Posts Tagged ‘Jugendliche’

Nachbemerkungen zu Dr. Koopmans Artikel (Teil 1)

9. April 2019

Barbara Koopmans in den vergangenen fast drei Wochen in neun Teilen hier erschienener Artikel ist nicht nur von historischem Interesse, sondern ist angesichts des neuerlichen Marihuana-Hypes, der alle Grenzen sprengt, aktueller denn je. Ich für meinen Teil kann in einem durch und durch gutbürgerlichen und geradezu „provinziellen“ Stadtteil am Rande Hamburgs buchstäblich nicht mehr die Wohnung verlassen, ohne Marihuana zu riechen. Praktisch in jedem Treppenhaus, das ich betrete. Beim Durchqueren des Kleingartenvereins. Auf dem Weg zum Supermarkt. Ich wette schon mit mir selbst, etwa wenn ich zur Post gehe, – und verliere fast immer. Ich denke, ich habe es geschafft, schon schlonst ein Jugendlicher an mir vorbei und mit ihm das Aroma von Shit. Man kann geradezu paranoid werden: alle scheinen bekifft zu sein. In Münster, d.h. in der Nähe der Niederlande, sind alle bekifft! Jedenfalls alle Jugendlichen.

Es macht nicht nur eine Orgontherapie unmöglich, wie Koopman als erste feststellte, sondern es verunmöglicht überhaupt jedweden tieferen menschlichen Kontakt. Ich jedenfalls stelle mit Erschrecken fest, daß ich Jugendliche nur noch als Gegenstände wahrnehme. SIE HABEN DIE EMOTIONALE PRÄSENZ EINES STRASSENBEGRENZUNGSPFOSTENS ODER EINER PARKBANK. Gleichzeitig tun diese Nichtentitäten so, als hätten sie den Durchblick. Man denke nur an die verpeilten und einfach nur peinlichen „Freitagsdemonstrationen“.

Nach neuerer orgonomischer Theorie verändert Marihuana die Wahrnehmung, indem Emotionen in Sensationen (Empfindungen) und Gedanken transformiert werden. „Unter dem Einfluß von Marihuana entwickelt man ‚bemerkenswerte‘ Sensationen und ‚erstaunliche‘ Gedanken – alles auf Kosten des emotionalen Kontakts“ (Crist: An Adolescent Comes Out of the Fog of Marijuana. The Journal of Orgonomy 50(1)).

Als Kind hatte ich die Neigung, wenn die Emotion, d.h. der zwischenmenschliche Kontakt zu stark wurde, aus der Situation sozusagen herauszutreten, indem ich ganz gefühlsneutral etwa Tapetenmuster bewunderte und die Situation im Kopf „analysierte“ – und fühlte mich ob meiner Beobachtungsgabe, „Mustererkennung“ und weltbewegenden Einsichten plötzlich überlegen. Nur gut, daß ich mein Leben lang „krankhaft“ straight war, denn Drogen, insbesondere aber Marihuana, verunmöglichen die Selbsteinsicht. Das ist auch einer der Gründe, warum es die Therapie verunmöglicht. Oder mit anderen Worten: es verdammt den Kleinen Mann in alle Ewigkeit ein Kleiner Mann zu bleiben!

Wenn man sich „Emotion → Sensation“ plastisch vergegenwärtigen will: es ist der gesamte Inhalt der modernen „Kunst“. „Texturen“ auf der Leinwand, „Konzeptkunst“, Joseph Beuys, etc. Cannabis verstärkt diese für die Zeitepoche typische Flucht ins Zerebrale auf „pharmazeutische“ Weise.

