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Orgontherapie 2026 (Teil 1)

9. Januar 2026

Ich habe mit mehreren Orgontherapeuten und „Orgonpatienten“ darüber gesprochen: Orgontherapie über eine Videokamera ist möglich. Damit fällt (mal abgesehen von den Finanzen!) jedwede Ausrede weg, sich keiner Orgontherapie lege artis zu unterziehen.

Orgontherapie ist eine Behandlungsmethode für „psychische“ (emotionale), psychiatrische und psychosomatische Erkrankungen, die von den drei Psychiatern Dr. med. Wilhelm Reich (1897-1957), Dr. med. Elsworth F. Baker (1903-1985) und Dr. med. Charles Konia (geb. 1931) entwickelt wurde. (Was die Behandlung mit dem Orgonenergie-Akkumulator betrifft, finden sich hier und hier Erläuterungen.)

Die Orgontherapie läßt sich von der Atmung her vielleicht am besten einordnen. Tatsächlich kann Atmen tödlich sein. Beim „Überventilieren“ können „elektrische Strömungsempfindungen“ und gefährliche tetanische Anfälle auftreten. Sie entstehen aus der kontraktiven Reaktion des Organismus auf die ungewohnte Energiezufuhr. Bei dieser Reaktion kann die zerebrale Blutzufuhr um bis zu 30 % gedrosselt werden. Die Tetanie kann bis zum Tod führen, wenn man die Atmung nicht mehr stoppen kann.

Dem hingegen kann ein ungepanzerter Mensch so viel atmen wie er will und es passiert nichts, außer daß „schmelzende“ lustvolle Strömungsempfindungen auftreten. Die Hyperventilation ist ein biopathisches Phänomen, welches zeigt, wie der Organismus des heutigen Menschen gar nicht mehr an eine vernünftige Sauerstoffversorgung gewöhnt ist. Es handelt sich um einen allgemeinen Kontraktionszustand (Sympathikotonie), von dem die Atemsperre der wichtigste Aspekt ist.

Der Behandlungsmechanismus der Orgontherapie ist der Grundtendenz der mechanistischen Medizin genau entgegengesetzt. Beispielsweise wirken Psychopharmaka, indem sie die Atmung einschränken, damit den Energiepegel senken und so die Angst reduzieren, was ein differenzierteres Gefühlsleben und ein klareres Denken ermöglicht.

Es geht aber auch nicht um das bloße Beseitigen der Hemmungen. Orgontherapie ist mehr als bloße Katharsis. Eine „chaotische Situation“ entsteht, wenn der Therapeut die Krankheitsdynamik des Patienten nicht versteht, bzw. er keine Rücksicht auf den Aufbau der Neurose nimmt. Beispielsweise kann fehlende Panzerung ein weit größeres Problem darstellen als Panzerung. Beim Manisch Depressiven („Bipolaren“) kann sie derartig desorganisiert sein, daß er hin und her geworfen wird, was im Extremfall (also beim Triebhaften Charakter) dazu führt, daß eine Therapie unmöglich ist. Jene Schizophrenen sind am schlimmsten dran, bei denen die Panzerung (außer im Kopfbereich) fehlt.

Ganz allgemein ist der hauptsächliche Fehler, den ein Orgontherapeut begehen kann, eine Fehldiagnose und eine entsprechend falsche Herangehensweise, die eine Behandlung schließlich unmöglich macht. Insbesondere kann es zu einem unheilbaren „ocular hook“ kommen, den manche „Orgontherapeuten“ massenweise in ihren Patienten hervorgerufen haben.

Ein „hook“, bzw. „Haken“, ist Baker zufolge eine Hemmung, die für den Patienten eine derartig konstituierende Bedeutung hat, daß eine Beseitigung schwierig bis unmöglich ist. Um so schlimmer ist ein Haken, der durch einen ärztlichen Kunstfehler entstanden ist, indem zu früh Energien freigesetzt wurden, die den Patienten zu überschwemmen und zu „vernichten“ drohen, weshalb er etwa im Augensegment derartig blockiert, als wäre sein Leben davon abhängig. Und vielleicht hat er dabei sogar recht…

Um derartiges zu vermeiden, sollte stets die Charakteranalyse im Zentrum der Therapie stehen, d.h. das Auflösen erstarrter Verhaltensmuster durch ihr Bewußtmachen.

Charakteranalyse ist die Analyse der Art und Weise des Auftretens des Patienten, die ebenso auf kindliche Erlebnisse zurückgeführt werden kann, wie die Inhalte der Symptome. Im Gegensatz zum einfachen Symptom ist der komplexe Charakterzug gut rationalisiert und wird vom Patienten nicht als Fremdkörper empfunden. Aufgabe des Therapeuten ist es, aus dem Charakterzug einen solchen isolierten Fremdkörper zu machen, um ihn dann wie ein Symptom zu beseitigen.

Zuerst erfolgt Widerstandsdeutung, bevor es zu irgendeiner Sinndeutung kommen kann. Dabei ist mehr auf die Verhaltensweise des Patienten, als auf den Inhalt seiner Äußerungen zu achten, außerdem wird der negativen Übertragung besondere Beachtung geschenkt. Der Therapeut muß wie ein Archäologe Schicht für Schicht in die Vergangenheit vordringen und es vermeiden, durch zu tiefe Deutungen ein Chaos hervorzurufen. Bei dieser Deutungsarbeit hat er immer wieder vom Hauptwiderstand, dem formalen „Charakterwiderstand“ auszugehen, der den Charakter des Patienten definiert.

Der Charakterpanzer ist die Gesamtsumme der typischen („charakteristischen”) Haltungen, die der Patient als Abwehr gegen Angst entwickelt hat. Er führt zur Erstarrung und emotionaler Kontaktlosigkeit und ist mit dem Muskelpanzer funktionell identisch.

Reich schreibt:

Die Verkrampfung der Muskulatur ist die körperliche Seite des Verdrängungsvorganges und die Grundlage seiner dauernden Erhaltung. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 228)

D.h. die Panzerung ist funktionell identisch mit dem Freudschen Unbewußten.

In der „charakteranalytischen Vegetotherapie“, die Reich in den 1930er Jahre entwickelt hat, werden die Emotionen nicht mehr, wie in der klassischen Charakteranalyse, allein durch Bewußtmachen der Charakterwiderstände befreit, sondern gegebenenfalls auch durch direktes Angehen der Muskelpanzerung.

An Anfang der Entwicklung seiner Vegetotherapie mußte Reich zur Behebung von Blockierungen zu Übungen Zuflucht nehmen – ohne großen Erfolg. Das brachte ihn dazu, auf diese künstlichen Maßnahmen zu verzichten und nach den Hemmungen der natürlichen Beweglichkeit zu suchen. Auf diese Weise entwickelte sich die heutige Orgontherapie. Kurioserweise sind „Reichianer“ und „neo-Reichianische“ Quacksalber aufgetreten und haben ihre „bioenergetischen“ „Übungen“ dem Publikum als „Weiterentwicklung“ der Orgontherapie angedient.

