieser Selbstverwaltung zu ringen hat. Die revolutionäre Arbeit in den Betrieben kann nur erfolgreich sein, wenn sie das Interesse des Arbeiters für den Betrieb weckt, als sachliches Interesse an der Produktion, und an diesem Interesse ansetzt. Der Arbeiter hat aber kein Interesse am Betrieb als solchem, schon gar nicht am Betrieb in seiner heutigen Form. Ihn revolutionäres Interesse am Betrieb schon heute zu gewinnen, muß er diesen sich schon jetzt im Kapitalismus als ihm selbst gehörig zunächst vorstellen. In den Belegschaften muß das Bewußtsein geweckt werden, daß der Betrieb und seine Führung auf Grund ihrer Arbeit ihnen und nur ihnen zusteht; daß dieses Recht, das derzeit der Kapitalist für sich in Anspruch nimmt, mit vielen Pflichten verbunden ist, daß man über Betriebslenkung, Betriebsorganisation etc. Bescheid wissen muß, wenn man sein eigentlicher Herr ist. Es muß klar in der Propaganda zum Ausdruck kommen, daß der eigentliche Herr des Betriebes nicht der gegenwärtige Besitzer des Kapitals und der Produktionsmittel, sondern die Arbeiterschaft ist. Es ist massenpsychologisch ein großer Unterschied, ob wir sagen: „Wir enteignen den Großkapitalisten“, oder ob wir sagen: „Wir nehmen unser Eigentum in unseren rechtmäßigen Besitz“. Im ersten Falle reagiert der durchschnittliche unpolitische oder politisch verbildete Industriearbeiter auf die Enteignungsparole mit einem Schuldgefühl und einer Hemmung, als ob er sich fremden Besitz aneignete. Im zweiten Falle wird er sich seiner, auf Grund seiner Arbeit, gesetzmäßigen Eigentümerschaft bewußt, und die bürgerliche Ideologie von der „Unantastbarkeit des Privateigentums“ an den Produktionsmitteln verliert ihre Gewalt über die Massen. Denn nicht, daß die herrschende Klasse eine derartige Ideologie verbreitet und verteidigt, ist das Problem, sondern daß und weshalb die Masse davon ergriffen wird und sie bejaht.
Sollte es eine revolutionäre Organisation nicht Zustandebringen, der Belegschaft der Betriebe beizubringen, daß sie die rechtmäßige Herrin ist und sich schon jetzt um ihre Aufgaben zu kümmern hat? So wie sich die kleinbürgerlichen Kaufmannsfrauen und die Arbeiterinnen in den Sex-Pol-Gruppen darüber eingehend klar zu werden versuchten, wie man eigentlich die Erziehung der Kinder am besten gestalten, die Hausarbeit am praktischsten einrichten könnte, ob es nicht vorteilhafter sei, in einem Wohnblock eine kollektive Küche einzurichten, so können, werden und müssen die Belegschaften schon jetzt die Vorbereitung für die Übernahme der Betriebe treffen. Sie müssen ganz aus Eignem überlegen, sich schulen, verstehen, was alles notwendig ist und wie es am besten einzurichten wäre. (…) Der realen Übernahme der Macht in den Betrieben durch die Belegschaften muß die ideelle Übernahme der Macht durch konkrete Vorbereitung vorangehen. (…) Dies und nur dies heißt „Weckung des Klassenbewußtseins“. Die revolutionäre Parteiführung hat keine andere Aufgabe und kann keine andere haben, als diesen Vorstufen der revolutionären sozialen Demokratie nach der Machtergreifung zur restlosen Klarheit zu verhelfen, die Vorbereitungen zu lenken, mit dem größeren Wissen nachzuhelfen. Derart in die konkrete Arbeit einbezogen, wird jeder Arbeiter sich als eigentlicher Herr des Betriebs fühlen und den Unternehmer nicht mehr als Lohngeber, sondern als Ausbeuter seiner Arbeitskraft empfinden. (…) Er wird kämpfen für eigene Interessen, mehr, er wird lendenlahmen Führungen den Streik aufzwingen und sie beseitigen, wenn sie versagen. Die revolutionäre Propaganda war im wesentlichen nur eine negative Kritik; sie muß es lernen, außerdem aufbauend, vorbereitend, positiv zu sein. (Was ist Klassenbewußtsein? S. 63f)
Es ist offensichtlich, daß bereits angesichts dieser Aussagen Reichs der später im Rahmen des Konzepts „Arbeitsdemokratie“ geprägter Begriff „Fachbewußtsein“ weitaus passender ist, als der Begriff „Klassenbewußtsein“. Was sich bei Reich vollends grundlegend geändert hatte, ist die Stellung zum „Klassenkampf“.
