Posts Tagged ‘Sexualität’

Notizen zu LEIDENSCHAFT DER JUGEND (handschriftlich, undatiert, 1988?)

29. November 2025

Notizen zu LEIDENSCHAFT DER JUGEND (handschriftlich, undatiert, 1988?)

Die Massenpsychologie der antiautoritären Gesellschaft (Teil 3)

8. November 2025

Psychoanalytiker haben immer wieder herausgestellt, daß Freud und Reich Gegensätze sind. Reich sei ein utopistischer Illusionär gewesen, während Freud stets Realist geblieben sei, der an keine Aussöhnung des Gegensatzes von Natur und Kultur glaubte, sondern einen vernunftgeleiteten Stoizismus predigte. Man solle, so gut es ginge, sich in einer Natur und einer Kultur, in deren Matrix dauerhaftes Glück nicht eingeschrieben seien, einrichten und ansonsten „über den Dingen stehen“.

In seiner Arbeit über Wilhelm Reich (München 1972) schreibt der Psychoanalytiker und Reich-Kritiker Charles Rycroft, Freud habe zunächst angenommen, die psychische Energie

existiere in zwei Formen, einer beweglichen und einer „gebundenen“, wobei die bewegliche Energie den unbewußten geistigen Prozessen zugeordnet wurde, die er als „chaotisch“ und unstrukturiert beschrieb. Der gebundenen Energie dagegen, dem Merkmal der bewußten geistigen Prozesse, sei Struktur und Organisation eigen. (S. 23)

Freud wollte, so kann man anfügen, das Unbewußte bewußtmachen oder mit anderen Worten, jedenfalls im Sinne von Rycrofts obiger Darstellung, freie Energie in gebundene Energie überführen – Panzerung hervorrufen.

Die beiden Psychoanalytiker und Reich-Kritiker Béla Grunberger und Janine Chasseguet-Smirgel schreiben entsprechend in ihrem Buch Freud oder Reich? (München 1979):

Das Lustprinzip impliziert eine unmittelbare und vollständige Abfuhr der Triebe ohne jene Umwege und Aufschübe, die sein Gegenspieler, das Realitätsprinzip, aufweist. (S. 159)

Die „Umwege und Aufschübe“, die, so unsere beiden Psychoanalytiker, Freud gegen Reich hochgehalten hat, sind natürlich nichts anderes als die Panzerung („die Bindung freier Energie“), die die orgastische Impotenz aufrechterhält.

Das ganze kann man aber auch anders interpretieren. Doch um das nachvollziehen zu können, muß man sich Reichs Dreischichten-Model der menschlichen Charakterstruktur vergegenwärtigen:

sfwrschicht

Der äußere Bereich steht für die soziale Fassade, also das, womit wir der Umwelt entgegentreten. Der innere Kreis symbolisiert den bioenergetischen Kern, d.h. die „Produktionsstätte“ der Triebe. Das graue Feld, das zwischen beide geschaltet ist, steht für die mittlere Schicht bzw. die „sekundäre Schicht“. Im Normalfall, d.h. bei weitgehender Abwesenheit von Panzerung, dient die mittlere Schicht der Moderation oder, in Freudschen Begriffen, es ist der Sitz des „Realitätsprinzips“. Selbst in einer genitalen Welt können wir nicht „unmittelbar und vollständig“ immer und überall unseren Impulsen nachgeben. Das fängt schon damit an, daß man bei großer sexueller Erregung nicht zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort Geschlechtsverkehr haben kann. Man kann sich zurückhalten und dann später vollkommen gehenlassen.

Beim gepanzerten Menschen ist diese Funktion mehr oder weniger vollständig entartet. Der triebgehemmte Charakter kann sich zurückhalten, aber er kann sich nicht nach Belieben gehenlassen, d.h. er ist gepanzert. Der triebhafte Charakter kann weder das eine noch das andere. Er hat sich nicht unter Kontrolle, kann sich aber auch nicht gehenlassen.

Es geht um die Kapazität Energie zu binden und festzuhalten, die beim Neurotiker stets gestört ist. Die Psychoanalytiker unterstellen Reich, er wäre auf der Suche nach einer ganz vom Lustprinzip bestimmten haltlosen Gesellschaft bereit gewesen, die gesamte Kultur zu opfern, die auf der Bindung von Triebenergie beruht. Sie sind wie blind dafür, daß er bei seinen Überlegungen von der psychoanalytischen Erforschung ausgerechnet des triebhaften Charakters ausgegangen ist und daß es ihm um Triebökonomie, nicht um bloße Triebentladung zu tun war.