Die Einheit von Charakter- und Muskelpanzer, Reichs „biopsychiatrischer“ Ansatz, wird beispielsweise anhand des „Roten Fadens“ deutlich. Im Zusammenhang mit dem Dreischichtenmodell (biologischer Kern, irrationale Mittlere Schicht, soziale Fassade) führt Elsworth F. Baker aus:

Die soziale Fassade enthält einen grundlegenden Charakterzug (manchmal mehrere), mit dessen Hilfe der Betreffende der Umwelt begegnet. Dieser Charakterzug bleibt während der ganzen Therapie bestehen und veranlaßt den Patienten, konsequent in gleicher Weise auf jedes Problem zu reagieren, das ihm begegnet. Er wird zur hauptsächlichen Charakterabwehr. Reich nennt diesen Zug den roten Faden, und man muß ihn erkennen, damit man den Betreffenden verstehen und beurteilen kann. Der grundlegende Charakterzug löst sich niemals auf; er bleibt immer ein integrierender Bestandteil der Persönlichkeit, obwohl er abgewandelt werden kann. Er kann sozial annehmbar sein – Freundlichkeit, Bescheidenheit, Zurückhaltung, Schüchternheit, Korrektheit, Rechtschaffenheit oder sozial unannehmbar – Unehrlichkeit, Verschlagenheit oder Betrügerei. (Der Mensch in der Falle, München 1980, S. 102)

Charles Konia schreibt:

Der Rote Faden kann oft als ein besonderer Charakterzug, etwa Freundlichkeit, Aufrichtigkeit, Bescheidenheit, Ernsthaftigkeit, Zurückhaltung, ständiges Drängen, Gehässigkeit, usw. beschrieben werden. Manchmal kann er auch besser als ein bestimmter Menschenschlag oder Beruf charakterisiert werden. Beispiele aus der klinischen Praxis sind „Priester“, „Rabbi“, „Gestapo-Agent“, usw. Alternativ kann er vielleicht besser als bestimmte Persönlichkeit beschrieben werden, wie etwa „Samson”, „Shirley Temple”, „Alice im Wunderland”, „Hitler”, usw. Eine weitere brauchbare Kategorie ist ein besonderes Tier etwa „Schildkröte“, „Bulldoge“, „Maus“, usw. Es ist gleichgültig, wie der Rote Faden beschrieben wird, solange er spezifisch auf den Patienten zutrifft. („Orgone Therapy: Part 15“, The Journal of Orgonomy, 28(2), Fall/Winter 1994)

1937 schrieb Reich:

Der körperliche Gesamtausdruck (des Patienten) ist gewöhnlich in eine Formel zu fassen, die sich früher oder später im Verlauf der charakteranalytischen Behandlung wie von selbst ergibt. Es sind merkwürdigerweise meist Formeln und Bezeichnungen aus dem Tierreiche wie „Fuchs“, „Schwein“, „Schlange“, „Wurm“ u.ä. (Die Funktion des Orgasmus, S. 228)

Was nun die eher widerlichen Wesenszüge betrifft merkt Konia an:

(…) der Rote Faden kann als Ausdruck der wesensmäßigen Stärke des Patienten betrachtet werden. Da jedoch eine Stärke zur Abwehr benutzt wird, kommt es zu einer Übertreibung des normalen Funktionierens. Beispielsweise wird ein von Natur aus aggressiver Mensch auf eine widerwärtige Weise aufdringlich, usw.

Konia weist ausdrücklich darauf hin, daß das Etikettieren von Mensch nach ihrer Charakterstruktur („genital = gut = gesund“ gegen „neurotisch = schlecht = krank“) selbst ausgesprochen neurotisch und sogar pestilent ist (Emotionelle Pest).

Es erinnert an den alten kommunistischen Trick Dissidenten als „schizophren” abzutun. („Cultism in Orgonomy“, The Journal of Orgonomy, 26(1), Spring/Summer 1992)

Peter Töpfer (Teil 18)

8. Januar 2026

In Töpfers Tiefenwahrheit kulminiert das Thema infantile Sexualität und Juden im Kapitel über Freud und warum der seine „Verführungstheorie“ (die Neurotiker waren Opfer von sexuellen Übergriffen in ihrer Kindheit) durch den Ödipus-Komplex ersetzt hat (das Kind begehrt den gegengeschlechtlichen Elternteil). Töpfers These ist, daß Freud auf dem Weg zu einem „Radikalaufklärer“ war, das dann aber aufgegeben habe, weil er damit das Geheimnis des talmudischen Judentums offengelegt hätte, denn dort sei der infantile Kindesmißbrauch weitverbreitet. Oder so ähnlich… – ich konnte Töpfers Ausführungen kaum folgen, weil sie so abgedroschen sind. Mit seinem Freud-Bashing läuft er überall offene Türen ein, während ich, obwohl kein Therapeut, mit geradezu ermüdender Regelmäßigkeit wieder und wieder auf den Ödipus-Komplex gestoßen bin. Man muß blind sein oder mit der Materie nicht in Berührung kommen, um das übersehen zu können. Im übrigen war es Reich, der unter allen Psychoanalytikern sich wohl noch am meisten mit sexuellem Kindesmißbrauch (im Zusammenhang mit seiner Untersuchung des triebhaften Charakters) beschäftigt hat. Aber er ist nie auf den Gedanken verfallen, deshalb die Libidotheorie in Frage zu stellen.

Irgendwann ist mal Schluß. Ich zitiere Töpfer:

Bei weitem nicht so schlimm wie bei Freud, aber dennoch ähnlich verwunderlich ist der „überspitzte jüdische Intellektualismus“,* die Abgehobenheit in reine Theorie noch bei Freuds Schüler Reich in den 1950 Jahren, wobei sich Reich in feinster rabulistischer Art gerade als besonders bodenständig-realistisch geriert: „Das Wort ‚Katze‘ und das besondere orgononotische Plasmasystem, das sich da bewegt, haben in Wirklichkeit nichts miteinander zu tun. Es sind bloß, wie die vielen verschiedenen Bezeichnungen für das Phänomen ‚Katze‘ bezeugen, lockere, beliebig auswechselbare Begriffe, die an reale Erscheinungen, Bewegungen, Emotionen etc. geknüpft werden. Diese Überlegungen klingen nach ‚hoher‘ oder ‚tiefer‘ Naturphilosophie. Der Laie ist der Naturphilosophie abgeneigt und wird daher dieses Buch beiseitelegen, weil es ‚nicht auf dem harten Boden der Realität steht‘.“ – Das klingt nicht nur nach, das ist Naturphilosophie, und zwar von der nichtssagendsten Sorte, und jeder Normale („Laie“) ist dieser gegenüber „abgeneigt“. Daß Reich so etwas absolut Banales – daß das Wort nicht mit der Sache überein stimmt – von sich geben kann, zeugt von seiner Abgelöstheit und Ich-Schwäche. Wenn man eine Katze nicht als lebendiges Wesen fühlen kann, muß man auf solch höhere Gedanken kommen. (Tiefenwahrheit, S. 435)

* Joseph Goebbels, „Tag des Buches“, 10. Mai 1933: https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/268884/tag-des-bu ches-erinnerung-an-die-ns-buecherverbrennungen-vor-85-jahren/

Reich war halt auch nur Jude! – OK, bleiben wir ernst:

Der Psychiater Harrison Pope hat seit Jahrzehnten in Zweifel gezogen, ob man sexuellen Kindesmißbrauch überhaupt verdrängen kann. Alles deutet darauf hin, daß das schlichtweg Unsinn ist, was Freuds ursprüngliche „Verführungstheorie“ die Grundlage entzieht. Erst recht aber natürlich die daran anschließende Theorie von der Verdrängung infantiler sexueller Strebungen. Seit vielen Jahren wird Freud und die Psychoanalyse auf diese Weise grundlegend in Frage gestellt.

