Posts Tagged ‘Kubaner’

Der biologische Rechenfehler und die gegenwärtigen Probleme des Menschen

19. Mai 2019

 

Paul Mathews:
Der biologische Rechenfehler und die gegenwärtigen Probleme des Menschen

 

People’s Temple: eine Fallstudie über Faschismus und die Emotionelle Pest (Teil 5)

11. Mai 2019

von Paul Mathews, M.A.

 

Die Bereitschaft, einem faschistischen Führer und seiner Bewegung zu folgen und daran zu glauben, ist so tief verwurzelt, daß es selbst nach den tragischen Ereignissen in Jonestown diejenigen gab, die ihn lobten und unterstützten. Das Time Magazine (9, S. 21) erklärt: „Guy Young, 43, sagte, daß er im People’s Temple ‚einen Sohn und einen Schwiegersohn hat, von dem ich weiß, daß er lebt‘. Dann schluchzte er und ein anderes Mitglied erklärte: ‚Seine Frau, vier Töchter, ein Sohn und zwei Enkelkinder wurden als tot gemeldet.‘ Young fing sich und fügte hinzu: ‚Ich bedauere nicht, daß sie dort waren. Das waren die glücklichste und lohnendste Zeit ihres Lebens.‘“

Der vorangegangene Abschnitt erklärt kurz und knapp, warum es denjenigen, die die Schwarzen oder Roten Faschismen unserer Zeit unterstützen, sich mit ihnen identifizieren oder ideologisch in sie eingewilligt haben, so schwer fällt ihre Fehler anzuerkennen. Irgendwie müssen sogar offensichtliche, schreckliche Übel als notwendige Schritte rationalisiert werden oder als vom ideologischen Gegner herbeigeführt. So sind, gemäß der Propagandarichtlinie, nicht Rußland, China, Kuba, Vietnam und Kambodscha für die schrecklichen Ereignisse, die beständig aus ihren Ländern berichtet und verifiziert werden, verantwortlich, sondern die USA und andere westliche Demokratien. Nicht der inhärent strukturierte Totalitarismus völlig zentralisierter kommunistischer Nationen und deren Massen, die sich nach dem Führer und dem Kommissar sehnen, sondern der „kapitalistisch-imperialistisch-militärisch-industrielle Komplex“ ist verantwortlich für die Gulags, Holocausts, „Boatpeople“ [die vietnamesischen Bootsflüchtlinge] und den aggressiven militärischen Expansionismus dieser kommunistischen Utopien. Offensichtlich ist das, was von etwas Freiheit und Gesundheit in dieser Welt übrigbleibt, beängstigender als die Aussicht auf die rotfaschistische Barbarei. Um Kunstlers Ermahnung zu wiederholen: „man sollte niemals einen kommunistischen Staat öffentlich kritisieren“.

Der bereits zitierte Autor von Inside Cuba Today, Fred Ward, berichtet folgendermaßen über die Reaktion des kubanischen Volkes auf die Unterdrückung durch die Kommunisten: „Wie akzeptieren die Kubaner all die Einschränkungen? Sie sind weitgehend enthusiastische Unterstützer der Regierung. Zweifellos wünschen sich viele mehr Freiheit, aber sie würden Fidel überallhin folgen, da sie ihn bereits während einer totalen sozialen Revolution unterstützt haben.“ Auch Jonestown hatte begeisterte Anhänger unter seinen Opfern, selbst Repräsentant Ryan und seine Reisegruppe ließen sich zunächst von den Bekundungen dieses Enthusiasmus täuschen, denn es war eine Kombination aus einer Minderheit von furchtbar eingeschüchterten Dissidenten und einer Mehrheit von mystischen Bewunderern.

Charakteristisch für die paranoide Schizophrenie ist, daß sich eine potentielle Bedrohung, gleichgültig wie weithergeholt sie auch ist, in eine unmittelbar bevorstehende Bedrohung verwandelt. Der Mechanismus dieses Zustands wird von Reich und Baker in den zuvor genannten Werken beschrieben (4, 12). So flohen Jones und seine Kultanhänger nach Ukiah in Brasilien und nach Jonestown, um dem „Atomtod und/oder Verfolgung und Folter durch die CIA“ zu entgehen. Diese weitere Entwurzelung und Desorientierung von Individuen, die bereits schwach in ihrer Ich-Struktur und charakterologisch desorientiert waren, führte zu einer noch stärkeren Abhängigkeit von Führern und Gleichgesinnten. In Anbetracht der Tatsache, daß sie weit weg von zu Hause und einer vertrauten Umgebung waren, weit entfernt von jeder anderen Quelle von Kontakt, umgeben von Dschungel und in nationale und kosmische Kräfte eingetaucht, an die sie nicht gewöhnt waren, ist es nicht schwer, ihr Gefühl zu verstehen im Himmel zu sein („Es war das Paradies auf Erden“, sagte der Anwalt Charles Garry) und gleichzeitig in der Hölle, und es ist auch nicht allzu schwierig, die Hilflosigkeit und sogar die Bereitschaft zu verstehen, der „Endlösung“ von Führer Jones in seine eigene „Götterdämmerung“ blindlings zu folgen.

