Reich hat sich definitiv nicht als Philosophen betrachtet. Er war in erster Linie Naturwissenschaftler, sozusagen kein „Denker“, sondern ein Beobachter. Reich war dabei aber kein blinder Praktiker, sondern hat ganz im Gegenteil die Wichtigkeit der Theoriebildung hervorgehoben:
Die Theoriebildung wird von vielen sogenannten „Praktikern“ als ein „philosophischer Luxus“ betrachtet. Theoriebildung ist aber kein Luxus, sondern ein wissenschaftliches Werkzeug ähnlich der Anordnung der vielen Instrumente bei einer Operation. Diese Instrumentenanordnung ist ebenso entscheidend für das Gelingen der Operation wie jedes einzelne Werkzeug für sich. Der beste Chirurg würde fehlgehen, wenn das Werkzeug für jeden neuen Handgriff erst im Raume herumgesucht werden müßte. Wie in der Werkzeuganordnung kommt man auch in der Theoriebildung von schlechteren zu besseren Anordnungen von Tatsachen. Solche Theorien können also nie ein fertiges System bilden, sie sind immer unvollständig und verbesserungsbedürftig. (Der Krebs, Fischer TB, S. 317)
Reich hat kein „System“ entworfen, das über die „Werkzeuganordnung“ hinausging. Er keine „Weltanschauung“ begründen wollen, auch wenn die Orgonomie auf eine solche immer wieder verkürzt wird, sondern es ging ihm um eine neue „Denktechnik“. Was soll das sein? Ist das nicht in dem Sinne Philosophie wie etwa Heideggerei oder die Analytische Philosophie „Denktechniken“ sind?
Man nehme die Frage, warum es immer nur zwei Funktionen mit einem gemeinsamen Funktionsprinzip gibt und nicht beispielsweise drei. So würde ein Philosoph fragen, doch Reich wendet ein, daß dies „eine unnötige Frage“ sei.
Ich habe es mir nicht ausgesucht, es hat mich ausgesucht. Ich weiß, was Ihr Problem ist. Sie kommen aus der Philosophie, wo man mit vorgefaßten Meinungen, mit Prinzipien an die Dinge herangeht. Das ist es, was die meisten Menschen tun. Aber man kann die Natur nicht so verändern, wie man sie haben will. Ich würde sagen, das ist es, was an der bisherigen Naturphilosophie falsch war. (…) Sie haben die Natur selbst nicht sprechen lassen. Ich habe mich sehr bemüht, mein Denken zu widerlegen. Ich habe versucht, herauszufinden, wo es nicht zwei Funktionen gibt, die in einem gemeinsamen Funktionsprinzip vereint sind. Aber ich konnte es nicht. Jetzt kommen Sie mir nicht mit Ideen, sondern nennen Sie mir einfach ein Beispiel, wo es mehr als zwei gibt. (Reich: „Functional Thinking“ (discussion between Reich and his students, August 8 and 12, 1950), Orgonomic Functionalism 1, Spring 1990, S. 100-112)
Es geht nicht um unsere Vorstellung von der Wirklichkeit, sondern um diese Wirklichkeit selbst, die sich unserer Begriffswelt entzieht, wie ein Fischschwarm einem Netz mit einer viel zu großen Maschenweite! Dies sieht man an den üblichen Begriffspaaren, die zwar den Eindruck von „funktionelle Paaren“ im obigen Sinne vorgaukeln können, aber doch nur Kopfgeburten sind. Über die grundsätzliche Schwierigkeit, die Reichsche Theorie in derartigen „philosophischen“ Begriffspaaren in Worte zu fassen, schreibt Bernd A. Laska:
Wer je versucht hat, genuin Reich’sche „Philosophie“ zu formulieren, wird gemerkt haben, wie sehr solch ein Versuch einer Gratwanderung gleicht, bei der die ihm sprachlich zur Verfügung stehenden Begriffspaare (z.B. tolerant/intolerant, dogmatisch/undogmatisch) die Abhänge darstellen, auf die man nicht geraten darf. Die Begriffspaare fordern ein „entweder/oder“, im Geiste Reichs ist jedoch nur ein „weder/noch“ möglich. Positiv aber läßt sich mit dem traditionellen Begriffsarsenal kaum formulieren. („Zur Bestimmung des Status der Reichschen Theorie: II. ‚Früher‘ contra ’später‘ Reich – Eine überflüssige Kontroverse“ Wilhelm Reich Blätter 2/80, S. 79)
Die obenerwähnte „Denktechnik“ ist Ausdruck einer „ungepanzerten“ Herangehensweise, während Philosophie nichts anderes ist als die Kodierung der „gepanzerten“ Existenz des Menschen. Die verschiedenen Philosophien sind Paradigmen, d.h. die Wahrnehmungs- und Denkweisen aufgrund unterschiedlicher Panzerungsmuster. Reich hat das durchbrochen, als er sich von Anfang an außerhalb stellte. Laska schreibt dazu:
Wer sich (…) ernsthaft mit [Reichs Theorien] auseinandersetzt, befindet sich (…) bald vor der Frage nach den Grenzen des gegenwärtigen Paradigmas (…). Er weiß dann aber auch, daß Reich auf Grund des ihm eigenen Vorgehens (…) stets fast automatisch auf „wunde Punkte“ stieß. Er selbst schrieb dies seinem Festhalten an der zentralen Bedeutung der Sexualität zu, die einerseits zwar fundamentale Eigenschaft aller Lebewesen ist, andererseits aber einzig gerade dem Menschen seit dem „Sündenfall“ enorme Schwierigkeiten bereitet hat. Insofern glaubte Reich, nicht nur die Grenzen der Paradigmata einzelner Wissenschaften, sondern den Gesamtrahmen eines seit Jahrtausenden bestehenden „Superparadigmas“ überschritten zu haben. (Laska: Wilhelm Reich rororobildmono, S. 7f; vgl. S.A. Clark/R.A. Frauchiger: „Pradigm-Maker or Paradigm-braker“ Journal of Orgonomy 20(1), May 1986, S. 93-105 & Journal of Orgonomy 20(2), November 1986, S. 262-274).
