Im Netz stolpert man immer wieder über Leute, die in den Gesundheits- bzw. Sozialberufen arbeiten und allen Ernstes als „Orgontherapeuten“ auftreten, teilweise sogar mit Verweis auf eine sozusagen „apostolische Sukzession“, d.h. irgendwelche unmittelbaren Schüler Reichs bzw. entsprechende Organisationen hätten sie „autorisiert“. Vielleicht machen sie gute Arbeit – an der sie eh niemand hindern kann… Das Problem ist, daß sich Nicht-Ärzte und Nicht-Psychiater vor ihren Patienten wohl eher beweisen müssen und deshalb zu invasiv vorgehen.
Ein orgonomischer Psychiater, also ein „Dr.med.“ mit einer zusätzlichen langwierigen Facharztausbildung, besitzt von vornherein genug Autorität, um den Patienten beispielsweise Stunde um Stunde einfach nur atmen zu lassen, während ein Laientherapeut eine Show abliefern muß, auch um sich vor sich selbst zu rechtfertigen. Der Patient wird mit „Deutungen“ und schlauen Bemerkungen überhäuft, d.h. ihm wird eine vermeintlich „orgonomische“ Weltanschauung aufgedrängt, und vor allem wird der Muskelpanzer angegangen, als sei er der Feind, dessen Stellungen ohne Rücksicht auf Verluste eingenommen werden müssen.
In der jetzt angekündigten nächsten Nummer des Journal of Orgonomy (Vol. 56, No. 2) wird ein entsprechender Fall behandelt werden:
Susan P. Marcel, D.O., berichtet über die Behandlung von John, einem 63-jährigen Rentner, der eine Therapie suchte, um seine Depression und sein überwältigendes Gefühl des Bedauerns zu lindern. Sozial isoliert, mißtrauisch und zur Selbstsabotage neigend, hatte John in seiner Jugend „Orgontherapeuten“ aufgesucht. Leider hatte die Behandlung durch diese aggressiven und kontaktlosen Therapeuten Johns Mißtrauen und Niedergeschlagenheit nur noch vertieft. In Dr. Marcels Behandlung von John sehen wir einen echten Arzt-Patienten-Kontakt. Marcel diktiert nicht den Verlauf der Sitzung, sondern geht der jeweiligen Situation angemessen auf Johns Gefühle ein und fordert ihn auf, seine Sorgen zu äußern und sein eigenes Tempo einzuschlagen. Bald ist John in der Lage, seine Ängste und seine Traurigkeit auszudrücken und sich mit der Gesundheit in seinem Inneren zu verbinden. Diese bewegende Schilderung unterstreicht die entscheidende Bedeutung eines authentischen Kontakts zwischen Patient und Therapeut.
In einer echten Orgontherapie geht es nicht darum, daß irgendein Programm abgespult wird, sondern es geht um Kontakt: den Kontakt zwischen Patient und Arzt und den Kontakt des Patienten mit sich selbst, d.h. mit dem was krank und was gesund in ihm ist. Das mechanische Abrollen dessen, was manche Leute für „Orgontherapie“ halten, ist einfach nur kontaktlos und kann dem Patienten ausschließlich schaden.
Das ist alles kein Spaß. Man nehme etwa den obigen „John“: dessen Leben wurde zerstört, weil er sich irgendwelchen Wichtigtuern anvertraute, die sich als „Orgontherapeuten“ aufspielten. „John“ selbst haben sie nie gesehen und „John“ konnte nie zu ihnen durchdringen. An sich verhielten sich diese vermeintlichen „Orgontherapeuten“ genauso, wie sich einst „Johns“ Eltern verhalten hatten – als sie „John“ seine Panzerung verabreichten. Alles im Namen von Wilhelm Reich…
Wie die tatsächlich alternative Medizin aussieht, läßt sich anhand einer interessanten Studie des Max-Planck-Instituts für Neurobiologie zeigen. Untersucht wurden Zebrafische, die aufgrund einer Mutation chronisch unter Streß leiden, weil in ihnen die „Streßhormone“ Cortisol, CRH und ACTH deutlich erhöht sind. Nachdem man sie in ein neues Aquarium umquartiert hatte, sanken sie verschreckt auf den Beckenboden und verhielten sich ganz still, während normale Zebrafische sofort ihre neue Umgebung voller Neugierde begutachten würden.
Die Wissenschaftler setzten das Verhalten der mutierten Zebrafische mit dem Vorliegen einer „Depression“ gleich und initiierten deshalb sozusagen eine „Thymolepsie“, indem sie einfach das Antidepressivum Fluoxetin ins Wasser des Aquariums schütteten. Kurz darauf verhielten sich die Zebrafisch wie ihre normalen Artgenossen!
Uns interessiert in diesem Zusammenhang weniger die „Mutation im Glucocortcoid-Rezeptor“, sondern schlicht, daß diese Fische unter einer chronischen Sympathikotonie leiden, d.h. einem anhaltenden orgonotischen Kontraktionszustand und daß Wirkstoffe wie die „Serotonin-Wiederaufnahmehemmer“, zu denen Fluoxetin gehört, dem offensichtlich entgegenwirken können – auch wenn das manchen Ideologen der „Alternativmedizin“ und Kämpfern gegen die „Pharmakonzerne“ nicht ins Konzept paßt.
Welche Rolle hat hier nun die medizinische Orgonomie zu spielen? Sie ordnet derartige Beobachtungen in einen umfassenden Zusammenhang ein und macht damit eine sinnvolle Behandlung erst möglich. Wilhelm Reich faßt seine entsprechenden Untersuchungen wie folgt zusammen:
Die grundsätzlichen biologischen Funktionen der Kontraktion und Expansion ließen sich dem Seelischen in gleicher Weise zuordnen wie dem Körperlichen. Es ergaben sich zwei Reihen von Wirkungen, die einander entgegengesetzt waren. Ihre Elemente repräsentieren verschiedene Tiefen des biologischen Funktionierens. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 215)
Reich hat diesen „Urgegensatz des Vegetativen“ von psychologischen Gegebenheiten bis hinab in die Biophysik wie folgt aufgeführt (ebd., S. 220):