Posts Tagged ‘Massenpsychologie’

Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 5)

9. Juli 2021

von Robert Hase

Reich stand nunmehr vor der Aufgabe, die sozialen Lehren aus dem Weltgeschehen zu ziehen, hatte doch der Faschismus, Reich zufolge „der extreme Despotismus“, Millionen von Menschen für sich gewonnen. Dieses Ereignis warf zum ersten Mal in der Geschichte der Soziologie und Massenpsychologie die Frage auf, „wie es möglich ist, dass unterdrückte Massen der politischen Reaktion folgen und sie zur Macht tragen“. An dieser Stelle hebt Reich ausdrücklich hervor, dass er als Erster diese Frage im Jahr 1930 formuliert hatte. Nunmehr, zur Zeit der Niederschrift (1944), werde sie breit diskutiert, doch zumeist ohne Verweis auf die Quelle. Er betone seine Priorität, weil er allein die Verantwortung für den sexualökonomischen Aspekt des Problems zu tragen hatte, während andere Massenpsychologen versuchten, das Verhalten der Massen in einer sozial harmlosen und gefahrlosen Weise begreiflich zu machen.

Damit dürfte Reich besonders das Buch Die Furcht vor der Freiheit von Erich Fromm, aber auch andere ehemalige Kollegen gemeint haben, z.B. Otto Fenichel. Wahrscheinlich ist damit auch die Neo-Psychoanalyse um Horney, Sullivan etc. gemeint, die analytisch-soziologische Schriften verfassten, aber ohne biologisches Fundament und die Libidotheorie negierten.

Mit dieser Frage, d.h. wie eine reaktionäre Bewegung mit Massenbasis, der Faschismus, möglich gewesen sei, wurden die gesellschaftlichen Akzente verschoben: „Wichtig war nicht mehr der reaktionäre Führer oder der Kapitalist, sondern ausschließlich die „menschliche Natur“, also die menschliche Charakterstruktur, die die Unterdrückung nicht nur akzeptierte, sondern sogar bejahte und förderte“. (3)

Es ging also nicht mehr um Unterdrückung auf der Rechten und um Unterdrückt-Werden auf der Linken. Vielmehr „war die gesellschaftliche Unterdrückung in den Menschen selbst am Werk“. Jedoch nicht als Manifestation eines angeblich biologischen „Todestriebes“ oder „Leidensbedürfnisses“, wie es eine degenerierte psychoanalytische Theorie formulierte, sondern, wie die Sexualökonomie als erste feststellte, „als Ergebnis gesellschaftlich bedingter Rigidität der menschlichen Plasmafunktionen, die wiederum die Gesellschaft mechanistisch rigide macht“.

Hier teilt Reich gegen Freud selbst und gegen seinen psychoanalytischen Kontrahenten Theodor Reik aus, der das Buch Aus Leiden Freuden (sic!), deutsche Originalausgabe 1940 bei Imago (London), schrieb. Reik setzte sich in dem Buch auch explizit mit Reich auseinander. (Später auch als Fischer Taschenbuch mit dem Titel Aus Leiden Freuden. Masochismus und Gesellschaft, neu herausgegeben.)

Reich meint, wenn man diese Rigidität des Massenmenschen nicht versteht, kann man keinem einzigen Schritt seiner Arbeit folgen. Es war im Wesentlichen dieses soziale Problem, das seine klinische Arbeit in eine Richtung zwang, die einige Jahre später eine wissenschaftliche Einsicht ersten Ranges hervorbrächte: den „muskulären Panzer“ bzw. die „charakterologische Hilflosigkeit“. Dergestalt habe, so Reich weiter, die Beschäftigung mit einem sozialen Problem die medizinische Forschung vorangebracht.

Mit der Verlagerung des gesellschaftlichen Akzents weg von kleinen Gruppen, politischen Parteien, einzelnen großen Männern usw. auf die Charakterstruktur der Menschenmassen brach die Sexpol zusammen, denn sie hatte auf einem Schwarzweißdenken beruht: der irrigen Vorstellung „Rechts ist schwarz“ und „Links ist weiß“. Die Verbreitung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Sexualökonomie unter den Massen stieß auf so große Schwierigkeiten und scheiterte schließlich, weil die Sexualökonomie die Panzerung des Massenindividuums nur theoretisch verstehen, aber nicht praktisch auflösen konnte.

