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Peter schreibt einem Leser zum Blogeintrag „Das LSR-Projekt und die Orgonomie“

30. Oktober 2023

Lieber xyz,

der Artikel hätte eher weitergehen müssen, denn irgendwie kommt es so rüber, als hätte sich Laska wegen der vielen Fremdworte und der gehobenen Sprache im Feld (oder „Nebenfeld“, sozusagen „Parafeld“) der Intellektuellen verortet, aber er hat sich immer, wie ja auch abc hervorgehoben hat, als zur „arbeitenden Sphäre“ zugehörig gefühlt. Waren die Intellektuellen Zielgruppe seiner „Orgontherapie“? Jein, denn einerseits hat sich das LSR-Projekt nun wahrhaftig nicht an „Arbeiter und Angestellte“ gewandt, die in der Mittagspause die Bild-Zeitung durchblättern, aber seine vermeintliche Zielgruppe, die „[Intellektuellen, mit denen er korrespondierte]“, betrachtete er sicherlich nur als „Transformationsriemen“. Wie das? Man lese die Bild oder schaue Fernsehen: das ist alles woke und wurde letztendlich durch die „Frankfurter Schule“ beeinflußt, selbst BlackRock und jeder Werbemanager sind das. Politik ist eine Funktion der Kultur und die Kultur wird durch Intellektuelle geprägt. Laska dachte sicherlich, wenn er die heutigen Vertreter der, nennen wir sie mal so, „Frankfurter Schule“ subversiv untergräbt, dann wird er eines Tages die Welt regieren – bzw. natürlich seine „Idee“. Schließlich geht es um nichts Geringeres als den Neustart der Aufklärung – den Neustart der gesamten Kultur, d.h. Politik, d.h. Weltrevolution.

Reichs Ansatz war ähnlich und doch anders, denn einerseits hat er natürlich auch ganze Generationen von Intellektuellen beeinflußt (damals ganz Greenwich Village zum Mißbehagen sowohl der Anarchisten als auch der Kommunisten), aber andererseits ging es ihm wirklich um die direkte Beeinflussung des Massenmenschen. Man siehe sein Buch Was ist Klassenbewußtsein? von 1934.

Nein, um Gotteswillen nein, die Muskeln werden nicht durch „Orgonbestrahlung“ gelockert und Massage: Dr. Nicola hat mich noch nie berührt!

Was ist dann die Entsprechung? Beispiel: Herr A. kommt zum Orgonomen. Sie sprechen miteinander, egal über was, etwa den Tod seines Hundes. Dabei lächelt Herr A. „Warum lächeln Sie?!“ Er wird sich seines „gepanzerten“ Verhaltens bewußt und fängt an zu weinen, wobei Erinnerungen hochkommen, daß einmal sein Vater den Welpen, der gerade die Wohnung vollgeschissen hatte, tottrat, den er ihm zuvor zu Weihnachten geschenkt hatte. Aus dem Weinen werden aufgrund der Erinnerungen wilde Muskelzuckungen. Er strampelt, schreit, muß sich übergeben, was ihn wieder an das Malheur des Welpen erinnert und am Ende haben wir einen wildzuckenden Plasmahaufen vor uns. Jemand, der in einer Stunde Orgontherapie mehr „an sich gearbeitet hat“, als etwa in zehn Jahren Psychoanalyse.

Laska ist genauso vorgegangen: „Herr [Intellektueller], warum lächeln Sie?“ Natürlich nur im übertragenen Sinne: immer und immer wieder auf das geistesgeschichtlich Verdrängte hinweisen, bis die Panzerung schließlich kollabiert und man „intellektuell“ weiterkommen kann.

Hintergeht man diesen „therapeutischen“ Ansatz, wenn man nun Laskasche Essentials exponiert und genau das macht, was Laska vermieden hat, nämlich sozusagen ein „Laska in 10 Punkten“ vorlegt? Auch jein, denn Laska ist ja nicht ohne Grund so vorgegangen, aber hier haben wir es auch mit einem Kategorienfehler zu tun: So ist Laska vorgegangen! Wenn unsereins nun daraus eigene Schlüsse und Schlußfolgerungen und „10 Punkte“ zieht oder, wie es der LSR-Maschinenraum tut, aus Laskas Vorlaß zitiert, dann tun wir exakt das, was Laska ja erreichen wollte: daß „man“ sich mit dem LSR-Projekt auseinandersetzt.

Außerdem unterscheiden sich sowohl das LSR-Projekt als auch die Orgontherapie in einer Hinsicht grundsätzlich von der Psychoanalyse: Leute, die sich analysieren lassen wollen, sollen tunlichst keine psychoanalytische Literatur lesen, weil dann alle Deutungen verpuffen („Ah ja, der Ödipuskomplex, nicht wahr?!“). Im Gegensatz dazu kann man das gesamte orgonomische Schrifttum auswendig lernen bzw. alles kennen, was Laska je von sich gegeben hat – es macht nicht nur keinen Unterschied, sondern hilft eher. „Was soll ich hier? Kinderkram! Dieser Typ fragt mich nach Belanglosigkeiten, etwa, was ich gerne esse oder wie oft ich mit meinem Hund Gassi gehe!“ – „Was soll das? Was gehen uns heute noch irgendwelche Histörchen am Hofe Friedrich des Großen an? Kinderkram für philosophische Laien! Wollen wir nicht lieber über Probleme der Analytischen Philosophie debattieren? Also über was heute Relevantes!“

Herzliche Grüße,

Peter

Die biologische Fehlrechnung in der Ökonomie (Teil 3)

4. September 2023

Der Austausch von Waren, von dem die klassische Ökonomik ausgeht, ist eine Verfallserscheinung der ursprünglichen Ordnung, wie Bronislaw Malinowski sie anhand der Trobriader Melanesiens gezeigt hat (siehe Reichs Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral). Diese basierte fast ausschließlich auf Vertrauen: man gab etwas und wußte, daß man eines Tages einen höheren Gegenwert zurückerhalten würde. „Zeit“ war nie leer, sondern immer etwas, was mit „bioenergetischer Spannung“ gefüllt war.

Mit dem Zerfall dieser ursprünglichen Ordnung ging dieses Vertrauen und diese „Zeitfülle“ verloren. Der Mensch „verfiel dem Gold“. Wenn ich das richtig verstanden habe, handeln davon fast alle Mythen vom Verlust der alten Ordnung, die Wagner in seinem krypto-kommunistischen Ring der Nibelungen zusammengeführt hat. An die Stelle von Vertrauen tritt die Gier nach Gold und die Willkür der Götter, die wie Wotan ständig „ordnend“ eingreifen und trotzdem nur immer mehr Chaos erzeugen, bis es schließlich zur „Götterdämmerung“ kommt, letztendlich weil niemand mehr irgend jemanden vertrauen kann und alles dem Nihilismus (sozusagen der „Zeitleere“) verfällt. (In Tolkiens kongenialem krypto-katholischem Herr der Ringe geht es um die Wiederherstellung einer ewigen moralischen Ordnung, zu der es keine mögliche Alternative gibt.)

