
DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 5. Orgonomie und Religion (Teil 1)
„Bewußtsein“ ist nach Reich gleichzusetzen mit „psychischer Struktur“ (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 37). Daraus wurde später dann die biophysikalische Struktur. Mit anderen Worten ist unser Bewußtsein abhängig von unserer Panzerungsstruktur. Das gilt für alle Arten von Bewußtsein: unsere politische Haltung („Klassenbewußtsein“), unser „Privatleben“ („Liebe“), unser Arbeitsleben (wo es zentral um die Konzentrationsfähigkeit geht) und nicht zuletzt in unserem Kontakt zum Kosmos („Religion“). Was letzteres betrifft, schließt die hier umrissene funktionelle Einheit des Seelischen und Körperlichen „Jenseitigkeit oder auch nur Autonomie des Seelischen völlig und endgültig aus“ (Äther, Gott und Teufel, S. 95).
Das bedeutet aber noch lange nicht, daß man „falsches Bewußtsein“ einfach so wegwischen kann! Es gilt stets die Gegenwahrheit zu sehen! Reich zufolge erfüllt die „Illusion einer freien Willensbestimmung und einer überirdischen Bestimmung des Menschen“ drei Funktionen:
Sicherlich kann man einen Gutteil des Mystizismus auf diese Weise erklären, aber selbst dann bleibt ein Rest. Immerhin hängen viele sehr intelligente und emotional reife Menschen dieser Weltanschauung an.
Spannend finde ich Reichs Aussage, daß die Entdeckung des Orgons nur der erste Schritt hin zur „experimentellen Beherrschung des Bewußtseinsprozesses“ war, die wiederum den organisierten Mystizismus vernichten werde (Jenseits der Psychologie, S. 309).
Anders als der gewöhnliche „Skeptiker“ nahm Reich die mystische Erfahrung sehr ernst und wollte ihr sozusagen auf deren eigenem Boden entgegentreten. Von daher kann man sich keinen größeren Verrat an Reich vorstellen, als von neuem Mystizismus in die Orgonomie einzubringen! Reich ahnte es voraus: „Und vielleicht werden viele gekreuzigt werden, ehe – es einmal ‚Sexualökonomen‘ mit ‚Kirchen‘ und Vereinen geben wird, die das genaue Gegenteil von dem sein werden, was die Sexualökonomie will“ (Jenseits der Psychologie, S. 353).
An sich wurde die experimentelle Beherrschung des Bewußtseinsprozesses bereits über das „Körperbild“ geleistet: in den verschiedenen Formen des Yoga und insbesondere im chinesischen Qi Gong. Man muß es nur den Mystikern (konkret: der okularen Panzerung) entreißen. Einer der Schlüssel zu diesem Geheimnis ist die Schizophrenie.
Im Anschluß an Freud ging es Reich in der Charakteranalyse darum das Ich zu erforschen, das merkwürdigerweise viel unbekannter sei als das Es. Im abschließenden Kapitel über die „schizophrene Spaltung“ ging es Reich dann darum, „die Funktion des Bewußtseins“ zu ergründen, „die weit weniger verstanden ist als die des Unbewußten“ (Charakteranalyse, KiWi, S. 654).
Die „pure“ Charakteranalyse hat gezeigt, daß das Orgonenergie-Feld des Organismus durch Worte, bzw. Imagination beeinflußt wird. Reich schreibt dazu: „Es würde lohnen, diese eigenartigen Zusammenhänge zwischen der Wahrnehmung der vegetativen Eigenart des anderen und der sprachlichen Formulierung im Detail genau zu studieren“ (Charakteranalyse, S. 440). Und weiter:
Wie ist es nun möglich, daß eine physiologische Funktion im psychischen Apparat derart unmittelbar als Verhalten gegeben und dargestellt sein kann? Ich muß gestehen, daß mir dieser Zusammenhang ebenso rätselhaft wie wichtig erscheint. Seine Klärung wird höchstwahrscheinlich unsere Kenntnis von den Zusammenhängen zwischen den physiologischen und den psychischen Funktionen um ein erhebliches Stück weiterbringen. (Charakteranalyse, S. 442)
Reich schreibt: „In der Wahrnehmung, auch in der Selbstwahrnehmung, fließen Sinneseindruck und Emotion in eine funktionelle Einheit zusammen“ (Charakteranalyse, S. 63). Bewußtsein ist demnach letztlich Wahrnehmung („ich nehme wahr, daß ich wahrnehme“ [vgl. Charakteranalyse, S. 571]). Nach Reich geht Wahrnehmung aus dem Zusammengehen von Empfindung an der Peripherie (z.B. Licht fällt auf eine lichtempfindliche Zelle) und einer Emotion aus dem Zentrum des Körpers hervor. So gibt es ohne Emotion kein Bewußtsein, wie z.B. im Buddhismus (das bewußtseinslose Nirwana), wo alles einseitig auf die Empfindung ausgerichtet ist („das Gewahrsein üben“). Und es gibt ohne Empfindung kein Bewußtsein, wie z.B. in der von der Welt losgelösten religiösen Ekstase (extragenitaler Orgasmus).