Die Erfahrung zeigte immer wieder, dass Menschen, „die sich von der Sexualökonomie angezogen fühlten, nicht nur ein ernsthaftes Interesse hatten, sondern auf der anderen Seite auch sekundäre Triebe und eine pornografische Sexualstruktur, die eine verantwortungsvolle Lebensweise im sexualökonomischen Sinne unmöglich machte“. Die pornografische Sicht auf das Sexualleben war zu tief verwurzelt und zu sehr gesellschaftlich gestützt. Die natürliche Genitalität war zu sehr gestört und gesellschaftlich geächtet, um – wie Reich früher geglaubt hatte – sexuelle Selbstregulierung und natürliches Funktionieren zu ermöglichen. Die Sehnsucht nach Glück hatte keine Grundlage in der Fähigkeit zum Glück. Mehr noch, die politische Reaktion eines Mussolini oder Hitler ging von den Massen aus; die Massen selbst erwiesen sich in erster Linie als reaktionär. So erstaunlich und schmerzlich diese Tatsache zunächst gewesen war, so selbstverständlich war sie, wenn man sich an diese Einsicht gewöhnt hatte: Wenn die Masse der Menschen jahrhundertelang in Unwissenheit gehalten und mit falschen, oberflächlichen Parolen überschüttet worden sei und davon abgehalten wurde, ihr Leben selbst zu regeln, erntete die Gesellschaft nur die Früchte ihres Verbrechens an diesen Massen. Die Erkenntnis dieser Tatsachen machte die ökonomistische Sichtweise der „linken“ Parteien unhaltbar, denn diese Sichtweise rechnete mit eindeutig progressiven menschlichen Strukturen. Die klinische Erfahrung zeigte, dass die Masse sowohl reaktionär als auch progressiv ist. Das mache die Notwendigkeit von noch radikaleren sozialen Maßnahmen deutlich, entferne den Sexualökonomen aber auch immer mehr von den praktischen Möglichkeiten des Alltags. Die biologische Steifheit der Massen machte eine Massenorganisation, die gegen die Parteien gerichtet ist, unmöglich. So trat damals die Alltagspolitik mehr und mehr in den Hintergrund, ob die sexualökonomische Gruppe das wollte oder nicht.

Fußnoten

(3) Führer im engl. Original

Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 4)

7. Juli 2021

von Robert Hase

In dem Artikel befasst sich Reich auch ausführlich mit seinem politischen Werdegang. So sei er bis zum Ende des Ersten Weltkriegs ein naives Mitglied der großen menschlichen Herde, also „unpolitisch“ gewesen. Voller Ansichten, von denen keine fünf Jahre überlebte, niedergedrückt vom Ringen um den Lebensunterhalt usw. Deswegen kenne er den kleinen, unpolitischen Menschen sehr gut aus seiner eigenen Erfahrung. Ihm stand damals auch die Wissenschaft fern, denn im Unterricht der Oberschule des alten Deutschlands und Österreichs hatte es keinen wissenschaftlichen Ansporn gegeben. Dann, zwischen 1917 und 1927, wurde ihm das Wesen der Wissenschaft bewusst. Als 1927 in Österreich politische Unruhen begannen, trat zum wissenschaftlichen das gesellschaftliche Interesse hinzu. Plötzlich sah er den gigantischen Widerspruch von wissenschaftlichem Leben und politischem Alltag. Es schien keine Verbindung zwischen den beiden Bereichen zu geben, mehr noch, sie schienen sich zu widersprechen. Marx‘ Angebot bestand darin, gleichzeitig soziologische Wissenschaft und soziale Orientierung zu bieten. Der Marxismus sei die einzige soziologische Herangehensweise in Europa gewesen, die nach vorne wies (5). Darauf folgte die soziologische Kritik an der Ausrichtung und Schwerpunktlegung seiner wissenschaftlichen psychiatrischen Arbeit. Eine Kritik, die nach Reichs Meinung zum Zeitpunkt der Niederschrift (1944) noch immer richtig sei. Tatsächlich erwies sich diese Kritik im Jahrzehnt nach 1927 sowohl für die Forschung als auch für die gesellschaftliche Aktivität als sehr fruchtbar. Dabei blieb jedoch der Konflikt „Wissenschaft oder Politik“ unlösbar. Man konnte nicht gleichzeitig Forscher und Parteipolitiker sein. So blieb er zwar medizinischer Forscher, jedoch wurde jeder wissenschaftliche Sachverhalt nunmehr auf zwei Grundfragen hin untersucht:

„1. Wie ist die Haltung der herrschenden öffentlichen Meinung zu dieser Tatsache?

