
Wilhelm Reich, Physiker: 4. Der Raum und das Orgon, a. Fernwirkung
Stirner sah sich als Vollender der Aufklärung. So wie einst die äußere Welt zu bloßem Material wurde, muß auch die innere Welt, die Welt der Gedanken und Ideen, sich ganz meiner Macht unterwerfen (Der Einzige, S. 402). Er hat sozusagen in aufklärerischer Fortführung des Christentums nicht nur die „Dinge dieser Welt“, sondern auch „die Wahrheiten und ihre Macht“ (= Über-Ich) (Der Einzige, S. 390) überwunden. Es geht darum den „Geist“ genauso zu entweihen, zu entheiligen, zu entgöttern und unbedenklich nach Gefallen zu gebrauchen, wie man es mit der Natur macht (Der Einzige, S. 104). Man könnte fragen: „Beschäftigen mich die Sachen“ (vom grüblerischen Denken bis zur Versklavung durch eine fixe Idee) oder beschäftige (gebrauche) ich umgekehrt die Sachen (vgl. Der Einzige, S. 380).
Hatten die „Ergebenen“ eine unbezwungene Macht zu ihrer Herrin erhoben und angebetet, hatten sie Anbetung von Allen verlangt, so kam ein solcher Natursohn, der sich nicht ergeben wollte, und jagte die angebetete Macht aus ihrem unersteiglichen Olymp. Er rief der laufenden Sonne sein „Stehe“ zu, und ließ die Erde kreisen: die Ergebenen mußten sich’s gefallen lassen; er legte an die heiligen Eichen seine Axt, und die „Ergebenen“ staunten, daß kein himmlisches Feuer ihn verzehre; er warf den Papst vom Petersstuhle, und die „Ergebenen“ wußten’s nicht zu hindern; er reißt die Gottesgnadenschaft nieder, und die „Ergebenen“ krächzen, um endlich erfolglos zu verstummen. (Der Einzige, S. 183.
Das Denken wird so wenig als das Empfinden aufhören. Aber die Macht der Gedanken und Ideen, die Herrschaft der Theorien und Prinzipien, die Oberherrlichkeit des Geistes, kurz die – Hierarchie währt so lange, als die Pfaffen, d.h. Theologen, Philosophen, Staatsmänner, Philister, Liberale, Schulmeister, Bedienten, Eltern, Kinder, Eheleute, Proudhon, George Sand, Bluntschli usw., usw. das große Wort führen: die Hierarchie wird dauern, solange man an Prinzipien glaubt, denkt, oder auch sie kritisiert: denn selbst die unerbittlichste Kritik, die alle geltenden Prinzipien untergräbt, glaubt schließlich doch an das Prinzip. (Der Einzige, S. 392f)
„Wem die Grundsätze der Moral gehörig eingeprägt wurden, der wird von moralischen Gedanken niemals wieder frei, und Raub, Meineid, Übervorteilung u.dgl. bleiben ihm fixe Ideen, gegen die ihn keine Gedankenfreiheit schützt. Er hat seine Gedanken ‚von oben‘ und bleibt dabei“ (Der Einzige, S. 383). „Wäre die Hierarchie nicht so ins Innere gedrungen, daß sie den Menschen allen Mut benahm, freie, d.h. Gott vielleicht mißfällige Gedanken zu verfolgen, so müßte man Gedankenfreiheit für ein ebenso leeres Wort ansehen, wie etwa eine Verdauungsfreiheit“ (Der Einzige, S. 385).
„Es ist dies das Wahrzeichen aller reaktionären Wünsche, daß sie etwas Allgemeines, Abstraktes, einen leeren, leblosen Begriff herstellen wollen, wogegen die Eigenen das stämmige lebenvolle Einzelne vom Wust der Allgemeinheiten zu entlasten trachten“ (Der Einzige, S. 254). Was bei Reich die Panzerung ist, ist bei Stirner die Welt der Begriffe, die eine Art Eigenleben führen. Ähnlich wie Reich mit der Beseitigung des Panzers den authentischen Menschen unter der Charaktermaske freisetzt, befreit Stirner mit dem Ruf „Komm zu Dir!“ (Der Einzige, S. 180) das Individuum aus dem „Reich der absoluten Gedanken“ (Parerga, S. 151), aus der Herrschaft der „inneren Hierarchie“, die nichts anderes ist als die „Herrschaft des Guten“ (vgl. Parerga, S. 174), d.h. des Über-Ich. Entweder ist man selbstbestimmt oder von „sittlichen Rücksichten“ (Der Einzige, S. 261): „Ich bin nur dadurch Ich, daß Ich Mich mache, d.h. daß nicht ein Anderer Mich macht, sondern Ich mein eigen Werk sein muß“ (Der Einzige, S. 256). „Denke nicht, daß ich scherze oder bildlich rede, wenn Ich die am höheren hängenden Menschen, und weil die ungeheuere Mehrzahl hierher gehört, fast die ganze Menschenwelt für veritable Narren, Narren im Tollhause ansehe“ (Der Einzige, S. 46).