Reich faßt das im Zusammenhang mit seiner Krebsforschung zusammen:
Ich habe meine Krebsforschung an anderer Stelle so ausführlich beschrieben, daß ich mich hier auf das Wesentliche beschränken kann. Der Leser wird nun besser verstehen können, daß es nicht so schwierig war, „so viel auf einmal zu entdecken“, wie es war, das Entdeckte theoretisch zu ordnen. Ohne die strenge Ordnung der beobachteten Tatsachen nach einer Technik des Denkens hätte es überhaupt keine Entdeckung gegeben. Viele Forscher hatten zerfallendes Gewebe, Protozoen, Krebsgewebe und amöboide Krebszellen gesehen und untersucht und mit ihnen gearbeitet. Auch die Bione waren häufig gesehen und beschrieben worden. Die große Bedeutung der Denktechnik für die wissenschaftliche Forschung zeigt sich hier am deutlichsten in der funktionellen Verknüpfung der Beobachtungen, die in erster Linie für die Entdeckung der biologischen Energie verantwortlich war. Wissenschaftliche Bereiche wie „Krebsforschung“ und „Biogenese“, die vorher so unterschiedlich waren, verschmolzen nun nahtlos zu einer großen funktionellen Einheit. Es ist also inkohärent zu behaupten, daß ich verschiedene Arten von Entdeckungen in vielen verschiedenen Bereichen gemacht habe. Es ist auch nicht richtig zu behaupten, daß ich meine wissenschaftliche Kompetenz in einem bestimmten Bereich überschritten habe oder daß die biologische Energie von einem „Außenseiter“ der spezialisierten Wissenschaften entdeckt wurde. Alles, was ich tat, war, eine grundlegende Entdeckung zu machen, indem ich die unverantwortliche, wenn auch verständliche Zurückhaltung gegenüber dem zentralen Vorgang der Sexualität überwand. Ich entdeckte lediglich die Funktion des Orgasmus, aber ich tat dies gründlich und konsequent. Alles andere ergab sich dann von selbst. Meine wichtigste Leistung und Anstrengung war nicht so sehr meine Entdeckung (obwohl das natürlich auch dazu gehörte), sondern die Tatsache, daß ich tief verwurzelte Vorurteile, falsche Behauptungen, persönliche Hindernisse und die lebensbedrohlichen Anfälle der emotionellen Pest, die sich zum ersten Mal ernsthaft herausgefordert sah, überwunden hatte. (Reich: „Functionalism in the Realm of the Bions“ The Developmental History of Orgonomic Functionalism, In Orgonomic Functionalism 4, 1992, S. 10f)
In Äther, Gott und Teufel (1949) stellt Reich den mechanistischen Materialismus mit dem Mystizimus auf die gleiche Stufe. Beide gehen von einem unveränderlichen Absoluten aus, das jeweils einer Fehldeutung der kosmischen Orgonenergie aufgrund von Panzerung entspricht. Was beim Mystizismus Gott (der schließlich zum „absoluten Geist“, einer bloßen mathematischen Abstraktion mutierte) ist, ist beim gängigen Szientismus der Äther. „Äther“, wurde der nicht von Einstein überwunden? Ja, gerade darauf will Reich hinaus: weil der Äther als starr betrachtet wurde und die orgonotische Erstrahlung nicht berücksichtigt wurde, war seine Ersetzung durch den „leeren Raum“ unausweichlich. Ein „leerer Raum“, der dann mit mathematischen Abstraktionen gefüllt wurde. Tatsächlich ist auch die Quantenmechanik, gegenüber der Einstein eher fremdelte, nichts anderes als das: mathematische Abstraktion.
Wie gesagt, es geht um „das Absolute“, das nichts anderes ist als die „ideologische“ Widerspiegelung der unbeweglichen Panzerung, die uns zu lebenden Automaten macht, die lächeln, wenn sie wütend sein sollten, und wüten, wenn sie glücklich sein sollten. Wir leben nicht mit, sondern gegen das Leben, weil wir nicht frei pulsieren und fließen können. Entsprechend haben wir eine Naturwissenschaft entwickelt, die wie blind und taub und gefühllos gegenüber der Lebensenergie ist, die unseren Körper, unsere Atmosphäre und den gesamten Kosmos durchfließt.
Das hat Reich bereits bei seinen ersten Gehversuchen in der experimentellen Naturforschung erfahren, als er sich 1935 daran machte das Gefühlsleben des Menschen „bioelektrisch“ zu vermessen. Die Leute von der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (der heutigen Max-Planck-Gesellschaft), die ihm mit ihrer technischen Expertise zur Seite stehen sollten, hätten das Projekt zerstört, hätte er sie gewähren lassen, denn ihnen ging es nicht ums Wesentliche (die Entfaltung von Gefühlsregungen unter störenden, technizistischen Laborbedingungen), sondern um Meßfehler, mechanische Wiederholbarkeit, Kalibrierung etc., so als hätte man es mit der technischen Überprüfung von Maschinen zu tun und nicht mit hochsensiblen Menschen.