Ein von Harrison Pope zusammengestelltes Forschungsteam aus Psychologen und Literaturwissenschaftlern hat vor der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert kein einziges Indiz dafür gefunden, daß es so etwas wie „ins Unbewußte abgeschobene Traumata“ gab. Dazu wurde sowohl die Fach- und Sachliteratur als auch Romane, Erzählungen und Gedichte untersucht. Tatsächlich findet sich eines der frühsten Beispiele erst 1859 in einem Roman von Charles Dickens. Das Verdrängen von Erinnerungen sei, so vermutet Pope, kein biologisch-neuropsychologischer Mechanismus, sondern ein Produkt der modernen westlichen Kultur.

Wie soll man dann Reichs Entdeckung erklären, daß mit Auflösung der Panzerung typischerweise (aber nicht notwendigerweise) verdrängte Erinnerungen ins Bewußtsein treten, die mit der Genese der Panzerung in Zusammenhang stehen?

Beispielsweise könnte man spekulieren, daß seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts die „gesellschaftliche Panzerung“ immer brüchiger wurde, was dann in den entsprechenden „revolutionären“ Theorien, beispielsweise jenen Freuds, zum Ausdruck gekommen ist. Diese These hat Reich ansatzweise bereits 1929 in seinem Aufsatz Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse formuliert. Die Gesellschaft war vor 1800 schlicht zu gepanzert, als daß der Verdrängungs-Mechanismus hätte erfaßt werden können.

Ohnehin ging es Reich primär um die Verdrängung im Zusammenhang von Gefühlen.

James Gross (Stanford University, California) und Jane Richards (University of Texas, Austin) zeigten anhand von 57 Freiwilligen, denen ein aufregender Film über eine OP vorgeführt wurde, daß sich diejenigen am besten erinnern, die während eines besonderen Erlebnisses mit ihren Gefühlen dabei sind und sie nicht unterdrücken.

Aus Sicht der Orgonomie kann man davon ausgehen, daß bei den „Gefühllosen“ die Bilder zurückkehren, wenn sich der Krampf löst, der die Gefühle zurückhält.

Doch wirklich überzeugend sind diese Argumente kaum. In einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung von 2007 hieß es beispielsweise:

Tatsächlich gibt es für die Theorie der Verdrängung keine stichhaltigen Belege. So müßte Freud zufolge das Ausmaß des Vergessens bei jenen Menschen besonders groß sein, die Schlimmes erlebt haben und deshalb gewillt sind, das Erlebte aus ihrem Gedächtnis zu tilgen. Das Gegenteil ist der Fall: Sogar jene Erwachsene, die in ihrer Kindheit sexuell mißbraucht wurden, können sich gedanklich nicht von den Inhalten lösen, die an das Trauma erinnern (Behaviour Research and Therapy, Bd. 44, S. 1129, 006). Das Problem ist nicht das Verdrängen, sondern das Nicht-Verdrängen-Können.

Aus eigener Erfahrung mit der Orgontherapie kann ich sagen, daß es gar nicht um die Erinnerung per se geht, sondern um Einsichten hinsichtlich der eigenen Entwicklung. Ob und an welche „Geschichten“ (angebliche „Erinnerungen“) diese sich festmachen, bzw. sozusagen „illustriert werden“, ist sekundär. Ob diese „Erinnerungen“ irgendeiner Realität entsprechen ist gleichgültig, solange mit ihrer Hilfe, die entscheidende therapeutisch wirksame Einsicht vermittelt wird.

Dies wird wohl auch die Grundlage der ja zweifellos vorhandenen Heilungserfolge durch das Freudsche „Bewußtmachen des Verdrängten“ sein. Es geht um die Veränderung stereotyper Sicht-, Denk- und Verhaltensweisen. Es geht um das Wegbrechen von okularer Panzerung durch Gespräche, die zu neuen „Einsichten“ führen. Die „Erinnerungen“, die dabei aus der „Verdrängung“ auftauchen, sind nur eine mehr oder weniger poetische Einkleidung der bioenergetischen Veränderungen im Körper. Sie ähneln darin den Träumen.

Das Tragische bei der ganzen Angelegenheit ist, daß durch den „Freudianischen“ Kult unzählige Leben kaputtgemacht worden sind. All die Familien, die zerstört wurden, weil sich jemand in der Therapie urplötzlich an sexuellen Mißbrauch „erinnert“ hat. Aufgrund dieses Schwachsinns sind vollkommen unschuldige Menschen für viele Jahre ins Gefängnis gewandert!

Es stimmt, daß in seiner Arbeit in der psychoanalytischen Ambulanz für die Armen Reich einer der ersten Psychoanalytiker war, der die Wahrhaftigkeit des sexuellen Kindesmißbrauchs bestätigte. Man siehe die beiden letzten Kapitel von Frühe Schriften und seinen Aufsatz „Eltern als Erzieher“ (Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik, 1926 und 1927). Aber trotzdem hat er sich stets die Freudsche Vorstellung verteidigt, daß Kinder sexuelle Wesen sind, die an ihren Eltern sexuelles Interesse zeigen (solange man ihnen kein kindsgerechtes Sexualleben mit Gleichaltrigen ermöglicht). Und was angebliche Erinnerungen an sexuellen Mißbrauch betrifft, verweise auf Reichs Charakteranalyse, wo er sich vehement gegen die Ansicht wendet, der Therapeut ginge in die Zeit zurück, als ob unser Geist wie eine Diskette funktioniere, auf der etwas unveränderlich und abrufbereit gebrannt ist. Es ist alles Panzerung im Hier und Jetzt.

Wenn bestimmte Körperregionen entpanzert werden, scheint so etwas wie ein „plasmatisches Gedächtnis“ aktiviert zu werden. Erinnerungen an die Geburt oder gar das intrauterine Leben bedeuten nicht, daß es damals bereits ein „Ich“ gab, das sich nun erinnert (die besagte „Diskette“). Nicht mein „Ich“, sondern mein Selbst, d.h. mein Körper war dabei, als ich geboren wurde. Es ist naiv zu glauben, damals wäre etwas abgespeichert worden, was sich später wieder abrufen läßt. Erinnerungen sind, streng orgonomisch betrachtet, nur eine aktuelle Folgeerscheinung der Art, wie in der Vergangenheit sich die bioenergetische und physische Grundlage des aktuellen Ich formierte. Die Erinnerungen sind in der Muskelpanzerung eingeschlossen, weshalb es Sinn macht, wenn sich „ungepanzerte“ Schizophrene verhältnismäßig gut erinnern, diese Gabe aber verlorengeht, wenn sie sich im Verlauf der Therapie abpanzern.

Als Medizinstudent wurde Reich von Richard Semon (1959-1918) beeinflußt, nach dem Sinneseindrücke zu permanenten Veränderungen in den Nerven führen. Diese Engramme (Spuren) ermöglichen nach Semon die Assoziation und Erinnerung und sie gehen ins Erbgut ein. Alle Engramme zusammen bilden die Mneme, d.h. das biologische Gedächtnis. Später glaubte Reich im Anschluß an Freud, daß der „Wiederholungszwang“, Lust immer wieder erfahren zu wollen, „ein wesentliches Stück des Problems des Gedächtnisses ausmachen (dürfte)“ (Charakteranalyse, Fischer TB, S. 288). Schließlich, 1950, mußte er nach dem Gedächtnis gefragt jedoch kleinmütig einräumen: „Ich muß ehrlich zugeben, daß ich nichts darüber weiß“ („Processes of Integration in the Newborn and the Schizophrenic”, Orgonomic Functionalism, Vol. 6, 1996, S. 63).

