Wir haben hier einen hervorragenden Bericht, wieder einen der besten Texte Reichs, wenn man in der Übersetzung nicht über Sätze stolpern würde wie: „Das Baby schläft hin und wieder nachts für längere Zeit, aber nur, wenn die Mutter es im Arm hält. Das erschöpft die Mutter sehr“ (S. 94). Ein Säugling, der ab und zu mal nachts für längere Zeit schläft! Im Original: „Baby at times sleeps for longer stretches during the night only if mother holds it in her arms. This tires mother out.” Manchmal schläft das Baby nachts nur dann über längere Zeit, wenn die Mutter es im Arm hält. Das erschöpft die Mutter sehr.
„You be good or I’ll punch your nose,“ also: “Du bist brav oder es gibt eins auf die Nase”. Ein Satz, der das ungeschickte Verhalten des Vaters gegenüber dem Säugling umschreiben soll, wird übersetzt mit dem nicht nur sinnleeren, sondern auch sadistisch-brutalen Satz: „Geht es Dir gut, oder soll ich Dir die Nase brechen?“ (S. 95). Allein schon das Fragezeichen!
Warum dieses Rumreiten auf der Übersetzung? Weil es darum geht, die Fehler richtigzustellen, die die Orgonomie in Deutschland (wenn es eine solche überhaupt gibt) dauerhaft belasten. Und außerdem ist dieses „Rumreiten“ ein Ausdruck meiner Enttäuschung, denn, wie schon öfter gesagt: Reich wollte die „Laien“, die Mütter und Väter ansprechen. Es sollte ein Buch für die Massen sein. Welchen Eindruck sollen die aufgrund dieser Übersetzung von Reich und der Orgonomie bekommen?!
Es ist so wunderbar, wie einfühlsam Reich mit den Müttern umgeht: „Es ist natürlich, daß eine Mutter hin und wieder den Kontakt zu ihrem Kind für kurze Zeit verliert.“ Es geht hier nicht um Perfektion und „orgonomische“ Übermenschen, die immer im Kontakt sind, sondern: „Ein Zeichen für eine wache und lebendige Struktur ist das Wissen, ob der Kontakt mangelhaft ist.“ Es passe hier gar nicht hin wegen mangelndem Kontakt Schuldgefühle zu entwickeln. Vielmehr fragt Reich, „was solche Schuldgefühle an ihrem Organismus und darüber hinaus am Organismus ihres Kindes (bewirken)“. Fragen des orgonotischen Kontakts würden Mütter überall beschäftigen, obwohl die meisten „Spezialisten“ damit rein gar nichts anfangen können. Jedoch wußte davon der gute alte Landarzt (S. 97f). (In der Übersetzung findet sich statt dem „jedoch“, ein in diesem Zusammenhang sinnloses „dennoch“!) Das Kapitel schließt mit dem wunderschönen Satz: „Mütter sollen sich einfach mit ihrem Baby wohlfühlen – der Kontakt wird sich spontan entwickeln“ (S. 108).
Dieser „orgonotische Sinn“, dieses Gespür für die Lebensenergie, das Leben selbst – darum geht es. Damit können alle „einfachen Menschen“ etwas anfangen. Das ist ihr eigentliches Element. Hier, am „gesunden Volksempfinden“, kann die Orgonomie andocken und im deutschen Volkskörper Wurzeln schlagen. Dieses Buch kann von daher in seiner Bedeutsamkeit gar nicht unterschätzt werden. Aber was soll man mit Übersetzungen wie dieser anfangen:
Der psychologische Ansatz, wie etwa der psychoanalytische, kann nur den Zeitraum ab der Sprachentwicklung erreichen, also etwa bis zum dritten Lebensjahr. Vor diesem Alter müssen wir uns auf die emotionale Ausdrucksprache verlassen, wie auch auf den orgonotischen Kontakt, den man mit dem Lebenssystem des Kindes aufbauen kann. (S. 103)
Im Zusammenhang liest sich das so, als müsse man den orgonotischen Kontakt zusammen mit dem Lebenssystem des Kindes aufbauen. Eine Leseweise, die Reichs Grundkonzept und Grundintention diametral entgegensteht! Man „baut“ keinen Kontakt auf, man stellt Kontakt her! – Es ist von entscheidender Bedeutung, daß die Sprache klar und unmißverständlich ist.
