Ihm zuzuhören lohnt sich immer. Er ist der moderne Faust, den es in ferne exotische Gefilde trieb. Die Ausführungen des ehemaligen deutschen Mitglieds der französischen Fremdenlegion, 17 Jahre, 13 Kriegseinsätze in Afrika, sind stets von Lebenserfahrung gesättigt und von einer tiefen Humanität geprägt. Im obigen Video beschreibt er etwas, was ich – und sicherlich jeder von uns – in homöopathischen Dosen selbst erlebt habe: unter extremer Belastung spaltet man sich in zwei Teile. Der eine Teil ist emotional engagiert und voller Verzweiflung, weil nichts mehr geht, man stirbt fast vor Angst, der andere Teil ist distanziert, reduziert auf kalte Sensation und beobachtet „von oben“, daß alles perfekt funktioniert und cool ist. Ähnliches wird von Nahtodeserfahrungen berichtet.
Kann es sein, daß wir tatsächlich die „zwei Seelen“ haben, von denen Faust bei seinem Osterspaziergang gegenüber Wagner spricht?
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.
O gibt es Geister in der Luft,
Die zwischen Erd und Himmel herrschend weben
So steiget nieder aus dem goldnen Duft
Und führt mich weg zu neuem, buntem Leben!
Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein,
Und trüg er mich in fremde Länder!
Mir sollt er um die köstlichsten Gewänder,
Nicht feil um einen Königsmantel sein.
Der Mensch besteht aus zwei energetischen Systemen. Das im Solarplexus zentrierte und im Vegetativen Nervensystem Struktur gewordene orgonotische System, das in unseren Emotionen mit dem Wechsel von Lust (Expansion) und Angst (Kontraktion) zum Ausdruck kommt. Es entspricht der Pulsation der kosmischen Orgonenergie. Das zweite System ist das Zentrale Nervensystem, also in erster Linie das Gehirn. Es entspricht der orgonotischen Kreiselwelle bzw. dem bohnenförmigen „energetischen Orgonom“ und wird subjektiv als Sensation wahrgenommen:
Unter extremem Streß löst sich dieser zweite, sozusagen mehr „ätherische“ Teil vom mehr „erdgebundenen“ ersten Teil? Es ist das, was Thomas Gast wiederholt erlebt hat und was die Grundlage der meisten „mystischen“ Erfahrungen ist. Kulte versuchen diesen Zustand durch verschiedene Techniken, die auffällig dem militärischen Drill ähneln, künstlich zu induzieren. Auf nichts anderem beruht ein Großteil von Mystik und vermeintlicher „Esoterik“.
Im November 1932 hielt Leo Trotzki seine berühmte „Kopenhagener Rede“ unter dem Titel „Die russische Revolution“. Sie endete mit den folgenden drei Absätzen:
Zwar hat die Menschheit mehr als einmal Giganten des Gedankens und der Tat hervorgebracht, die die Zeitgenossen wie Gipfel einer Bergkette überragten. Das Menschengeschlecht hat ein Recht auf Aristoteles, Shakespeare, Darwin, Beethoven, Goethe, Marx, Edison, Lenin stolz zu sein. Warum sind diese aber so selten? Vor allem darum, weil sie fast ausnahmslos aus höheren und mittleren Klassen hervorgegangen sind. Von seltenen Ausnahmen abgesehen, sind die Funken der Genialität in den niedergehaltenen Tiefen des Volkes, ehe sie noch auflodern konnten, erstickt. Aber auch deshalb, weil der Prozeß der Zeugung, der Entwicklung und Erziehung des Menschen im Wesen eine Sache des Zufalls blieb und bleibt: nicht durchleuchtet von Theorie und Praxis, nicht dem Bewußtsein und dem Willen untergeordnet.
Die Anthropologie, Biologie, Physiologie, Psychologie haben Berge von Material gesammelt, um vor dem Menschen in vollem Umfange die Aufgaben seiner eigenen körperlichen und geistigen Vervollkommnung und weiteren Entwicklung aufzurichten. Die Psychoanalyse hob mit Sigmund Freuds genialer Hand den Deckel vom Brunnen, der poetisch die „Seele“ des Menschen genannt wird. Und was hat sich erwiesen? Unser bewußtes Denken bildet nur ein Teilchen in der Arbeit der finsteren psychischen Kräfte. Gelehrte Taucher steigen auf den Boden des Ozeans und fotografieren dort geheimnisvolle Fische. Indem der menschliche Gedanke auf den Boden seines eigenen seelischen Brunnens hinabsteigt, muß er die geheimnisvollsten Triebkräfte der Psyche beleuchten und sie der Vernunft und dem Willen unterwerfen.