Die Linke heute, Faschisten der allerübelsten Sorte, versuchen ständig das Ressentiment „der Unterdrückten“ zu wecken, etwa indem sie behaupten, Amerika wären von den Schwarzen und Deutschland von den Türken aufgebaut worden. Bereits Mitte der 1940er Jahre hielt Reich diesem Propagandatopos entgegen:
Nichts bist du, kleiner Mann, gar nichts! Nicht du hast diese Zivilisation erbaut, sondern einige wenige deiner anständigen Herren. Du weißt ja gar nicht, was du baust, wenn du am Baugerüst stehst. Und wenn ich oder sonstwer dir sagte: „Nimm Verantwortung für den Bau“, schimpfst du mich „Verräter am Proletariat“ und rennst hinter dem Vater aller Proletarier her, der solches nicht sagt. (Rede an den kleinen Mann, S. 85)
Reich hat nichts, rein gar nichts mit den „Klassenkämpfern“ seiner Zeit, den damaligen „Befreiern des Proletariats“ zu tun, da das ganze auf Lüge und kitschiger, moralistischer Propaganda beruhte.
Anfang der 1930er Jahre beurteilte Reich das politische Geschehen nach der Fragestellung, ob der jeweilige Vorgang in „Richtung der reaktionären oder der revolutionären Entwicklung“ weist und was dabei „in den verschiedenen Schichten der Masse (vorgeht)“:
Was in ihr ist für und was ist gegen uns? Wie erlebt die breite unpolitische oder verbildete Masse die politischen Ereignisse? Wie erlebt und empfindet die Masse die revolutionäre Bewegung?
Jedes Ereignis ist widerspruchsvoll, enthält Elemente für und gegen die Revolution; Voraussehen ist nur möglich: a) durch Erfassung der Widersprüche, b) durch Aufstellung der möglichen Varianten der Entwicklung, (z.B. reaktionäre und revolutionäre Elemente im Faschismus).
Der gesellschaftliche Prozeß enthält gleichzeitig vorwärtsdrängende und zurückhaltende oder rückwärtsdrängende Kräfte; revolutionäre Arbeit ist das Erfassen beider und das Vorwärtstreiben der revolutionären Tendenzen (z.B. Hitlerjugend: sexuelle Freiheit ist vorwärts, Autoritätsgläubigkeit rückwärtsdrängende Kraft). (Was ist Klassenbewußtsein? S. 66)
Es ist offensichtlich, daß diese Fragen weitaus besser und fruchtbringender in einem vollständig anderen Bezugsrahmen als der Marxistischen „Klassenanalyse“ beantwortet werden können, nämlich in dem Dreischichten-Modell der menschlichen Charakterstruktur, wie Reich es ein Jahrzehnt nach Was ist Klassenbewußtsein? in der Neufassung von Die Massenpsychologie des Faschismus vorstellen sollte.
Paul Mathews: Besprechung THE FREUDIAN LEFT von Paul A. Robinson
31. Oktober 2021DIE SITUATIONISTISCHE INTERNATIONALE: Wilhelm Reich kontra die Situationisten (Teil 7)
8. Oktober 2021von Jim Martin
ORGONOMIE
Diese Forschungsmethode führte Reich zur Frage der biologischen Energie. Gab es eine sich vom Elektromagnetismus unterscheidende, spezifisch biologische Energie, die nachvollziehbaren Gesetzen folgt, welche alles Lebendige steuern? Es waren diese Fragen, denen Reich weiter nachging, als er aus Norwegen vertrieben wurde und in die Vereinigten Staaten emigrierte.
Es sprengt den Rahmen dieses Artikels, den ganzen Umfang der Entdeckungen zu vermitteln, auf die Reich seit den Anfängen seiner neuen Wissenschaft, der Orgonomie, stieß. Es genügt der Hinweis, daß linke Meinungsführer ausrasten, wenn du das Orgon zur Sprache bringst.
Auch die Situationisten versuchten, sich der Kluft zwischen Ideologie und funktionellem Denken zuzuwenden. Obwohl sie von vielen Ideen Reichs abhingen (z.B. die entscheidende Bedeutung die der subjektiven Entfremdung der werktätigen Menschen zugesprochen wird im Vergleich mit der Entfremdung vom Mehrwert beim Vulgärmarxismus), scheint es, daß sie nur Reichs Arbeit aus seinen Prä-USA-Tagen lasen. Diese Werke, die größtenteils für das Milieu, von dem Reich ein Teil war, geschrieben wurden, fehlt es an der Einsicht, die Reich später für Modju*, den Roten Faschisten und den liberalen Verräter (recuperator) entwickelte. Reichs amerikanische Schriften sind in diesen Fragen so kompromißlos, daß es für den durchschnittlichen Linken fast unmöglich ist, über die ersten paar Seiten eines seiner Bücher hinauszukommen, ohne es voll Abscheu wegzuschleudern. Zu dieser Schwierigkeit kommt die Tatsache hinzu, daß Reich nach seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten damit anfing, seine Bücher in vollkommen überarbeiteten englischen Auflagen neu herauszugeben, in denen er seine frühere Arbeit umformuliert, um seine vormalige Stellung als Marxist richtigzustellen. Die Europäer haben ihren Reich und wir haben unseren.
