Posts Tagged ‘C.G. Jung’

Peters Abstieg in die Hölle

30. September 2016

Die hier beschriebene Szene ist zwar einige Jahre her, aber immer noch berichtenswert: Ich steige ins Souterrain hinab, in den Buchladen, wo ich früher immer meine „Reich-Bücher“ kaufte. Eine neue Einführung in die „Orgontherapie“ – mit dem „Orgonstrahler“. Das Buch strotzt von Bibelzitaten und mystischem Schmu. Daneben ein Buch, das die fünf Lowenschen Körpertypen erläutert. Unglaublich wie dieser pseudowissenschaftliche Unsinn ellenlang ausgewalzt wird – im Namen Reichs.

Angeboten wird u.a. eine Audiokassette vom „Auditorium aus der Münsterschwarzach Abtei“ mit einem Vortrag von Alexander Lowen über Reich und die Bioenergetik. Entsprechend „abteimäßig“ ist das Gesamtangebot: C.G. Jung, meditierende Pfaffen, Dürckheim, Rühdiger Dahlke, Bert Hellinger, Buddhisten-Mönche. Prominent zwischen all dem stiert der „Reichianer“ Wolf Büntig hervor, der zum 100 Geburtstag von Karlfried Graf Dürckheim „in enger Anlehnung an C.G. Jung“ spricht. Natürlich orientiert sich Büntig auch an Hellinger. Büntig, dessen Aufsatz über Reich* so überragend war, das ich wiederholt aufgefordert wurde ihn zu lesen, was ich nie getan habe, bekennt sich nun zu Hellinger, weil dieser intuitiv arbeitet, jede rationale Diagnostik ablehnt und aus dem „Sein“ heraus wirkt. Das „substantielle Leben“ ist das höchste Gut.

Für den Familientherapeuten Bernd Hellinger, einem ehemaligen Priester und Missionar, der sich auf Martin Heidegger beziehend vom „Offenbarungsgott“ ab und dem „Schöpfungsgott“ zugewandt hat, stehen die Gesetze des ontologisch aufgefaßten Lebens im Sinne Heideggers im Mittelpunkt: das, was zuerst da war, hat den höheren Wert und alles spätere muß sich ihm unterwerfen. Dementsprechend beruht die Therapie darauf, daß sich der Klient im nachhinein seinem Vater unterwirft und z.B. die sexuell mißbrauchte Tochter vor ihrer Mutter niederkniet und ihr sagt: „Liebe Mama, ich habe es für Dich getan!“

* Büntig, Wolf E.: Das Werk von Wilhelm Reich und seinen Nachfolgern. Die Psychologie des XX. Jahrhunderts. Bd. 3: Freud und die Folgen, Hrsg. von D. Eicke, Zürich 1977

Wilson: The Quest for Wilhelm Reich (1981)

9. September 2016

Bücherlogo

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

Wilson: The Quest for Wilhelm Reich (1981)

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 6.k.

14. Mai 2016

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

3. Reichs „Freudo-Marxismus“

4. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

5. Reichs Biophysik

6. Äther, Gott und Teufel

a. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

b. Spiritualität und die sensationelle Pest

c. Die Biologie zwischen links und rechts

d. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

e. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

f. Die gesellschaftlichen Tabus

g. Animismus, Polytheismus, Monotheismus

h. Dreifaltigkeit

i. „Ätherströme“, Überlagerung und gleichzeitige Wirkung

j. Die Schöpfungsfunktion

k. Die Rechtslastigkeit der Naturwissenschaft

Das Schicksal der Orgonomie (Teil 2): Die Libidotheorie 1929 und heute

5. Februar 2016

1929 beschrieb Reich die damalige Lage der Psychoanalyse wie folgt:

Wenn man der Psychoanalyse in den Händen, besser den Köpfen von nicht wirklich analytisch Ausgebildeten begegnet, erkennt man in ihr das Werk Freuds nicht wieder; die Sache mit der Sexualität stimme ja, aber die Übertreibungen… und wo bleibt das Ethische im Menschen? Analyse sei ja sehr richtig, aber… Synthese sei nicht weniger notwendig. Und gar als Freud auf seiner Sexualtheorie die Ichpsychologie aufzubauen begann, da ging ein hörbares Aufatmen durch die wissenschaftliche Welt: endlich beginne Freud seine Absurditäten einzuschränken, endlich komme auch das „Höhere“ im Menschen zu Wort, und überhaupt die Moral… Und es dauerte nicht lange, bis man nur mehr von Ichidealen reden hörte und die Sexualität, wie die stereotype Ausrede lautet, „selbstverständlich vorausgesetzt“ wurde. Man sprach von einer neuen Ära der Analyse, von einer Renaissance… die Psychoanalyse wurde mit einem Worte gesellschaftsfähig.

Nicht weniger trostlos, nur noch widerlicher, sieht es im breiten Publikum aus. Unter dem Drucke der bürgerlichen SexuaImoral hat man sich der Psychoanalyse als einer die Lüsternheit befriedigenden Modeangelegenheit bemächtigt, man analysiert einander die Komplexe, spricht in den Salons beim Fünf-Uhr-Tee von den TraumsymboIen, streitet ohne die geringste Sachkenntnis und nur weil es sich um Sexualität handelt, für und wider die Analyse, der eine ist begeistert von der großartigen „Hypothese“, der andere, kein geringerer Ignorant, ist überzeugt, daß Freud ein Scharlatan ist und seine Theorie eine Seifenblase, und überhaupt diese „einseitige Überschätzung der Sexualität, als ob es nichts anderes, ‚Höheres‘ gäbe“, und dabei spricht der „Kritiker“ über nichts anderes als über die Sexualität. In Amerika bilden sich ganze Vereine und Diskussionsklubs für Psychoanalyse, die Konjunktur ist gut, sie muß ausgenützt werden, man lebt seine unbefriedigte Sexualität aus und verdient außerdem mit einer Mache, die sich Psychoanalyse zu nennen wagt, viel Geld. „Psychoanalyse“ ist ein gutes Geschäft geworden. So sieht es außerhalb der Psychoanalyse aus.