Ähnlich sah es mit den Bionversuchen aus und Reichs daran anschließende erste Schritte in der Orgonbiophysik. Zellen können, so die Experten, nur aus Zellen entstehen und Pleomorphismus ist nur ein Scheinphänomen aufgrund mangelnder Sterilität. Visuelle Eindrücke sind „subjektiv“, elektrische und thermische Messungen beruhen auf elektrostatischen Phänomenen und einer Fehldeutung der ehernen Gesetze der Thermodynamik. Kurzum alles, was Reich an Beobachtungen und Messungen vorbrachte, wurde wegerklärt. Und selbst, wenn seine Versuche nachvollzogen wurden, dann so, daß die Phänomene durch den Versuchsaufbau zerstört wurden – womit wir wieder bei Reichs Problemen mit den bioelektrischen Versuchen wären.
Es ist prinzipiell das gleiche Phänomen, dem Reich in den 1920er und 1930er Jahren in der Psychoanalyse und in der „praktischen Soziologie“ (linke, antifaschistische Politik) begegnet war: daß das Denken und Fühlen der Menschen nicht den gesellschaftlichen Erfordernissen entspricht und sie deshalb als „unpolitische Menschen“ blind in ihr Unglück laufen. Das ist so, weil die Herrschaft des Unrechts und der Ausbeutung nicht nur von oben herab die Menschen bedrückt, sondern sie sich in jedem einzelnen Individuum der Menschenmasse verankert hat. In Gestalt des Über-Ichs tragen wir den verblödenden Pfaffen, den strengen Lehrer, der uns die herrschende Ideologie einbleut, und den diese Ideologie mit Gewalt durchsetzenden Polizisten in uns selbst herum. Wir sind sozusagen „besetztes Land“ – „besessene Menschen“, die fremden Mächten dienen, so wie LaMettrie, Stirner und Reich (LSR) es dargelegt haben.
In der „unpolitischen Naturwissenschaft“ ist das genauso: Maschinenmenschen haben keinerlei Sinn für das Lebendige und blenden es deshalb auf vollautomatische Weise systematisch aus. Auch sie sind vom Über-Ich „Besessene“, die nicht ihrer Natur, ihrem ureigensten Wesen gemäß leben, sondern sozusagen, man verzeihe mir den Ausdruck, „mechaniken“. Entsprechend ist ihre Naturwissenschaft unlebendig, mechanisch, nur für das Maschinenhafte geeignet. Fremdbestimmte Roboter haben sich ein entsprechendes Weltbild geschaffen!
Nachbemerkung: Ansatzweise findet sich das Gegenmodell zum Mystizismus und Mechanismus schon lange vor Reichs Orgonbiophysik bei LaMettrie im 18. Jahrhundert. Ursula Pia Jauch hätte das beinahe in ihrem LaMettrie-Buch Jenseits der Maschine (!) herausgearbeitet, hätte sie sich nicht im Gedankenfeld von der „Wiederverzauberung der Natur“ verfangen.
Die mechanistische Wissenschaft hat die Natur entschlüsselt. Wir können bis in den Atomkern blicken, den „Urknall“ selbst simulieren, wir haben die Information im Zellkern geknackt und können künstliches Leben erschaffen und nicht zuletzt haben wir mit der KI den Maschinen sozusagen den Lebensodem Gottes (oder wohl eher des Teufels) eingehaucht, d.h. eine neue (potentiell) sich selbst bewußte Lebensform geschaffen, eben den „Golem“. Wir haben das kabbalistische Programm erfüllt, d.h. den Bauplan der Welt entschlüsselt. Aber indem wir die Welt gewonnen haben, haben wir nicht nur unsere Seele verloren, sondern die Welt selbst an die Grenze des Untergangs geführt. Schon in wenigen Jahren werden Terminatoren die letzten Menschen auf einem hochgiftigen Planten jagen bis auch der letzte Homo sapiens erledigt ist. Wir haben das Buch der Welt gelesen: man öffne ein Physikbuch, und den Code des Lebens geknackt: man öffne ein Biologiebuch, doch vom Logos wissen wir rein gar nichts. Das ist der Unterschied zwischen der quasi „kabbalistischen Wissenschaft“ und der orgonomischen Wissenschaft.
Hier stellt sich natürlich die Frage, ob diese Serie von Blogeinträgen nicht zutiefst antisemitisch ist. Ohne Judentum kein Christentum, ohne „jüdische“ Psychoanalyse keine Orgonomie, ohne „jüdische“ Wissenschaft keine Orgonomie, ohne „jüdische“ Gesetze der Triumph der sekundären Triebe. Es geht nur um eins und das hat Reich versucht Freud, seinen wissenschaftlichen Kritikern und schließlich vor einem US-Gericht zu vermitteln: es ist alles gut und schön, aber man kann nicht die Grundlage von allem ausblenden. Die wirklichen Antisemiten, sind diejenigen, die die humanistischen und universalistischen Grundlagen des Judentums vergessen haben, ebenso wie sie das Naturgesetz hinter allem vergessen haben, sei das in der Naturwissenschaft oder in der Rechtspflege. Ich kann nur auf Reichs Christusmord und meine beiden jeweils buchlangen Kommentare zu Reichs Buch verweisen (hier und hier).
Der Logos ist die „Dreieinigkeit“ der Orgonomie: die Genitalität (die Funktion des Ogasmus im Gegensatz zu den psychoanalytischen „prägenitalen“ Dämonen Sadger, Federn usw.), die Entdeckung des Orgons (das orgonomische Potential, d.h. die Ordnung, im Gegensatz zur Entropie, d.h. zum Chaos) und der orgonomische Funktionalismus, d.h. der „Logos des Orgons“. Der Teufel ist der Anti-Logos. Das Reich des Teufels ist Anti-Logos: Perversität, Chaos, Verwirrung. Man gehe in die Stadt, konsultiere ein beliebiges Massenmedium: das ist nicht wie die Hölle, das IST die Hölle!
