Die moderne Orgonomie wird durch folgende Gleichung beschrieben:
Reich hat vor allem die Funktion „relative Bewegung“, d.h. Pulsation und die Kreiselwelle erforscht (siehe Äther, Gott und Teufel und Die kosmische Überlagerung). Freud hingegen hatte zuvor, insbesondere in seiner „Traumforschung“, den Bereich der „koexistierenden Wirkung“ untersucht.
Im Unbewußten geht es um die schnellstmögliche Wunscherfüllung, d.h. es wird halluziniert, wobei auf logische Verknüpfungen, räumliche Trennung und zeitliche Kontinuität, also letztendlich auf Ursache und Wirkung, keine Rücksicht genommen wird und Widersprüche unaufgelöst bestehenbleiben. Das alles erleben wir unmittelbar im Traum. C.G. Jung hat aus diesem „Primärvorgang“ schließlich eines der Hauptbeispiele für „koexistierende Wirkung“ destilliert: die Synchronizität.
Ähnliches bei Marx: ein Plastikbecher, ein Besen und eine Eieruhr haben nichts gemeinsam, will sagen, sie haben vollkommen unterschiedliche Qualitäten („Gebrauchswert“). Sie werden erst durch ihren Wert austauschbar, den quantitativen „Tauschwert“. Dieser wird durch das Geld symbolisiert: 5 Euro = 20 Plastikbecher = 1 Besen = 2 Eieruhren. Im Kapitalismus wird alles zur Ware unabhängig von „logischen Verknüpfungen, räumlicher Trennung und zeitlicher Kontinuität“. Wenn Marx in diesem Zusammenhang vom „Fetischcharakter der Ware und seinem Geheimnis“ spricht, will er damit sagen, daß der Kapitalismus eine Traumwelt ist, die von einem „Primärvorgang“ bestimmt wird.
Reich führt in Die Funktion des Orgasmus (für Freud) und in Menschen im Staat (für Marx) jeweils aus, daß die „Libido“ und die „lebendige Arbeitskraft“ (die einzig und allein den Wert schafft), die diesen beiden „Traumwelten“ zugrundeliegen, einer konkreten Energie entsprechen, dem Orgon.
Robert Hase hat Reichs Gedanken wie folgt wiedergegeben:
[Es ist] generell so, daß Personen, die von der Psychoanalyse zum Orgone Institute kämen, dazu neigen, sich an fehlerhafte Theorien wie die der „kulturellen Anpassung“ oder die Theorie der „Sublimierung“ zu klammern. (…) Man kann von einem Kind nicht erwarten, daß es seine Genitalität „sublimiert“ und es gleichzeitig sexualökonomisch erziehen. (…) Da der vorherige Psychoanalytiker sich nicht von diesen fehlerhaften Konzepten befreien kann, greift er auf irrationale Rechtfertigungen zurück, um nicht klar Stellung beziehen zu müssen und auf diese Weise in Schwierigkeiten zu geraten.
Zunächst einmal muß man sich in zweierlei Hinsicht in die damalige deutsche/österreichische Kultur versetzen, in der die Psychoanalyse eine Art „Erlösungsbewegung“ war gegen zwei „Schlammfluten“: die des um sich greifenden pseudoreligiösen Obskurantismus, wie sie der „Verräter“ der Psychoanalyse und spätere Nazisympathisant C.G. Jung sozusagen „archetypisch“ verkörperte. Dies war auf unheilvolle Weise mit Sexualität verknüpft. Man muß sich nur der schwülen Kunst des Fin de Siècle aussetzen! Psychoanalyse stand dafür, das Irrationale und Triebhafte zu entzaubern und durch Analyse und Sublimierung der Vernunft zu unterwerfen.
Zweitens war die alte Moral, war, trotz all des wuchernden Okkultismus, Gott selbst tot, und der Mensch mußte sich nunmehr sozusagen am eigenen Schopf aus dem Morast ziehen. Unter welchem Druck Psychoanalytiker von ihrer ganzen Denkart standen, wenn sie generell für sexuelle Freiheit, insbesondere aber für die Freiheit von Kindern und Jugendlichen eintraten, wird anhand von Freuds Aufsatz „Die ‚kulturelle‘ Sexualmoral und die moderne Nervosität“ deutlich: man stellte sich als eine Art „Bestie“ außerhalb der Gesellschaft, unterhöhlte deren ureigensten Grundlagen, Übermenschliches wurde von einem abverlangt. Nietzschesanisch ausgedrückt, ermordete man Gott und mußte die Konsequenzen tragen. Freud:
Unsere Kultur ist ganz allgemein auf der Unterdrückung von [sexuellen] Trieben aufgebaut. (…) Wer kraft seiner unbeugsamen Konstitution diese Triebunterdrückung nicht mitmachen kann, steht der Gesellschaft als „Verbrecher“, als „outlaw“ gegenüber, insofern nicht seine soziale Position und seine hervorragenden Fähigkeiten ihm gestatten, sich in ihr als großer Mann, als „Held“ durchzusetzen. (FREUD STUDIENAUSGABE, Bd. 9, S. 18)
Reich als „ver-rückt“ abzutun, war nur konsequent, denn zu dieser „Diagnose“ gab es nur eine einzige Alternative…
Vor diesem Hintergrund war Reich ein denkbar „unheimlicher Schreckensmann“. Seine Wirkung kann man vielleicht nur quasi „religionsgeschichtlich“ betrachten. Man denke nur daran, daß Freud die Psychoanalyse als eine Art „Freimaurerloge“ aufzog und alle alten Psychoanalytiker aus einem Nietzscheanischen Dunstkreis stammten und zu den ersten Lesern des Meisters gehörten. Wenn der Nationalsozialismus eine „politische Religion“ war, dann war die Psychoanalyse eine „wissenschaftliche Religion“. Wenn „Religion“ nach dem Tod Gottes denn noch Sinn macht – der Mensch, der über sich selbst hinauswachsende Mensch, tritt an die Stelle Gottes.
