Paul Mathews: Der biologische Rechenfehler und die gegenwärtigen Probleme des Menschen
Die Aufklärung wird von diesem Planeten verschwinden und das Mittelalter triumphieren, weil es in der Natur einen alles bestimmenden Faktor gibt: die Fortpflanzung. Religiöse Menschen pflanzen sich fort, während „aufgeklärte“ Menschen keinen rechten Sinn darin sehen sich für andere (d.h. die eigenen Kinder) aufzuopfern. Religiöse Menschen planen Gräber für die Ewigkeit, die von ihren Kindern und Kindeskindern gepflegt werden, während es Atheisten tendenziell ziemlich schnurz ist, was mit ihren Gebeinen geschieht.
Deshalb stirbt beispielsweise Ostdeutschland aus. Nicht aus sozialen und ökonomischen Gründen (vollkommener, d.h. vulgär-marxistischer Unsinn!), sondern weil es die atheistischste Region auf diesem Planeten ist. Die Demographie in den USA ist so viel besser als in Europa, weil die Menschen in den Staaten im Durchschnitt religiöser sind als auf dem alten Kontinent. Die soviel bessere Versorgung mit Kindergärten, sozialer Absicherung, etc. in Europa spielt hier keinerlei Rolle! Eher im Gegenteil, denn (gut, jetzt argumentiere ich „materialistisch“!) wer sich vom Staat rundum versorgt fühlt, hat kein Interesse an Familienverbänden, die die persönliche Freiheit einschränken.
Aus orgonomischer Sicht zeichnet sich hier die ultimative Katastrophe ab, da auf diese Weise die Kinder der Zukunft eine Chimäre werden. Man betrachte sich etwa die Türken in Deutschland. Die, die sich westlichen Wertvorstellungen angleichen, haben im Durchschnitt genauso viele Kinder wie die Deutschen, während jene, die sich in der islamischen Kultur verpanzern, Deutschland eine unüberschaubare Schar zukünftiger inzuchtgeschädigter Islamisten und drogendealender HartzIVler schenken.
Religion bedeutet, daß zumindest ein wenig, wenn auch verzerrter Kontakt zum biologischen Kern vorhanden ist, während „aufgeklärte“ Menschen fast vollständig in der sozialen Fassade aufgehen. Ihre „Freiheit“ ist eine Illusion und selbstzerstörerisch. Das, wenn man so sagen kann, „religiöse Projekt“, bei dem sich alles um die Verantwortung für die Gemeinschaft dreht, hat wenigstens eine Zukunft.
Die gepanzerte Gesellschaft leidet daran, daß Freiheit und Verantwortung zu sich gegenseitig ausschließenden Gegensätzen werden:
Letztendlich beschreibt diese eine Gleichung die sich in „Parallelgesellschaften“ zersplitternde Gesellschaft.
Die Orgonomie steht dafür, daß Freiheit und Verantwortung nicht voneinander zu trennen sind und einander bedingen:
Die Orgonomie verkörpert diese Einheit:
Kinder stellen nicht, a la Fritz Perls, Hindernisse auf dem Weg zur vermeintlichen „Selbstverwirklichung“ dar, sondern sind Ausdruck der Selbstverwirklichung. Ein gepanzerter Mensch, etwa ein Fritz Perls, hätte sich auf die Sexualtheorie beschränkt, ohne jemals das Projekt „Kinder der Zukunft“ zu entwerfen. Tatsächlich sind Leute aufgetreten, die aus „Reichistischen“ Gründen gegen das Stillen waren (da dies dem Sexualorgan Brust schade) und gegen eine natürliche Geburt (da dies dem Sexualorgan Vagina schade). Sie träumten sogar von künstlichen Gebärmüttern und „Kinderkrippen“, um, frei nach Reich, Sexualität und Fortpflanzung endgültig voneinander zu trennen.
