Ist es ein Zufall, daß wir überwiegend an ein und demselben Ort schlafen und „miteinander schlafen“? Träumen und Orgasmus sind funktionell identisch, dazu paßt von der inneren Logik her auch der gleiche Ort.
Was ist der Mensch? Das was Reich im Anschluß an Friedrich Kraus‘ „Tiefenperson“ zunächst „vegetative Strömung“ bzw. später „orgonotische Strömung“ genannt hat und was er in den bioelektrischen Versuchen, den Bionexperimenten und nicht zuletzt in der charakteranalytischen Vegetotherapie (später psychiatrischen Orgontherapie) praktisch untersucht hat. Diese orgonotische Strömung spaltet sich auf in die „psychische“ Wahrnehmung und die „somatische“ orgonotische Erregung. Die letztere spaltet sich wiederum auf in die Funktionen „koexistierende Wirkung“ und „relative Bewegung“.
Die relative Bewegung kommt konkret in der Kreiselwelle und der orgonotischen Pulsation zum Ausdruck. Das Phänomen „Leben“ ist das Pulsieren der organismischen Orgonenergie innerhalb einer elastischen Membran. Der Drang nach der genitalen Überlagerung entspricht dem Drang der in der Membran gefangenen organismischen Orgonenergie hin zur freien atmosphärischen Orgonenergie. Dieser Drang findet im Orgasmus seine Erfüllung. Der Orgasmus ist einerseits nichts anderes als eine extrem beschleunigte, „zuckungsartige“ Pulsation (wie man es bei Einzellern während der Zellteilung beobachten kann) und andererseits das „Ausschwingen“ der Kreiselwelle durch das Genital hindurch. Beides kommt im Orgasmusreflex zum Ausdruck, durch den überschüssige Energie ausgestoßen wird, so daß sich der Organismus in einem expansiven Zustand erhalten kann „ohne Angst haben zu müssen zu platzen“. Ansonsten müßte er nämlich seine Energieproduktion drosseln.
Ähnlich ist es mit dem Schlaf im allgemeinen und dem Träumen im besonderen bestellt. Nur daß sich das nicht im Bereich der „relativen Bewegung“ abspielt, sondern in dem der „koexistierenden Wirkung“. Der Schlaf dient dazu, eine hohe energetische Ladung des Organismus aufrechtzuerhalten und das Träumen ist ein unverzichtbarer Bestandteil dieses Energiehaushalts. Auch hier greifen wir über unsere „Membran“ hinaus und durchschreiten in unserer Imagination weite Reisen durch Raum und Zeit vollkommen losgelöst von den Gesetzen der Materie und der gängigen Logik. Freud hat das 1900 in seinem Buch Traumdeutung eingehend beschrieben und damit die Psychoanalyse (wenn man so will „Psychologik“) begründet. Ein Fundament, auf dem Reich dann zwei Jahrzehnte später anfangen konnte das Gebäude der Charakteranalyse und der Sexualökonomie zu errichten.
Die koexistierende Wirkung äußert sich in Erstrahlung (der Traum ist buchstäblich ein Licht in der Dunkelheit des Schlafs) und Anziehung. Die letztere Funktion kommt in der „freien Assoziation“ zum Ausdruck, der nach Freud das Traumgeschehen bestimmt. Im Traum lösen wir durch „Probehandeln“ ungelöste Konflikte auf, lösen Spannungen, und versuchen dergestalt „über Nacht“ ein entspanntes Äquilibrium wiederherzustellen. Je neurotischer wir sind, desto aufwühlender und heftiger sind die Träume (meist verdrängen wir sie deshalb) und vor allem desto komplizierter und „geheimnisvoller“. Je gesünder wir durch eine psychiatrische Orgontherapie werden, desto einfacher und durchsichtiger (psychoanalytisch einfacher deutbar) werden die Träume – und entsprechend wird der Schlaf erfrischender.