Charles Konia geht davon aus, daß die Wahrnehmungsfunktion entsteht, wenn sich die organismische Orgonenergie vom kosmischen Orgonenergie-Ozean mittels einer Membran trennt. Die „Innenwelt“ nimmt Kontakt mit der „Außenwelt“ auf, wobei sich die Wahrnehmung (und die mit ihr verbundene Erregung) bionartig in subzellularen Gebilden organisiert, die Zentren „plasmatischer ‚Erinnerung’“ bilden. Das Protoplasma kann sich dann auf der einen Seite zu Genen organisieren (DNA), auf der anderen Seite zum Gehirn (Nervenzellen) („The Perceptual Function“, Journal of Orgonomy, 18(1), 1984, S. 80-98), primär ist jedoch das „plasmatische Gedächtnis“.

Peter Töpfer (Teil 17)

5. Januar 2026

Töpfer unterscheidet zwischen „präsexuellen“ und sexuellen Bedürfnissen. Die ersteren könnten zwar etwas „Lustvolles“ haben, aber nichts Geschlechtliches, Sexuelles (Tiefenwahrheit, S. 292-298). Nun, das ist identisch mit Freuds und Reichs Unterscheidung von prägenital und genital! Die sexuellen Perversionen von Erwachsenen kann man lückenlos auf deren prägenitale Sexualität zurückführen. Allein von daher ist die Leugnung einer kindlichen Sexualität widersinnig. Reich definiert „sexuell“ als „lustvolle Expansion“! Im übrigen ist es nicht Reich, der Kinder „sexualisiert“, sondern eine Gesellschaft, die milliardenfach Penisse von Kindern (teilweise schon von Säuglingen!) verstümmelt:

Die sexualverneinende Gesellschaft macht aus praktisch jedem kleinen Mädchen eine Hysterikerin, die schon vor der Pubertät mit x-Beinen und nach innen weisenden Füßen rumläuft, weil das Patriarchat in keinster Weise mit der Sexualität von weiblichen Kindern umgehen kann. Ich erinnere nur an das „berüchtigte“ „Beckenschlagen“ von jungen Mädchen! Was ist mit den unzähligen kleinen Jungs, die schlaflose Nächte haben, wenn sie voller Horror sehen, daß ihre Spielkameradin, die statt männlicher Genitalien eine Wunde hat , offensichtlich kastriert wurde? Nicht wir „Reichianer“ sind die Perversen, sondern die antisexuelle (antigenitale) Drecksgesellschaft, der der vermeintliche „Anarchist“ Töpfer derartig fanatisch verteidigt!

Es ist wie mit Töpfers lächerlichem „Agnostizismus“: sein Angriff auf den „Maschinenmenschen“, der von vegetativen Strömungen durchflossen wird, die sich entladen müssen, entstammt einer tiefsitzenden erzreaktionären Loyalität gegenüber der überkommenen durch und durch verkommenen gepanzerten Gesellschaft.

Daran schließen sich dann 150 Seiten über den pädosexuellen Juden Reich an, dessen ganze Sexualität „schmutzig“ war (S. 315):

Wir können dieses große Thema im Rahmen dieses Buches natürlich nicht erschöpfend behandeln. Hatten Freud und Reich eine Mitschuld an der Verbreitung dieser verbrecherischen Erscheinung in der 68er Bewegung („sexuelle Revolution“) und ganz besonders in der Post-68er Bewegung (Alternative Liste, Partei Die Grünen, bei denen es von Reichianern wimmelte)? Wenn ja, würde das Reichs Gegenwart in einem dem intakten Individuum gewidmeten Projekt LSR schwer in Frage stellen. (S. 299)

Immerhin hatten Freud und Reich erfolgreich die „Lustzonen“ zu sexuellen Zonen umdeklariert, also Nichtsexuelles sexualisiert. Das war ein erster Schritt in Richtung Pädokriminalität. (S. 300)

(…) so ist wohl Reichs Verbleib in der illustren Runde der Radikalen Aufklärer neben Stirner und La Mettrie allein aufgrund der Überschneidungen mit der normalen, wissenschaftlich unapologisierten Pädokriminalität kompromittiert. Es ist – zumal nach der definitiven Enttarnung Reichs als ich-feindlicher Mechanist und dessen Therapie als „ineffizient“ (Laska) – endgültig „an der Zeit“ (Laska), Reich durch Janov und LSR durch LSJ oder am besten gleich durch LST zu ersetzen. (S. 302)

Und wer genau hat Reich letztendlich durch Töpfer ersetzt? Bingo!

Inzwischen scheint Nasselstein aber auch bezüglich der „orthodoxen“, also der unmittelbar von Reich autorisierten Orgonomie desillusioniert zu sein. Er glaubt einerseits immer noch an das Gute in der Orgonomie: „Andererseits wachsen die eigenen Kinder der Orgonomen unter denkbar optimalen Bedingungen auf, doch“, so fährt Nasselstein andererseits fort, „immer wieder gibt es dort neurotische Wracks, Schizophrene, Perverse – und kein Mensch weiß, was passiert ist.“ Das schrieb Nasselstein am 1. August 2024 – da hatte er zwei Monate zuvor schon seine Rezension des ihn erschütternden Buches von Paki S. Wright geschrieben! Da „wußte“ er also schon längst, „was passiert ist“. (S. 306)

Nein, Nasselstein denkt nicht an sexuellen Kindesmißbrauch. Nicht alles Leid der Welt geht auf diesen einen Faktor zurück! Aber weiter in Text:

Man kann aber Nasselstein überhaupt nicht vorwerfen, die Augen vor diesen Verbrechen verschlossen zu haben. Einerseits ist das das mindeste und selbstverständlichste, aber andererseits rechne ich ihm als Orgonomen das trotzdem hoch an, weil ich weiß, was ihm die Orgonomie bedeutet. Aber hier hören der Spaß und die Bedenken wegen „Nestbeschmutzung“ allerspätestens wirklich auf. Das ist Nasselstein absolut klar; dafür will er sicherlich keinen Orden. Wofür ich ihn eigentlich lobe, ist, wie schonungslos und ausführlich er hier die Orgonomie im Grunde auseinandernimmt und zerstört. (S. 306)

Man sieht, daß ich Töpfer verwirrt habe: einerseits, andererseits. Alles geschenkt, aber wie er dann daraus eine Anklage ausgerechnet gegen LASKA schmiedet…

Bei Laska habe ich noch nie eine Andeutung darüber gelesen. Ist Laska das alles vollständig entgangen? Die Bücher von Paki S. Wright und Malcolm J. Brenner sind zwar erst 2002 bzw. 2015 veröffentlicht worden, doch bis zum 14.02.15 hat Laska noch an den 307 Webseiten des LSR-Projektes gearbeitet. Im Jahre 2002 ist immerhin noch etliches an Aktivität auf der Seite feststellbar, aber nichts wird davon erwähnt. Sollte Laska wirklich nichts von „The All Souls‘ Waiting Room“ mitbekommen haben? Oder war ihm – einem der am meisten an Reich Interessierten der Welt – dieses bedeutende Buch keinen kleinen Text wert? Laska hätte doch auch noch nach dem Februar 2015 zur Feder greifen müssen, um das andere Buch – das von Brenner – irgendwie zu erwähnen, so bedeutend für die Reich-Thematik ist auch dieses. (S. 306f)

Unvermittelt wird aus einem Fall Reich ein Fall Laska!