Weil der Übersetzer unbegreiflicherweise das Kapitel „Fallangst bei einem drei Wochen alten Säugling“ aus der amerikanischen Übersetzung des deutschen Originalmanuskrips ins Deutsche rückübersetzt hat, haben wir ein objektives Maß:
Die Rückübersetzung: „Ich möchte meine Darstellung hier nur auf einen speziellen, schädigenden Einfluß in den ersten Lebenswochen beschränken, der bislang unbeachtet geblieben ist: dem Mangel an orgonotischen Kontakt zwischen dem Kind und der Person, die es betreut. Damit ist direkter orgonotischer Kontakt auf physische oder psychologische Weise gemeint.“ (S. 110)
Das amerikanische Original: „I would like to limit myself here to one specific damaging influence in the first weeks of life that has been neglected until now: the lack of orgonotic contact, of a direct physical or psychological nature, between the infant and the person who takes care of it.”
Und schließlich das deutsche Originalmanuskript, Der Krebs: „Ich möchte mich hier auf einen bestimmten schädlichen Einfluß in den ersten Lebenswochen beschränken, der bisher vernachlässigt wurde: Das Fehlen des orgonotischen Kontaktes zwischen Pfleger und Säugling. Der Mangel an Kontakt kann unmittelbar körperlicher und er kann psychologischer Natur sein.“
Haben Sie gemerkt, wie Sie automatisch in den Augen weggegangen sind, d.h. kontaktlos wurden, als sie das unverständliche Geschwurmel der Rückübersetzung lasen und wie geerdet und kontaktvoll Sie sich bei Reichs Originaltext fühlten?!
Angesichts von Kinder der Zukunft wird jeder Elter sehen, daß sie oder er unmittelbar etwas zur orgonomischen Forschung beitragen kann, wenn sie oder er die Entwicklung des eigenen Säuglings beschreibt. Jede „einfache Frau“, jeder „einfache Mann“ hat potentiell unendlich mehr beizutragen, als all die Psychologen, Psychiater und Pädagogen, die mit ihren abgedrehten Theorien alles nur immer schlimmer machen. Orgonotischer Kontakt ist einfach und direkt. Erst die Panzerung macht alles kompliziert und – kontaktlos.
Hier eine schöne Illustration dieses Kapitels von dem Orgonomen Richard Schwartzman:
Zunächst einmal wieder die Probleme mit der Übersetzung, die auffälligerweise Reich immer wieder in einem Licht zeichnet, das eher an „Aleister Crowley“ gemahnt. Reich will Kinder aufwachsen lassen, wie Gott sie geschaffen hat, während der Übersetzer sie „als Gott“ aufwachsen läßt. In diesem Kapitel hat die Protagonistin „moralische Haltungen, die sie häufig einzuschränken versuchten, tapfer bekämpft“ (S. 79). Im Original ist jedoch von „moralistic mire“ die Rede. Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen „moral“ und „moralistic“. Und wo ist überhaupt das „mire“ gebieben? Es geht um den „moralistischen Morast“, den auch jeder gläubige Christ bekämpfen wird, nicht um „moralische Haltungen“?
Das Kapitel setzt sich aus drei Teilen zusammen: eine kurze Beschreibung der in der Charakterstruktur der Menschen verankerten „emotionalen Pest“ (S. 73-76), welche Prinzipien die Menschen beherzigen sollten, die in der Orgonomie aktiv sind (S. 77) und schließlich eine Fallgeschichte, die zweite nach der Fallgeschichte „David“ (= Peter Reich), bzw. die Beschreibung einer entsprechenden abendlichen Zusammenkunft des Orgonomic Infant Research Center (OIRC), die Reich zum Anlaß nimmt, über seine Isolation und Verfolgung zu klagen.