Freud vertrat die diametrale Gegenposition zur Anthropologie Reichs, d.h. am Anfang steht die Willkürherrschaft des „Urvaters“, der schließlich von seinen eigenen Söhnen beseitigt wird (Stichwort Ödipuskomplex). Wie man sich das konkret vorstellen kann, läßt sich anhand der Eigentumsökonomik Gunnar Heinsohns aufzeigen. Dieser zufolge stand am Anfang, d.h. in der Antike, die Verwaltung und mehr oder weniger willkürliche paternalistische Verteilung von Gütern. Nach einem revolutionären Umbruch wurde der Feudalbesitz (materielle Beherrschung) aufgeteilt und durch einen Rechtsakt in Eigentum (rechtliche Beherrschung) umgewandelt. Konkret war das die gleichmäßige Aufteilung des Landes unter den vatermörderischen Revolutionären. Von diesem Zeitpunkt an geht es, so die Vorstellung Heinsohns, nicht mehr um das Verteilen von Gütern, sondern um die Verwertung des Eigentums unter den Bedingungen der Erzwingung von Mehrertrag durch den Zins. Wer bei einem Kreditgeschäft auf die freie Verfügbarkeit seines Eigentums, das etwa verpfändet oder verkauft werden kann, zeitweise verzichtet, möchte dafür kompensiert werden („Eigentumsprämie“), der Kreditnehmer kann also das fremde Eigentum, das er zeitweise besitzt, zum eigenen Vorteil nicht frei nutzen, sondern muß einen Zins unter der ständigen Drohung erwirtschaften, bei Nichterfüllung das eigene Eigentum, das den Kredit absichert, durch entsprechende Rechtstitel zu verlieren.

Eigentum wird durch einen nichtphysischen Rechtsakt geschaffen. Am Anfang steht die Parzellierung des Landes mit je einem Eigentümer der einzelnen Parzellen. Dadurch, daß es eingezäunt wird, ändert sich an einem Stück Land zunächst einmal gar nichts, trotzdem ist das, Heinsohn zufolge, der alles entscheidende Bruch in der Wirtschaftsgeschichte, denn durch das Eigentum, wird der Kredit- und Zinsmechanismus ingang gesetzt und der Eigentümer dadurch gezwungen, dieses Land profitabel zu bewirtschaften. Plötzlich zählen persönliche Beziehungen rein gar nichts mehr, der Austausch wird sozusagen „blind“, vor allem aber „mathematisiert“, d.h. infolge des abstrakten Eigentumsbegriffs zählt einzig und allein die Quantität: die unmenschliche Kälte des Kapitalismus.

Heinsohn (ähnlich wie zuvor Freud) sieht nicht, daß es sich hier um Verfallserscheinungen der ursprünglichen „ungepanzerten“ Ordnung handelt und die beschriebene „Blindheit“ eine Folge von Panzerung ist.

Eine Email von Peter Nasselstein an Bernd A. Laska, 10.09.03

12. Januar 2023

PN: Liest sich glatt, keinerlei Häme etc wie sonst so oft. Aber: Von Sexualität kein Wort. Und Merksatz 1: Biopathien sind unbekannten Ursprungs (aber dann orgontherapeutisch zu behandeln).

Dieser Satz ist (Robert A.) Dews klassischer Definition der Biopathien entnommen: using classical medical concepts, the ethiologies of these diseases remain elusive

BAL: Vielleicht berechtigt, when using classical medical concepts ??? Aber hat Dew denn auf nicht-klassische Weise den Ursprung der Biopathien zu erklären versucht?

PN: Ja, denn das ist ja der Sinn des Satzes: Ätiologie unbekannt, weil Pulsationsstörung nicht beachtet wird – denn die würde einen langen Schwanz an Implikationen nach sich ziehen und letztendlich unsere „pulsationsschädigende“ Gesellschaftsordnung infrage stellen.

BAL: Da war der alte Freud doch radikaler: als er sagte (wann eigentlich? wo?), dass seine Psychoanalyse in puncto Heilen mit Lourdes nicht mithalten könne, er sie auch nicht als Heilmethode empfehle, sondern wegen ihres Wahrheitsgehaltes.

PN: Freud war, wenn ich mich recht erinnere, Anatom des Nervensystems, der kaum je mit wirklichem menschenlichen Leiden in Kontakt kam – und wenn, dann war es eine interessante Kuriosität. Bei Reich war das anders (Krieg, bei Wagner-Jauregg auf der Station, im psychoanalytischen Ambulatorium) und bei Dew auch (Internist, der tagtäglich mit den unbeschreiblichsten Grausamkeiten der Innereien konfrontiert ist) – die wollten wirklich heilen. Es war Reich, der Freuds snobistische Gesprächstherapie in eine regelrechte Psychotherapie MIT EINEM THERAPIEZIEL verwandelt hat.

Ich bezweifle nicht, daß die Psychoanalyse einen Wahrheitsgehalt hat – wenn man in sehr allgemeinen Begriffen spricht (Über-Ich, Ödipuskomplex, Unbewußtes, Verdrängung, Übertragung, prägenitale Organisation – das wars dann auch schon – und alles nur in einer holzschnittartigen Primitivversion brauchbar). Das besondere an Freud war eine „Wahrheitssuche“, die ihn stets zu den absurdesten Schwachsinnigkeiten geführt hat: eine grandiose Flucht vor den paar Grundwahrheiten der Psychoanalyse in immer neue verwickelte Absurditäten und geradezu psychotische „Interprätationen“. „Die Psychoanalyse ist die Krankheit, die sie zu heilen vorgibt.“

Aber Sie wollen darauf hinaus, daß die Orgonomie zur Medizin verflacht wird. Das ist so’ne Sache. Egal was man macht: konzentriert man sich auf die Physik, kommt etwa Peter Reich und sagt, man solle sich doch mehr auf die wirklich wichtigen soziologischen Beiträge seines Vaters konzentrieren; macht man das, dann kommen Leute wie (Chester M.) Raphael und schreien „Orgon!“, usw.

Dabei ist es ziemlich egal, was man macht, solange man nicht den Roten Faden verliert. Und ich weigere mich, dabei auf Ärzte herabzublicken, die „nur“ Leute in den ORAC setzen oder „nur“ psychiatrische Orgontherapie“ machen. Es kommt auf den Geist an, mit dem sie es tun. Zugegeben manche sind erschreckend geistlos….

BAL: Ich will das [Reich, Silvert, Soziopathen] nicht abstreiten. Aber was wusste (Lois) Wyvell, was sogar die linke Europäerin (Ilse) Ollendorff, von dem, was Reich um- und antrieb ? Als die ihn kennen lernten, da war schon viel perdu, da hatte er SICH vor Augen, als er in FO42 bemerkte, man solle Autobiographien in jungen Jahren schreiben, denn: „manche Illusionen [!], die man … noch hat, befähigen einen…“ usw. (k&w, S.16)

PN: Wyvell ist ja nur eine Nebenfigur. Einzig interessant, weil sie wie kaum jemand anderer Einblicke in den privaten Reich hatte. Vielleicht mehr als Ollendorff (Gewöhnung macht blind, stumpft ab). Vor allem in Reichs Beziehung zu Silvert (einem wahrhaftigen Monster), in dem er sicherlich seinen „Mr. Hyde (?)“ sah.

