Nehmen wir mal an, du hast ein etwas umfassenderes Krankheitsbild. Also keinen gebrochenen Finger, keine gewöhnliche Grippe oder so etwas, sondern etwas, was nie richtig auskuriert wird und dich zum Dauergast in den Wartezimmern diverser Fachärzte macht, die mit ihrem Latein am Ende sind. Da gibt es prinzipiell drei möglich Annäherungen an deine Gesundheitsprobleme:
Erstens haben wir die heutige Medizin. Du hast ein Magengeschwür? Heute wissen wir, daß das bestimmte Krankheitserreger auslösen, die man gezielt mit speziellen Antibiotika bekämpfen kann. Problem gelöst. Prinzipiell ist das wie beim Auto oder bei irgendeinem Küchengerät: irgendwelche kaputten Module werden ausgetauscht und die Maschine läuft wieder rund. So in allem, selbst bei denkbar komplexen Erkrankungen wie Prostatakrebs oder einer schweren bipolaren Störung. Man muß nur lange genug suchen!
Zweitens gibt es das, was dieser mechanistischen Medizin vorangegangen ist. Ein Weltbild, das sich am klarsten in der klassischen griechischen Philosophie findet. Wenn es dir schlecht geht, dann liegt das daran, daß du DEIN LEBEN verfehlst. Du leidest beispielsweise nicht unter „Depressionen“, sondern alles in deinem Leben schreit nach Veränderung, beruflich, familiär, „spirituell“. Diese Annäherungsweise hat der Outdoor Illner perfekt formuliert:
Die dritte Annäherung ist die Reichs. Sein Kozept der „Biopathie“ faßt unterschiedlichste psychische und somatische Symptome zu einer sinnvollen Einheit zusammen, ohne die Arbeit der mechanistischen Mediziner negieren zu wollen. Reich sieht den Menschen in seinem sozialen und „kosmischen“ Zusammenhang, in dem wirkliche Heilung erst möglich ist, doch macht er dies auf eine nicht mystische oder gar moralistische Weise und redet nicht von der „Lebensaufgabe“, die angeblich verfehlt wurde, oder von „kosmischen Hierarchien“, in die man sich einzufügen habe, um inneren Frieden zu finden und zu gesunden.
Das heißt aber EXPLIZIT nicht, daß man bei eindeutigen und einfachen Diagnosen nicht der modernen Medizin vertrauen sollte. Wer nicht sieht, daß sie lebensrettende Wunder wirken kann, ist ein gemeingefährlicher Sektierer! Ähnlich ist es mit dem im weitesten Sinne „mystischen“ Rat „weiser Männer“ bestellt. Es kann durchaus sein, daß deine einzige Rettung ist, daß du alles fahrenläßt und Mönch in einem Kloster wirst oder in eine Blockhütte in die Wildnis Alaskas ziehst, um von der Jagd, dem Fallenstellen und dem Pilz- und Beerensammeln zu leben, weil es, frei nach Adorno, kein Gutes im PRINZIPIELL Schlechten gibt.
Die Schulpsychiatrie stellt Trump als perfektes Beispiel der „narzißtischen Persönlichkeitsstörung“ hin (die u.a. zu Depressionen neigen kann), für die Orgonomie ist Trump ein „oral unbefriedigter phallisch-narzißtischer Charakter“, d.h. ein Phallischer Narzißt mit einer oralen Blockierung aufgrund von Nichtbefriedigung. Er ist ein Mensch mit einer schwerwiegenden Blockierung der oralen Libido. Zwar konnte er trotzdem eine frühe Ausprägung der Genitalität erreichen, den phallischen Narzißmus, doch wird diese von unbefriedigten oralen Strebungen überlagert. Beide Diagnosen, die gängige und die orgonomische, gehen auf Reichs Arbeit zurück, die erstere modifiziert in den 1960er Jahren durch Otto F. Kernberg und Heinz Kohut, die letztere zur gleichen Zeit durch Elsworth F. Baker.
Der Unterschied ist, daß die gängige Diagnostik rein deskriptiv ist, sowie zu allgemein und gleichzeitig zu spezifisch. Was verlorenging war eine Betrachtung von der Libido her, in diesem Fall die phallische und die orale Libido. Das führt dazu, daß willkürlich alles „selbstbewußte Verhalten“ als „narzißtisch“ pathologisiert werden kann und gleichzeitig nur sehr starke Ausprägungen von Narzißmus überhaupt diagnostiziert werden. Man muß schon schrille Symptome zeigen, um die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung zu erhalten. Die Diagnose wird von den Symptomen abhängig und verliert dadurch jeden therapeutischen Wert, da derjenige, der nicht auffällig ist, als „gesund“ eingeschätzt wird – und Gesunde als pathologisch. Eine bio-psychiatrische Diagnostik im Sinne Reichs hingegen sagt zukünftiges Verhalten voraus, da sie die Psychodynamik erfaßt, während die gängige Diagnostik nur eine statische und denkbar oberflächliche Klassifikation darstellt und kein Kriterium für Gesundheit hat.
Man betrachte eine beliebige „Tunte“ mit ihrem affektierten Manierismen, identifiziere sich mit ihr und verhalte sich genau wie sie. Unmittelbar wird man die „klebrige“ anale Abwehr gegen das bedrohliche („kastrierende“) Phallische spüren. Sodann übertreibe man das gängige männliche Verhalten, „zackig“, dominant und aggressiv. Man wird unmittelbar spüren, was „Abwehr der analen Unterwerfung“ bedeutet. Bei Menschen wie Trump wird diese phallische Position, die ständig mit entsprechendem großspurigem Auftreten aufrechterhalten werden muß, von oralen Strebungen überlagert. Wurden diese in der libidinösen Entwicklung unterdrückt, entwickelt sich ein chronisch depressiver Zug mit einer entsprechenden asketischen und buchstäblich „maulfaulen“ Grundhaltung. Kam es zu einer nur teilweisen Unterdrückung, entwickelt sich eine „manisch-depressive“ Symptomatik mit einer Tendenz zu Suchtverhalten und einem „haltlosen Mundwerk“. Das Suchtverhalten hat Trump zeitlebens mit strenger Disziplin und einem schier unmenschlichen Arbeitspensum stets unter Kontrolle gehalten. Aber unbedachte Äußerungen und ein Hang zu unüberlegten Handlungen hätten ihm beinahe seine Präsidentschaft gekostet. Die ungenügende orale Panzerung kann, wenn sie plötzlich nachgibt, zur sporadischen Überflutung des okularen Segments mit Energie und entsprechend irrationalem Verhalten führen („Manie“).
Die gängige Diagnostik („narzißtische Persönlichkeitsstörung“) ist abstrakt und kaum mehr als eine Denunziation. Die auf der Libidotheorie gründende Diagnostik ist unmittelbar nachvollziehbar und praktikabel: man weiß unmittelbar, wo es bei Trump problematisch wird. Es dreht sich alles um die brüchige Männlichkeit des Phallischen Narzißten und um Sprunghaftigkeit aufgrund einer oralen Panzerung, in der die Nichtbefriedigung des Säuglings bis heute fortwirkt.