Mit dieser Fallgeschichte habe ich mich bereits in meiner Besprechung von Christopher Turners Buch Adventures in the Orgasmatron (S. 49) beschäftigt: Der Modju Michael Silvert war Geliebter der Hebamme des OIRC, deren vierjährige Tochter Silvert in Behandlung nahm und die hier vorgestellt wird. Dieses Mädchen, Paki Wright (Jahrgang 1945) verfaßte über ihr Martyrium ein Buch (Wright 2002). Sie wurde kurz vor oder nach dem von Reich beschriebenen OIRC-Treffen, d.h. 1950, von Silvert sexuell mißbraucht. 1962 versuchte sich die 16jährige Paki das Leben zu nehmen – seelisch zerstört von der „Orgonomie“. Bei der Zusammenkunft waren die Orgonomen von Silverts sexuell extrem freizügiger Partnerin und ihren Beschreibungen, die diese Sitzung des OIRC ausfüllten, schlichtweg angeekelt. Reich interpretierte diese viszerale Ablehnung von Silverts Gespielin durch die anwesenden Orgonomen als „Emotionelle Pest“ und Modju Silvert konnte sich weiter bei Reich einschleimen…
Bezeichnenderweise sagt Reich wenig bis nichts über den eigentlichen Inhalt der Sitzung. Ihm fiel nur auf, daß das kleine Mädchen sich an die Mutter klammerte, kaum Kontakt zu ihr herzustellen war und sie sich weigerte sich zu entkleiden (S. 79). Er führte diese Weigerung zu kooperieren darauf zurück, daß die Atmosphäre im Raum eiskalt und feindselig gewesen sei (S. 84). Gut möglich, daß Modju Silvert ihm eingeflüstert hatte, daß sei darauf zurückzuführen, weil die anwesenden Orgonomen die kindliche Genitalität und die Freizügigkeit der Mutter nicht ertragen konnten! „Das Auditorium war vor der Direktheit der Mutter erschrocken“ (S. 84).
Das bedeutet natürlich nicht, daß die einzelnen Aussagen Reichs, so wie sie jetzt in diesem Kapitel dastehen, in irgendeiner Weise falsch wären. Es zeigt nur, daß Reich ab und an Opfer seiner eigenen eklatanten Fehleinschätzungen war.
Daß sich die Lektüre wirklich lohnt, zeigt etwa folgender bemerkenswerter Satz:
Meine erbittersten Feinde waren stets diejenigen gewesen, die von meinem Werk und dem, was es für die Menschheit beinhaltet, begeistert waren, die aber die Geduld, die Ausdauer, das Wissen oder den Geist nicht besaßen, es zu leben und weiterzutragen. (S. 83)
„Orgonomische Erste Hilfe“ ist in der Orgonomie ein stehender Begriff, nicht „orgonotische“. Siehe etwa hier und hier. Wie der Übersetzer von Kinder der Zukunft von daher aus „orgonomic character anlysis“ eine „orgonotische Charakteranalyse“ (S. 68) machen konnte, gehört zu den Geheimnissen dieser Übersetzung. Oder etwa, wenn die Rede ist vom „Entwicklungsweg unserer Kinder, die von Natur aus als Gott aufwachsen und von der Natur so geschaffen sind“ (S. 72). Welch eine lebensfeindliche, perverse, krankhafte Blasphemie, die jeden normalempfindenden Menschen empören muß! Im Original steht jedoch geradezu das Gegenteil: „Thus, the obstacles in the way of our children growing up as God and nature have created them are great.”
Solche Schnitzer sind um so bedauerlicher, weil dieses Buch wirklich in die Hände des deutschen Volkes gehört, d.h. nicht etwa in die von ohnehin meist verpeilten „Fachleuten“, sondern in die Hände des „einfachen Mannes auf der Straße“. Reich zufolge wird „eine gesunde, sexuell erfahrene, mütterliche Bauersfrau meist viel leichter und sicherer die richtige Antwort für ein Kind finden, als ein noch so ausgebildeter und studierter Erzieher“ (S. 68). „Die Sorge um das Neugeborene braucht“, so Reich, nämlich „Naturverbundenheit, etwas, das durch künstliche, kulturelle Maßnahmen in keiner Weise ersetzt werden kann“ (S. 70).
In diesem Zusammenhang möchte ich den geneigten Leser dringend auf folgende orgonomische (nicht „orgonotische“!) Artikel aus dem Journal of Orgonomie verweisen, insbesondere den ersten:
Worum geht es? „Wir arbeiten direkt an der Basis der übelsten Gegensätze zur menschlichen Natur und den damit verbundenen Strukturen“ (S. 70). Was? Wie bitte? Kein Wort verstanden! Im Original: „We are working at the very roots of what are probably the most evil and involved contradictions of human nature.“ Ich erinnere an das Symbol des orgonomischen Funktionalismus: Wir arbeiten direkt an der Wurzel dessen, was wahrscheinlich der übelste und komplizierteste Gegensatz der menschlichen Natur ist. Es geht hier um die einheitlichen orgonotischen (!) Funktionen im Kind und nicht, um was „der örtliche Priester oder ein in der Regel völlig ahnungsloser Parteisekretär dazu meint“ (S. 69). Was soll das schon für ein merkwürdiger Gegensatz sein?! Im Original geht es um den Priester und den „utterly ignorant secretary of the Communist Party“. Also ein Gegensatz voller funktioneller Konnotationen im Kalten Krieg und darüber hinaus. Mein Gott, Reich ist ein funktioneller Denker. Orgonomischer Funktionalismus! Auf diesem sollte jede ernstzunehmende Übersetzung, überhaupt jede ernstzunehmende Auseinandersetzung mit dem Reichschen Werk beruhen! ES GEHT HIER UM DIE KINDER DER ZUKUNFT, WAS AUCH BEDEUTET, DEN MYSTZISMUS UND MECHANISMUS DURCH DEN FUNKTIONALISMUS ZU ÜBERWINDEN.