BAL: Dass üble Typen sich zu WR hingezogen fühlten, und er das resigniert akzeptierte (CM: „auch du brauchtest sie…“), OK, menschlich verständlich. Aber dass es kaum Andere gab (und gibt); dass offenbar kaum ein Zeitgenosse von intellektuellemRang das Gespräch mit ihm suchte; dass der „Konflikt mit Freud“, der Ausschluss, so gespenstisch lautlos über die Bühne ging; dass es keine „immanente“ Kritik gab, die er sich ja wohl ernsthaft wünschte, u.v.a.m. DAS ist die weltumspannende „conspiracy“.

PN: Ja. Ich will ja auch nicht die „Silvert-Sache“ ins Zentrum stellen oder gar die Orgonomie mit „Reichs Geheinmnis“ erklären. Für mich ist es nur die naheliegenste Erklärung für eine kleine Nebensache: warum so viele Soziopathen sich zu Reich hingezogen fühlen.

Interessant ist die Beschreibung von Reichs Anfangszeit in New York. Wie alte „Freunde“ aus Berlin und Wien mit ihm Kontakt aufnahmen – und fluchtartig das weite suchten.

Nehmen wir aus aktuellem Anlaß mal Adorno: voll von Freudistischen und Marxistischen Theorien. Und dann ein mögliches Gespräch mit Reich: während Adorno theoretisieren will, kommt Reich mit den biologischen (medizinischen) Grundlagen der Charakterbildung, den Besonderheiten der Kindererziehung („Ist Ihnen aufgefallen, daß in New Yorker Kinderwagen, die Babys auf dem Bauch liegen? Das ist der Anfang des 3. Weltkrieges!“), etc.

Und mit den beschränkten Fach-Psychiatern und lebensfeindlichen Baby-Experten konnte Reich erst recht nicht sprechen.

Hat das was mit LSR zu tun? Nun ja, auf ihre Weise waren auch LaMettrie und Stirner „konkretistisch“: die Kunst des guten Lebens – und darin die Utopie verwoben.

Deshalb ist es nicht so einfach mit der „medizinischen (oder physikalischen, etc.pp) Verflachung des Reichschen Lebenswerkes“. Die gibt es, zweifellos, aber…. Vorsicht! – Was hält einem vom wirklichen, konkreten Leben ab (dem Reparieren des Kühlschranks, einer effektiven psychotherapeutischen Tätigkeit am Patienten, der Erforschung der Atmosphäre, dem Erfinden narrensicherer Computerprogramme, etc.pp.)? Das ÜBER-ICH?

Sehr grob und sehr platt: der LSR-Gehalt des Reparierens von Kühlschränken ist in Reichs mysteriösem (und irgendwie unpassenden) Begriff „Arbeitsdemokratie“ aufgehoben.

Sie selbst schrieben mir mal über sich: „Als Resultat meines gewiss langen Studiums des Reich’schen Werkes auf der Basis meiner Herkunft aus der arbeitenden/realistischen Sphäre ist LSR entstanden. Mein Verhältnis zum Komplex Philosophie ist vielleicht vergleichbar mit dem, das Reich zum Komplex Neurose hatte. Reich begab sich in diesen Unrat nicht, weil er sich dort — wie Freud et al. — wohl und heimisch fühlte…“ Reich fühlte sich in der „arbeitenden/realistischen Sphäre“ heimisch! Und deshalb kann man die Arbeit des Psychiaters und Internisten nicht so einfach als irrelevant wegwischen!

(…)

BAL: Aber (drei deutsche Reichianer)…  Aaaarrrggghh.

Die Schuttschicht auf Reichs Grab wird immer dicker (statt dass Schichten des Reich-gemachten „Palimpsests“ abgetragen werden).

PN: Eva Reich hat all diese Leute ja tatkräftig unterstützt – damit Reichs Name nicht verlorengeht.

BAL: Das lag ganz auf der Linie, dass sie die Nachlassverwaltung an Higgins gegeben hat. (Ob sie selbst weniger schädlich gewirkt hätte, muss freilich dahingestellt bleiben).

PN: Entweder hätte sie alles freigegeben – und dabei obskure Figuren bevorzugt. Oder, was ich eher glaube, sklavisch die Anweisungen ihres Vaters befolgt: das bereits Veröffentlichte unverändert neu herausgeben – und ansonsten die Archive bis 2007 geschlossen gehalten. – Und während dessen auf Orgonon allen möglichen Unsinn getrieben….

BAL: Reichs Name wurde jedenfalls bekannt, aber alles, wofür er steht oder stehen könnte, wurde um so effektiver verschüttet, zu einem grossen Teil auch durch Evas Herumtingeln in aller Welt, wo sie unter Missbrauch der Autorität ihres Namens ein verwaschenes Reich-Bild an viele „Multiplikatoren“ vermittelt haben wird. In Brasilien hat sie auch ihre fans.

PN: Besonders fatal sind Geschichten wie: Auf der Fahrt nach Arizona sprach mein Vater zu mir über Selbsrregulierung und daß sich die Leute von Ärzten unabhängig machen und sich selbst therapieren sollen. – Und daraus macht Eva dann eine Rechtfertigung für all die Geschäftemacher, die ohne die Last eines Studiums und einer Ausbildung auf sich genommen haben, nach ein paar Wochendseminaren als „Reich-Therapeuten“ auftreten. Und was meinte Reich? Das genaue Gegenteil: die Verhinderung einer „Therapie-Szene“.

Wirklich was aus Reichs Anregung zu machen, ist sie mangels eigener Orgontherapieausbildung unfähig. Wie (Richard) Schwartzman mir mal sagte: Ich kann den Patienten nicht helfen! Wie soll ich das tun? Die können sich nur selbst helfen. Ich kann allenfalls assistieren. Was Sie hier auf meiner Couch für viel Geld machen, könnten Sie ebensogut selbst zu Hause machen. Aber Sie werden es nicht tun! – Er hatte recht.

Ein neues „Do-it-yourself-Buch“? Nein, natürlich nicht. Aber ein neues Bewußtsein dessen, was man sich selbst antut: das ewige Weglaufen vor dem Wesentlichen. Aber genau das wäre Eva und Konsoren unerträglich, denn die Sache wäre nicht mehr „frei“ und „bunt“ UND „demokratisch“, sondern FOKUSSIERT. Die Reich-Szene, die maßgebend von Eva kreiert wurde, ist genau das, was zu heilen sie vorgibt: Flucht vor dem Lebendigen.

