
DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / Vorwort
In Charakteranalyse hat Reich geschrieben: „Wenn die Selbstwahrnehmung eine entrückte, kraftlose Organerregung spiegelt, dann wird das Bewußtsein Vorstellungen von einem ‚Jenseits‘ oder von ‚fremden und merkwürdigen Kräften‘ entwickeln“ (KiWi, S. 575). Selbst ein mehr oder weniger gesunder durchtherapierter Mensch mit guter Atmung und unmittelbaren, kraftvollen Organempfindungen kann in eine Falle tappen, wenn er seine Selbstwahrnehmung auf das Bewußtsein richtet, daß in sich eine „entrückte, kraftlose Organerregung“ ist (siehe dazu Robert Harmans Artikel „Perception and Consciousness“, Journal of Orgonomy, 26(2), 1992). Durch diese Selbstbespiegelung muß dann das Bewußtsein den Eindruck gewinnen, es gäbe ein „Jenseits“ (höhere Bewußtseinsstufen) und „fremde und merkwürdige Kräfte“.
Nehmen wir nur mal Blasbands Editorial als Beispiel (Journal of Orgonomy 26(2), 1992), wo er als Beweis für ein „primordiales Bewußtsein“ anführt, daß doch schon Babys eine ganz bestimmte Persönlichkeit, eine „Essenz“ haben. Nun frägt sich, was das unbedingt mit Bewußtsein zu tun hat. Aber nehmen wir mal diese Empirie als Beweis für das „primordiale Bewußtsein“. Dann ist es doch die Frage, ob nicht der liebende Beobachter etwas in das Neugeborene hineinsieht, genauso wie ich es in meinen Wellensittich hineinsehe oder in meinen Teddybären. Als Kind habe ich in meinem Teddybären einen „mind“, eine „essence“ gesehen! Ohne Perspektive bedeutet Empirie gar nichts! Der „Blitz leuchtet“ entspricht „Ich bin“ – Tautologie!
Hinter Blasbands und Barbara Koopmans Essence-Konzept und ihrem persönlichen Glück, daß er durch es gefunden hat, steht das Problem der Genitalität. Genitalität entspricht einer einheitlichen Pulsation, während der Neurotiker stets zerrissen ist. Dies sieht man z.B. an der zersplitterten Atmung und eben auch im zersplitterten Ich (am krassesten beim schizophrenen Charakter). Genitalität ist die Vereinigung aller Teilpulsationen, Bewußtsein die Vereinigung aller Teilwahrnehmungen. Orgonotische Systeme verändern sich als ganzes und sprunghaft, denn es sind ganzheitliche funktionelle Systeme: dieses einheitliche Funktionieren ist der mind. Diese Vereinheitlichung wird gefolgt von einer Erstrahlung des Orgonenergie-Feldes und dem überlagernden Kontakt mit dem Feld eines anderen Organismus.
Mit sich selbst identisch zu sein, Frieden in seiner Seele zu haben – das ist für den orgastisch Impotenten so anziehend an mystischen Konzepten wie sie Leute wie Levashov, Gurdjieff, Maharishi Mahesh Yogi, etc. vertreten: die Einheit der Welt (Brahman) und des Ich (Atman). (Übrigens: das indische „Atman“ ist wirklich das gleiche Wort wie das deutsche „Atmen“.) Und was die biophysische Einheitlichkeit, die Einheitlichkeit des Selbst und die Einheitlichkeit des Atemvorganges gemeinsam haben, hat bereits Nietzsche vorausgenommen: Der „Frieden der Seele“, also unsere Einheitlichkeit des Selbst kann einerseits Ausdruck der Schwäche und Beschränktheit sein „oder der Ausdruck der Reife und Meisterschaft mitten im Tun, Schaffen, Wirken, wollen, das ruhige Atmen, die erreichte ‚Freiheit des Willens’“ (Götzendämmerung, Studienausgabe Bd. 6, S. 85).)
Es geht also um die Konzentration von Teilstrebungen zu einer Speerspitze. Was dies im Bereich des Bewußtseins alles ermöglichen kann, zeigt z.B. die asiatische Kampftechnik des Kung Fu, wo durch geistige Konzentration die gesamte Energie auf einen einzigen Punkt gelenkt wird, sodaß man mit dem Fingerknöchel Ziegelsteine durchschlagen kann. In diesem Sinne glaube ich auch, daß Blasband mit seiner Konzentration genauso arbeitet, wie er es behauptet. Ich behaupte aber auch, daß das ganze auf eine Illusion, nämlich den Glauben an ein überweltliches Seelenatom, beruht. Dies bedeutet, daß Blasbands konkrete Praxis schlichtweg keinerlei Folgen für die Orgonomie hat. Es ist genauso, wie der Glaube an Jesus Christus die wiedergeborenen Christen total happy macht, Gläubige weniger an Krebs und anderen psychosomatischen Krankheiten leiden, etc. Es ist nur ein Beweis für die Macht des Glaubens, nicht für die Realität von Jesus Christus: ebensogut könnten sie an Mickey Mouse glauben. Blasband kann Theorien vertreten, wie er will, doch seine praktischen Erfolge kann er unmöglich für sie in Anspruch nehmen. Er beweist genausowenig, daß das Bewußtsein primordial ist, wie das christliche Leben die Existenz Gottes beweist.