Der Mensch entschließt sich in einer bestimmten Situation zu etwas, der Wille „erstarrt“ quasi – so daß, selbst wenn sich die Situation grundlegend geändert hat, dieser zurückliegende Willensäußerungen Tribut gezahlt wird. Der Mensch macht sich zum Deppen seiner selbst: „Mein Geschöpf (…) wäre mein Gebieter geworden“ (Der Einzige, S. 215). „Beruf –Bestimmung – Aufgabe!“ (Der Einzige, S. 364) Beruf = Aufgabe, Pflicht (Der Einzige, S. 376). – Stirner unterscheidet zwischen „Beruf“ und der „natürlichen Tat“ (Der Einzige, S. 368). Der Gegensatz von „Beruf“ ist „sich ausleben, sich auflösen“ (Der Einzige, S. 372). Während ein Tier sich „realisiert“, „indem es sich auslebt, d.h. auflöst, vergeht“, versucht der wahnsinnige Mensch Begriffe zu „realisieren“, z.B. indem er bestrebt ist „Mensch“ zu sein (Der Einzige, S. 372). Der Mensch hält an sich und vertut so sein Leben, das nichts anderes ist als „Auflösen“, „wie die Zeit alles auflöst“ (Der Einzige, S. 373; Hervorhebung hinzugefügt; vgl. auch Der Einzige, S. 366).
Imgrunde steckt hinter dem Gegensatz zwischen „Begriff“ und „Leben“ der Gegensatz zwischen Raum und Zeit. Wenn Stirner eine Philosophie hat, dann ist es diese quasi „Bergsonianische“ Dialektik von abstraktem Denken („Raum“) und konkretem Leben („Zeit“). Die räumliche Vorstellungswelt hat natürlicherweise die Qualität des Statischen, während das Lebendige dadurch gekennzeichnet ist, daß es sich in einem ständigen Fluß befindet. Dazu steht nicht im Widerspruch, daß das lebendige (funktionelle) Denken nichts anderes ist als die „rastlose Zurücknahme aller sich verfestigenden Gedanken“ (Der Einzige, S. 342); es ist nur dadurch möglich, daß man jeden Augenblick gedanken- und sprachlos wird (Der Einzige, S. 389). Es geht hier, beim bloß abstrakten Denken, nämlich um das „heilige Denken“, der vermeintlich „Denkenden“, d.h. jener, die alles in Begriffssysteme pressen und deshalb in Wirklichkeit gedankenlose Dummköpfe sind. Entsprechend sieht die gegenwärtige Welt aus (Der Einzige, S. 371). „Dem Realisierenden liegt nämlich wenig an den Realitäten, alles aber daran, daß dieselben Verwirklichungen der Idee seien“ (Der Einzige, S. 408f).
Die besagten „Realisierenden“ sind blind gegen die Unmittelbarkeit der Dinge und unfähig sie zu meistern. Deshalb erscheinen sie Stirners bereits erwähnten „kräftigen Natursohne“ als unbeholfene närrische Käuze (Der Einzige, S. 381), die kontaktlos in ihrer eigenen Traumwelt leben (Der Einzige, S. 30). Sie sind irrational, da sie sich nicht als Ganzheit wahrnehmen. Um rational zu sein, muß der Mensch sich ganz vernehmen, d.h. sowohl den Geist als auch das „Fleisch“, denn „nur, wenn er sich ganz vernimmt ist er vernehmend oder vernünftig“ (Der Einzige, S. 68, Parerga, S. 90).
Bei Stirner ist denkbar viel Reich vorweggenommen: funktionalistisches Denken; die Erstarrung versus das Lebendige, sich Hingebende und Fließende; das Abstrakte und Kontaktlose versus das handelnde und sich entfaltende Leben; fast die ganze Menschheit irre.