Mit Laska kann man sagen, daß sich heute die Naturwissenschaft mit allem und jedem beschäftigt, aber ausgerechnet die Beschäftigung mit allen „Über-Ich-bezogenen“ Begriffen (Gott, Religion, Moral, Gewissen u.a.) tabuisiert. Das Private und das Politische, d.h. Fragen der Moral, bleiben ausdrücklichst draußen vor (Laskas Einleitung zu LaMettries Der Mensch als Maschine, S. XXXIIf). In diesem Bereich tummeln sich dann die „Gesellschaftswissenschaftler“, die mit Diderot davon ausgehen, daß – „Wer nicht vernünftig denken will [also ein Rechter, gar ein Nazi ist!], verzichtet darauf, Mensch zu sein und muß daher als entartetes Wesen behandelt werden“ (z.n. ebd. S. XXXII). Die Umerziehungs-, Vernichtungslager und Gaskammern des GULAG warten auf die Gegner der rotgrünen „Vernunft“!
Man besuche Gymnasien und Universitäten, Diskussionsrunden und Expertenforen – diese Zweiteilung des intellektuellen Lebens springt dir überall ins Auge. Erschreckend „kalte“ und „schizoide“ („autistische“) Naturwissenschaftler, Mathematiker, Informatiker, Ingenieure etc. die alle wirklich wichtigen Fragen „den Politikern“ überlassen – die von rein gar nichts eine Ahnung haben. Auf der anderen Seite Leute, die Michel Foucault und anderen Ideologen hinterherlaufen, deren gesamte Lebensleistung sich darum dreht L und S und R zu verdrängen. Entsprechend sind ihre Helden beispielsweise De Sade, Nietzsche und Herbert Marcuse.
Beide Gruppen von Intellektuellen, d.h. die von der Naturfakultät und die von der Gesellschaftsfakultät, wirken wie Sektenanhänger, merkwürdig blasiert, abgetrennt vom Leben und – verpeilt. Wie Reich etwa in Äther, Gott und Teufel ausgeführt hat: Naturwissenschaft kann nur funktionieren, wenn sie sich mit ihren Forschungsinstrumenten auseinandersetzt, also in erster Linie der individuell menschlichen und damit der gesellschaftlichen Struktur! Das gleiche gilt für die Gesellschaftswissenschaft. Beispielsweise ist es hochgradiger Unsinn, Fächer wie Soziologie und Politologie betreiben zu wollen, ohne Kenntnis von Elsworth F. Bakers soziopolitischer Charakterologie zu haben. Wir leben tatsächlich in einem vorwissenschaftlichen Zeitalter und das, was sich heute „Wissenschaftler“ schimpft, sind tumbe Scholastiker und gemeingefährliche Pfaffen!
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Menschen werden von inneren (in der Kindheit verinnerlichten!) Hierarchien bestimmt und sehen entsprechend die Natur von „Hierarchien“ bestimmt, d.h. betrachten sie mechano-mystisch. Charles Konia schreibt:
Eine wichtige Manifestation der Ahnungslosigkeit der Menschen ist ihre Unfähigkeit zu erkennen, daß die Bereiche der Biologie und Soziologie funktionell, d.h. energetisch, funktionieren und daß aufgrund ihrer Panzerung ihre Wahrnehmungen verzerrt sind und ihre Fähigkeit beeinträchtigt ist, entsprechend der Funktionsweise der Natur zu denken. Stattdessen betrachten gepanzerte Menschen die Natur so, wie sie sich selbst erleben, mechanistisch und mystisch. (Clueless, S. 178)
LSR mag ein Konstrukt sein, aber Konstrukte haben es an sich entweder bald mit einem „substantiellen“ Inhalt gefüllt zu werden oder sich wieder in nichts aufzulösen. Das beste Beispiel ist Freuds Konstrukt „Libido“, das Reich „gefüllt“ hat. Womit wird nun das Konstrukt „LSR“ gefüllt? Für mich ist das „Secundum naturam“, wobei die „Natur“ etwas grundlegend anderes ist als das, was heute Philosophie und Naturwissenschaft als „Natur“ auffassen.
Im folgenden geht es mir in keinster Weise um Einsteins Physik oder gar um seine gesellschaftliche Weltanschauung, sondern um die grundsätzliche Sichtweise, die sich zum Beispiel in seiner Verachtung für Konventionen und darin zeigte, daß er Leute wie Reich und Velikovsky ernstnahm. Angesichts des folgenden Zitats war meine genauso spontane wie absonderliche Idee, daß es doch hätte sein können, daß Einstein in seiner Jungend von Stirner inspiriert wurde (er war 14 als die Reclam-Ausgabe von Der Einzige und sein Eigentum erschien).
Begriffe, welche sich bei der Ordnung der Dinge als nützlich erwiesen haben, erlangen über uns leicht eine solche Autorität, daß wir ihres irdischen Ursprungs vergessen und sie als unabänderliche Gegebenheiten hinnehmen. Sie werden dann zu „Denkgewohnheiten“, „Gegebenen a priori“ usw. gestempelt. Der Weg des wissenschaftlichen Fortschritts wird durch solche Irrtümer oft für lange Zeit ungangbar gemacht. Es ist deshalb durchaus keine müßige Spielerei, wenn wir darin geübt werden, die längst geläufigen Begriffe zu analysieren und zu zeigen, von welchen Umständen ihre Berechtigung und Brauchbarkeit abhängt, wie sie im einzelnen aus den Gegebenheiten der Erfahrung herausgewachsen sind. Dadurch wird ihre allzu große Autorität gebrochen. Sie werden entfernt, wenn sie sich nicht ordentlich legitimieren können, korrigiert, wenn ihre Zuordnung zu den gegebenen Dingen allzu nachlässig war, durch andere ersetzt, wenn sich ein neues System aufstellen läßt, das wir aus irgendwelchen Gründen vorziehen. (Albert Einstein: „Über Kottlers Abhandlung ‚Einsteins Äquivalenzhypothese und die Gravisation’“, Annalen der Physik 51:639-642, 1916)
Begriffe erlangen über uns leicht eine solche „überweltliche“ Autorität, daß wir ihren rein irdischen Ursprung vergessen und sie als unabänderliche Gegebenheiten hinnehmen, das von LSR bekämpfte Über-Ich.