Doch unabhängig von diesen beiden Autoren muß Laska – nicht so ein vergleichsweise eher oberflächlicher Reich-Interessent wie ich – doch mal etwas zu Ohren gekommen sein. – Ist er nie entsprechenden Hinweisen nachgegangen? Selbst Gerüchte, wenn sie solch schwere Anschuldigungen vortrugen, sollte man doch als sonst so überaus akribischer Reich-Forscher ernst nehmen und prüfen – ganz zu schweigen davon, daß auch er – wie ich – darauf hätte kommen können, daß in einer „aktiven Unterstützung der Sexualität von Kindern“ nicht nur etwa eine riesige Gefahr lag, sondern bereits eindeutig kriminelles Handeln. (S. 307)

Der neumodische Whataboutism, d.h. jeder kann Laska alle möglichen Versäumnisse an den Kopf werfen – vom Leid der Palästinenser bis hin zum Klimanotstand, vom Leben nach dem Tode bis hin zur karnivoren Ernährung. Töpfer hat das LSR-Projekt schlichtweg nicht verstanden: an L und S und R war Laska so gut wie alles gleichgültig bis auf den einen Punkt, der sie jeweils zu Parias der Geistesgeschichte gemacht hat. Und was nun spezifisch Reich und den sexuellen Kindesmißbrauch anbelangt: Laska war hier nur an einem Text interessiert, Reichs Aufsatz „Eltern als Erzieher“ von 1926. Dort geht es um den neurotischen „Erziehungszwang“ der Eltern, gegen den Reich auf die „Enthaltsamkeit in der Erziehung“, d.h. äußerste Zurückhaltung bei den Erziehungsmaßnahmen setzt.

Bei Töpfers Anschuldigungen gegen Reich und die Orgonomie in Sachen Kindersex, für die ich, Peter Nasselstein, einzige Quelle bin, wird ständig Laska dazwischengeschoben.

Laska hat sich 1981 explizit in die Diskussion über die „infantile Sexualität“ eingemischt. Wenn jemand – in diesem Falle Hansjörg Hemminger (…) – die Frage „Sexualität beim Kind: ja oder nein?“ mit „nein“ beantwortet, wird er von Laska lächerlich gemacht – „Hemminger glaubt dies entweder selbst“ –, oder Hemmingers Leser werden zu Idioten gemacht: „oder er setzt auf die Unwissenheit seines akademischen Fachpublikums“. (S. 317)

Laska beruft sich auf den Biologen Max Hartmann, einem Zeitgenossen Reichs, für den die Sexualität ein allgemeines Naturphänomen darstellte, das nicht mit Fortpflanzung identisch war. Allein schon dadurch macht sich Laska mitschuldig:

Warum Laska die beiden Fragen – „infantile Sexualität“ und Sex Reproduktions-Verkoppelung – vermischt, haben wir schon durchschaut: Es ist der billige „Alle-Lebewesen-auch-vorpubertäre-Menschen“-Trick, mit dem er die „infantile Sexualität“, eine folgenreiche Spinnerei seiner Helden Freud und Reich, retten will. (S. 319)

Von S. 317 bis S. 344 wird Laskas Haltung zur infantilen Sexualität ausgewalzt, was in folgendem kulminiert:

Ich will nicht abstreiten, daß Reich Beiträge zur Selbststeuerung des Menschen (…) geleistet hat. – Das mit dem „Gesundheitskriterium“ gehört aber schon mal nicht dazu. Aber erst recht ganz und gar nicht gehört die These von der „Sexualität vorpubertärer Menschen“ dazu, weil sie nicht nur Schwachsinn ist – das allein wäre die harmlose Spinnerei eines Verrückten –, sondern weil sie kriminell ist und im Zuge der Umerziehung eine enorme Wirkmächtigkeit gehabt hat und hat. Das Ziel (die orgastische Potenz), fährt Laska in seiner quintessentiellen Einführung fort, sei, so R, durch „Prophylaxe“ zu erreichen. Das heißt nichts anderes als die ekelhafteste und verbrecherischste Propaganda, die tatsächlich heutzutage fanatisch bis in die Kindergärten hineingezwungen wird und schon längst keine bloße Propaganda mehr ist. Eine Beteiligung Laskas, wie aller Reichianer, daran kann und darf – bei allen guten Leistungen Laskas – nicht weggewischt werden. (S. 343f)

Kurioserweise sagt Töpfer „abschließend“, daß in der „Tiefenwahrheit“ natürlich jeder an die infantile Sexualität glauben dürfe: „Hier zählt nur jedermanns eigene Wahrheit“ (S. 344).

Wilhelm Reich, Physiker: 2. Orgonbiophysik, b. Arzt und Physiker

4. Januar 2026

Wilhelm Reich, Physiker: 2. Orgonbiophysik, b. Arzt und Physiker

Orgonometrie in der Diskussion (Teil 1)

26. Dezember 2025

Jonas schrieb 2014:

Ich möchte nur mal zwischenzeitlich Danke sagen für die m.E. UNBESCHREIBLICH WICHTIGE Arbeit, die Du in der Orgonometrie-Reihe leistest – auch wenn dazu in der Regel wenig kommentiert wird.

Ich bin immer wieder beeindruckt!

Sebastian:

Ich kann das gar nicht beurteilen, aber finde alleine die Bemühung hervorragend und möchte mich daher anschließen.

Oliver Gerlach:

Auch ich möchte mich hier unbedingt anschliessen. Neben der unglaublich umfassenden „Chronik der Orgonomie“ stellen „Orgonometrie 1 + 2“ die m.M. nach tiefgehendste zeitgenössische orgonomische Literatur dar!

Robert (Berlin) hat hinsichtlich „Orgonometrie (Teil 1): Kapitel II.1.d.“ eine Frage:

Mir wird aus dem Ganzen nicht ganz klar, was mit Sensation gemeint wird (hier mal als Kitzeln gesehen) und warum diese als Gegensatz zur Emotion steht.

Darauf meine Antwort:

Emotion sind „aufwallende“ Gefühle wie Traurigkeit, Wut, Liebe, etc. Sensationen entsprechen dem, was man hört, ertastet, sieht, etc. Man denke nur an den religiösen Glauben: die einen lieben Gott und fürchten Gott, die anderen „wollen erst sehen“.

Claus:

Dafür gibt es ja einen guten Grund: Dafür, dass es das-und-das tatsächlich gibt, sprechen eher ‚Sensationen‘, zum Beispiel Anblicke (je nachdem, wie theoretisch die betreffende Sache ist, mehr oder weniger direkt oder eher über gedeutete Anzeichen). Gefühle kann man hingegen auch gegenüber Nichtexistentem haben (wohl jedenfalls dann, wenn man es für existent hält).

Einschub 2025: Schöne Illustrationen von Emotion und Sensation ist die bildende Kunst und die Musik. In der klassischen Malerei ging es vor allem um das Hervorrufen von Emotionen. Von der Tendenz her angefangen mit dem Impressionismus und dann radikal in der sowohl abstrakten als auch hyperrealistischen Kunst des 20 Jahrhunderts geht es praktisch nur noch um Sensationen. Man starrt stundenlang eine Rauhfasertapete an und ist fasziniert. Ähnliches ereignete sich in der Musik. Die Klassik und frühe Romantik war kaum etwas anderes als „vertonte Emotion“, was sich dann im Laufe der Zeit zu einer reinen Geräuschkulisse verflüchtigte. Selbst im Jazz und in den verschiedenen Bereichen der Populärmusik gab es ähnliche Entwicklungen. Man nehme etwa Miles Davis‘ Album In a Silent Way von 1969, wo es weniger um Melodie und den Spannungsbogen geht, sondern um die „Atmosphäre“, die erzeugt wird und um die „Textur“ – buchstäblich die besagte „Rauhfasertapete“!