Das alles kann man sich an jenem Medium am besten vergegenwärtigen, das dem Träumen derartig nahe kommt, daß indigene Völker anfangs keinen Unterschied erkennen können: dem Film. Es gibt Filme, die hinterlassen nur Chaos und ein schlechtes Gefühl, wenn sie uns nicht schlichtweg gleichgültig lassen, und es gibt Filme, die uns tief berühren und „erfüllt“ zurücklassen. Man denke auch an das griechische Drama (Stichwort „Katharsis“) und seine Entsprechungen in der indischen und chinesischen Kultur. Wir fühlen uns danach „rein“ und „befreit“ und können freier durchatmen – wie nach der genitalen Umarmung („nach dem Orgasmus“).
Grundlage dieser Entspannung ist ein Analogon zur genitalen Überlagerung: in der erlösenden Metapher finden zwei „sich an sich ausschließende Elemente“ zu einer sinnfälligen Einheit. Unser Leben wird „sinnvoll“, unser Ausblick optimistisch und expansiv. Das ist die Grundlage dessen, was wir „Kunst und Kultur“ nennen, deren Funktion es ist, bei den Menschen ein hohes orgonotisches Potential aufrechtzuerhalten. Was passiert, wenn dies wegbricht, kann man beim erschreckenden Zerfall indigener Kulturen nach dem Kontakt mit unserer „Zivilisation“ beobachten – sowie beim antiautoritären Zerfall eben dieser „Zivilisation“. Was bleibt, ist übelriechendes und wie Scheiße aussehendes Gesindel mit grünen Haaren und Grüner Gesinnung. (Es soll niemand behaupten, die Orgasmustheorie sei unpolitisch!)
Gibt es ein Leben nach dem Tod? Die Frage beantwortet sich von selbst. Es ist so, als wenn ich fragen würde: „Gibt es einen Gehweg, wenn der Gehweg zuende ist?“ (oder was auch immer!) Oder? Ich meine, ist das nicht ein quasi „atomistisches“ Weltbild? „Das Leben“, „der Tod“. Etwa so wie eine Lampe: an (Licht), aus (Dunkelheit). Ist die Wirklichkeit nicht, wenn man so will, „verschmiert“? Sozusagen „Dämmerung“ und Dinge, die nicht einfach definiert werden können. Was etwa ist ein „Gehweg“ genau? Abstrakt scheint das klar zu sein, aber wir alle kennen das, der Waldweg wird enger, die Konturen werden vage – und plötzlich steckst du im Gestrüpp fest. Genauso ist das auch mit unserem subjektiven Erleben: schlaf ich jetzt, träume ich, wache ich, ist das ein hypnagoger Zustand, bin ich intoxikiert, lebe ich noch?
Die Entdeckung des Orgons, dem die Entdeckung der Bione und der „Bioelektrizität“ vorangegangen ist, war die Beschäftigung mit derartigen „Schmierphänomenen“. Offenbar gibt es ein Energiefeld, eine „Aura“, die den Körper unabhängig von anatomischen Grenzen durchwirkt und durchströmt und die über die Körperoberfläche in den Raum hinausgreift. Offenbar haben wir mit den Bionen („Energiebläschen“) ein Übergangsphänomen zwischen nichtlebender und lebender Materie. Und offenbar ist das Orgon die „Substanz“ dieses „Bereichs“ zwischen Leben und Tod, Körper und freiem Raum.
Im Verlauf der Orgonforschung stellte Reich zweierlei über die Orgonenergie fest: sie ist kein formloses Etwas, sondern hat bestimmte Charakteristika, die sich vor allem in der „Bohnenform“ alles Lebendigen quer durch alle Organisationsstufen und Funktionsbereiche niederschlägt von der Niere bis zum Embryo, vom menschlichen Ohr bis zur Bewegung einer Gazelle, etc.pp. Das zweite ist, daß die Orgonenergie nicht nur quasi dergestalt einen „Körper“ hat (Stichworte Kreiselwelle und Orgonom), sondern auch eine „Seele“, ein „Innenleben“, will sagen, sie ist erregbar und ist die Grundlage aller Wahrnehmung (Stichworte ORANUR und CORE). Jeder kontaktvolle Cloudbuster-Operateur weiß, daß er es nicht nur mit einer „atmosphärischen Energie“ zu tun hat, sondern mit der LEBENSenergie, die sich auf besondere nicht-mechanische Weise bewegt, erregt werden kann, „wahrnimmt“, fühlt, „Emotionen“ hat und entsprechend reagiert.