Ein dritter Blick auf Reichs Triebtheorie (Teil 3)

20. Februar 2019

Es gibt (…) zweierlei „Moral“, aber nur eine Art moralischer Regulierung. Diejenige „Moral“, die alle Menschen mit Selbstverständlichkeit bejahen (nicht vergewaltigen, nicht morden usw.), ist nur aufgrund vollster Befriedigung der natürlichen Bedürfnisse herzustellen. Doch die andere „Moral“, die wir verneinen (Askese für Kinder und Jugendliche, absolute ewige Treue, Zwangsehe, usw.), ist selbst krankhaft und erzeugt das Chaos, zu dessen Bewältigung sie sich berufen glaubt. Ihr gilt unser unerbittlicher Kampf. (Wilhelm Reich: Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 50)

Reich führt aus, daß durch die Stärkung der letzteren „Moral“ Perversionen und Brutalität nur zunehmen. Versucht man aber die Moral einfach in einem rebellischen Akt wegzufegen, wird durch das entstehende Chaos zwangsläufig eine noch stärkere und strengere Moral letztendliches Resultat sein. So gesehen sind Gott und Teufel nur zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Ein dritter Blick auf Reichs Triebtheorie (Teil 2)

19. Februar 2019

Zurückhaltung, also das Zurückhalten von Impulsen, wird gemeinhin mit Moral und Zivilisiertheit gleichgesetzt. Ursprünglich dient Zurückhaltung jedoch der Herstellung einer höheren Ladung und stärkeren Spannung, deren Entladung mit einer dem höheren Gefälle entsprechenden größeren Befriedigung einhergeht. Die natürliche Moral beruht auf dieser funktionellen Identität von Zurückhaltung und Lust. An ihre Stelle tritt die Zwangsmoral, wenn der Mensch aufgrund orgastischer Impotenz zwischen Triebhemmung und Triebhaftigkeit hin und her schwankt.

Dem gepanzerten Menschen ist es fremd, daß Kinder von sich aus auf die unmittelbare Befriedigung ihrer Impulse („Spaß“) verzichten, um Grammatik, Mathematik, Chemie, etc. zu lernen. Durch den temporären Verzicht erhöht sich die Spannung und damit der Lustgewinn. Kinder und Jugendliche sind zu den unglaublichsten „Kulturleistungen“ fähig, wenn es um etwas geht, was sie wirklich wollen. Hier in der Nähe gibt es beispielsweise einen schwer zugänglichen seit Jahrzenten verwilderten Schuttberg, der von Jugendlichen in einer kaum glaublichen bautechnischen Leistung mit mehreren sehr anspruchsvollen „Parcour-Trails“ (?) für Mountainbikes mit diversen Sprungschanzen ausgestattet wurde. Ich könnte das beim besten Willen nicht nachbauen!

Blogeinträge Juli/August 2015

15. Dezember 2018

Charles Konia über den roten Faschismus:

Juli/August 2015

  • Griechenlands Finanzkrise
  • Die Rolle der Musikindustrie bei der anti-autoritären Transformation
  • Das Identifizieren von moslemischen Terroristen durch Erstellen eines Charakterprofils
  • Umweltschutz: Die mystische Übereinkunft zwischen der Linken und der Rechten
  • Die Umkehr der Geschlechtsrollen in der anti-autoritären Gesellschaft
  • Was ist die anti-autoritäre Gesellschaft?

Der biologische Rechenfehler und die gegenwärtigen Probleme des Menschen (Teil 6)

29. Juni 2018

 

Paul Mathews: Der biologische Rechenfehler und die gegenwärtigen Probleme des Menschen

Orgonomie? Kein Interesse!

23. Mai 2018

Leute interessieren sich für die Orgonomie nur, wenn sie sich für sich selbst interessieren. Aber heute bringt niemand mehr Interesse für sich selbst auf! Alles geht in der sozialen Fassade auf, d.h. der Anpassung an die Umgebung. Man hat seinen „eigenen“ Style, seine „eigene“ Meinung, seinen „eigenen“ Geschmack, d.h. man geht im Kollektiv auf. Man schaue sich doch heutige Jugendliche an: es gibt sie gar nicht mehr als Individuen, es sind bloße Abziehbilder, hohl und ohne Fatum, Tiefe, Gravitas. Die gesamte Existenz einer derartig „vergesellschafteten“ Kreatur erschöpft sich im menschlichen Bereich.