Letztendlich lassen sich alle Bewußtseinstechniken auf die künstliche Hervorhebung einer der beiden Ursprünge des Bewußtseins zurückführen. Das läßt sich unmittelbar erfahren, wenn man sich jetzt in einen „buddhistischen Zustand“ versetzt (Konzentration!) und dann in einen Hare-Krishna-Zustand (Hingabe!). Funktionelles Denken bedeutet eine harmonische Ausgeglichenheit der beiden Anteile Empfindung und Emotion. Der nüchterne Buddhismus und religiöse Ekstase sind biopathische Abweichungen, entsprechend festgefahrener Sympathikotonie (Buddhismus) und festgefahrener Parasympathikotonie (Hare-Krishna). Es gibt natürlich auch ein manisch-depressives Hin und Her.
Die Linie über die Empfindung führt zur „Reizempfindlichkeit des rein physikalischen Orgons“ (Charakteranalyse, S. 91), das als objektiver Geist oder „Mind“ mystifiziert wird. Und die zweite Linie zur rein physikalischen Pulsation, die den Emotionen zugrunde liegt, d.h. zum „kosmischen Organismus“, also Gott. Deshalb ist einerseits in Buddhismus, Scientology und Crowleyanity keine Rede von Gott und deshalb legt andererseits das (gängige) Christentum keinen Wert auf Gnosis.
Hinzu kommt als weiteres Element die eigentliche strukturelle Grundlage des Mystizismus: die Mauer zwischen Reiz und Wahrnehmung. Es wäre zunächst die Mauer (okulare Panzerung, die der Mystiker mit dem Schizophrenen gemeinsam hat) zwischen Erregung und Empfindung zu nennen, die zu einem mystischen „jenseitigen“ Erleben führt (man bildet sich etwa ein, in einer „astralen“ Ebene zu existieren). Als zweites Element kommt die Mauer (die generelle Panzerung, die den Mystiker vom Schizophrenen unterscheidet) zwischen Kern und Peripherie, die sadistisch durchbrochen werden muß (man bildet sich etwa ein, in einen „astralen“ Kampf gegen Teufel, Dämonen und „Critters“ verstrickt zu sein). Das einzige, was den Mystiker vom Faschisten unterscheidet, ist die spezifische „schizophrene“ okulare Panzerung. „Im Mystizismus wird ein körpereigener Prozeß als fremd wahrgenommen, so als habe er seinen Ursprung ‚jenseits‘ der eigenen Person oder auch jenseits der Welt“ (Charakteranalyse, S. 617).
Aller Mystizismus beruht auf der künstlichen Trennung zwischen subjektiven Empfindungen und den objektiven organismischen Vorgängen. Und so ist die Nahtodeserfahrung und das Austreten des Bewußtseins aus dem Körper vielleicht nichts anderes als eine extreme Variante der mechano-mystischen Pathologie des Menschentiers, die beim biologischen Zusammenbruch, der letztendlichen Abpanzerung, besonders augenfällig auftritt. Die Verweigerung der Hingabe in Potenz. Die übernatürliche Autonomie einer unsterblichen, dem Energiemetabolismus nicht unterworfenen „Essenz“, die der spiritistische Glaube lehrt, wäre das solipsistische, autistische, kontaktlose Gegenteil der Liebe. Wie Nietzsche in Morgenröte schreibt, eine schreckliche Zudringlichkeit und letztendlich der Ausdruck haßerfüllten Ressentiments: „Die Welt wird mich nicht los!“ (KRITISCHE STUDIENAUSGABE, Bd. 3, S. 190).