2. Was sind die praktischen sozialen Konsequenzen dieser Tatsache?“

Die soziale Sexualökonomie sei demgemäß aus der klinischen Sexualökonomie hervorgegangen. Die praktischen Konsequenzen wären meist unmittelbar einleuchtend, wie die gesellschaftliche Bejahung der natürlichen kindlichen und jugendlichen Sexualität oder die Verantwortung des Arbeiters für den gesellschaftlichen Produktionsprozess. Themen, die nunmehr, 18 Jahre später, im Mittelpunkt des aktiven Kampfes stünden. Im Jahr 1930 stellte sich aber die Frage, wer diese praktischen Konsequenzen ziehen sollte? Die naheliegende Antwort lautete: die politischen Parteien, die unter anderem rationale sexualpolitische Ziele in ihre Programme aufgenommen hatten. Das waren damals die kommunistischen, sozialistischen und liberalen Organisationen. So begann Reich, im Rahmen dieser drei Organisationen zu arbeiten.

„Später fand ich heraus, dass ich mich gewaltig verrechnet hatte. Dass ich so lange brauchte, um es zu korrigieren, lag an der falschen Orientierung der Freiheitsorganisationen in Fragen der Massenpsychologie.“

Die Fehlkalkulation sei folgende gewesen: „Hier ist die politische Reaktion, die die Massen unterdrückt und ausbeutet. Dort sind die Massen, die unterdrückt sind und sich nach Freiheit sehnen.“ Alles, was man demzufolge hätte tun müssen, wäre diese Massen zu organisieren und zu führen, damit sie die sozialen Fesseln der politischen Reaktion abwürfen und die Freiheit in der Welt brächten. Dementsprechend habe er die österreichische und später die deutsche Sexpol organisiert. Die Aufgabe der Sexualpolitik war es damals gewesen, die Massen mit rationalem biosexuellem Wissen zu versorgen, so wie die wirtschaftlich orientierten Parteien sie mit ökonomischem Wissen versorgten bzw. zu versorgen versuchten.

Reich gibt zu bedenken, dass damals der Faschismus noch nicht an der Macht war. Es gab noch keine biophysikalische Theorie der menschlichen Tiefenstruktur jenseits der Unterscheidung zwischen „primären“ und „sekundären“ Trieben. Man ahnte noch nichts von der charakterologischen Verankerung der gesellschaftlichen Unterdrückung im Volk selbst. Es wurde geglaubt, dass die gesellschaftliche Bejahung des Geschlechtslebens genüge, um die sexuellen Neurosen zu meistern. Man war überzeugt, dass die Masse der Menschen einen brennenden Wunsch nach einem freien Leben hatte. Ihre strukturelle Angst vor der Freiheit und ihre Unfähigkeit zur Freiheit waren noch unbekannt.

Fußnoten

(5) Hier folgt eine Fußnote: „Bis 1939 kannte ich das Wesen der amerikanischen Revolution nur aus der Ferne. Ich kann hier nicht auf den großen Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Freiheitsbegriff eingehen.“

nachrichtenbrief 202

25. April 2021

nachrichtenbrief201

18. April 2021

EIN QUERSCHNITT DURCH DAS SCHAFFEN JEROME EDENs: Kosmischer Kampf – Planetare Angriffs- und Zermürbungsstrategien. Ein Überblick (Teil 8)

15. März 2021

EIN QUERSCHNITT DURCH DAS SCHAFFEN JEROME EDENs: Kosmischer Kampf – Planetare Angriffs- und Zermürbungsstrategien. Ein Überblick (Teil 8)

Arbeitsdemokratie, Emotionelle Pest und Sozialismus (Teil 29)

2. März 2021

Es gibt die unterschiedlichsten Formen von Sozialismus, doch alle lassen auf prinzipiell zwei widerstreitende Formen reduzieren: den auf Klassen und den auf „Rassen“ beruhenden Sozialismus. Der letztere feiert seit einiger Zeit eine ungeahnte Renaissance.