Wenn also von den „Schwierigkeiten“ der ehemaligen Psychoanalytiker die Rede ist, bringt es nichts, sich zu fragen, warum sie denn nicht einfach die Überlegenheit der Reichschen Theorie erkannt haben. Das war nicht einfach „Wissenschaft“, sondern eine existentielle Menschheitsfrage war betroffen, bei der weitaus mehr mitklang als nur Differenzen von Therapieschulen und Sozialphilosophien!
Freud warf Jung vor, die Libido zu einer „universalen Energie“ zu verwässern. Adler habe die Libido durch eine „universale aggressive Kraft“ („Wille zur Macht“) ersetzt. Freud beharrte auf seinem explizit dualistischen Ansatz, da die „psychologische Aktivität im wesentlichen von Konflikten geprägt sei“ (Peter Gay: Freud, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 2006, S. 447). „Seine Schriften sind voll von Gegenüberstellungen wie aktiv und passiv, männlich und weiblich, Liebe und Hunger und (…) Leben und Tod“ (S. 447).
Gay erwähnt Stefan Zweig: „Zweig mit seiner Begabung für die Übertreibung und die auffälligen Antithesen hat eine Strähne, eine sehr bunte Strähne, aus einem wirren Gewebe von Druck und Gegendruck herausgegriffen“ (S. 574). Das ist genau jene Fruchtbarmachung von Antithesen, die Reich in der Charakteranalyse vorexerzierte, zu der Freud aber weitgehend unfähig war.
Am nächsten kommt Freud dem „Universalen“ vielleicht mit seinem Konzept des Es, das er bei Groddeck entlehnt hatte. Groddeck über Das Ich und das Es: „Dabei hat (Freuds) Es nur bedingten Wert für die Neurosen. Er macht den Schritt in das Organische nur heimlich, mit Hilfe eines von Stekel und Spielrein genommenen Todes- oder Destruktionstriebes. Das Aufbauende meines Es läßt er beiseite, vermutlich um es das nächstemal einzuschmuggeln“ (z.n. Gay, S. 461). Freuds „Es“ bringt, so Freud am Ende von Das Ich und das Es „keinen einheitlichen Willen zustande“, weil in ihm Eros und Todestrieb miteinander ringen (S. 462).
Das „Aufbauende“, dessen Fehlen Groddeck monierte, kam beispielsweise in den Schlußworten zu Das Unbehagen in der Kultur zum tragen. Freud: „Und nun ist zu erwarten, daß die andere der beiden ‚himmlischen Mächte‘, der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten“ (z.n. Gay, S. 621).
Freud bezeichnete die Analytiker, sich selbst eingeschlossen, „als „im Grunde unverbesserliche Mechanisten und Materialisten“ (S. 498), doch immer wieder scheint das imgrunde mystische Grundwesen der Psychoanalyse durch. Von wegen „himmlische Mächte“!
Freud sprach stets von „die Wissenschaft“, doch was meinte er damit eigentlich konkret? Er, der sich spätestens seit 1900 kaum noch mit der Wissenschaft beschäftigte und vollkommen in einer „Psychologie“ aufging, die sich in Deutungen erschöpfte („Tiefenpsychologie“). Man denke nur an seinen Lamarckismus, der bei ihm einen dezidiert mystischen Charakter annahm („Geist über Materie“). Dazu Gays folgende Anmerkung:
Während des Krieges spielte er, wie er Abraham schrieb, mit der Möglichkeit, Lamarck für die Sache der Psychoanalyse zu rekrutieren, indem er zeigt, daß Lamarcks Idee des „Bedürfnisses“ nichts anderes ist als „die Macht der Vorstellung über den eigenen Körper. Wovon wir Reste bei der Hysterie sehen, kurz die ‚Allmacht der Gedanken‘“. (S. 414)
Andererseits: in seinem Dialog mit Romain Rolland, wo dieser von „ozeanischen Gefühlen“ sprach, die Grundlage des religiösen Empfindens seien, konnte Freud nur konstatieren, daß er dieses Gefühl nicht kenne (S. 612).
Die Psychoanalyse sei, so Gay über Freud, „die Kunst und Wissenschaft des geduldigen Zuhörens“ (S. 293). Immerhin hier konnte Reich Freud folgen: die Natur nicht im Kantschen Sinne „foltern“, sondern sie sprechen lassen.
Und was schließlich den orgonomischen Funktionalismus betrifft: In Gays Worten ist es „ein Gemeinplatz der psychoanalytischen Lehre, daß die dramatischten Unterschiede, wie weit auseinanderstehende Äste aus demselben Stamme entspringen können“ (S. 632). Beispielsweise schrieb Freud über die Gefühlskonflikte des „Rattenmanns“, sie seien „nicht unabhängig voneinander, sondern paarig miteinander verlötet. Der Haß gegen die Geliebte mußte sich zur Anhänglichkeit an den Vater summieren und umgekehrt“ (S. 302).