Andererseits glauben auch genitale Menschen wie die Trobriander, daß die Seelen der Verstorbenen zu einem entfernten „Avalon“ im Meer gehen. Wahrscheinlich entstand diese Vorstellung durch die, den Primitiven, unerklärlichen Luftspiegelungen über der See. So entspricht sie dem christlichen Wolkenkuckucksheim, das auf Luftspiegelungen über der Wüste zurückgeht. Immerhin sind diese durch das Flimmern der Atmosphäre verursachten Fata Morganen zumindest indirekt orgonotische Phänomene! „Eingeborene der Orgonomie“, wie Reichs kleiner Sohn, glauben an einen pulsierenden Plasmakörper, der im kosmischen Orgonenergie-Ozean schwimmt und die unsterblichen Seelen beherbergt (vgl. Peter Reich: Der Traumvater, München 1975, S. 133). Da er von genitalen Menschen vertreten wird, kann dieser Glaube kaum pathologisch sein, zumal lange vor dem Anfang Saharasias bereits die Neandertaler (wie sich aus Grabbeigaben zweifelsfrei erschließen läßt) an ein Leben nach dem Tode glaubten. Dies sagt natürlich nichts über die Richtigkeit dieser Vorstellung, nur daß es offenbar natürlich ist, gesund-naiv an ein Leben nach dem Tode zu glauben.
„Orgastisches Zerfließen im kosmischen Orgonenergie-Ozean“ ist leicht dahin gesagt – doch für jeden empfindungsfähigen Menschen ist der Tod eine Tragödie; und wenn nicht für den Sterbenden selber, dann sicherlich für seine Hinterbliebenen. Für jene, die jung sterben, gibt es weit begehrenswertere Wege, mit dem kosmischen Orgonenergie-Ozean eins zu werden, als ausgerechnet in der Umarmung des Todesengels, und ausgebrannte ältere Menschen erfahren den Tod sicher nicht als „Orgasmus“.
Vielleicht hätte dieser Endpunkt der jahrzehntelangen Involution einen anderen emotionalen Gehalt, wenn ihm die Endgültigkeit genommen und Leben und Tod als zyklischer Prozeß betrachtet würden, wie ja auch das Geschlechtsleben ein solcher Kreislauf von Ladung und Entladung ist. Leben und Liebe, Tod und „kleiner Tod“ wären dann, um mit dem Reich von 1923 zu reden, „wie das Aufschäumen der Meereswellen an der felsigen Küstenwand, die sie wieder in weiter Fläche zurückwirft“ („Zur Trieb-Energetik“, Frühe Schriften, Köln 1977, S. 160).
Als der Urmensch die Zyklen der Natur, z.B. die Phasen des Mondes oder den Wechsel der Jahreszeiten beobachtete, muß er sie auch auf den Tod bezogen haben und so zum Glauben an die Wiederverkörperung gekommen sein. Dergestalt ist im Matriarchat der Tod keine endgültige Vernichtung, sondern nur sozusagen die notwendige Ruhepause zwischen Ernte und Aussaat. Was für eine lebensfeindliche Kehre diese Vorstellung im Patriarchat nahm, zeigt der traditionelle Wiedergeburtsglaube im Hinduismus. Er lehrt, daß alles vergänglich und deshalb nichts wichtig sei, sodaß das einzelne Leben im leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten jedes Schwergewicht verliert, was auch jede Mitmenschlichkeit untergräbt. Außerdem ist die Vorstellung von der „Seelenwanderung“ ein Produkt mangelnder spiritueller Durchdringung, ist es doch schon mehr als fraglich und schlechtweg unbeweisbar, ob wir in der Vergangenheit das gleiche „Ich“ waren und in Zukunft noch dieses „Ich“ sein werden. Geschweige denn, daß sich dieses imaginäre „Ich“ über mehrere Leben erhält. Schon Gautama Buddha hat sich, wenn auch reichlich inkonsequent, gegen die lächerliche Vorstellung einer Wanderung des „Ich“ von Leben zu Leben gewandt.
Im Unterschied zum Hinduismus und Buddhismus glaubte Nietzsche, daß alles viel zu wertvoll sei, um vergänglich zu sein und fand seinen Trost grade in der Vorstellung einer ewigen Wiederkehr des Gleichen, die für den Inder der Inbegriff alles Schrecklichen ist. Die identische Wiederkehr verleiht dem einzelnen Leben ein unendliches Schwergewicht. Wenn ich nochmals leben sollte, dann wäre es exakt nochmal dieses Leben, weil es ansonsten eben nicht dieses, mein Leben wäre. Das besondere an Nietzsches Konzept ist also, daß es gerade auf der Verneinung der autonomen, von den Umständen nicht berührten Seele beruht.