Im, wenn man so will, „Klassensozialismus“ genießt die historisch unterdrückte Klasse alle Rechte und Privilegien gegenüber der einstigen Unterdrückerklasse als Ausgleich für vergangenes Unrecht. In der „DDR“ wurden beispielsweise Arbeiterkinder bei der Studienvergabe bis an den Rand der Exklusivität bevorzugt, weil ja vorher kaum Arbeiterkinder studieren konnten. Das nennt sich dann „Gerechtigkeit“…

Im Nationalsozialismus war es ähnlich. Einem Sozialisten wie Ernst Röhm war es wichtig die Gerechtigkeit herzustellen, da zur „Systemzeit“ der Judenanteil bei Juristen, Ärzten, Journalisten, etc. weit überproportional war. Im Wahnsystem Hitlers regierten „die Juden“ sogar die ganze Welt. Der Deutsche war Opfer jahrhundertelanger Ausbeutung und Unterdrückung und mußte wieder in seine angestammten Rechte eingesetzt werden.

Und heute? Nachdem der Arbeiter die Linke verraten hatte und zum „alten weißen Mann“ mutierte, wurden meist „rassisch“ (oder auf andere Weise pseudobiologisch) definierte Gruppen zu den Entrechteten, die es zu bevorzugen galt: regeN, kroptophile transgenderlesbische Queers, Türken, etc.

Allen Formen des Sozialismus ist gemeinsam, daß die Rechte des Individuums geopfert werden. Beispielsweise können sich in den USA Juden, Inder, Chinesen, etc. anstrengen, wie sie wollen, dank der Affirmative Action haben sie, was etwa den Studienplatz an der Eliteuniversität betrifft, gegenüber dem mittelmäßigen regeN keinerlei Chance. Es geht einzig und allein um die Rasse. So ist sie, die moderne Linke…

Ein damit eng verzahntes Element ist die willkürliche Zerschneidung arbeitsdemokratischer Zusammenhänge. Das war das große Thema in der revidierten und stark erweiterten Neuauflage von Reichs Massenpsychologie des Faschismus, wo er aufgrund seiner verheerenden Erfahrungen in der linken Bewegung und angesichts des Leids, den der Nationalsozialismus über die Welt gebracht hatte, das „Klassenbewußtsein“ durch das „Fachbewußtsein“ ersetzen wollte und unterstrich, daß die Arbeitsdemokratie alle Grenzen zwischen den Ländern negiert, d.h. alle willkürlichen Grenzziehungen zwischen „Gruppen“.

Wilhelm Reich über den gegenwärtigen Loggdaun

7. Januar 2021

Wie konnte Corona zu einer sadomasochistischen Religion werden und die Massen dazu bringen, ihre Unterdrücker (etwa Södolf und das Ferkel) mehr zu lieben denn je? Der kleine Mann identifiziert sich mit diesen Horrorgestalten. Die freie Wirtschaft der kleinen Gewerbetreibenden, die Arbeitsdemokratie selbst, das Atmen selbst, „Liebe, Arbeit und Wissen“ verfolgt er mit einem untergründigen Haß – bis endlich die Gelegenheit auftritt, an dem er diesen Haß frei ausleben kann, dafür wird er Södolf und das Ferkel ewig lieben!

Es ist die „Massenpsychologie des Faschismus“. Wie Reich schrieb: „Der Gepanzerte mag in allen anderen Lebenslagen tolerant, ja liebreizend, freundlich und hilfsbereit sein. Er ist nur konsequent und rabiat, wenn er Lebendiges panzerfrei funktionieren sieht“ (Äther, Gott und Teufel, S. 70).

Sein destruktiver Haß richtet sich vor allem, es wäre nicht übertrieben zu sagen: einzig und allein, gegen alle echten und vollen Äußerungen des Lebendigen, gegen das Unwillkürliche, Hingegebene, Enthusiastische, Schwingende, Tolle und Törichte im Leben. Er richtet sich vor allem gegen das Unwillkürliche und Freie im körperlichen Bereiche. In seiner destruktiven Haltung gegen das Lebendige ist der gepanzerte Organismus ohne Rücksicht. Hier verlieren sich die Eigenschaften, die er sonst zum Ideal des menschlichen Verhaltens erhoben hat. Unter der Maske idealen oder hygienischen Verhaltens versteht es der gepanzerte Organismus, jede spontane Lebensregung in sich selbst und in anderen Organismen zu ertöten. (ebd., S. 68)