Es gibt nichts Einfacheres, nichts Eingängigeres als die Orgonomie und den orgonomischen Funktionalismus, nur den „Fachleuten“, den „Reichianern“, scheint das ganze fremd und vollkommen unzugänglich zu sein! Alles, was sie zustandebringen, ist mechano-mystische Wirrnis!
Das Kapitel „Probleme gesunder Kinder während der ersten Pubertät (3.-6. Lebensjahr)“ ist der erste vorher unveröffentlichte Text im Buch. Also er wurde im Jahre 1983 im amerikanischen Original Children of the Future das erste Mal veröffentlicht. Der Laie staunt und der Experte wundert sich, denn das Archiv wurde doch erst 2007, also 50 Jahr nach Reichs Tod geöffnet. Solange sollte es nach Reichs Letztem Willen versiegelt bleiben.
In dem Kapitel wird „David“ beschrieben, Sohn „eines Arztes“. Tatsächlich ist es die Fallgeschichte von Peter, Reichs Sohn. Es gehört also mehr oder weniger zu Reichs „autobiographischen Schriften“.
Eines der Themen handelt davon, daß Reich das OIRC (orgonomic infant research center, Zentrum für orgonomische Kinderforschung) von Anfang an vor der Irrationalität, der Emotionellen Pest des damals von der Psychoanalyse beherrschten Feldes schützen wollte, indem er von vornherein zwei Tabus in den Mittelpunkt stellte und überwinden wollte: die Genitalität des Kindes und das Berühren des kindlichen Körpers. Alles ganz entsprechend dem Vorgehen in der Orgontherapie von Erwachsenen. Entsprechend beschreibt er die ersten Ansätze der Orgontherapie bei Kindern, die er damals entwickelte. Das ist weitgehend sozusagen „überzeitlich“, doch wie bereits angeschnitten hat es auch einen an die damaligen Zeitumstände gebundenen Aspekt: die Abgrenzung von der Psychoanalyse.
Kinder wollen nicht berührt werden. Es ist für sie eine schlimme Tortur von irgendwelchen „Tanten und Onkeln“ betatscht und abgeschmatzt zu werden. Berührungen sind nur OK, wenn sie von den Kindern selbst ausgehen oder das ganze in einem Spiel geschieht, wie etwa in einer „Spieltherapie“. Erst recht sollte die Sexualität von Kindern ein absolutes Tabu sein. Das einzige, was man machen kann, ist ihre Lebensfreunde, ihre expansive Lebensenergie vorbehaltlos zu unterstützen, unter keinen Umständen moralisch auf ihre sexuellen Äußerungen und Verhaltensweisen reagieren und vor allem ihre Privatsphäre achten, wenn sie beispielsweise irgendwelche „Doktorspiele“ mit Gleichaltrigen betreiben
Die Gefahr besteht nun, daß Reichs damaliger, wie gesagt zeitgebundener Ansatz (Kampf gegen den Einfluß der alptraumhaften Psychoanalyse, die am liebsten alle Zärtlichkeiten unterbinden wollte, um den Ödipuskomplex nicht zu aktivieren), heute, in einer grundsätzlich anderen gesellschaftlichen Atmosphäre grundlegend mißverstanden und so ins Gegenteil verkehrt wird.