Da es keine übernatürliche „Essenz“, kein autonomes Subjekt gibt, das das Leben lebt und überlebt, und da das Subjekt mit seiner Umgebung funktionell identisch ist, ist Wiederkehr nur möglich, wenn gleichzeitig auch die gesamte Umgebung bis in die kleinsten Einzelheiten wiederkehrt. Und weil mittlerweile (mehr oder weniger) experimentell nachgewiesen ist, daß alles unlösbar miteinander verknüpft ist und ein Augenzwinkern den gesamten Kosmos beeinflußt, wird sich alles in alle Ewigkeit variationslos wiederholen. Jedenfalls wenn die Welt so funktioniert, wie Nietzsche es nahegelegt hat: als Simulation von Beharrung, durch „zyklische Wiederkehr“. Daß es überhaupt Sein gibt, ist Beweis genug für die ewige Wiederkehr des Gleichen.
Es hat etwas Tragikomisches, wenn westliche wohlstandsverwahrloste Menschen sich zum Buddhismus oder Hinduismus wegen der Wiedergeburtslehre hingezogen fühlen. Für sie ist das nämlich ein Wiedergeburtsversprechen. In der Regenbogenpresse las ich, daß der Schlagersänger Christian Anders schwerkrank war: „Doch Angst vor dem Tod hat er nicht. ‚Ich bin überzeugter Buddhist. Ich weiß ja, daß das nächste Leben wartet.‘“ Dabei ist der alleinige Sinn und Zweck des Buddhismus und der diversen Heilswege des Hinduismus nichts anderes als eben diesen Kreislauf der Geburten ein für allemal zu verlassen!
Alle Sehnsucht des westlichen Menschen ist darauf gerichtet, sich in alle Ewigkeit zu bewegen. Nicht von ungefähr ist in Dantes Hölle der Teufel bis zur Hüfte festgefroren. Ganz anders in Indien, wo das Nirwana („kein Wind“) buchstäblich für Bewegungslosigkeit steht und etwa die Jainas nichts anderes erstreben, als nach ihrer letzten Wiedergeburt am höchsten Punkt des Universums in alle Ewigkeit in absoluter Erstarrung zu verharren. Andere wollen in „die Leere“ aufgehen bzw. in das bewegungs- und konturlose Meer des Brahman. Die Hölle ist das sich ewig drehende Rad des Samsara.
Alle Sehnsucht des östlichen Menschen ist darauf gerichtet, ganz in etwas aufzugehen, was in vieler Hinsicht das Gegenteil des Funktionsgebiets der relativen Bewegung ist: das Funktionsgebiet der ko-existierenden Wirkung.

Was sich in dieser Spaltung zwischen West und Ost letztendlich widerspiegelt, ist die Trennung von Mechanismus (Westen) und Mystizismus (Osten). Beides ist gleichweit von der Wahrheit entfernt: dem orgonomischen Funktionalismus. Bioenergetischer Kontakt verhindert Depersonalisations- und Derealisationserleben und vermittelt das Gefühl Teil des Ganzen und in ihm unverlierbar geborgen zu sein.
Die Vorstellung von Wiedergeburten ist von der vorwissenschaftlichen indischen Kosmologie abhängig: eine statische Erde mit stets gleichviel Lebewesen und Menschen. Angesichts dessen, was wir allein schon über die begrenzte Anzahl von Generationen an Menschen auf diesem Planeten wissen und angesichts der Bevölkerungsexplosion… Allein schon über diesen ach so „spirituellen“ infantilen Unsinn reden zu müssen, ist erniedrigend. Kindergarten!
Zweitens begreifen all diese Vollidioten (gefühlt scheint heute jeder zweite „Buddhist“ zu sein!) die Dialektik der Wiedergeburt nicht. Wenn dieses Leben Teil einer unendlichen Kette von Wiedergeburten ist, dann verliert es jedweden Wert und gleichzeitig unendlich viel Wert, denn dieses Hier und Jetzt wird vielleicht die einzige Chance sein, diesem Alptraum zu entrinnen und ins Nirwana einzugehen – was natürlich das Leben erstrecht entwertet.