Von daher glaube ich nicht, daß man sich das so einfach machen kann, nach dem Motto, wenn ich bin, ist der Tod nicht, und wenn der Tod ist, bin ich nicht. Zumal man die Orgonenergie nicht einfach auf Bewegung reduzieren kann. Neben der Pulsation und der Kreiselwelle („Leben ist Pulsation einer bohnenförmigen Membran“) gibt es auch das einheitliche Funktionieren (die ko-existierende Wirkung) unabhängig von jede Einheit zerstückelndem Raum und zerstückelnder Zeit. Ohne dieses „Sein“ reduzierst du den Körper, auch wenn du es „orgonomisch“ verbrämen magst, letztendlich doch auf „Gehirn an Milz!“, denn es muß Raum und Zeit überbrückt werden (Raum/Zeit = Bewegung).
Was das mit dem „Leben nach dem Leben“ zu tun hat, wird sofort evident, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß wir jeden Tag sterben! Wenn wir einschlafen, sind wir weg, gleichzeitig erleben wir in jeder Nacht, eine Welt, die vollkommen frei ist von den Gesetzen von Raum und Zeit. Im Traum wechseln wir nach Australien oder ins Mittelalter, als wären tausende Kilometer und Jahrhunderte ein nichts. Ein ganzes Planetensystem paßt in unseren Kopf und wir durchleben Jahrhunderte während der Wecker nur wenige Minuten weitergetickt ist.
Ich will damit nicht sagen, daß das Leben nach dem Tod weitergeht, sondern nur, daß nicht mal der Tod sicher ist… Persönlich habe ich den Verdacht, daß die ganze Scheiße auf die eine oder andere Weise weitergeht. Niemand kann sich davonstehlen!
Es ist wirklich frappant, daß sich Mechanisten und Mystiker auf ähnliche Weise davonstehlen. Man denke nur an Epikurs bereits angeschnittenes berühmtes Diktum:
Gewöhne dich daran zu glauben, daß der Tod keine Bedeutung für uns hat. Denn alles, was gut, und alles, was schlecht ist, ist Sache der Wahrnehmung. Der Verlust der Wahrnehmung aber ist der Tod. Daher macht die richtige Erkenntnis, daß der Tod keine Bedeutung für uns hat, die Vergänglichkeit des Lebens zu einer Quelle der Lust, indem sie uns keine unbegrenzte Zeit in Aussicht stellt, sondern das Verlangen nach Unsterblichkeit aufhebt. (…) Das schauerlichste aller Übel, der Tod, hat also keine Bedeutung für uns; denn solange wir da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, dann sind wir nicht da.
Naja… Die Hölle der Panzerung potenziert sich in der Hölle der entsprechenden Träume…
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Bernd A. Laskas LSR-Projekt (www.lsr-projekt.de) versucht dingfestzumachen, warum sowohl die Reaktionäre als auch, was noch wichtiger ist, die Progressiven drei Geistesgrößen zu „Parias des Denkens“ machten: LaMettrie, Max Stirner und Reich. Ihre Gegenspieler waren jeweils Diderot, Marx und Freud. Laska versucht, die Differentia specifica zu identifizieren. Diese drei Parias waren die einzigen, die konsequent gegen das Über-Ich (die verinnerlichten lebensfeindlichen gesellschaftlichen Normen) und für die Kinder der Zukunft eintraten. Das Antisoziale, das sowohl von der Reaktion als auch den vermeidlichen Progressiven mit moralischem Furor bekämpft wird, wird eben erst durch die „moralische Erziehung“ der Kinder hervorgerufen! Diese grundsätzliche Einigkeit von „L und S und R“, ist viel bedeutsamer als ihre Unterschiede. Das gleiche gilt für die Unterschiede etwa zwischen Marx und Freud. Das bedeutet auch, daß keiner der genannten den folgenden direkt beeinflußt haben, mal abgesehen von Reichs Lektüre von Stirners Der Einzige und sein Eigentum.
