
THE JOURNAL OF ORGONOMY: chronological index vols. 1-57 (1967-2025)
Psychoanalytiker haben immer wieder herausgestellt, daß Freud und Reich Gegensätze sind. Reich sei ein utopistischer Illusionär gewesen, während Freud stets Realist geblieben sei, der an keine Aussöhnung des Gegensatzes von Natur und Kultur glaubte, sondern einen vernunftgeleiteten Stoizismus predigte. Man solle, so gut es ginge, sich in einer Natur und einer Kultur, in deren Matrix dauerhaftes Glück nicht eingeschrieben seien, einrichten und ansonsten „über den Dingen stehen“.
In seiner Arbeit über Wilhelm Reich (München 1972) schreibt der Psychoanalytiker und Reich-Kritiker Charles Rycroft, Freud habe zunächst angenommen, die psychische Energie
existiere in zwei Formen, einer beweglichen und einer „gebundenen“, wobei die bewegliche Energie den unbewußten geistigen Prozessen zugeordnet wurde, die er als „chaotisch“ und unstrukturiert beschrieb. Der gebundenen Energie dagegen, dem Merkmal der bewußten geistigen Prozesse, sei Struktur und Organisation eigen. (S. 23)
Freud wollte, so kann man anfügen, das Unbewußte bewußtmachen oder mit anderen Worten, jedenfalls im Sinne von Rycrofts obiger Darstellung, freie Energie in gebundene Energie überführen – Panzerung hervorrufen.
Die beiden Psychoanalytiker und Reich-Kritiker Béla Grunberger und Janine Chasseguet-Smirgel schreiben entsprechend in ihrem Buch Freud oder Reich? (München 1979):
Das Lustprinzip impliziert eine unmittelbare und vollständige Abfuhr der Triebe ohne jene Umwege und Aufschübe, die sein Gegenspieler, das Realitätsprinzip, aufweist. (S. 159)
Die „Umwege und Aufschübe“, die, so unsere beiden Psychoanalytiker, Freud gegen Reich hochgehalten hat, sind natürlich nichts anderes als die Panzerung („die Bindung freier Energie“), die die orgastische Impotenz aufrechterhält.
Das ganze kann man aber auch anders interpretieren. Doch um das nachvollziehen zu können, muß man sich Reichs Dreischichten-Model der menschlichen Charakterstruktur vergegenwärtigen:
Der äußere Bereich steht für die soziale Fassade, also das, womit wir der Umwelt entgegentreten. Der innere Kreis symbolisiert den bioenergetischen Kern, d.h. die „Produktionsstätte“ der Triebe. Das graue Feld, das zwischen beide geschaltet ist, steht für die mittlere Schicht bzw. die „sekundäre Schicht“. Im Normalfall, d.h. bei weitgehender Abwesenheit von Panzerung, dient die mittlere Schicht der Moderation oder, in Freudschen Begriffen, es ist der Sitz des „Realitätsprinzips“. Selbst in einer genitalen Welt können wir nicht „unmittelbar und vollständig“ immer und überall unseren Impulsen nachgeben. Das fängt schon damit an, daß man bei großer sexueller Erregung nicht zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort Geschlechtsverkehr haben kann. Man kann sich zurückhalten und dann später vollkommen gehenlassen.
Beim gepanzerten Menschen ist diese Funktion mehr oder weniger vollständig entartet. Der triebgehemmte Charakter kann sich zurückhalten, aber er kann sich nicht nach Belieben gehenlassen, d.h. er ist gepanzert. Der triebhafte Charakter kann weder das eine noch das andere. Er hat sich nicht unter Kontrolle, kann sich aber auch nicht gehenlassen.
Es geht um die Kapazität Energie zu binden und festzuhalten, die beim Neurotiker stets gestört ist. Die Psychoanalytiker unterstellen Reich, er wäre auf der Suche nach einer ganz vom Lustprinzip bestimmten haltlosen Gesellschaft bereit gewesen, die gesamte Kultur zu opfern, die auf der Bindung von Triebenergie beruht. Sie sind wie blind dafür, daß er bei seinen Überlegungen von der psychoanalytischen Erforschung ausgerechnet des triebhaften Charakters ausgegangen ist und daß es ihm um Triebökonomie, nicht um bloße Triebentladung zu tun war.
Reich war alles andere als ein Prophet der permissiven Gesellschaft. Ganz im Gegenteil ging es darum, dem Menschen wieder zu ermöglichen, seine Triebe sowohl zu kontrollieren als auch deren aufgesparte oder, was prägenitale Triebe betrifft, sublimierte Entladung voll und ganz genießen zu können.