Drittens: Was irgendwelche „Beweise“ (vermeintliche „Erinnerungen“, „Rückführungen“, etc.) betrifft: Bist du wirklich dermaßen naiv und spirituell blind, um nicht zu sehen, daß Mächte nach deiner Seele greifen, die es nicht gut mit dir meinen?! Ob das nun abgetrennte Anteile deiner eigenen Persönlichkeit sind oder tatsächliche „Dämonen“ sei dahingestellt. Auf jeden Fall sind diese „Mächte“ genauso lebensfeindlich wie der Buddhismus selbst.
Es ist ein Irrtum, daß die von der psychoanalytischen Religionskritik abgeleitete sexualökonomische Religionskritik durch Reichs „Spätwerk“, wo viel von „Gott“ die Rede ist, irgendwie relativiert würde. Das Gegenteil ist der Fall! Zumal es nicht nur um Religion, sondern auch bzw. grade um „Spiritualität“ geht.
Der Mensch lebt in zwei Welten: etwa 16 Stunden in der Welt des Tages, wo die Funktion „relative Bewegung“ vorherrscht, und etwa 8 Stunden in der Welt der Nacht, wo die Funktion der „ko-existierenden Wirkung“ überwiegt.

In der Tageswelt drehen sich alle Sehnsüchte um die orgastische Entladung, bei der wir für einen Augenblick in einer „anderen Welt“ sind. Annäherungsweise erleben wir das beim heftigen Nießen, wenn der ganze Körper zuckt und wir für den Bruchteil einer Sekunde „wegtreten“, oder etwa, wenn wir beim herzhaften Lachen die Kontrolle über uns verlieren, etc. (Wenn Männer Frauen Witze erzählen…) Mit anderen Worten dreht sich tagsüber alles um die Zeit: die Erwartung einer zukünftigen Befriedigung.
Im Funktionsbereich der ko-existierenden Wirkung entlädt sich die Energie nicht durch die orgastische Zuckung, sondern beim Träumen, in abgeschwächter Form in Tagträumereien, Phantasien, etc. Von daher ist es kein Zufall, daß insbesondere Buddhisten und andere spirituelle Schulen alles tun, um nicht nur die sexuelle Begierde, sondern auch das „Wegdriften des Geistes“ zu unterbinden. Im Funktionsbereich der ko-existierenden Wirkung dreht sich alles um die Dimension des Raumes: ich bin hier in der Wirklichkeit und betrete eine andere Wirklichkeit, den Bereich der Träume.
In der noch einigermaßen sexuell gesunden Vorzeit und bei heutigen Naturvölkern überwiegt die Vorstellung von einer „Anderswelt“, mit deren Hilfe man diese Welt manipulieren kann (Magie) und in die man eingeht, wenn man aufhört sich bewegen zu können, also vermeintlich „stirbt“. Mit zunehmender sexueller Hemmung (Panzerung) schwand diese Gewißheit und aus schamanistischen Praktiken entwickelten sich Meditationstechniken, Yoga, Mantras (ursprünglich Zauberformeln) etc., um die „Seele“ aus der Welt der Bewegung und ständigen Veränderung für ein statisches „Jenseits“ zu retten. Beispielsweise gehen die exaltierten Hare Krishnas in ein geistige Parallelwelt über, wo alles ist wie hier, nur eben „geistig“ und rein (asexuell). Die mehr intellektuellen, und stets etwas depressiv wirkenden, Typen verfallen dem Buddhismus oder dem Vedanta und gehen ins unterschiedslose „Leere“ bzw. das Brahman ein.
Abgesehen von ihren mystischen Rändern, die ähnliche Vorstellungen hegen, geht es bei Juden, Christen, Moslems, Parsen etc. um das Warten auf eine grandiose Zukunft, nachdem sich in einer letzten Anspannung beim Jüngsten Gericht alles in Wohlgefallen auflösen wird, jedenfalls für die schließlich Erlösten. Die „Ungläubigen“ werden in alle Ewigkeit unbefriedigt bleiben.