Reich „gehörte einfach nicht dazu“, weder zu den Psychoanalytikern noch zu den Marxisten, und der „Freudo-Marxismus“ verkörpert das genaue Gegenteil von Reichs Kernbotschaft. (Man betrachte nur den heutigen Triumphzug des „Kulturbolschewismus“!) Und tatsächlich wurde er nicht nur als Psychoanalytiker von Freud selbst abgelehnt, sondern auch als Marxist von allen Fraktionen des Marxismus: den Kommunisten, den Sozialdemokraten (siehe Bernfelds „Gegenartikel“: „Reich ist kein Marxist!“) und den Marxistischen Talmudisten, beispielsweise Erich Fromm: „Reich ist kein Marxist!“
Und was ist mit dem Orgon. Gibt es da nicht jede Menge naturphilosophische Vorgänger? Nun, die Entdeckung des Orgons ist etwas grundsätzlich anderes als die zahllosen Spekulationen über einen „Urgrund“ und ähnlichem! Viel wichtiger sind zwei andere Vordenker Reichs, die mit ihrer grundsätzlichen Herangehensweise die Entdeckung des Orgons vorbereiteten:
Reich waren seine beiden Vorstreiter LaMettrie und Stirner durch F.A. Langes Geschichte des Materialismus ein Begriff. Was lernte Reich von dem Neu-Kantianer Lange? Langes Buch ist eine Kritik des Materialismus, insbesondere von dessen mechanistischer Betrachtungsweise des biologischen und „geistigen“ Lebens. Lange kritisierte den atomistischen Ansatz: mit Teilchen im leeren Raum kann man Leben und insbesondere das „innere Erleben“ (Seele, Bewußtsein) nicht erklären. Es muß „etwas“ geben, das die Leere zwischen den Atomen aufhebt, ein Kontinuum herstellt. Wir können beispielsweise Legosteine so lange und kompliziert zusammenfügen, wie wir wollen, es wird nie ein lebendes, gar sich seiner selbst bewußtes Wesen dabei herauskommen.
Genau diesem „Bindeglied“ jenseits aller Mechanik ist Henri Bergson nachgegangen, der Reichs Denken entscheidend beeinflußt hat.
Reichs funktioneller Denkansatz wurde durch den „Dialektischen Materialismus“ vorbereitet. Dieser geht auf Hegels „idealistische Dialektik“ zurück. Hegel kannte auf eine sehr abstrakte Weise die gleichzeitige funktionelle Gegensätzlichkeit und Einheit. Im ersten Teil seiner Wissenschaft der Logik schrieb er: Der Anfang ist nicht reines Nichts, sondern ein Nichts, aus dem etwas hervorgehen soll. Das Sein ist also auch im Anfang. Der Anfang umfaßt sowohl Sein als auch Nichts: er ist die Einheit von Sein und Nichts. Die Gegensätze, Sein und Nichts, sind also am Anfang in unmittelbarer, undifferenzierter Einheit. Die Analyse des Anfangs macht also den Begriff der Einheit von Sein und Nicht-Sein, oder in reflektierter Form die Einheit des Verschiedenen und des Nicht-Unterschiedenen, oder die Identität von Identität und Nicht-Identität.
Hier Hegel im Wortlaut:
Der Anfang ist nicht das reine Nichts, sondern ein Nichts, von dem etwas ausgehen soll; das Sein ist also auch schon im Anfang enthalten. Der Anfang enthält also beides, Sein und Nichts; ist die Einheit von Sein und Nichts; – oder ist Nichtsein, das zugleich Sein, und Sein, das zugleich Nichtsein ist.
Ferner Sein und Nichts sind im Anfang als unterschieden vorhanden; denn er weist auf etwas Anderes hin; – er ist ein Nichtsein, das auf das Sein als auf ein Anderes bezogen ist; das Anfangende ist noch nicht; es geht erst dem Sein zu. Der Anfang enthält also das Sein als ein solches, das sich von dem Nichtsein entfernt oder es aufhebt, als ein ihm Entgegengesetztes.