Dann stellt sich natürlich die Frage, was denn ein Beweis sein könnte. Nun, diese Frage beinhaltet eine gewisse Ironie: Wilhelm Reich hat mit der Entdeckung der Orgonenergie die Existenz Gottes nachgewiesen. Er hat aufgezeigt, daß der Glaube an Gott nichts weiter ist als die verzerrte Wahrnehmung der kosmischen Orgonenergie. Genauso ist auch die Blasbandsche Wahrnehmung des Bewußtseins als „geistiges Seelenatom“ nichts weiter als die verzerrte Wahrnehmung der organismischen Einheit, wie sie sich am eindeutigsten in der einheitlichen Pulsation, d.h. in der Genitalität zeigt.
Wie gesagt, die Sehnsucht nach dieser erstrebten Ganzheitlichkeit und Gesundheit, bzw. „Selbstidentität“ haben Blasband und Koopman dazu geführt, an die Essence, an die unsterbliche Geistmonade zu glauben.
Die Heil-Methode der Geistheilung ist etwas, das auf einem einfachen psychologischen Mechanismus beruht. „Eine genuine ‚Wunderheilung‘ bedeutet einfach, daß es sich dabei um eine Stimulierung biologischer Energie des autonomen Nervensystems gehandelt hatte“ (Myron Sharaf: „Die erste Orgonomische Konferenz auf Orgonon vom 30. August bis 3. September 1948“ Internationale Zeitschrift für Orgonomie I(1), April 1950, S. 36). Bereits in den 1920er Jahren finden sich ähnliche Aussagen Reichs, der sich damals intensiv mit Suggestion als Heilmethode auseinandersetzte!
Gemeinhin wird von „Geistheilern“ zu Beginn die unbedingte Überzeugung vermittelt, daß die Methode auf jeden Fall wirkt. Es heißt nicht etwa: „Versuchen wir es mal, vielleicht klappt es ja, aber dazu müssen Sie mitarbeiten“, sondern es wird der Eindruck vermittelt, daß es unfehlbar immer wirkt und so wird der Patient perfekt konditioniert. Sagt der „Patient“, daß er nicht an die Methode glauben würde und sich fürchte, sich unbewußt gegen die Heilung zu sperren und diese dergestalt vielleicht zu hintertreiben, antwortet der „Therapeut“: „Das macht gar nichts, die Methode wirkt unabhängig von Ihrer Einstellung.“ Dies, die Unterlaufung jedes Widerstandes, ist die perfekte Methode, einen Placebo-Effekt zu provozieren, d.h. die besagte Stimulierung des Körperorgons. Hinzu kommt das ganze Umfeld: mystisches Geraune und Geschichten über einen geheimnisvollen Wundermann im Hintergrund.
Als nächster Schritt wird dann der durch den Placebo-Effekt praktisch überzeugte „Patient“ langsam in die Gedankenwelt des Geistheilers hineingezogen, so daß es ein sich selbsterhaltender Prozeß wird, d.h. man ist schließlich auch dann davon überzeugt, wenn Effekte schließlich ausbleiben, was praktisch immer der Fall ist. Am Ende steht dann die finanzielle Ausbeutung, indem man in ein teures Kurssystem hineingezogen wird. Unterstützt wird dies dann auch noch durch eine hohe Ethik: „Ich nehme kein Geld für eine Behandlung, die auf reiner Liebe beruht.“ Wieder wird jeder Widerstand unterlaufen. Der Weg aus dieser Guru-Sekte ist unmöglich, denn erstens gibt es die positiven unleugbaren Anfangserfahrungen und zweitens wird sich niemand eingestehen, daß er soviel Lebenszeit und vor allem (trotz aller gegenteiligen Beteuerungen) Geld für solch einen offensichtlichen Quatsch verschwendet hat. So wird gerade die Absurdität des Systems zu einer seiner Hauptstützen.
Letztendlich darf man auch nicht vergessen, daß die Esoterik all das in perfekter Weise verspricht, wonach sich der Kleine Mann sehnt: übermenschliche „kosmische“ Bedeutung der eigenen Person und die anstrengungslose Lösung aller Probleme, aller Schmerzen und aller Unsicherheit.