Bernd Laska schrieb mir vor zwei Jahrzehnten zu dieser Stelle:
Daß Einstein (wie Stalin, Trotzki u.a. Jg. 1879) von Stirner gehört, ihn vielleicht sogar gelesen hat, ist nicht unwahrscheinlich, da dessen „Renaissance“ in seine jungen Jahre fiel. Vielleicht hat Stirner ihn auch inspiriert. Aber was er in obigem Zitat sagt, klingt fast wörtlich nach der Sprachkritik Mauthners und Landauers, die sogar nachweislich sich mit Stirner auseinandergesetzt haben, aber vor „LSR“ zurückgewichen sind (vgl. mein Ein dauerhafter Dissident).
Abschließend zu diesem Teil meiner Reflektionen möchte ich noch folgendes einwerfen: Marx, Freud, Einstein. Alle drei hat Reich angebetet – na jedenfalls den „Kern-Marx“ (lebendige Arbeitskraft), den „Kern-Freud“ (Libidotheorie), den „Kern-Einstein“ („funktionalistische Physik“). Reichs verdammter Vaterkomplex, der ihn nicht sehen ließ, daß sie im Kern gegen ihn waren. Ich glaube, daß Reich persönlich ein „Vater-Imago“ brauchte, um psychisch zu überleben. Aber daß die „Reichianer“ selbst das nachäffen…
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
In allen Bereichen (Naturwissenschaft, „Geisteswissenschaft“, Ingenieurswesen, Medizin) geht es darum, die Zukunft vorauszusehen bzw. ständig bestätigt zu werden (z.B. durch neue Archivfunde). In dieser Hinsicht schneidet das LSR-Projekt sehr gut ab. Meines Erachtens zeigt das, daß „System“ hinter dem LSR-Projekt steckt. Fragt sich nur welches. Einfach nur, „die bisher zugänglichen Dokumente zu sichten, zu ordnen, die Chronologie genau zu beachten etc. und daraus Eindeutiges sichtbar machen“?
Reich hat sich der alles erstickenden Zweideutigkeit entzogen, indem er sich auf eine tiefere Funktionsebene stellte. Was machte im Vergleich dazu Bernd Laska in seinem Projekt, das sich um LaMettrie, Stirner und Reich drehte? Er entzog sich der Fachdiskussion mit Psychoanalytikern, Orgonomen etc. und zog sich auf „kriminalistische“ Evidenz zurück, auf die Spuren in den Archiven. Zum Beispiel wird das Orgon entzaubert, indem es als biographisch bedingte Kompensation der Ohnmacht Reichs entlarvt wird. Problem dabei ist, daß dabei die objektive Logik in Reichs Werk systematisch ausgeblendet wird. Beispielsweise kann das Aufarbeiten des biographischen Hintergrunds bei Reich doch nur ein Gegenchecken sein, das die Hauptarbeit begleiten muß: das Entschlüsseln des Systems, der inneren Logik, als dessen willenloses Werkzeug sich Reich sah.
Besteht nicht die Gefahr, daß man durch „Dekonstruktions-Arbeit“ (soll keine Anspielung auf die Franzosen sein! mir fällt kein besserer Begriff ein) genau das zerstört (nämlich das besagte „System“), was man freilegen will?
Manchmal braucht man lange um zu verstehen. Diesen Blogbeitrag hat der geneigte Leser dem Stöbern in meinem Archiv zu danken, wo ich auf einen alten Flyer der „Sigmund Freud PrivatUniversität, Wien“ gestoßen bin. Es geht um eine Veranstaltung zu Reichs 50. Todestag 2007.
Der Soziologe Prof. Dr. Helmut Dahmer führte aus, wie es zu Reichs „Verabschiedung der Psychologie zugunsten einer phantastischen Naturwissenschaft (der ‚Orgonologie‘)“ gekommen sei. Reichs Lehrer Freud hatte sich, so Dahmer, von einem materialistischen Physiologen der Helmholtz-Schule zu einem Kulturkritiker entwickelt, der unsere „seelischen und kulturellen Institutionen“ als „Religionen“ enttarnte. Dahmer weiter: „Seine (Freuds) neuartige Wissenschaft – eine Kritik von Pseudonatur, die sich sowohl von der traditionellen Geistes- wie von den traditionellen Naturwissenschaften unterscheidet – präsentierte er (aus verschiedenen Gründen) auch weiterhin als eine Naturwissenschaft.“ Die „Freudsche Linke“, nicht zuletzt Reich, sei diesem Verständnis der Psychoanalyse als Naturwissenschaft treugeblieben, wobei er, Reich, schließlich „die resignative Abkehr von der Geschichtsphilosophie und die Hinwendung zur Naturphilosophie (…) (wiederholte), wie sie schon für die nachhegelsche Philosophie (Schelling, Feuerbach) im 19 Jahrhundert charakteristisch war“.
Mit großen Bildungsgestus spielt Dahmer die alte Leier der Marxisten: Reich war kein richtiger Marxist, weil er den Menschen unkritisch nicht primär als gesellschaftliches Wesen, sondern als Naturwesen betrachtete. Reich konnte darauf nur antworten, daß er der „Ausdruckssprache des Lebendigen“ folgte, in der sich beides zeigte: die durch die Gesellschaft verformte Pseudonatur, der Freud sein Lebenswerk widmete (Muskelpanzerung, sekundäre Triebe, das komplizierte und verwickelte „Unbewußte“), und die wirkliche Natur (die denkbar einfachen primären Triebe), zu der Leute wie Freud und Dahmer keinen Zugang haben, weil sie von der bunten und verwirrenden Welt der Neurosen und Perversionen in Beschlag genommen werden und sich in dieser behaglich suhlen.