Ferner aber ist das, was anfängt, schon, ebensosehr aber ist es auch noch nicht. Die Entgegengesetzten, Sein und Nichtsein sind also in ihm in unmittelbarer Vereinigung; oder er ist ihre ununterschiedene Einheit.
Die Analyse des Anfangs gäbe somit den Begriff der Einheit des Seins und des Nichtseins, – oder in reflektierter Form, der Einheit des Unterschieden- und des Nichtunterschiedenseins, – oder der Identität der Identität und Nichtidentität. Dieser Begriff könnte als die erste, reinste d.i. abstrakteste, Definition des Absoluten angesehen werden (…). (Wissenschaft der Logik, Zweite Auflage 1841, S. 63f, Werke in zwanzig Bänden, Bd. 5, Frankfurt: Suhrkamp 1969, S. 73f)
Der Kreis schließt sich, denn wir sind hier bei Stirners „Einzigem“, der seine Sache auf nichts, das Nichts (im Sinne Hegels) gestellt hat.
Gibt es ein Leben nach dem Tode? Zunächst einmal beantwortet sich diese Frage natürlich von selbst, denn wie sollte man den Tod anders als Nichtvorhandensein von Leben definieren?! Reich betrachtet das Phänomen „Leben“ als die Pulsation der materiefreien Orgonenergie in einer materiellen Membran. Man könnte auch auf die Kreiselwellen-Bewegung der Orgonenergie hinweisen, die für die typische „Bohnenform“ allen Lebendigen verantwortlich ist („das Orgonom“). In jedem Fall ist das Leben über Bewegung definiert.
Betrachten wir dazu nochmals die entsprechende orgonometrische Gleichung aus Teil 30:
Wir sehen, daß, erstens, das Leben eine tiefere Ebene haben muß, die „orgonotische Erregung“, und sich, zweitens, das Leben nicht in Bewegung erschöpft, sondern einen zweiten Aspekt hat: die koexistierende Wirkung, d.h. das einheitliche Funktionieren unabhängig von Bewegung und damit von Raum und Zeit. Tatsächlich leben wir (und alle anderen höheren Lebewesen) einen Gutteil des Tages in diesem „Bereich“, nämlich dann, wenn wir nach außen hin bewegungslos sind, d.h. im Schlaf.
Im Traum erfahren wir unmittelbar, was „koexistierende Wirkung“ ist, denn wir treten in eine Welt ein, in der es keinerlei Geräusche und Stimmen gibt, sondern sich die Menschen (die Figuren im Traum) telepathisch unterhalten, also der Raum nicht trennt, und alle Gesetze der Logik, d.h. das „folgerichtige“ Nebeneinander (Raum) und das „folgerichtige“ Nacheinander (Zeit) aufgehoben sind. Die Psychoanalyse und der Surrealismus haben sich eingängig mit dieser Sphäre auseinandergesetzt.
Wir wissen also aus alltäglicher Erfahrung, daß es in der „Bewegungslosigkeit“ des Schlafes, d.h. wenn wir sozusagen „halbtot“ sind und die Funktion „relative Bewegung“ weitgehend zum Erliegen kommt, die Funktion „koexistierende Wirkung“ nicht nur weitergeht, sondern sogar in den Vordergrund tritt.
Es wäre Unsinn auf Grundlage derartiger Überlegungen die Anfangsfrage doch noch bejahen zu wollen, aber wir haben zumindest einen Ansatz, der darauf deutet, daß die Frage nicht ganz so unsinnig ist, wie ich es zu Beginn angedeutet habe!
Reich geht davon aus. „daß die psychologischen Funktionen lediglich Funktionen des SELBSTWAHRNEHMUNG oder der Wahrnehmung, biophysikalischer Plasmafunktionen sind“ (Charakteranalyse). Ich zitiere aus dem leichter verständlichen amerikanischen Original: „that the psychological functions are merely functions of self-perception or the perception of objective, biophysical plasma functions“. Genau das habe ich oben etwas ausführlicher umschrieben.