Ist er einmal mit den anarchischen Kräften der eigenen Gesellschaft fertiggeworden, wird der Mensch sich selbst in Arbeit nehmen, in den Mörser, in die Retorte des Chemikers. Die Menschheit wird zum ersten Male sich selbst als Rohmaterial, bestenfalls als physisches und psychisches Halbfabrikat betrachten. Der Sozialismus wird ein Sprung aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit auch in dem Sinne bedeuten, daß der gegenwärtige, widerspruchsvolle und unharmonische Mensch einer neuen und glücklicheren Rasse den Weg ebnen wird.
Reich hat im Oktober 1933 diese Aussagen Trotzkis in seiner kurzen Korrespondenz mit ihm in einen – Reich‘schen Zusammenhang gestellt.
Die kommunistische Partei kann als wirtschaftspolitische Organisation die sexualpolitische Arbeit nicht leisten, hierzu ist eine eigene Massenorganisation notwendig, doch kann diese ohne Anlehnung an eine politische Partei ebensowenig zur vollen Entwicklung kommen. Ich bitte Sie nun, mir mitzuteilen, wie Sie zu einer Zusammenarbeit stehen. Dazu wäre natürlich notwendig, daß sich die Führung der politischen Organisation ausreichend über die Grundprobleme der Sexualpolitik orientiert und im Falle des grundsätzlichen Einverständnisses die Organisation unterstützt. Ich glaube bei Ihnen für die Bedeutung der Sexualpolitik für den Klassenkampf mehr Verständnis, als sonst der Fall ist, zu finden und gründe diese Ansicht auf den Schluß Ihrer Kopenhagener Rede; sowie auf Ihre Schrift „Fragen des Alltagslebens“, ich glaube aus dem Jahre 1924, in der Sie im Anhang mit vollem Verständnis die Fragen der Funktionäre dieses Gebiet betreffend abdruckten. Ich darf, ohne es hier zu beweisen, anfügen, daß der Rückgang der Kulturrevolution in der SU zentral mit der Tatsache innigst zusammenhängt, daß die sexuelle Revolution im Jahre 1923 abgestoppt und nicht ins Klare weiterentwickelt wurde.
Reich verkannte vollkommen, daß er und Trotzki (und mit ihm praktisch das gesamte damalige „progressive Lager“) auf zwei vollkommen unterschiedlichen Seiten standen. Marx, Engels, Lenin, Trotzki, Stalin ging es um die Beherrschung der „anarchischen“ Natur, und zwar im Sinn sowohl der äußeren als auch der inneren. „Planwirtschaft!“ Freudianisch ausgedrückt: wo Es war sollte Ich herrschen. Reich ging es ganz im Gegenteil um die Beendigung dieser Art von Herrschaft per se: wo Über-ich war, sollte Ich sein. Das Menschentier sollte „entdomestiziert“ werden und auf gesellschaftlicher Ebene die „natürliche Arbeitsdemokratie“ freigelegt werden.
