Posts Tagged ‘Jugendliche’

Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 3)

5. Juli 2021

von Robert Hase

Reich gibt sodann Aufschluss darüber, wieso Tagespolitik, in die sich auch die besten und ehrlichsten Sozialisten und Liberalen verstrickt hatten, sinnlos ist. Nach der Erkenntnis der biosozialen Katastrophe des Menschentieres entfernte sich die Gruppe der Sexualökonomen im gleichem Maße von der Tagespolitik, wie die Forschungen in die Tiefe vordrangen. Sie verstanden den Widerstand der Politiker, die die Verantwortung trugen, die Größe des Problems, das die „Gesellschaft des irrational reagierenden Menschentieres“ darstellt, zur Kenntnis zu nehmen. Denn je mehr man darüber erfuhr, desto aussichtsloser erschien es, desto schrecklicher erschien die gesellschaftliche Illusion von der Möglichkeit des Fortschritts „ohne Beseitigung jener menschlichen Struktur, die sich nach einem Führer sehnt“. (3)

Je dringlicher die Tagespolitik nach praktischen Maßnahmen rief, desto schärfer trat der Befund der Naturwissenschaft hervor: Die soziale Misere hat ihre Wurzeln weit, weit tiefer unten, als die Politiker es zu erkennen wagten. Sie ist verankert in der gepanzerten Charakterstruktur der Menschenmassen. Diktatoren sind nicht wichtig. Wichtig sind nur die Menschenmassen. Sie allein tragen, so Reich, die Verantwortung. Sie allein können sich selbst bewältigen. Reich betrachtet den Menschen als das einzige Tier, das den Kontakt zum Leben verloren hat, das unbeweglich wurde und aus seiner biologischen Steifheit heraus das heutige Chaos geschaffen hat. Die Voraussetzung für jede echte Freiheitsbewegung sei, so Reich weiter, die Beseitigung der Bedingungen und Institutionen, die eine Charakterpanzerung schaffen.

Dies war eine erschütternde Erkenntnis, denn sie zeigte, wie sinnlos es wäre, nur gegen Diktatoren und die politische Maschinerie zu kämpfen! Das würde nichts ändern, denn die hilflosen, obrigkeitshörigen Massen würden sofort neue Diktatoren der einen oder anderen Art schaffen und sich ihnen unterwerfen. (Wie gesagt: nur die Menschen selbst können sich bewältigen! [PN]) „Der Faschismus verdankt seine Macht der sozialen Hilflosigkeit der Massen und der unbewussten Sympathie vieler demokratischer Politiker für den Faschismus (München, 1938; Stalin-Hitler-Pakt, 1939).“

Anschließend behandelt Reich den Unterschied zwischen praktischer Arbeit und Ideologie: Die Parole „Bejahung des jugendlichen Sexuallebens“ klinge einfach, selbstverständlich und „revolutionär“, sei aber nur ideologisch, weshalb, wie er später schrieb, die historische Sexpol auf jeden Fall scheitern mußte. In dem hier beschriebenen Text schlägt Reich stattdessen vor, man solle es doch einmal praktisch versuchen, die Hindernisse zu beseitigen, die einer Jugendgruppe auf dem Weg zu einem gesunden Sexualleben entgegen stehen. Dabei werde man unweigerlich scheitern, solange man nicht wisse, wo man den Feind zu suchen hat: im Parteisekretär, der um die „Reinheit“ der Parteiideologie besorgt ist, im Schuldirektor, der um seinen Job fürchtet, und im Jugendlichen selbst, der unter Orgasmusangst leidet, ganz zu schweigen von Ministern und Staatsanwälten gleich welcher Parteiideologie.

Reich stellt fest, dass der Faschismus wie Unkraut wucherte, und das nicht nur in den Kreisen der Kapitalisten, sondern auch in den Kreisen des „kleinen Mannes“. Dass die Kapitalisten den Faschismus für ihre Zwecke nutzten, als er einmal da war, und dass wiederum der kleine Mann den Kürzeren zog, sei eine andere Geschichte. Wenn der Faschismus endgültig besiegt werden solle, müsse man sich klar vor Augen halten, dass all die nationalistischen Diktaturen, die den Weltkrieg entfachten, ihre Kraft aus den unterdrückten Massen bezogen. Das hätte mit Ökonomie direkt nichts zu tun, sondern sei Ausdruck der Massenstruktur, ein biopsychologisches Problem, das psychohygienische Maßnahmen in gigantischem Ausmaß erfordere. Kein Soziologe oder Politiker des vergangenen Jahrhunderts hätte voraussehen können, dass die unterdrückten Massen selbst eines Tages den irrationalen politischen Veitstanz unterstützen würden.

„Das war 1939 klar und der Krieg hat diese Erkenntnisse bestätigt. Aber ich wagte es erst 1942 aufzuschreiben und es wurde erst 1943 veröffentlicht („Der biologische Rechenfehler im menschlichen Freiheitskampf“, lnternat. J. of Sex-economy and Orgone Research, 2, 1943, 97-121).“ (4)

Fußnoten

(3) Führer im engl. Original

(4) 1946 in der englischen Ausgabe integriert als 2. Unterkapitel von Kapitel X.