Die Funktion der Selbstwahrnehmung hat er insbesondere anhand der Depersonalisation, wie sie in der Schizophrenie auftritt, untersucht (ebd.). Tatsächlich ist er überhaupt ursprünglich von der Selbstwahrnehmung ausgegangen: „ Meine funktionelle Methode hat ihre Wurzeln in früheren Studien zur Wahrnehmung, d.h. in einem Bewußtseinsphänomen“ (Wilhelm Reich: „Work Democracy in Action“ Annals of the Orgone Institute I, S. 31).
Insbesondere beschäftigte er sich mit Henri Bergson, der sich mit dem Phänomen Bewußtsein befaßte, wie sonst keiner, z.B. in seinem von Reich studierten Buch Versuch über die unmittelbaren Gegebenheiten des Bewußtseins (die deutsche Ausgabe hieß Zeit und Freiheit), wobei Bergson natürlich zutiefst mystisch war: „… das Bewußtsein ist nicht vom Körper abhängig. Dies zu behaupten wäre dasselbe, als wenn man aus der Tatsache, daß ein aufgehängtes Kleidungsstück nach Abnahme des Hakens herunterfällt, auf die Identität von Kleidung und Haken schließen wollte. Bewußtsein ist überall, wo Leben ist. Nur der Mensch aber hat Intuition, die Form, in der das Leben sich selbst erkennen, über sich selbst nachdenken kann“ (Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Stuttgart 1974, S. 397).
Reich hat diese Sonderstellung des Bewußtseins bei Bergson überwunden, indem er die Bergsonsche Trennung von Materie/Verstand und Leben/Intuition aufhob (siehe Äther, Gott und Teufel S. 103f). Wobei er natürlich ausdrücklich die Abwendung vom subjektiven Empfinden in der mechanistischen Naturwissenschaft angriff – mit einer gleichzeitigen Sperrspitze gegen Mystiker wie Bergson:
Das objektiv Erfaßte ist [in der mechanistischen Naturwissenschaft] zwar real vorhanden, aber unbelebt, tot. Wir haben im Interesse der wissenschaftlichen Objektivität das Lebendige zu töten gelernt, ehe wir darüber aussagen. Wir konstruieren daher notgedrungen ein mechanisches, maschinelles Bild vom Lebendigen, dem seine wesentlichste Eigenschaft, eben das spezifische Lebendigsein, fehlt. Das Lebendigsein aber mahnt zu sehr an die starken Organempfindungen unserer Kindheit. An diesen subjektiven Organempfindungen setzt jede Art von Mystizismus an, sei es nun die Yogaversenkung, sei es das faschistische „Blutwallen“, sei es das Reagieren eines spiritistischen Mediums oder das ekstatische Gotterlebnis eines Derwischs. Der Mystizismus behauptet die Existenz von Kräften und Vorgängen, die die Naturwissenschaft leugnet oder verachtet. Eine kurze scharfe Überlegung sagt uns: Der Mensch kann nichts, gar nichts phantasieren oder fühlen, das nicht in irgendeiner Form real und objektiv gegeben wäre. Denn die menschlichen Sinnesempfindungen sind nur Funktionen objektiven Naturgeschehens innerhalb des Organismus. (Der Krebs, Fischer TB, S. 116)
Das Seelische ist durch Qualität, das Körperliche durch Quantität bestimmt. In jenem gilt die Art einer Vorstellung, eines Begehrens, in diesem gilt nur das Ausmaß der funktionierenden Energie. Insofern waren also Körperliches und Seelisches verschieden. Doch die Vorgänge im Orgasmus zeigten, daß die Qualität einer seelischen Haltung von der Größe der ihr zugrundeliegenden körperlichen Erregung abhängt. Die Vorstellung von der Geschlechtslust im Akt ist im Zustand starker körperlicher Spannung intensiv, farbig, lebhaft. Nach der Befriedigung läßt sie sich nur schwer reproduzieren. Ich hatte das Bild einer Meereswelle vor mir, die hochsteigt