In seinen obigen Ausführungen dachte Trotzki an etwas grundlegend anderes; etwas, was dem heutigen „Transhumanismus“ nahekommt: „Bewußtsein“, „Wille“, „körperliche und geistige Vervollkommnung und weitere Entwicklung“, „Triebkräfte der Psyche beleuchten und der Vernunft und dem Willen unterwerfen“, „mit den anarchischen Kräften der eigenen Gesellschaft fertigwerden“, „der Mensch in den Mörser, in die Retorte des Chemikers stecken“. Transhumanismus: „Die Menschheit wird zum ersten Male sich selbst als Rohmaterial, bestenfalls als physisches und psychisches Halbfabrikat betrachten.“
Dahinter steckt der eine welthistorische Konflikt zwischen LSR und DMF, zwischen LaMatrie, Stirner, Reich auf der einen und Diderot (Rousseau sowie weitere Menschenbändiger und -züchter), Marx (Nietzsche sowie weitere Menschenbändiger und -züchter) und Freud (Marcuse sowie weitere Menschenbändiger und -züchter) auf der anderen Seite. Bernd Laska hat gezeigt, daß ein Teil von Reichs Tragödie darin bestand, diesen grundlegenden anthropologischen Unterschied zwischen sich und Leuten wie Trotzki, nicht zu sehen bzw. nie deutlich genug wahrzunehmen und eindeutig auszuformulieren. Bereits ins der Deutschen Ideologie hatte Marx gegen Stirner dargelegt, daß der Weg zur Emanzipation nichts Abstraktes sei, blablabla, sondern nur über die Veränderung der Umwelt möglich sei, wobei sich der Mensch selbst verändere…
Warum wenden sich so viele Menschen nach anfänglichem Interesse wieder von der Orgonforschung ab? Weil sie eine Sache des Glaubens ist! „Glauben“ im Sinne von Einräumen von Kredit, d.h. Vertrauen. Skepsis zerstört genau das, was erforscht werden soll.
In der wissenschaftlichen Forschung müssen alle äußeren Einflüsse kontrolliert werden und zwar auf eine Weise, die die Orgonenergie-Funktionen ersticken. Das war schon bei Reichs ersten Experimenten Mitte der 1930er Jahre mit dem bio-elektrischen Hautpotential der Fall. Lust ist etwas dermaßen Intimes und „Scheues“, daß es praktisch unmöglich ist, sie adäquat im Labor zu messen. Ähnlich verhält es sich mit den Bionen und den Anforderungen der Sterilisierung. Der nächste Schritt waren dann die Messungen mit Elektroskop und Thermometer. Hier geht es um die Abgrenzung der „Orgonität“ von der Elektrostatik und die Tücken der Thermodynamik. Um das atmosphärische Orgon messen zu können, muß es einen freien Austausch mit der Atmosphäre geben, – was zu unkontrollierbaren Temperaturschwankungen führt, die jeden Orgoneffekt unsichtbar machen. Und was reine Beobachtungen, etwa mit dem Orgonoskop betrifft, sind wir wieder bei der Auseinandersetzung zwischen Newton und Goethe.
Niemand kann erwarten bei nebligem, feuchtem Wetter irgendwelche orgonotischen Phänomene messen zu können. Ist es aber trocken und die Luftfeuchtigkeit außergewöhnlich niedrig, wird der Physiker triumphierend einwenden, daß nunmehr elektrostatische Phänomene verstärkt auftreten und es fast so schwer zu einem Wärmeausgleich kommt, als würden wir im Vakuum operieren. Tatsächlich würde ein Physiker To-T-Experimente vorzugsweise bei hoher Luftfeuchtigkeit durchführen! Unter diesen Umständen kann die Orgonomie keine „skeptische“ (im Gegensatz zu einer immanenten) Diskussion gewinnen! Vom ORANUR, das in allen Forschungslabors herrscht, brauchen wir erst gar nicht anfangen.
Die Antwort bzw. der Einwand des Orgonomen wird stets die gleiche sein, die Reich bereits Einstein gab: geduldig beobachten, etwa mit dem Orgonoskop, und die Messungen unter den verschiedensten Bedingungen und Konstellationen wiederholen. Damit drehen wir uns im Kreis: Einstein mußte Reich einen ziemlich großen Kredit an Vertrauen einräumen gegen seine eigene Skepsis und die Skepsis seiner Berater.
Ein unlösbares Problem? Nein, ein Scheinproblem, denn jedem Forscher wird Kredit eingeräumt und das zusehends buchstäblich. Unter gigantischem Aufwand von Kapital werden Beobachtungsstationen und Labors in den tiefsten Bergwerken errichtet und in die Umlaufbahn der Erde geschossen und immer gigantischere Teilchenbeschleuniger gebaut und zwar unter Prämissen, die selbst ein gewöhnlicher Diplom-Physiker kaum wirklich nachvollziehen kann. Es ist eine verschwindend kleine Gruppe von, wenn man so will, „sich immer weiter spezialisierenden Spezialisten“, denen man schlichtweg blind vertrauen muß, zumal diese Forschung einen immer kleiner werdenden konkretem Ertrag einbringt, d.h. etwa sich in neuen Industrieprodukten niederschlägt.