Und innerhalb? Eine Abfallbewegung nach der anderen, die Forscher halten dem Druck der Sexualverdrängung nicht stand. Jung stellt die ganze analytische Theorie auf den Kopf und macht daraus eine Religion, in der von Sexualität keine Rede mehr ist. Ebenso führt die Sexualverdrängung bei Adler zur These, die Sexualität sei nur eine Erscheinungsform des Willens zur Macht, damit zur Abkehr von der Psychoanalyse und zur Gründung einer ethischen Gemeinde. Rank, früher einer der begabtesten Schüler Freuds, gelangt dadurch, daß er den Libidobegriff ichpsychoIogisch verwässert, zu seiner Mutterleibs- und Geburtstraumatheorie und leugnet schließlich die wesentlichsten analytischen Erkenntnisse ab. Immer wieder wirkt sich die Sexualverdrängung gegen die Psychoanalyse aus. Auch sonst kann man im psychoanalytischen Kreise selbst die gesellschaftliche und ökonomische Gebundenheit in ihrer mildernden, abschwächenden, Kompromisse bildenden Arbeit sehen. Nach dem Erscheinen von Das Ich und das Es ist jahrelang von der Libido kaum die Rede, man versucht, die ganze Neurosenlehre auf die Ich-Termini umzumünzen, man verkündet, daß erst die Entdeckung des unbewußten Schuldgefühls die Großtat Freuds sei, man sei erst jetzt zum Eigentlichen und Wesentlichen vorgedrungen. (Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse)

Wenn man das aufmerksam liest, fühlt man sich unwillkürlich in die Welt zwischen 1957 und 2016 versetzt:

Begegnet man dem Werk Reichs in der Version fast aller seiner Adepten, erkennt man es kaum wieder. Reichs zentraler Aussage von 1931, daß „die Neurose ein Produkt der Sexualverdrängung und der Stauung der sexuellen Energie (ist), ihre Heilung Aufhebung der Verdrängung und gesundes genitales Lebens (voraussetzt)“ (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, KiWi, S. 16), wird man nie begegnen. Stattdessen ein ermüdendes Blablabla über Pulsation, Blockaden und „Energie“. Statt von Sexualökonomie ist von „überweltlichen Wirkstrukturen“ und all dem verstaubten Krempel aus dem „New Age“ die Rede. Immer mehr tritt die Spiritualität, eben das „Höhere“, in den Mittelpunkt. Die Atmosphäre wurde „reiner“ und Versatzstücke von Reichs „körpertherapeutischer Arbeit“ akzeptabel für so gute wie alle. Man lese nur die schier unglaublichen Machwerke des verstorbenen Heiko Lassek! Beim breiten Publikum wird Reich nur noch mit „Orgonit“ und den Kinderfickern der Grünen in Zusammenhang gebracht. Wirklich jeder Schreiberling („Journalist“), der sich an das Thema heranwagt, kann sich von pornographischen Andeutungen und dem Suhlen im Psychotischen und Psychopathischen nicht wieder einkriegen. Wenn Reich verteidigt wird, dann als „Kämpfer gegen Rechts“, als Inspirator des besagten Grünen Abschaums und als „Rudolf Steiner“ für Arme. Ich habe an dieser Stelle keine Lust über so manchen vermeintlichen „Vertreter der Orgonomie“ herzuziehen. Wenn ich etwa daran denke, daß von manchen „Orgonomen“ ausgerechnet das Schwein Herbert Marcuse hervorgekramt wurde…

Hier ein Beispiel für die heutige Rezeption des Reichschen Werks:

Der Schriftsteller und Radiomann Matthew Sweet zeichnet für die Sendung The Life and Afterlife of Wilhelm Reich verantwortlich, die 2011 auf BBC Radio 3 lief. (Hier setzt sich der Dreck in einer Besprechung der Radiosendung fort.) Zentrum der Darstellung ist die „sexuelle Revolution“. Reichs Ideen hätten dazu beigetragen die 60er Jahre zu formen. Von der wirklich wichtigen Sache, den Kindern der Zukunft, ist an keiner Stelle in dem 45 minütigen Beitrag auch nur ansatzweise die Rede. Und das im Heimatland von A.S. Neill! Die Sendung sagt mehr über die heimlichen Obsessionen von Herrn Sweet aus als über Reich und seine Probleme!

Eingerahmt und zusammengehalten wird die Sendung von Sweets kurzem Besuch auf Reichs zugeschneiten Anwesen Orgonon. Hinzu kommen am Anfang und Ende der Sendung zwei Ausschnitte aus Reichs Tonaufnahme „Alone“, in der er darüber reflektiert, daß er keinen Gesprächs- und Ansprechpartner habe, der seine Arbeit auch nur annähernd verstehen würde. Die Sendung ist nach der Assoziationstechnik aufgebaut: „verschneites Orgonon → verschneites Galizien → ein kalter Hauch durchzog auch Reichs Kindheit → Selbstmord der Mutter“. Nach diesem Muster ist die gesamte Sendung gestaltet. In Maßen und als Notlösung ist das ja vertretbar, aber bei Sweet ist es das einzige Formelement! Genauso war 1987 Digne Meller Marcovicz‘ Film Wilhelm Reich – Viva, Little Man gestaltet. Ganz große Kunst!

Mary Higgins, seit einem halben Jahrhundert die Kuratorin des Wilhelm Reich Infant Trust, führt Sweet durch das Museum. Als nächstes wird der Orgontherapeut Harry Lewis interviewt, ein Schüler von Victor Sobey, der wiederum einer der medizinischen Orgonomen zu Reichs Lebzeiten war. Hier sind die beiden 1993 zu sehen:

Lewis berichtet über den Konflikt Freud-Reich und im Anschluß daran Higgins über Reichs Sexpol-Zeit in Berlin. Wie Sweet sich ausdrückt: „Er gab jungen verwirrten Berlinern radikale Ratschläge über Sex.“ Higgins‘ Beschreibung ist vollkommen korrekt, doch vorher hat Sweet vorgegeben, wie man das zu verstehen hat.