Das betrifft nicht nur die Sexualität, sondern auch die beiden anderen Bereiche: Arbeit und das intellektuelle Leben („Liebe, Arbeit und Wissen“). Ein Beispiel für die Unfähigkeit Energie im dritten Bereich zu binden, ist die Schizophrenie. Psychosen kommen nicht aus heiterem Himmel, sondern sind (von offensichtlichen Ausnahmen, etwa Vergiftungserscheinungen, abgesehen) Endprodukt eines sozusagen „haltlosen“ Geistes. Schon sehr früh finden sich anhaltende kognitive Störungen. Ruben C. Gur (University of Pennsylvania, Philadelphia) et al. konnten belegen, daß sich bei späteren Psychosekranken zwischen 8 und 20 Jahren über alle kognitiven Domänen hinweg eine verzögerte neurokognitive Entwicklung feststellen läßt. Oder mit anderen Worten handelt es sich bei der Schizophrenie um ein charakterologisches Problem aufgrund einer starken okularen Panzerung, die es insbesondere verhindert, daß man sich konzentrieren und logisch folgerichtig denken kann.
Diese Tendenz, diese Unfähigkeit etwas „zu Ende denken zu können“ oder überhaupt wirklich denken zu können, kann man in wachsendem Maße in der gesamten permissiven Gesellschaft beobachten. Man halte sich nur mal die Kommentare der Leserschaft im Internet vor Augen. Manchmal hat man seitenlang nichts weiter als Buchstabensalat vor sich, bei der eine Gedankenführung schlichtweg nicht auszumachen ist oder sich allenfalls in selbstwidersprüchlichen Unsinn ergeht. Es ist, als wenn die Ladung nicht gehalten werden kann und die Synapsen chaotisch drauflos feuern.
Was die Arbeit betrifft: man frage einen beliebigen Lehrherren. Es fehlt nicht nur an den kognitiven Voraussetzungen, sondern auch an Disziplin, Beharrungsvermögen, an Substanz. Das einzige, was zählt, ist „Party!“, das Lustprinzip. Ähnlich ist es mit der Sexualität bestellt. Frauen und Männer mögen meinetwegen „sexy“ wirken, aber eine erotische Spannung und Ausstrahlung sucht man vergebens. Es erinnert etwas an Freuds berühmten Ausspruch, nachdem Schamlosigkeit das erste Anzeichen von Schwachsinn sei.
Man kann zwischen vier Arten von okularer Panzerung unterscheiden:
In der seit etwa 1960 sich entwickelnden antiautoritären Gesellschaft, die sich um uns herum zunehmend konsolidiert, spielen alle vier Elemente hinein. Die klassischen triebgehemmten Neurotiker verschwinden langsam aber sicher und werden von Kreaturen abgelöst, die nach Charles Konia in etwa wie folgt aufgebaut sind:
Soziopolitisch verschiebt sich das gesamte politische Spektrum nach links („Rotverschiebung“) mit entsprechend drastischen Gegenreaktionen von einzelnen Segmenten der Gesellschaft, die immer weiter in den Rechtsradikalismus abdriften.
Die generelle Zunahme der okularen Panzerung sieht man daran, daß weite Kreise der Bevölkerung zu „denken“ anfangen, wie sonst nur paranoid-schizophrene Charaktere. Ich spreche von den überhandnehmenden Verschwörungstheorien von der Mondlandung als Fake, über „9/11“ bis hin zu den „Chemtrails“.
In ihrer Studie „Dead and Alive: Beliefs in Contradictory Conspiracy Theories“ haben Michael Wood, University of Kent, Canterbury, et al. aufgezeigt, daß Verschwörungstheoretiker offenbar kaum Probleme damit haben, gleichzeitig zwei Theorien zu vertreten, die sich wechselseitig unbedingt ausschließen. Beispielsweise neigen Menschen, die davon überzeugt sind, daß Lady Diana ihren eigenen Tod inszenierte, um unterzutauchen, und daß Osama Bin Laden schon seit Jahren tot war, gleichzeitig zu der Auffassung, daß Lady Diana im Pariser Autotunnel vom englischen Geheimdienst ermordet wurde und Osama sich noch immer in einem Geheimversteck seines Lebens freut. Oder anders ausgedrückt: sich wechselseitig ausschließende Verschwörungstheorien stehen sich nicht etwa feindlich gegenüber, sondern ganz im Gegenteil unterstützen sie einander – manchmal im gleich Kopf. Das ist möglich, weil diese konträren Theorien eines verbindet, was alle anderen Überlegungen außer Kraft setzt: die Vorstellung, daß es per se eine Verschwörung gibt.