und absinkt und dabei die Bewegung eines Holzstückchens an der Oberfläche beeinflußt. Es war nicht mehr als eine dunkle Andeutung, daß sich das Psychische aus dem tiefen biophysiologischen Prozeß je nach dessen Zustand heraushebt oder senkt. Entstehen und Vergehen des Bewußtseins beim Erwachen und Einschlafen schienen mir diesen Wellenprozeß ausdrücken zu wollen. Es war dunkel, nicht zu fassen. Klar war nur, daß die biologische Energie sowohl das Psychische als auch das Körperliche beherrscht. Es herrscht funktionelle Einheit. Es können also zwar biologische Gesetze im Psychischen, jedoch nicht psychische Eigentümlichkeiten im Biologischen gelten. Das zwang zu einer kritischen Überlegung der Freudschen Annahmen, die die Triebe betrafen. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 199)
Das Paradoxon der Orgontherapie besteht darin, daß alles darauf gerichtet ist, daß sich der Patient bewußter wird, wie er sich verhält; daß er sich bewußt ist, welche Stimme, welchen Gesichts- und Körperausdruck er hat. Langfristiges Ziel ist aber ganz im Gegenteil der temporäre Verlust des Bewußtseins im Orgasmus. Danach streben aber nun auch die Menschen, die meditieren, LSD nehmen oder sich religiöser Ekstase hingeben. Ein typischer Ersatzkontakt, eine neurotische Ersatzbefriedigung.
„Mit der Ewigkeit im Blick leben“, das ist die Grundlage alles religiösen Lebens. Alles ist auf das Jenseits und das Leben nach dem Tode ausgerichtet. Hat man erstmal eingesehen, daß dergestalt deren ganzes Leben und Trachten auf das Erreichen „orgastischer Erfüllung“ ausgerichtet ist, geht einem erst die ganze abgründige Tiefe der Reichschen Sexualökonomie auf.
Reichs Antwort am Ende seiner Rede an den kleinen Mann war:
Ich danke meinem Schicksal, daß es mir vergönnt war, mein Leben frei von Schmutz und Gier zu leben, das Wachsen mein Kinder, ihr erstes Lallen, Greifen, Gehen, Spielen, Fragen, Lachen und Lieben zu erleben; daß ich meinen Sinn für den Frühling und seinen milden Wind, für das Rauschen des Baches am Haus und das Singen der Vögel im Wald rein und frei bewahrte; daß ich mich fernhielt vom Geschwätz böser Nachbarn; daß ich in der Umarmung mit meinem Gatten glücklich war und den Strom des Lebendigen in meinem Körper spürte; daß ich in wirren Zeiten die Richtung meines Wesens nicht verlor, und daß mein Leben Sinn und Dauer hatte. Denn ich habe immer in mich hineingehorcht, und ich bin stets der leise mahnenden Stimme nachgegangen, die mir sagte: Es gibt nichts außer diesem: das Leben gut und glücklich zu leben! Folge deinem Herzen, auch wenn es vom Pfade ängstlicher Seelen wegführt. Verhärte nicht, auch wenn dich mal das Leben quält. Und wenn ich an stillen Abenden, nach getaner Arbeit, mit meinem Geliebten oder meinem Kinde auf der Wiese vor dem Hause sitze, das Atmen der Natur verspüre, dann steigt das Lied in mir auf, das ich so gerne höre, das Lied der Vielen, das Lied der Zukunft:
… Seid umschlungen, Millionen …! Dann flehe ich zu diesem Leben, daß es lerne, seine Rechte zu verwalten, die Harten und die Ängstlichen zu bekehren, die die Musik der Kanonen ertönen lassen. Sie tun es ja nur, weil ihnen das Leben entging. Und ich umarme meinen kleinen Sohn, der mich fragt: Vater! Die Sonne ist weggegangen! Wohin ist die Sonne gegangen? Wird sie bald wiederkehren? Und ich sage ihm: Ja, mein Söhnchen, die Sonne wird bald wiederkehren und uns gütig wärmen.