Warum initiiert der Orgontherapeuten-Ausbilder nicht sowas, was Reich angeregt hat? Weil das dann sofort als „Manual“ von xyz und anderen ausgenutzt werden würde.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 23)

11. Oktober 2022

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Wie unterscheidet sich die Reaktion der „Konservativen“ von der der „Progressiven“ auf Stirner? Die ersteren weichen stets ins Religiöse und „Kosmische“ aus, die letzteren ins „Menschliche“. Das „Menschliche“ ist von keinerlei Interesse, da es, wie nicht zuletzt Stirner gezeigt hat, doch nur transformierte Religion ist. Das „Kosmische“ ist weitaus interessanter, da – Reich diesen Weg beschritten hat.

Daß ein Aufklärer, bzw. ein „Aufklärer“, wie Freud ein frommer Mann ist und deshalb eine Privatinquisition gegen Reich mobilisiert, finde ich nicht sonderlich spannend. Wichtiger ist mir, daß, wie Reich später zugab, Freud „im Rahmen der Schweinerei“ recht hatte und daß Freud seinerseits Reich untergründige heimliche religiöse Anwandlungen („ozeanische Gefühle“, „Naturromantik“) und damit Verrat an der Aufklärung vorhielt: Reich sei der „Fromme“!

Freud sah ausgerechnet da tiefer, wo er Reichs „Stirner-Projekt“ (die damalige Sexualökonomie) angriff. Und Reich hatte seinerseits gegenüber Freud ausgerechnet da recht, wo Freud die Aufklärung gegen Reichs „ozeanische Gefühle“, „Naturromantik“, „Träumereien von matriarchalen Paradiesen“ hochhielt, den Freud des Todestriebes und „schwachen Ich“, das seine Abwehr (Zucht und Ordnung) gegen die destruktiven atavistischen überstarken Triebe aufrichten muß.

Der reife, der „orgonomische“, Reich war schließlich in der Lage, sein „Stirner-Projekt“ eingebettet in ein besseres Verständnis der gesellschaftlichen und biologischen Zusammenhänge wirklich erfolgversprechend in die Wege zu leiten.

Das folgende Reich-Zitat zeigt sehr schön, wie Reichs „Stirner-Projekt“ organisch in sein „Orgon-Projekt“ überging:

Zu diesen [orgonomischen] Ergebnissen gelangte ich durch Anwendung der soziologischen Untersuchungsmethode, die mich lehrte zu sehen, daß der [Über-Ich produzierende] erzieherische Einfluß auf die biologischen Funktionen des Körpers von größter Bedeutung für die Entstehung von Krankheiten im autonomen Lebensapparat ist. (American Odyssey, S. 97)

Die Gegenspieler LaMettries (Diderot, Voltaire, Rousseau), Stirners (Marx und Nietzsche) und Reichs (Freud, Fromm, Marcuse und Foucault) machten Geschichte, weil sie mit ihrer Aufklärung, die sich eben nicht komplett von „LSR“ (LaMettrie, Stirner, Reich) unterschied, einerseits näher am Mainstream standen als das Original, gleichzeitig aber doch einen schwachen Abglanz der „LSR-Wahrheit“ darstellten: diese Kombination ist werbetechnisch unschlagbar. Was man etwa an Nietzsche sieht, wenn man ihn einerseits mit den mittlerweile vergessenen damaligen Schulphilosophen und andererseits mit Stirner vergleicht.

Ein bißchen Bewegung, ein bißchen Aufklärung, ein klein wenig Fortschritt, viele Unfälle – aber keine finale Katastrophe. Reich (der dritte von LSR) meinte jedenfalls schließlich (kein Zitat): „Nur gut, daß ich mich nicht mit meiner radikalen Position durchgesetzt habe. Schlimm genug, was diese idiotischen Plagiatoren angerichtet haben!“

Für mich fällt das unter die Kategorie (kein Zitat): „Ich (Reich) habe das System hinter der Schweinerei durchschaut. Ich weiß, nicht nur, warum ich nicht siegen konnte, ich weiß auch, warum ich nicht siegen durfte – und deshalb werde ich, aus historischer Perspektive, derjenige sein, der als einziger eine Chance hat doch noch zu siegen!“

Siehe dazu Reichs Notiz vom 18. Januar 1943:

Die praktische Anwendung des Prinzips ist schwierig. Man möchte es gerne einfach haben und verfehlt damit das Ziel. Die Wirklichkeit ist unendlich viel komplizierter als das Prinzip selbst. Sie verwirrt das Prinzip, scheint es oft zu widerlegen, ist eigentlich unvollkommen, erfordert neue Errungenschaften und Korrekturen. Aber wenn man das Prinzip aus den Augen verliert, dann gibt es keine Möglichkeit, es zu aktualisieren und zu korrigieren. (American Odyssey, S. 174)

Kleine Anmerkung zu Diderot: wiederholt hat Freud darauf hingewiesen, daß bereits Diderot auf die Ödipuskonstellation hingewiesen hat (Thomas Köhler: Das Werk von Sigmund Freud, Lengerich 2000, S. 402). Und was hatte Diderot, der Gegenspieler LaMettries, geschrieben?

Wenn der kleine Wilde sich selbst überlassen würde, wenn er seine ganze Unvernunft behielte und wenn er mit der geringen Vernunft des Kleinkindes die Gewalt der Leidenschaften des Mannes von dreißig Jahren vereinigte, würde er seinem Vater den Hals umdrehen und mit seiner Mutter schlafen.

Das, diese Verachtung Diderots für die Natur, begeisterte Freud! Die kleinen Wilden mußten gebändigt werden! Und genau darum haßte Freud Reich mit einem unbedingten Vernichtungswillen, haßte Marx Stirner und haßte Diderot LaMettrie!

Verschwörungstheorien (Teil 3)

23. September 2022

Seit den Anfängen der sozialen Orgonomie 1928 gab es stereotyp immer wieder den gleichen Einwand: Reich räume den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht den gebührenden Raum ein. In früheren Zeiten ging es dabei meist um Versatzstücke des Historischen Materialismus, was letztendlich stets auf böse Machenschaften der Kapitalisten hinauslief. In den letzten Jahrzehnten wurde dieser Diskurs zunehmend „verpoppt“ bzw. amerikanisiert und es geht ganz direkt um Verschwörungen, etwa die der „Bilderberger“, ohne Rückgriff auf anspruchsvolle politökonomische Analysen. Die werden durch unterhaltsame Kriminalgeschichten ersetzt.

Die Antwort der Orgonomie auf diese Kritik ist denkbar brutal: hier kommt ein imgrunde psychotischer Mechanismus zum tragen, der in der autoritären Gesellschaft noch ausgiebig rationalisiert war und sich sogar den Anstrich der Wissenschaft gab, heute, in der antiautoritären Gesellschaft, jedoch nackt zutage tritt. Die durch die eigene Panzerung, die tatsächlich externe Ursachen hat, verfremdeten (!) und verzerrten Wahrnehmungen und Impulse, also ein innerliches Geschehen, wird nach außen projiziert und externen Ursachen zugeschrieben. So kommt es zu den überhandnehmenden Verschwörungstheorien.