Warum wird diesen Leuten ein praktisch unendlich großer Kredit eingeräumt, während ein Reich mit weniger als nichts auskommen muß, d.h. er ganz im Gegenteil sogar verfolgt wird? Argumente wie „Außenseiter“ und „fachfremd“ stechen nicht wirklich, da sie letztendlich einen Zirkelschluß darstellen, denn Reich konnte einen beliebig großen Aufwand betreiben, die teuersten Mikroskope anschaffen, bei beliebig vielen Autoritäten vorsprechen: es führte zu nichts, weil der Knackpunkt ein ganz anderer war. Er, und damit sein Forschungsansatz, war von vornherein aus der „anständigen Menschheit“ ausgeschlossen, ein „Paria des Geistes“, wie Bernd Laska es genannt hat.
Man schaue sich nur LaMettrie an, um zu sehen, was wirklich vor sich geht. Er glaubte, daß der „Glücksveranlagung“ des Menschen nur das Gewissen entgegensteht, ein überflüssiger Fremdkörper wie Gott und die unsterbliche Seele, die ebenfalls obsolet sind, wenn, wie er annahm, die Materie aus sich selbst heraus wahrnehmen und empfinden kann. Kurz gesagt, glaubte er an „das Lebendige“, das von der drögen, letztendlich auf die Scholastik zurückgehenden, angeblichen „Vernunft“, tatsächlich aber dem lebensfeindlichen Ordnungswahn (Produkt des besagten Gewissens), seiner vermeintlich aufklärerischen Mitstreiter systematisch erstickt wurde. Sie betrachteten ihn als „Verteidiger des Lasters“ und „Lästerer der Tugend“, der es unterläßt, „die Wahrheit zu suchen und die Tugend auszuüben“ und deshalb ein für allemal in ihren Kreisen nichts zu suchen hat. Er ist von vornherein nicht „kreditwürdig“ (vgl. Jauch: Jenseits der Maschine, S. 46f).
Apropos lebensfeindlicher Ordnungswahn:
Der typisch mechanistische Physiker denkt nach den Prinzipien des Maschinenbaus, dem er wesentlich zu dienen hat. Eine Maschine hat perfekt zu sein. Daher muß das Denken und Handeln des Physikers „perfekt“ sein. Der Perfektionismus ist ein wesentliches Kennzeichen des mechanistischen Denkens. Es läßt keine Fehler zu. Unsicherheiten, schwebende Situationen sind unerwünscht. (Äther, Gott und Teufel, S. 86).
In dem besagten Buch, Äther, Gott und Teufel, kann man nachlesen, was das mit dem Komplex „Gott“ und Panzerung (gleich „Gewissen“, gleich „Über-Ich“) zu tun hat!
Fußnote zum Beitrag: Ich kann mir Bernd Laskas Reaktion auf Peter Nasselsteins Verknüpfung von LSR und Orgonbiophysik lebhaft vorstellen:
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Ich kann nur zitieren, welche Bedeutung das ganze hat, kann ich nicht sagen:
Je mehr nun aber Einem die Furcht Ruhe läßt, desto mehr beunruhigen ihn die Wünsche, die Begierden und Ansprüche. Goethe’s so beliebtes Lied, „Ich hab‘ mein‘ Sach auf nichts gestellt“, besagt eigentlich, daß erst nachdem der Mensch aus allen möglichen Ansprüchen herausgetrieben und auf das nackte, kahle Dasein zurückgewiesen ist, er derjenigen Geistesruhe teilhaft wird (…) (Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit, reclam 1953, S. 145)
Stirner und Goethe?! Aber wahrscheinlich habe ich hier mal wieder was „entdeckt“, was eh jeder außer mir wußte.
Auch sonst ist Schopenhauer für LSR interessant, denn z.B. äußert er sich begeistert zu Diderot und Seneca, Nietzsches Reaktion auf Stirner kann man wohl nur vor dem Schopenhauerschen Hintergrund verstehen; Freud (und selbst Reich) wurden von Schopenhauer beeinflußt, etc. Und ich habe auch den leisen Verdacht, daß sogar Stirner von Schopenhauer beeinflußt wurde. Ohnehin gibt es formal (natürlich nicht inhaltlich) viele Parallelen zwischen den beiden.