In vieler Hinsicht die Gegenposition zum „Freudo-Marxisten“ Dahmer nimmt Dr. med. Heike Buhl ein, die 2007 am gleichen Ort über „Orgonmedizin in der Praxis“ referierte. Dabei fällt der bemerkenswerte Satz: „Wilhelm Reich entwickelte seinen zunächst psychosomatischen Ansatz im Laufe seines Lebens zu einem energetischen Konzept weiter. Seine Arbeit veränderte sich: nicht mehr der Gefühlsausdruck, sondern die Anregung der selbstregulierten Lebenskraft, die er Orgon nannte, stand nun im Vordergrund.“ Nun, das ist eine der Hauptmißverständnisse der Orgontherapie durch orgonomische Laien: daß der Orgontherapeut von innen her das Lebendige gegen den Panzer mobilisiert. Tatsächlich ist es umgekehrt: der Panzer wird von außen Schichtweise abgetragen, genauso, wie am Anfang jedes Cloudbusting zunächst die Beseitigung des DOR steht, das Aufbrechen der „atmosphärischen Panzerung“, bevor man „mit dem Orgon arbeitet“.
Buhl führt auch aus, daß „der energetische Ansatz“ „im übrigen erstaunliche Parallelen zu den östlichen Energiesystemen des Daoismus aufweist“. Es geht also darum, das „selbstregulierte“ Chi, Prana und vermeintliche „Orgon“ zu unterstützen, auf daß die Selbstregulation sozusagen die Macht im Menschen übernimmt. Nun, das ist keine Wissenschaft, sondern genau die „Religion“, die Freud zu Recht kritisiert hatte. Die vermeintliche reine „Lebenskraft“, die Buhl mobilisieren will, ist erstens geprägt durch die gepanzerte Gesellschaft, etwas, was Reich schon in seinen bioenergetischen Experimenten in den 1930er Jahren feststellte („negative bioelektrische Konditionierung“), und zweitens hatte Reich schon in den 1920er Jahren bei der Weiterentwicklung der Psychoanalyse zur Charakteranalyse festgestellt, daß es nur zu Chaos führen kann, wenn man ohne systematische Widerstandanalyse durch Deutungen die Libido sozusagen direkt anspricht. Die Ausdruckssprache des Lebendigen übergehen zu wollen… – grotesker geht es einfach nicht!
Heike Buhl, die den Menschen nicht als gesellschaftliches Wesen, sondern als Naturwesen betrachtet, präsentiert genau den „orgonologischen“ Strohmann „Wilhelm Reich“, den Helmut Dahmer dann mit überlegener Leichtigkeit umhauen kann.
Übrigens sind die klassische Psychoanalyse und die diversen Therapien der „energetischen Medizin“ durchweg für die Katz, vollkommen sinnlos, wenn nicht kontraproduktiv, weil sie einseitig das energetische Orgonom (Zentrales Nervensystem, Sensationen) ansprechen, so daß der Organismus immer ins orgonotische System (Vegetatives Nervensystem, Emotionen) ausweichen kann, wenn die Therapie das neurotische Gleichgewicht gefährdet. Und genau darum geht es pseudo-progressiven „Antiorgonomen“ wie Helmut Dahmer und Heike Buhl in Wirklichkeit: es soll sich ja nichts verändern, genauso wie sich im daoistischen China über Jahrtausende nichts verändert hat am ständigen Massaker am Lebendigen.
Leute, die den Mystizismus in die Orgonomie integrieren wollen, tun das gerne mit Verweis auf das letzte Kapitel von Die kosmische Überlagerung. Ich bezweifle, ob sie auch folgenden vernichtenden Satz Reichs berücksichtigen: „Die Entdeckung des kosmischen Orgonozeans, seine reale Existenz, seine konkrete physikalische Erscheinung, wie sie uns in der strömenden Lebensenergie in lebenden Organismen begegnet, setzt dem Zwang, jede tiefe Suche in irreale mystische Erfahrungen zu verwandeln, eine Ende“ (Die kosmische Überlagerung, S. 128). Das ist Reichs radikale Absage an jede Form von Mystizismus.
Wird es der Naturwissenschaft gelingen, die Fragen wirklich zu lösen, die die Beziehung zwischen Körper und Seele betreffen, das heißt sie derart zu bewältigen, daß sich daraus auch menschliche Praxis und nicht nur Salonphilosophien ergeben werden, dann hat auch die Stunde des transzendentalen Mystizismus, des „absoluten objektiven Geistes“ und mithin auch die Stunde aller Ideologien geschlagen, die unter Religion im engeren und weiteren Sinne verstanden werden. (Charakteranalyse, KiWi, S. 468)
„Die Kirche lebt vom Leben, das sie tötet“ (Jenseits der Psychologie, S. 307). Wir müssen dem Mystizismus den Todesstoß versetzen – oder er wird der Menschheit zum Verhängnis. Schon zu viele Abermillionen Menschen mußten sterben oder ein Leben im Elend führen – wegen des Mystizismus. Es muß endlich Schluß sein, die Frühgeschichte aufhören und die Zivilisation anfangen!