Oder mit anderen Worten: die „Verschwörungskultur“ ist nichts anderes als Emotionelle Pest: die vermeintlichen „Schlußfolgerungen“ stehen lange vor der Denkarbeit fest. Verschwörungstheorien sind destruktiver Irrationalismus auf dem sozialen Schauplatz und nichts außerdem.
Es geht bei ihnen nicht um Logik, sondern um die Vorstellung einer Verschwörung an sich. Will sagen: „die da oben“ (die Autoritäten) haben immer Unrecht, egal wie wirr und inkonsistent die „alternativen Theorien“ auch immer sein mögen. Es ist also nicht eine Sache des rationalen Abwägens, sondern das Diktat vollkommen irrationaler Emotionen („Rebellion“).
Natürlich sind Spekulationen über Verschwörungen nicht in jedem Fall etwas Schlimmes oder „Krankhaftes“. Das Problem ist die mangelnde Distanz: ohne okularen Panzer kann man klar die Umwelt wahrnehmen und widerspruchsfrei unterschiedliche Informationen objektiv abwägen, während okular gepanzerte Verschwörungstheoretiker die Wirklichkeit verzerrt wahrnehmen und sich in einem Netz von Widersprüchen verfangen, die mit immer neuen Zusatzvermutungen gegen jede logische Herausforderung verteidigt werden, so als ginge es um ein religiöses Glaubenssystem. In der antiautoritären Welt dreht sich alles nur noch um Subjektivität, welchen Eindruck man hat und wie man sich fühlt. Klares Denken, Logik? Nein, es geht um angeblich authentische Gefühle.
Die Orgonomie ist eine Wissenschaft und von daher weder an Institutionen noch an irgendwelche akademischen Titel oder Diplome gebunden. Reich hat aber auch eine psychotherapeutische Schule begründet, die Biopsychiatrie. Und hier ist es nicht anders als etwa bei Autowerkstätten, wo man ja auch nicht zu beliebigen Leuten hingeht, die „sich irgendwie mit Autos auskennen“, sondern sich ausschließlich an lizensierte Meisterbetriebe wendet, um etwa das Bremssystem überprüfen oder gar richten zu lassen. Da gibt es zwar auch keine hundertprozentige Garantie, daß alles richtig gemacht wird, aber immerhin wird die Fahrt von der Werkstatt zurück nach Hause nicht zu einem unkalkulierbaren Himmelfahrtskommando.
Als Reich sich kurz vor dem ORANUR-Experiment dafür entschied, seine Aktivitäten ganz nach Orgonon zu verlagern und sich auf die naturwissenschaftliche Forschung zu konzentrieren, gab er die Verantwortung für die Ausbildung in Orgontherapie aus der Hand und übertrug sie seinem Schüler Elsworth F. Baker, der diese Funktion ununterbrochen bis zu seinem Tod 1985 ausübte, die zu diesem Zeitpunkt an Charles Konia überging. Reich wählte Baker, der 1968 mit seinen mittlerweile ausgebildeten Schülern das „Amerikanische Kollegium der Orgonomie“ gründen sollte, aus, weil er als einziger von Reichs Schülern ausgebildeter Psychiater in gehobener Position war und eine fundierte psychoanalytische Ausbildung abgeschlossen hatte, so daß seine Hinwendung zur Orgontherapie Hand und Fuß und vor allem Gewicht hatte. Er verzichtete auf eine bequeme Karriere im medizinischen Establishment! Außerdem betrachtete Reich ihn von seiner Charakterstruktur her am geeignetsten. Am bemerkenswertesten war wohl Bakers vollkommen freies Augensegment.