Siehe https://www.bibliotecapleyades.net/archivos_pdf/masspsychology_fascism.pdf

In der von Higgens-revidierten Ausgabe Kapitel XII. Siehe https://d-nb.info/1012166651/04

Der Aufstieg des Psychopathen (Teil 18)

23. Mai 2021

Barbara G. Koopman: Der Aufstieg des Psychopathen

Der Aufstieg des Psychopathen (Teil 1)

15. April 2021

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Paul Mathews: Über Jugendliche an öffentlichen weiterführenden Schulen (Teil 1)

14. Oktober 2020

 

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Der Zusammenbruch der Verantwortung in der antiautoritären Gesellschaft

21. Februar 2020


Die roten Garden.

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Die soziale Eindringfähigkeit der antiautoritären Transformation

28. Oktober 2019


Patriotismus und Orgonomie:

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David Holbrook, M.D.: FRAGE UND ANTWORT: SEX UND LIEBE

7. September 2019

 

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Frage und Antwort: Sex und Liebe

 

Frage und Antwort: Sex und Liebe

3. Juni 2019

 

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Der biologische Rechenfehler und die gegenwärtigen Probleme des Menschen

19. Mai 2019

 

Paul Mathews:
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Nachbemerkungen zu Dr. Koopmans Artikel (Teil 1)

9. April 2019

Barbara Koopmans in den vergangenen fast drei Wochen in neun Teilen hier erschienener Artikel ist nicht nur von historischem Interesse, sondern ist angesichts des neuerlichen Marihuana-Hypes, der alle Grenzen sprengt, aktueller denn je. Ich für meinen Teil kann in einem durch und durch gutbürgerlichen und geradezu „provinziellen“ Stadtteil am Rande Hamburgs buchstäblich nicht mehr die Wohnung verlassen, ohne Marihuana zu riechen. Praktisch in jedem Treppenhaus, das ich betrete. Beim Durchqueren des Kleingartenvereins. Auf dem Weg zum Supermarkt. Ich wette schon mit mir selbst, etwa wenn ich zur Post gehe, – und verliere fast immer. Ich denke, ich habe es geschafft, schon schlonst ein Jugendlicher an mir vorbei und mit ihm das Aroma von Shit. Man kann geradezu paranoid werden: alle scheinen bekifft zu sein. In Münster, d.h. in der Nähe der Niederlande, sind alle bekifft! Jedenfalls alle Jugendlichen.

Es macht nicht nur eine Orgontherapie unmöglich, wie Koopman als erste feststellte, sondern es verunmöglicht überhaupt jedweden tieferen menschlichen Kontakt. Ich jedenfalls stelle mit Erschrecken fest, daß ich Jugendliche nur noch als Gegenstände wahrnehme. SIE HABEN DIE EMOTIONALE PRÄSENZ EINES STRASSENBEGRENZUNGSPFOSTENS ODER EINER PARKBANK. Gleichzeitig tun diese Nichtentitäten so, als hätten sie den Durchblick. Man denke nur an die verpeilten und einfach nur peinlichen „Freitagsdemonstrationen“.

Nach neuerer orgonomischer Theorie verändert Marihuana die Wahrnehmung, indem Emotionen in Sensationen (Empfindungen) und Gedanken transformiert werden. „Unter dem Einfluß von Marihuana entwickelt man ‚bemerkenswerte‘ Sensationen und ‚erstaunliche‘ Gedanken – alles auf Kosten des emotionalen Kontakts“ (Crist: An Adolescent Comes Out of the Fog of Marijuana. The Journal of Orgonomy 50(1)).

Als Kind hatte ich die Neigung, wenn die Emotion, d.h. der zwischenmenschliche Kontakt zu stark wurde, aus der Situation sozusagen herauszutreten, indem ich ganz gefühlsneutral etwa Tapetenmuster bewunderte und die Situation im Kopf „analysierte“ – und fühlte mich ob meiner Beobachtungsgabe, „Mustererkennung“ und weltbewegenden Einsichten plötzlich überlegen. Nur gut, daß ich mein Leben lang „krankhaft“ straight war, denn Drogen, insbesondere aber Marihuana, verunmöglichen die Selbsteinsicht. Das ist auch einer der Gründe, warum es die Therapie verunmöglicht. Oder mit anderen Worten: es verdammt den Kleinen Mann in alle Ewigkeit ein Kleiner Mann zu bleiben!

Wenn man sich „Emotion → Sensation“ plastisch vergegenwärtigen will: es ist der gesamte Inhalt der modernen „Kunst“. „Texturen“ auf der Leinwand, „Konzeptkunst“, Joseph Beuys, etc. Cannabis verstärkt diese für die Zeitepoche typische Flucht ins Zerebrale auf „pharmazeutische“ Weise.