Reich war alles andere als ein Prophet der permissiven Gesellschaft. Ganz im Gegenteil ging es darum, dem Menschen wieder zu ermöglichen, seine Triebe sowohl zu kontrollieren als auch deren aufgesparte oder, was prägenitale Triebe betrifft, sublimierte Entladung voll und ganz genießen zu können.

Das betrifft nicht nur die Sexualität, sondern auch die beiden anderen Bereiche: Arbeit und das intellektuelle Leben („Liebe, Arbeit und Wissen“). Ein Beispiel für die Unfähigkeit Energie im dritten Bereich zu binden, ist die Schizophrenie. Psychosen kommen nicht aus heiterem Himmel, sondern sind (von offensichtlichen Ausnahmen, etwa Vergiftungserscheinungen, abgesehen) Endprodukt eines sozusagen „haltlosen“ Geistes. Schon sehr früh finden sich anhaltende kognitive Störungen. Ruben C. Gur (University of Pennsylvania, Philadelphia) et al. konnten belegen, daß sich bei späteren Psychosekranken zwischen 8 und 20 Jahren über alle kognitiven Domänen hinweg eine verzögerte neurokognitive Entwicklung feststellen läßt. Oder mit anderen Worten handelt es sich bei der Schizophrenie um ein charakterologisches Problem aufgrund einer starken okularen Panzerung, die es insbesondere verhindert, daß man sich konzentrieren und logisch folgerichtig denken kann.

Diese Tendenz, diese Unfähigkeit etwas „zu Ende denken zu können“ oder überhaupt wirklich denken zu können, kann man in wachsendem Maße in der gesamten permissiven Gesellschaft beobachten. Man halte sich nur mal die Kommentare der Leserschaft im Internet vor Augen. Manchmal hat man seitenlang nichts weiter als Buchstabensalat vor sich, bei der eine Gedankenführung schlichtweg nicht auszumachen ist oder sich allenfalls in selbstwidersprüchlichen Unsinn ergeht. Es ist, als wenn die Ladung nicht gehalten werden kann und die Synapsen chaotisch drauflos feuern.

Was die Arbeit betrifft: man frage einen beliebigen Lehrherren. Es fehlt nicht nur an den kognitiven Voraussetzungen, sondern auch an Disziplin, Beharrungsvermögen, an Substanz. Das einzige, was zählt, ist „Party!“, das Lustprinzip. Ähnlich ist es mit der Sexualität bestellt. Frauen und Männer mögen meinetwegen „sexy“ wirken, aber eine erotische Spannung und Ausstrahlung sucht man vergebens. Es erinnert etwas an Freuds berühmten Ausspruch, nachdem Schamlosigkeit das erste Anzeichen von Schwachsinn sei.

Wilhelm Reich, Physiker: Einleitung

16. Oktober 2025
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Wilhelm Reich, Physiker: Einleitung

Wilhelm Reich, DIE SEXUELLE REVOLUTION, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt, DM 25,80 [ca. 1966]

27. September 2025

Wilhelm Reich, DIE SEXUELLE REVOLUTION, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt, DM 25,80 [ca. 1966]

David Holbrook, M.D.: „Genitale Liebe“ versus „gepanzerte Liebe”

23. August 2025

DAVID HOLBROOK, M.D.:

„Genitale Liebe“ versus „gepanzerte Liebe”

Sexualität und Arbeit (Teil 5)

4. August 2025

Frei nach Marx und Engels ist Arbeit kopfgesteuerte Tätigkeit, der Sexualakt wäre demnach sozusagen „genitalgesteuerte Tätigkeit“. Entsprechend sehen Arbeits- und Sexstörungen aus. Kopf und Genital: es sei erwähnt, daß Kopf (Kinn bei nach hinten geworfenem Kopf!) und Genital sich im Orgasmusreflex rhythmisch aufeinander zu und voneinander weg bewegen.

Arbeit und Sexualität sind je nach der soziopolitischen Panzerung anders gewichtet. Für den Konservativen, der die alte autoritäre Gesellschaft dominierte, drehte sich alles um die Arbeit. Problem war, daß das vor allem auf sexueller Verdrängung beruhte und entsprechend pornographische Vorstellungen ständig den Arbeitsfluß zu „zersetzen“ drohten. Deshalb war auch so viel von „Arbeitsmoral“ die Rede, die im Kern sexualfeindliche Moral war. Arbeit diente der Verdrängung.