Reich selbst hatte die Orgontherapie erst vor kurzem entwickelt. Tatsächlich erschien die Beschreibung der sieben Panzersegmente erst in der dritten amerikanischen Ausgabe der Charakteranalyse 1949! Entsprechend hatte Reich, der selbst noch „im Schwimmen war“, seine Schüler nie sonderlich gründlich ausgebildet. Das beste Beispiel ist Baker selbst, dem Reich 1946 bereits nach sechs Wochen seiner eigenen Therapie erlaubte, selbst Patienten orgontherapeutisch zu behandeln. Das waren sozusagen die wilden Jahre der Orgonomie; genauso wie noch Anfang der 1920er Jahre, als Reich als Therapeut anfing, die sich immer noch formierende Psychoanalyse nach wie vor sich in ihren „wilden Jahren“ befand und von geregelter psychoanalytischer Ausbildung keine Rede sein konnte. Hier ist Reich selbst das beste Beispiel! Das änderte sich erst im Verlauf der 1920er Jahre, nicht zuletzt aufgrund der Arbeit Reichs am „technischen Seminar“ in Wien.
Ob in den „wilden Jahren“ der Psychoanalyse (etwa 1900 bis 1925) und der Orgonomie (etwa 1935 bis 1950) wirklich kompetente Therapeuten ausgebildet wurden, war mehr oder weniger Glückssache, zumal während dieser Zeiten jeweils teilweise sogar Nichtmediziner zugelassen wurden. Noch heute hat man ab und an mit mittlerweile sehr alten Orgontherapie-Patienten zu tun, die manchmal ziemlich konfus wirken, so als sei zwar ihr Biosystem dramatisch „aktiviert“, dabei jedoch vor allem das Augensegment sträflich vernachlässigt worden, da ihre „Orgontherapeuten“ nicht wirklich wußten, was sie taten. Wahrscheinlich waren diese Patienten auch falsch, wenn überhaupt, biopsychiatrisch diagnostiziert und entsprechend in einen Zustand allgemeiner bioenergetischer Konfusion versetzt worden.
Bis heute ist am American College of Orgonomy das Feintuning in Sachen Diagnose und Therapie nicht abgeschlossen. Beispielsweise wurde immer deutlicher, daß die Diagnose einer „Schizophrenie“ (im biopsychiatrischen Sinne, nicht im Sinne der mechanistischen Psychiatrie!) weitaus häufiger angebracht ist, als noch zu Bakers Zeiten angenommen. Hinzu kommt der grundlegende Wandel von der autoritären zur antiautoritären Gesellschaft, die heute eine ganz andere orgontherapeutische Herangehensweise verlangt als noch bis in die 1980er Jahre hinein.
Es ist der reine Horror, daß es heute, teilweise sogar mehr denn je, Individuen und sogar ganze vermeintlich „orgonomische“ Organisationen gibt, die immer noch so agieren, als wäre die Orgonomie nach wie vor in ihren „wilden Zeiten“ und als könne man Patienten nach dem überkommenen Schema F behandeln. Resultat können bestenfalls immer neue Patientengenerationen sein, die einfach „daneben“ sind, einem ständig auf die Nerven gehen, sich aber einbilden „durchtherapiert“ zu sein, weil sie innerlich irgendwelche aufregenden Erlebnisse verbuchen können. Einen richtigen Orgontherapie-Patienten erkennt man an seinen freien, tiefen Augen, seiner unprätentiösen Lebendigkeit und seiner, im besten Sinne des Wortes, „Normalität“. Er kann„versprechen, d.h. bioenergetische Spannung aushalten und deshalb in den Bereichen Liebe, Arbeit und Wissen seinen individuellen Möglichkeiten entsprechend produktiv ein. Er ist ein „Mensch“ im Sinne des Jiddischen, kein „bioenergetischer Freak“!
Im Jiddischen bezeichnet das Wort „Mensch“ eine Person von Integrität, Ehre, Anstand und noblem Charakter, d.h. eine Person, die nachgeahmt werden sollte. Ein „echter Mensch“ ist jemand, der mit Ehrlichkeit handelt, Respekt zeigt, Mitgefühl hat und das Richtige tut, auch wenn es ihm Nachteile bringt. Mit anderen Worten: er ist das exakte Gegenteil des Kleinen Mannes!
Eine der zentralen Fragen unserer Existenz ist die nach der Identität. Was hält uns zusammen? Für Reich war es die orgonotische Pulsation. Hört die auf, zerfallen wir buchstäblich in unsere Einzelteile. Bei der karzinomatösen Schrumpfungsbiopathie steht in dieser Hinsicht unsere Physis im Mittelpunkt, bei der Schizophrenie, ebenfalls eine Schrumpfungsbiopathie, unsere Psyche. Das sind aber nur Extrembeispiele. Bei jeder chronischen Panzerung wird die Pulsation und damit unsere physische und psychische Integrität, unsere „Identität“ kompromittiert.