Nur gut, daß du nicht mal ahnst, was ich sehe, wenn ich dich anschaue! Deine „Spiritualität“ ist schlichtweg obszön…
Eckardt Tolle ist gegenwärtig der bekannteste Vertreter einer bestimmten Form von Mystik, dem Monismus. (Eine drastisch andere Art von Mystizismus findet sich beispielsweise in der „dualistischen“ Hare Krishna-Bewegung.) Kurz gesagt werden im Monismus alle Probleme gelöst, indem man realisiert, daß „alles eins ist“ – d.h. gar keine Probleme existieren. Wie Agehananda Bharati, ein europäisch-stämmiger Philosoph, der den „Advaita“ (die „Nicht-Dualität“) in Indien praktiziert hat, in einem Forum ausführt hat, bleibt an sich nur das linguistische Problem, die monistische Erfahrung irgendwie in Worte zu fassen. Was kommt, ist durchweg ein unglaublich hohles, dummes Gestammel ohne Sinn und Verstand – a la Eckardt Tolle. Die Erfahrung der „Alleinheit“, die zweifellos echt ist, löst keinerlei äußere Probleme. Nicht einmal die inneren! Will sagen: wer vorher ein Arschloch war, wird nach der „Erleuchtung“ ein Arschloch bleiben. Wie sollte es auch anders sein, wenn eh alles eins ist?!
Ich führe das an, weil es Leute gibt, die die Orgonomie partout spirituell aufmotzen wollen. Und da Dualismus (die Beziehung der Seele zu Gott, dem fundamental anderen) denkbar „unorgonomisch“, nämlich „ödipal“, zu sein scheint, wenden sie sich dem Mahayana-Buddhismus („die Leere“), dem hinduistischen Advaita (Atman = Bahman) oder beispielsweise Eckardt Tolle zu. Tatsächlich ist es so, daß sich diese monistischen „Lehren“ und die Orgonomie zwar abstrakt-konzeptionell ziemlich nahe stehen, aber das ist vollkommen bedeutungslos. Oder wie Agehananda Bharati ausführt: als praktische Meditation mögen diese „Wege“ Erfüllung schenken, doch aus philosophischer Warte, folgt aus ihnen nichts – außer das erwähnte Tollesche Gestammel. Die großartige indische Kultur, die ich über alles liebe, ist, so Agehananda Bharati, nicht wegen, sondern trotz dem Advaita entstanden.
Damit könnte man die Sache auf sich beruhen lassen. Sollen die Leute doch meditieren, wie es ihnen Spaß macht und ein „kontemplatives Leben“ führen. Doch leider kann man sich die Sache nicht so einfach machen. Wie ich in Die Massenpsychologie des Buddhismus ausgeführt habe, kommt es durch diese Meditationspraktiken und die gesamte Lebenshaltung zu einer verhängnisvollen Umstellung des Gefühlslebens, die man beispielsweise auch bei Cannabis-Konsumenten findet und die eine Orgontherapie verunmöglicht: die dauerhafte Umwandlung von Emotionen („Du und ich“, „Dualismus“) in Sensationen („Monismus“). Anders als Agehananda Bharati behauptet, findet also doch eine gewisse charakterliche Umstrukturierung statt.
In dem, hier paraphrasierten, Forumsbeitrag, wird die Auseinandersetzung einer ungenannten Frau mit dem Tibetischen Buddhismus zitiert. Die betreffende Netzseite gäbe es nicht mehr. Ich möchte das ganze als perfekte Illustration des hier gesagten und als unabhängige Bestätigung meines oben verlinkten Aufsatzes über den Buddhismus anbringen:
Zu dem, was bei den spirituellen Lehrmeistern in ihren Erörterungen fehlt, gehören für mich die EMOTIONEN und gesunde Beziehungen mit der alltäglichen Realität oder wichtigen Menschen in deinem Leben. Man erhält zwar Hinweise eine gewisse Ordnung in seinem Leben aufrechtzuerhalten, wie seine Räumlichkeiten sauberzuhalten, aber das wirkt auf mich, als ob man das Leben in etwa wie ein ROBOTER führen sollte und der „wirklich wichtige Teil“ des Lebens darin besteht, auf dem Meditationskissen zu sitzen und über das Leiden zu meditieren oder in die „Erleuchtung“ wegzudriften.
Als ich 1979 den Richen Ter Dzo wangs in Clement Town beiwohnte, traf ich Lehrmeister X.
Er machte häufig Witze darüber, was er am Dzogchen (eine nicht-dualistische Praxis) so sehr schätze: wenn das Leben beschwerlich werde, könne er einfach auf dem Dzogchen-Knopf drücken und nichts würde mehr irgendetwas Schmerzhaftes beinhalten. Wenn dich Zweifel plagen, drifte sozusagen einfach weg.