Themenwechsel. Sebastian schrieb 2015:

Ähm, ich muss mal etwas loswerden. „Bei Anwesenheit von Panzer […].“Das ist einfach grausam zu lesen. Bin ich schon öfter drüber gestolpert. Warum nicht Panzerung?

Meine Antwort:

Ganz heikles Thema. Früher habe ich wie selbstverständlich immer von „Panzerung“ gesprochen. Doch jetzt, wo ich mich intensiv mit Konia beschäftigt habe: der hat meistens „Panzer“ geschrieben („armor“ statt „armoring“), was in mir einige Panik hervorrief. Reich selbst schreibt, wenn ich das jetzt richtig überblicke, meistens von „Panzerung“, ab und zu aber auch von „Panzer“. Etwa hier in der Charakteranalyse, wo er grammatikalisch richtig schreibt:

„Der Bewegungsausdruck des vierten Segments ist im Falle des Fehlens eines chronischen Panzers der der ‚Gefühlsbewegtheit‘ (…). Im Falle der Panzerung ist der Ausdruck der der ‚Unbewegtheit‘ oder ‚Unberührtheit‘“ (KiWi, S. 493).

Robert (Berlin) geht auf die Reich-Marx-Frage ein:

Man muss den Marxismus und Reichs entsprechende „Sexpol-Beiträge“ von der Arbeitsdemokratie her verstehen. Das erstere, der „Reichianische“ Ansatz, ist bloßes Sektierertum, in dem die zufällige, bzw. durch die Zeitläufe bestimmte Entwicklung eines einzelnen Mannes zum Maßstab wird, mit dem man eine ganze Wissenschaft verstehen will. Tatsächlich wichtig ist aber nur die Entdeckung der Arbeitsdemokratie, von der aus entschieden werden kann, was an Reichs frühen Theorien von mehr als historischem Interesse ist.

Ähnlich bei Giordano Bruno. Heute interessiert uns überhaupt nicht mehr, mit welchen Philosophen er sich damals auseinandersetzte, sondern das er das geozentrische Weltbild überwand.

Angeregt durch ein zufällig gesehenes Photo bin ich grundsätzlich geworden:

Worum es in der Orgonomie geht auf einem Photo: der schmutzig-braune DOR-Panzer des Planeten und darüber das frische Orgon, wie von Reich in CONTACT WITH SPACE beschrieben.

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O.

Der Begriff Orgontechnik wird meines Erachtens ausschließlich von Leuten benutzt, die keinerlei Ahnung von Orgonomie haben, aber ORACs bauen von ungewisser Zusammensetzung und dies als den „originalsten“ verkaufen. Weiterhin subsummieren sie irgendwelche Dorbuster-Konstruktion und dergleichen mehr.

Hier wird sich ausschließlich auf den Orgonmotor bezogen. Alternativ wäre und damit abgrenzend zum Sprachvandalismus der Orgonesoterik der neue Begriff „Orgonmotortechnik“ einzuführen.

Peter:

Danke, ich weiß Deinen Einwand zu würdigen, aber ich lasse mir doch nicht von „Reichianern“ und Esoterikern meinen Sprachgebrauch diktieren!

Es geht um Vogelschwärme:

Manuel:

Man beachte das Flugmuster der Bienen ab ca. 4:10:

Sebastian und ich verwiesen jeweils auf ein Video mit Vogelschwärmen. Diese Videos existieren nicht mehr im Netz, daher dies:

THE JOURNAL OF ORGONOMY: chronological index vols. 1-57 (1967-2025)

7. Dezember 2025

THE JOURNAL OF ORGONOMY: chronological index vols. 1-57 (1967-2025)

Wilhelm Reich, Physiker: 1. Biophilosophie, c. Antifunktionalismus: Der Geist in der Maschine

6. Dezember 2025
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W:ilhelm Reich, Physiker: 1. Biophilosophie, c. Antifunktionalismus: Der Geist in der Maschine

Peter Töpfer (Teil 3)

17. November 2025

Tatsächlich erweist sich der Anarchist Töpfer als Apologet der antiautoritären Unsokratie-Dekadenz:

Grundlage und Kennzeichen nicht-totalitärer und freiheitlicher Gesellschaften ist die Nicht-Existenz von sog. objektiver Wahrheit. Totalisieren Subjekte ihre Wahrheit, geschieht dies immer zur Beherrschung und Ausbeutung anderer Subjekte, die mit einem Geheimdienst kontrollierte werden müssen. Schon auf der Rede von „objektiver Wahrheit“ basiert der Totalitarismus, nicht erst auf dem Zwang zu deren Anerkennung. So, wie es keine objektive Wahrheit gibt, so gibt es strenggenommen natürlich auch keine Gemeinschaft. Gemeinschaft ist nicht etwa eine Ansammlung von Individuen, sondern bezeichnet das, was diese Individuen gemein haben. Es gibt tatsächlich nur Einzelne, deren Interessen sich zum Teil decken oder ähneln. Nicht eine Gemeinschaft wird geschwächt oder gestärkt, sondern Einzelne. (Die Wahrheit, S.191)

Der Hinweis darauf, daß, allein schon, wenn sich der Blick nach innen richte, jeder seine „eigene Wahrheit“ habe, sticht nicht, da das genau jener liberalistischen Mentalität entspricht, die den Westen systematisch zersetzt und uns beispielsweise zahllose „Geschlechtsidentitäten“ beschert hat. Diese Inkommensurabilität der Einzelnen prägt das ganze Grundgefühl von Töpfers Werk. Schon in der Jugend habe ihn dieses Fremdwort fasziniert. „[Es] spiegelte mein Empfinden dessen wider, was ich in mir hatte, was diesseits war (ich positionierte mich damals im Jenseits)“ (S. 276).

Für mich stand schon (…) als Säugling (…) fest: Die Menschheit ist durch und durch gottserbärmlich fertig: alles läuft vollständig verkehrt. Sie ist völlig erdrückt unter einer ganzen unendlichen Katastrophe, die kein Wort hat. (…) Die zivilisierte Menschheit stellt eine Abfolge von Katastrophen dar. Grund für diese Abfolge ist die Abwesenheit, zumindest die nahezu vollständige Verwandlung von Wahrheit. (S. 291)

Für Töpfer „steckt“ die Wahrheit „unter“ der Energie, von der die östlichen Weisheitslehren sprechen (Prana, Chi – also wohl auch das Orgon!). Wir hingegen sind, so Töpfer, „nordische“ Männer der Tat und unsere Erleuchtung ist die Aufklärung! (S. 314). Das ist Gnosis pur. Was bleibt ist purer Affekt, haltloser Aktionismus, „Erleuchtung“.