Sein findet sich nur im zeitlosen, unvergänglichen Jetzt, das in einer zeitlich zerrissenen Welt aber nur als „Ewige Wiederkehr“ des Augenblicks (der dadurch erst dauerhaft wird) denkbar ist. Wir reden hier von Nietzsches Konzept. Es gibt weder ein „Sein“, noch ein „Bewußt-Sein“, beide werden erst durch die Ewige Wiederkehr gesichert. Gemeint ist natürlich die Pulsation mit ihrem ewigen Wechsel von Kontraktion und Expansion.
Zur Rechtfertigung der hier vertretenden Interpretation von Nietzsches Gedanken der Ewigen Wiederkehr vergleiche Karl Löwiths berühmte Ausführungen zu Nietzsches Philosophie der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Nietzsche spricht von einer Pulsation zwischen Bewußtsein und Unbewußtsein:
Wir haben zeitweilig die Blindheit nötig und müssen gewisse Glaubensartikel und Irrtümer unberührt lassen – solange sie uns im Leben erhalten. Wir müssen gewissenlos sein in Betreff von Wahrheit und Irrtum, solange es sich um das Leben handelt – eben damit wir das Leben dann wieder im Dienste der Wahrheit … verbrauchen. Dies ist unsere Ebbe und Flut, die Energie unserer Zusammenziehung und Ausbreitung. (z.n. Löwith, Hamburg 1978, S. 101; Hervorhebungen hinzugefügt)
An anderer Stelle sagt Nietzsche:
„Wir … müssen periodische Wesen werden wollen – gleich dem Dasein“, nämlich der natürlichen Lebewesen der Welt. (ebd. S. 232)
Löwith führt aus:
Zarathustras Tiere wissen früher als er selbst, wer er ist und demnach werden muß, nämlich der Lehrer der ewigen Wiederkehr des sich ewig erneuernden Lebens, weil sie selbst natürliche und periodische Lebewesen sind. Sie „ertragen“ diesen Gedanken, der ihrer Natur entspricht, wogegen er für den Menschen zunächst unerträglich ist. Was das Tier von Geburt aus ist, kann der Mensch nur durch eine Wiedergeburt werden, durch eine Überwindung seiner selbst, wodurch sich der „Weise“ und das „Tier“ nähern und einen neuen Typus ergeben, der sich für alles Lebendige verantwortlich weiß. Weil der Mensch aber weder vollkommen wie ein Weiser, noch heil wie ein Tier ist, bedeutet das Lehren müssen der ewigen Wiederkehr für Zarathustra seine „größte Gefahr und Krankheit“, von der er genesen muß. Daher erfolgt ihre erste Verkündigung durch seine Tiere und in einer Rede, die vom „Genesenden“ spricht. (S. 77, Hervorhebungen hinzugefügt)
In der Götzendämmerung (Was ich den Alten verdanke, A 4 und Moral und Widernatur) hat, so Löwith (S. 117), Nietzsche das, wovon sein gesamtes Denken ausgeht, nämlich das Problem der griechischen Tragödie, mit den „Mysterien der Geschlechtlichkeit“ verbunden. Löwith erklärt dazu quasi orgonomisch:
Die physische Grundlage für eine ewige Wiederkehr „dieses“ Lebens fehlt Nietzsches Philosophie so sehr wie seiner eigenen, unleibhaftigen Existenz, die alles andere als „eine vergöttlichte Form und Selbstrechtfertigung der Natur“ war.
Das ist sicherlich in sich alles stimmig, doch geht es an Nietzsches Vorstellung der Ewigen Wiederkehr vorbei, nach der ohne eigenes Zutun alles wiederkehrt und zwar ohne jede Variation (da alles, nicht zuletzt aber unser Bewußtsein, mit allem anderen sozusagen „superdeterministisch“ verbunden ist). Das einzige, was man tun kann, ist so zu leben, daß man die Ewige Wiederkehr wirklich bejahen kann. Es geht schlicht um Lebensbejahung, um einen Sinn des Lebens in einem vollkommen sinnlosen Universum. Das Leben hier und jetzt ist ewig und wer in einem Jenseits nach dem „ewigen Leben“ sucht und deshalb dieses Hier und Jetzt hintanstellt, der verurteilt sich selbst zu ewiger Verdammnis, d.h. einem schlechten Leben ohne Kompensation.
In einer Hinsicht hat Löwith natürlich recht: Nietzsche hat in Hinsicht auf die Ewige Wiederkehr sein Leben verfehlt.