Emotionen sprechen lauter als Worte
„Klimawandel“ konnte nur in einer mechano-mystischen Kultur zu einem Schreckenswort werden. Einer Kultur, die davon ausgeht, daß alles imgrunde starr und bewegungslos ist. Da diese Weltanschauung unmittelbarer Ausfluß der menschlichen Panzerung ist, ist ihr insbesondere die Pulsation wesensfremd. Beispielsweise sind für unseren krypto-marxistischen Zeitgeist Konjunkturschwankungen der größte Graus überhaupt. Übrigens beruhen (seit unseren Tagen als Jäger und Sammler und später als Bauern) Wirtschaftszyklen letztendlich auf Schwankungen der Sonnenaktivität! Siehe dazu Die Zyklen des Himmels (Wien 1979, S. 203-208), wo sich die beiden Autoren Guy Lyon Playfair und Scott Hill mit der Synchronizität zwischen den Zyklen der Natur und der Wirtschaft auseinandersetzen.
Doch für den mechanistischen Geist muß die Natur statisch sein. Wenn sie es nicht ist, dann hat der Mensch (letztendlich der Kapitalist!) die Schuld. Ausgeblendet und geleugnet wird, daß die Sonne pulsiert bzw. die Sonnenaktivität ständigen kurz- und längerfristigen Schwankungen unterliegt. Sie brennt nicht so stabil („mechanisch“) vor sich hin, wie wir glauben. Alles deutet auf Bewegung, Änderung und Pulsation hin. Hier eine aktuelle Diskussion über die (vor allem indirekte) Einwirkung der Sonne auf das Klima.
Ich erinnere nicht nur an die Wärmeperiode zur Zeit der Staufer und die Kälteperiode, die mittelbar zum Beginn der Industrialisierung zu Goethes Zeiten führte: im Eozän, das vor 56 Millionen Jahren begann und vor 34 Millionen Jahren endete, war die Erdtemperatur dermaßen hoch, daß die beiden Pole des Planeten 15 bis 20 Grad Celsius warm waren!
Reich glaubte, daß „die Emotionen an die Existenz und Bewegung von protoplasmatischer Substanz innerhalb eines begrenzten Systems gebunden sind und ohne diese Voraussetzung nicht existieren“. Expansion und Kontraktion gäbe es, so Reich, auch in der unbelebten Natur, aber mit einer Membran werden daraus die Emotionen, insbesondere die beiden Grundemotionen Lust (Expansion) und Angst (Kontraktion) (Äther, Gott und Teufel, S. 90f).
Aus dieser Warte muß man den heutigen Wahn sehen, alle Grenzen beseitigen zu wollen. Im Gespräch mit Jürgen Elsässer nennt Gerhard Wisnewski insbesondere folgende Beispiele dafür, daß überall Grenzen aufgelöst werden, wobei er bemerkenswerterweise „Leben“ durchaus ähnlich definiert wie Reich (Compact, 11/2018):
Für Wischnewski ist das alles von oben geplant und zwar seit Jahrzehnten, sogar Jahrhunderten (sic!). Er weiß nichts von der Emotionellen Pest, d.h. der Verschwörung gegen das Leben (das anfangs erwähnte Leben konstituierende „Grenzziehen“) an sich. Spezifischer geht es um die linksliberale und sozialistische Charakterstruktur, die auf der Verneinung von Emotionen beruht. Solche Menschen, die ganz „zerebral“ ausschließlich im „energetischen Orgonom“ leben, aus dem sie ständig hinaus streben, und denen das „orgonotische System“ (die Organisation der Pulsation – Expansion und Kontraktion, Lust und Angst) fremd ist, ertragen keine Grenzen, weil sie keine Emotionen ertragen. Bei der Nationalhymne legen sie nicht ergriffen die rechte Hand auf die Herzregion, sondern sie sind „internationalistisch angewidert“ und „betroffen“. Man gehe aus dieser Perspektive nochmals die obigen elf Punkte durch: alles löst sich in einen emotionslosen konturlosen Empfindungsbrei auf!
Daß sich die Emotionelle Pest organisiert, ist sekundär. Um zu verstehen, was wirklich in der Welt geschieht, muß man Wilhelm Reich, Elsworth F. Baker, Paul Mathews und Charles Konia lesen!