Das heißt nicht, daß ich die rationalistische Verachtung für das Thema Religion teile, gibt es doch keinen Bereich, der die Menschen mehr vereinigt und gleichzeitig mehr trennt. Ich meinerseits empfinde Verachtung für Menschen, die, wie Hitler, dieses Thema aus opportunistischen Gründen kleinhalten wollen, weil es Deutschland, die multikulturelle Gesellschaft oder welche Gemeinschaft auch immer spaltet und „Gefühle verletzt werden könnten“. Gefühle! Das geht soweit, daß Religionskritik zunehmend kriminalisiert wird.
Elsworth F. Baker zufolge erhält sich die gepanzerte Gesellschaft durch drei Tabus: Politik (die angeblich rational ist), Religion (über die man angeblich nicht reden kann) und Sexualität (die in jeder ihrer Formen angeblich gesund ist) (Der Mensch in der Falle). Reich hat die Sexualität klassifiziert, Baker die Politik, aber interessanterweise hat sich noch kein Orgonom recht an die Religion gewagt. Aus irgendeinem Grund ist es das tiefste Tabu, tiefer als die Sexualität. Gegenüber seiner Sekretärin und Geliebten Lois Wyvell hat Reich in diese Richtung spekuliert (Wyvell: Orgone and You. A Serialized Book: 11. The Universal Fear of Orgone Energy. Offshoots of Orgonomy No. 12, 1986).
Neulich begegnete mir der Besitzer eines kleinen Bekleidungsgeschäfts hier im Einkaufszentrum auf der Straße. Der Mann stammt aus Indien und ist Sikh. Mir ging auf, wie vollkommen anders er auftritt, sich bewegt, wie vollkommen anders seine Mimik ist und seine Ausstrahlung als bei einem Moslem. Buchstäblich: Sikh gehen anders als Moslems, nämlich gutgelaunt und entspannt. Ich kenne das aus meiner eigenen „bi-konfessionellen“ Familie, seit ich ein Baby bin: Katholiken sind vollständig andere Menschen als Protestanten. Die Atmosphäre in einer katholischen Stadt in Norddeutschland, etwa Münster oder Hildesheim, ist vollkommen anders als in einer vergleichbaren protestantischen Stadt, etwa Oldenburg oder Lübeck, nämlich bedrückt und bedrückend, die Menschen gehen gebeugter. Das typische katholische Miasma.
Jamaika war in den 1970er Jahren, als es von den Rastas geprägt wurde, ein vollkommen anderes Land als heute, wo es von der Hip-Hop-Kultur dominiert wird. Gut, Hip Hop ist keine Religion, aber es geht hier vor allem um Kultur, Lebensgefühl, Werte, „Geist“. Nichts änderte sich in Jamaika, „nur“ die Populärkultur, und aus dem karibischen Paradies wurde die Hölle auf Erden! Vom Marxistischen Ungeist benebelte Dummköpfe werden das nie begreifen. Sie werden nie verstehen, daß Australien eine Erfolgsgeschichte ist, weil es protestantisch geprägt ist, und das vergleichbare Argentinien ein Trauerspiel, weil es katholisch ist.
Ich könnte so unendlich fortfahren, etwa auf die Inder und Pakistaner in England verweisen, die genetisch und kulturell identisch sind, die sich nur durch die Religion unterscheiden – und deren Stellung in der englischen Gesellschaft nicht unterschiedlicher sein könnte. Es gibt wirklich keinen wichtigeren Faktor im gesellschaftlichen Leben als die Religion! Das wußte im übrigen auch Reich bereits zu Zeiten der Sexpol, als er die Bedeutung der Sexualökonomie im gesellschaftlichen Leben analysierte.
Mein Traum wäre eine Art „Charakteranalyse“ der Religionen zu schreiben, doch das überschreitet mein Wissen und Können bei weitem. Deshalb hier nur ein paar Stichworte zur Anregung:
Erstmal zurück zu meinem Sikh und seiner Art der Bewegung. Man schaue sich Pierre Vogel oder irgendeinen anderen Vertreter des Islam an: alle haben die gleichen Manierismen, die gleiche Ausstrahlung, den gleiche Zungenschlag, den gleichen „Stallgeruch“. Und dann betrachte man zum Vergleich dazu Vertreter des Sikhismus: wie Menschen von zwei verschiedenen Planeten!
Es geht schlicht um unterschiedliche Ausdrucksweisen der organismischen Orgonenergie in ganzen Gruppen. Wie Glaubensdinge sich an der Orgonenergie festmachen, sieht man an folgendem Beispiel:
Ich kenne ein 6-jähriges Mädchen, die hin und wieder gerne während der Dämmerung mit ihrer Mutter auf der Couch liegt. Sie sagt ihrer Mutter, sie solle auf dem Rücken liegen und zur Decke schauen. Dort gäbe es, so erzählt sie, sehr viele angenehme bewegte Bilder zu sehen. Nach einem Aufenthalt bei ihren Großeltern erwachte das Kind eines abends stark verängstigt. Nachdem sie etwas beruhigt war, sagte sie, daß sie an der Decke und an den Wänden die sich bewegenden Augen der Großmutter sehe. Sie würden sie beobachten und ihr sagen, zu masturbieren sei schlimm. Der Eindruck hielt an, selbst nachdem das Licht eingeschaltet wurde. Die Kleine bestand auf der Objektivität ihrer Wahrnehmung. Sie verlor ihre Angst, als die Mutter, statt diese Objektivität in Frage zu stellen, ihr sagte: „Vertreib die Augen. Sie haben Dir nichts zu verbieten.” (Baumann: Some Observations of the Atmospheric Orgone Energy. Orgone Energy Bulletin 2(2), S. 81)
Hier haben wir schon die ganze Geschichte des Monotheismus. Liest man das Alte Testament, ging es vor allem um atmosphärische Phänomene, die man einem „Gott“ zuschrieb, der in seinen Moralvorstellungen eine erstaunliche Nähe zu den Patriarchen der nomadisierenden Völker zeigte, die schließlich Israel ausmachten. Nicht von ungefähr stellte Michelangelo dieses „Über-Ich“ als gestrengen Greis mit weißem Bart dar. Der absurde Glaube an diesen „Gott“ konnte sich aber nur verankern, weil er im Großen und im Kleinen (siehe das Erleben des kleinen Mädchens oben, wo atmosphärische Orgonenergie unversehens zum plastischen „Über-Ich“ wird) mit überwältigenden orgonotischen Phänomenen verbunden war. Sie sind überwältigend, weil die atmosphärische und die organismische Orgonenergie funktionell identisch sind und man sich entsprechend kaum gegen diese Massenpsychose wehren kann.