Er will mehr Unterdrückung, härter und konsequenter denn je! Seine Todesangst, die Angst vor dem Corona-Virus, ist in Wirklichkeit eine panische Angst vor dem Leben. Oder wie neulich jemand in einem Post auf Fähsbugg schrieb: „Nur weil jemand keine Angst vor Covid hat, leugnet er das Virus nicht automatisch. Er entscheidet sich nur für das Leben statt die Angst.“

„Du bettelst um Glück, aber Sicherheit ist dir wichtiger“ (Rede an den kleinen Mann, S. 35).

Arbeitsdemokratie, Emotionelle Pest und Sozialismus (Teil 15)

24. Dezember 2020

Die Sache mit dem Gehirn („liberal“) und dem Bauch („konservativ“) bringt mich schließlich zum leidigen Thema „Verschwörung“.

Um das ganze einordnen zu können muß man Reichs Entwicklung verfolgen. Anfangs war da das Konzept einer Kapitalistenklasse, die die Arbeiter ausbeutet und um dies effektiv zu tun mit Hilfe von Staat und Kirche deren Sexualität unterdrückt, um sie buchstäblich zu „Ochsen“ zu machen, die man, kastriert wie sie sind, leichter abrichten und unters Joch spannen kann. Eine Verschwörung „von oben nach unten“.

Sehr bald entwickelte Reich jedoch seine „Massenpsychologie des Faschismus“, derzufolge die ökonomische Unterdrückung die Menschen rebellisch macht, die dazu komplementär verlaufende sexuelle Unterdrückung sie jedoch ängstlich und folgsam macht, so daß sie die Rebellion aufgeben oder auf Scheinziele (beispielsweise „die Juden“) umlenken – und genau das ist Faschismus: das nach oben Buckeln und nach unten Treten. Die Massen unterdrücken sich selbst aus Angst vor der Freiheit (Orgasmusangst): sozusagen „von unten nach oben“.

Den ersten Ansatz konnten die Kommunisten noch eben gerade akzeptieren und wollten ihn für ihre Parteipropaganda nutzen (die Anfänge von Reichs „Sexpol“), doch die zweite Analyse trug Reich spätestens 1933 den maßlosen Haß der Kommunisten ein, der sich nochmals zuspitzte, als er Massenpsychologie des Faschismus 1946, ergänzt um eine Kritik am Stalinismus und die Präsentation des Konzepts „Arbeitsdemokratie“ (= der einzig wirkliche Antifaschismus: die Massen nehmen ihr Leben selbst in die Hand), in Amerika herausbrachte.

Daraufhin entwickelte Reich eine erneute „Verschwörungstheorie“: eine Klasse von Nichtsnutzen, die dem Arbeitsprozeß vollkommen entfremdet sind, versuchen „Liebe, Arbeit und Wissen“ zu zerstören, weil diese Funktionen ihre Charakterstruktur buchstäblich zu zerreißen droht: die organisierte Emotionelle Pest, die vor allem von Linksintellektuellen verkörpert wird.

Man muß stets mit beiden Faktoren rechnen: der Hilflosigkeit und dem latenten Faschismus der Massen einerseits und den Machtinteressen (letztendlich charakterlichen Zwängen) vermeintlicher „Eliten“ („die öffentlich-rechtlichen Medien haben einen Bildungsauftrag“).

Das Problem der Menschen die Emotionelle Pest „zu erfassen“

9. Dezember 2020


Psychoanalyse und Soziologie.

Das Problem der Menschen die Emotionelle Pest „zu erfassen“

Buchbesprechung: THE MASS PSYCHOLOGY OF FASCISM (Teil 3)

21. Oktober 2020

von Paul N. Mathews

 

Was den Schreibstil betrifft, so vergleichen Sie Carfagnos Schwerfälligkeit in der folgenden Passage (S. xif) mit Wolfes Sprachkompetenz:

Diese Schichten der Charakterstruktur sind, wie ich in meinem Buch Charakteranalyse dargelegt habe, autonom funktionierende Ablagerungen der sozialen Entwicklung.

Wolfe, S.vii:

Wie ich in meinem Buch Charakteranalyse gezeigt habe, sind diese Schichten autonom funktionierende Repräsentanzen der sozialen Entwicklung.