Dabei möchte ich einen gewissen orgon-energetischen Effekt der „Spiritualität“ auf den Gläubigen nicht ganz von der Hand weisen: „Von Eduard Zeller erzählte Steiner die Anekdote, daß dieser noch als Neunzigjähriger in Berlin ‚mit ungeheurer Lebhaftigkeit‘ habe dozieren können, weil er, da nicht Materialist, nicht verkalkte, während ein siebzigjähriger Kollege, der nur Gedanken gehabt, ‚die im Materialismus drinnen stecken‘ Arterienverkalkung bekam“ (Friedrich Heyer: Anthroposophie – ein Stehen in höheren Welten?, Friedrich Bahn Verlag, Konstanz, 1993, S. 109).
Meine allererste Vorlesung im Physikstudium handelte davon, daß man seinen Sinnen nicht trauen dürfe. Um Physik zu treiben, müsse man seine Gefühle draußen vor lassen. Sogar im Musikunterricht auf dem Gymnasium lautete die vordringlichste Botschaft des Lehrers, daß die Tonarten und Melodien keine Gefühle vermitteln, diese würden nur durch „Soundeffekte“ hervorgerufen werden. Musik im Kern eine Sache des Intellekts!
Wie sehr diese mechanistische Sichtweise, die die westliche Welt durchdringt, an der Wirklichkeit vorbeigeht, zeigt folgendes Zitat:
Ich erinnere mich an ein Sitarkonzert in Deutschland, es war ein heiterer Sommertag gewesen, das Publikum versammelte sich am Abend unter freiem Himmel. Manfred Junius, der deutsche Sitar-Virtuose, dem ich auch in Indien oft zugehört hatte, stimmte einen Raga an, der das Nahen der Wolken in der Regenzeit andeutet. Der Himmel war bei Sonnenuntergang noch klar gewesen, niemand hatte an Wolken gedacht, doch kaum verklangen die ersten Töne des Ragas in der Nacht, da begann es zu regnen. Zwischen den Gefühlen des Meisters und den Wandlungen des Wetters schien ein seltsamer Einklang zu bestehen. (Dietmar Rothermund: 5 mal Indien, München 1979, S. 87)
In Indien glaubt man, daß die Tausenden unterschiedlichen Ragas (ein Zwischending zwischen Modus, Tonart, „Stimmung“, „Farbe“ und Melodie) tiefgreifende energetische Auswirkungen haben.
Zu den (nordindischen) Regen-Ragas gehören Gaud malhar, Megh malhar und Miyan ki malhar. Hier Sur malhar.
Man muß sich auf die indische Musik einlassen, man muß erlebt haben, wie sich einem beim Hören des südindischen Kriti Rama Rama Gunaseema im Raga Simhendra Madhyama das „Herzchakra“ spontan geöffnet hat, um nachvollziehen zu können, daß die Lebensenergie in uns und die atmosphärische Energie denn gleichen Gesetzmäßigkeiten gehorchen.
Als ich zuhörte wie die göttliche M.S. Subbulakshmi dieses Stück sang, hatte ich unerwartet ein intensives spirituelles Erlebnis. Sowas ist natürlich schwer zu beschreiben, aber es war als öffne sich mein mittleres Auge auf der Stirn und ich blicke durch es in einen rosafarbenen Wirbeltrichter, der von diesem Auge ausging, begleitet von einem intensiven Gefühl v
Mir bedeutet sowas wenig und ich finde es ziemlich erschreckend, daß praktisch jeder andere total darauf abfahren würde, ähnlich als würde er Rauschgift genommen haben. Er wäre unrettbar z.B. für die Orgonomie und jede andere Rationalität verloren. Es ist kaum zu ermessen, was man empfindet, wenn sich das Scheitelchakra öffnet! Die Orgonomie muß endlich daran gehen, diesen Bereich offensiv zu entzaubern.
Dazu ist zu sagen, daß die orgonomische Auseinandersetzung mit der Mystik zwei Aspekte hat: das Volk lehren und vom Volk belehrt werden. Dazu schrieb Reich:
Es ist nun ein Grundsatz der Massenpsychologie, nicht „prinzipiell objektive Wahrheiten“ zu verkünden, sondern sich erst zu fragen, wie die durchschnittliche Masse der arbeitenden Bevölkerung auf einen objektiven Prozeß reagiert. (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 198)
Reich hat gesagt, daß „wir (…) die Volksmeinung ernst nehmen (müssen), die sich durch den Satz ausdrückt, daß man im Sterben seine ‚Seele aufgebe’“ (Der Krebs, Fischer TB, S. 258). Es komme nur darauf an, was man unter der Seele versteht. Man muß also alles sehr ernst nehmen, was Mystiker behaupten – es ist dann nur eine Frage der Interpretation. Oder besser ausgedrückt: eine Frage des funktionellen Denkens.