Reich habe, Sweet zufolge, nicht nur eine Marxistische, sondern auch eine sexuelle Revolution angestrebt. Als nächstes kommt – die Pest vollends zum Zuge: Christopher Turner. Turner ist Autor des 2007 erschienenen Buches Adventures in the Orgasmatron: How Renegade Europeans Conceived the American Sexual Revolution and Gave Birth to the Permissive Society.

In Sweets Sendung erklärt uns Turner Reichs Buch Die Massenpsychologie des Faschismus!

Hier eine Beschreibung von Turners pestilentem Machwerk:

Die faszinierende jedoch bisher unbekannte Geschichte über Wissenschaft, Sex und das Amerika der Nachkriegszeit.
Bereits lange vor den 1960er Jahren entwickelte sich die sexuelle Revolution in Amerika angeführt von verbannten europäischen Denkern, die das weite Land als reif für die Befreiung erachteten. (…) Turner erzählt die Geschichte der Revolution – eine erhellende, packende, oft bizarre Geschichte über Sex und Wissenschaft, Ekstase und Repression.
Im Zentrum der Schilderung steht die Orgon-Box – eine große, schlanke Konstruktion aus Holz, Metall und Stahlwolle. Ein Mensch, der in der Kiste saß, konnte, wie geglaubt wurde, sein „orgastisches Potential“ erhöhen – den Körper von repressiven Kräften befreien und seine sexuelle Potenz verbessern. Norman Mailer, Saul Bellow und William Burroughs saßen in der Orgon-Box und suchten nach einer Synthese von sexueller und politischer Befreiung.
Die Box war die Erfindung von Wilhelm Reich, einem Außenseiter der Psychoanalyse und abtrünnigen Anhänger Freuds, der seine Theorien über die sexuelle Energie während des Zweiten Weltkriegs nach Amerika brachte. Bei ihm handelt es sich um die archetypische Geschichte eines zielstrebigen Wissenschaftlers, der sich mit einer argwöhnischen Gesellschaft in Konflikt befindet: er war mit einem landesweiten Verbot seiner Orgon-Box konfrontiert, einer Untersuchung durch das FBI, einer aufreibenden Begegnung mit Einstein und Anfällen von Verfolgungswahn, die es ihm verunmöglichten sich selbst zu verteidigen.
Turners lebhafter Darstellung zufolge nahmen Reichs Bestrebungen jene von Alfred Kinsey, Herbert Marcuse und anderen prominenten Denkern vorweg – Bestrebungen, die eine Transformation der westlichen Einstellung zur Sexualität herbeiführten in einer Art und Weise, die diese Denker nicht einmal selbst sich hätten vorstellen können.

Exakt, wortwörtlich, die gleiche Scheiße, mit der es Mildred Brady Ende der 1940er Jahre gelang, die FDA auf Reich aufmerksam zu machen, was schließlich zu seiner Inhaftierung und vorzeitigem Tod führte. Die Emotionelle Pest bleibt sich treu!

Das ist auch ungefähr der Inhalt von Sweets Radiosendung. Norman Mailer, Saul Bellow und William Burroughs werden als Beispiele für Reichs Einfluß erwähnt. Lewis weist darauf hin, wie berühmt Reich doch war, als er in Amerika erschien: der Hörsaal der New School of Social Research in New York sei vollständig überfüllt gewesen. Morton Herskowitz beschreibt seine Begegnung mit Reich und die Orgontherapie. Turner beruft sich auf „Reichs Tochter“ (wohl Lore Reich), die ihm erklärt habe, daß Reich, der manische und depressive Episoden gehabt habe, doch ganz offensichtlich „manisch-depressiv“ gewesen sei. Higgins stellt auf unangenehm sektiererisch und „kultisch“ wirkende Weise Reichs Umgang mit der FDA und dem amerikanischen Gerichtssystem als Triumph dar: die Wissenschaft habe sich durchgesetzt. Die Qual endet mit einer Aussage der feministischen Theoretikerin Germaine Greer, die sehr stark von Reich beeinflußt wurde:

Leider habe sich gezeigt, daß die sexuelle Revolution nicht zu mehr Glück geführt habe, denn die Befreiung des Sex habe gezeigt, daß er wie alles andere auch sei, d.h. mit dem Wegfall der äußeren Repression hätte sich gezeigt, daß selbstregulierte Sexualität nicht zärtlich und liebevoll sei – diese Vorstellung sei angesichts der Realität offensichtlich verrückt gewesen. Außerdem habe man, anstelle das repressive Gesellschaftssystem politisch zu analysieren, sich, Reich folgend, quasi religiös nach innen gekehrt, um die Repression in seinem Inneren zu suchen. Dies habe eine ganze Generation (politisch) lethargisch gemacht.

Diese Leute können sich ihr gesamtes Leben mit Reich beschäftigen – und nichts, rein gar nichts, verstehen!

Was Lewis geradezu enthusiastischen Hinweis auf Reichs Aufnahme in New York betrifft: das hat einen Hintergrund, der in der Radiosendung (man möchte sagen: zum Glück) nicht durchklingt. Sobey war der einzige Orgontherapeut in Reichs Umgebung (obwohl alle, bis auf Baker und Silvert, linksliberal eingestellt waren), der sich selbst als eine Art „Marxist“ verstand. Bei ihrem letzten Treffen vor seiner Inhaftierung habe sich Reich ihm gegenüber ausdrücklich zu Marx bekannt. In der Folgezeit bildeten er und seine Schüler, insbesondere Lewis, so etwas wie das „Linksaußen“ der Orgonomie. Wenn Lewis sagt, Reich wäre in New York begeistert empfangen worden, bezieht sich das auf die Sozialisten. Was Leute wie Lewis geflissentlich nicht erwähnen, ist daß Reich genau zu diesem Zeitpunkt mit seinem Konzept „Arbeitsdemokratie“ sich ein für allemal von den Sozialisten distanziert hat. Ilse Ollendorff beschreibt das als Zeitzeugin in ihrer Reich-Biographie. Reich hätte es so einfach haben können, wenn er nur opportunistischer gewesen wäre!