Eine der auffallendsten Unterschiede zwischen amerikanischen und europäischen Interpreten von Reichs Leben und Werk ist die Art und Weise, in der sie jeweils seine späte Periode betrachten, die von seinem Exil in den Vereinigten Staaten Anfang der Vierziger Jahre bis zu seinem Tod im Gefängnis 1957 reicht. In Amerika brachte Reich sich selbst Englisch bei und wich in zweifacher Hinsicht von seiner frühen Arbeit ab: er widmete der Naturforschung mehr Zeit und Energie, gipfelnd in der Entdeckung der Orgonenergie und seiner neuen Wissenschaft, der Orgonomie; und er schrieb seine früheren Schriften um und brachte sie mit einer kritischen Zurückweisung seines vorherigen Marxistischen Glaubens an die Revolution neu heraus. Zusammengenommen machen diese beiden Merkmale von Reichs späterer Arbeit ihn zu einer unverständlichen Gestalt für Europäer, die mit einer Kost aus reiner Sexualökonomie aufgewachsen sind.
Demnach sprechen europäische Pro-Situs liebevoll vom jungen Reich, während Amerikaner, die an Reich interessiert sind, von jenen dominiert werden, die an Maschinen für freie Energie und an universalen Allheilmitteln interessiert sind: Ideen über geheime Macht und die Macht geheimer Ideen. Robert Anton Wilson und William S. Burroughs sind Vertreter der amerikanischen Annäherung an Reich. Burroughs war von der Arbeit von Orgonomen fasziniert, die in den Vierziger Jahren mit Reich in New York City zusammenarbeiteten. Er besaß einen Orgonakkumulator und benutzte ihn. Seine Schriften gegen zentralisierte Behördenmacht greifen häufig auf Reichs Gleichsetzung von Kommunismus und Krebs zurück. Robert Anton Wilson ist ein Beispiel für das, was Judi Bari** als California woo-woo bezeichnet hat, ein spiritualistischer Eklektizismus. Hier ist das Orgon eine weitere Kuriosität im kosmischen Ramschladen.
Für jemanden, der zu Reichs Arbeit vom selben eurozentrischen Standpunkt kam wie die Situationisten, schien Reichs Massenpsychologie des Faschismus das Rätsel zu lösen, mit dem die Situationisten nicht fertig wurden: Warum war ihre dialektische Vorhersage, daß subjektiv unerträgliche Zustände zum allgemeinen Aufstand führen müßten, nicht eingetreten? Es war Reichs Kernpunkt, daß der Faschismus nicht eine einzelne Partei oder Bewegung war, sondern eine Gefühlslage. Es ist die Prämisse dieses Artikels, daß alles, worauf die Situationisten ihre Theorien begründeten, von Reich mehr als 30 Jahre früher erdacht worden war; und daß Reichs späte Periode sowohl wegen ihres provozierenden Wagemuts, als auch wegen ihrer praktischen Anwendbarkeit die situationistische Theorie weit überflügelt. Von besonderer Bedeutung war seine Unterstreichung der Neurosenprophylaxe durch den Schutz der Kinder vor der sexuellen Zwangsmoral, seine Entwicklung einer ganzen Reihe von Werkzeugen, die dem Schutz des Lebens dienen (der Orgonakkumulator, der Cloudbuster und die Orgontherapie) und seine Identifizierung der Rolle, die die Emotionelle Pest im menschlichen Elend spielt.
Nochmals, ich war so wie jeder andere auch von Reichs später Periode und seinem Wahn von einer biologischen Energie, die man Orgon nennt, entsetzt. Jedoch verdeutlicht Reichs Überarbeitung seiner frühen Bücher, daß er seine gesamte Arbeit, einschließlich seiner falschen Wendung nach links, als eine Ganzheit betrachtete. Versuche, irgendein Element zu entfernen, und es wird alles auseinanderfallen. Wenn es kein Orgon gibt, gibt es keine Libido, folglich keine Psychoanalyse. Wenn es keine Psychoanalyse gibt, ist es sinnlos über die emotionalen Grundlagen des Faschismus zu spekulieren. So schien es mir, daß jedes richtige Verständnis von Reichs Arbeit eine direkte Überprüfung der Versuche beinhalten müsse, die Reich in seinen späteren Büchern beschrieben hat, z.B. das To-T-Experiment, wo Reich eine positive Temperaturdifferenz zwischen der Luft in einem Orgonakkumulator und der Umgebungsluft behauptet. Durch einen Nachvollzug vergewisserte ich mich zu meiner eignen Zufriedenheit, daß die Hauptpunkte von Reichs orgonomischen Befunden unabhängig verifizierbar sind. Es übersteigt den Rahmen dieses Artikels, Beweisführungen für die Existenz der Orgonenergie zu bieten; tatsächlich haben sich auf diesem Gebiet zu viele auf Schriftdeutungen beschränkt, die an die theologischen Dispute des Mittelalters erinnern. Der einzige Weg die Erscheinungen zu verstehen, besteht darin, es mit dem Experimentieren selbst zu versuchen. Darf ich sagen, daß dies dialektisch ist? Wissenschaft ist zur Religion der Gegenwart geworden; es ist Zeit, die Bibel in die Volkssprache zu übersetzen.