Goethes Lied von 1806 in seiner Gesamtheit:
Ich hab‘ meine Sach‘ auf nichts…
Ich hab' meine Sach' auf nichts gestellt, juchhe!
Drum ist so wohl mir in der Welt, juchhe!
Und wer will meine Kamerade sein,
Der stosse mit an, der stimme mit ein
Bei dieser Neige Wein.
Ich stellt' meine Sach' auf Geld und Gut, juchhe!
Darüber verlor ich Freud' und Mut, o weh!
Die Münze rollte hier und dort,
Und hascht' ich sie an einem Ort,
Am andern war sie fort.
Auf Weiber stellt' ich nun meine Sach', juchhe!
Daher mir kam viel Ungemach, o weh!
Die Falsche sucht' sich ein ander Teil,
Die Treue macht' mir Langeweil,
Die Beste war nicht feil.
Ich stellt' meine Sach' auf Reis' und Fahrt, juchhe!
Und ließ meine Vaterlandesart, o weh!
Und mir behagt' es nirgends recht,
Die Kost war fremd, das Bett war schlecht,
Niemand verstand mich recht.
Ich stellt' meine Sach' auf Ruhm und Ehr', juchhe!
Und sieh', gleich hat ein andrer mehr, o weh!
Wie ich mich hatt' hervorgetan,
Da sah'n die Leute scheel mich an,
Hatte keinem Recht getan.
Ich setzt' meine Sach' auf Kampf und Krieg, juchhe!
Und uns gelang so mancher Sieg, juchhe!
Wir zogen in Feindes Land hinein,
Dem Freunde sollt's nicht viel besser sein,
Und ich verlor ein Bein.
Nun hab' ich meine Sach' auf nichts gestellt, juchhe!
Und mein gehört die ganze Welt, juchhe!
Zu Ende geht nun Sang und Schmaus;
Nur trinkt mir alle Neigen aus,
Die letzte muß heraus!
Man kann dieses, Goethes Lied Schopenhauerisch interpretieren, nämlich das eh alles sinnlos ist und der Wille, der all diese Pein hervorruft, im Geistigen Zuflucht suchen sollte. Ähnlich wie Freuds Vorstellung von der „Sublimierung“. Oder eben Stirnerisch: wenn du nicht deine Interessen vertrittst, andere werden es definitiv nicht tun, also laß dich nicht von dieser Welt einwickeln.
Dazu passen Goethes und Schillers Aussagen über das „Ich“ bei Descartes, Spinoza, Berkeley, Leibniz, Kant und Fichte in den Xenien (Nr. 374-384). Man vergleiche etwa die Xenie „Denk‘ ich, so bin ich. Wohl! Doch wer wird immer auch denken? Oft schon war ich und hab‘ wirklich an gar nichts gedacht“ – mit Stirners entsprechender Aussage in Der Einzige und sein Eigentum, Reclam S. 389, die ich im vorangegangenen Teil dieser Reflektionen erwähnt habe.
Auch erinnert mich folgendes Stirner-Zitat: „(…) es ist ein mächtiger Unterschied, ob Ich Mich zum Ausgangs- oder zum Zielpunkt mache. Als letzteren habe Ich Mich nicht, bin mir mithin noch fremd, bin mein Wesen, mein ‚wahres Wesen‘, und dieses Mir fremde ‚wahre Wesen‘ wird als Spuk von tausenderlei Namen sein Gespött mit mir treiben“ (Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, reclam, S. 368) – an Goethe, der mal an den Rath Schlosser schrieb: „Wahrhaft hochachten kann man nur, wer sich nicht selbst sucht“ (z.n. Nietzsches Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus Nr. 266).
Natürlich ist Stirner kein „Nachläufer“ Goethes (etwas, was mangels Quellen, sowieso nie mit Sicherheit erschlossen werden kann), aber für einen Goethe-Kenner wie Nietzsche muß dieser „Gleichklang“ von Stirner und Goethe wirklich frappierend gewesen sein. Kann es nicht sein, daß sich bei Nietzsche doch Aussagen über Stirner finden lassen: nur daß Stirner von Nietzsche zur Tarnung die Maske Goethes verpaßt bekommen hat?