Es ärgerte mich, daß er dafür eintrat, der Realität und moralischen oder emotionalen Herausforderungen nicht entgegenzutreten, sich nicht mit ambivalenten Gefühlen auseinanderzusetzen, sondern ihnen auszuweichen. Für mich war das ganze extrem fragwürdig hinsichtlich der Moral und gefährlich in Hinsicht auf das Gefühlsleben.
Ja, er war damals ein junger Heißsporn, vielleicht ist er jetzt ein gewöhnlicher schrecklicher alter Narzißt oder ein reifer Erwachsener. Ich weiß es wirklich nicht. Aber er schien seine Ideen von seinen tibetischen Lehrern übernommen zu haben, so daß ich mich frage, wie vernünftig er sein konnte, wenn alles um ihn herum moralisch fragwürdig gewesen war.
Offenbar werden Emotionen von all den Leuten, die sich der Sache der Erleuchtung gewidmet haben, abgewertet. Entweder werden Emotionen ignoriert wegen einer überwältigenden intellektuellen Leistungsfähigkeit oder sie sind etwas, was überwunden werden oder in nicht-emotionale Zustände der Achtsamkeit überführt werden muß. Es scheint mir, daß Emotionen der Kern dessen sind, was am Samsara als schlecht erachtet wird und hier, glaube ich, haben sich diese spirituellen Lehrmeister als am meisten emotional gestört erwiesen.
Es scheint hier auch um eine Rechtfertigung der eigenen Stellung zu gehen. Da sind einerseits die, die sich entschließen das Samsara zu verlassen, und andererseits soll es Drohnen geben, wie die Bediensteten in Tibet, von denen verlangt wird für jene aufzukommen und für sie zu sorgen, die sich dem gewöhnlichen praktischen Leben entziehen.
June Campbell spricht über die Geschichte des Denkens, in deren Verlauf den sogenannten Fakten Wert beigelegt wurde, jedoch nicht der emotionalen Realität, da Gefühle historisch als bloß weiblich abgewertet wurden.
Ich glaube, daß Leute, die in Zustände der „Erleuchtung“, nicht-dualistische Zustände oder Zustände der Seligkeit gehen, sowohl ein gesundes emotionales Leben als auch ein praktisches Leben benötigen und daß Erleuchtungszustände andernfalls für die Person, die sie erfahren, ungesund und gefährlich sind und auch für die Leute in ihrer Umgebung, die in die Lage geraten könnten, für eine „realitätsuntüchtige“ Person sorgen zu müssen.
Der Weg zur Gesundheit (d.h. zur orgastischen Potenz) bedeutet immer mehr Angst ertragen zu können. Man traut sich mehr, wodurch sich der Organismus zunehmend öffnet und es kommt entsprechend zu weniger „Rückstau“ (= Angst). In der Meditation wird diese Angstbewältigung umgangen und durch eine Scheinexpansion ersetzt. Das wird beispielsweise in diesem Aufsatz beschrieben.
Angst bedeutet, daß aus dem Kern Energie nach außen strömt, die bei „ängstlicher“ Kontraktion zurückgestaut wird („Stauungsangst“). Wenn die Expansion langsam aber sicher nachläßt, verschwindet auch die Angst. Die „Angstlosigkeit“ wird dann als Scheinexpansion empfunden. Das tritt beispielsweise auf, wenn man Antibiotika nimmt. Krebspatienten sind im Endstadium erstaunlich „gutgelaunt“. Für die indischen „Weisheitslehrer“ ist Leid schlichtweg inexistent. Beispielsweise habe der „Gottmensch“ Christus niemals gelitten.
Neuere Forschungen zeigen, daß es bereits nach achtwöchiger regelmäßiger Meditationspraxis zu strukturellen Veränderungen im Gehirn kommt. Während sich bei den Versuchsteilnehmern die Dichte der Grauen Substanz im Hippokampus und anderen Hirnregionen vergrößerte, nahm sie in der Amygdala ab. Die Zunahme der Dichte betrifft Hirnregionen, die mit „Re-Flektion“ zu tun haben: Erinnerung („re-mind“, „re-member“), Selbst-Beobachtung und Rück-Sichtnahme. Die Abnahme der Dichte betrifft die beiden Mandelkerne (Amygdala).