In einer orgonomisch geprägten Welt wären sexuelle Erfüllung im Hier und Jetzt und die Fortpflanzung nichts was sich behindert, sondern etwas was einander bedingt. Das Kinderkriegen ist dabei nicht nur wegen der Freude, die die Kinder schenken, eine Lust, sondern auch weil es selbst Spannung löst, indem wir uns sozusagen „entschulden“. Wir sind Teil eines transgenerationalen „Kreditgeschäfts“: unsere Eltern haben mit unserer Existenz in die Zukunft investiert und kontaktvollen (d.h. nicht „anti-autoritären“) Menschen ist es eine Lust sich dieser Schuld (bioenergetische „Ladung“ ohne moralischen Unterton!) zu entledigen („Entladung“), indem sie selbst Kinder bekommen. (Das Lebendige und die Arbeitsdemokratie erstrecken sich nicht nur im Raum, sondern auch über die Zeit!)
Der religiöse Mensch hat ein Gefühl für diese „bioenergetische Schuld“, moralisiert sie aber und beraubt sie ihres bioenergetischen Gehalts. Bei ihm wird alles zu „Pflicht“ und „Gefolgschaft“.
In traditionellen Gesellschaften, wie etwa dem europäischen Mittelalter, gingen die Menschen ganz in der Gemeinschaft, etwa den Gilden, auf. Ein „Ich“ gab es kaum. Literaturwissenschaftlich läßt sich das „Ich“ im heutigen Sinne erstmals bei Michel de Montaigne (1533-1592) nachweisen. Als „Massenphänomen“ trat das Ich erst im Gefolge der Aufklärung des 18. Jahrhunderts in Erscheinung. Man denke etwa an die klassische Musik, die zunehmend individuelle „Seelenlandschaften“ abbildete, bis sich im Verlauf der Romantik die alten „objektiven“ Kompositionsstrukturen vollständig zugunsten des rein subjektiven „individuellen Ausdrucks“ auflösten. Ähnliches ereignete sich in der Malerei, die ebenfalls zunehmend subjektive „Seelenlandschaften“ darstellte.
Gleichzeitig kam es zur Entwicklung der Massengesellschaft und des Kollektivismus. Ausgerechnet mit der Emanzipation des Ichs in der Aufklärung soll der Kollektivismus seinen Anfang genommen haben? Das Problem taucht schon früher auf, nämlich in der Reformation, die das kritische Bibelstudium, die individuelle Meinungsbildung förderte. Aber mit der Befreiung von der menschlichen Autorität ist eine viel erdrückendere Autorität aufgekommen: die unbedingte Autorität „der Schrift“. Luther hat sozusagen eine „lslamisierung“ des Christentums eingeleitet und das Walten des Heiligen Geistes durch das tote „Wort Gottes“ ersetzt. Thomas von Aquin hatte noch sagen können: „Die Wahrheit ist immer die Wahrheit. Sie kommt vom Heiligen Geist, egal wer sie ausspricht.“ An die Stelle der strukturierten Ständegesellschaft trat eine Massengesellschaft aus „Individuen“.
Luther war ein Unglück für das Christentum, u.a. auch deshalb, weil er die Gegenreformation verursacht hat, die zu einer Erstarrung des Katholizismus geführt hat, aus der er sich erst heute langsam löst. Und genauso war die „Aufklärung ein Unglück für die Aufklärung“ weil das Individuum nur befreit wurde, um erst recht Knecht des „Volkes“, der „Nation“, gar der „Vernunft“ zu werden. Dezentrale Autoritäten wurden „antiautoritär“ durch eine zentrale Autorität ersetzt. Besonders schön sieht man das heute in Afrika, wo die „Ureinwohner“ von ihren feudalen Strukturen „befreit” werden, nur um einem diktatorischen Regime in die Hände zu fallen, das sie restlos knechtet und ihnen doch keine emotionale Heimat liefert.
Der Kollektivismus geht ideologisch davon aus, daß alle Menschen gleich sind (einige sind sogar noch gleicher als andere!). Im Katholizismus ist das anders. Der eine ist zum Priesteramt berufen, der andere nicht, der eine zum Klosterleben, der andere zum Leben in der Welt, der eine zum dienen, der andere zum herrschen, etc. Das ist ungefähr so wie in einer Armee, die man auch nicht gerade kollektivistisch nennen kann.