Genauso, wie die rege Phantasietätigkeit und generelle Hyperaktivität des Paranoiden darauf abzielt, der schizophrenen biophysischen Schrumpfung entgegenzuarbeiten, an deren Ende der „ausgebrannte“ Schizophrene steht, versuchen die Menschen in Zeiten des gesellschaftlichen Zerfalls mit Hilfe florider Phantasietätigkeit der „biosozialen Schrumpfung“ entgegenzutreten. Und genauso, wie es beim Schizophrenen, der typischerweise seinen Psychiater mit langatmigen Exposés und „Dokumentationen“ zumüllt, in denen sein Wahn bis ins kleinste Detail „belegt“ wird (beispielsweise kann der Tagesschausprecher „aus logischer Sicht“ nur ihn ganz persönlich gemeint haben!), ausschließlich um die Projektion innerer Vorgänge geht, handelt es sich auch bei der einstigen „Marxistischen Gesellschaftsanalyse“ und den heutigen Verschwörungstheorien um ein ausschließlich psychopathologisches Phänomen, egal wieviel „Evidenz“ auch immer beigefügt wird. (Das heißt nicht, daß Marxisten und Verschwörungstheoretiker „kränker“ als du und ich sind: es ist ihre Art, mit den Problemen umzugehen, die wir alle habe.)

Was projiziert wird, ist natürlich nichts anderes als die Ursprungsgeschichte der Panzerung in der autoritären Familie: „das Kapital“, „die Juden“, „die Bilderberger“, etc. sind Masken des Ödipuskomplexes. Dadurch gewinnen die Verschwörungstheorien auch ihre Überzeugungskraft: die Panzerung hat, wie bereits erwähnt, externe Ursachen. Die lassen sich aber nicht beseitigen, indem man den durch die Panzerung hervorgerufenen Wahrnehmungsverzerrungen folgt und diese auch noch rationalisiert. Wie dann?

An den gesellschaftlichen Zuständen wird sich erst dann etwas ändern, wenn die Panzerung verschwindet, was voraussetzt, daß die Massen von der Existenz der Panzerung erfahren und gewahr werden, daß diese für die gesellschaftlichen Zustände verantwortlich ist. Erst danach macht es Sinne von „Verschwörungen“ zu reden.

Panzerungverschwoerung

Orgonomie und Metaphysik (Teil 22)

7. Januar 2022

Kurz nachdem er vom Orgonomen zum Schüler des russischen „Geistheilers“ Nikolai Levashov geworden war, hat mir Richard Blasband Anfang der 1990er Jahre persönlich erklärt, daß Meditation (ich nehme an auch Hypnose, die er nicht erwähnt hat), also alle „bewußtseinsverändernden“ Techniken, den Geist für fremde Wesenheiten öffnen, „Critter“ (also „Dämonen“, geistige Parasiten). Stattdessen müsse es, so extrapoliere ich Blasbands Aussage, um die Befreiung und Mobilisierung der menschlichen Intention gehen. Genauso wie L. Ron Hubbard und seine Dianetik/Scientology: dieser hatte verkündet, diese sei das Gegenteil von Hypnose, nämlich die Emanzipation des Geistes, der einzelnen Seele. Tatsächlich sind aber die dianetischen/scientologischen Techniken nichts anderes als Hypnose. Ähnlich bei Levashov. Blasband und Barbara Koopman haben das erstaunlicherweise nicht durchschaut. Wenn etwas als Gegenteil dessen auftritt, was es ist, haben wir es mit der Emotionellen Pest zu tun…

Was ist Hypnose? Die Etablierung eines Autoritätsgefälles, wobei der Hypnotiseur zum Vater/zur Mutter wird, die Hypnotisierte zum Kind. Und dann spezifisch das okulare Segment angehen, etwa indem du das Opfer dazu bringst infantilen Unsinn zu glauben (Kinder sind Platoniker und verwechseln die Dinge mit ihrem Namen und sie sind Magier: sie glauben an die Allmacht der Gedanken) oder zu tun (Kinder können bis die Erwachsenen verzweifeln immer und immer und immer wieder das gleiche tun – mit wachsender Begeisterung). Das hat natürlich alles etwas mit dem Ödipuskomplex der Psychoanalyse zu tun – die sich direkt aus der Hypnose entwickelt hat. Die „Übertragung“ (Autoritätsgefälle!) ist das direkteste Überbleibsel der Hypnose in der Psychoanalyse. Auch denke man daran, daß das „Muskellesen“ und das Beachten kleinster Verhaltensweisen, Tics, etc. in der Hypnose teilweise der Charakteranalyse verblüffend nahekommt.

Esoteriker warnen vor Geistheilern á la Levashov, die ihren Geist in den Geist des Patienten einbringen. Solange die Behandlung dauert, ist alles gut, aber danach besteht die Gefahr, daß sich der Patient nie wieder von dieser „mind control“/„Übertragung“ befreien kann.

Man sollte vielleicht auch noch erwähnen, daß bei Blasband obskurantistische Tendenzen nicht grade neu waren. Ich denke dabei an seine Unterstützung von Trevor Constable bereits Anfang der 70er Jahre! Interessant in diesem Zusammenhang ist folgende Äußerung Blasbands: nachdem er sich 1992 nochmals mit Constable auseinandergesetzt hat, fährt er im darauf folgenden Absatz fort: „Ich habe den Eindruck, daß die bewußte Absicht des [Cloudbuster-] Operateurs eine wichtige Rolle spielt“ (R.A. Blasband: „Orgonomic Weather Control: An Overview“, Journal of Orgonomy 26(1):42-48). Ein Jahr zuvor erwähnte er „den berühmten Hellseher Edgar Cayce“ (Besprechung von Cantwells „The Cancer Microbe”, Journal of Orgonomy 25(1):131-134).

Reich war gleich dreimal hintereinander mit „Blasband“ konfrontiert:

  1. Bergson („Reich als Bergsonianer“);
  2. Blüher (Reich als Wandervogel mit Hans Blüher als Spiritus rector der Wandervogelbewegung, siehe Reichs Blüher-Rezension Mitte der 1920er Jahre); und
  3. DuTeil (der Bergsonianer und „Spiritualist“ war und wie Blasband von der „Essenz“ sprach, die das Leben ausmacht – siehe DuTeils Aufsatz „Leben und Materie“ in Die Bione).

Blasbands Behauptung stimmt ganz einfach nicht, daß Reich am Ende seines Lebens, wäre er nicht zu früh gestorben, zum „Bewußtsein“ gelangt wäre, denn Reich war schon gleich am Anfang seiner Karriere mit dieser Problemstellung konfrontiert, dann nochmals in seiner psychoanalytischen Phase, in der er sich intensiv mit dem damaligen „New Age“ und „Psychoboom“ auseinandersetzte, und schließlich durch DuTeil mit dem zusammen er die eigentliche Orgonomie begründet hat!