Ich bin kein Physiker, doch es scheint mir, wenn ich vom in der High School gelernten ausgehe und meinem gesunden Menschenverstand folge, daß, wenn du eine Kiste baust und in deiner Garage stehen läßt, sie sich der Temperatur der Garage angleichen müßte. Sollte sie konstant wärmer als die Temperatur der Garage sein, kann man sich fragen, woher diese Wärme kommt. Ich habe Leute nach einer Erklärung gefragt, von denen ich wußte, daß sie in der Wissenschaft tätig sind, insbesondere progressive Wissenschaftler, die sich mit Solarenergie beschäftigen, doch beim Gedanken an das Orgon laufen sie vor Wut rot an. Für jeden, der an einer Einführung in die experimentellen Grundlagen interessiert ist, mit denen Reich die Existenz einer biologischen Energie demonstrierte, ist James DeMeos Das Orgonakkumulator-Handbuch das einzige erhältliche Buch, das sich direkt damit auseinandersetzt.
lch glaube, daß in Reichs späteren Schriften der unangenehmste Bestandtell, den Progressive zu verdauen haben, sein Wettern gegen den Roten Faschismus und die Emotionelle Pest ist. (Obwohl sie es niemals unterlassen die augenscheinliche Absurdität der Orgonenergie zu behaupten, verstecken sie sich nur hinter dieser Behauptung, um die Aufdeckung ihres wahren Charakters zu verhindern.) Seit Die Massenpsychologie des Faschismus zeigte Reich, daß der Nazismus (Schwarzer Faschismus) und Stalinismus (Roter Faschismus) funktionelle Entsprechungen darstellten. Wie die Anarchisten stellte er den Autoritarismus beider fest. Im Gegensatz zu jedem anderen politischen Autor konnte Reich jedoch auf seine jahrelange Erfahrung als in den Elendsvierteln Deutschlands unentgeltlich arbeitender Psychoanalytiker zurückgreifen, um den emotionalen Unterbau des Roten und Schwarzen Faschismus aufzudecken. Er fand heraus, daß die autoritäre, sexualverneinende und patriarchale Familie die Art von unempfindlich gemachten und erstarrten Erwachsenen reproduziert, die nötig sind, um die mechanische und banalisierte Arbeit im industriellen Kapitalismus auszuführen. Die Emotionelle Pest, bzw. die organisierte Unterdrückung des Lebens, verkörperte die Massenpsychologie des Faschismus. In seinen späteren Jahren sah Reich die Linke als bedrohlicher an als die Rechte und tatsächlich war es ein Artikel im linken The New Republic, der seine Verfolgung und Verhaftung heraufbeschwor, was in der Verbrennung seiner Bücher und Forschungsausrüstung gipfelte. Für einen Progressiven, der nicht willens ist, dem faschistischen Kleinen Mann entgegenzutreten, der in ihm selbst wohnt, ist das Lesen von Reichs Büchern kaum zu ertragen.
Zur Zeit seiner Niederlassung in Amerika war Reich schon lange von der Kommunistischen Partei und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen worden, weil er nach einem Weg gesucht hatte, wie die beiden einander behilflich sein könnten, das menschliche Elend zu beenden. Hier erkannte er die Schwierigkeiten einer politischen Veränderung. Reich war tiefer in die sozialistische Politik verwickelt, als man derzeit in diesem Land annimmt. Leute, die in Ost- und Westdeutschland in der Orgonomie arbeiten, weisen auf Parteiprotokolle aus den späten Zwanziger Jahren hin, die zeigen würden, daß Reich die extremsten revolutionären Positionen dieser Zeit teilte.
Man muß dabeigewesen sein, um etwas beurteilen zu können. Viele von Reichs späteren Schriften zielen darauf ab, seine Position vor Leuten, die seine Arbeit mißbrauchen wollten (recuperators), vor Kommunistischen Mitläufern und Freiheitskrämern zu schützen. Neben einer ehrlichen Neubewertung seiner frühen Standpunkte als Marxist-Leninist, gab es das Bedürfnis, sich gegen Angriffe von christlichen Schützern der Tugendhaftigkeit der Jugend zu verteidigen, die seine Ausweisung betrieben. Es ist ihm hoch anzurechnen, daß er nie dem Opportunismus anheimfiel und bis zu seinem Tode die rationalen Bestandteile des Dialektischen Materialismus als Methode des funktionellen Denkens vertrat.