Reich gibt sodann Aufschluss darüber, wieso Tagespolitik, in die sich auch die besten und ehrlichsten Sozialisten und Liberalen verstrickt hatten, sinnlos ist. Nach der Erkenntnis der biosozialen Katastrophe des Menschentieres entfernte sich die Gruppe der Sexualökonomen im gleichem Maße von der Tagespolitik, wie die Forschungen in die Tiefe vordrangen. Sie verstanden den Widerstand der Politiker, die die Verantwortung trugen, die Größe des Problems, das die „Gesellschaft des irrational reagierenden Menschentieres“ darstellt, zur Kenntnis zu nehmen. Denn je mehr man darüber erfuhr, desto aussichtsloser erschien es, desto schrecklicher erschien die gesellschaftliche Illusion von der Möglichkeit des Fortschritts „ohne Beseitigung jener menschlichen Struktur, die sich nach einem Führer sehnt“. (3)
Je dringlicher die Tagespolitik nach praktischen Maßnahmen rief, desto schärfer trat der Befund der Naturwissenschaft hervor: Die soziale Misere hat ihre Wurzeln weit, weit tiefer unten, als die Politiker es zu erkennen wagten. Sie ist verankert in der gepanzerten Charakterstruktur der Menschenmassen. Diktatoren sind nicht wichtig. Wichtig sind nur die Menschenmassen. Sie allein tragen, so Reich, die Verantwortung. Sie allein können sich selbst bewältigen. Reich betrachtet den Menschen als das einzige Tier, das den Kontakt zum Leben verloren hat, das unbeweglich wurde und aus seiner biologischen Steifheit heraus das heutige Chaos geschaffen hat. Die Voraussetzung für jede echte Freiheitsbewegung sei, so Reich weiter, die Beseitigung der Bedingungen und Institutionen, die eine Charakterpanzerung schaffen.
Dies war eine erschütternde Erkenntnis, denn sie zeigte, wie sinnlos es wäre, nur gegen Diktatoren und die politische Maschinerie zu kämpfen! Das würde nichts ändern, denn die hilflosen, obrigkeitshörigen Massen würden sofort neue Diktatoren der einen oder anderen Art schaffen und sich ihnen unterwerfen. (Wie gesagt: nur die Menschen selbst können sich bewältigen! [PN]) „Der Faschismus verdankt seine Macht der sozialen Hilflosigkeit der Massen und der unbewussten Sympathie vieler demokratischer Politiker für den Faschismus (München, 1938; Stalin-Hitler-Pakt, 1939).“
Anschließend behandelt Reich den Unterschied zwischen praktischer Arbeit und Ideologie: Die Parole „Bejahung des jugendlichen Sexuallebens“ klinge einfach, selbstverständlich und „revolutionär“, sei aber nur ideologisch, weshalb, wie er später schrieb, die historische Sexpol auf jeden Fall scheitern mußte. In dem hier beschriebenen Text schlägt Reich stattdessen vor, man solle es doch einmal praktisch versuchen, die Hindernisse zu beseitigen, die einer Jugendgruppe auf dem Weg zu einem gesunden Sexualleben entgegen stehen. Dabei werde man unweigerlich scheitern, solange man nicht wisse, wo man den Feind zu suchen hat: im Parteisekretär, der um die „Reinheit“ der Parteiideologie besorgt ist, im Schuldirektor, der um seinen Job fürchtet, und im Jugendlichen selbst, der unter Orgasmusangst leidet, ganz zu schweigen von Ministern und Staatsanwälten gleich welcher Parteiideologie.
Reich stellt fest, dass der Faschismus wie Unkraut wucherte, und das nicht nur in den Kreisen der Kapitalisten, sondern auch in den Kreisen des „kleinen Mannes“. Dass die Kapitalisten den Faschismus für ihre Zwecke nutzten, als er einmal da war, und dass wiederum der kleine Mann den Kürzeren zog, sei eine andere Geschichte. Wenn der Faschismus endgültig besiegt werden solle, müsse man sich klar vor Augen halten, dass all die nationalistischen Diktaturen, die den Weltkrieg entfachten, ihre Kraft aus den unterdrückten Massen bezogen. Das hätte mit Ökonomie direkt nichts zu tun, sondern sei Ausdruck der Massenstruktur, ein biopsychologisches Problem, das psychohygienische Maßnahmen in gigantischem Ausmaß erfordere. Kein Soziologe oder Politiker des vergangenen Jahrhunderts hätte voraussehen können, dass die unterdrückten Massen selbst eines Tages den irrationalen politischen Veitstanz unterstützen würden.
„Das war 1939 klar und der Krieg hat diese Erkenntnisse bestätigt. Aber ich wagte es erst 1942 aufzuschreiben und es wurde erst 1943 veröffentlicht („Der biologische Rechenfehler im menschlichen Freiheitskampf“, lnternat. J. of Sex-economy and Orgone Research, 2, 1943, 97-121).“ (4)
Fußnoten
(3) Führer im engl. Original
(4) 1946 in der englischen Ausgabe integriert als 2. Unterkapitel von Kapitel X.