Herskowitz beschreibt die Halsstarrigkeit als Beispiel für Reichs therapeutische Herangehensweise. Halsstarrige Menschen seien buchstäblich halsstarrig. Er würde das so angehen, daß er den Muskel drückt bis dieser schmerzt und die Patienten dabei auffordern, die Gefühle auszudrücken, die von der kontrahierten Muskulatur zurückgehalten werden. Gut, nur leider geht heute kein gutausgebildeter Orgontherapeut mehr so vor! Ich habe mich damit in Warum Orgontherapie nichts bringt beschäftigt. Das dort dargestellte Orgontherapie-Opfer war ein Patient aus dem Sobey-Umfeld.

Reich als „manisch-depressiv“ zu beschreiben, weil sich Phasen großer Verzweiflung mit denen überbordendem Enthusiasmus und Optimismus abwechselten, ist an Gemeinheit kaum zu überbieten. Hier ist nicht der Platz, um sich mit Reichs Charakter und persönlichen Problemen zu beschäftigen. Faszinierend ist, wie paßgenau Reich „diagnostiziert“ wird, um sich eine wirkliche Auseinandersetzung mit seinem Werk zu ersparen. Er wurde einfach verrückt und man braucht sich ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr mit seinen Forschungen beschäftigen. Oder er war manisch-depressiv, so daß man sich Dinge aus jenen Phasen herausgreifen kann, in denen er ernst zunehmen war. Wenn man „Alone“ hört: der arme Mann! Wenn man vom Schwung seiner Arbeit mitgetragen zu werden droht: der arme Mann!

Higgins scheint vom gleichen Kaliber wie die kleingeistigen Fanatiker, mit denen sich Reich in seinen letzten Jahren umgab. Man siehe dazu meine Ausführungen in Fragwürdigkeiten der Reich-Biographik. Man kann es so sehen oder so… Als Treue zu Reich – oder als ultimativem Verrat an dem Mann. Geradezu… „tragikomisch“ ist das falsche Wort – ist es, wenn Higgins sagt:

Und, wie Sie wissen, wenn es eine Sache gibt, denke ich, die seit Reichs Tod sich als richtig erwiesen hat – obwohl sicherlich wenig, wenn überhaupt, sehr wenig wissenschaftliche Arbeit geleistet wurde und so weiter und so weiter – aber ich glaube der Trust hat die Richtigkeit von Reichs anfänglicher Haltung bewiesen.

Mein Gott, wenn der Trust etwas bewiesen hat, dann, daß es ohne Reich keine orgonomische Forschung mehr gab!

Auf den Einwand, der Einsatz sei hoch gewesen (Reichs Leben!), antwortet Higgins, daß es um Reichs Arbeit ging und daß er niemandem erlaubte, sich ihr in den Weg zu stellen.

Er hätte geradezu getötet, um sie zu schützen. Und tatsächlich hat er hier ein Gewehr bei sich getragen und wollte nicht mit den FDA-Agenten sprechen.

Freud, Reich und der Wiederholungszwang (Teil 2)

21. Juni 2015

Für den mechanistischen Materialisten Freud ist die tote, also „mechanische“ Materie der Ursprung und die gegenwärtige Grundlage von allem Leben. Daraus, d.h. aus dem „konservativen Drang zur Rückkehr zum Urzustand“ leitet Freud logisch den Todestrieb her, der so genuiner Ausdruck der mechanistischen Wissenschaft ist. Demgegenüber sympathisiert Reich zunächst mit vitalistischen Konzepten, um dann zu seinem orgonomischen Funktionalismus vorzudringen, wo in Gestalt der Lebensenergie und im zentralen Begriff der „Funktion“ das Leben das Ursprüngliche ist, aus dem erst sekundär alles Mechanische sich ableitet. Dies zeigt einmal mehr, daß die Orgontheorie untrennbar mit der Orgasmustheorie verbunden ist.

Bei Freud bedeutet „Sexualsieg“ (des Lust-Ichs) Perversion, während Gesundheit gleichbedeutend sei mit einem geglückten „Ichsieg“ (des Real-Ichs). Allein schon dies (Freud: Sexualsieg = Perversion und Gesundheit = gepanzerte Eingepaßtheit) zeigt, daß Freud und Reich unvereinbare Gegenpole sind.

Wird das normale Sexualleben behindert, kommen Perversionen zum Vorschein. Die Psychoanalyse ist an diesen Perversionen interessiert (ihr Ursprung, ihre Verknüpfungen, ihr Aufbau, etc.), während für Reich all dies uninteressant war. Ihm ging es nicht um diesen Sumpf, sondern um seine Austrocknung durch Wiederherstellung (bzw. die Verbesserung) des normalen Sexuallebens.

Reich hat nie bestritten, daß es so etwas wie Freudsche perverse Triebe, Geburtstraumata und einen Adlerschen Willen zur Macht gibt. Es ist nur so, daß durch die Orgasmusfunktion diesen seelischen Gegebenheiten die Energie entzogen wird. So hat die Orgasmustheorie einen grundsätzlich anderen Charakter als andere monokausale Theorien. Der Reichsche Gesundheitsbegriff beinhaltet nicht, daß einer keine perversen Triebe hat, sondern daß diesen Trieben die Energie entzogen wird. Etwas, das zu wenig unterstrichen wird: beispielsweise ist der Rassismus möglicherweise biologisch vorgegeben, was aber für die Orgonomie relativ uninteressant ist, denn er wird erst durch den neurotischen Energiestau aufgrund orgastischer Impotenz aktualisiert. Wenn man einen harmlos tropfenden Wasserhahn mit dem Daumen zudrückt, spritzt es nach einiger Zeit gefährlich nach allen Seiten. Bei orgastischer Potenz ist die Frage der „natürlichen Anlagen“ im Endeffekt gleichgültig. (Dies wirft ein Licht auf den orgonomischen Begriff der „Natürlichkeit“, der nicht so naiv ist, wie man Reich vorwirft. Es geht nicht um Natur versus Unnatur, sondern letztendlich um ORgon versus DOR.)