Wenn es in die Tiefe geht, dann geht es allenfalls um die mittlere Schicht, d.h. die verinnerlichten gesellschaftlichen Verbote bzw. die sinnlose Rebellion gegen sie. Das Kind identifizierte sich mit der lustfeindlichen Umwelt, um nicht vernichtet zu werden. So entstand „sein“ Charakter, der nichts weiter ist als das Fremde in ihm. Dergestalt ist er sein eigener schlimmster Feind! Entsprechend ist sein „Egoismus“, seine „Selbstsucht“ nichts als eine Illusion, denn mit seinem wirklichen Selbst hat dieser Wahn nichts, aber auch rein gar nichts gemein. Er dient nicht sich selbst, sondern „Dämonen“, die ihn besetzen und besitzen. Entsprechend ist auch seine gesamte „Spiritualität“ null und nichtig.

Seinen bioenergetischern Kern, d.h. er selbst, die Orgonenergie: für den bzw. die bringt er keinen Funken Interesse auf. Und wer sich nicht für sich selbst interessiert, sondern, um mit Max Stirner zu reden, für „den Menschen“ oder irgendein anderes Hirngespinst, der interessiert sich auch nicht für die Orgonomie. Das rabbinische Judentum und der an seine Stelle tretende Humanismus, der das intellektuelle Leben in den USA dominiert, ist, um mit Reich zu reden, „ausschließlich auf den ‚menschlichen‘ Bereich beschränkt. Es ist diese Beschränkung auf rein menschliche Angelegenheiten, eine Folge der Panzerung, die dafür verantwortlich ist, daß der Mensch keinen Kontakt mit dem Universum bekam“ (Reichs Speaks of Freud). Allein schon von daher, kann die Orgonomie keinen Blumentopf gewinnen.

KINDER DER ZUKUNFT: Gesundheit und sexuelle Lebensfreude (Teil 2)

14. März 2018

Der Überschrift des Abschnitts „Die sexuelle Reifung“ hat in Kinder der Zukunft die gleiche Größe der Überschrift wie alle anderen auch, während in Children of the Future die ursprünglich Aufteilung in Kapitel und Unterabschnitte der Kapitel immer noch durch unterschiedliche Größe der Überschriften deutlich wird.

Sowohl im Original als auch in Kinder der Zukunft findet sich in diesem Abschnitt der Satz: „Hoden und Eierstöcke sind zwar die wichtigsten Quellgebiete der sexuellen Erregung, aber nicht die einzigen“ (S. 153). Ziemlich verwirrend, denn das ist eindeutig keine Rückübersetzung! In Children of the Future wurden aus den „Quellgebieten“ nämlich einfach „organs“. Im Manuskript schreiben die amerikanischen Herausgeber Raphael und Higgins den Übersetzern diese Änderung ausdrücklich vor. Wer gibt ihnen das Recht in Reichs Text Wörter auszutauschen? (Wobei vollständig egal ist, ob diese Veränderungen Reichs Text verbessern oder nicht!)

Wer hat das Ende von „Die sexuelle Reifung“ gestrichen, wo Reich ausführt, daß in der westlichen Kultur die seelische Reife bei Jugendlichen nicht mit der körperlichen Schritt hält, „da die moralische Sexualunterdrückung gewöhnlich ein Zurückbleiben der seelischen Reife bedingt“. Warum hätte Reich das streichen sollen? Oder folgendes:

Dem Jugendlichen stehen Geschlechtsverkehr, Onanie der Enthaltsamkeit zur Wahl. Das aber, so Reich, differenziert nach der gesellschaftlichen Schicht:

Die Frage steht anders für den großbürgerlichen Jugendlichen, das Kind des Bankiers und Fabrikanten, anders für den kleinbürgerlichen, den Sohn und die Tochter des Kaufmannes oder Beamten, und anders für den proletarischen Jugendlichen, dessen Eltern in der Fabrik arbeitetet. Dieser Unterschied kommt schon bei der körperlichen Reife zum Ausdruck; denn körperliche Unterernährung behindert die körperliche Reifung, so daß man so oft vierzehn-, fünfzehn-, sechzehnjährige Proletarier, Jungens und Mädels, sieht, die körperlich wie Zehnjährige und im übrigen durch Not, Entbehrung und andere miserable Lebensverhältnisse wie Greise ausschauen, dagegen bei bürgerlichen Jugendlichen oft gut genährte, körperlich über das Alter hinaus Gereifte mit kindlich zurückgebliebenem seelischem Apparat. Proletarische Jugendliche kommen oft infolge der Wohnverhältnisse früher zum Geschlechtsverkehr, als ihrem Reifezustand entspricht. Unter sexueller „Frühreife“ darf man aber nicht verstehen, daß der Heranreifende sich überhaupt sexuell betätigt, sondern nur in welcher Form er es tut, ob seinem Alter entsprechend oder nicht.

Ist doch kein unwichtiger Absatz. Er und die soeben paraphrasierte Passage sind auch die einzigen im Abschnitt, die spezifisch „Sexpol“ sind. Wurde dieser Absatz wirklich von Reich selbst gestrichen oder selbstherrlich von den Herausgebern, die den Text den Gegebenheiten in den heutigen USA anpassen wollten? Es ist, als wollten sie den Text dezidiert nicht als historisches Dokument abdrucken, sondern als Teil eines vermeintlichen „Buches“, das sich an das Amerika von 1983 richtet. Tut mir leid, aber Reichs Text ist nicht eure Verfügungsmasse. Schreibt selbst Texte, anstatt Reich als Vehikel eurer Gedanken zu benutzen!

Reich war selbst in der Lage, wirkliche Klöpse selbst zu streichen. Etwa folgenden Absatz:

Im Kapitalismus gibt es in dieser Hinsicht für die Massen keine Hilfe. Aber es steht außer Frage, daß Klassenbewußtheit und verantwortungsvolle und wichtige politische Arbeit auch die Einstellung zur Sexualität verändern; daß sie aus solchen Schwierigkeiten oft heraushelfen, von einer sonst nicht zu beseitigenden Überspannung der sexuellen Bedürfnisse befreien, indem sie sexuelle Energie verbrauchen und dadurch gleichzeitig zu einem befriedigenden Sexualleben verhelfen.

Die Passage ist weder ausgestrichen, noch eingekreist oder überklebt, sondern Reich hat sie mit der Schere rausgeschnitten und das Manuskript neu zusammengeklebt. Von daher kann ich nur schwer glauben, daß die Schmierereien im Manuskript von Reich selbst stammen.

Sehr merkwürdig ist das Ende des Abschnitts „Die Störungen beim Geschlechtsverkehr“. 1932 hatte Reich dort geschrieben: „So wie es in der mutterrechtlich-urkommunistischen Gesellschaft keine sexuelle und materielle Unterdrückung der Frau und daher keine Sexualstörungen gibt, so…“ Daraus wurde in seinen Korrekturen: „So wie es in der Natur keine sexuelle Unterdrückung des weiblichen Tieres und daher keine Sexualstörungen…“ Das wurde offenbar von den Herausgebern gestrichen – und auch die ganze darauffolgende Seite. Gestrichen wurde auch der Abschluß des Abschnitts, den Reich vollkommen neu auf Schreibmaschine geschrieben und ins Manuskript hineingeklebt hatte. Die kämpfenden Mädel und Frauen würden den Sieg „gegen Kraftlosigkeit, Muckertum und Heuchelei herbeiführen und die Grundlagen eines natürlichen menschenwürdigen Lebens begründen“.

Was einen wirklich wütend machen kann, ist folgender Anachronismus: Im Text ist von der materiellen Not der (proletarischen) Jugend die Rede, insbesondere die Wohnungsfrage, die es zu lösen gelte, so „daß diese nicht mehr in Haustoren und hinter Zäunen ein Zerrbild von Geschlechtsleben führen“ müssen. Raphael und Higgins machten bei ihrer Fälschungsaktion daraus „Hauseingänge oder Autos“ (Kinder der Zukunft, S. 193). Zu Reichs Zeiten hatten Jugendliche in den USA noch keine Autos, geschweige denn Proletarierkinder in Europa! Übrigens sieht man auf dem Originalumschlag von Der sexuelle Kampf der Jugend ein solches „Haustor“, wie es für die Arbeiterviertel in Wien und Berlin typisch war!