Wohin könnte man blicken, ohne Opfern der Selbstverleugnung zu begegnen? Da sitzt Mir gegenüber ein Mädchen, das vielleicht schon seit zehn Jahren seiner Seele blutige Opfer bringt. Über der üppigen Gestalt neigt sich ein todmüdes Haupt, und bleiche Wangen verraten die langsame Verblutung ihrer Jugend. Armes Kind, wie oft mögen die Leidenschaften an Dein Herz geschlagen, und die reichen Jugendkräfte ihr Recht gefordert haben! Wenn Dein Haupt sich in die weichen Kissen wühlte, wie zuckte die erwachende Natur durch Deine Glieder, spannte das Blut Deine Adern, und gossen feurige Phantasien den Glanz der Wollust in Deine Augen. Da erschien das Gespenst der Seele und ihrer Seligkeit. Du erschrakst, Deine Hände falteten sich, Dein gequältes Auge richtete den Blick nach oben, Du – betetest. Die Stürme der Natur verstummten, Meeresstille glitt hin über den Ozean Deiner Begierden. Langsam senkten sich die matten Augenlider über das unter ihnen erloschene Leben, aus den strotzenden Gliedern schlich unvermerkt die Spannung, in dem Herzen versiegten die lärmenden Wogen, die gefalteten Hände selbst lasteten entkräftet auf dem widerstandslosen Busen, ein leises, letztes Ach stöhnte noch nach, und – die Seele war ruhig. Du entschliefst, um am Morgen zu neuem Kampfe zu erwachen und zu neuem – Gebete. Jetzt kühlt die Gewohnheit der Entsagung die Hitze Deines Verlangens und die Rosen Deiner Jugend erblassen in der – Bleichsucht Deiner Seligkeit. Die Seele ist gerettet, der Leib mag verderben! O Lais, o Ninon, wie tatet Ihr wohl, diese bleiche Tugend zu verschmähen. Eine freie Grisette gegen tausend in der Tugend grau gewordene Jungfern!“ (Der Einzige, S. 66f).
Reich ging in seiner Studentenzeit zwischen in etwa 1919 und 1922 von vier Punkten aus, die sein gesamtes späteres Lebenswerk prägten:
Zusammengefaßt ist das die Theorie von der Lebensenergie und ihrer Sperrung durch die Panzerung (Über-Ich). Sie entfaltet sich aus sich heraus „von innen“ auf natürliche Weise, wird aber „von außen“ gestört und entartet entsprechend, d.h. wird selbst zu einem Störfaktor. Das, was er später als „seelische Pest“ bzw. „emotionelle Pest“ bezeichnen sollte, breitet sich entsprechend aus. Die Menschen versuchen das entstehende Chaos mit „Moral“ in den Griff zu bekommen, doch verschlimmert dies die Situation noch mehr.
Nietzsche hatte wie kaum ein anderer ein Gefühl für diese Dynamik, nur kam dieser „Sado-Masochist an sich selber“ (so Lou Salome über Nietzsche) zu der – sadomasochistischen Vorstellung, daß der Mensch an diesem Konflikt zu wachsen habe. Aus dem Krampf soll virtuose Eleganz und aus der Lüge die Wahrheit erwachsen, aus der Überspanntheit eine neue Leichtigkeit. Aus sekundären Trieben soll etwas Authentisches und Wertvolles werden. My Sister and I enttarnt das alles als Perversion und Flucht vor dem Leben.
Reich geht davon aus. „daß die psychologischen Funktionen lediglich Funktionen des SELBSTWAHRNEHMUNG oder der Wahrnehmung, biophysikalischer Plasmafunktionen sind“ (Charakteranalyse). Ich zitiere aus dem leichter verständlichen amerikanischen Original: „that the psychological functions are merely functions of self-perception or the perception of objective, biophysical plasma functions“. Genau das habe ich oben etwas ausführlicher umschrieben.
Die Funktion der Selbstwahrnehmung hat er insbesondere anhand der Depersonalisation, wie sie in der Schizophrenie auftritt, untersucht (ebd.). Tatsächlich ist er überhaupt ursprünglich von der Selbstwahrnehmung ausgegangen: „ Meine funktionelle Methode hat ihre Wurzeln in früheren Studien zur Wahrnehmung, d.h. in einem Bewußtseinsphänomen“ (Wilhelm Reich: „Work Democracy in Action“ Annals of the Orgone Institute I, S. 31).
Insbesondere beschäftigte er sich mit Henri Bergson, der sich mit dem Phänomen Bewußtsein befaßte, wie sonst keiner, z.B. in seinem von Reich studierten Buch Versuch über die unmittelbaren Gegebenheiten des Bewußtseins (die deutsche Ausgabe hieß Zeit und Freiheit), wobei Bergson natürlich zutiefst mystisch war: „… das Bewußtsein ist nicht vom Körper abhängig. Dies zu behaupten wäre dasselbe, als wenn man aus der Tatsache, daß ein aufgehängtes Kleidungsstück nach Abnahme des Hakens herunterfällt, auf die Identität von Kleidung und Haken schließen wollte. Bewußtsein ist überall, wo Leben ist. Nur der Mensch aber hat Intuition, die Form, in der das Leben sich selbst erkennen, über sich selbst nachdenken kann“ (Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Stuttgart 1974, S. 397).