Was Reich auf einer metatheoretischen Ebene von Freud trennte, war, daß Freud immer von einer grundlegenden unaufhebbaren Dichotomie ausging, die von vornherein jede Aussöhnung und damit jedes Gesundheitskonzept unmöglich machte. Von Anfang an spürt man, daß Reich Schwierigkeiten mit Freuds dualistischer Triebauffassung hatte, die streng zwischen Sexualenergie und einer Energie der Ich-Triebe (Selbsterhaltungstriebe) unterschied. Offensichtlich neigte Reich eher der monistischen Triebauffassung Jungs zu, doch stößt ihn hier die philosophische Spekulation und die Entsexualisierung ab. Dinge, die Freud überwunden hatte. Reichs eigene Lösung war die über Freud hinausweisende Unterscheidung von die Spannung erhöhender Prägenitalität und Befriedigung und Entspannung verschaffender Genitalität: die Funktion des Orgasmus beherrscht, oder besser regelt, die Gesamtheit der Triebe, z.B. auch die Aggression.

Wenn Freud auf den Orgasmus zu sprechen kommt, dann bezeichnenderweise in Jenseits des Lustprinzips bei der Begründung seiner Todestriebtheorie, d.h. der angeblich triebhaften Rückkehr des Organischen in das ursprünglich Anorganische. Der Orgasmus, bzw. der „kleine Tod“, fungiert dabei als Beispiel:

Als sein stärkstes Motiv an die Existenz des Todestriebes zu glauben, gibt Freud „das Streben nach Herabsetzung, Konstanterhaltung, Aufhebung der inneren Reizspannung“ an, das „Nirvanaprinzip“ (Studienausgabe Bd. III, Frankfurt 1975, S. 264). Freud spricht von

dem allgemeinsten Streben alles Lebenden, zur Ruhe der anorganischen Welt zurückzukehren. Wir haben alle erfahren, daß die größte uns erreichbare Lust, die des Sexualaktes, mit dem momentanen Erlöschen einer hochgesteigerten Erregung verbunden ist. (ebd., S. 270)

Drei Jahre später in Das Ich und das Es spricht Freud von der „Ähnlichkeit des Zustandes nach der vollen Sexualbefriedigung mit dem Sterben“ und erwähnt

bei niederen Tieren das Zusammenfallen des Todes mit dem Zeugungsakt. Diese Wesen sterben an der Fortpflanzung, insoferne nach der Ausschaltung des Eros durch die Befriedigung der Todestrieb freie Hand bekommt, seine Absichten durchzusetzen. (ebd., S. 113f)

Demgegenüber war für Reich der Orgasmus Ausdruck des produktiven, ausgreifenden Lebensprozesses an sich. Reich betrachtete das Triebhafte als Ausdruck der Lustsensation, nach Wiederholung zu verlangen. Der „Wiederholungszwang“ setze sich im Bereiche des Lustprinzips besonders machtvoll durch („Zur Triebenergetik“, Frühe Schriften I , siehe auch den betreffenden Hinweis in seinem Aufsatz „Über die Quellen der neurotischen Angst“ Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, XII(3), 1926, S. 423). Der „Wiederholungszwang“ bedeutete für Reich also das genaue Gegenteil als für Freud.

Reich steht hier nicht allein. In einem Fernsehbeitrag über Albert Camus sagte der Bonner Hirnforscher Detlev Linke 2005, man könne die Sisyphos-Geschichte auch psychoanalytisch lesen. Es werde versucht, den Höhepunkt zu erklimmen, bei dessen Erreichen man Entspannung findet. Linke:

Kein Wunder, daß Camus den Sisyphos als einen glücklichen Menschen beschreibt.

Linke kann nur an Reichs Die Funktion des Orgasmus gedacht haben.

Hier zeigt sich kraß der Unterschied zwischen orgastischer Impotenz (für die der Orgasmus nur Leere und Todesmüdigkeit bedeutet) und orgastischer Potenz.

Freud, Reich und der Wiederholungszwang (Teil 1)

20. Juni 2015

Man kann den „Anfangsimpuls“, der zur Erforschung der Überlagerungsfunktion durch Reich geführt hat, an Nietzsches „ewiger Wiederkehr“, an Freuds „Wiederholungszwang“ und an Paul Kammerers „Serialität“ festmachen.

Nicht ohne Grund hat Reich Nietzsches Hymne an die ewige Wiederkehr seinem Buch über Die kosmische Überlagerung vorangestellt:

O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief –,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh –,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit –,
– will tiefe, tiefe Ewigkeit!“

Nietzsches und Freuds Ideen über die „Wiederkehr des ewig Gleichen“ kann man, ebenso wie Nietzsches „Willen zur Macht“ (orgonomisches Potential! – vgl. Der verdrängte Nietzsche), als, zwar durch die Panzerung verzerrte aber doch, sehr tiefe Einsicht in das orgonotische Funktionieren betrachten. Es handelt sich einfach um das „Lustprinzip“ (auf das Nietzsches Gedicht ja abzielt) – letztlich um die Orgasmusfunktion. Erinnert sei auch an Reichs sexualökonomische Widerlegung des von Freud aus dem Wiederholungszwang abgeleiteten „Todestriebs“!