KINDER DER ZUKUNFT: Gesundheit und sexuelle Lebensfreude (Teil 1)

11. März 2018

So war das „Kapitel“ mit dem Titel „Die sexuellen Rechte der Jugend“ ursprünglich überschrieben. Im Original fängt diese Schrift mit – „Diese Schrift…“ an, im fiktiven „Reich-Buch“ Children of the Future mit „Die folgenden Seiten…“. So wird aus einer losen Sammlung von Aufsätzen ein „Buch“ herbeimanipuliert!

Wir wissen, wann Reich das Manuskript von 1932 (das  er wahrscheinlich 1930 geschrieben hatte) umgestaltete. Reich:

Ich hatte schon bei der Neubearbeitung meines Jugendbuches [gemeint ist Der sexuelle Kamp der Jugend] 1938 festgestellt, daß jedes sexualökonomische Wort seine Bedeutung nach 8 Jahren beibehalten, daß aber jedes Parteischlagwort, das ich in das Buch hineingenommen hatte, sinnlos geworden war. (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 20)

Wenn ich das aus dem Manuskript richtig entschlüsseln kann, arbeitete 1938 mit einer Schere, mit der er manche Passagen ganz entfernte und manche mit maschinengeschriebenen neuem Material ersetzte, indem er Zettel in das Manuskript hineinklebte. Möglicherweise nahm er dann 1942, als er das Vorwort zur geplanten amerikanischen Neuauflage von Die Massenpsychologie des Faschismus schrieb und aus diesem Anlaß erneut das Manuskript zur Hand nahm, Streichungen im Manuskript vor, um nicht nur „Parteischlagworte“ der KP, sondern generell sozialistische Elemente („kapitalistisch“, „proletarisch“, „bürgerlich“) zu streichen. Andererseits kann ich nicht recht nachvollziehen, warum er  gleich am Anfang folgendes durchgestrichen haben soll: „Wir ziehen Folgerungen, denen man sonst beharrlich ausweicht. Der Jugendliche, der dieses Buch zur Hand nimmt, will wissen…“

Ziemlich sicher bin ich, daß eine dritte Bearbeitungsebene von den amerikanischen Herausgebern der 1983 erschienenen Children of the Future stammt, Chester M. Raphael und Mary Boyd Higgins. Es wurden im Manuskript Passagen mit einem Stift eingekreist und mit einem „Häkchen“ oder einem „Kringel“ versehen, die letzteren Passagen wurden dann in Children of the Future nicht veröffentlicht. Auch werden beispielsweise eingekreiste Passagen im Text an eine andere Stelle verschoben.

Die meisten „Kringel“ lassen sich durchaus rechtfertigen, denn dort geht es meist um Kapitalismuskritik und Zeitgebundenes, während andere „Kringel“ nicht nachvollziehbar sind. Aber ohnehin: Wie kann man auch nur ein einziges Komma bei Reich wegzensieren?! Manchmal wurden auch größere  Passagen mit einem großen „X“ gestrichen, darunter auch spätere maschinenschriftliche Zusätze Reichs. War das Reich selbst, der vielleicht 1942 diese Streichungen vornahm, oder waren es gar die Herausgeber? Wohl eher die letzteren, wie wir gleich sehen werden!

Nehmen wir das erste Beispiel: Warum wurden folgende Sätze aus dem Jahre 1932, von wem auch immer, aus der „Vorbemerkung“ gestrichen?

Und die Behörden geben vor, die Jugend vor sexueller Verderbnis zu schützen, indem sie nach wie vor die sexuelle Unwissenheit der Jugendlichen unter 18 Jahren mit allen Mitteln verteidigen. Und in Wirklichkeit?

Ein paar Absätze später heißt es im Originalmanuskript:

Die zentrale Frage der Jugend ist die des Geschlechtsverkehrs im jugendlichen Alter und der Stellung des Staates und seiner Behörden dazu.