Dazu eine bezeichnende Szene. Ein kleiner Junge, vielleicht Vier, ist zu Gast. Alle können sich nicht wieder einkriegen: Knuddeln, überbordende Freundlichkeit, großes Theater. Nur ich bin zurückhaltend und der einzige, der seine Arme am eigenen Körper läßt. Resultat, der Kleine hielt sich an mich, konnte nur in meiner Gegenwart entspannen und spielen. Entsprechend auch die überraschten Kommentare der anderen mir gegenüber. Er spürte schlicht, daß ich ihm RESPEKT entgegenbrachte. – Beim „affigen“ Verhalten der Erwachsenen kleinen Kindern gegenüber geht es nie darum, das Bedürfnis der Kinder nach Kontakt und Nähe zu befriedigen, sondern um die krankhaften Bedürfnisse der Erwachsenen! Das behandelt Reich Ansatzweise übrigens in seinem „Eltern als Erzieher“ aus dem Jahre 1926, das in diesem Buch rätselhafterweise fehlt…
Das absolut Fatale an der deutschen Ausgabe ist die ungeschickte Übersetzung, die Reich in einem Licht dastehen läßt, das unangemessen ist. Es tut mir leid, besserwisserische destruktive Nörgelei am ersten Reich-Buch, das seit 20 Jahren erschienen ist, hin oder her, aber: „It also appeared senseless to speak of ‘giving sex information’ to children who never had occasion to see spontaneous mating in nature.” „Mating“ hat im englischen eindeutig zoologische Konnotationen, während in der Übersetzung beim mißwilligen Leser ein Begriffsfeld des Sexhorrors aufgetan wird: „Es macht keinen Sinn, Kindern ‚sexuelle Informationen‘ zu geben, wenn sie nie die Gelegenheit hatten, spontane Begattung in der Natur zu sehen und zu erleben“ (S. 45). Wie konnte aus „to see“ „sehen und erleben“ werden? Und Rehe, Hunde und Kühe „begatten“ sich nicht, das macht der Gatte mit seiner Gattin, sondern sie paaren sich, werden gedeckt, etc.!
Reich wird hier Opfer einer übersetzerischen Undiszipliniertheit, die einen verwundert zurückläßt. Und was lesen gedanklich undisziplinierte Leser da alles rein? Kinder sollen in freier Natur das Begatten nicht nur sehen, sondern auch „erleben“?!
Da wir nun mal beim Übersetzen sind: Wie konnte aus „hot potato“ eine „heiße Tomate“ werden?! (S. 37). Wie aus „homo normalis“, ein feststehender Begriff in der Orgonomie, ein „Normalbürger“ (S. 62). Wie kann man so undiszipliniert übersetzen? Dreimal, geschlagene dreimal, habe ich das Buch irritiert beiseite gelegt, als ich über diesen Satz stolperte: „Eine disziplinierte Umgebung beruht auf der Unterdrückung der natürlichen, primären, selbstregulierten Gefühle und diese vereitelte emotionale Struktur antwortet darauf in Übereinstimmung mit der disziplinierten Umgebung, indem sie diese unterstützt und reproduziert“ (S. 54). Meine Güte! Reich hat nichts gegen eine „disziplinierte Umgebung“, sondern etwas gegen ein „disciplinary environment“: eine disziplinarische Umgebung! Es geht nicht um irgendwelche „Gefühle“, sondern um Emotionen! Die emotionale Struktur ist nicht „vereitelt“, sondern ausgebremst, behindert, kurz: verkrüppelt.
Die zumindest teilweise ungeschickte Übersetzung ist so bedauerlich, weil dieses Kapitel von Reichs damals geplantem Buch über die „Kinder der Zukunft“ zum Besten und Wichtigsten gehört, was er je geschrieben hat. Beispielsweise macht er unmißverständlich klar, daß es bei Kindern keine natürliche „Analität“, keine „natürliche, angeborene“ Lust an Ausscheidungen gibt (S. 39). Die meisten Reichianer haben offenbar nie davon gehört… Auch findet sich beispielsweise eine sehr eingängige Erklärung dafür, daß es nicht um Symptome, sondern um die charakterliche Reaktionsbasis geht. Ich wollte dieses Konzept Reichs immer im Blog erklären, bin aber stets gescheitert. Allein schon wegen dieses Abschnitts lohnt sich der Erwerb und die Lektüre des Buches!
Die Aufklärung wird von diesem Planeten verschwinden und das Mittelalter triumphieren, weil es in der Natur einen alles bestimmenden Faktor gibt: die Fortpflanzung. Religiöse Menschen pflanzen sich fort, während „aufgeklärte“ Menschen keinen rechten Sinn darin sehen sich für andere (d.h. die eigenen Kinder) aufzuopfern. Religiöse Menschen planen Gräber für die Ewigkeit, die von ihren Kindern und Kindeskindern gepflegt werden, während es Atheisten tendenziell ziemlich schnurz ist, was mit ihren Gebeinen geschieht.