Was Kammerers „Gesetz der Serie“ betrifft, das z.B. von Einstein und Freud sehr ernstgenommen wurde, so kennt der Leser es vielleicht in Form des Plagiats, das vom berühmten Quantenphysiker Wolfgang Pauli und dem Psychiater C.G. Jung kreiert und „Synchronizität“ genannt wurde. Es geht dabei einfach darum, daß alles mit allem verbunden ist und daß sich Gleiches gegenseitig anzieht. Das ist kein Quatsch, sondern der Versuch des Superhirns Pauli mit den Mysterien der Quantenphysik fertigzuwerden! Genauso wie es ein Prinzip gibt, das der Entropie entgegenläuft (das orgonomische Potential), scheint es ein Gesetz der Serie zu geben, das den Gesetzen der Statistik entgegenarbeitet und mit dem man viele parapsychologische und quantenmechanische Phänomene (da besteht kein großer Unterschied!) erklären kann.

In diesem Zusammenhang ist es von Interesse, daß Reich schon in seinem ersten Semester in Wien Kammerers Vorlesungsreihe über die „Periodizität der Lebenserscheinungen“ hörte (Karl Fallend: Wilhelm Reich in Wien, Wien 1988, S. 227). Ich habe mich bereits an anderer Stelle mit Kammerers Einfluß auf Reich beschäftigt.

Wollte man diesen Zwang zur Wiederholung und zur Serie bildlich darstellen, käme als Essenz Nietzsches, Freuds und Kammerers das folgende zum Vorschein:

Hier haben wir das vor uns, was der Orgonom Courtney F. Baker „turning on the turning“ (Drehung in der Drehung) genannt hat und welches das Grundmuster eines Großteils orgonotischen Funktionierens zu sein scheint. Die Planeten, die Sonne und die Galaxie selber bewegen sich aufgrund dieser Kreiselwelle. Unmittelbar konnte Reich diese Bewegung bei Mikroorganismen unterm Mikroskop und bei Orgonenergie-Einheiten im „Orgonraum“ sehen.

Da Logik und Mathematik nicht in der Luft hängen, findet man diese Grundbewegung sogar dort:

„Metatheoretische Schleifen“ treten immer dann auf, wenn sich Erkenntnissysteme, wie z.B. die Logik oder etwa auch das Bewußtsein des Meditierenden, mit ihren Erkenntnismitteln gegen sich selbst richten. Man nehme etwa die Mengenlehre:

Manche Mengen (bzw. Klassen) können Mitglied von sich selbst sein, weil die Menge als ganzes betrachtet bestimmte Qualitäten mit den Mitgliedern der Menge teilt. Zum Beispiel ist die Menge aller Vorstellungen, selbst wieder eine Vorstellung. 1902 stellte Bertrand Russel fest, daß das zu einer logischen Schleife führt, wenn man die Menge aller Mengen betrachtet, die sich nicht selbst enthalten. 1931 bewies Kurt Gödel, daß das Russelsche Paradoxon unauflösbar ist. Damit hängt die gesamte Logik und Mathematik sozusagen in der Luft.

Ein für uns Normalsterbliche zugänglicheres Beispiel ist der Klugschwätzer mit seiner Behauptung, es gäbe keine Wahrheit. Womit er ja behauptet, daß es eben doch eine Wahrheit gibt – nämlich, daß es keine Wahrheit gibt… Das ach so aufklärerische und skeptische Diktum, daß nichts wahr ist, alles nur Schein, daß es keinen „Grund“ gibt, ist sich selbst widersprechender Unsinn, halt bloße Philosophie.

Das erkennt man aber erst, wenn man den Bereich der formalen Logik verläßt – die ja ganz offensichtlich nirgends hinführt – und sich dem orgonomischen Funktionalismus zuwendet. Jedes sich in selbstbezüglichen metatheoretischen Schleifen erschöpfendes Bezugssystem, etwa Sprache und formale Logik (Marke „Ein Kreter sagt, alle Kreter lügen!“), ruht jeweils auf funktionell Tieferem und „Grundlegenderem“.

Hans Hass erwähnt etwas, was an die „metatheoretische Schleife“ erinnert: Funktionell beiße sich die Katze in den Schwanz. So müssen z.B. die pflegenden Einheiten der Energone (Organismen, Wirtschaftsunternehmen) wiederum selber gepflegt werden. Einheiten der Energiezufuhr muß seinerseits Energie zugeführt werden.

Bei jenen der Abfallabfuhr treten meist selbst wieder Abfälle auf. Reinigende Einheiten müssen sehr oft selbst wieder gereinigt werden, kontrollierende müssen selbst kontrolliert werden, regenerierende müssen selbst Schäden ausgleichen können. (Naturphilosophische Schriften, Bd. 3, München 1987)

Hätte Hass dies zuende gedacht, wäre er möglicherweise zur biologischen Orgonenergie vorgedrungen, ohne die die gesamte Biologie und Ökonomie in der Luft hängt!

Freuds verzweifelter Kampf gegen Reich, um sein Lebenswerk zu retten

17. Februar 2013

Warum hat Freud auf der Sexualtheorie mit einer derartig sektiererischen Ausschließlichkeit, etwa gegenüber Jung und Adler, bestanden? Weil die Sexualtheorie die einzige Möglichkeit für Freud war, sich gleichzeitig gegen drei existentielle Bedrohungen für die Psychoanalyse zu immunisieren:

  1. Bestand die Gefahr, daß sie sozusagen in ihren Mutterboden zurückfallen und versinken würde: dem „okkulten Schlamm“ des „Mesmerismus“, der 100 Jahre zuvor den damaligen „Skeptikern“ zum Opfer gefallen war. Nicht nur, daß Sexualität das Antidoton zu jeder Art von „Religion“ war, auch sorgten die von Freud postulierten „Partialtriebe“ (anale Libido, orale Libido, etc.) dafür, daß jede einheitliche Lebenskraft gedanklich „zerstückelt“, sozusagen „dekonstruiert“ („weganalysiert“) wurde. Der Geist Mesmers wurde dergestalt gebannt.
  2. Die Psychoanalyse war kaum mehr als die Analyse von „Texten“ (Deutung der „freien Assoziation des Patienten“). Der Rückgriff auf die Sexualität, das „Animalische“ schlechthin, sorgte dafür, daß Freud als mehr dastand denn als bloßer Philosoph a la Schopenhauer und Nietzsche. Er ging quasi mit „materiellen Stoffen“ um, nicht mit bloßen Konzepten.
  3. Gleichzeitig war es Freuds Bestreben, die Psychoanalyse vom Arztberuf und der Biologie zu emanzipieren, insbesondere der Neurologie, seinem ursprünglichen Fachgebiet. (Nachdem er Psychoanalytiker geworden war, sollte er sich nie wieder mit der Entwicklung der Naturwissenschaft beschäftigen!) Die Sexualität war etwas, was anatomisch nicht greifbar war. „Libido“ konnte Dinge „besetzen“ und Dingen „entzogen“ werden. Neue Anatomische Entdeckungen konnten dieses System nicht gefährden.

Tatsächlich sollte Jung zu einer Art „Religionsstifter“ werden und Adler zu einer Art „Lebensphilosoph“ (Gemeinschaftsgefühl, Wille zur Macht, Philosophie des Als-Ob, etc.). Bei Reich löste sich die Psychoanalyse in Anatomie auf. Von „Deutung“ blieb bei ihm fast nichts.

Reich sollte zwar, im Gegensatz zu Jung und Adler, an der Sexualtheorie festhalten (sogar konsequenter als Freud selbst!), jedoch hatte er ihr das für Freud Wesentliche genommen: Mit seiner Genitaltheorie hatte er sie zu einer einheitlichen Kraft gemacht. Damit war „Mesmer“ wieder da, „Philosophie“ wurde wieder möglich und nicht zuletzt wurde die Psychoanalyse „remedizinisiert“. Alle drei Punkte werden bereits in der ersten Ausgabe von Reichs Die Funktion des Orgasmus (1927) deutlich: die Funktion des Orgasmus verband die Partialtriebe in einem System „kommunizierender Röhren mit einem gemeinsamen Flüssigkeitsstand“, die Genitalität gab Anlaß für sexualreformerische Traktate und Gesellschaftskonstruktionen, Angst war wieder eine Sache „der Nerven“ bzw. der Intoxikation mit nicht abgebauten „Sexualstoffen“.

freudssexualtheorie

Wie Wilhelm Reich von der Nachwelt betrogen wurde

27. Mai 2012

Reichs Hoffnung für die Zukunft war, daß die Panzerung der Menschen, d.h. das einzige Problem, das die Menschheit hat (andere, wirkliche Probleme ließen sich ohne dieses Scheinproblem leicht lösen), durch drei Mechanismen sich nach und nach aufweiche und schließlich weitgehend auflöse. Der Grad der Bedeutung, den er den Mechanismen jeweils zuschrieb, änderte sich im Laufe der Zeit. Es sind:

  1. Die „sexuelle Revolution“, d.h. eine grundlegende Änderung der gesellschaftlichen Atmosphäre. Das sexuelle Lebensglück, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, würde nicht mehr im Namen der „Moral“ bekämpft oder im Namen der „Vernunft“ geduldet, sondern aktiv geschützt und gefördert werden. Dieser grundlegende Wandel hätte Auswirkungen auf die Charakterstruktur der einzelnen Gesellschaftsglieder und es käme in einem sich selbstverstärkenden und selbsterhaltenden Regelkreis zu einer wahrhaftigen „biologischen Revolution“, d.h. an die Stelle des gepanzerten Menschen träte schließlich ein vollkommen neues Wesen, der ungepanzerte Mensch.
  2. Im Projekt „Kinder der Zukunft“ ist das Augenmerk weniger auf die Sexualökonomie, d.h. die „erste Pubertät“ („Ödipuskomplex“) und die „zweite Pubertät“ (Geschlechtsreife) gerichtet, sondern auf Schwangerschaft, Geburt und Säuglingsalter. Man würde, praktisch vom Zeitpunkt der Empfängnis an, alles dafür tun, daß der Mensch keine Panzerung ausbildet. Da dies mit jeder Generation besser gelinge (die „Kinder der Zukunft“ haben selber Kinder), wäre die Menschheit nach wenigen Generationen befreit.
  3. Die Erforschung des Orgons verlange vom Menschen anders zu fühlen und zu denken: ungepanzert zu fühlen und zu denken (Orgonometrie). Dieser objektive Druck würde im Laufe der Zeit die Subjekte entsprechend weicher und „durchlässiger“ machen, d.h. eben die Panzerung verschwinden lassen. Eine Gesellschaft, die von der Orgonenergie so bestimmt wäre, wie die heutige von der Elektrizität, würde sich automatisch selbst entpanzern.

Abgesehen von hoffnungsvollen Einzelerscheinungen hat sich auf breiter gesellschaftlicher Ebene keine dieser drei Hoffnungen bewahrheitet. In vieler Hinsicht ist es sogar schlimmer geworden!