Im Manuskript wurde das Wort „Staates“ eingekringelt. In Children of the Future wurde dieser Begriff dann durch „society“ ersetzt, was den Satz natürlich absurd macht. Das Resultat, wie es in der deutschen Übersetzung korrekt widergegeben wird: „Die zentrale Frage dreht sich um den Geschlechtsverkehr unter Jugendlichen und die diesbezügliche Einstellung unserer Gesellschaft“ (Kinder der Zukunft, S. 150). Schön, aber – dann gebt doch bitte als Verfasser dieses „Buches“ folgende Autoren an: „Mary Boyd Higgins, Chester M. Raphael und Wilhelm Reich“!

Der letzte Absatz der Einführung (in Kinder der Zukunft, S. 151) lautet: „Die Entscheidung über die sexuellen Rechte der Jugend hat die Jugend selbst.“ Wenn ich das Manuskript richtig interpretiere, wollte Reich, daß das in „Blockquote“ gesetzt wird. Nichts davon in Children of the Future und Kinder der Zukunft. Viel später im Manuskript wird eine halbe Seite von Reichs maschinengeschriebenen Zusätzen einfach durchgestrichen, inklusive dem handschriftlichen Zusatz: „Aber das kann nur die Jugend selbst schaffen.“ – Der ganze Grundimpetus der Schrift wird unterdrückt, zumal fast durchweg durch „Kringel“ „kameradschaftlich“ durch „freundschaftlich“ ersetzt wird.

Gut, Passagen wie die, wo Reich die Jugendlichen auffordert sich „älteren Kameraden“ anzuvertrauen, stören heute:

Voraussetzung bleibt immer die Vernichtung der Geheimtuerei in der Gruppe oder Organisation. Jeder Junge und jedes Mädel müssen das sichere Gefühl bekommen, daß sie ruhig über ihre sexuellen Schwierigkeiten mit ihren Gruppengenossen sprechen können.

Aber wer gibt Raphael und Higgins das Recht, das in die Tonne zu treten?

Wer hat entschieden, das erste Kapitel von „Die sexuellen Rechte der Jugend“, Reichs Version eines „Sexualkundeunterrichts“, ganz zu streichen?

Was die Massen lernen müssen

4. März 2018

Alles hängt davon ab, ob oder ob nicht und wie schnell die gesamte Öffentlichkeit von der Einsicht in die Schädlichkeit von Panzerung durchdrungen wird. (Kinder der Zukunft, S. 66)

Das ist eine der wichtigsten Aussagen in Kinder der Zukunft, das erste Buch von Reich, das seit 20 Jahren in Deutschland erschienen ist. Wie Charles Konia immer und immer wieder hervorgehoben hat, ist es praktisch das einzige, was man im Moment auf Massenbasis konkret tun kann: die Massen müssen gewahr werden, daß Panzerung ein Faktor, nein, DER Faktor ist, der ihr Leben bestimmt.

Dies umfaßt drei Bereiche:

  1. Die Prävention, d.h. das Verhindern, daß sich Säuglinge, Kinder und Jugendliche überhaupt erst abpanzern. Das ist natürlich das Thema von Kinder der Zukunft.
  2. Das Gewahrwerden, daß „psychische“ (emotionale) und „psychosomatische“ (bioenergetische) Erkrankungen nicht auf biochemischen Ungleichgewichten im Körper beruhen, sondern auf Panzerung, will sagen, sie gehen letztendlich auf Panzerung zurück. Langfristig bedeutet dies einen radikalen Umbau unseres gesamten Gesundheitswesens.
  3. Unser soziales Leben, insbesondere aber die „Gesellschaftspolitik“ ist Ausdruck von Panzerung. „Politik“ reduziert sich dann weitgehend auf Psychopathologie (d.h. Emotionspathologie) und verliert damit ihre Macht über die Massen. Dies gilt insbesondere für Politik linker Provenienz, die nichts anderes ist als säkularisierte Religion. Es ist buchstäblich so, daß das „Seelenheil“ der Weltverbesserer von der – Weltverbesserung abhängt, d.h. keinerlei Verankerung im rationalen Leben (in dem, was Reich „Arbeitsdemokratie“ nannte) hat.