* Reichs Bezeichnung für den bösartigsten Emotionelle Pest-Charakter. Verbindet den Namen von Mocenigo, der den mittelalterlichen Wissenschaftler Giordano Bruno verfolgte, mit Stalins ursprünglichem Namen Dschugaschwili.
** Judi Bari aus Nordkalifornien, ein Aktivist von Earth First! und Organisierer von freiwilligen Hilfskräften, wurde neulich bei einem Bombenanschlag verletzt, als er für Redwood Summer in Oakland, Kalifornien tätig war.
DIE SITUATIONISTISCHE INTERNATIONALE: Wilhelm Reich kontra die Situationisten (Teil 4)
28. September 2021von Jim Martin
DIE SITUATIONISTEN (Fortsetzung)
Später erschienen in den Vereinigten Staaten Streitschriften, die versuchten, Reich von einem situationistischen Standpunkt her zu rehabilitieren. In einem anrührenden Pamphlet, das 1973 unter dem Titel Remarks on Contradiction and its Failure erschien, wertete Ken Knabb seine eigene Beteiligung in einer amerikanischen Pro-Situ-Gruppe („Contradiction“) mit Hilfe der Betrachtungsweise der Reichschen Charakteranalyse aus. Dies war Reichs neuartige Therapietechnik, die die erstarrte Rolle identifizierte, welche vom Neurotiker gespielt wurde, um ihn vom vollständigen Kontakt mit dem Leben zu schützen. Sie richtet ihr Augenmerk besonders auf den Widerstand gegen die Analyse, und bedient sich tiefer Atmung zusammen mit der körperlichen Freisetzung des muskulären Festhaltens (Charakterpanzerung), um die Gesundheit wiederherzustellen.
„Die Mitglieder von Contradiction hätten ihrer Zwangslage mutig entgegentreten können, durch das Heranziehen jener grundlegenden Taktik, die Sackgasse gerade dadurch zu verlassen, daß man sich auf den Widerstand gegen die Analyse konzentriert. Dies hätte die Aufmerksamkeit nicht nur auf die grundlegenden Fehler kollektiver Organisation gelenkt, die ich in Remarks umrissen habe, sondern auch auf unseren individuellen Widerstand, will sagen unsere Charakter… Es sei nur gesagt, daß, obwohl unbestreitbar die Praxis der Theorie individuell therapeutisch wirkt, es mir ebenso wahr zu sein scheint, daß ein Angriff auf den Charakter des Einzelnen eine gesellschaftliche Strategie ist, ein praktischer Beitrag zur internationalen revolutionären Bewegung. Der Charakter des Pro-Situ wird durch das Schauspiel objektiv verstärkt (ein Charakter tritt natürlich am meisten durch seine Unfähigkeit hervor, seine Existenz als etwas anderes als ‚Banalität‘ wahrzunehmen, bis überstarke Symptome, die vielleicht seine gesellschaftliche Praxis sichtbar behindern, ihn zwingen, seine Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken). Auf der anderen Seite, verhindert es all die Klarheit eines Artaud, der seinen Charakter isoliert angreift, nicht, daß das ‚äußere‘ Waren-Schauspiel, das er verächtlich beiseite schiebt, in seiner inneren Welt als Phantasie von fremden, bösartigen Wesen wiederkehrt, von denen er besessen ist. Wie eine Revolution in einem kleinen Land muß der Mensch, der eine Blockierung, eine eingefahrene Routine oder einen Fetisch aufbricht, aggressiv nach außen gehen, um dort radikale Alliierte zu finden oder aufzuwiegeln oder er wird das verlieren, was er gewonnen hat und seinem eigenen inneren Thermidor zum Opfer fallen. Die Auflösung des Charakters und die Auflösung des Schauspiels sind zwei Bewegungen, die einander bedingen und erfordern.“
Hier legt Knabb seinen Finger auf den Kern des Problems. Er bietet eine Neuformulierung von Reichs Kritik am charakterlichen Rebellen. Mit dieser selbstbezüglichen Analyse übertrifft er alles, was die Situationisten jemals über Pro-Situs geschrieben haben. Im Gegensatz zu den französischen Philosophen war er in der Lage, Reichs Arbeit zu verstehen.
Im selben Jahr veröffentlichte Knabb eine Breitseite, Jean-Pierre Voyers Reich: How to Use. Voyer erörtert die Auflösung des Charakters und seine Rolle bei der Auflösung des Schauspiels.