Heute ist es genau umgekehrt: Traum und entsprechend Politik der Linken ist die Abschaffung der Arbeit und die Etablierung eines sorgenfreien Schlaraffenlandes, in dem nichts anderes als Lust herrscht. Gleichzeitig findet sich die beunruhigende Tendenz im Rahmen der „Emanzipation“ Sex in „Sexarbeit“ zu verwandeln. Wie selbstverständlich verkaufen Frauen bzw. Mädchen ihren Körper, bzw. das Abbild ihres Körpers, und fühlen sich dabei „emanzipiert“. Statt etwas zu sein, dem man sich ausliefert, wird der Geschlechtsakt (und sozusagen sein „Vorfeld“) zu einem Instrument. Zwinker:

Sexualität und Arbeit (Teil 4)

2. August 2025

Liebe, Arbeit und Wissen sind Kernimpulse, die nach außen gerichtet und deshalb in sich lustvoll sind. Für diesen Lustgewinn nimmt man gerne einige Mühen in Kauf. Erst durch die Panzerung verwandelt sich Sexualität in Frust, Arbeit in „sinnlose Plackerei“ und Wissen in dröge „Information“. Dies wird dann versucht sekundär zu kompensieren: durch „Pornographie“ (im denkbar weitesten Sinne), durch „Boni“ und etwa durch einen Unterricht, der aufgebaut ist wie Fernsehunterhaltung. Ohne Panzerung wären diese künstlichen Maßnahmen nicht notwendig.

In der folgenden orgonometrischen Gleichung wird beschrieben wie beim Gesunden die vegetative Erregung ständig zwischen Sexualität und Arbeit hin und her pendelt und sich Liebe und Sex, Wissen und Tätigkeit gegenseitig ergänzen. Gefühlloses „Ficken“ und sinnloses „Roboten“ werden weder angestrebt noch sind sie tolerierbare Optionen:

Beim Neurotiker hingegen sind Arbeit und Sexualität sich gegenseitig ausschließende und wechselseitig sich behindernde Funktionen. Mit der Pulsation zwischen Liebe und Sex ist die Doppelmoral gemeint (Jungfrau gegen Hure), bei der zwischen Wissen und Tätigkeit der ständige Wechsel zwischen Hobby und „Sklavenarbeit“. Nichts verkörpert unsere Kultur besser als der „liebende Ehemann“, der regelmäßig ins Bordell geht und der „engagierte Mitarbeiter“, der sich im Hobbykeller verwirklicht:

Sexualität und Arbeit (Teil 3)

29. Juli 2025

Reich hat nur eine einzige Entdeckung gemacht:

Die Funktion der orgastischen Plasmazuckung. Sie stellt den Küstenstrich dar, von dem aus sich alles weitere ergab. (Äther, Gott und Teufel, S. 3)

Deshalb müssen wir auch bei einer orgonomischen Betrachtung des Wirtschaftsgeschehens von diesem Küstenstrich ausgehen. Insbesondere von der Überlagerung, die zumindest bei Vertebraten untrennbar mit der orgastischen Plasmazuckung verbunden ist und auch sonst, so Reich 1950, das ganze Tierreich bestimme. „Und sie könnte wohl zu einer neuen Grundlage (…) für einen neuen Gesellschaftsaufbau werden“ (Orgonomic Functionalism, Bd. 2, S. 69).

Jedes einzelne der drei Bereiche der Arbeitsdemokratie (Liebe, Arbeit und Wissen) kann man mit der Überlagerungsfunktion verbinden. Zum Beispiel ist Arbeitsdemokratie nie Monolog eines „Wissenden“, sondern immer Dialog zwischen den Arbeitenden. Dieser Dialog ist funktionell identisch mit Überlagerung und deshalb auch die einzig mögliche Grundlage der orgonomischen Theoriebildung. (Es sei in diesem Zusammenhang an die „Philosophien des Dialogs“ von Martin Buber und Hermann Levin Goldschmidt erinnert. Reich ist u.a. daran kaputtgegangen, daß es niemanden gab, mit dem er sich auf gleichem Level austauschen konnte.)