Es wird sich in dieser Welt nichts, NICHTS, zum Positiven hin verändern, solange die Menschen sich ihrer Panzerung und der Panzerung in ihren Mitmenschen nicht gewahr werden. Es ist wie in der individuellen Orgontherapie: nichts, wirklich NICHTS, geht voran, solange der Patient sich nicht seiner jeweiligen Panzerung, etwa im Brustsegment, gewahr wird. Das bedeutet natürlich nicht nur, daß man intellektuell „weiß“, daß man gepanzert ist (ein bloßes Jonglieren mit nicht klar definierten Begriffen), sondern daß man es fühlt, erfährt, in Kontakt mit der Panzerung tritt, sozusagen Kontakt mit der Kontaktlosigkeit aufnimmt. Das geht einher mit einem existentiellen Schmerz und dem Willen zur Veränderung. Im sozialen Bereich muß dieser Wille die Massen erfassen oder es gibt keinerlei Hoffnung dem Abgleiten in die Barbarei zu entgehen. Deshalb ist etwa das Buch Kinder der Zukunft von einer Bedeutung, die schlichtweg nicht überschätzt werden kann.

Die depressiven KINDER DER ZUKUNFT

24. Februar 2018

Auf der Heimatseite der Jungen Freiheit ist ein interessanter Artikel über die auffällige Depressivität der heutigen Studentengeneration erschienen. Die Erklärungsversuche bewegen sich im üblichen Freudistischen (gegen das Ich gekehrte Aggression) und Marxistischen (Entfremdung in der neoliberalen Welt) Erklärungsansätzen. Im Prinzip immer noch der gleiche Murx, mit dem Reich in den 1920er und 1930er Jahren konfrontiert war! Was wäre dann eine „Reichistische“ (bioenergetische) Erklärung dieses Phänomens?

Zunächst einmal: Was sollen eigentlich die Generationen des 30jährigen Krieges der Neuzeit (Erster und Zweiter Weltkrieg) und des Wiederaufbaus eines in jeder denkbaren Hinsicht hoffnungslos zerstörten Landes sagen?! „Überforderung“, „Leistungsdruck“, „Zukunftsangst“, „Existenzangst“? DASS ICH NICHT LACHE! Den wahren Grund des modernen Jammerns findet sich in einem Faktor, den niemand berücksichtigt, obwohl er jedem ins Auge springen sollte: die antiautoritäre Gesellschaft.

Was die Kindererziehung betrifft geht sie mit zweierlei her: 1.) eine Entfremdung zwischen Kind und Eltern, die, frei nach Fritz Perls, sich selbst entfalten wollen; und 2.) auf dem Insistieren, daß sich ihrerseits die Kinder frei entfalten sollen: frei von allen Gefahren und Herausforderungen. Ergebnis sind überängstliche und gleichzeitig arrogant altkluge Jugendliche, denen es an Urvertrauen („Substanz“) mangelt und die nie dem rauhen Wind der Wirklichkeit ausgesetzt waren, der ihre hehren Vorstellungen und Illusionen sofort zerfetzen würde. Kontaktlose Kreaturen, die in einer kontaktlosen Welt aufgewachsen sind. Kein Wunder, daß sie mit dem Beginn des Erwachsenseins deprimäßig abkacken!

Würde man uns Ältere in der abgelegensten Wildnis Sibiriens aussetzen: Nichts kann das Urvertrauen erschüttern, das uns unsere Mütter mit auf dem Weg gegeben haben. Den Widerstand eines kalten und vollkommen gleichgültigen Universums gewöhnt, würden wir Verantwortung übernehmen und uns zunächst einen Unterstand für die Nacht herrichten und überlegen, wie wir an Wasser, Nahrung und Feuer kommen können. Die heutigen Memmen würden – um Hilfe rufen und hemmungslos flennen, bis irgendein Wolfsrudel oder ein hungriger Bär sie aus ihrer Agonie befreit.