Es ist zu erwarten, daß die Vitalisten und Spiritualisten (…) das Argument ins Feld führen werden, daß Bewußtsein und Selbstwahrnehmung noch immer unaufgeklärt bleiben. Dies ist richtig, sagt jedoch nichts über die Berechtigung eines metaphysischen Prinzips und kann überdies mit einer endgültigen Klärung rechnen. Es hat sich bei den [bio-]elektrischen Versuchen gezeigt, daß die biologische Erregung von Lust und Angst mit ihrer Wahrnehmung funktionell identisch ist. (Wilhelm Reich: Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 287)
Diese Aussage läßt sich in folgende in zwei Abbildungen präsentierte einfache orgonometrische Gleichung umsetzen, die sich immer weiter aufspaltet und damit die gesamte subjektive (Abb. oben) und objektive (Abb. unten) Natur umfaßt, wie in Orgonometrie (Bd. 2, Kapitel 2) eingehend erläutert:


Eckardt Tolle ist gegenwärtig der bekannteste Vertreter einer bestimmten Form von Mystik, dem Monismus. (Eine drastisch andere Art von Mystizismus findet sich beispielsweise in der „dualistischen“ Hare Krishna-Bewegung.) Kurz gesagt werden im Monismus alle Probleme gelöst, indem man realisiert, daß „alles eins ist“ – d.h. gar keine Probleme existieren. Wie Agehananda Bharati, ein europäisch-stämmiger Philosoph, der den „Advaita“ (die „Nicht-Dualität“) in Indien praktiziert hat, in einem Forum ausführt hat, bleibt an sich nur das linguistische Problem, die monistische Erfahrung irgendwie in Worte zu fassen. Was kommt, ist durchweg ein unglaublich hohles, dummes Gestammel ohne Sinn und Verstand – a la Eckardt Tolle. Die Erfahrung der „Alleinheit“, die zweifellos echt ist, löst keinerlei äußere Probleme. Nicht einmal die inneren! Will sagen: wer vorher ein Arschloch war, wird nach der „Erleuchtung“ ein Arschloch bleiben. Wie sollte es auch anders sein, wenn eh alles eins ist?!
Ich führe das an, weil es Leute gibt, die die Orgonomie partout spirituell aufmotzen wollen. Und da Dualismus (die Beziehung der Seele zu Gott, dem fundamental anderen) denkbar „unorgonomisch“, nämlich „ödipal“, zu sein scheint, wenden sie sich dem Mahayana-Buddhismus („die Leere“), dem hinduistischen Advaita (Atman = Bahman) oder beispielsweise Eckardt Tolle zu. Tatsächlich ist es so, daß sich diese monistischen „Lehren“ und die Orgonomie zwar abstrakt-konzeptionell ziemlich nahe stehen, aber das ist vollkommen bedeutungslos. Oder wie Agehananda Bharati ausführt: als praktische Meditation mögen diese „Wege“ Erfüllung schenken, doch aus philosophischer Warte, folgt aus ihnen nichts – außer das erwähnte Tollesche Gestammel. Die großartige indische Kultur, die ich über alles liebe, ist, so Agehananda Bharati, nicht wegen, sondern trotz dem Advaita entstanden.
Damit könnte man die Sache auf sich beruhen lassen. Sollen die Leute doch meditieren, wie es ihnen Spaß macht und ein „kontemplatives Leben“ führen. Doch leider kann man sich die Sache nicht so einfach machen. Wie ich in Die Massenpsychologie des Buddhismus ausgeführt habe, kommt es durch diese Meditationspraktiken und die gesamte Lebenshaltung zu einer verhängnisvollen Umstellung des Gefühlslebens, die man beispielsweise auch bei Cannabis-Konsumenten findet und die eine Orgontherapie verunmöglicht: die dauerhafte Umwandlung von Emotionen („Du und ich“, „Dualismus“) in Sensationen („Monismus“). Anders als Agehananda Bharati behauptet, findet also doch eine gewisse charakterliche Umstrukturierung statt.