Telepathie (eine extreme Form des energetischen Kontakts, die in jeder guten Orgontherapie auftritt) ist nichts außerhalb der Orgonomie stehendes und, wie wir an den beiden folgenden Zitaten sehen, die energetische Arbeit via das Bewußtsein auch nicht. Selbst das Weiterleben der „Essenz“ nach dem Tode tritt Ansatzweise bei Reich auf:

Die biologische Energiequelle erlischt. Toter Fisch z.B. gibt kurz nach dem Sterben zwar noch orgonotische Erstrahlungsreaktionen am Orgonfeld-Messer, aber die Reaktionen sind schwach und verlieren sich bald. Tote Blattzweige geben im Gegensatz zu lebenden keine Orgonfeldaktion. Das bedeutet: Der sterbende Organismus verliert seine biologische Energie; zuerst schrumpft das Orgonenenergiefeld um den Organismus herum ein, dann folgt der Orgonverlust in den Geweben. Wir müssen daher die Volksmeinung ernstnehmen, die sich durch den Satz ausdrückt, daß man im Sterben seine „Seele aufgebe“. Die „Seele“ wird nicht, wie der Mystizismus glaubt, nun geformt zusammengehalten, um als „Geist“ im Raume zu schweben und Körper neu zu beleben; aber es ist richtig, daß die Orgonladung des Organismus die Lebensempfindungen begründet und daß mit Abnahme der Orgonladung die Lebensempfindungen schwächer werden. (Der Krebs, Fischer TB, S. 258)

Die angeborene Essenz, von der Blasband spricht, taucht auch bei Reich auf: „Jeder Neugeborene hat seine Eigenart, seinen emotionellen Grundton, den zu erfassen Voraussetzung des Verständnisses der einzelnen emotionellen Reaktionen ist“ (Der Krebs, S. 386).

DIE SITUATIONISTISCHE INTERNATIONALE: Wilhelm Reich kontra die Situationisten (Teil 4)

28. September 2021

von Jim Martin

DIE SITUATIONISTEN (Fortsetzung)

Später erschienen in den Vereinigten Staaten Streitschriften, die versuchten, Reich von einem situationistischen Standpunkt her zu rehabilitieren. In einem anrührenden Pamphlet, das 1973 unter dem Titel Remarks on Contradiction and its Failure erschien, wertete Ken Knabb seine eigene Beteiligung in einer amerikanischen Pro-Situ-Gruppe („Contradiction“) mit Hilfe der Betrachtungsweise der Reichschen Charakteranalyse aus. Dies war Reichs neuartige Therapietechnik, die die erstarrte Rolle identifizierte, welche vom Neurotiker gespielt wurde, um ihn vom vollständigen Kontakt mit dem Leben zu schützen. Sie richtet ihr Augenmerk besonders auf den Widerstand gegen die Analyse, und bedient sich tiefer Atmung zusammen mit der körperlichen Freisetzung des muskulären Festhaltens (Charakterpanzerung), um die Gesundheit wiederherzustellen.

„Die Mitglieder von Contradiction hätten ihrer Zwangslage mutig entgegentreten können, durch das Heranziehen jener grundlegenden Taktik, die Sackgasse gerade dadurch zu verlassen, daß man sich auf den Widerstand gegen die Analyse konzentriert. Dies hätte die Aufmerksamkeit nicht nur auf die grundlegenden Fehler kollektiver Organisation gelenkt, die ich in Remarks umrissen habe, sondern auch auf unseren individuellen Widerstand, will sagen unsere Charakter… Es sei nur gesagt, daß, obwohl unbestreitbar die Praxis der Theorie individuell therapeutisch wirkt, es mir ebenso wahr zu sein scheint, daß ein Angriff auf den Charakter des Einzelnen eine gesellschaftliche Strategie ist, ein praktischer Beitrag zur internationalen revolutionären Bewegung. Der Charakter des Pro-Situ wird durch das Schauspiel objektiv verstärkt (ein Charakter tritt natürlich am meisten durch seine Unfähigkeit hervor, seine Existenz als etwas anderes als ‚Banalität‘ wahrzunehmen, bis überstarke Symptome, die vielleicht seine gesellschaftliche Praxis sichtbar behindern, ihn zwingen, seine Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken). Auf der anderen Seite, verhindert es all die Klarheit eines Artaud, der seinen Charakter isoliert angreift, nicht, daß das ‚äußere‘ Waren-Schauspiel, das er verächtlich beiseite schiebt, in seiner inneren Welt als Phantasie von fremden, bösartigen Wesen wiederkehrt, von denen er besessen ist. Wie eine Revolution in einem kleinen Land muß der Mensch, der eine Blockierung, eine eingefahrene Routine oder einen Fetisch aufbricht, aggressiv nach außen gehen, um dort radikale Alliierte zu finden oder aufzuwiegeln oder er wird das verlieren, was er gewonnen hat und seinem eigenen inneren Thermidor zum Opfer fallen. Die Auflösung des Charakters und die Auflösung des Schauspiels sind zwei Bewegungen, die einander bedingen und erfordern.“

Hier legt Knabb seinen Finger auf den Kern des Problems. Er bietet eine Neuformulierung von Reichs Kritik am charakterlichen Rebellen. Mit dieser selbstbezüglichen Analyse übertrifft er alles, was die Situationisten jemals über Pro-Situs geschrieben haben. Im Gegensatz zu den französischen Philosophen war er in der Lage, Reichs Arbeit zu verstehen.

Im selben Jahr veröffentlichte Knabb eine Breitseite, Jean-Pierre Voyers Reich: How to Use. Voyer erörtert die Auflösung des Charakters und seine Rolle bei der Auflösung des Schauspiels.

„In allen Gesellschaften, in denen die modernen Produktionsverhältnisse vorherrschen, nimmt die Unmöglichkeit zu leben die individuellen Formen des Todes, des Wahnsinns oder des Charakters an. Mit dem unerschrockenen Dr. Reich und gegen seine entsetzten kompromißlerischen und heuchlerischen Anhänger (recuperators)* und Verleumder postulieren wir die pathologische Natur aller Charakterzüge, d.h. alles Chronischen im menschlichen Verhalten. Für uns ist weder unsere individuelle Charakterstruktur, noch das Aufklären ihrer Entwicklung wichtig, sondern die Unmöglichkeit sie für die Schaffung von Situationen zu verwenden. Der Charakter ist deshalb nicht nur eine ungesunde Wucherung, die man isoliert behandeln könnte, sondern zur gleichen Zeit ein individuelles Heilmittel in einer umfassend kranken Gesellschaft, ein Heilmittel, das uns erlaubt, die Krankheit zu ertragen, während es sie gleichzeitig verschlimmert.