Die sexuelle Gemeinschaft geht aus der Überlagerungsfunktion hervor und kulminiert in der genitalen Umarmung. Die sich (manchmal) aus diesen Überlagerungsprozessen herausbildende Familie entwickelt zusätzlich eine Funktion, die im Gegensatz zur Sexualität steht: die Arbeit. „Gegensatz“ im Sinne von einem wechselseitig bedingenden Hin und Her. So ist es nicht nur pestilente Sexualablehnung, wenn sich traditionelle moslemische Kulturen militant gegen die ja auch aus orgonomischer Sicht groteske, verächtliche, kontaktlos freizügige westliche „Kultur“ wenden, die aus den Frauen ständige Sexualobjekte gieriger Tölpel macht. Diese gesellschaftliche Sexualisierung gefährdet den Familienzusammenhalt und damit das Gefüge der Gesellschaft: sowohl emotional als auch ökonomisch.

Man denke nur einmal an all die Menschenopfer (nicht gezeugte oder abgetriebene Kinder), die auf dem Altar von „Emanzipation“ und „Selbstverwirklichung“ dargebracht wurden. Gleichzeitig gefährdet nachlassende Arbeitsdisziplin und mangelnder Arbeitsethos die Genitalität im Kern, denn alles, was uns an Strukturen umgibt (Kleidung, Häuser, etc.), dient dem Schutz der organismischen Pulsation im allgemeinen und dem der Genitalien im besonderen. Entsprechend ist die „arbeitsscheue“ und „sexbesessene“ Linke letztendlich sexualfeindlich!

Das, was Hans Hass in seiner „Energon-Theorie“ als „künstliche Organe“ („zusätzliche Organe“) bezeichnet hat, kann man als Schutz des nacktesten, am wenigsten gepanzerten Wesens überhaupt ansehen. In seinen Naturphilosophischen Schriften (München 1987) bringt Hass das Beispiel des Einsiedlerkrebses, der seinen nackten Hinterleib durch ein fremdes „künstliches“ Organ, nämlich mit einem Schneckengehäuse schützen muß. Alle unsere künstlichen Organe sind unsere „Schneckenhäuser“, die unsere verletzliche Blöße schützen: unsere Genitalität. Dies liegt z.B. vor, wenn der nackte Affe Mensch sich in höheren Breitengraden mit einem Bärenfell bedeckt oder seine künstliche Wohnhöhle mit einer wärmenden Feuerstelle ausstattet.

Mit Reich können wir fragen: Wenn alle „Maschinen“ des Menschen dem Schutz der „tierischen“ Pulsation dienen, was hat dann das Menschentier dazu gebracht, maschinell zu entarten?

Offensichtlich haben die toten künstlichen Organe auf das lebendige Protoplasma des Menschentiers zurückgewirkt und es nach ihrem Muster umgeformt. Hass führt den kanadischen Soziologen Marshal McLuhan an (wobei natürlich beide nicht die Panzerung im Sinn hatten): „Jedes Medium (d.h. künstliches Organ) hat die Macht, seine eigenen Postulate dem Ahnungslosen aufzuzwingen.“ Im Reichschen Sinne, aber im konzeptionellen Rahmen der Energon-Theorie, kann man sagen: die künstlichen Organe (Maschinen, Werkzeuge) formten ihre Keimzelle (den Menschen), die sie ursprünglich geschaffen hatte, um sich selbst zu erhalten und fortzupflanzen, nach ihrem Bilde um, indem sie die Keimzelle „mechanisierten“, d.h. erstarren ließen, so unfruchtbar machten und letztendlich zerstören werden. Diesen Vorgang kann heute jedermann im Zusammenhang mit dem Computer unmittelbar beobachten. Der Mensch verändert sich in seinem Denken, in seinen Gefühlen und selbst in seinem Körper.

Die Mechanisierung des Menschen ist aber sicherlich nicht nur durch den obigen Prozeß entstanden, sondern auch dadurch, daß der Mensch selber als künstliches Organ mißbraucht wurde, wie man es mit Nutztieren macht – die ja eine ähnliche Pathologie zeigen wie der gepanzerte Mensch. Ich denke dabei nicht nur an die Sklaverei der Antike und die Fron des Mittelalters, sondern auch an die kapitalistische „Lohnsklaverei“. Hass: „Jeder ‚Sklave‘ war ein universal verwendbares künstliches Organ – und jeder, den wir heute gegen Bezahlung zu einer Dienstleistung für uns veranlassen, ist für die Zeit, da er uns ‚dient‘, ebenfalls unser künstliches Organ.“ Man lese dazu Reichs Kritik an dem entmenschlichenden Industriesystem des Privat- und Staatskapitalismus in Massenpsychologie des Faschismus und in Menschen im Staat.

