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3. Die Entstehung des „Nein“, a. Die Emotionelle Pest im Angriff auf den Urquell des Lebens
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1. „Rousseauismus“? c. Verlorengegangene und erträumte Paradiese
Die Kultur ist (…) auf Triebverzicht aufgebaut, und jedes einzelne Individuum soll auf seinem Wege von der Kindheit zur Reife an seiner Person diese Entwicklung der Menschheit zur verständigen Resignation wiederholen. Die Psychoanalyse hat gezeigt, daß es vorwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, sexuelle Triebregungen sind, welche dieser kulturellen Unterdrückung verfallen. (Freud: Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung, 1924)
Das schrieb Freud zu genau jener Zeit, als Reich seine Orgasmustheorie formulierte und seine Charakteranalyse zu entwickeln begann, bei der es um die Auflösung der Kultur („Charakter“) geht.
Marx‘ Theorie läßt sich in zwei Sätzen zusammenfassen:
Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts [zwischen Basis und Überbau] bewußt werden und ihn ausfechten. (Marx: Zur Kritik der Politischen Ökonomie, 1859)
Und hier wären wir wieder bei Freud, denn das obige Freudzitat hat einen Vorspann:
Wenn man von wenig bekannten inneren Antrieben absieht, so darf man sagen, der Hauptmotor der Kulturentwicklung des Menschen ist die äußere reale Not gewesen, die ihm die bequeme Befriedigung seiner natürlichen Bedürfnisse verweigerte und ihn übergroßen Gefahren preisgab. Diese äußere Versagung zwang ihn zum Kampf mit der Realität, der teils in Anpassung an dieselbe, teils in Beherrschung derselben ausging, aber auch zur Arbeitsgemeinschaft und zum Zusammenleben mit seinesgleichen, womit bereits ein Verzicht auf mancherlei sozial nicht zu befriedigende Triebregungen verbunden war. Mit den weiteren Fortschritten der Kultur wuchsen auch die Ansprüche der Verdrängung. Die Kultur ist doch überhaupt auf Triebverzicht aufgebaut…
Freud und Marx passen gut zusammen, aber was ausgerechnet Reich hier zu suchen hat, erschließt sich mir nicht ganz. Hat doch Reich selbst 1936 im linkssozialistischen Organ Kamp og Kultur konstatieren müssen:
Bisher hat der Sozialismus als kulturelle Bewegung Schiffbruch erlitten, weil er die gleiche Angst mit dem Konservatismus geteilt hat und an die inhärente Unvereinbarkeit von Sexualität und Kultur glaubte. (z.n. Max Hodann: History of Modern Morals, S. 319)
Gestern postete Robert dankenswerterweise einen Link zur „Erinnerungskultur“ in diesem gottverlassenen Scheißland: http://www.journalistenwatch.com/2017/01/31/terroranschlag-breitscheidplatz-den-opfern-einen-namen-geben/
Dort geht es darum, daß das Politikerpack aus wahltaktischen Gründen nicht will, daß das von ihnen so bezeichnete „Pack“, die deutsche Wahlkartoffel, allzusehr emotionalisiert wird und auf dumme Gedanken kommt.
Zweifellos ist das alles so richtig beobachtet, aber ich möchte den Blick tiefer richten auf die massenpsychologischen Aspekte. Es trifft sich gut, daß ich, wenn ich durch das wintertrübe westfälische Münster gehe, an „Wilsberg“ denken muß oder an den „Münster-Tatort“. Was mich dabei beklemmt, ist das Gefühl, daß das Fernsehen, die Fiktion, in einer gewissen Hinsicht realer ist als die Wirklichkeit. Die letztere ist rein fassadär, will sagen: im Film dringen die Protagonisten tatsächlich durch die Häuserfassaden, hinter denen die Menschen leben, und vor allem: im Film haben die Menschen einen Charakter, sind Unikate, während im realen Leben die Menschen immer austauschbarer werden, Fensterpuppen. Ich bin alt genug, um in der Rückschau zu sehen, daß früher die Menschen zu einem Gutteil wirkliche „Charakterköpfe“ waren, interessant, mit Biographien, mit einem Innenleben. Heute sehe ich nur Zombies. Je jünger desto leerer und austauschbarer. Es ist so, als wenn die Menschen nur noch Fassaden wären; nur noch Oberfläche ohne Tiefe, ohne Inhalt.
Man vergleiche die heutigen Politiker mit einem Kiesinger, Adenauer, Strauß, Wehner, Brandt oder Schmidt! Die ersteren sind gar keine Menschen mehr, sondern nur Chimären, Geister, Pappkameraden. Sie spiegeln getreulich das wider, was in den Massen geschieht: Es gibt kein Leben mehr hinter den Häuserfassaden, denn die Menschen schauen Wilsberg oder den Münster-Tatort, wo sie wirkliche Charaktere, etwa Ekki oder Professor Boerne, mit einer Faszination bewundern, deren Ursprung sie nicht benennen können. Auf der Straße begegnet man solchen Charakteren nie, sondern emotionalen Neutren ohne Innenleben.
Wegen dieser allgegenwärtigen Leere kommt den demokratischen Eliten, den Politikern, gar nicht in den Sinn, daß da auf dem Berliner Weihnachtsmarkt MENSCHEN auf grausamste Weise zerfetzt und zerquetscht wurden, unendlich bedeutsame Biographien, ganze Universen des Innenlebens ausgelöscht wurden. Es ist alles nur Fassade. Gott ist tot, der bioenergetische Kern ist erloschen. Tote Augen blicken uns an, während tote Münder irgendwelche bedeutungslosen Laute absondern.