Wir glauben, daß die Menschen ihren Charakter nur dadurch auflösen können, daß sie sich gegen die ganze Gesellschaft stellen (dies steht insofern im Konflikt mit Reich, als er die Charakteranalyse von einem spezialisierten Gesichtspunkt aus betrachtete); während auf der anderen Seite die Funktion des Charakters in der Anpassung an die Umstände besteht, bereitet seine Auflösung eine umfassende Kritik an der Gesellschaft vor. Wir müssen diesen Teufelskreis durchbrechen.“

1975 gab in Detroit Black and Red ein Pamphlet der britischen Solidarity von Maurice Brinton neu heraus: Authoritarian Conditioning. Sexual Repression and the Irrational in Politics. Es enthält eine achtbare Darstellung von drei Büchern Reichs: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Die sexuelle Revolution und Die Massenpsychologie des Faschismus. Das erste dieser drei war eine Untersuchung über die Bedeutung der Arbeit des Anthropologen Bronislaw Malinowski für das Freilegen der kulturspezifischen Natur von Ödipuskomplex, Pathologie und Sexualunterdrückung. Die sexuelle Revolution ist hauptsächlich ein Bericht über Reichs Besuch in der Sowjetunion, der zu seiner Enttäuschung über die bolschewistische Revolution führte, welche ihre anfängliche Beseitigung des moralistischen Ehe- und Sexualrechts rückgängig gemacht hatte. Aus Die Massenpsychologie des Faschismus entnimmt Brinton Reichs Analyse „der verschiedenen Methoden, mit denen die moderne Gesellschaft ihre Sklaven so manipuliert, daß sie ihrer eigenen Versklavung zustimmen.“ Obwohl sich Brinton ziemlich tief in die Anthropologie Malinowskis eingearbeitet zu haben scheint, hat er offensichtlich einen der Hauptpunkte seiner Arbeit übersehen: die Untersuchung primitiver Ökonomien im Lichte des industriellen Kapitalismus. Eine der faszinierendsten Aspekte von Malinowkis Werk ist seine Erörterung des Geschenkaustausches; eine Ökonomie, die ohne Arbeitslohn auf Gegenseitigkeit beruhte und alle Aspekte des kulturellen Lebens durchdrang (einheitlich). Die gesamte Produktion war auf den freien Austausch von Geschenken bei Reisen zu benachbarten Klans ausgerichtet. Der Wettbewerb beruhte nicht darauf, wer am meisten bekommen, sondern wer das meiste geben konnte. Diese Art von Ökonomie wurde nur wenig berücksichtigt, obwohl eine pro-situationistische Zeitschrift vielsagend Potlatch betitelt war, was sich auf Geschenkgaben bei Primitiven bezieht.

Brintons Grundproblem ist, daß er es fast lieber gehabt hätte, wäre Reich 1936 gestorben. Bei Brinton werden wir vergeblich nach irgendeiner Erwähnung der Konzepte Roter Faschismus, Emotionelle Pest oder Orgon suchen.

* ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Zum Wort recuperator (recuperateur, „Rückholer“) schreibt Jim Martin: „ein französisches Wort, das von den Situationisten benutzt wurde, um die Fähigkeit des ‚Schauspiels‘ (bzw. Kapitalismus/Kommunismus/moderne technologische Gesellschaft) zu beschreiben, sich den Widerstand gegen das Schauspiel einzuverleiben und dienstbar zu machen.“

„Implications of Orgone for Consciousness Research“ von Leon Southgate

27. September 2021

Das Problem mit Southgates Arbeit (hier und hier) fängt bereits mit seiner Definition von Bewußtsein als jede subjektive Erfahrung an. Emotionen, Empfindungen, Kognitionen, Wollen und Ideation, Seele und Geist – wird alles zusammengeworfen. Daraus zaubert er eine Art „orgonomischen“ Panpsychismus frei nach Rupert Sheldrake, bei dem Bewußtsein und Orgonenergie schlichtweg gleichgesetzt werden. Es ist ähnlich wie bei Maglione, der die Lebensformel auch auf die unbelebte Natur angewendet hat. Auf diese Weise wird Reichs gesamte Lebensleistung ad absurdum geführt, denn dann hätte Reich gleich beim Vitalismus eines Driesch und dem Panpsychismus, der die Psychoanalyse der 1920er Jahre umwaberte (Groddeck), bleiben können. Es ist auch bezeichnend, daß Maglione mit keinem Wort das wirkliche Geheimnis des Orgonenergie-Motors erwähnt, nämlich die Kreiselwelle, und Southgate mit keinem Wort das wirkliche Geheimnis des Bewußtseins (die Funktionen Wahrnehmung und Erinnerung), nämlich die koexistierende Wirkung.

Was mich an dieser Arbeit geradezu abgestoßen hat, ist die sie prägende schizoide Weltsicht. Ein einzelner Mensch, mag jede Menge „Subjektivität“ haben und wie ein Autist in einer „psychischen Welt“ leben („Panpsychismus“), aber das ist das Gegenteil von Bewußtsein im eigentlichen Sinne. Bewußtsein im eigentlichen Sinne ist vor allem eine soziale Funktion. Herdentiere brauchen angesichts der hochkomplexen Vorgänge innerhalb einer Herde ein Konzept von „Ich“ und „Du“ und eine innere Bühne („Bewußtsein“), in dem sie ihre „Schachzüge“ im Voraus planen. Allein schon die Frage der Sprache! Bewußtsein ohne Sprache? Schwierig. Sprache ohne andere Menschen? Sinnlos. Die Psyche ist vom Sozialen nicht zu trennen. Das hat Freud gewußt („Ödipuskomplex“) und der Soziologe Reich gewußt, während Southgate, eine Art Wiedergänger C.G. Jungs, alles wieder in den autistischen Urschlamm des Okkultismus hinab zieht. Man vermeint bei der Lektüre geradezu die Ouvertüre von Wagners „Rheingold“ zu vernehmen…

Aber lassen wir Southgates Beitrag Revue passieren: Nach einer umfassenden Darstellung des wissenschaftlichen Problems „Bewußtsein“ und einer her oberflächlichen Darstellung des Reichschen Beitrags zu diesem Bereich kommt Southgate zu seiner eigenen Theorie, dem „orgonotischen [gemeint ist natürlich „orgonomischen“] Panpsychismus“, dem zufolge das Bewußtsein schlichtweg eine nicht weiter reduzierbare Eigenschaft der Orgonenergie ist. Was Southgate nicht aufzugehen scheint, ist, daß in diesem Zusammenhang „Bewußtsein“ genauso nichtssagend ist, wie „Sein“. Will sagen: das ganze bringt uns ungefähr so weit, als würde man sagen, daß „das Sein“ eine Eigenschaft der Orgonenergie ist. Es erklärt rein gar nichts!

Wenn es sich darauf beschränken würde, aber für Southgate „unterstützen Bione und die Abiogenese den panpsychischen Ansatz, daß Materie lebendig und bewußt ist“. Ich kann mir kaum einen schlimmeren Mißbrauch der Reichschen Theorie vorstellen. Die Bionforschung war nicht zuletzt ein antifaschistisches Projekt, das gegen den Mystizismus (Panpsychismus) gerichtet war, d.h. sowohl gegen das Neuheidentum der Nazis und die damalige „Erbforschung“, als auch gegen den kirchlichen Mystizismus. Reich wollte das Leben und damit auch „Geist und Seele“ (dialektisch-) materialistisch erklären. Southgate hingegen meint, daß die Beweise insgesamt darauf hindeuten, „daß sich der Geist gar nicht im Körper befindet, sondern lediglich mit ihm verbunden ist“. Dagegen hielt Reich, daß die funktionelle Einheit des Seelischen und Körperlichen „Jenseitigkeit oder auch nur Autonomie des Seelischen völlig und endgültig ausschließt“ (Äther, Gott und Teufel, S. 95).