Insbesondere dürfe, so Hass, fürderhin das Kind nicht länger „als ein künstliches Organ der Eltern oder der Gemeinschaft angesehen werden – sondern als ein sich bildendes, zu respektierendes eigenes Selbst“. Man lese dazu Reichs Kinder der Zukunft.

Das organismische Ganze ist durch Ordnung, orgonomisches Potential und einheitliche Pulsation definiert: am Anfang der biologischen Evolution steht die totale Pulsation bei Protozoen, diese einzelnen Pulsationen organisieren sich zum Metazoon, das im Laufe der Evolution sich zum Menschen entwickelt, wo die totale Pulsation von neuem auftritt. Die sich daraufhin entwickelnden arbeitsdemokratischen Organismen bilden das geschützte Biotop, in dem der Mensch seine Genitalität leben kann.

Sexualität und Arbeit (Teil 1)

22. Juli 2025

Es gibt biologistische und es gibt kulturalistische Wirtschaftstheorien.

Für die ersteren steht Hans Hass, der übergangslos das „Konkurrenzgeschehen“, etwa in einem Korallenriff, mit dem „Konkurrenzgeschehen“, etwa in der Automobilwirtschaft, verbindet. Hass hat beide Bereiche tatsächlich empirisch untersucht, während die „klassischen“ Theoretiker, angefangen mit Adam Smith, einfach davon ausgingen, daß es sich beim Wirtschaftsgeschehen um „natürliche“ Prozesse handle, obwohl Smith natürlich noch keine Ahnung von Evolution hatte.

Für eine kulturalistische Wirtschaftstheorie steht der Name Karl Marx: da ist nichts organisch gewachsen, sondern Resultat von Katstrophen („Revolutionen“), die jeweils neues Recht setzten, das teilweise das Gegenteil des vorangegangenen Rechts war.

Es ist offensichtlich, daß beide Ansätze etwas für sich haben. Jedoch ist ihre Bedeutung ziemlich eingeschränkt. Reich hat Anfang der 1930er am eigenen Leibe erfahren, wie imgrunde bedeutungslos eine mit schier unglaublicher Verblendung verteidigte kulturalistische Wirtschaftstheorie sein kann. Letztendlich setzt sich „die Biologie“ doch durch.

Biologistische Wirtschaftstheorien kranken jedoch daran, daß „Biologie“ nicht gleich „Biologie“ ist. Ja, funktionell gesehen, geschieht im Korallenriff genau dasselbe wie in der Automobilindustrie und das konkrete Verhalten der Wirtschaftssubjekte kann man vor dem Hintergrund des Geschehens in einer Schimpansenhorde so gut beschreiben, daß sich überprüfbare Voraussagen machen lassen.

Es treten bei dieser biologistischen Betrachtung jedoch zwei Probleme auf:

  1. ist der Mensch gepanzert und die Folgen der Panzerung werden von kulturalistischen Wirtschaftstheorien weit besser erfaßt; und
  2. werden von den biologistischen Theorien die bioenergetischen Grundlagen alles Wirtschaftsgeschehens nicht erfaßt.

Kurz gesagt gehen sowohl kulturalistische als auch biologistische Wirtschaftstheorien davon aus, daß die Wirtschaftssubjekte zur Arbeit gezwungen werden, sei dies nun durch gesellschaftlichen Zwang („Recht“) oder durch den Druck der äußeren Umwelt („natürliche Auslese“). Letztendlich weil die Theoretiker selbst gepanzert sind, ist es ihnen grundsätzlich fremd, daß jemand aus innerem Drang und aus purer Freude tätig sein könnte und daß er durch diese „Verausgabung“ nicht etwa einen Verlust erleidet, sondern ganz im Gegenteil einen Gewinn.