Es ist das „gnostische“, d.h. mystische Empfinden des gepanzerten Menschen, der die Trennmauer, eben die Panzerung, intuitiv spürt, aber ohne Therapeuten sie in seiner inneren Versponnenheit niemals wird einreißen können, egal wie verzweifelt er auch „den Weg der Wahrheit“ gehen mag. Wir sind im zwischenmenschlichen Verkehr (Mutterbindung, Familienleben, Ödipuskomplex) in die Falle geraten und können sie ausschließlich durch den zwischenmenschlichen Verkehr einer Orgontherapie wieder verlassen. Alles andere sind „gnostische“ Spinnereien über ein mystisches „Selbst“ unterhalb der – Welt!

Ich glaube „deiner Wahrheit“ nicht, denn jeder Blick, jede Geste, die Mimik, die Art, wie du dich bewegst, sagt alles über dich – mehr, als du selbst über dich weißt. Niemand wird jemals die Wahrheit über sich selbst ergründen können: – niemand ist so weit entfernt von sich wie der Autist. Ich weiß mehr über das Innenleben der jungen Frau, die mir erklärt, ihre „wahre, innere Identität“ sei ein lila Astralfuchs von Andromeda, als sie es selbst wahrscheinlich je ergründen wird.

Reich wies in seiner charakteranalytischen Vegetotherapie darauf hin, daß deine Worte nicht zu deinem Gefühlsausdruck passen. Du lügst! Bei Töpfer ist es umgekehrt: Worte tragen sich nicht selbst durch ihre faktische Logik, sondern werden durch den individuellen Gefühlsausdruck „bewiesen“. Es ist wie bei Frauen: wer weint und schreit und „betroffen“ ist, vertritt die vermeintliche „Wahrheit“! Das meine ich nicht abfällig, denn Töpfer ist tatsächlich ein expliziter Verfechter des „Matriarchats“, ohne zu ahnen, daß seit 1960 das Patriarchat schleichend bereits durch ein „Matriarchat“ abgelöst wurde, in der es keine „patriarchalische“ Autorität, also keine objektive Wahrheit mehr gibt, sondern nur noch (vermeintlich) „authentische“ Gefühle bzw. sogenannte „subjektive Wahrheiten“. Der Irrationalismus triumphiert! Volatile Stimmungen beherrschen alles, als würde Deutschland gerade menstruieren! Interessanterweise waren die Anhänger des „Hysterikers“ Hitler in dieser Hinsicht kaum von den heutigen Betroffenheits-Grünen zu unterscheiden.

Töpfer hat von seinem durch und durch mechanistischen Ansatz her überhaupt keinen Zugriff auf die innere Wirklichkeit: „… das Ganze hat keine Wahrheit: Es ist keine Person. Nur eine Person trägt auch Wahrheit“ (S. 192). „Die Aussage dieses Buches kann mit Bildern aus der Informatik anschaulich gemacht werden“ (S. 195). Dazu paßt das ständige „Streben nach der Wahrheit“, der Kampf bzw. Krampf um die Wahrheit, so als wäre Wahrheit nicht einfach nur da wie das natürliche und spontane Pulsieren und Strömen im Organismus! Die „Suche nach sich selbst“ ist der gleiche sadomasochistische Unsinn wie die „Suche nach Gott“.

„Alle Prägungen, alle in widrigen Umständen erfolgte Programmierungen können mittels Wahrheit aufgelöst werden, so daß neue, lebensbejahende Programme Platz greifen” (S. 200). Abgesehen von den Phrasen: ist das nicht einfach Freuds „Bewußtmachen des Unbewußten“? („Die Ansätze des frühen Freud [entsprachen] durchaus der Wahrsagerei“ [S. 313].) Die Wahrheit soll „fließen“, was immer das auch bedeuten soll. „Der freie Fluß der Wahrheit als Voraussetzung von Zufriedenheit wird hergestellt, indem das seelisch belastende Material verschwindet, das gesagt und losgeworden wird“ (S. 207). Tatsächlich ist es aber so, daß das Orgon ins Fließen kommt. Ob es, so Reich, dabei zu Erinnerungen kommt, über das, was dieses Fließen ursprünglich gestoppt hat, oder diese ausbleiben, ist letztendlich gleichgültig.

„Die-Wahrheit-leben heißt im Lebensfluß bleiben (…) Das Nicht-die-Wahrheit-leben besteht im Bremsen, im Drängen gegen die Flußrichtung und die Kraft der Wassermassen, der Lebensenergie“ (S. 215f, vgl. S. 317). Klingt gut, aber was in diesem Buch nicht vorkommt, ist die Gegenwahrheit, d.h. die Abwehr, die Panzerung. Konkret bedeutet das, daß du so konsequent in der Wahrheit leben kannst, wie du willst, dir wird doch immer elender (dann, „haben Sie Pech, dann ist das Schicksal“ [S. 318)]) und es passiert genau das, was in einer schlecht durchgeführten „Körperpsychotherapie“ geschieht: ständig wirst du von unkontrollierbaren Affekten überschwemmst. Es ist wie bei einem Bach, wo sich angeschwemmtes Holz verkeilt und sich in diesem Gitter Blätter, Geröll und Schlamm verfängt, bis der Bach aufgestaut wird und die umliegenden Felder überflutet. Es hilft wenig, verschlimmert sogar alles, immer mehr „Wassermassen“ zu mobilisieren. Rational wäre es, nach und nach die Hölzer aus dem Damm zu ziehen, bis der Bach wieder frei fließen kann. Reichs Charakteranalyse!

Töpfer sieht sich in der Traditionslinie „Reich – Janov – Töpfer“ (S. 309), tatsächlich ist er aber weit hinter Freud zurückgefallen. Reich habe die Körper-Geist-Frage nicht wirklich gelöst und sei, im Gegensatz zu Stirner, „Philosoph geblieben“. Im Janovschen „Urschrei“ gäbe es jedoch keine Philosophie mehr, sondern nur noch „Person“ und „Ich“ (S. 301f). Es gibt keinen Körper und keinen Geist mehr, kein Objekt und kein Subjekt, sondern nur noch „Ich“. Das bezeichnet man als „Autismus“ und genau das hat Janovs verbrecherische „Primärtherapie“ etwa aus John Lennon gemacht: einen in sich selbst versponnenen Jammerlappen auf der Suche nach sich selbst.

„Es hatte sich ausphilosophiert“ (S. 303). „Das Zeitalter der Psychotherapie ist vorbei. Wie überhaupt das Zeitalter der Wissenschaft vorbei ist. Jetzt kommt – für die, die es wollen – eine Zeit, wo man alles so sagt, wie man es empfindet, wie es einem vorkommt, erscheint“ (S. 311). Das sei Töpfers Schritt über seine Vorgänger Reich und selbst Janov hinaus!

Töpfer zufolge sind „Hemmungen“ und „Verklemmungen“ rein subjektiv, d.h. deine derzeitige Wahrheit, und deshalb gelte es sie nicht etwa zu „überwinden“, sondern, so Töpfer, zu „unterwinden“ – indem man zu sich selbst, „unterhalb“ der Energien zurückkehrt (siehe oben zur „Gnosis“!). Die Hindernisse erweisen sich als bloße „Unzufriedenheit“. „Dann revidiert der Kunde [„Patient“] seine Wahrheit und wandelt sie um.“ In Töpfers gnostischer Theorie bis du dann nur noch Subjekt und damit „wahr“ (S. 307f). Dergestalt hat Töpfer Reich (und, wie gesagt, sogar den noch größeren Janov!) „überwunden“ und so wird er in seinem späteren Werk zur „Tiefenwahrheit“ Bernd A. Laska „überwinden“.