Vielleicht kann man den Kollektivismus am besten am Problem der Kreativität fassen. Beispielsweise fiel Besuchern von DDR-Kindergärten immer wieder auf, daß den Kindern ein „richtiges“ Zeichnen beigebracht wurde und daß man sie davon abhielt sich selbst kreativ zum Ausdruck zu bringen. Das gleiche ist mir selber auch Anfang der 1970er Jahre passiert, als Lehrer die frisch von den linken Universitäten kamen mir ernsthaft vorwarfen, ich wäre „krankhaft originell“ und würde mich nicht in die Gemeinschaft einpassen. Und das ging über den ganz gewöhnlichen Druck von neurotischen Lehrern in neurotischen Schulen hinaus – das war geradezu ein religiöser bzw. ideologischer Verfolgungswahn. Baker zitiert in seinem Buch Der Mensch in der Falle Nietzsche: die modernen Liberalen seien „allesamt Menschen ohne Einsamkeit, ohne eigene Einsamkeit“ – ohne Originalität (Baker 1967). Das mag mit ihrer Rebellion gegen die Vaterautorität zusammenhängen und mit einer existentiellen Angst: ihre Trennung vom eigenen Wesenskern macht sie wurzellos und das erzeugt eine Todesangst vor dem „existentiellen Schock“ der eigenen „Geworfenheit in die Welt“.
Vielleicht kann man das so ausdrücken: der moderne Liberale ist oberflächlich ein Kollektivist, weil er innerlich ein von allem abgetrennter Existentialist ist (Prototyp Sartre). Der Konservative ist demgegenüber äußerlich ein bis ins Extrem gehender aristokratischer Individualist, weil er innerlich fest verankert ist.
Vor Jahren habe ich zufällig bei der sonntäglichen Hausarbeit einige Stellen aus einer Radiosendung über Schopenhauer mitbekommen. Das übliche bildungsbürgerliche Geschwafel, von dem jedoch zwei Stellen bei mir haften geblieben sind.
Zunächst einmal folgende Aussage des Schopenhauer-Biographen Rüdiger Safranski:
Schopenhauer hat vom Leib, vom Willen, vom Leben gesprochen ohne Messianismus. Unser Leib wird uns nicht erlösen, unser Wille auch nicht. Er hat die Ohnmacht der Vernunft gegenüber dem Willen drastisch gezeigt. Aber er war „der rationalste Philosoph des Irrationalen“ [ … ]. Er wußte: man muß dem Schwächeren beistehen, der Vernunft. Für die Torheit, den Willen, diesen Riesen, zu sich selbst befreien zu wollen, hatte er nur Verachtung übrig.
Ich glaube, dieser Gedanke, bzw. diese Gefühlslage, bestimmt einen Gutteil der „Reich-Hasser“, selbst wenn sie es so nicht ausformulieren können. An dieser Front spielte sich auch der Konflikt zwischen Freud und Reich ab.
Das tragische an dieser Auseinandersetzung ist, daß es die grundsätzlich falsche Front ist. Es geht nicht darum, den „rationalen Geist“ gegen die „irrationalen Triebe“ zu verteidigen, sondern darum rationale (primäre) Triebe von irrationalen (sekundären) Trieben zu scheiden, rationale von irrationalen Vorstellungen. Ich denke dabei beispielsweise an die vollkommen irrationalen Vorstellungen der „Schopenhauers“ und „Freuds“ über Kindererziehung, in deren Folge weiterhin primäre in sekundäre Triebe verwandelt werden und die Unvernunft immer weiter wuchert.
Daß ein Volkspädagoge wie Safranski diesen verhängnisvollen Ungeist im 21. Jahrhundert mit der Geste des großen, illusionslosen Aufklärers noch immer verbreiten kann, ohne sich lächerlich zu machen… Das meinte ich mit „bildungsbürgerlichem Geschwafel“. Was für ein Mief, was für ein ekeliges Miasma!