Reich hat den ungepanzerten Menschen, in Gestalt von Jesus Christus, wie folgt beschrieben:

Christus gibt großzügig. Er kann großzügig geben, weil seine Fähigkeit, Lebensenergie aus dem Universum aufzunehmen, unbegrenzt ist. Christus meint nicht, daß er etwas Besonderes tut, wenn er anderen von seiner Kraft gibt. Er macht es gern. Mehr noch: er selbst braucht dieses Geben, denn er ist voller Kraft, bis zum Überfluß. Er verliert nichts, wenn er reichlich gibt. Im Gegenteil, er wird stärker und reicher, wenn er anderen gibt; nicht nur durch Freude am Geben. Er lebt auf von diesem Geben, denn seine Energie wandelt sich nun schneller um. Je mehr Kraft und Liebe er abgibt, desto mehr neue Kraft bekommt er aus dem Universum, desto größer und inniger ist sein Kontakt mit der Natur um ihn herum und desto klarer ist sein Bewußtsein von Gott, der Natur, der Luft, den Vögeln, den Blumen und den Tieren. Zu all dem hat er engen Kontakt, er nimmt es mit seinem orgonotischen Ersten Sinn wahr, sicher in seinen Reaktionen, harmonisch in seiner Selbstregulation und unabhängig von irgendeinem veralteten „du sollst“ oder „du sollst nicht“. (Christusmord, Freiburg i.B. 1978, S. 59f)

Arbeit funktioniert nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten wie die Sexualität: es ist Orgonenergie, die nach Befriedigung strebt (bioenergetische Expansion) und durch diese Aktivität den natürlichen bioenergetischen Expansionszustand (Vagotonie) aufrechterhält.

Selbstverständlich sind wir darüber hinaus auch dem, wenn man so will, „sympathikotonen“ Druck der Umwelt und der gesellschaftlichen Verhältnisse ausgesetzt, doch das sind nur sekundäre bzw. tertiäre Einflußgrößen, – die im übrigen außerhalb der Orgonomie voll erfaßt werden, während die wichtigste, die primäre Einflußgröße vollkommen unter den Tisch fällt. Wagt man die letztere zu erwähnen oder gar auf ihren primären und vordringlichen Status hinzuweisen, wird man mit hochmütigem Hohn überschüttet. Das ist so, weil „von rechts nach links“ die Theorien immer verwickelter werden:

Ergänzung 2 zu „Nietzsche: MEINE SCHWESTER UND ICH (Besprechung)“

4. Juli 2025

Reich ging in seiner Studentenzeit zwischen in etwa 1919 und 1922 von vier Punkten aus, die sein gesamtes späteres Lebenswerk prägten:

  1. angefangen von seinen Eltern, die als Sprosse von jeweils langen Rabbiner-Dynastien vorgaben gläubige Juden zu sein, aber tatsächlich deutschnationale Atheisten waren, war ihm aufgefallen, daß es einen Unterschied gibt, zwischen dem, was Menschen sagen und dem wie sie handeln;
  2. war er bei seiner naturphilosophischen Lektüre irgendwo zwischen Lehrbüchern zum Medizinstudium, F.A. Lange, Bergson, Schopenhauer, Paul Kammerer, Richard Semon etc., nicht zuletzt Nietzsche, auf die Grundidee verfallen, daß es eine psychische Energie gibt und einen Grundgegensatz zwischen Energie und Materie;
  3. war ihm 1919/20 im Studentenseminar, über das er Freud kennenlernte, aufgefallen, daß ihm das, was andere als „Sexualität“ bezeichneten, fremd war und umgekehrt;
  4. durch Freuds Libidotheorie lernte er die Vorstellung einer psycho-physischen („bioenergetischen“) Entwicklung und ihrer Störungen kennen.

Zusammengefaßt ist das die Theorie von der Lebensenergie und ihrer Sperrung durch die Panzerung (Über-Ich). Sie entfaltet sich aus sich heraus „von innen“ auf natürliche Weise, wird aber „von außen“ gestört und entartet entsprechend, d.h. wird selbst zu einem Störfaktor. Das, was er später als „seelische Pest“ bzw. „emotionelle Pest“ bezeichnen sollte, breitet sich entsprechend aus. Die Menschen versuchen das entstehende Chaos mit „Moral“ in den Griff zu bekommen, doch verschlimmert dies die Situation noch mehr.

Nietzsche hatte wie kaum ein anderer ein Gefühl für diese Dynamik, nur kam dieser „Sado-Masochist an sich selber“ (so Lou Salome über Nietzsche) zu der – sadomasochistischen Vorstellung, daß der Mensch an diesem Konflikt zu wachsen habe. Aus dem Krampf soll virtuose Eleganz und aus der Lüge die Wahrheit erwachsen, aus der Überspanntheit eine neue Leichtigkeit. Aus sekundären Trieben soll etwas Authentisches und Wertvolles werden. My Sister and I enttarnt das alles als Perversion und Flucht vor dem Leben.