Deshalb stirbt beispielsweise Ostdeutschland aus. Nicht aus sozialen und ökonomischen Gründen (vollkommener, d.h. vulgär-marxistischer Unsinn!), sondern weil es die atheistischste Region auf diesem Planeten ist. Die Demographie in den USA ist so viel besser als in Europa, weil die Menschen in den Staaten im Durchschnitt religiöser sind als auf dem alten Kontinent. Die soviel bessere Versorgung mit Kindergärten, sozialer Absicherung, etc. in Europa spielt hier keinerlei Rolle! Eher im Gegenteil, denn (gut, jetzt argumentiere ich „materialistisch“!) wer sich vom Staat rundum versorgt fühlt, hat kein Interesse an Familienverbänden, die die persönliche Freiheit einschränken.
Aus orgonomischer Sicht zeichnet sich hier die ultimative Katastrophe ab, da auf diese Weise die Kinder der Zukunft eine Chimäre werden. Man betrachte sich etwa die Türken in Deutschland. Die, die sich westlichen Wertvorstellungen angleichen, haben im Durchschnitt genauso viele Kinder wie die Deutschen, während jene, die sich in der islamischen Kultur verpanzern, Deutschland eine unüberschaubare Schar zukünftiger inzuchtgeschädigter Islamisten und drogendealender HartzIVler schenken.
Religion bedeutet, daß zumindest ein wenig, wenn auch verzerrter Kontakt zum biologischen Kern vorhanden ist, während „aufgeklärte“ Menschen fast vollständig in der sozialen Fassade aufgehen. Ihre „Freiheit“ ist eine Illusion und selbstzerstörerisch. Das, wenn man so sagen kann, „religiöse Projekt“, bei dem sich alles um die Verantwortung für die Gemeinschaft dreht, hat wenigstens eine Zukunft.
Die gepanzerte Gesellschaft leidet daran, daß Freiheit und Verantwortung zu sich gegenseitig ausschließenden Gegensätzen werden:
Letztendlich beschreibt diese eine Gleichung die sich in „Parallelgesellschaften“ zersplitternde Gesellschaft.
Die Orgonomie steht dafür, daß Freiheit und Verantwortung nicht voneinander zu trennen sind und einander bedingen:
Die Orgonomie verkörpert diese Einheit:
Kinder stellen nicht, a la Fritz Perls, Hindernisse auf dem Weg zur vermeintlichen „Selbstverwirklichung“ dar, sondern sind Ausdruck der Selbstverwirklichung. Ein gepanzerter Mensch, etwa ein Fritz Perls, hätte sich auf die Sexualtheorie beschränkt, ohne jemals das Projekt „Kinder der Zukunft“ zu entwerfen. Tatsächlich sind Leute aufgetreten, die aus „Reichistischen“ Gründen gegen das Stillen waren (da dies dem Sexualorgan Brust schade) und gegen eine natürliche Geburt (da dies dem Sexualorgan Vagina schade). Sie träumten sogar von künstlichen Gebärmüttern und „Kinderkrippen“, um, frei nach Reich, Sexualität und Fortpflanzung endgültig voneinander zu trennen.
In einer orgonomisch geprägten Welt wären sexuelle Erfüllung im Hier und Jetzt und die Fortpflanzung nichts was sich behindert, sondern etwas was einander bedingt. Das Kinderkriegen ist dabei nicht nur wegen der Freude, die die Kinder schenken, eine Lust, sondern auch weil es selbst Spannung löst, indem wir uns sozusagen „entschulden“. Wir sind Teil eines transgenerationalen „Kreditgeschäfts“: unsere Eltern haben mit unserer Existenz in die Zukunft investiert und kontaktvollen (d.h. nicht „anti-autoritären“) Menschen ist es eine Lust sich dieser Schuld (bioenergetische „Ladung“ ohne moralischen Unterton!) zu entledigen („Entladung“), indem sie selbst Kinder bekommen. (Das Lebendige und die Arbeitsdemokratie erstrecken sich nicht nur im Raum, sondern auch über die Zeit!)
Der religiöse Mensch hat ein Gefühl für diese „bioenergetische Schuld“, moralisiert sie aber und beraubt sie ihres bioenergetischen Gehalts. Bei ihm wird alles zu „Pflicht“ und „Gefolgschaft“.