Das ganze Gedöns mit der „Unterwindung“ von Psyche, Soma und Energie, das ganz man selbst, d.h. nur noch authentischer Affekt sein, erinnert mich an folgende Szene aus der Unsokratie – Töpfers Alternative zu Reich und Laska, seine Weiterentwicklung von Janov:

Du bist nicht Wilhelm Reich! (Teil 2)

20. Oktober 2025

Reich hat die „göttliche“ Dimension durchaus nicht ausgelassen. Die Frage ist nur, was für einen Gott Reich vertreten hat. Es fing alles damit an, daß er Freuds Atheismus überwunden hatte. Stichwort „ozeanische Gefühle“ gegen Freuds allmächtigen „Geist“, Körper (Reich) gegen Gehirn (Freud), Materie (Reich) gegen Geist (Freud), Natur (Reich) gegen Kultur (Freud), der bioenergetische Kern (Reich) gegen die „bürgerliche Fassade“ (Freud).

Genau hier beginnt die „Reichianische“ Mystik: die Spiritualität dieser Leute ist verkopft, verschroben und kompliziert, ist inspiriert von fernen Kulturen und lange zurückliegenden Zeiten und sie hat so gut wie nichts mit einem unmittelbaren Ausdruck des bioenergetischen Kerns zu tun.

Das ganze ist ein einziges Angebot, dem bioenergetischen Kontakt, dem „ozeanischen Gefühl“, „nach oben“ zu entkommen. In den Augen wegzugehen. Jedenfalls finde ich diesen Augenausdruck bei fast allen „Reichianern“. Er entspricht exakt dem, den man auch findet, wenn man nachts über die Reeperbahn geht und die Augenpartie der Sehmänner betrachtet, die die Sexshops, Pornokinos und Liveshows verlassen.

Die Entsprechung geht sehr weit. Man stelle sich vor, man sitze auf einer Parkbank und erlebt einen grandiosen Sonnenuntergang. Reicht dieses Erleben nicht vollkommen aus? Wäre es nicht eine ekelerregende Perversion, dabei anthroposophisch über den „Sonnengeist“ Christus und seine Blutspende für die Erde zu sinnieren oder an Ra, den ägyptischen Sonnengott, zu denken oder sich auf das Sonnen-Chakra zu konzentrieren und dabei die entsprechenden Mantras zu murmeln. Das wäre das Gegenteil von echter Spiritualität. Hingabe vs. Mind-Fucking.

Charakteristisch für solche Menschen ist auch, daß sie wirkliche Spannung nicht ertragen können, wie sie um Leute wie Reich und Jerome Eden herrschte. Das läuft ungefähr so ab: sie sehnen sich nach „action“ und Kontakt, dann kommt tatsächlich „action“ und Kontakt und sie flüchten „nach oben“ und träumen weiter von „action“ und Kontakt. Eine „spirituelle“ Stufenleiter, die zu immer mehr „Vergeistigung“ führt.

Ich kann an all dem, was uns an „Reichianischer“ angeblicher „Esoterik“ geboten wird, beim besten Willen nichts erkennen, was das orgonomische (for lack of a better term) Paradigma sprengen würde. Ganz im Gegenteil zeigt es nur mal wieder, wie vollkommen überflüssig die „spirituelle“ Ebene ist; daß sie nur eine einzige Funktion hat: vor den ozeanischen Gefühlen, vor der Überflutung des Ich zu bewahren. Es ist ein verzweifeltes Festklammern von Leuten, die ohne diesen Anker, in ihrer Psychose ertrinken würden.

Flucht! Dazu paßt auch das manische Ansammeln diverser Therapietechniken. Wie mal ein südindischer Ayurveda-Arzt gesagt hat: Ich habe 30 Jahre gebraucht, um mich in dieses System auch nur ansatzweise einzuarbeiten – während europäische Ärzte einen dreiwöchigen Kursus machen und dann als „Ayurveda-Spezialisten“ firmieren. Dieses wirre Kraut-und-Rüben-Herumtherapieren kann nur kontraproduktiv sein.

Da reiht sich dann die „Körpertherapie“ ein. Allein schon der Begriff „Körpertherapie“! Entweder weiß man, was man tut, oder man weiß es nicht! Entweder kann man 50 Meter weit schwimmen oder man ertrinkt auf dieser Strecke. Entweder ist man Orgontherapeut oder man ist es nicht. Entweder man ist Chirurg oder man ist es nicht – und Orgontherapie ist nichts anderes als (biophysische) Chirurgie!

Und dann immer dieses Halbwissen. Da ist dann beispielsweise von „Tao-Yoga“ die Rede, das irgendwie mit der „Orgontherapie“ gleichgeschaltet wird. Erst mal werden hier zwei Kulturkreise zusammengemanscht, die wenig miteinander verbindet. Yoga dient der Meisterung des Körpers, damit er der Meditation nicht im Wege steht: der Körper wird wie ein Esel gezüchtigt und unter das Joch (= Yoga) gespannt; die Seele soll hier auf Erden schon genauso frei und unabhängig vom Körper sein, wie später im Tode. Taoistische Übungen andererseits dienen nun weniger der Vergeistigung, sondern ganz im Gegenteil dem Drang nach einem ewigen körperlichen Leben (da der Taoismus ursprünglich kein Leben nach dem Tode kannte), indem die Lebenssäfte nicht sinnlos verausgabt werden: insbesondere durch Coitus reservatus und die Unterdrückung aller Emotionen und Affekte. Beide Traditionen sind im Zen in eins geflossen: die Apotheose des Sitzens und der Unterdrückung aller Gefühle.

Zerschlag das einheitliche Orgon mit deiner blockierten Wahrnehmung und deiner von „Reichianischen“ „Therapien“ irreversibel zerstörten biophysischen Struktur und du hast ein Trümmerfeld vor dir aus abgespaltenen Kräften: Engel-Geistern aus der spirituellen Welt vs. den Dämonen aus der materiellen Welt. Und dein ganzes späteres Leben dreht sich darum, diesen kosmischen Kampf mit Hilfe von „Energiearbeit“ auszufechten.

Ich bin mir sicher, daß ein Mensch, der spürt, wie sein Gehirn sich peristaltisch bewegt (das eigentliche Zeichen eines befreiten okularen Segments), anstatt in einem ständigen „Krampf der reinen meditativen Anschauung“ unbeweglich im Schädel zu ruhen – daß solch ein Mensch gar nicht in der Lage ist, die existierenden östlichen Meditationspraktiken auszuüben. Das ist wie mit der Verdauung: warum sollte ein in dieser Hinsicht gesunder Mensch, sich hinsetzen und „Verstopfung“ üben, um sich der Verdauung bewußt zu werden?! Und das täglich!

Was bedeutet eigentlich „Spiritualität“? Spiritualität ist die Kunst der Unterscheidung. Die Fähigkeit z.B. wahre Kunst von Mist zu unterscheiden. Angesichts dessen, was heute als „moderne Kunst“ gilt, kann man den spirituellen Verfall ablesen. Von dem degoutanten MÜLL, der uns als Esoterik verkauft wird, will ich gar nicht erst reden! Echte Spiritualität ist das Vermögen, wirkliche Tiefe von oberflächlichem Dreck, wie er zu 99,9 Prozent in „Esoterikläden“ angeboten wird, zu unterscheiden.

Letter to Luigi DeMarchi, 14th May 1988

18. Oktober 2025

Letter to Luigi DeMarchi, 14th May 1988