Paul Ritter hat das historische Verdienst zwischen 1954 und 1964, also zu einer Zeit als die Orgonomie faktisch stillgelegt war, mit seiner unabhängigen Zeitschrift Orgonomic Functionalism, die zu ihrer besten Zeit gerade mal 50 Leser hatte, zumindest für etwas Kontinuität und ein Minimum an „Öffentlichkeit“ zu sorgen. Daß der eine oder andere Beitrag grenzwertig war, hat kaum Schaden angerichtet. Was Schaden angerichtet hat, war Ritters unerschütterliches Selbstvertrauen. Er betrachtete sich als einen Menschen, der weitgehend gesund ist:
Swelled headed as it may sound, I have had to come to the conclusion, over the last ten years, that I am sufficiently unarmored and genitally structured to be able to treat, without having been treated. (Orgonomic Functionalism, Vol. 6, No. 5, September 1959, S. 163)
Seit 1949, als er 24jährig damit anfing als „Orgontherapeut“ zu arbeiten, sah er sich zu der Schlußfolgerung gezwungen, daß er ausreichend „ungepanzert und genital strukturiert“ sei, um zu behandeln, ohne selbst behandelt worden zu sein. Also ein zweiter Wilhelm Reich (der immerhin drei Analysen zumindest angefangen hatte!). Seine Äußerungen zeigen jedoch, daß er so gut wie keinen Zugang zum orgonomischen Funktionalismus hatte – dem Titel seiner Zeitschrift. Ich bin darauf an anderer Stelle kurz eingegangen (http://www.orgonomie.net/hdobespr3.pdf, S. 96).
Der Zeitzeuge Walter Hoppe hat in seinem Buch über die Emotionelle Pest auf zwei Druckseiten Ritter abgehandelt. Reich habe Ritter nicht nur aufgefordert, nicht als „Therapeut“ tätig zu sein, sondern auch den Titel seiner Zeitschrift zu ändern. Reich verurteilte, so Hoppe weiter, „die irrationale Überheblichkeit und Polyphragmasie“ (Vielgeschäftigkeit) Ritters.
Reich hatte trotz anfänglichem Kredit Ritter in dem Moment abgelehnt, als er sah, daß Ritter seine Kompetenzen weit überschritt und ohne entsprechende Kenntnis in die Orgonomie eingriff, ja den Viertakt der Orgasmusformel eigenmachtig in einen Dreitakt verwandelte. Seine Ablehnung von Ritter drückte Reich mir gegenüber in einem Brief vom September 1954 u.a. in der Form aus: „Wissenschaft ist keine Angelegenheit demokratischer Meinungsbildung, sondern Sache der Erfahrung und des Beweises.“ Reich bat mich 1953 in Amerika von meinem verabredeten Treffen mit Ritter in England abzusehen, da er den Versuch machen konnte, sich damit offiziell Rückendeckung zu verschaffen. (Hoppe: Wilhelm Reich und andere große Männer der Wissenschaft im Kampf mit dem Irrationalismus, München 1984, S. 226)
Reich habe Ritters „Dreitakt“ „schärfstens“ abgelehnt. Es geht dabei um die Abfolge „Attraction – Fusion –Liberation“, also Anziehung, Verschmelzung und Befreiung. Dies sei, Ritter zufolge, DAS „Grundmuster“ allen Funktionierens der kosmischen Orgonenergie – so jedenfalls der Umschlagtext jeder Ausgabe von Orgonomic Functionalism. Davon findet sich nichts bei Reich, es ist der Beitrag Ritters zur Orgonomie (http://www.orgonomie.net/hdobespr3.pdf, S. 146).
In der Mystik strebt alles nach Einheit und Befreiung. Bei Ritter ist es direkter Ausdruck seiner links-liberalen Charakterstruktur und der ihr eigenen Form von „Mystik“, die sich nach Einheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und „Liberation“ sehnt. Gleichzeitig ist Ritters Dreitakt, der sich letztendlich auf den Zweitakt „Zusamengehen und wieder Auseinandergehen“ reduzieren läßt, von einer mechanistischen Krudität, die die Orgonomie zu einer leeren, nichtssagenden Hülle entleert. Vielleich könnte man an Pulsation denken, aber was Ritter hier aus funktioneller Sicht wirklich beschreibt, ohne es auch nur ansatzweise zu begreifen, ist, daß Erstrahlung zu Anziehung führt und Anziehung zu Erstrahlung. Wie in der Liebe: das wechselseitige Erstrahlen des Energiefeldes von Mann und Frau führt im Rahmen der kosmischen Überlagerungsfunktion zwingend zur genitalen Verschmelzung (Erstrahlung → Anziehung). Umgekehrt: man fühlt sich magisch zueinander hingezogen und, Bumms, ist man Halsüberkopf ineinander verliebt (Anziehung → Erstrahlung). Bei Ritter verschmiert das alles in einer „Reichianischen“ Wirrnis.