Die Werbung hat eine andere Antwort auf die Eingangsfrage. Und man sage mir nicht, daß das halt Werbung sei. Ich bin noch in einem Deutschland aufgewachsen, wo es Proteste gehagelt hätte, wenn derartige Un- und Antimoral verbreitet worden wäre, wie im aktuellen Werbespot von DocMorris:
„Was ist eigentlich das Wichtigste im Leben? Ich glaube leben, etwas erleben, sich ausleben und sich manchmal das Leben leichter machen.“ Also nicht etwa andere Menschen, Loyalität, deine Familie, deine Überzeugungen; alles Dinge, für die du durch die Hölle gehen würdest – nein, es geht nicht darum, etwas aus dir zu machen, indem du den schweren Weg gehst und stolz auf dich sein kannst; vielmehr: man lebt, um etwa zu erleben, d.h. zu konsumieren; um sich auszuleben, d.h. sein Leben wie ein Eis wegzuschlecken und den Rest wegzuwerfen. „Mach dir dein Leben leicht!“ Was bedeutet das? Verrat, Diebstahl, Ehrlosigkeit, die Sinne betäuben, lieb- und liebeloser „Spaß“, nichts an sich rankommen lassen, sich für nichts engagieren. Oder wie John Lennon in Imagine sang:
Stell dir vor, es gäbe keinen Himmel, es ist leicht, wenn du es versuchst. Keine Hölle unter uns, über uns nur der Luftraum.
Stell dir vor, alle Menschen leben nur für das Heute.
Stell dir vor, es gäbe keine Länder, das ist nicht schwer; nichts, wofür es lohnen würde zu töten oder zu sterben; und auch keine Religion.
Stell dir vor, alle Menschen, leben ihr Leben in Frieden.
Du wirst vielleicht sagen, ich sei ein Träumer, aber ich bin nicht der einzige. Ich hoffe, eines Tages schließt du dich uns an und die ganze Welt wird vereinigt sein.
Stell dir vor, es gäbe keinen Besitz. Ich frag mich, ob du das zuwege bringst. Kein Grund mehr da für Gier oder Hunger: brüderliche Menschen.
Stell dir vor, alle Menschen teilen sich diese Welt.
Du wirst vielleicht sagen, ich sei ein Träumer, aber ich bin nicht der einzige. Ich hoffe, eines Tages schließt du dich uns an und die ganze Welt wird vereinigt sein.
Und dann werde ich gefragt, warum dieser Planet ein Haufen Scheiße geworden ist! Wegen dieser Dreckskommunisten und wegen dieser Großkapitalisten, die uns belehren wollen. Muß ich The Great Reset erwähnen? „Du wirst nichts besitzen und du wirst dabei glücklich sein!“ Man muß die widerwärtigen kokainverseuchten Fuzzis aus der Werbebranche kennen und das kokainverseuchte Gesindel, das heute „Kultur“ macht. Was für eine verachtenswerte niedere Gesinnung spricht doch aus diesen Texten! Man nehme nur das zweite Lied, das ich mein Leben lang aus tiefster Seele gehaßt habe, als käme es direkt aus den Abgründen der Hölle, Breakfast in America von Supertramp:
Schau dir doch mal meine Freundin an, was Besseres habe ich nicht abgekriegt. Eine richtige Freundin ist sie ohnehin nicht. Ich habe eh nie viel abgekriegt.
Würde gerne mit einem Jumbo über den Ozean düsen, Amerika kennenlernen und mir die Mädchen in Kalifornien anschauen. Hoffentlich wird das was, aber was soll ich machen.
He, Mami, können wir Bücklinge zum Frühstück bekommen, so wie in Texas, wo bekanntlich jeder Millionär ist?
Ich bin ein Gewinner und ein Sünder. Wollt ihr ein Autogramm von mir? Bin ein Loser, was für ein Komiker. Ich mache meine Späße auf eure Kosten, es gibt auch sonst nichts Besseres zu tun.
Wollten diese blöden Wichser Reichs „kleinen Mann“ verkörpern? Und bitte nicht einwenden, daß das die Musik von Opas ist: die moderne Kacke ist das gleiche in Potenz!