Reich hat diese Sonderstellung des Bewußtseins bei Bergson überwunden, indem er die Bergsonsche Trennung von Materie/Verstand und Leben/Intuition aufhob (siehe Äther, Gott und Teufel S. 103f). Wobei er natürlich ausdrücklich die Abwendung vom subjektiven Empfinden in der mechanistischen Naturwissenschaft angriff – mit einer gleichzeitigen Sperrspitze gegen Mystiker wie Bergson:
Das objektiv Erfaßte ist [in der mechanistischen Naturwissenschaft] zwar real vorhanden, aber unbelebt, tot. Wir haben im Interesse der wissenschaftlichen Objektivität das Lebendige zu töten gelernt, ehe wir darüber aussagen. Wir konstruieren daher notgedrungen ein mechanisches, maschinelles Bild vom Lebendigen, dem seine wesentlichste Eigenschaft, eben das spezifische Lebendigsein, fehlt. Das Lebendigsein aber mahnt zu sehr an die starken Organempfindungen unserer Kindheit. An diesen subjektiven Organempfindungen setzt jede Art von Mystizismus an, sei es nun die Yogaversenkung, sei es das faschistische „Blutwallen“, sei es das Reagieren eines spiritistischen Mediums oder das ekstatische Gotterlebnis eines Derwischs. Der Mystizismus behauptet die Existenz von Kräften und Vorgängen, die die Naturwissenschaft leugnet oder verachtet. Eine kurze scharfe Überlegung sagt uns: Der Mensch kann nichts, gar nichts phantasieren oder fühlen, das nicht in irgendeiner Form real und objektiv gegeben wäre. Denn die menschlichen Sinnesempfindungen sind nur Funktionen objektiven Naturgeschehens innerhalb des Organismus. (Der Krebs, Fischer TB, S. 116)
Das Seelische ist durch Qualität, das Körperliche durch Quantität bestimmt. In jenem gilt die Art einer Vorstellung, eines Begehrens, in diesem gilt nur das Ausmaß der funktionierenden Energie. Insofern waren also Körperliches und Seelisches verschieden. Doch die Vorgänge im Orgasmus zeigten, daß die Qualität einer seelischen Haltung von der Größe der ihr zugrundeliegenden körperlichen Erregung abhängt. Die Vorstellung von der Geschlechtslust im Akt ist im Zustand starker körperlicher Spannung intensiv, farbig, lebhaft. Nach der Befriedigung läßt sie sich nur schwer reproduzieren. Ich hatte das Bild einer Meereswelle vor mir, die hochsteigt und absinkt und dabei die Bewegung eines Holzstückchens an der Oberfläche beeinflußt. Es war nicht mehr als eine dunkle Andeutung, daß sich das Psychische aus dem tiefen biophysiologischen Prozeß je nach dessen Zustand heraushebt oder senkt. Entstehen und Vergehen des Bewußtseins beim Erwachen und Einschlafen schienen mir diesen Wellenprozeß ausdrücken zu wollen. Es war dunkel, nicht zu fassen. Klar war nur, daß die biologische Energie sowohl das Psychische als auch das Körperliche beherrscht. Es herrscht funktionelle Einheit. Es können also zwar biologische Gesetze im Psychischen, jedoch nicht psychische Eigentümlichkeiten im Biologischen gelten. Das zwang zu einer kritischen Überlegung der Freudschen Annahmen, die die Triebe betrafen. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 199)
Das Paradoxon der Orgontherapie besteht darin, daß alles darauf gerichtet ist, daß sich der Patient bewußter wird, wie er sich verhält; daß er sich bewußt ist, welche Stimme, welchen Gesichts- und Körperausdruck er hat. Langfristiges Ziel ist aber ganz im Gegenteil der temporäre Verlust des Bewußtseins im Orgasmus. Danach streben aber nun auch die Menschen, die meditieren, LSD nehmen oder sich religiöser Ekstase hingeben. Ein typischer Ersatzkontakt, eine neurotische Ersatzbefriedigung.
„Mit der Ewigkeit im Blick leben“, das ist die Grundlage alles religiösen Lebens. Alles ist auf das Jenseits und das Leben nach dem Tode ausgerichtet. Hat man erstmal eingesehen, daß dergestalt deren ganzes Leben und Trachten auf das Erreichen „orgastischer Erfüllung“ ausgerichtet ist, geht einem erst die ganze abgründige Tiefe der Reichschen Sexualökonomie auf.