  1. Die „sexuelle Revolution“ war eine einzige Katastrophe aus (zu einem Gutteil drogeninduzierter) Kontaktlosigkeit und Oberflächlichkeit. Statt sich dem bioenergetischen Kern zu nähern, flüchteten die Menschen immer mehr in die oberflächliche soziale Fassade. Sexualität wird zunehmend reduziert auf „Performance“ und vor allem auf die Frage, was das soziale Umfeld „dazu sagt“. Bei Jugendlichen geht es immer weniger um Gefühle als vielmehr um das „Image“ und narzißtische Befriedigung. Die über das Internet überall und jederzeit abrufbare Pornographie und nicht zuletzt eine immer mechanistischer und „verkopfter“ werdende Sexologie tun ein Übriges. Darüberhinaus sind Reichs sexualökonomische Anschauungen aus Sicht der Political Correctness moralisch verwerflich. In dieser Hinsicht ist die antisexuelle Moral vielleicht stärker als jemals zuvor.
  2. Die aktuelle Diskussion um die Säuglingsbetreuung zeigt, daß wir den Kampf auf ganzer Linie verloren haben. Es fängt mit der künstlichen Befruchtung an, wo gegebenenfalls vorher eingefrorene Spermien und Eizellen in orgonotisch toten Reagenzgläsern miteinander vermischt werden, um dann in einer Gebärmutter heranzureifen, die vielleicht nicht ohne Grund zuvor „steril“ war. Künstliche Gebärmütter sind mittlerweile mehr als bloße Science Fiction. Immer mehr Kinder kommen per Kaiserschnitt zur Welt und auch sonst wird das gesamte perinatale und Säuglingsleben nach allen möglichen Interessen, außer den biologischen Bedürfnissen des Kindes ausgerichtet.
  3. Der eigentliche Verrat ereignete sich aber an Reichs größter Hoffnung: er habe „Gott“ mit der Entdeckung des Orgons greifbar gemacht und damit sowohl dem Mystizismus, als auch selbstredend dem Mechanismus den Todesstoß versetzt. Stattdessen haben zwei an sich gegnerische Fraktionen, die Spökenkicker und die Skeptiker, Reichs Entdeckung in die Zange genommen und so gut wie vernichtet. Das Orgon wurde zunehmend zu nichts anderem als eine neue Art von „Prana“ oder „Qi“, d.h. zu einem Vehikel, um extrem lebensfeindliche mystische Ideologien „wissenschaftlich“ zu untermauern. Die Proponenten sprechen dabei jeweils von einer „Weiterentwicklung“ des Reichschen Paradigmas und beklagen sich heftigst über „orthodoxe Reichianer“. Unvermittelt muß sich unsereiner mit C.G. Jung, Swami Durcheinanda und gechannelten Botschaften von Erzengel Achwasel herumplagen. Ein gefundenes Fressen für die mechanistischen Sektierer. Der Heidelberger Soziologe Edgar Wunder hat die bizarre Welt des „Skeptizismus“ ausführlich analysiert: Das Skeptiker-Syndrom: Zur Mentalität der GWUP.

Um das ganze übersichtlich zu halten, habe ich bisher einen vierten Punkt ausgelassen: Reich hoffte, durch eine „Entpanzerung der Erdatmosphäre“ langfristig auch die Menschen entpanzern zu können. Wenn der „DOR-Panzer“, der den Globus umschließt, mit Cloudbustern aufgebrochen und die übererregte ORANUR-Atmosphäre abgemildert werden könnte, würden auch die Erdbewohner „weicher“ werden.

Derartige Vorstellungen waren der ultimative Beweis, daß Reich in seinen letzten Jahren verrückt geworden ist. Entsprechend wurden seine apokalyptischen Warnungen nicht etwa nur überhört, sondern erst gar nicht wahrgenommen. Im letzten halben Jahrhundert haben wir entsprechend wirklich alles getan, um diesen Planeten in eine DOR- und ORANUR-Hölle zu verwandeln. Der letzte Streich waren die bioenergetisch hochtoxischen „Energiesparlampen“. Zu allem Überfluß kam es in den letzten Jahren zu einer atemberaubenden Explosion des Gebrauchs von „Croft-Cloudbustern“, mit denen „Chemtrails“ bekämpft werden sollen. Tatsächlich wird flächendeckend das Orgonenergie-Feld der Erde in einen künstlichen Expansionszustand versetzt („blauer Himmel“), der sie langfristig abtötet. Es ist ungefähr so wie die Zwangsgabe von Speed oder Kokain: das Opfer wird energetischer, leistungsfähiger, in jeder Beziehung mehr „high“ – und gleichzeitig mechanischer, kontaktloser und schon bald kommt das böse erwachen. Siehe dazu meine Ausführungen über den Kult der Expansion.

Wie zum Hohn werde ich dann auch noch allen Ernstes gefragt, warum ich so verbittert, aggressiv und voller Haß bin!

Was tun? Dazu muß erst einmal die Frage beantwortet sein, was eigentlich geschehen ist. Warum haben sich Reichs Hoffnungen nicht materialisieren können? Seit 1960 hat sich die Gesellschaft grundlegend geändert: aus einer autoritären, „kontraktiven“ wurde eine antiautoritäre, bioenergetisch überexpansive Gesellschaft. Das bedeutet, daß sich die Menschen weiter von ihrem biologischen Kern entfernt haben. Aus der mystifizierten Traum von „der großen Liebe“ wurde ein stupider mechanischer Akt, der Mensch wurde zu einer von der DNA gesteuerten bionischen Maschine und das, was an bioenergetischem Kontakt übrigblieb (denn schließlich sind wir keine bionischen Maschinen), wurde zu einem Mystizismus neuer Prägung. Diese neue Art von „Spiritualität“ ist verkopft, kompliziert und vor allem wirr (im Gegensatz zu genuiner, „bauchgesteuerter“ Mystik).

Wir haben es also mit einem imgrunde soziologischen Problem zu tun. Ein Ansatz, den Charles Konia verfolgt, auf dessen Blog ich nur immer wieder hinweisen kann. Hier sein neuster Beitrag: Communism/Socialism Is A Cancer Of The Social Body.

Tatsächlich vertritt Konia den fünften Ansatz Reichs zur Herstellung einer besseren Zukunft für die Menschheit: die Sozialpsychiatrie. Ich bin darauf an anderer Stelle eingegangen. Dieser Ansatz wurde vielleicht am gründlichsten und vor allem systematisch zerstört durch all den freudo-marxistischen Mumpitz, der seit „1968“ von „Reichianern“ verzapft wurde. Ihre hochintellektuellen Elaborate füllen mittlerweile ganze Bibliotheken! Sie haben den Kampf gegen die „autoritäre Gesellschaft“ immer weiter verschärft.