Die Amygdala ist wesentlich an der Entstehung der Angst beteiligt und spielt allgemein eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren: sie verarbeitet externe Impulse und leitet die vegetativen Reaktionen dazu ein. Eine Zerstörung beider Amygdalae führt zum Verlust von Furcht- und Aggressionsempfinden und so zum Zusammenbruch der mitunter lebenswichtigen Warn- und Abwehrreaktionen. Forschungsergebnisse aus dem Jahr 2004 deuten darauf hin, daß die Amygdala an der Wahrnehmung jeglicher Form von Erregung, also affekt- oder lustbetonter Empfindungen, einschließlich des Sexualtriebes beteiligt sein könnte.
Nun, wirklich jede längere Tätigkeit verändert das Gehirn, beispielsweise haben Taxifahrer einen ausgesprochen großen Hippokampus, weil sie sich ständig erinnern und im Raum orientieren müssen. Entsprechend weisen die obenerwähnten hirnstrukturellen Veränderungen darauf hin, daß die Meditation zu genau dem führt, was ihre Vertreter von jeher behauptet haben: zu größerer Selbstkontrolle und weniger „Triebhaftigkeit“.
Dies wird auf ähnliche Art und Weise erreicht, wie der Schizophrene mit seinen anstürmenden Erregungen fertigwird: durch Augenpanzerung. Beim Schizophrenen ist die okulare Panzerung der letzte Rückzugspunkt des Organismus vor dem endgültigen Abgleiten in die Psychose, der letzte Damm, der vor der „Überschwemmung“ des Organismus mit alles zerstörender Angst schützt. Der Meditierende nutzt einen ähnlichen Mechanismus, um seine existentielle Angst zu überwinden und „Ruhe zu finden“.
Dieses Festklammern hat der indische Meditationslehrer Ramana Maharshi sehr schön beschrieben:
Während einer elementaren Todesangst habe er sich [im Alter von 16 Jahren] mit der Frage beschäftigt, was im Tod stirbt. Er sei zu der Antwort gekommen, daß zwar der Körper sterben möge, jedoch nicht der Geist bzw. das Bewußtsein. Später sagte er zu dem Erlebnis: „Das Selbst war etwas sehr Reales, das einzige Reale in meinem derzeitigen Zustand, und die gesamte bewußte Aktivität meines Körpers konzentrierte sich auf dieses Selbst. Seither ist die faszinierende Kraft dieses Selbst im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit geblieben […] Das Aufgesaugt-Sein in das Selbst dauert seitdem ohne Unterbrechung an. Andere Gedanken erscheinen und verschwinden wieder, ähnlich wie die Noten eines Musikstücks, aber das Selbst ist wie ein Grundton unter den anderen Noten stets vorhanden und mischt sich mit diesen. Auch wenn mein Körper vom Reden, Lesen oder was auch immer eingenommen ist, ist mein ganzes Sein nicht minder auf das Selbst zentriert. Vor dieser Krise vermochte ich das Selbst nicht klar wahrzunehmen, und ich fühlte mich nicht bewußt vom Selbst angezogen.“
Das ganze kann man wie folgt funktionell beschreiben:

Charakteristischerweise ist Ramana Maharshi der „Berufskrankheit“ der indischen Heiligen erlegen: Krebs! Irgendwann war die somatische Erregung derartig kompromittiert, daß der Mann bei lebendigem Leibe verfault und mit dem milden Lächeln Buddhas krepiert ist.
Zu diesen Ausführungen paßt auch folgender Hinweis aus dem oben zitierten Wikipedia-Beitrag:
Primaten, denen die Amygdala zu Testzwecken entfernt wurde, können zwar Gegenstände sehen, sind aber nicht mehr in der Lage, deren gefühlsmäßige Bedeutung zu erkennen. Zudem verändert sich ihr Verhalten grundlegend und sie verlieren jegliche Aggression.
Ich erinnere an meine obenerwähnten Ausführungen über die funktionelle Transformation von Emotion (Lust, Angst, Wut, Sehnsucht, Trauer) in Sensation (Sinneswahrnehmungen und das Wahrnehmen von „Zuständen“), die den „östlichen Weisheitslehren“ zugrundeliegt. Es verschwinden die Emotionen, was bleibt sind „Eindrücke“. Das wird von „meditativer Kunst“ und „meditativer Musik“ sehr gut vermittelt.
Man brauch sich nur den anfangs erwähnten, schier unerträglichen „scheinexpansiven“ Eckart Tolle anzuschauen, um den durch Meditation hervorgerufenen Geisteszustand verkörpert zu finden. Erschreckend wie dieser perverse Murx, das diametrale Gegenteil der Orgontherapie, Millionen immer tiefer in die Falle verstrickt.