„In allen Gesellschaften, in denen die modernen Produktionsverhältnisse vorherrschen, nimmt die Unmöglichkeit zu leben die individuellen Formen des Todes, des Wahnsinns oder des Charakters an. Mit dem unerschrockenen Dr. Reich und gegen seine entsetzten kompromißlerischen und heuchlerischen Anhänger (recuperators)* und Verleumder postulieren wir die pathologische Natur aller Charakterzüge, d.h. alles Chronischen im menschlichen Verhalten. Für uns ist weder unsere individuelle Charakterstruktur, noch das Aufklären ihrer Entwicklung wichtig, sondern die Unmöglichkeit sie für die Schaffung von Situationen zu verwenden. Der Charakter ist deshalb nicht nur eine ungesunde Wucherung, die man isoliert behandeln könnte, sondern zur gleichen Zeit ein individuelles Heilmittel in einer umfassend kranken Gesellschaft, ein Heilmittel, das uns erlaubt, die Krankheit zu ertragen, während es sie gleichzeitig verschlimmert.
Wir glauben, daß die Menschen ihren Charakter nur dadurch auflösen können, daß sie sich gegen die ganze Gesellschaft stellen (dies steht insofern im Konflikt mit Reich, als er die Charakteranalyse von einem spezialisierten Gesichtspunkt aus betrachtete); während auf der anderen Seite die Funktion des Charakters in der Anpassung an die Umstände besteht, bereitet seine Auflösung eine umfassende Kritik an der Gesellschaft vor. Wir müssen diesen Teufelskreis durchbrechen.“
1975 gab in Detroit Black and Red ein Pamphlet der britischen Solidarity von Maurice Brinton neu heraus: Authoritarian Conditioning. Sexual Repression and the Irrational in Politics. Es enthält eine achtbare Darstellung von drei Büchern Reichs: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Die sexuelle Revolution und Die Massenpsychologie des Faschismus. Das erste dieser drei war eine Untersuchung über die Bedeutung der Arbeit des Anthropologen Bronislaw Malinowski für das Freilegen der kulturspezifischen Natur von Ödipuskomplex, Pathologie und Sexualunterdrückung. Die sexuelle Revolution ist hauptsächlich ein Bericht über Reichs Besuch in der Sowjetunion, der zu seiner Enttäuschung über die bolschewistische Revolution führte, welche ihre anfängliche Beseitigung des moralistischen Ehe- und Sexualrechts rückgängig gemacht hatte. Aus Die Massenpsychologie des Faschismus entnimmt Brinton Reichs Analyse „der verschiedenen Methoden, mit denen die moderne Gesellschaft ihre Sklaven so manipuliert, daß sie ihrer eigenen Versklavung zustimmen.“ Obwohl sich Brinton ziemlich tief in die Anthropologie Malinowskis eingearbeitet zu haben scheint, hat er offensichtlich einen der Hauptpunkte seiner Arbeit übersehen: die Untersuchung primitiver Ökonomien im Lichte des industriellen Kapitalismus. Eine der faszinierendsten Aspekte von Malinowkis Werk ist seine Erörterung des Geschenkaustausches; eine Ökonomie, die ohne Arbeitslohn auf Gegenseitigkeit beruhte und alle Aspekte des kulturellen Lebens durchdrang (einheitlich). Die gesamte Produktion war auf den freien Austausch von Geschenken bei Reisen zu benachbarten Klans ausgerichtet. Der Wettbewerb beruhte nicht darauf, wer am meisten bekommen, sondern wer das meiste geben konnte. Diese Art von Ökonomie wurde nur wenig berücksichtigt, obwohl eine pro-situationistische Zeitschrift vielsagend Potlatch betitelt war, was sich auf Geschenkgaben bei Primitiven bezieht.
Brintons Grundproblem ist, daß er es fast lieber gehabt hätte, wäre Reich 1936 gestorben. Bei Brinton werden wir vergeblich nach irgendeiner Erwähnung der Konzepte Roter Faschismus, Emotionelle Pest oder Orgon suchen.
* ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Zum Wort recuperator (recuperateur, „Rückholer“) schreibt Jim Martin: „ein französisches Wort, das von den Situationisten benutzt wurde, um die Fähigkeit des ‚Schauspiels‘ (bzw. Kapitalismus/Kommunismus/moderne technologische Gesellschaft) zu beschreiben, sich den Widerstand gegen das Schauspiel einzuverleiben und dienstbar zu machen.“
Schluß mit Schwurbel
8. Mai 2021So die Überschrift eines anonymen Pamphlets aus meinem Briefkasten.
Beinahe jede Woche sieht man seit vielen Monaten in Deutschland dasselbe Bild: Ohne Abstand und Masken tanzen Querdenker*innen und Schwurbler*innen mit Nazis und Reichsbürger*innen Polonaise durch die Innenstädte, sei es im letzten Sommer in Berlin oder wie zuletzt in Leipzig, Kassel und Stuttgart. Auf den Bühnen wird dabei unter großem Applaus keine Chance ausgelassen, absichtlich wissenschaftliche Fakten zu verdrehen, mit Nazis und Pädophilen zu kuscheln und den Holocaust zu relativieren. In den krudesten Verschwörungstheorien wird vor allem Antisemitismus immer wieder befeuert. Nicht selten werden auf den Demonstrationen Journalist*innen und Gegendemonstrant*innen attackiert. Die Polizei läßt sie dabei gewähren, immer wieder tauchen Fotos von Polizist*innen auf, auf denen sie Hand in Hand mit Querdenker*innen gehen. Die Gegendemonstrationen hingegen werden mit Gewalt zerschlagen, obwohl sich hier an die Hygienemaßnahmen gehalten wird.