In dem, hier paraphrasierten, Forumsbeitrag, wird die Auseinandersetzung einer ungenannten Frau mit dem Tibetischen Buddhismus zitiert. Die betreffende Netzseite gäbe es nicht mehr. Ich möchte das ganze als perfekte Illustration des hier gesagten und als unabhängige Bestätigung meines oben verlinkten Aufsatzes über den Buddhismus anbringen:
Zu dem, was bei den spirituellen Lehrmeistern in ihren Erörterungen fehlt, gehören für mich die EMOTIONEN und gesunde Beziehungen mit der alltäglichen Realität oder wichtigen Menschen in deinem Leben. Man erhält zwar Hinweise eine gewisse Ordnung in seinem Leben aufrechtzuerhalten, wie seine Räumlichkeiten sauberzuhalten, aber das wirkt auf mich, als ob man das Leben in etwa wie ein ROBOTER führen sollte und der „wirklich wichtige Teil“ des Lebens darin besteht, auf dem Meditationskissen zu sitzen und über das Leiden zu meditieren oder in die „Erleuchtung“ wegzudriften.
Als ich 1979 den Richen Ter Dzo wangs in Clement Town beiwohnte, traf ich Lehrmeister X.
Er machte häufig Witze darüber, was er am Dzogchen (eine nicht-dualistische Praxis) so sehr schätze: wenn das Leben beschwerlich werde, könne er einfach auf dem Dzogchen-Knopf drücken und nichts würde mehr irgendetwas Schmerzhaftes beinhalten. Wenn dich Zweifel plagen, drifte sozusagen einfach weg.
Es ärgerte mich, daß er dafür eintrat, der Realität und moralischen oder emotionalen Herausforderungen nicht entgegenzutreten, sich nicht mit ambivalenten Gefühlen auseinanderzusetzen, sondern ihnen auszuweichen. Für mich war das ganze extrem fragwürdig hinsichtlich der Moral und gefährlich in Hinsicht auf das Gefühlsleben.
Ja, er war damals ein junger Heißsporn, vielleicht ist er jetzt ein gewöhnlicher schrecklicher alter Narzißt oder ein reifer Erwachsener. Ich weiß es wirklich nicht. Aber er schien seine Ideen von seinen tibetischen Lehrern übernommen zu haben, so daß ich mich frage, wie vernünftig er sein konnte, wenn alles um ihn herum moralisch fragwürdig gewesen war.
Offenbar werden Emotionen von all den Leuten, die sich der Sache der Erleuchtung gewidmet haben, abgewertet. Entweder werden Emotionen ignoriert wegen einer überwältigenden intellektuellen Leistungsfähigkeit oder sie sind etwas, was überwunden werden oder in nicht-emotionale Zustände der Achtsamkeit überführt werden muß. Es scheint mir, daß Emotionen der Kern dessen sind, was am Samsara als schlecht erachtet wird und hier, glaube ich, haben sich diese spirituellen Lehrmeister als am meisten emotional gestört erwiesen.
Es scheint hier auch um eine Rechtfertigung der eigenen Stellung zu gehen. Da sind einerseits die, die sich entschließen das Samsara zu verlassen, und andererseits soll es Drohnen geben, wie die Bediensteten in Tibet, von denen verlangt wird für jene aufzukommen und für sie zu sorgen, die sich dem gewöhnlichen praktischen Leben entziehen.
June Campbell spricht über die Geschichte des Denkens, in deren Verlauf den sogenannten Fakten Wert beigelegt wurde, jedoch nicht der emotionalen Realität, da Gefühle historisch als bloß weiblich abgewertet wurden.
Ich glaube, daß Leute, die in Zustände der „Erleuchtung“, nicht-dualistische Zustände oder Zustände der Seligkeit gehen, sowohl ein gesundes emotionales Leben als auch ein praktisches Leben benötigen und daß Erleuchtungszustände andernfalls für die Person, die sie erfahren, ungesund und gefährlich sind und auch für die Leute in ihrer Umgebung, die in die Lage geraten könnten, für eine „realitätsuntüchtige“ Person sorgen zu müssen.
Der Weg zur Gesundheit (d.h. zur orgastischen Potenz) bedeutet immer mehr Angst ertragen zu können. Man traut sich mehr, wodurch sich der Organismus zunehmend öffnet und es kommt entsprechend zu weniger „Rückstau“ (= Angst). In der Meditation wird diese Angstbewältigung umgangen und durch eine Scheinexpansion ersetzt. Das wird beispielsweise in diesem Aufsatz beschrieben.
Angst bedeutet, daß aus dem Kern Energie nach außen strömt, die bei „ängstlicher“ Kontraktion zurückgestaut wird („Stauungsangst“). Wenn die Expansion langsam aber sicher nachläßt, verschwindet auch die Angst. Die „Angstlosigkeit“ wird dann als Scheinexpansion empfunden. Das tritt beispielsweise auf, wenn man Antibiotika nimmt. Krebspatienten sind im Endstadium erstaunlich „gutgelaunt“. Für die indischen „Weisheitslehrer“ ist Leid schlichtweg inexistent. Beispielsweise habe der „Gottmensch“ Christus niemals gelitten.