Southgate kritisiert, daß Reich nicht den Ort des Bewußtseins angeben kann. Für Southgate ist dieser „Ort“ das Orgon selbst: das Bewußtsein sei die grundlegende Realität und Geist und Orgon seien „auf der tiefsten Ebene“ identisch. Entsprechend könnten die Gesetze der Psyche auf das Orgon übertragen werden. Das heißt nichts anderes, als daß wir wieder bei Georg Groddeck angelangt sind!

Southgates ganze Argumentation krankt daran, daß er „Soma“ und „Psyche“ nicht definiert. Das Soma, das ist die Gesamtheit der Teile des Organismus („die Niere auf Zimmer 7“), während die Psyche aus dem ganzheitlichen Funktionieren des Organismus bzw. dessen Störungen hervorgeht („Charakteranalyse“). Daß die Lebensenergie strömt, erregt wird und wahrnimmt, ist davon unabhängig und bedeutet nicht, daß das Orgon so etwas wie eine „Psyche“ hat. Es ist alles eine Frage der Orgonometrie, d.h. der Klassifizierung und richtigen Einordnung:

 

Southgate hintertreibt genau das, indem er alles mit allem gleichsetzt:

Orgon wird von Reich als eine unbewußte, nicht lebende, aber schöpferische Energie dargestellt, während seine Schöpfungen – Lebenswesen – immer bis zu einem gewissen Grad Bewußtsein zu haben scheinen. (…) Es ist unlogisch zu sagen, daß eine Energie, die Leben erschafft, kein Bewußtsein hat, wenn überall Leben mit Bewußtsein gepaart ist und nirgendwo Leben mit Nicht-Bewußtsein gepaart ist. (…) Man kann sagen, daß die Amöbe nur wahrnimmt und kein echtes Selbstbewußtsein hat, aber solche Klassifizierungen sind in diesem Zusammenhang bedeutungslos – jede Wahrnehmung ist eine Form von Bewußtsein. Es ist bei der Amöbe dasselbe wie bei unserem Selbst – es ist nur eine Frage des Grades.

Er fährt fort – und man merkt richtig, wie alles zerfällt – die Psyche geradezu dekompensiert:

Orgon und Bewußtsein werden auf der tiefsten Ebene identisch, so wie Energie oder Materie in Sheldrakes Panpsychismus mit dem Bewußtsein identisch ist. Orgon gewinnt erst auf oberflächlicheren Ebenen an Differenzierung, die als Orgonenergie und schließlich als Materie erfahren wird, die eine Form von gefrorener Orgonenergie ist. Es gibt also ein monistisches Kontinuum in einem Dreiklang: von orgonotischem Bewußtsein zu Orgonenergie und schließlich zu Orgon-Materie. Dieses monistische Kontinuum hat drei verschiedene Aspekte: Orgon-Bewußtsein, Orgon-Energie und Orgon-Materie. Alle drei sind physisch und alle drei sind real, aber man könnte sagen, daß die Bewußtseinsebene die „realste“ oder die primäre Realität ist. Orgonenergie und -materie sind in dieser Sichtweise spezialisierte Formen eines physischen orgonotischen Bewußtseins. Energie und Materie existieren noch immer für sich, sind aber nicht vom Bewußtsein getrennt.

Alles gerät heillos durcheinander und wird auf den Kopf gestellt, Worte verlieren ihre Bedeutung. Aus der Orgonenergie wird ein bloßes Wort. Wie bei allen „Reichianern“, etwa in der „energetischen Medizin“, ist das, was sie als „Energie“ oder „Orgon“ bezeichnet, nichts anderes als Psyche:

Dieser Mystizismus, und um nichts andere handelt es sich hier, mündet schließlich in Ausführungen über, man glaubt es kaum, künstliche Intelligenz, die von Magliones Arbeit inspiriert sind.

Southgate führt aus:

Ursprünglich war es das Ziel des Autors zu untersuchen, ob das Orgon selbst ein Bewußtsein besitzt. Im Laufe einiger Jahre dämmerte die Erkenntnis, daß die einzige Möglichkeit, dies zu erreichen, darin bestand, das Orgon selbst zum „Sprechen“ zu bringen – unabhängig von jeder anderen Entität. Alles andere wäre nur eine Demonstration des Bewußtseins eines Organismus, der bereits existiert. Eine solche Einrichtung, in der das Bewußtsein von Orgon demonstriert werden könnte, müßte also jegliche Organismen oder andere Eingaben ausschließen. Sie müßte völlig künstlich sein und sich nur auf das Orgon selbst stützen, um zu kommunizieren. Dann dämmerte dem Autor, daß dieses Ziel nicht ohne die Erforschung einer starken künstlichen Intelligenz verfolgt werden könnte.

Ich erinnere an Reichs oben zitierte Aussage in Äther, Gott und Teufel über die funktionelle Einheit von Psyche und Soma. Bei Southgate kommt das kurzschlüssige mystische Denken zum tragen, das untrennbar mit dem Mechanismus verbunden ist.

Er schließt an Magliones Konzept einer Art „Orgonenergie-Motor-Einrichtung“ an: einem Orgonenergie-Akkumulator, dessen orgonotisches Potential durch eine radioaktive Quelle derartig hochgepusht wird, daß „dadurch das Orgon von seinem ‚nebligen‘ Zustand in seinen aktiven ‚spitzen‘ Zustand übergehen würde. Wenn dies geschieht, findet ein spontaner Wechsel von orgonotischen zu teilweise elektrischen Energien statt. Organismen scheinen auf einer trilateralen Basis zu funktionieren – ein nicht-energetisches Bewußtseinsfeld, das sich in Orgonenergie umwandelt, die sich wiederum in elektromechanische Bewegung umwandelt. Es gibt Parallelen zum Orgonmotor, der auf der Übersetzung von Orgonenergie in elektrische und dann in mechanische Energie beruht.“ Das ist nichts anderes als „orgonomisch“ verbrämter Mechomystizismus! Die magische-okkulte Weltsicht die letztendlich hier zum Ausdruck kommt, offenbart sich im letzten Satz des Autors: „Dieser Autor glaubt nicht, daß Bewußtsein oder bewußte Wesen erschaffen werden können, sondern daß ihnen eine Gelegenheit geboten werden kann, sich aus einem nichtmateriellen Bereich zu manifestieren.“

Der Aufstieg des Psychopathen (Teil 9)

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EIN QUERSCHNITT DURCH DAS SCHAFFEN JEROME EDENs: Kosmischer Kampf – Planetare Angriffs- und Zermürbungsstrategien. Ein Überblick (Teil 8)

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