„Nazis und Pädophile“! Das ist ein beliebtes Sujet vermeintlich „linker“ Propaganda schon zu Zeiten der Weimarer Republik: daß „die Rechten“ mit allen Arten abscheulicher Perversionen in Zusammenhang gebracht werden. Irgendwann bricht das ganze Toleranzgedöns der Linken in sich zusammen – und sie erweisen sich als dieselben ressentimentbehafteten, haßerfüllten Kleingeister wie die „Nazis“. Und, jaja. „krudeste Verschwörungstheorien und Antisemitismus“… Und das von Leuten, die die Wirklichkeit auf den Kopf stellen, denn die Gewalt auf den besagten Demonstrationen geht immer von der „Anti“fa aus, die so die Bilder für die Propagandisten dieses Unrechtsregimes fabrizieren und nicht zuletzt den Schergen des Regimes die Rechtfertigung liefern, auf harmlose Bürger einzuprügeln, als wären wir in Weißrußland. – In diesem bösartigen Pamphlet wird wirklich alles auf den Kopf gestellt.
Auch in Hamburg gab es mehrfach größere Demonstrationen, auf denen sich dieses Bild gezeigt hat. Von rechten und rechtsextremen Parteien und Gruppierungen hat man schon von Anfang an ein großes Interesse an der sogenannten „Querdenken-Bewegung“ beobachten können. Dabei beteiligen sie sich aktiv an Demonstrationen und übernehmen Themen und Parolen. NPD, AfD und auch gewaltbereite Bruderschaften sehen in der Bewegung ein großes Mobilisierungspotential für sich und versuchen dadurch massiv neue Wähler*innen und Mitstreiter*innen zu gewinnen.
Als wären unser Pamphletisten beim sogenannten „Verfassungsschutz“ (Staatsschutz), wird mittels konstruierter Kontaktschuld und Gleichsetzen von Gruppen (bzw. „Gruppen“), die nichts miteinander zu schaffen haben, die Rechtfertigung für den Entzug aller Bürgerrechte fabriziert, letztendlich des Lebensrechts selbst. Wenn du dein demokratisches Demonstrationsrecht wahrnimmst und dir eine andere Meinung als die offizielle dieses Unrechtsregimes erlaubst, bist du unversehens – nicht besser als Himmler und Heydrich!
In diesem Zusammenhang kann man auch in Hamburg wieder ein verstärktes Auftreten rechtsextremer Gruppierungen beobachten, so hat die npd in letzter Zeit auch in Hamburg Nord großflächig plakatiert und auch völkische Gruppen wie die sogenannte „Identitäre Bewegung“ treten immer selbstbewußter auf. Recherchen des Online-Portals „EXIF“, die durch die WDR-Sendung „Monitor“ bestätgt wurden, legen ein breites Netzwerk an Mitstreiter*innen rund um die rechtsextreme sogenannte „Gruppe 5“ offen, die Terroranschläge in ganz Deutschland plante. Auch Hamburger Neonazis waren darin verstrickt, die in öffentlichen faschistischen Facebookgruppen verkündeten, daß sie dabei sind, sich zu bewaffnen. Nach den rassistischen Anschlägen in Halle, Hanau und der Ermordung Walter Lübckes müssen solche Ankündigungen mit aller Ernsthaftigkeit verfolgt werden. Die Hamburger Behörden lassen diese Vorfälle jedoch ohne Konsequenzen geschehen.
Unsere Staatsjugend beruft sich auf die Staatsmedien und die steuerfinanzierte, staatlich gelenkte „Zivilgesellschaft“, um ein „Härter durchgreifen!“ zu fordern.
Wie kommt dann Charles Konia dazu, so etwas als „antiautoritär“ zu bezeichnen? Es ist wie „1968“: es werden nur die unmittelbaren Autoritäten angegriffen und als verachtenswerte „wirre Schwurbler“ diffamiert, während man gleichzeitig der Wirklichkeit enthobene mythische Lichtgestalten anhimmelt. Früher waren das Mao und Marcuse, heute sind es Drosten und Merkel, obwohl diese nachweislich nur Unsinn von sich geben.
Die „Querdenken-Bewegung“ wirkt wie ein Nährboden, auf dem die alten vergammelten rechtsextremen und faschistischen Ideologien wieder neu und ungestört gedeihen können. Indem sie sich mit antisemitischen Verschwörungstheorien und pseudo-wissenschaftlichen Falschbehauptungen verflechten, schaffen sie ein brandgefährliches Klima, dem wir uns entschlossen entgegenstellen müssen.