Um zu verstehen, welche Art von Extremismus zu diesem Massenselbstmord führen kann, müssen wir zu Reichs Definitionen zurückkehren. In Die Massenpsychologie des Faschismus stellt Reich fest (1, S. 159): „Welche Inhalte immer mystisches Erleben haben mag, es ist im wesentlichen das Negativ des genitalen Strebens, im wesentlichen Sexualabwehr; aber sie erfolgt mit Hilfe nichtgenitaler sexueller Erregungen.“ Reich erklärt weiter (19, S. 97f): „Die Existenz einer trennenden Mauer (der Panzer) zwischen Erregung und Empfindung begründet also das mystische Erlebnis. … Der Mystizismus beruht demnach auf einer Sperre der unmittelbaren Organempfindungen und auf dem Wiederauftreten dieser Empfindungen in der pathologischen Wahrnehmung ‚übernatürlicher Kräfte‘.“

Jim Jones war bekannt dafür, daß er sowohl die sexuelle Erregung seiner Anhänger anstachelte als auch zur selben Zeit unterdrückte. Einerseits befahl er Männern und Frauen seines Kultes, öffentlich über ihre sexuellen Beziehungen mit ihm zu berichten, auf der anderen Seite demütigte er eine Anhängerin, die sexuelle Beziehungen ohne seine Erlaubnis hatte, indem er sie zwang, mit einem zweiten Mann vor versammelter Mannschaft Geschlechtsverkehr zu haben (10, S. 65). Diese Art der verzerrten Sexualerregung in Verbindung mit der Umgebung und den Charakterstrukturen seiner Anhänger förderte die Art der Abspaltung von Erregung und Empfindung, die sowohl zur Hilflosigkeit als auch zur pathologischen Wahrnehmung bei Führer und Geführten führte. Reich schreibt (1, S. 142f):

Der religiöse Mensch ist in Wirklichkeit völlig hilflos geworden, da ihm die Glückfähigkeit und die Aggressivität Schwierigkeiten des Lebens gegenüber durch Unterdrückung seiner Sexualenergie verlorengingen. In Wirklichkeit hilflos, muß er mehr an übernatürliche Kräfte glauben, die ihn stützen und beschirmen. Wir verstehen daher, daß er in manchen Situationen auch eine unglaubliche Kraft der Überzeugung, ja des passiven Todesmuts entwickeln kann. (kursiv von mir – P.M.)

Die Makro- und Mikro-Jonestowns finden sich in der Geschichte des gepanzerten Menschen zu Hauf und werden dies auch weiterhin tun, wenn die Grundlagen dieser Bedürfnisse nicht beseitigt sind: die mystische, faschistische Struktur der Massen und die Emotionelle Pest der Menschheit. Diese Ziele können nur durch die Bejahung der natürlichen Sexualität und Lebensfreude in der Kindheit erreicht werden durch selbstregulierende, sexualökonomische Herangehensweisen bei der Kindererziehung und durch das Erlernen, wie man mit den Mechanismen der organisierten und unorganisierten Emotionellen Pest effektiver umgehen kann. In dieser Hinsicht warnte Reich die stärkste Bastion der in der Welt verbleibenden Freiheit und Gesundheit wie folgt (1):

Wir übersehen … nicht die vielen Fehlschläge und traditionellen Bremsungen, aber die Erneuerungen echt demokratischer Versuche hatten jedenfalls in Amerika, und nicht in Rußland, eine Zuflucht gefunden. Es bleibt zu hoffen, daß die amerikanische Demokratie gründlich einsehen wird, daß der Faschismus keine nationale oder parteiliche Angelegenheit ist; und daß es ihr gelingen wird, die Diktaturneigung in den Menschenmassen selbst zu bewältigen.

 

Literatur

1. Reich, W.: Die Massenpsychologie des Faschismus, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1974
4. Reich, W.: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989
9. „Cult of Death“, Titelgeschichte, Time Magazine, 4. Dez. 1978
10. „The Cult of Death“, Titelgeschichte, Newsweek Magazine, 4. Dez. 1978
12. Baker, E. F.: Der Mensch in der Falle, München: Kösel, 1980
19. Reich, W.: Äther, Gott und Teufel, Frankfurt: Nexus Verlag, 1983

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 13 (1979), Nr. 2, S. 249-260.