Neuere Forschungen zeigen, daß es bereits nach achtwöchiger regelmäßiger Meditationspraxis zu strukturellen Veränderungen im Gehirn kommt. Während sich bei den Versuchsteilnehmern die Dichte der Grauen Substanz im Hippokampus und anderen Hirnregionen vergrößerte, nahm sie in der Amygdala ab. Die Zunahme der Dichte betrifft Hirnregionen, die mit „Re-Flektion“ zu tun haben: Erinnerung („re-mind“, „re-member“), Selbst-Beobachtung und Rück-Sichtnahme. Die Abnahme der Dichte betrifft die beiden Mandelkerne (Amygdala).
Die Amygdala ist wesentlich an der Entstehung der Angst beteiligt und spielt allgemein eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren: sie verarbeitet externe Impulse und leitet die vegetativen Reaktionen dazu ein. Eine Zerstörung beider Amygdalae führt zum Verlust von Furcht- und Aggressionsempfinden und so zum Zusammenbruch der mitunter lebenswichtigen Warn- und Abwehrreaktionen. Forschungsergebnisse aus dem Jahr 2004 deuten darauf hin, daß die Amygdala an der Wahrnehmung jeglicher Form von Erregung, also affekt- oder lustbetonter Empfindungen, einschließlich des Sexualtriebes beteiligt sein könnte.
Nun, wirklich jede längere Tätigkeit verändert das Gehirn, beispielsweise haben Taxifahrer einen ausgesprochen großen Hippokampus, weil sie sich ständig erinnern und im Raum orientieren müssen. Entsprechend weisen die obenerwähnten hirnstrukturellen Veränderungen darauf hin, daß die Meditation zu genau dem führt, was ihre Vertreter von jeher behauptet haben: zu größerer Selbstkontrolle und weniger „Triebhaftigkeit“.
Dies wird auf ähnliche Art und Weise erreicht, wie der Schizophrene mit seinen anstürmenden Erregungen fertigwird: durch Augenpanzerung. Beim Schizophrenen ist die okulare Panzerung der letzte Rückzugspunkt des Organismus vor dem endgültigen Abgleiten in die Psychose, der letzte Damm, der vor der „Überschwemmung“ des Organismus mit alles zerstörender Angst schützt. Der Meditierende nutzt einen ähnlichen Mechanismus, um seine existentielle Angst zu überwinden und „Ruhe zu finden“.
Dieses Festklammern hat der indische Meditationslehrer Ramana Maharshi sehr schön beschrieben:
Während einer elementaren Todesangst habe er sich [im Alter von 16 Jahren] mit der Frage beschäftigt, was im Tod stirbt. Er sei zu der Antwort gekommen, daß zwar der Körper sterben möge, jedoch nicht der Geist bzw. das Bewußtsein. Später sagte er zu dem Erlebnis: „Das Selbst war etwas sehr Reales, das einzige Reale in meinem derzeitigen Zustand, und die gesamte bewußte Aktivität meines Körpers konzentrierte sich auf dieses Selbst. Seither ist die faszinierende Kraft dieses Selbst im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit geblieben […] Das Aufgesaugt-Sein in das Selbst dauert seitdem ohne Unterbrechung an. Andere Gedanken erscheinen und verschwinden wieder, ähnlich wie die Noten eines Musikstücks, aber das Selbst ist wie ein Grundton unter den anderen Noten stets vorhanden und mischt sich mit diesen. Auch wenn mein Körper vom Reden, Lesen oder was auch immer eingenommen ist, ist mein ganzes Sein nicht minder auf das Selbst zentriert. Vor dieser Krise vermochte ich das Selbst nicht klar wahrzunehmen, und ich fühlte mich nicht bewußt vom Selbst angezogen.“
Das ganze kann man wie folgt funktionell beschreiben:

Charakteristischerweise ist Ramana Maharshi der „Berufskrankheit“ der indischen Heiligen erlegen: Krebs! Irgendwann war die somatische Erregung derartig kompromittiert, daß der Mann bei lebendigem Leibe verfault und mit dem milden Lächeln Buddhas krepiert ist.
Zu diesen Ausführungen paßt auch folgender Hinweis aus dem oben zitierten Wikipedia-Beitrag:
Primaten, denen die Amygdala zu Testzwecken entfernt wurde, können zwar Gegenstände sehen, sind aber nicht mehr in der Lage, deren gefühlsmäßige Bedeutung zu erkennen. Zudem verändert sich ihr Verhalten grundlegend und sie verlieren jegliche Aggression.
Ich erinnere an meine obenerwähnten Ausführungen über die funktionelle Transformation von Emotion (Lust, Angst, Wut, Sehnsucht, Trauer) in Sensation (Sinneswahrnehmungen und das Wahrnehmen von „Zuständen“), die den „östlichen Weisheitslehren“ zugrundeliegt. Es verschwinden die Emotionen, was bleibt sind „Eindrücke“. Das wird von „meditativer Kunst“ und „meditativer Musik“ sehr gut vermittelt.