Die Polizei stellt gegen diese Umtriebe nicht nur immer wieder ihre eigene Unfähigkeit unter Beweis, vielmehr sieht man nicht nur anhand der immer wieder aufgedeckten rechtsextremen Netzwerke in der Polizei, daß sie selber tief in diesen verwurzelt ist. Deshalb ist die Organisation und Vernetzung eines stabilen antifaschistischen Widerstandes um so wichtiger. Kein Fußbreit den Faschisten und Leerdenker*innen in Hamburg Nord!
Die Linken HASSEN Traditionen (die Verwurzelung, die den Einzelnen stark und unabhängig macht), Selberdenken („kontrarevolutionäre Fraktionsbildung“) und natürlich sämtliche Autoritäten – deren härteres Durchgreifen sie gleichzeitig fordern. Eben diese Rebellion gegen den Staat bei gleichzeitiger Vergötterung des Staates, die Gleichzeitigkeit von pseudo-anarchischer Rebellion und feigem Untertanengeist, macht den Faschismus (in diesem Fall den roten Faschismus) aus. „Rebellen“, die sich an Anstands…, Verzeihung: Abstandsregeln halten!
FÜR EINEN SOLIDARISCHEN UMGANG IN DER KRISE
Corona ist so real wie alle knapp 80.000 Todesfälle (stand 5. April), die es bisher allein in Deutschland gefordert hat. Ohne uns von der zweiten Welle aus dem Januar erholt zu haben, befinden wir uns jetzt schon mitten in der dritten Welle. Das ist die Folge vorschneller Lockerungen und eines zu schwachen Lockdowns, der nur die Freizeit einschränkt und die Wirtschaft weiter laufen läßt. Immer wieder kommt auch der Vorschlag für eine Ausgangssperre auf, auch bei uns in Hamburg wurde über Ostern und erstmal bis zum 18. April eine solche beschlossen – Das Problem: Während die Ausgangssperre sich weiter nur auf das Privatleben auswirkt, bleiben Fabriken und Betriebe weiter offen. Die Kosten für diese inkonsequente Ausklammerung der Wirtschaft müssen sowohl Kultur, Gastronomie und Einzelhandel, die seit Monaten geschlossen bleiben müssen, als auch die Gesellschaft, die trotz harter Einschränkungen in der Freizeit immer mehr Tote zu beklagen hat.
Ganz eindeutig: „die Wirtschaft“, d.h. der Kapitalismus hat an dieser mittelschweren Grippewelle Schuld… Wobei man die Millionen zusätzlicher Hunger- und Armutstoten, inbesondere in Afrika, getrost vergißt. Rassen…, Verzeihung: Klassenkampf:
Auch im Privaten trifft die Krise nicht alle gleich. Während sich die Quarantäne in exklusiven Villen mit großen Gärten an der Alster und uneingeschränkten Online-Möglichkeiten ganz gut aushalten läßt, fällt den Menschen in vielen anderen Haushalten mit viel zu kleinen Wohnungen die Decke auf den Kopf. Auch die technischen Voraussetzungen reichen oft nicht fürs Home-Office oder -Schooling. Die Folgen sind unter anderem eine Zunahme häuslicher Gewalt, Jugendliche, die in der Schule nicht mehr mitkommen und totale Überforderung. Durch die Umstellung auf Kurzarbeit oder dem kompletten Verlust des Arbeitsplatzes kommt noch ein größeres Armutsrisiko dazu. Trotzdem schütten die Konzerne, die ihren Mitarbeiter*innen jetzt weniger Lohn geben, Rekord-Dividenden an Aktionäre aus, die Kluft zwischen Arm und Reich wird durch die Krise nochmal deutlich größer. Die kapitalistische Absurdität und soziale Ungerechtigkeiten zeigen sich in der aktuellen Krise unverschönt!
Äh, das hätten so auch Querdenker schreiben können! Aber zum Glück geht es weiter:
Wir fordern einen echten solidarischen Lockdown, der im Interesse der Menschen steht und nicht nur das kapitalistische System schützt. Um unzählige weitere Todesfälle zu verhindern, müssen alle nicht lebensnotwendigen Betriebe für ein paar Wochen geschlossen werden und zwar bei vollem Lohnausgleich für die Beschäftigten, finanziert durch die Profite der Krisengewinnler!
Kommt mit uns auf die Straße! Stellt euch dem Verschwörungswahn und den neuen rechten Umtrieben entschlossen entgegen und erkämpft euch einen solidarischen Lockdown!
Politik und Polizei werden uns nicht helfen – wir müssen selber aktiv werden!
„Erkämpft euch einen solidarischen Lockdown!“ Aber am besten finde ich noch die Illustration dieses Pamphlets, die derartig voller ungewollter, selbstentlarvender Ironie ist… Linke Trottel!

nachrichtenbrief198
28. März 2021
