Daher scheint mir die Carfagno-Übersetzung in mehreren wichtigen Punkten hinter der Wolfe-Übersetzung zurückzubleiben: Es fehlt die Genauigkeit von Reichs persönlich übermittelten Absichten; es fehlt die Autorität von Wolfe selbst; und schließlich fehlen ihm die Geläufigkeit, Warmherzigkeit und Bodenständigkeit von Wolfes Übersetzungsstil. Dennoch ist es interessant zu wissen, was einige von Reichs Gedanken vor ihrer endgültigen Bearbeitung waren, aber nicht wegen der „Genauigkeit“. Bis die Wolfe-Version wieder zur Verfügung gestellt wird, muss diese Übersetzung die Lücke füllen.

Um die Thesen von Die Massenpsychologie des Faschismus zu begreifen, bedarf es letztlich eines funktionellen Verständnisses von Reichs Orgasmus- und Charaktertheorie. Mittlerweile läuft das auf ein Verständnis des gesetzmäßigen Funktionierens der kosmischen Orgonenergie im menschlichen Organismus hinaus. Im Wesentlichen ist es wie folgt: Der gepanzerte, orgastisch impotente Mensch ist in drei deutliche charakterologische Schichten strukturiert: Im Kern ist er natürlich, genital gesund, selbstregulierend, rational, verantwortungsbewusst und freundlich; fähig zu anhaltender und kreativer Arbeit und natürlicher Aggression (das Reich des echten Revolutionärs). Die Blockierung dieser Kernschicht im Säuglings- und Kindesalter schließt die Fähigkeit zur gesunden Entwicklung und die adäquate Entladung der Orgonenergie aus, was zu einer sekundären Schicht führt, die voller Brutalität, Sadismus, Perversion und durchgängiger Irrationalität ist, einschließlich Zügellosigkeit und destruktiver Rebellion (das Reich des Faschisten). Diese mittlere Schicht wird durch eine Fassade (die äußerliche oder oberflächliche Schicht) aus falscher Nettheit, Pseudo-Humanitarismus und fingierter Fairness verdeckt (das Reich des Liberalen). Da der Mensch so stark gepanzert ist, ist es die sekundäre Schicht, die überwiegt und die durch die oberflächliche Schicht in Schach gehalten oder durch sozialverträgliche Ersatzmechanismen zum Ausdruck gebracht werden muss. Die Fähigkeit zum genitalen Ausdruck ist begrenzt und, laut Reich, am häufigsten in der rationalen schöpferischen Arbeit und im künstlerischen Ausdruck vertreten. Im Einklang mit der Panzerung des Menschen stehen jene sozialen Institutionen und Ausdrucksformen, die sowohl seine Neurose verstärken als auch in Form einer organisierten politischen Irrationalität, deren Archetyp der Faschismus ist, auf die soziale Szene ausgreifen. Es handelt sich um patriarchalischen Autoritarismus (die zwanghafte Familie), religiösen, rassischen und politischen Mystizismus, dazu mechanistisches Denken und Verhalten sowie deren reaktive Mechanismen wie Zügellosigkeit, Pornographie und künstlicher „Revolution“.

Daher Reichs Auffassung vom Faschismus als einer Krankheit, die in der psychischen Struktur der Massen verankert ist und die die Klassengrenzen überschreitet. Sie basiert auf der orgastischen Impotenz des gepanzerten Menschen, der strukturell nicht zu einer echten Demokratie fähig ist. Als solche ruft sie eine autoritäre patriarchalische Gesellschaft und eine mechanisch-mystische Orientierung hervor. Der faschistische Staat repräsentiert den bewaffneten, organisierten Faschismus eines Durchschnittsmenschen, verfochten von den Massen. In dieser Hinsicht besteht der Unterschied zwischen einer gewöhnlichen Militärdiktatur und dem Faschismus laut Reich bei der ideologischen Anziehungskraft auf und der Unterstützung durch die Massen.

 

Anmerkungen des Übersetzers

f Massenpsychologie, ebenda, S. 11.

 

Literatur

1. Reich, W.: The Mass Psychology of Fascism. Translated by Theodore P. Wolfe, M.D. New York: Orgone Institute Press, 1946.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 5 (1971), Nr. 1, S. 107-112.
Übersetzt von Robert (Berlin)