Man brauch sich nur den anfangs erwähnten, schier unerträglichen „scheinexpansiven“ Eckart Tolle anzuschauen, um den durch Meditation hervorgerufenen Geisteszustand verkörpert zu finden. Erschreckend wie dieser perverse Murx, das diametrale Gegenteil der Orgontherapie, Millionen immer tiefer in die Falle verstrickt.
Reich zufolge gründet sich das religiöse Empfinden der matriarchalen Völker auf das Erleben der orgastischen Plasmazuckung in der heterosexuellen genitalen Umarmung. Mit dem Einbruch des Patriarchats verschwindet diese Grundlage jeder Religion nicht, sondern wird nur bis zur Unkenntlichkeit entstellt – oder bis zur Kenntlichkeit karikiert. Es sei nur an all die unverkennbar sexuellen Anspielungen erinnert, die praktisch alles an den Religionen kennzeichnet, – die in ihrer Ideologie explizit antisexuell sind, aber imgrunde nur ein Thema kennen: Sex.
Man betrachte etwa die groteske Abfolge der modernen Gurus angefangen bei Ramananda und Yogananda: einer abartiger als der andere, einer perverser als der andere, einer sexbesessener als der andere, einer sexualfeindlicher als der andere. Was für Freaks! Siehe dazu das Buch Guru: Zwischen Sex, Gewalt und Erleuchtung von Geoffrey Falk (Alibri, 2011):
Jiddu Krishnamurti, Maharishi Mahesh Yogi, Satya Sai Baba, Sri Chinmoy, Bhagwan: Das Inhaltsverzeichnis des Buches liest sich wie das Who’s Who der erleuchteten spirituellen Führer des 20. Jahrhunderts – nur daß Geoffrey Falk sie uns eher als unterbelichtete Dunkelmänner vorstellt. Denn die vermeintlichen Lichtgestalten zeichnen sich vor allem durch Selbstüberschätzung, Ichbezogenheit und die Gier nach Macht, Reichtum und Sex aus. Ihre Weisheiten übersteigen kaum das Niveau von Kalendersprüchen und die einzigen, die aus ihren Lehren einen Nutzen ziehen, sind sie selbst.
Was bleibt ist vollkommener Sinnverlust, innere Leere, bestenfalls Wahnsinn.
Im ungepanzerten Organismus besteht ein unmittelbarer Kontakt zwischen dem Kern und der Umwelt. Im gepanzerten Organismus ist dieser Kontakt unterbrochen, was für Frustration, Verwirrung und ein Gefühl des „Abgeschnittenseins“ sorgt, da man am Leben nicht mehr wirklich teilhaben kann:
Es ist ein substanzloses Leben „im Spiegel“, d.h. alles wird ungreifbar und „jenseitig“. Entsprechend muß die Existenz selbst (bzw. gerade!) den Mystikern und „Heiligen“ als leer und sinnlos erscheinen. Man spricht dann von „Glaubenskrisen“, – die geradezu als Garant für „Heiligkeit“ gelten. Es müsse durch eine „Feuerwand“ gegangen werden. Am Grunde jedes religiösen Glaubens findet sich ein Nihilismus, eine Lebensverneinung, die ganz offen in Phantasien über die „Apokalypse“ in Erscheinung tritt. Und das gilt nicht nur für die abrahamitischen Religionen: kaum ein Guru, der keine sadistischen Weltuntergangsphantasien ausspinnt! Alle religiösen Lehren sind ganz beseelt von Zerstörung, Mord und Todschlag.
Nietzsche hat diese Zusammenhänge geahnt, ist aber daran gescheitert, eine Alternative zum Nihilismus anzubieten und damit die menschliche Zivilisation vor der Selbstzerstörung angesichts der allgegenwärtigen Sinnlosigkeit zu retten. Mit dem Tod Gottes, d.h. der Ausbreitung des A-Theismus, trat der Nihilismus sogar ganz nackt in Erscheinung: alles ist sinnlos, wertlos, keiner Anstrengung wert.
Die moderne Gesellschaft geht daran kaputt, daß die Menschen die innere Leere immer weniger spirituell kaschieren können, sondern sich einem krassen Materialismus hingeben, der nicht mal mehr Rücksicht auf seine eigenen Grundlagen nimmt: Hauptsache er betäubt.
Es ist eine Existenz wie in einem hoffnungslos verschütteten Bunker: die einen entdecken urplötzlich „Gott“, die anderen besaufen sich und plündern die letzten Vorräte und manche laufen Amok.
Immerhin scheint bei Nietzsche durch, daß man es beim Nihilismus nicht mit einem „philosophischen“ Problem, sondern mit einem biologischen zu tun hat. Es ging ihm um den „Übermenschen“, d.h. einen Menschen, der selbst angesichts der absoluten Sinnlosigkeit („die ewige Wiederkehr des Gleichen“) das Leben bejaht, weil jeder Augenblick unendlich tief und unendlich bedeutsam ist. Aber das ist ein untauglicher Versuch den Nihilismus zu überwinden.
Es geht nicht darum, die oben beschriebene „Trennung“ zu ertragen und an ihr „zu wachsen“, sondern sie muß aufgehoben werden, was nur gelingen kann, wenn die Panzerung verschwindet. Mit dem Verschwinden der Panzerung stellt sich die Sinnhaftigkeit der Existenz von ganz alleine her bzw. dar.
Reich hat dazu seinem Werk Die sexuelle Revolution folgendes „Aus dem Tagebuch des Schülers Kostja Rjabzew“ vorangestellt:
Der Redakteur der Garnrolle, der die Frage: „Wozu leben wir?“ gestellt hat, scheint Lust zu haben, sich in das Gestrüpp der Philosophie zu begeben. Vielleicht aber hat ihn großes Zittern und Beben vor der Nichtigkeit des menschlichen Lebens erfaßt. Im ersten Fall ist‘s ja gut, im zweiten ist‘s schlimm. Und zwar aus folgendem Grunde: „Leben, um zu leben“ ist die einzige Antwort auf die gestellte Frage, so sonderbar und so einseitig das auch klingen mag. Der ganze Zweck, der ganze Sinn des Lebens besteht für den Menschen im Leben selbst, im Prozeß des Lebens. Um den Zweck und den Sinn des Lebens zu erfassen, muß man vor allem das Leben lieben, gänzlich, wie man so sagt, im Wirbel des Lebens untertauchen; erst dann wird man den Sinn des Lebens erfassen, wird man verstehen, wozu man lebt. Das Leben ist etwas, was im Gegensatz zu allem, was der Mensch geschaffen hat, keine Theorie benötigt; wer die Praxis des Lebens erfaßt, dem wird auch die Theorie des Lebens klar.
Swami Muktananda (1908-1982), einer der wichtigsten und einflußreichsten „erleuchteten Meister“ des 20 Jahrhunderts, hat in seiner „spirituellen Autobiographie“ Spiel des Bewußtseins, seine Verzweiflung beschrieben, daß er immer noch sexuelle Gefühle während der Meditation hatte, obwohl er doch Siddhasana pratizierte: „Eine Ferse zwischen Geschlechtsorganen und Anus (am Perineum […]), die andere Ferse am Schambein.“ Er hatte doch alles gemacht, um sich dergestalt impotent und gefühllos zu machen! Eben Yoga! Dieses Versagen war die schlimmste Krise seines Lebens.
Schließlich realisierte er, daß die nackte Frau, die ihn während seiner Meditationen gepeinigt hatte, niemand anderes war als die Göttin Kundalini. Die sexuelle Erregung war darauf zurückzuführen, daß seine Yogapraktiken dazu geführt hatten, daß das zweite Chakra durchstoßen worden war, um die Sexuallust ein für allemal nach oben abzuleiten, auf daß sein Unterleib und dessen niedrige Instinkte ihn nie wieder peinigen würden.
Nunmehr begann seine Yogapraxis Fortschritte zu machen. Bei der Meditation preßte er seine Ferse gegen seinen Anus. Das hilft nicht nur dabei das Sperma zurückzuhalten, sondern zwingt die Kundalini ihren Weg nach oben zu nehmen entlang dem Rückgrat. Und wer sich fragt, was eigentlich das „yogische Fliegen“ soll: bei einer entsprechenden Haltung der Füße wird dergestalt der Anus denkbar heftig stimuliert.
Bei aller tieferen „Esoterik“ geht es tatsächlich einzig und allein um die Stimulation der „Kundalini“, d.h. „der Schlange“, die in der Region des Steißbeins schlummert. Sie soll aufsteigen und dergestalt zur „Erleuchtung“ führen, wenn sie die Schädeldecke erreicht. Es geht um den einen extrem unappetitlichen „Ritus“, der alle möglichen „Geheimgesellschaften“ zusammenschweißt und seit vielleicht zwanzig Jahren zunehmend unsere „Kultur“, d.h. unsere Sexualökonomie prägt. Was glaubt Ihr eigentlich, was mit den kleinen Jungs in den Aschrams und Lama-Klöstern auf ihrem „Initiationsweg“ gemacht wird?
„Spiritualität“ – am Arsch!
